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Gießener Anzeiger » Iubiläums-Ausyade

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Erstes Blatt

gebiete her, das sich damals schon bis in die Gegend von Kassel südwärts geschoben hat.

Und um 400 vor Christus endlich beginnen die keltischen Gallier durch die Lande zu stürmen, nicht anders, wie sie es im klassischen Süden getan haben. Auf dem Trieb bei Gießen ist das nördlichste gallische Kriegergrab gefunden worden, ausgestattet u. a. mit schwerem Eisenschwert und breiter Lanze: aus der Wetterau kennt man einige Frauengraber mit üppigem Schmuck.

Kriege heben an zwischen den Galliern und den nach Süden drängenden Germanen: die Ringwälle im Tcnnus und auf mancher Höhe unserer Heimat sonst geben davon eine Ahnung, und sie beweisen, daß einheitlicher Wille und eine starke Leitung große Bolksmassen zum Kampfe zusammengefaßt haben.

Aus Urnengrabfeldern des letzten vorchristlichen Jahrhunderts wissen wir, daß die Germanen sieg­reich geblieben und im wesentlichen auch derGalli- fierung" entgangen sind.

Nun aber setzt die römische Invasion em; am Rhein blühen die großen Garnison- und Industrie- städte auf, in unser Gebiet schieben sich Lager- und Wachttürme vor, der Pfahlgraben säumt die Grenze, Kastellorte entstehen, das Land wird zu gleichen Teilen vermessen, Gehöfte von Veteranen und Gutsbesitzern erfüllen es, prunkvolle Bäder und Villen der Reichen wachsen aus dem Boden; Märkte werden eingerichtet, Straßen gebaut mit dem Schwerte und mit denSegnungen" südlicher Zivilisation will man Germanien kolonisieren, seine Bewohner zähmen.

Manche fremde Kultursaat geht auf, weithin er- strecken sich die Verkehrsstraßcn, von weither aber kommen auch die Heerscyaren der Germanen, die bald ins römische Heer eintreten, nicht minder oft jedoch auch den Grenzwall überrennen, die reichen Städte und Siedlungen plündern. Niemand kann daher sagen, wie die 160 Silberdenare nach Pom­mern gekommen sind, die ich in meinem neuen Arbeitsgebiete jüngst als Schatzfund erhielt, wie die silbernen Becher, das Bronzegeschirr, das Glas mit buntgemalten Gladiatorendarstellungen und so manches andere, was wir kürzlich germanischen Häuptlingsgräbern hier entnehmen konnten, den Weg so weit nach dem Norden gefunden hat es mag Handelsgut, Beute, Sold ober Tribut fein. Den Chatten Kurhessens und den immer wieder an die Tore des Reiches pochenden Stämmen aus dem freien Germanien, vor allem aber den an der römischen Kraft nagenden Zerfallserscheinungen i[t es zu verdanken, daß endlich die Fremdherrschaft gebrochen wurde.

Doch wieder neue Stürme durchbrausten danach unsere Heimat: die Völkerwanderung führte Ala­mannen ins Maingebiet, und auch die fränkische Kolonisation hat erst allmählich endgültige Verhält­nisse schaffen können. Die Chatten wurden ein wich­tiger Bestandteil des großen Frankenreiches, die Grenzmark gegen die Sachsen. Manches Ritter­und Herrengeschlecht des Mittelalters mag von den Edelingen abstammen, deren Gräber bei Leih­gestern, auf dem Trieb bei Gießen, bei Friedberg usw. über unsere Grenzen hinaus bekannt sind.

Reiches Völkerleben spricht aus den Boden­funden zu dem, der die Sprache dieser stummen Zeugen der Vergangenheit zu beuten gelernt hat. Viel Völkerschicksal hat unsere Heimat berührt, wenn auch bie Führergestalten und die Triebkräfte des Geschehens uns meist verborgen bleiben. Wir selbst, unsere Art sind aus diesem uralten Ge­schehen erwachsen, und alles, was wir im eigent­lichen SinneGeschichte" nennen, was uns die Schriftquellen berichten, bezieht sich im wesentlichen auf Menschen, die wir als unmittelbare Ahnen be­zeichnen können.

