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Erstes Blatt

Gießener Anzeiger Jubiläums-Ausgabe

Seite 5

Granberg.

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diese Gründe zur Erbauung der Wasserburg Gießen führten, kurz, i. I. 1197 taucht ihr Name zum erstenmal aus dem Dunkel auf in dem Titel einer Gräfin Salome, die fick nach der Burg nennt und in ihr ihren Witwensitz yot.

Diese alte Burg erstreckte sich als Rechteck vom Wallenfelsischen Grundstück hinter der Stadtkirche bis -um Pfarrhaus der Matthäusgemeinde, das über ihrer Südwestecke steht. Ihre Nordwestecke wird durch x die entsprechenden Mauern des älteren Wallenfelsschen Wohnhauses gebildet und ist noch aut sichtbar, auch an der Rückseite dieses Hauses und die Reste der westlichen Palaswand mit Fensterprofilierungen vorhanden Die Ostwand zog vor der Grenze des genannten Grundstückes ver­mutlich parallel zur Westwand hinüber nach der Kirchstratze, wo sie im 3. B. Nollschen Grundstück mit der vom Pfarrhaus herziehenden südlichen Mauer zufammenstieß. Der innere Eingang lag nicht weit davon im Zuge der Kirchstratze.

Dieser schon von Ritgen vermutete Umfang wurde durch Mauerreste, die bei der Kanalisierung der Stadt und den von ©. Schenk o. Schweinsberg und mir im 3ahre 1908 vorgenommenen Aus­grabungen zutage kamen, bestätigt. Den seither ver­mißten Berchfril glaube ich im Wallenfelsschen Hof nahe an der östlichen Grenze des Grundstücks vor den Schuppen gefunden au haben. Zwar weist diese bei früheren Erdarbeiten oft durchwühlte Stelle in erreichbarer Tiefe geschlossene Grund­mauern nicht mehr auf, allein sie liegt höher als der übrige Teil des Grundstücks und ist angefüllt von mächtigen Steinblöcken, die nur von einem starken Befestigungswerk herrühren können. Ihre Lage spricht für diese Vermutung.

Die rechteckige Kernburg wurde in weiter Ellipse umschlossen von einer Umfassungsmauer, die im Westen am heute verdeckten Stadtbach, im Norden an der GasseAuf der Bach", im Osten an der Ecke der Stadtkirche, dann nach der Nord- ost- und Südostecke des Kirchturms zog, die Kirch- strotze überauerle, wo das äußere Eingangstor lag. durch das I. B. Nollsche Anwesen bis zum CafS Ebel lief und sich dann bald in spitzem Bogen wieder nach dem St'adtbach wandte. Dem ganzen Zug der Mauer folgte ein etwa 10 Meter breiter Bura- graben, von dem nur der Name noch erhalten ist, dessen Lauf man aber streckenweise noch an der Flucht der Höfe hinter den Häusern des Markt- Platzes genau erkennen kann. Den gesamten Flächen­gehalt der Wasserburg schätzt G. Schenk v. Schweins­berg, dessen scharfsinnigen, auf Grund der Se­ebad) hingen des städtischen Tiefbauamts und an der Hand des urkundlichen Materials des Staatsarchivs in Darmstadt angestellten Untersuchungen ein der Wirklichkeit wohl ziemlich nahekommender Grundriß der Anlage zu danken ist, auf etwa 34 Morgen. Man kann sich eine gute Vorstellung von der Größe der Burg machen, wenn man weiß, daß sie mindestens acht Burgmannensitze umschlossen hat, von denen außer dem Leibschen Hause auch noch das frühere Cafe Ebel (heute Studentenheim), der Burgsitz der Riedesel v. Bellersheim, erhalten ist.

Das war die Wasserburg Gießen, deren Ent­stehungszeit man nach den eingangs gemachten Darlegungen in die erste Hälfte des 12. Jahr­hunderts verlegen darf. Ihr Ausbau folgte bann im Laufe der nächsten Jahrzehnte, die Burgsitze der Burgmannen aber wurden noch, z. T. viel später, innerhalb des Burgbezirks errichtet, soweit sie den Inhabern nicht in dem Palas selbst angewiesen werden konnten.

Ein halbes Jahrhundert nach der ersten urkund­lichen Erwähnung der Burg wird auch die Ge­meinde urkundlich genannt und sogleich als Stadtgemeinde, denn sie führt bei Jfyrem ersten Auftreten im Jahre 1248 bereits em Siegel.

