Zweites Blatt
(Siebener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe
Seite 9
Wie die Jeitung entsteht.
Es ist ein ganz eigenes Ding um so eine Zeitung, üic man gedankenlos auf der Straße kauft, in der 'Tram überfliegt und die jeden Tag zur selben *6tunbe auf den Tisch flattert. Sie ist eine Selbstverständlichkeit wie das Mittagessen und ein geheimes Rührmichnichtan wie das Theater: Vom Zuschauerraum aus kennen sie alle, durch den 'Bühneneingang gehen nur wenige und ihr innerer 'Betrieb steckt voll von einer gewissen Romantik, die täglich neu und täglich wechselnd ein Gebiet von tausend Möglichkeiten und tausend Geheimnissen ist.
Es ist anstrengend, zermürbend, aufreibend, widerwärtig, Tag für Tag die immer neuen Wechselfälle des Tages zu registrieren, neben dem Großen das Kleine, neben dem Bedeutenden das Minderwertige, neben dem Erhebenden das Niedrige, neben dem Schönen das häßliche in unmittelbarer Nachbarschaft zu sehen und zu gestalten.
Es ist herrlich, beglückend, rouschhaft schön, immer unb jeden Augenblick mitten im tollsten Wirbel des -Sebensftromes zu stehen, umbrandet von den un- «ndlichen Wellen des vielgestaltigen Schicksals, das Tausenden das Gleiche ist und doch verschieden scheint, bas in riesiger Branbung anstürmt unb in flachen Wellen zurückebbt, je nachdem der Sturm ler Ereignisse Menschen und Schicksale treibt. Denn »ichts gibt es im Leben, das nicht irgendwie und -wann in der Zeitung feinen Widerhall findet, mag r) nun der Leser gedruckt sehen ober mag es in dem Hapierkorb der Redaktionen ein stilles Ende finden.
Gehen wir zusammen durch den Betrieb!
Die Morgenpost bringt einen riesigen Stoß Zeitungen unb Briese, Drucksachen unb Tele- Gramme. In wenigen Minuten ist Ordnung in dem Wirrwarr geschaffen. Ein Teil mit den politischen Tageszeitungen und dem Telegrammaterial der «rohen Depeschenbureaus geht in die politische Redaktion, ein zweiter mit Briefen aus allen Teilen der Provinz geht an die Prooinzredaktion, die auch die große Menge der kleineren Lokalblätter aus der Provinz erhält. Die Lokalredaktion bekommt neben den Zeitungen am gleichen Orte die Postsachen von Vereinen, Behörden, Verbänden, Geschäfts
leuten unb Privatpersonen, soweit sie in bas Gebiet allgemeiner Sntercffen fallen, ber Handelsredakteur erhält sein Börsenmaterial und die wichtigsten politischen unb Handelszeitungen, beim Sport ist es das Gleiche auf anderem Gebiet und der Feuilletonist findet in den Postsachen außer den laufend abonnierten Korrespondenzen bas gesamte zur Besprechung eingehende Büchermaterial von den Verlagen, um es an die sachverständigen Mitarbeiter ober Ressortkollegen weiterzuleiten. Dazu kommen die zahllosen Briefe mit Gedichten und Geschichten, parfümiert unb gefüttert, mit steiler Damenhand- schrift ober ungelenker Jünglingsfeber, die die Zeitung zum Sprungbrett ihrer Dichterlaufbahn (wie sie meinen) zu machen hoffen.
In diesen Wust von Papier stürzt sich all- morgendlich die Redaktion. Schnell füllen sich die Papierkörbe, langsam die Manuskriptkästen, in denen das druckfcrtig gemachte Material für den Boten ber Setzerei bereit liegt. Inzwischen kommen bei der Telephonzentrale die Anrufe aus Berlin, Frankfurt unb den anderen Zentren des politischen Lebens, aus den Landeshauptstädten wie aus der Provinz und der Stadt, und immer neues Nach- richtenmaterial strömt ununterbrochen auf die Redaktionstische, nachdem es über das Stenogramm des Telephonisten durch die Schreibmaschine gegangen ist. Der Rundfunk gibt allstündlich auf der feststehenden Welle seine Berichte, örtliche Mitarbeiter bringen die Versammlungsreferate vom Abend des Vortages, die Polizei schickt ihre Angaben über die Kriminalfälle ber Woche, vom Marktplatz fliegt die Preistobelle, vom Standesamt eine Einwohnerstatistik auf die Pulle, Musik- und Theaterkritiken finden ihren Weg in die Zimmer, Gerichtsberichte heischen Aufnahme, Sportnachrichten fordern in letzter Stunde als letzte Neuigkeit ihren Platz — und in all dem tollen Ansturm der Dinge sitzen an ihren Tischen die Redakteure und schreiben mit fliegender Feder ihre eigenen Artikel zu den wichtigsten Fragen des Tages, ständig unterbrochen durch die- Klingel des Telephons oder die Frage des Auskunft heischenden, der gerade im oft un- günstigsten Augenblick die schwerstwiegenden Dinge zur Sprache bringt, ständig gewärtig eines neuen Ereignisses, ständig oorausbisponierenb mit Zeit unb Platz, ftänbig aber bereit, alles sorgsam unb
Hungen.