Wer es nicht als bloße Spielerei auffaßt, daß die alten Zeiten, die Grundlagen unserer Gegen­wart erforscht werden, möge mithelsen zur Weiter­arbeit, dazu beitragen, bah alle Bodenfunbe sich ber wissenschaftlichen Forschung erschließen. Er wirb dann manchmal die Freude haben können, Neues über die Vorzeit von uns zu. hören.

Die Kunstdenkmaler um Gießen.

Von Dr. Christian Rauch, o. Professor der Kunst­geschichte an der Universität Gießen.

Inmitten von uraltem Kunstlande, umgeben von uralten Kunst ländern, besser noch gesagt, ber beutschen Stämme, bie hier Zusammentreffen, liegt unsere Lanbesuniversität Gießen. Man ifarf sagen, ein ibeal gelegener Ausgangspunkt für bas Stu- bium unb bie Erkenntnis Deutscher Kunst in den Denkmälern ihrer höchsten Entwicklung.

Im Westen und Süden das M i 11 e l r h e i n - gebiet mit dem goldenen Mainz, der Hauptstadt und dem Kulturmittelpunkt des größten und reichten

geistlichen Fürstentums im alten Deutschen Reiche. In diesem Gebiet ließ einst das Führergenie Karls des Großen die klar konstruierte, umfangreiche kaiserliche Pfalz von Ingelheim erstehen, die als Nervenzentrum des Weltreiches gedacht war. Im Mittelrhcingebiet werben als Denkmäler geist- licher Macht bie brei größten romanischen Dome von Mainz, Speyer unb Worms erbaut. Die Pfalz von Ingelheim freilich ist unter ber Erbe verschwunben unb mußte ausgegraben werden, aber im nahen Lorsch steht in ber Torhalle bcs Reichsklosters noch ein zierlich reich geschmücktes Bauwerk karolingischer Zeit aufrecht, einzig feiner Art unb Zeit in Deutschianb. Im Weingebiet von Bingen dort erblüht bie zarteste, zierlichste, feinst formvollenbete Blüte ber Bilbnerkunst, bie mittelrheinische Tonplastik, bie im Altar von Garben hell aufllingt; sie blüht neben der ver- geiftigten monumentalen Steinbildgestaltung, wie sie im Grabmal des Erzbischofs von Saun im Mainzer Dom sich zu unerhörter Höhe erhebt.

Im Norden Niedersachsen. Bis vor bie Tore von Gießen reicht ber Einfluß ber schweren, herben niedersächsischen Kunst. War im Westen von den Römern her allezeit der Steinbau in Hebung, so dort im Lande der Eichenstämme ber Fachwerkbau, ber deutscheste ber beutschen Baukunst, bie Bauweise bes Bauern und Bürgers. Im Fachwerkbau drückt

Die Zisterzienser-Abtei Arnsburg baute die schone, als Ruine in romantischem Sinne doppelt reizvolle, spätromanisch-frühgotische Klosterkirche. Ilbenstadts romanische, reich mit Bildern und Skulpturen geschmückte Klosterkirche dient heute wieder einem geistlichen Orden. In Mar­burg erstand durch Fürst und Deutschorden der gotische Ursprungsbau, die Grabkirche ber heiligen Elisabeth, Der älteste oolljtänbig gotische Kirchen­bau auf beutschem Bobrti. Die Bauhütte bieses großen Bauwerkes wirb zur Bauschule, die Hessens gotischen Kirchenbau beherrscht: die großen Kirchen von Wetzlar und Schotten und als Krone in ber Vollenbung spätgotischen Raumibeals bie weit- unb einräumig schöne Stabtkirche zu Friebberg zeugen davon. Der spätgotische Bildhauermeister bes Deutschorbens, ber den figurenreichen Lettner ber Elisabethkirche schuf, liefert feine virtuos ge- bilbeten Werke in bie Nähe unb in bie Ferne auf ben Schiffenberg etwa unb nach Homberg a. b. Ohm, aber auch für Bielefelb unb für ben Hoch­altar bes Kölner Domes. In Cid), bem Dy- naftenfitz, schufen sich bie Herrscher bes kleinen Lanbes bie schönen Grabdenkmäler ber Frühgotik: bas älteste, bas bes Begrünbers ber Dynastie, noch wuchtig unb groß gestaltet, gotische Zierlichkeit nocy erst als Beiklang, bas Doppelgrabmal bes Ehe­paares von 1335 fein zierlich gezeichnet in gotischem