Steht es geschichtlich fest, daß die Stadt im An- schluß an die Burg erwachsen ist, so erhebt sich die Frage, ob sie durch willkürlichen Zuzug der Be­wohner umliegender Orte entstanden, oder ob sie ein zielbewußtes Werk des Grundherrn ist. Mancher­lei spricht für die letztere Annahme.

In ihrer nächsten Umgebung findet sich eine ganze Anzahl Wüstungen. Aus dem linken User, am Westabhang des Rodbergs über der Furt lag das Dörfchen Achstatt, an das derAsterweg" die letzte Erinnerung festhält. Auf der Höhe des Selters­bergs stand Selters, ebenfalls nicht weit von einer Furt, der schon genannten Wolfssurt, die heute noch tief unter ihm den Fluß durchquert. Jenseits, am rechten Ufer, doch weiter nach den Abhängen der Hardt, lag Krooback am heute noch diesen Namen führenden Wasserlauf und am Osthang der Hardt Diedelshausen (Diduldishusen) und Lenfertsrod (Lintfridisrode). Das Verschwinden dieser Dörfer hängt ohne jeden Zweifel mit der Entstehung der Stadt zusammen, denn Gießen hatte ehedem keine eigene Gemarkung, es bildete die seine aus den Marken jener Ortschaften, deren Bewohner unter den Mauern der Burg angesiedelt wurden. Be­trachtet man ältere Stadtpläne, so läßt sich eine gewisse Planmäßigkeit der Anlage nicht verkennen. Nicht willkürlich und regellos, wie der Zufall den Ansiedler Besitz ergreifen ließ, stehen die Hofreiten beisammen, dieGassen laufen nichtwirr durcheinander, sondern regelmäßige Baublöcke an offenbar vorher abgesteckten Straßen scheinen sich im ältesten Kern der Altstadt von Anbeginn an erhallen zu haben. Das 13. Jahrhundert ist das klassische Zeitalter der Städtegründungen; so könnten die Pfalzgrafen von Tübingen, die um 1185 durch Heirat mit einer gleibergischen Erbtochter Besitzer der Grafschaft Gießen geworden waren und als Gründer der Stadt zu betrachten sind, ihre Anregung durch die in diese Zeit fallenden Gründungen schwäbischer Städte in Württemberg und Baden, aber auch hessischer (Mar- bürg, Grünberg) empfangen haben. Aus den ver­kehrspolitischen Gründen, die schon, wie wir sahen, zur Errichtung der Burg geführt hatten, war der Platz auch für die Anlage einer Stadt vorzüglich geeignet, was die spätere Entwicklung bestätigte. Bereitwillig mochten die Dorfbewohner dem Willen des Stadtherrn gefolgt sein, fanden sie dock hinter starken Befestigungen weit sichereren Schutz als hinter dem Gebück ihres Dorfes und wurden sie doch vor allem aus hörigen und zinsenden Bauern per- sönlich freie Bürger:Stadtlust macht frei". Gern trugen sie den geringen Grundzins, den Der Grund- !err für den zur Ansiedlung überladenen Boden orderte, einen Zins, der von der Stadlgemeinde is zur Einführung der Gemeindeordnung von 1821 bezahlt wurde.

Ueber den Umfang der ersten Siedlung sind die Meinungen seither darin einig, daß er nur sehr gering war. Geteilter Ansicht ist man nur über den Lauf der ersten Stadtmauer. Graben- und Mauer- reffe sind allein nicht maßgebend zur Entscheidung der Frage, sie können selbstverständlich bis zur Spur- losigkeit vernichtet und überbaut werden. Dagegen ist es Tatsache, daß da, wo der Graben um die Stadtmauer lief, bei Stadterweiterungen Gassen bleiben oder angelegt werden, ober daß der Lauf des Grabens an den Höfen der Häuser, die an und auf die Stadtmauer gebaut werden, erkennbar bleibt. Dieses Beispiel haben wir an dem Burg- graben beobachten können: die Hofe an den Hinter- fronten der Häuser des Marktplatzes, die in gerader Flucht verlaufen, werden heute noch alsBurg- graben" bezeichnet. Aehnlich ist es mit dem Zug der ersten Stadlbefestigung.

