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Erstes Blatt

tauchen auch die Anzeigen der Agenten auf, die deutsche Auswanderer nach Amerika befördern, diese Anzeigen findet man in den deutschen Zeitungen bis hinein in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Offenbar stellte man nun erhöhte Forderungen an die Tagespresse; denn nun wird auch das Feuilleton ausgebaut, der Roman des Franzosen Eugen S u eDie sieben Todsünden" wird abgedruckt. Leider sinkt das Blatt mit dem Jahre 1850, was die Politik betrifft, wieder auf den allen Stand zurück, dagegen wird das Feuilleton weiter gepflegt, es erscheint eine Novelle des Reise- schriftsteller- Bernd von G u s e ck.

Georg Daniel Brühl starb am 1. März 1855, an seine Stelle trat sein Schwiegersohn Friedrich Christian Pietsch. Dieser war zu Gießen als Sohn des späteren Regierungsrats Friedrich Pietsch am 7. Februar 1827 geboren, er verheiratete sich am 19. Juni 1853 mit Henriette Friederike Karoline Helene Brühl und in zweiter Ehe am 24. Oktober 1872 mit Karoline Ebel. Er starb am 21. August 1890 zu Aachen, wurde jedoch hier bestattet.

Friedrich Christian Pietsch hat das Blatt wie überhaupt das ganze Geschäft erfolgreich geleitet, doch erst im Jahre 1867 nähert sich das Format

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modernen Ausmaßen, es beträgt 22:32 Zentimeter, ein auch inhaltlich modernes Blatt wird es erst im nächsten Jahre. Zwar bleiben die Lokalnachrichten immer noch aus, aber der Politik wird nun ein großer Spielraum gewährt, gewaltig sind die An­zeigen angewachsen, und die Zeitung erscheint wöchentlich dreimal. Kriminalnovellen und histo­rische Romane werden veröffentlicht. Dem Ge- schmacke der Zeit mögen Erzählungen entsprochen haben wieDas Testament des Großvaters" und Better und Base, eine Familiengeschichte". Don Bedeutung ist, daß das Blatt im Jahre 1868 den Titel bekommt, den es heute noch trägt, es nennt sich von da anGießener Anzeiger", zu­nächst noch mit dem UntertitelAnzeige - und Amtsblatt für den Kreis Gieße n". Mit diesem Jahre wurde das Format auf 27:40 Zentimeter ausgedehnt. Am 1. Januar 1868 wurde der Vertrag über die Veröffentlichung der kreis­amtlichen Bekanntmachungen an der Spitze des Blattes, später, geschlossen gruppiert, an der Spitze des Anzeigenteils, weiterhin gesondert als Kreis­blatt bzw. als Amtsverkündigungsblatt für den Kreis Gießen.

Den großen Ereignissen der Jahre 1870 und 1871 widmete dieGießener Anzeiger" fortdauernd seine Aufmerksamkeit. Längst hat die Geschichts- wisienschaft anerkannt, daß für sie die Zeitungen als wichtiges Quellenmaterial in Betracht kommen, das gilt, wie im Obigen schon angedeutet wurde, auch für denGießener Anzeiger". Seit 1870 er­schien das Blatt täglich mit Ausnahme des Mon­tags, eigentlich mit Ausnahme des Sonntags, weil jede Nummer um einen Tag vordatiert wurde. Aber noch im Jahre 1872 fehlen die Nachrichten aus Stadt und Land, 1880 tauchen sie auf, aber immer noch spärlich. In diesem Jahre wird noch wie einst in der Zeit, da die Kleinstadt noch von Wällen umschlossen war, regelmäßig mitgeteilt, welcher Bäcker mit dem Frischbacken an der Reihe ist. ym Jahre 1889 wird das Format auf 32:46, 1901 auf das jetzige Format, nämlich 32:48 Zenti­meter ausgedehnt.

Nachdem Friedrich Christian Pietsch ver­storben war, zeichnen seit 1895 als Drucker und Verleger PietschLScheida, seit 1898 Pietsch Erben. Am 1. Mai 1898 übernahm der jetzige Verleger Richard Lange, der Schwiegersohn von Friedrich Christian Pietsch, das Geschäft und zeichnete seit 1904 als Drucker und Derleger; die alte FirmenbezeichnungBrühl'sche Unioer- litäts-Buch- und Steindruckerei" ist oeibehallen.