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sich bie (Eigenart jebes beutschen Stammes am beutlichsten aus. Im nahen ßangsborf steht noch ein niebersächsisches Fachwerkhaus, wie weiter nörblich natürlich, etwa in Marburg, noch mehr stehen. Hier in Gießen zeugen unter ben zahl- reichen zum großen Teil leiber noch immer unter späterer VerputzunH verborgene Fachwerkhäuser zwei große iknhnälcr von besonderer (Eigenart, bas gotiscye Leidsche Haus bei ber Stabtkirche, eines ber ältesten erhaltenen Fachwerkhäuser üverhaupt mit hochragenbem Giebel, mit ben eigentümlichen langwuchtigen Knaggen unter ben vortraaenden Dalkenköpsen. Dann als ganz seltenes, vielleicht in seiner Art einziges Beispiel ber Verwertung bcs Fachwerkbaues zu fürstlicher Großwirkung das neue Schloß Philipps bes Großmütigen: über steinernem Untergeschoß ber langgestreckte, wuchtig aufgebaute unb zierlich gegtieberte Holzbau mit ben schonen Ecktürmen unb dem bequem breiträumigen Treppenturm.

Süblich von Gießen fränkischer Fachwerk­bau, in reichster eigenartiger Ausbilbung im alten Amte Hü11enberg, zu bem schon Großen- ß i n b e n gehörte. Dort bie Fachwerkbrüstungen mit ben eingesetzten geschnitzten Tafeln. Am reichsten, echt beutsch, malerisch mit Schnitzschmuck über- spönnen, Rathaus unb Bauernhaus in ben Dörfern bes Kleebachtales.

Bestimmend für bie künstlerische unb kulturelle Gestaltung waren im Gebiet bes heutigen Lanbes Oberhessen, dessen Hauptstadt Gießen ist, die ehe­mals hier wie nirgends zahlreichen politisch kleinen unb boch geistig so wirkungskräftigen geistlichen unb weltlichen Mächte: die großen Abteien, bann bie Dynastien unb bie Stäbte. All biese Einzelmächte sind bie letzten von ihnen im Anfang bes 19. Jahr- hunberts von größeren aufgefaugt worben. Aber bie Kunstbenkmäler, bie sie geschaffen, blieben als Zeichen einstigen Glanzes stehen, um so besser erhalten, weil ja nun nichts Neues mehr sie ver- brängte.

Schwung. Auf bem Münzenberg, ein stolzer Dynastensitz, bie romanische Burg, bie bie Wetterau beherrscht, ein Werk, an kunstgeschichtlicher Be­deutung der weltberühmten Wartburg zweifellos überlegen, ebenbürtig ber feinen spätromanischen Kaiserpfalz im nahen Gelnhausen.

Unb nun schließlich noch zu einer Gruppe von Gesamt kunftwerken, in Denen aerobe Oberhessen vielleicht unter ben deutschen Landschaften die erste Stelle einnimmt: ob ihrer wundervollen Erhaltung bes alten ©tabtbilbes im ganzen mit all seinem Inhalt dürfen wir in unserem Lande neben Fried­berg und Butzbach, Marburg und Schlitz, besonders zwei rühmen, in denen sich auch die Macht, die sie entstehen ließ, zu besonderem Ausdruck gebradjt hat: Büdingen und Alsfeld.