Sie setzte unmittelbar an der Burgmauer am Wallenfelsschen Grundstück an, wo bei der Aus­schachtung des kurz vor dem Kriege erbauten neuen

Hauses zwei gewaltige Mauern zutage gefördert wurden, die fast im rechten Winkel aufeinander zuliefen. Die eine war die Burg-, die andere die Stadtmauer, die die Richtung vor den Häuiern des Kirchenplatzes, an der Front desEinhorns" her, nach dem Lindenplage nahm, dessen südliche Seite sie be­grenzte. Kurz nachdem sie diesen Platz verlassen hat, sieht man hinter demLindenhof" und hinter den Häusern nach der Schloßgasse hin eine Flucht von Höfen, ehemals eine Hintergaffe, ziehen, deren Fort- fetzuna genau auf bas Knie ber Kaplaneigasse an ber Brühl'schen Druckerei stoßen würde. Diese Gasse aber fährt wiederum geraden Weges über die Schulstrahe hinweg zur Wagengasse, die jenseits der Mäusburg in der Wettergasse und bann über ber Marktstraße in berBachgasse" am Pistorschen Hause ihre Fortsetzung finbet. Dort aber kommt bic Burgbefestigung vom Pfarrhaus ber Matthäus­gemeinde und dem Studentenheim herüber, so daß der Ring an dieser Stelle geschlossen wird. lieber- blickt man diesen Kreis von Gassen, die meiner An­sicht nach den Lauf des ersten Stadtgrabens be­zeichnen, auf dem Stadtplan, so wird man keinen Zweifel mehr hegen, daß blefer Bezirk bie älteste Stabt ist. Die von I. I. Winckelmann unb anberen überlieferte Sage, bah bas Stäbtchen ursprünglich r u n b gewesen fei, wirb hierburch auffällig be­tätigt

Die Stabtmauer muß auf ber Innenseite bem Graben gefolgt sein, unb yrbr. Kraft, ber Ver­fasser berGeschichte von Gießen", hat noch hinter demLindenhof' ein Stück ber Funbamente ber Ringmauer gesehen, basim Sogen nach ber Schloßgasse eingezogen" gewesen ist. Kraft läßt aber bie Fortsetzung nach ber Dreihäusergasse unb von bort nach ber Rittergasse laufen, nicht ber Wagengaffe entlang. Was er auf biefem Weg be­obachtet hat, ist richtig, allein er hat eine zweite Be­festigung mit ber ersten verwechselt. Im Jahre 1265 war ber täbingische Sefihanteil am glei­bergischen Erbe burch Kauf an Sanbgraf Heinrich von Hessen übergegangen. Die Stabt hatte an Be­völkerung so zugenommen, bah ber enge Raum Aiir Unterbringung des Zuzugs nicht mehr ausreichte, bie neuen Ankömmlinge muhten vor den Toren an- gefiedelt werben. Landgraf Otto erteilte im Jahre 1325 ben Bewohnern berNeustabt" unb allen vor ben Toren Wohnenben dieselben Rechte, bie bie Innerhalb ber Ringmauer Wohnenben besahen, b. h. er nahm bie erste Stadterweiterung vor. Die Erweiterung war geringfügig, dieNeustadt" er- streckte sich nur bis zum Ende der heutigen Markt- strahe an der Abzweigung der Bahnhofstraße, und dievor den Toren Wohnenden" waren auch nicht zahlreich. Indessen alle hatten nunmehr Anspruch auf den Schutz durch Mauer unb Graden, unb bem« entsvrechenb wurden die Befestigungen um ihre Wohnstätten herumaeführt. Graden und Ringmauer wurden in der Richtung des heutigenalten Schlosses" weitergezogen, bogen vor diesem Sau nach Süden ab unb bann in ber von Kraft be­triebenen Richtung nach ber Dreihäusergasse, wo ich bie Maueran ben Hlntergebäuben ber Häuser ber Mäusburg", bie teilweise auf ihr stehen, roieber festgestellt habe, bann üoer Die Mäusburg am Hausezum Ritter" bie Rittergasse entlang. Sis hierhin trifft bie Kraftsche Führung zu, nun aber muß ber Zug ber neuen Sefeftigung burch ben westlichen Arm ber Rittergaffe nach ber Münbung ber Sahnhosstraße gegangen sein, wo bie Stall- gaffe, ein enger Durchlaß, nach ber Sachgasfe führt. Hier wird der Anschluß an bie alte Sefeftigung au suchen fein. Vor bem Eingang ber Stallgasse, zwischen ihm unb ber Münbung bes Tiefenwegs, hat im Zug ber Neustabt ein Torturm, bie alte, In ben breißiger Jahren bes vorigen Jahrhunderts ab­gebrochene Stadtpforte, gestanden. Sie ist ein Teil

der neuen Stadtbefestigung von 1325 gewesen. Um dieselbe Zeit ist bas sog.alte Schloß" am Sranb erbaut worben, eine Surg ber Landgrafen von Hessen mit Wohnung für den fürstlichen Amt­mann und Unterkunstsräumen für Den Landes­herrn. Dieses Bauwerk, anfänglich vielleicht noch von der Stadt durch die Ringmauer getrennt, ist ohne Zweifel mit der Erweiterung von 1325 in die Stadtbesestigung einbezogen worden. Lauf von Graden und Mauer, von Denen Der erstere noch vor roeniaen Jahrzehnten sichtbar war, weisen Dar­auf hin.

