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Gießener Anzeiger . Jubilaums-Ausgabe

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terbu ch zu nennen, das auch unser Oberhesten um» saßt. 3n Marburo, wo der Stoff für dieses Werk gesammelt und bearbeitet wird, hat man viele Wörter in ihrer Verbreitung kartenmäßig dar» gestellt. Den beiden genannten Marburger Unter» nehrnungen, dem Sprachatlas des Deutschen Reiches und dem Hesten-Nastauifchen Wörterbuch, verdanke ich die meisten Unterlagen für die folgenden Aus­führungen: Herrn Professor Wrede und seinen Mitarbeitern sage ich hierfür meinen besten Dank.

Ich will im Folgenden einige Haupteigentümlich, keilen unseres Mundartengebietes besprechen, um damit einerseits das durch die gleiche heimische Sprache verbundene Gebiet gegen anoere benach­barte abzugrenzen, und um andererseits innerhalb des so umzirkelten Stückes, dem Oberhessischen, wieder kleinere Unterabteilungen herauszuheven. Denn es ist ja eine bekannte Tatsache, daß schon Äzwei Dörfern, die einander eng benach- ), mehr ober weniger erhebliche Unterschiede bestehen. Daß diese vielfach auch dem nicht dafür Geschulten auffallen, geht schon aus der erstaun- lich reichen Fülle von Reck- und Spottoerschen her­vor, mit denen sich die Bewohner des einen Dorfes über abweichende Formen oder Artikulationsweisen ihrer Nachbardörfer lustig machen. Ja, diese Unter-

später nach Aufkommen der wichtigen Wistenschaft von der Laut Physiologie das Hauptaugen­merk auf die genaueste Erfassung der einzelnen Laute und Formen einer Einzelmundort und ihre Hervorbringung mit den Sprechwerkzeugen ge­richtet war eine Tatsache, die es mit sich brachte, daß nur noch sehr eng begrenzte Mundarten- gebiete, meist nur einzelne Orte untersucht werden konnten legt die Dialektgeographie den Hauptnachdruck auf die Betrachtung der räumlichen Verbreitung gewisser mundartlicher Erscheinungen und stellt diese dann kartenmäßig dar. Man ge­winnt auf diefe Weise Grenzen von größerer oder geringerer Schärfe und Stärke, die zu einer Ein­teilung und Gliederung der Mundarten führen, man gewinnt vor allem aber auch wichtige gründ- süßliche Erkenntnisse über das Sprachleben, wie die von Dialektmischung und -ausgleich, vom Wandern

_ Die vier Tore der Festung lagen ein ziemliches Stuck hinter den heutigen Torhauschen, die am Äußersten Ende der ehemaligen Torbastionen nach Schleifung der Werke erbaut wurden. So hat das oelterstor an der Wolkengasse gestanden, das Neu- städter am Oswaldsgarten. das Walltor etwa am Oppenheimerschen Haus und das Neuenweger Tor am Gebäude der Darmstädter Bank. Alle mit Aus­nahme des Walltors hatten schöne Türme, wie sie uns die Bilder von Dilich und Merian überein­stimmend zeigen. Zusammen mit der alten Stadt- pforte von 1325, dem Stadtkirchturm und der Stern­warte des in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts abgerissenen Unioerfitätsgcbäubes am Branb, verliehen biefe Türme unserem Stadt- bild einstmals ein ganz anberes Aussehen, als es bie Ansichten aus bet späteren Zeit bieten. Nichts ver­mag ben Anblick einer Stabt mehr zu beleben unb feine Schönheit mehr zu heben als Türme unb Wasser. Ein banausisches Zeitalter hat sich ver­schworen, unjere Stabt beiber zu berauben. Wäre es anbers, wieviel schöner unb erhebenber wäre ein Gang durch das historische Gießen.

schäft aus über 44 000 Orten Deutschlands die mundartliche Form von 40 kleinen Sätzen ver­schaffte, die die wichtigsten Erscheinungen der Laut- nnd Formenlehre enthalten. Die Entsprechungen der einzelnen Erscheinungen in den verschiedenen Mundarten begann er auf Karten zu übertragen unb legte bamit ben Grunbstein zu bem Sprach­atlas bes beutschen Reiches, ber heute in Mar­burg in einem eigenen Institut schon viele hun- bert Karten umfaßt unb zur wichtigsten Grunb- lage für bie neuere Mundartenforschung geworben ist. Aber auch ber Wortgeographie, bie leiber in Wenkers Sätzen zu kurz gekommen war, wirb neuerbings in Deutschlanb Beachtung geschenkt; bie im Entstehen begriffenen Wörterbücher ber Mund- arten legen befonberen Wert auf bie Aufhellung ber Verbreitung ber Wörter, unb hier ist mit in erster Linie bas Hessen-Nassauische Wör-

Die oberhessischen Mundarten. Von Dr. Friebrich Maurer, Privatbozent an ber Universität Gießen.