Büdingen, die rechte alte Für ft en st adt, entstanden um die Wasserburg der Dynasten. Wie Jahresringe beim Baume legen sich Schale um Schale neue Häuser und neue Befestigungen um den romanischen Kern von Bergfried, Palas und Ka­pelle. Der wachsenden Zahl ber Bürgerschaft er­richtet der Stadtherr im 15. Jahrhundert eine weit­räumige Stadtkirche, ein Rathaus im malerischen fränkischen Fachwerk, daneben stattliche Häuser für feine Ritter. Unb das Ganze wirb um bie Wenbe des 15. Jahrhunderts zusammengeschlossen durch die ge­waltige Befestigung; herrlich erhalten ist dieser Rahmen bes Ganzen in rotem Stein, seltsamer­weise fast, benn bie Befestigung als solche muß, weil sie noch Steinwerk war, trotzbem sie fchon für bie Berteibigung mit Geschützen eingerichtet ist, bald un­wirksam geworben sein.

Alsfeld, die rechte alte Bürger st adt. Ihr Kern ist der Marktplatz. Sein malerisches Gesamtbild beherrscht das monumentale Rathaus, in Fachwerk erbaut 1512/16, spätgotisch steil aufstrebend. In ähn­lichem Fachwerk, aber behäbig breit gelagert, die Patri­zierhäuser am Markt. Bürgerlicher Reichtum errichtet weiter 1533 den großen Steinbau bes Weinhauses, spätgotisch noch, aber ber Giebel zeigt schon bie ge=

Ein Stück älterer Literatur­geschichte der Stadt Gießen.

Bon Karl Semmel, Oreifsroalb.

DasStück älterer Literaturgeschichte ber Stadt Gießen" kann an dieser Stelle unb in biejer Form auf Vollstänbigkeit insofern keinen Anspruch machen, als es nur bie Namen berjenigen Dichter unb Schrift­steller enthalten soll, die in Gießen selbst ober in feiner unmittelbaren Nachbarschaft geboren finb unb alle btejenigen übergeht, bie als reife Männer nach Gießen kamen unb einen Teil ihres Lebens in dieser Stadt verbrachten, ja ihr wohl burd) ihren Aufent­halt eine Zeitlang ein eigenes Gepräge gaben. Unb auch in dieser Reihe wird noch manch einer fein, den bie Literarhistoriker im Laufe der Jahrzehnte oergeffen haben, wenn fein Name überhaupt je in einer Literaturgeschichte stand. Auch eine eingehende literarische Würdigung von einzelnen ober Lebens- werken ber Dichter kann hier nicht Raum finben. Was diese Zeilen wollen, ist nichts weiter als eine Art chronologische Auszählung, wobei auch die Lebens- schicksale der Genannten kurz gestreift werden fallen.

Vor dem Dreißigjährigen Kriege, am 1. März 1610, wurde Johann Balthasar Schupp geboren, dessen Schriften noch heute die gelehrte Welt ge- nügenb beschäftigen. Annähernb 10 Autoren haben sich im vergangenen Jahrhunbert mit Schupp befaßt und Bücher üoer ihn geschrieben. Schupp war be­kanntlich Philosoph unb Theologe unb lehrte zu Rostock und Marburg. Beim Abschluß bes Westfäli- fchen Stiebens war er hessischer Friebensbelegierier, der übrigens auch in Münster bie erste Predigt nach Unterzeichnung der Präliminarien hielt. Schupp, ber auch als Kanzelredner berühmt war, starb als Pastor an ber Jakobikirche zu Hamburg am 26. Oft. 1661. Seine gesammelten Schriften gab 1663 fein Sohn Jost Burkhart Schupp in Hanau heraus. Nach feinen Schriften wird er alsfeiner Publizist, ge­

sunder Pädagog, humorvoller Satiriker, gewandter Erzähler und religiöser Dichter" gerühmt.