Die älteste Srabt hat wohl nur zwei Tore ge­habt, Die WalDpforte (heute verballhornt inWall- tor") unD Die Selterser Pforte. Das Walltor ist an Der Ecke Des Einhorns am Eingang zum LinDen- platz zu suchen. Ich schließe mich hierin Schenk von Sckweinsberg gegen Kraft an, Denn außer Den von Schenk ermähnten starken ©runbmauem, Die an Dieser Stelle gefunDen worDen finD, nötigt auch Der Zug ber Hauptstraße, ber immer burch bie Tore führt unb in Gießen niemals verlegt worben ist, zu blefer Annahme. Das Selterstor suchen Kraft, v. Ritgen unb v. Schenk mit Recht in ber Mäusburg, aber vermutlich hat es an Dem Plätzchen an Der Wettergasse geftanDen unD ist erst im Jahre 1325 an Die Rittergasie vorgeschoben worDen. Wenn man nicht überall Reste ber ältesten Ringmauer fest« stellen kann, so ist zu bebenfen, baß ihr Material bei ber Errichtung ber zweiten Ringmauer Ser- wenbung gefunben haben wirb. Hier an ber ©etter- gaffe aber ist Die an sich unmotivierte Erweiterung Der Gasse auffällig unD wohl auf alte, später be­seitigte Torbauten zurückzuführen.

Die Vergrößerung Der bis Dahin immer noch sehr kleinen StaDI ^var mit Der Errichtung Der zweiten Ringmauer natürlich nicht zum Stillstand gekommen, aber eine Dritte Erweiterung Der Be­festigung fanD erst Durch Philipp Den Großmütigen statt. Bis Dahin saßen Die Zugezogenen ungeschützt auf ihren Höfen. Bis zur Anlage Der Festungs­werke mögen Das Kreuz, Die Kaplansgasse, Der ReichensanD, Der einen Teil Der Bahnhofstraße bilDet, Die Wetzstein-, Zozels-, HunDsgasie unD Die Gaffein der Sonne", deren bezeichnenden Namen man törichterweise inSonnenstrahe" verschlimm­bessert hat, entstanden sein. Alle übrigen innerhalb ber spateren Festungswälle gelegenen unb nach tiefen hin ziehenben Straßen würben noch beren Er- richtung gebaut. Auf ben Nachweis im einzelnen muß ich hier verzichten, Ich werbe in einem anberen Artikel barauf zu sprechen kommen.

Die Festungswerke, bie ßanbgraf Philipp im Jahre 1530 bauen ließ, umspannten bie Stabt mit einem Gürtel, ber heute noch burch ben inneren Ranb ber vier, leiber nach ben Himmelsrichtungen benannten Anlagen ziemlich genau bezeichnet wirb. Sie beftanben aus Wall unb breitem Graben. Der mit grünem Rasen bebeckte Erbwall war unter­mauert unb hatte Kasematten. In regelmäßigen Abstänben waren Außenwerke angeorbnet, wie man es auf ben bekannten Darstellungen von Merian unb anberen beutlich sieht. Die älteren unserer Mit­bürger erinnern sich noch ber Schanzen, bie von ber Scyur", bem alten Festungsglacis, aus auf Stegen über ben Festungsgraden hinüber zu erreichen waren. Sie sind verschwunden, unb mit ihnen finb intime malerische Reize für immer vernichtet worben. Spärliche Reste solcher Werke finben sich noch in Gärten an ber Westanlage unb an ber Denning« Hoffschen Brauerei, wo bie Walltorschanze noch an ben Abzweigungen bes Grabens erkennbar ist. Die Aliceschule an ber Kirchstraße steht auf einer Schanze, bie man um sie herum sorgsam ab­getragen hat, unb auch bie Erhöhung, auf ber sich das Etabttheater erhebt, ist ber Rest einer Be­festigung, bie bas Neuenweger Tor schützen sollte.

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