Es ist ein erfreuliches Zeichen, baß eine Zeitung zur Feier ihres Geburtstages neben anberen Fragen, bie sich auf ihren Wirkungskreis beziehen, auch bie Tiunbarten ber Heimat kurz bargefteUt zu sehen wünscht. Es ist hoffentlich doch ein Beweis bafür, baß man jetzt in weiteren Kreisen bie Erkenntnis voraussetzen barf, baß bie Mund- arten große Werte in sich schließen; Werte in vaterlänbischer Hinsicht, nämlich insofern, als bie Beschäftigung mit ihnen bie Liebe zur Heimat, zum heimischen Wesen unb seinem Ausbruck weckt unb vertieft; vor allem auch Werte in wissenschaftlicher Richtung, ba ja bie Ttunbart als einzige wirklich lebenbige Sprache in unersetzlicher unb unübertreff­licher Klarheit ber Sprachwissenschaft sowohl im allgemeinen wie auch ber Germanistik im be° fonberen wertvolle Erkenntnisse vom Werben unb Wesen ber Sprache überhaupt unb ber beutschen Sprache im befonberen verschafft. Diese Erkenntnis ist noch gar nicht so sehr alt nicht über ben Anfang bes vorigen Jahrhunderts kommen wir zurück, wenn wir uns nach wissenschaftlichen Bearbeitern ber Mundarten umsehen, und erst in den letzten 50 Jahren hat umfassendere Tätigkeit auf diesem Gebiete eingesetzt Das ist aber um so bedauerlicher, als gerade in den letzten Jahrzehnten mit der fort- schreitenden Kultur, mit der Entwicklung bes Ver­kehrs bie Tiunbarten immermehr zurückgebrängt unb in ihrem Bestaube geschwächt werben. Die brei großen Kulturoerbreiter Schule, Kirche unb Presse, bie bis in bas kleinste Dorf ihren Weg nehmen, bringen unoermeibliche Beeinflussung ber heimischen Sprache burch bie Sprache ber Kultur, bie Hoch­sprache, mit sich; unb bie staubig zunehmeuben Möglichkeiten bes Verkehrs unb ber bamit fort­gesetzt fteigenbe Verkehr selbst führen auf ber anberen Seite zur Ausmerzung befonberer Thmb« arteigentümlichkeiten, zur Anpassung an bie Sprache der anderen.

So war oder ist es dringend geboten, schleunigst zu retten, was noch zu retten ist. Auch für Ober- Hessen ist eine ganze Anzahl von Tiunbartarbeiten entstauben, fast alle als Gießener Dissertationen auf Anregung von Geheimerat O Behaghel. Aber eine Gesamtbarstellung ber Oberhessischen Tlunb- arten fehlt noch; bie von H. Reis in seinen Tiunbarten bes Großherzogtums Hessen" (1910) gegebene, reicht nicht aus. Außerbem fehlt meistens (außer in ben Arbeiten von G. Faber über bie Tiunbarten am Pfahlgraben, von P. Dreiling über bie Mundart um Butzbach, H. Heidt über 5le Mundarten des Kreises Alsfeld) eine Betrachtung nach der neuesten Art ber Muubartforschuug, es fehlt die Dialektgeographie.

lieber die dialektgeographische Arbeitsweise muh ich zunächst einige Bemerkungen voraus- schicken. Während man in den Anfängen ber Mund­artforschung die Sprache der Mundart betrachtete, wie man es etwa von der grammatischen Behandlung des Lateinischen oder einer anderen Fremdsprache her gewohnt war; während bann

unb vom Zusammeuwachsen von Wörtern und Formen aus verschiedenen Mundarten, man sieht, wie die eine Mundart gegen die andere vordringt, und ähnliches, alles Erkenntnisse, die bei Be­schränkung auf eine einzelne Mundart nicht ge­wonnen werden können.

Die mundartlichen Eigentümlichkeiten der oben erwähnten Art, deren Auftreten in einem größeren Gebiet zu verfolgen wäre, kann man aus den Der- schiebensten Gebieten des Sprachlebens wählen: aus ber Laut- und Formenbildung: wo finden wir das oberhesfische weit verbreitete b r u r e r neben bru ber ober i ch sein statt ich bin? ober aus bem Wortschatz: in welchen Gebieten gilt unser Gaul, wo statt besten Roß, wo Pferb? wo sagt man für letzte Nacht haint ober hint? Man könnte ferner (Eigenheiten ber Wortbilbung, des Satzbaues, bes Akzentes zuarunbe leaen. In Frankreich hat man ber räumlichen Verbreitung der Worte befonbere Aufmerksamkeit gewibmet, ber Wortgeographie; bas Ergebnis ist ber große alias linguistique von GilliLron. In Deutschland ging man den anderen Weg und legte die Läut- und Formenentwickluna zugrunde. Georg W e n k e r war es, der in Den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts sich mit Hilfe der Lehrer-