Ein anderer religiöser Dichter unb Erbauungs- schriftsteller ber Barockzeit war Balthasar S i ° n o l b, genannt von Schütz, ber unter bem Deck­namen Amabeus Kreutzberg fdjrieb. Er stammt vom Schloß Königsberg bei Gießen, wo er am 5. Mai 1657 geboren wurde. In Jena studierte er bie Rechte, bann weilte er in Italien beim Herzog von Toskana; 1704 finben wir ihn als Haushofmeister bes Grafen Reuß-Köstritz, ein Jahr später in ber gleichen (Eigenschaft bei ber Herzogin von Sachsen- Merseburg. Am 6. März 1742 starb Sinolb als Gräflich Solmsscher Geheimer Rat in Laubach. In Nürnberg erschienen 1720 Sinoldserbauliche Poesien, Lieber unb Epigrammata", und in Leipzig kam 1742 das BuchWahre Seelenruhe in ben Wunben Jesu" heraus.

Gleich zu Beginn bes 18. Jahrhunderts begegnet uns Wilhelm Johann Christian Gustav Caspar- s o n, geboren am 7. September 1729. Nach einer Studienzeit in Gießen und Halle widmete sich Casparson dem Hofbienste und war an verschiedenen deutschen Fürstenhöfen ein wegen seiner Gelehrsam­keit hochgeachteter Mann. Am 3. September starb er als Rat unbStänbiger Sekretär der Gesellschaft der Altertümer" in Kassel. Casparson war ziemlich fruchtbar unb schrieb dramatische und lyrische Sachen, darunter auch Oben. Die Trauerspiele unb Dramen finb alle historischen Inhalts, so z. B.Theutomal, Hermanns und Thusneldas Sohn" (1771).

(Ein Mitglieb bes Göttinger Dichterbundes war der m Gießen geborene Johann Friedrich Hahn, der am 28. Dezember 1753 das Licht der Welt er- blickte. Biese vermerkt in seiner Literaturgeschichte: Hahns Gedichte sind voll bedeutender Ansätze, von denen aber nichts ausreifte." Freilich hatte man vieles von dem Göttinger Studenten der Rechts­gelehrtheit erwartet, bod) konnte er die unbezwing­liche Hypochondrie nicht besiegen. Mit 26 Jahren

starb Hahn am 30. Mai 1779 in Zweibrücken in ber Pfalz unb hinterließ eine Reihe Gebichte, bie Karl Reblich in Halle 1880 neu herausgab.

Allem Anschein nad) stammt auch Philippine von Mettingh aus Gießen ober besten nächster Umgebung. Ihre Oeburtsbaten sind nicht aufzufin- ben, bod) hat sie ihre erste Bilbung in Gießen er­halten. Ihr Vater war hier Fürftlich Sayn-Wtttgen- steinscher Geheimer Rat. In späteren Jahren lebte Philippine von Mettingh in Appenrobe an ber Ohm, in Frankfurt a. M. unb in Kastel. Hier würbe sie im Jahre 1862 in ihrem Gartenhaufe von Räubern überfallen unb oermunbet in ben Keller geworfen. Die schweren Wunben unb ber ausgeftan- bene Schrecken warfen sie auf ein kurzes, schweres Krankenlager, von bem sie ber Tob erlöste. Sie hinterließ eine Reihe von Schriften, befonbers Ro­mane, Novellen und Charakterschilderungen.

In einer NovelleDie Schwarzen von Gießen" (von Harro Harring, Leipzig 1832) wurde Adolf Folien geschildert, ber, am 21. Januar 1794 ge­boren, burch seine Zugehörigkeit zu benSchwar­zen von Gießen" bekannt würbe. Jollen war nach- einander Student der Theologie, Philologie unb Jura, nahm als hessischer Jäger an ben Befrei­ungskriegen teil, wurde Rebakteur in (Elberfelb und kam burch die bamalige Bewegung ber Bur­schenschaft für einige Jahre nach Berlin ins Gefäng­nis. Er zog dann später nach der Schweiz unb in Armut und Bedürftigkeit starb er am 26. Dezember 1855 in Bern. Hermann Andres Krüger urteilt über ihn: Folien war ein Lyriker von echter Selben» chaft, dessen Romanzen und Studentenlieder zu einer Zett viel Beifall fanden. Auch im Epos hat ich Jollen versucht und zeichnet sich durch Anschau­lichkeit und romantische Stimmungsgewalt aus. Sein EposTristans Eltern" erschien 1857 zu Gießen*).