Ei
•was?/.'
Alte Gießener Flur- und Straßennamen.
Don Professor Dr. Karl Ebel, Direktor ber Universitätsbibliothek in Gießen.' Wer mit bem Stabtplan in ber Hanb eine fremde Stadt durchwandert und aufmerksamen Auges die Straßenschilder sucht, dem werden oft unlösbare Rätsel aufgegeben, wenn er sich unter den Namen, die daraus stehen, etwas denken will. Zwar eine Goethe-, Bismarck-, Bahnhofstraße findet er überall, und er weiß, was der Name besagen soll. Er kann auch verstehen, daß man mit der Meyerstraße eine Lokalberühmtheit ehren will, und daß die Leipziger Straße nicht nach Frankfurt führt. Aber, was soll er mit einer „Blauwolkengasse", einer „Zeil", mit „Arn Grün" anfangen? Und doch steckt gerade in diesen unverständlichen Bezeichnungen, an denen der Einheimische meist achtlos und gedankenlos vor- übergeht, ein Stück (Eigenart der Stadt, ein Stück ihrer Geschichte, das dem Kundigen manches zu sagen weiß Dasselbe gilt von den Flurnamen, die der Ackerbürger braucht und gebraucht, um sich in der Feldmark zurdchtzufindcn. Aber wieviel ist an beiden gesündigt worden! Gemeinderäte und Geometer haben miteinander gewetteifert, die schönen allen Namen so zu entstellen, daß es wissenschaftlicher Forschung bedarf, sie in ihrer ursprünglichen Bedeutung zu erkennen. Oder sie haben sie gänzlich beseitigt zugunsten nichtssagender Bezeichnungen. Es ist hier gegangen wie mit den alten Häusern, die man abgerissen hat, um an ihre Stelle „der Neuzeit entsprechend" geschmacklose andere zu bauen, nachdem man die „krumme Gasse" verbreitert und geradegelegt, sie zur „Straße" gemacht und „Licht und Luft geschaffen" hat. Es soll hier wahrlich nicht zugunsten überlebter Zustände gegen bas gute Neue, gegen den wirklichen Fortschritt gewettert werden, aber ver- langt werden muß Ehrfurcht vor dem überkommenen Gut aus der Väter Zeiten, in dem so unendlich viele erzieherische unb Gefühlswerte stecken.
Die alten Flur- und Straßennamen sind solches Gut. Unsere heimische Stadtverwaltung hat in den letzten zehn Jahren mit Erfolg an ihrer Erhaltung gearbeitet. Die Feldbereinigung, anderwärts ber größte Feind der Flurnamen, hat in unserer Gemarkung nicht einen einzigen beseitigt, und wenn in ber Stadt eine neue Straße zu benennen war, hat die Stadtverwaltung zuerst gefragt, ob an dieser Stelle nicht ein alter Namen haste, der erhalten werden müsse. Dieses Verständnis ist hocherfreulich imb wird seine Früchte tragen. Möge man jetzt auch roch einen Schritt weiter gehen und alte Namen, die entstellt oder ganz beseitigt worden sind, wiederherstellen! Die Mühe ist gering, unb kosten wirb es nur ein paar neue Straßenschilder.