Im letzten Vierteljahrhundert hat das Blatt einen bedeutenden Aufschwung genommen. Die unterhaltende BeilageGießener Familien- blätter", die schon seit vielen Jahren besteht, in der Nachkriegszeit jedoch für kurze Zeit ein­gegangen war, erfreut sich jetzt wieder besonderer Pflege. Seit dem 1. Oktober 1924 erscheint Die Bei­lageHeimat im Bild" und seit dem 1. Februar 1925 die landwirtschaftliche Beilage Die Scholle".

Derufsredakteure hat das Blatt seit Herbst 1899, vorher haben die Verleger, beziehungsweife Drucker auch die Redaktionsaroeit besorgt. Unter den Schriftleitern seien die Namen Paul Wittko, August Götz, Ernst Heß, Dr. Karl Neurath, Otto Braun und Dr. Reinhold Zenz genannt.

Es ist ein weiter Weg, den unser Volk vom Jahre 1750 bis zum Jahre 1925 zurückgelegt hat. In diese Zeit fällt der Aufschwung des deutschen Geistes, die nationale Erstarkung unseres Volkes und sein technischer Aufstieg. Demgemäß hat auch das Gießener Blatt sich gewandelt. Es ist ein großer Unterschied zwischen demGiesser Wochen­blatt auf bas Jahr 1750" und der inhaltreichen, vielseitig ausgestalteten Zeitung, die uns heute in das Haus gebracht wird, und die als ein guter Freund in so vielen, vor allem oberhessischen Häusern erscheint. Mögen sich die Schicksale unseres Volkes im nächsten Vierteljahrhundert so gestalten, daß auch derGießener Anzeiger" in seiner er- fteulichen Dorwärtsentwicklung weiterschreitet!

________ Giehener Anzeiger .

Heimat und Heimatzeitung.

Die Brühl'sche Unioersitäts-Buch. und Steindruckerei begeht in diesem Jahre die 175-Jahrfeier des Gießener Anzeigers, lieber fast zwei Jahrhunderte erstreckt sich die Wirkung dieser für Oberhessen so be­deutungsvollen Zeitung. Gewaltige Siriege, glückliche Friedenszeiten, Auf- und Nieder­gang des Vaterlandes, Nöte aller Art, Teuerungen, Mißwachs, gute und schlechte Ernten, alles was das oberhessische Volk in dieser langen Spanne Zeit erlebte, spiegelte sich in den Berichten des allbe- kannten Gießener Anzeigers. Im Kampf gegen Unkenntnis und Aberglauben, in der Förderung des Gemeinsinns, in warmer Liebe zum engeren und weiteren Vater­land war er ein getreuer Freund und Rat­geber seiner Leser.

In ruhiger Zuversicht möge der Gieße- ner Anzeiger auch künftighin feinen Beruf erfüllen."

Diese anerkennenden Worte, die dem Gießener Anzeiger bereits am Anfang dieses Jahres von her- vorragender Wirtschaftsseite in Hessen in einer Glückwunschadresse ausgesprochen wurden, umreißen in ar"ßen, scharf markierten Strichen die vielseitigen Aufgaben einer Zeitung, deren hohes Ziel es ist, ein Heimat- und Prooinzblatt im besten Sinne des Wortes zu fein. Und höchst wertvoll ist diese Anerkennung den Männern an der Spitze des Blattes, denen die Verkündung des gedruckten Wortes eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit ist, nicht nur vor dem Gesetz und den Mitmenschen, son- dem auch vor dem eigenen Gewissen, den Männern, die täglich aufs neue empfinden, wie groß und schwer, aber auch wie schön ihre Aufgabe ist, Führer und Helfer, Berater und Diener, Mittler und Mahner für unser Volk, für die Heimat zu sein.