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schiede sind so zahlreich, daß man bei Berücksich­tigung aller schließlich jedes Dors fast als besondere Dialektlandschast betrachten müßte Man ist ge­nötigt, eine Auswahl zu treffen, eine Auswahl der willigsten und einschneidenDsten Kennzeichen, und nach ihnen ist bie Tlunbartengüeberung vor­zunehmen. Danach ist aber ohne westeres verstäub- lich, baß biefe Glieberung verschieden ausfallen kann, ja ausfallen muh, je nachdem, welche Kriterien als bie wesentlichsten benutzt werben. Ich werbe im folgenden bie meist gebräuchlichen anwenben. Aber auch hier kommen noch Schwankungen vor, ba ja ftänbig bie Möglichkeit bes Vorrückens einet Mundart gegen die andere und des Einflusses der Schriftsprache, damit aber Entstehung neuer Mischungen und neuer Grenzen besteht. So ist es durchaus denkbar, daß manche von ben gleich zu beschreibenben Grenzen heute anbers laufen als vor einigen Jahren ober Jahrzehnten (so alt finb bie Unterlagen des Sprachatlas). Es wäre bantbar zu begrüßen, wenn Leser blcser Zeilen, bie für ihre Heimatmunbart Abweichungen von bem hier Ge- te seststellen können, bem Verfasser ober bem

)en Sprachatlas in Marburg Mitteilung ba« von machten.

Unser Oberhessen gehört zum hochbeutschen, nicht zum nieberbeutschen Sprachgebiet, beim by Ober- Hesse sagt: ich esse bie eier ohne peffer, nicht: ik ete die eier ohne peper. Die Grenze für biefe brei Unterschiebe: ch im In- und Auslaut nach Vokal gegenüber k, inlautenbes (meist auch auslautenbes) s (ff) gegenüber t, f (ff) im Inlaut nach Vokal gegenüber p wird burch eine wenigstens auf ber Höhe unseres Gebietes ungefähr einheitlich laufenbe Linie gebilbet, bie ich auf ber Skizze als Nr. 1 (l k / i ch) bezeichnet habe. Sie verläuft nörblich an Frankenau, Walbeck, Naum­burg, Kastel, Heiligenstabt vorbei.

Innerhalb bes Hochbeutschen hält sich Oberhessen zum M i 11 e 1 beutschen nicht zum Oberbeutschen, benn bieses hat pfunb, Pfeffer, apfel, währenb man in Mittelbeutschlanb appel und je nach ber Zugehörigkeit zu einer westlichen ober östlichen Hälfte p u n b ober funb, penning ober fennig sägt. Der Leser bemerkt selbst, baß unsere Heimat westmitteldeutsches Sprachgebiet stt, denn mir sagen peffer, penntng, plaume, p u n b. Die Linie, bie biefe Scheibung vollzieht, habe ich als Nr. 2 bezeichnet; sie zieht von Süd- osten nach Nordosten etwa bei Rieneck, Brückenau, Bischofsheim, Fulda an der Ostgrenze von Ober­hessen vorbei. In ber hohen Rhön zweigt bie pund - Linie von ber appel- Linie (2a) ab. Innerhalb bes Westmittelbeutschen ziehen wir nun eine Grenze im Osten: westlich ber von mir auf ber Skizze als Nr. 3 bezeichneten Linie lauten bie neu­tralen Pronomina unb ber Artikel bat und wat (d o t, tp o t), östlich (dieser Linie) dos, w o s. Diese Wörtchen und noch einige andere sind es, um derentwillen ich bei Besprechung ber hoch-/ nieber- beutschen Scheibe sagen mußte, baß an ber ik- Linie inl. unb ,meist" ausl. s gegenüber nörd­lichem t steht. Diese bat-, wat- Formen in bem mitteldeutschen Teilgebiet sind als sog.Rest. Wörter" oderReliktformen" zu werten, als Be» weise dafür, daß früher einmal das Gebiet völlig zum niederdeutfchen gehörte und erst allmählich vom hochdeutschen erobert,überschoben" wurde. Die b a t b a 9 - Linie teilt bas Westmitteldeutsche in das westliche Mittelfränkische unb östliche Rhein- fränkische, sie läuft zwischen Bopparb unb Nastätten hinburch nach ber Lahn, so, baß Limburg westlich, Dillenburg östlich ber Grenze bleiben; Oberhesten ist rheinfränkisch. Das Rheinfränkische schließlich zerlegen wir in eine sübliche unb eine nörbliche Hälfte; bie Linie, die fest / fescht, R e st / R e s ch t und ähnliches voneinander scheidet, bildet die Grenze. Sie verläuft südlich von Darm­stadt unb Mainz nach Norbosten auf bie bat-ßinie zu (Linie 4 der Skizze). Das südlich dieser Linie liegende Gebiet nennt man oft pfälzisch, vielleicht ist südhessisch eine passende Bezeichnung; nördlich liegt das Oberhessische. Und hier ist zu beachten, daß Oberhessisch im bialett- geographischen Sinn sich nicht nur auf die Provinz Oberhessen bezieht. Die 4 Linien, durch die ich das Oberhessische einzukreisen versucht habe, laufen mehr ober weniger entfernt von ber politischen Grenze unserer Provinz. Ich könnte als Grenzen der Provinz wenigstens im Südwesten und im Süden noch zwei Linien nennen: ber Unterschied zwischen Feld und F e a l d läuft etwa an der

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