Flurnamen unb Straßennamen finb als topo- oraphische Benennungen gleichartigen Ursprungs: sie können deshalb unter einheitlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Mit ber Bedeutung, die ben alten Flurnamen gleich den Ortsnamen für die Erforschung der Urgeschichte unseres Landes, feiner Besiedlung durch verschiedene Völker zukommt, wollen wir uns hier nicht beschäftigen: dazu würden etnmologifd)e Erklärungsversuche gehören, die den Philologen überlassen bleiben müssen. Wohl aber dürfen wir aus ihnen Schlüsse ziehen auf die Beschaffenheit des Bodens und feine Kultur, auf feine Nutzung, auf die Anlagen, die sich auf ihm befanden,
auf Besitz- ynb Rechtsverhältnisse u. v. a. Im ganzen geben sie uns ein Bild der Gemarkung und ihrer Entwicklung. Um sie richtig zu verstehen, muß man ihre älteste unb ihre mundartliche Form kennen, beide kommen einander am nächsten. Erst als die Tätigkeit der Geometer begann, gingen die mund-
Besitz-, Rechts- und kirchliche Verhältnisse, Beschäs- tigungen der Bewohner, bauliche Anlagen u. ä., die die Namengebung veranlaßt haben. Stets aber ist ber Name nicht wie heute gesucht unb von der Behörde beschlossen worden, sondern unmittelbar im Dolksmund entstanden.
Der Pressechef der Reichsregierung, Herr Ministerialdirektor Dr. Riep.
Empfangen Sie zur Feier des hundertfünfundsiebzigjährigen Bestehens des Gießener Anzeigers die herzlichsten Glückwünsche. Möge Ihnen auch in Zukunft ein erfolgreiches Wirken im Dienst an Volk und Vaterland beschieden sein, die heute mehr denn je der aufbauenden Arbeit der Presse bedürfen.
Der Provinzialdirektor der Provinz Oberhessen, Herr Graef.
Je größer die wirtschaftliche Not unseres Volkes ist, um so größer wird die Bedeutung und der Einfluß der Presse. Da ein erheblicher Teil des deutschen Volkes sich auf allen Gebieten große Einschränkungen auferlegen muß, ist die Presse für Viele die einzige Bildungsquclle. Die Presse wird damit zum Nachrichten- und Kulturmittelpunkt vieler Menschen. Eine sich ihrer Verantwortung bewußte Presse darf diese Gesichtspunkte niemals aus dem Auge lassen, wenn sie an die Lösung der ihr gestellten Aufgaben herantritt.
Je stärker der Zerselzungsprozeß der politischen Parteien fortschreitet, um so größer muß bei der Presse das Suchen nach der Wahrheit sein. Die Verantwortung der Presse war wohl niemals größer als jetzt, wo so weittragende Fragen innen- und außenpolitischer Art zur Entscheidung stehen. Wohl niemals stärker als im Weltkrieg hat sich gezeigt, daß die Presse die öffentliche Meinung formt — zur Wahrheit und zur Lüge -.
Möchte die deutsche Presse gegen die in einem Teil der Auslandspresse immer noch auftretende Lüge Front machen und „den unzerstörbaren und unveräußerlichen Lebensrechten des deutschen Volkes Gehör und Achtung verschaffen“.
Ich bin überzeugt, daß der Gießener Anzeiger seiner Aufgabe auf dem Gebiete der Volksbildung, der Erforschung der Wahrheit und der Wahrung deutscher Interessen jederzeit gereiht wird.
artliche unb bie geschriebene Form auseinander, da der Kartenzeichner den ihm oft unverständlichen Namen ins Hochdeutsche zu übersetzen versuchte. Aber auch im Volksmund wandelte sich ein Name: seine alte Bedeutung wurde nicht mehr verstanden und er durch einen neuen verdrängt, besonders wenn die Grundlage, auf der er beruhte, weggefallen war, z. B. bei Besitzwechsel.
In den alten Gassennamen haben wir teilweise noch die Flurnamen selbst. Häufiger jedoch sind es
Sehr viele Flur- und Straßennamen bieten der Deutung unüberwindlich scheinende Schwierigkeiten, ihr Sinn bleibt uns verborgen, bis ein glücklicher Fund plötzlich jeden Zweifel löst. Die Erklärungsversuche, bie ich im folgenden gebe, beruhen auf einem im Januar 1903 gehaltenen Vortrag, in dem ich bereits Berichtigungen zu meiner kurz vorher in den Hessischen Blättern für Volkskunde erschienenen Arbeit durch neu aufgefundenes Material beibringen konnte.