Die siebente Großmacht, wie die Presse gemein­hin oft bezeichnet wird, hat schon vor dem Kriege auch in Deutschland eine hervorragende Rolle ge­spielt. Auf allen Gebieten unseres Volkslebens hat sie sich in ihrer überwiegenden Mehrheit stets um die Interessen von Volk und Vaterland bemüht, auch dann, wenn sie die scharfe Waffe der Kritik führte. In den schweren Kriegsjahren ließ sich die Presse, ebenfalls in ihrer großen Mehrbeit, die Ver­teidigung der vaterländischen Interessen und der deutschen Ehre gegen eine Welt von offenen und versteckten Feinden ganz besonders am Herzen liegen, warb sie unausgesetzt bei den Volksgenossen darum, alles zu tun für die Rettung der schwer de- drohten Heimat vor dem Vernichtungswillen der Feinde. Eine starke Erweiterung ihres Aufgaben» kreises erlebte die Presse in den Nachkriegsjahren. Die geistige und wirtschaftliche Bedrängnis weitester Dolkskreise stieg immer höher, und damit wuchsen die Aufgaben der Presse, zu deren Lösung sie mit be­rufen war und heute noch ist, in vielfach ungeahntem Ausmaß. Man denke nur an die schwere Inflations­zeit zurück, und an die Ansprüche, die damals von den Lesern in vielerlei Hinsicht an die selbst schwer ringenden Zeitungen gestellt wurden. Oder man halte sich die Tatsache vor Augen, daß viele Volks- genossen infolge der Inflationskatastrophe bis heute und bedauerlicherweise auch wohl noch auf längere Zeit hinaus nicht mehr tn der Lage sind, als Käufer von guten Büchern sich zu betätigen, oder z. B. als Landwirt, Viehzüchter, Kleingärtner ober als Haus- frau eine gediegene Zeitschrift zur Beratung und Fortbildung in ihrem Tätigkeitsfeld zu beziehen. Auf diesen und noch mancherlei anderen Gebieten, deren

Jubiläums-Ausgabe______________

und im edelsten Sinne Heimatzeitungen sein, die sich bet vollster Berücksichtigung der Tages­ereignisse aus allen Teilen der Welt die Pflege des Heimatsinns und des bobenftän- digen unverfälschten Volkstums mit seinen hohen Idealen zur ganz besonderen Pflicht machen. Schließlich ist noch die große Masse der kleinen Lokalblätter zu erwähnen, die ausschließlich den Interessen ihrer Heimatstadt und deren aller­nächster Umgebung meist in rein referierender Weise zu dienen bestrebt sind und bei dieser Arbeit zweifel­los oft recht verdienstvoll wirken.