*) Uebrigens war es A. Jollen, der 1846 Gottsr. Kellers erste Gedichtsammlung herausgab.

lehrten Einzelformen der Renaissance, die, aus dem Süden eingefuhrt, dem gotischen Kern angefügt wer­den. Und weiter als Sinnbild des Stolzes und de» feftefeiernben Glückes ber Bürger das große steinerne Hochzeitshaus, für die Feste des Rates unb ber Bürgerschaft erstellt; dieser Bau von 1565 nun schon ganz mit Renaissanceornament bekleidet. Zu Seiten bes Marktplatzes, vom Rathaus in Schat­ten gestellt, die Stadtkirche, ein zierlicher Dau aus frühgotischem Kerne oftmals erweitert; aber ihr Turm steigt hoch empor und beherrscht das Stadt­bild von weitem. In einem gewissen Gegensatz zum Reichtum des Marktviertels, wo die Patrizier wohnen, ist auf bem billigen Gelände im Viertel der Aermeren, an ber Befestigung braußen von den Augustinern ihr Kloster errichtet. Sie liegen der Seelsorge der Aermeren ob; ihre schönräumige Kirche ist eine Predigtkirche.

Wir wollen es mit diesem, wesentlich kultur­historisch eingestellten Ausblick auf bie Kunstdenk- mäler, für die Gießen im Mittelpunkt liegt, be­wenden lassen. Es kann sich ja in einem solchen kurzen Aufsatz nur um eine anreizende Auswahl handeln aus ber unenblichen Fülle in den alten Kulturlanden um uns her. Wir könnten weiter ziehen in die vier Gebirge Taunus, Wester­wald, Vogelsberg und S p e f sio x.j., die un­seren Horizont umringen, wir könnten das Lahn» t a l zum Rhein hinab ziehen, ober hinauf über Marburg unb Fritzlar, bie herrlichen Kunst» ftätten, gen Kassel wie im Süden gen Frankfurt, im Osten gen Fulda, überall wür­den wir noch die Werke hoher Kunst finden, die imitier ber feinste unb echteste Ausdruck des Wesens der Zeitalter unb ihrer Kultur waren . . . Docy es muß für dieses Mal genug fein.

DerGießener Anzeiger" hat mit der Schaffung der BeilageHeimat im Bild" bewiesen, daß er die hohen Werte, die in der Betrachtung unb Er­kenntnis von Kunst und Landschaft diefer reichen Heimat gewonnen werden, zu würdigen weiß. Und w i e er diese so mit der großen Macht der Presse weiten Streifen vermitteln will, auch darin zeigt sich geistiger Hochstand, der für die alte Universitäts­stadt ehrenvoll und ihrer würdig ist.

Glückauf in diesem Sinne auf wettere viele Jahre! _______

Das historische Gießen.

Von Profesior Dr. Karl Ebel, Direktor der Universitätsbibliothek in Gießen. Stell dich auf die Höhe des Rodbergs, schau hin­unter auf das Häusermeer, das sich zu deinen Füßen im Sonnenglanz ausbreitet, unb laß dein Auge ruhen auf bem wuchtigen Kirchturm, ber mit feinem vieleckigen Helm bie Dächer überragt. Dann schau hinüber zu ben beiben Burgen jenseits des Flusses mit ihren zerbröckelten Mauern unb den immer noch trutzigen Türmen, die ein Jahrtausend überdauert haben, und du siehst die beiden Angelpunkte der Urgeschichte unserer Stadt. Den Gleiberg baute und auf ihm saß das Geschlecht, dem Gießen seine Gründung verdankt, unb der Kirchturm zeigt bie Stelle, an ber bie Burg, bie Keimzelle der Stadt, entstanden ist.