Begeben wir uns zunächst einmal in die Feld- flur, um zu hören, was uns einige ihrer N amen zu sagen haben. Da gibt es eine ganze Anzahl, bie uns die Beschaffenheit des Bodens oder feine natürlichen Kennzeichen melden. Die sumpfige Lage bezeichnet im Norden der Stadt die „Schwarzlach" (1484: Swartzelache) und der „Edergraben", nach dem die Ederstraße benannt ist. Die letztere führt ebensowenig nach der Eder wie die Weserstraße nach der Weser, die ihre Ehrung nur einem Mißverständnis verdankt. „In der Pfütze am Iunkeracker" ist ein sumpfiger Fleck um den Flutgraben am Schnitt- punkt der Heuchelheimer Straße mit der Gemarkungsgrenze. „Auf das Bruch" gelangen wir da, wo der „Bruchgraben" oder Klingelbach dem Nahrungs- berg am nächsten kommt. An dem Zusammenfluß zweier Flüsse spielt Wasser eine besondere Rotte, daher haben wir die Namen „Hamm" und „Sand" zweimal in der Gemarkung, von denen der erstere schon im 15. Jahrhundert, der zweite noch früher belegt ist. Beide kommen an der Lahn und an der Wieseck vor, sie bedeuten Flußufer. Andere, ebenfalls schon im 15. Jahrhundert oorkommende (Erinnerungen an Wasser, sind ber „Waldbrunnen", der „Ceyäserborn" und die „Wolfsfurt", die ihren Namen wohl von den Wölfen führt. In den Wäldern des Dünsbergs fanden sich diese gefährlichen Raubtiere noch im 17. Iahryundert in großer Zahl: in strengen Wintern, vom Hunger getrieben, mögen sie ost bie Lahn burchschritten haben.
„Schwarzacker" und „Weißerde" zeigen die Färbung des Bodens an. Die Weißerde ist der Tonboden, aus dem heute die Gailschen Tonfabriken ihr Material beziehen. Am Rande dieses Gemar- fungsteiles läuft der „Aulweg", im Mittelalter „ulnroeg" genannt. Die Bezeichnungen Aulöfen und UUner für Töpferofen und Töpfer waren in der Wetterau üblich, in einer Gießener Urkunde vom Jahre 1393 erscheint ein Cuntze Ulner, unb hundert Jahre später ein Henchen Ulner. Der Aulweg ist daher der Weg, den die Töpfer gingen, wenn sie den Ton, die „weiße Erde", zur Herstellung ihrer Waren holen wollten. Analog erklärt Karl Weigand den Ortsnamen Ulfa als das Flüßchen, an dem Töpfe gemacht werden.
Die Bodenbeschaffenheft gibt auch der ,Hardt" ihren Namen, eine in Deutschland weit verbreitete Bezeichnung für festen, steinigen Boden. Trockenen, rissigen („lechen") Grund hat die .Lichtcnau". Ihr richtiger Name, wie ihn z. B. der Wiesecker aus- spricht, ist „Lechenau", 1347: kechinauwe; die heutige Form ist erst im 17. Jahrhundert ausgekommen. Die 1375 und später vorkommende leichinauwe hat zu der Annahme geführt, daß am Rodberg, wo sie liegt, ein Kamps stattgefunden (jabe, und da dort auch das „Römersloch" zu finden ist, so war man sicher, daß es sich um eine Schlacht zwischen Römern und Chatten handeln müsse. Leider ist die Erklärung viel harmloser, denn „loch" ist „lohe" und bedeutet Wald, Gehölz, das in diesem Falle sich im Besitz eines Gießener Bürgers namens Römer befand. Daß der Wald einst viel näher an die Stadt herangetreten ist, sehen wir aus den zahlreichen Namen, die auf Rodungen Hinweisen. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung mußte Ackerboden gewonnen, der Wald geschlagen werden. Eine ber ältesten Rodungen ist vielleicht der „Rodberg", an dem auch das alte Achstatt lag, er hieß ehedem kurzweg „auf dem Rodt". Andere gleichartige Namen sind „bie Rodgärten", die „Rodhohl" (an der Wil- helmstraße), das „Eichenrott" (15. Jahrhundert),
genau Vorbereitete ebenso schnell wieder umzustoßen und neu aufzubauen:
Der Herr des Tages — ber er am Abend er- scheint— ist am Morgen ber Sklave ber Sekunde.