Im Hinblick auf die hohe Bedeutung der Pro- vinz-Heimatpresse für breite Kreise der Volksgemeinschaft, für die Erhaltung und die Wiedererstehung eines unverfälschten, unverbildeten und heimatfrohen deutschen Volkstums sei der Tätig, feit dieser Zeitungen an dieser Stelle besonders gedacht. Das ausgesprochen auf Pflege des heimat­lichen Volkstums eingestellte Provinz-Heimatblatt muß in der Schnelligkeit der Berichterstattung über alle Öffentlichen Vorgänge und, soweit erforderlich, in der Stellungnahme dazu selbstverständlich Schritt halten mit den übrigen Tageszeitungen. Es muß seine eigene Stellungnahme zu den Ereignissen bekunden, nicht etwa Nachbeter der von anderen, vielleicht sogar von Unverantwortlichen ausge­sprochenen ober gern gesehenen Meinung sein. Wenn dieses Blatt mit dem offenen Bekenntnis feiner eigenen ehrlichen Absicht gelegentlich auch hier ober da keine volle Zustimmung oder gar eine glatte Ablehnung findet, fo ist das noch immer nicht so schlimm, als wenn der Leser zu dem Schluß kommen muß, das Blatt habe ja überhaupt keine Meinung, es gebe eben anderer Leute Ansicht als.die [einige aus, oder es habe nicht den Mut, offen und ehrlich zu fagen, wie es über diese ober jene Frage benfe. Das Provinz-Heimatblatt muß ferner bie verschie­denen geistigen Strömungen und die wirtschaftlichen ober heimatpolitischen Vorgänge in seinem Wir­kungskreis mit größter Sorgfalt verfolgen unb alle Ereignisse unb Absichten in erster Linie nach den wohlerwogenen Interessen des Heimatgebietes, frei von allen Sonberintereffen, bewerten. Es soll weiter- hin anregenb nach ben verschiebensten Richtungen wirken, soll stets auf bie wirtschaftliche und kulturelle Hebung seines Gebietes bedacht fein und mit geeig­neten Vorschlägen zum rechten Zeitpunkt nicht zu- rückhalten, dabei auf den versöhnlichen Ausgleich der widerstrebenden Interessen hinwirken, nicht etwa eine Verschärfung der Gegensätze fördern. Stärkstes Einfühlen in die Denkart und die Stim­mung der Bevölkerung ist für eine solche Zeitung notwendig, wobei aber bie freie, lebiglich von sachlichen Gesichtspunkten bestimmte e i g e n e M e i - nungsbilbung nicht verloren gehen bars. Warmherziges Derstönbnis für Land unb Leute unb beren bobenftänbige Eigenart muß ein Hauptgesetz fein. Liebevolle Pflege bes heimatlichen Volkstums, wie es ganz befonbers in den Sitten und Gebräuchen des Landvolkes so lobenswert zum Ausdruck kommt, die Erhaltung, Erweckung und Vertiefung der Liebe zur heimatlichen Scholle durch Wort unb Bilb, sorg- fällige, von bem Grunbsatz unbebingter sittlicher Reinheit unb Ehrfurcht vor bem geschichtlich Ge- roorbenen geleitete Auswahl ber Unterhaltungs» lektüre, bie aber trotzbem in lebenbigftem Zu- lammenhang mit bem Schritt ber Zeit stehen muß, finb weitere vornehme Verpflichtungen einer Gel­tung, bie auf ben EhrentitelHeimatblatt ber Provinz^ Anspruch erhebt. Ein solches Blatt soll seinen Beziehern aber auch ein Ratgeber in ben mannigfaltigen Schwierigkeiten unb Bebrängnissen bie,er Zeit sein. Soweit es ihm irgenbroie möglich ist, muß es sich bestreben, burch bie Aufsätze In

Der Reichsminister des Innern, Herr Schiele, M. d. R.

Gerne nehme ich Veranlassung, dem Gießener Anzeiger zu seinem 175. Geburtstage meine wärmsten Glückwünsche auszusprechen. Fleiß und Tüchtigkeit, verbunden mit aufrechtem Heimatsinn, haben das Blatt in seiner langen Geschichte trotz aller schweren Zeiten, die es durchlebte, zu einem treuen und erfolgreichen Vorkämpfer bester deutscher Gesinnung und ehrlichen deutschen Kulturwillens gemacht. Gerade die vom Gießener Anzeiger mit besonderem Eifer gepflegte Ausbreitung und Vertiefung des Heimat­gedankens ist die Grundlage aller nationalen Kultur, denn in der engeren Heimat lernen wir unser großes Vaterland am besten lieben. Mit beiden Füßen auf der Heimat­erde stehend, aber das Ziel über sich suchend in solcher geistigen Einstellung leisten wir das Beste, was wir unserem deutschen Vaterlande geben können.

Mögen diese Gedanken auch weiterhin für das Blatt richtunggebend sein, dann wird es an seinem Teile dazu beitragen, alle guten Kräfte zum Kampfe für die nationale Erneuerung und den wirtschaftlichen Wiederaufbau wachzurufen und zu stärken.

Auszählung im einzelnen hier zu weit führen würde, sind zahlreiche Tageszeitungen, darunter auch ber Gießener Anzeiger, in Erkenntnis eines schweren öffentlichen Notstanbes in bie Bresche gesprungen unb haben ihren Pflichten kreis ausgebehnt, um bem Not tanb weiter Beoölkerungskreise nach besten Krä ten entgegenzuwirken. So hat bie beutsche Pre se in großer Gesamtlinie betrachtet im Dienst an Volk unb Vaterlanb bisher stets mit in vorberster Linie gestanben, unb so wirb sie bas in ihrer großen Mehrheit auch künftig tun in bem Bewußtsein, burch bie Eigenart iyrer Stellung im Volksleben zuerst mit berufen zu sein zur Wahrung unb Förberung ber großen ibeellen Güter unseres Volkes unb zur Verbesserung ber wirtschaftlichen Lage aller seiner Glieder.