Aus bem Geschlecht der Äonrabiner, deren be­rühmteste Namen König Konrad I. und sein Bruder Eberhard von Franken trugen, stammt der Be­gründer der Burgzu den Gyzin", d. i. zu den Flüssen. Wie er hieß, wissen wir nicht, und bie Absicht, bie er mit ber Erbauung ber Burg ver­folgte, können wir nur vermuten. Hier fließen bie beiden Flüsse zusammen, die Wieseck fallt in die Lahn, ehedem in anderem Bette als heute. In weitem Tale, dem sogenannten Gießener Becken, vereinigen sie sich. Zwei Furten, die Achstätter Furt und die Wolssfurt, erleichrerten einst den Uebergang über den größeren Fluß, und aus diesem Grunde treffen an dieser Stelle von altersher Straßen aus der Wetterau, aus dem Lahntal, vom Rhein, vom Westerwald zusammen. Darum war hier unten, nicht weit von der Grenze der Graf­schaft Gleiberg, eine Stätte, wo es sich lohnte, Zoll zu heben von den Waren, bie von Frankfurt, von Mainz unb von ben Hanbelsplätzen bes mittleren Rheins nach Hessen, Thüringen und weiter nach Olten verfrachtet wurden. Vielleicht auch sprachen, wie G. Schenk zu Schweinsberg vermutet, andere Gründe für die Erbauung einer neuen Burg, Gründe, die in den Besitzverhältnissen bes Gleibergs beruhten. Hier teilten sich nach 1136 zwei Linien des luxemburaisch-gleibergischen Hauses, die seither gemeinsame Besitzer waren, in die beiden Hälften dieser Veste. Sei es nun, daß Streitigkeiten das nahe Beieinanberwohnen unerquicklich machten, ober daß ber Besitzer ber Westhälfte den etwa bei der Er­stürmung bes Gleibergs 1103 gebrochenen (vier­eckigen) Berchfrir unb anbere zerstörte Teile nicht wieder aufbauen wollte, sei es, daß ein Witwensitz notwendig geworden war, ober baß endlich alle

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Ein ähnliches Geschick wie Adolf Jollen erlebte auch feinen Bruder Karl Jollen, ber, am 3. Sep­tember 1795 zu Romrob geboren, gleichfalls an der Burschenschaftsbewegung teilgenommen hatte.

Ein Volkserzähler war Rubolf Ludwig Oefer, ber sich bas Pfeubonym Otto Glaubrecht gewählt hatte. Oefer würbe am 31. Oktober 1807 geboren, ftubierte in Gießen Theologie, würbe Hauslehrer in Pfungstabt bei Darmstabt, später Geistlicher in Robheim unb Lindheirn in ber Wctterau, wo er am 13. Oktober 1859 starb. Ausgewählte Schriften mit seiner Biographie hat I. G. Diegel 1866 heraus­gegeben. Auch Defers Sohn Hermann ist in den letzten Jahren mit Schriften herausaekommen, die bei Salzer in Heilbronn verlegt sind.

Eine Dichterin, die durch Alfred Dock einen Förderer hatte, hatte Gießen in Johannette Lein, bie am 11. Juni 1819 geboren würbe. Sie war bie Tochter eines Dachbeckers und soll in ihrer Juaend von einer ungewöhnlichen Schönheit ge­wesen sein. Immer ist Tragik um sie gewesen. Ihren Vater verlor sie durch einen Unglücksfall, ihren späteren Gatten, einen Maler, durch die Cho­lera. Dann ernährte sie sich durch Nähen und andere kleine Hausarbeiten. Dabei war sie eine ausgezeich­nete Dichterin. Freundinnen hatten ihre Poeme ge­sammelt und gaben sie zu ihrem 78. Geburtstage heraus. Jeannette Lein starb hochbetagt zu Gießen am 29. März 1903.

Die Reihe ber ältesten Dichter ist beendet, die neuen Poeten des neuen Jahrhunderts gehören auf ein anderes Blatt. Abschließend sollen hier nur noch einige Namen genannt werden, deren Werke woyl noch hier und da lebendig sind, so Mathilde P l o ch (Silvia), Ernst E ck st e i n , Otto Schlapp, Otto Wissig, Emmi Behrens; die Lebenden aber überragt weit ber heute 66jährige Alfred Bock, von dem wohl noch manches starke Werk zu erwarten ist.