Das Tempo der Arbeit wächst mit den Stunden des Vormittags, bis die zweite und dritte Post herein ist, und bie Spannung unb Intensität nimmt zu, je weiter die Zeitung ihrer Vollendung entgegen- geht. Der Kampf mit d e n Z e i l e n , der anfangs vom Redaktionstisch aus geführt wurde, wird jetzt in ber Setzerei ausgetragen, wo am breiten Tisch das Heer ber bleiernen Zeilen des Befehlshabers harrt. In Tausenden von kleinen Gießformen (Matritzen), die klappernd durch die Setzmaschinen fielen, ist bas flüssige Blei zu fester Form erstarrt, und was als „Manuskript" in den Setzmaschinensaal hineinkam, verläßt ihn als gegossener „Satz". Die handgesetzten Ueberschristszeilen schieben sich zwischen die gleichförmig dahinkriechenden Blei- schlongen, Leben und Abwechslung hineinbringend unb Artikel von Artikel trennend. Langsam gewinnt der Stoff eine Form. Zwei- unb dreispaltige lieber* schristszeilen raffen einen größeren Komplex zusammen, geben ihm Farbe und schweißen ihn fest in die Gedankenkette des Inhalts.
In großen eisernen Rahmen werden bie Seiten „umbräche n". Immer wieder und noch tobt ber Kamps mit ben Zeilen. Keine zuviel und keine zu wenig. Bis sich das Bild rundet und die geschlossene Seite durch den Auszug in die Stereotypie geht.
Währenddessen ist der gesamte Inhalt ber Zeitung auf „Fahnen" ober „Bürstenabzügen" im Korrektorenraum gelesen, auf Fehler burch- gesehen und in allen Einzelheiten korrigiert worden. Fehlerhafte Zeilen sind zum zweiten Male gesetzt ober gegossen und in dem nun fast schon fertigen Spiegelbild ber Zeitung ausgetauscht worben.
Immer mehr nähert sich die Zeitung ihrer Vollendung. Der handgesetzte Anzeigenteil geht durch andere Hände schließlich denselben Weg zur Stereotypie. Hier wird unter ungeheurem Druck von vielen Atmosphären (80—100) das Satzbild Seite um Seite in vorbereitete papierne Matern eingepreßt, die, biegsam, jetzt die halbzylin» brische Form annehmen, bie auf ber Rotations
maschine für bie in Hartblei gegossenen Platten not- wendig wird. Das gußfertige Blei ergießt sich, durch Hebeldruck und Kolbenhub ausgelöst, in die mit der „Mater" ausgelegte Form, erstarrt im Augenblick, läuft, durch eiserne Feilen und Messer millimeter- genau hergerichtet, durch den Wasserkühler und geht so in seiner endgültigen Form zur großen Rotationsmaschine. Ein System von Walzen faßt hier das breite Papierband, führt es durch die Maschine, vorbei an den farbentragenden Platten, bie in ftänbiger, rafenber Umdrehung mit Hilfe des Druckzylinders die kilometerlange weiße Fläche schwarz bedrucken, jagen es über glatte Flächen, durch Trommeln mit schneidenden Messern und salzenden Vorrichtungen, bis endlich der Weg frei wird und die fertige Zeitung mit sechs, acht, zwölf, sechzehn, zweiunddreißig und mehr Seiten Stück für Stück sich auf dem Laufband herausschiebt. Dann rückt ber Maschinenmeister den Schalthebel auf vollen Lauf, und das dumpfe Donnern und Poltern der Maschine geht über zum tiefsten Baß, langanhaltend und schwer. Der Raum erzittert vom Rhythmus der Arbeit. Nur durch Zeichen mehr ist eine Verständigung möglich.
Draußen aber in ber Abfertigung warten schon eilige Hände, die Zeitungsstöße in (Empfang zu nehmen, nach Orten der Provinz zu verteilen und gebündelt in die Säcke zu schieben, die bann im Auto ober Wagen zur Bahn gebracht werden.
So fliegt die Kunde von dem Geschehen des Tages in alle Winde, bie Stadt horcht auf unb bie Straßen und die Dörfer. Vieltaufendfach vermehrt wirkt draußen bas Wort, bas im hellen Lichtkegel ber Schreibtifchlampe ber bunklen Feder entfloß, hunderttausend Augen fliegen darüber hin und denken noch einmal, was im Wettlauf mit den Minuten zwischen einem Telephongespräch und einem Ge- schäftsbrief schon einmal gedacht wurde, an Schreibpulten, Familientischen und Aushängetafeln, in Bureaus, Lesezimmern und Kaffeehäusern, während sich indessen das Rad des Tages weiterdreht und unablässig in seinem Gang verfolgt wird von den Redaktionen, auf daß morgen und übermorgen unb wieder morgen und Tag für Tag feine Spuren fest- gehalten werden:
Am Tage für den Tag in nie endenwollendem Lauf. . ;