Je nach ber Stellung unb bem Wirkungskreis ber einzelnen Zeitung wirb natürlich ber Aufgaben­bereich verschieben fein. Die große politische Presse unb bie ausgesprochenen Parteizeitungen machen sich bie Reichs-, fiänber- unb Weltpolitik zum ganz besonberen Felbe ihrer Arbeit. Ein neuer Typ ber Großstabt-Presse betätigt sich gleichfalls auf bem Gebiete ber Politik, mibmet sich aber boch vor- nehmlich bem Nachrichtenbienst über Tagesereignisse in aller Welt unb bem allgemeinen Unter- Haltungsstoff, wobei leiber gar zu oft unb zu weit- gehenb ber üblen Sensationssucht unb anberen un­angenehmen Eigenschaften eines gewissen Großstabt- puolikums Rechnung getragen wirb. Manche mittlere Provinzzeitunaen gehen benfetben Weg, nur in etwas eingeschränktem Maße, anbere roieber er­blicken ihre Aufgabe in ber entschiebenen Abkehr von biefen Gepflogenheiten unb in ber betonten oertiefenben Einwirkung auf ihren Leserkreis; diese Provinzzeitungen wollen bewußt

seinem Hauptteil, ober aber in besonberen Beilagen, wie z. B.Die Scholle" bes Gießener Anzeigers, burch Fragekasien unb begleichen Rcttsuchenben in zuverlässig hestenber Weise an bie Hanb zu gehen, wobei es sich natürlich nicht barum hanbeln kann, etwa in Rechtssachen so eine Art Kurpfuscherei zu treiben, bei ber letzten Enbes ber Ratsuchenbe selbst in schlimmster Weise bie Zeche zu zahlen hätte. Ferner muß bie Förberung ber Vereine für Leibes- Übungen aller Art unb bamit Hanb in Hand die Arbeit an unserer Jugend ein wichtiges Aufgaben­gebiet ber Zeitung sein, unb ebenso aufmerksam ist darauf zu achten, daß die Interessen und Wünsche ber Frauenwelt gebührenbe Berücksichtigung finben. Enblich als strengste Richtschnur für alles Hanbeln: unbebingte sittliche Reinheit auch in ber Tages- Berichterstattung aus allen Gebieten, vornehme, sach­liche Kampsesweise im Streit ber Meinungen unb größte Gewissenhaftigkeit. Auch in biefer Hinsicht heißt es, praktisch-positive Arbeit zur Wiebergesun- düng unseres Volkes zu leisten.

Provinz-Heimatzeitungen, die nach diesen Grund­sätzen geleitet werden, erfüllen eine hohe Mission im Dienste ihres Verbreitungsgebietes und darüber hin- aus auch bes ganzen Vaterlanbes. Wie ber Gieße­ner Anzeiger Dem hohen Ziel, bas er sich gesteckt hat, bisher gerecht geworben ober nahegekommen ist, barüber enthalten w i r uns eines Urteils. Aber versichern wollen wir, baß es immer unser Be­streben sein wirb, im Sinne ber vorstehenben Richt- linien ben Gießener Anzeiger weiterzuführen als ein Heimatblatt für Oberhessen unb bas mittlere Lahngebiet, als ein arbeltsfreublger, hilfsbereiter Förberer zum Wohle ber engeren Heimat unb ihrer Bewohner, als ein Wächter unb Derteibiger ihrer Kultur unb geschichtlichen Eigenart.

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Urgeschichtliches aus Ober­hessen.

Don Dr. Otto Kunkel, Kustos ber Provinzial- Sammlung pommerscher Altertümer, Stettin.

Es ist noch gar nicht so lange her, ba staunte ber Landmann, wenn er auf seinem Acker Steine von seltsamer Form in Gestalt von Beilen ober Hämmern fanb, manchmal sogar mit künstlich gebohrtem Schaftloch, Gebilde jedenfalls, wie sie die Natur allein nicht gejdjaffen haben konnte. Mehr noch wunderte er sich, wenn (ein Pflug etwa Ge­fäße zutage förderte, die offensichtlich verbrannte Knochen enthielten. DerDonnerkeil", meinte man, sei im Blitz zur Erde gefahren als Geschoß des Gewittergottes man bewahrte ihn daher sorglich als Talisman und Glückszauber gegen mancherlei Gefahren unb Nöte des Lebens. Don Wesen der Tiefe sollten die irdenen Töpfe herrühren, böse Geister arme Menschenkinder zerhackt und ihre Ge- deine hineingefüUt haben. Und als die Gelehrten längst schon bei denWilden" in Ueberfee sich ab- gefeben hatten, daß solche Bodenfunde von ben Vorfahren stammen müßten, aus früheren Stufen europäischer Kultur, gingen immer noch mancherlei Sagen um über bie Herkunft biefer Dinge, über tpre geheimnisvolle Bebeutung unb ihre übernatür­lichen Kräfte.

Jetzt freilich wirb schon in ben Schulen oft recht ausführlich von jenen Zeiten gelehrt, in benen noch fein Gebrauchsmetall bekannt war, wie man sich ftatt dessen vor allem des Steines bediente, wie um 2000 vor Christus bie Kupfer-Zinnmischung Der Bronze bekannt wurde, unb enblich das Gifen gar erst weitere 1000 Jahre später. So weiß Ijeute wohl jeder, daß längst vergangene Geschlechter auch unserer Heimat allerhand Geräte, Waffen Schmuckfachen, Gesäße mit Speise und Trank den Verstorbenen auf die weite Reise zum Totenland mit ins Grab gegeben haben, daß andere Funde wiederum auf alte Siedlungen deuten, manches auch zutage kommt, was in Zeiten ber Not ver­borgen, Gottheiten geopfert ober auch einmal von einem ganz Vorsichtigen aus Mißtrauen gegen bie Freigebigkeit ber Anoerwanbten versteckt worben ist, weil er sich fürs Künftige sichern wollte. Wenn nicht bie Bobenfunbe wären, aus benen bie Wissen- schäft so mancherlei herauszulesen vermag, könnten wir uns nicht bie geringste sichere Vorstellung über die Vergangenheit machen, von benen noch kein Schriitwort berichtet, weil bamals noch niemanb schreiben konnte.

Bis in bie Eiszeiten, wo weite Teile Europas von berghohen Gletschern beberft waren, führen uns bie ältesten Reste zurück, die hierzulanbe vom Dasein bes Menschen unb von ben Anfängen seiner Kultur erzählen. In Höhlen an ber Lahn, neuer- bings vor allem unter Quarzitschollen ber Hänge des Lumbatales, bei Mainz unb anberwärts mehr bat man Geräte aus Stein unb Knochen, Herb- unb Arbeitsstellen von Zeitgenossen bes Mammuts unb der übrigenvorsintflutlichen" Tiere gefunben.

Diel reichlicher begegnen uns bie Denkmäler aus ber jüngeren Steinzeit, wo Ackerbau unb Vieh­zucht schon weitergehenbe Seßhaftigkeit ermöglichten: nach Tausenben zählen bie Steinbeile, bie Hämmer, Hacken unb mächtigen Pflugkeile, bie in unserem Gebiete bekannt geworben finb. In jeber Dorf- aemarfung ber Wetterau lassen sich auf ben frucht­baren Aeckern alte Sieblungsplätze feftfteUen: bunfle Flecken mit Scherben, Hüttenlehmbrocken, Kohlen unb sonstigen Kulturspuren. Unmittelbar babel ober gar mitten in ben Gehöften kommen manchmal bie Skelettbestattungen unb bie kleinen Sranb» gröber jenes steinzeitlichen Bauernvolkes zutage, besten Wanberwege wir an ben Funben bis in bie Donaulänber zurückverfolgen können. Aber auch anbere Stämme finb bei uns bezeugt: Grabhügel, Grotzstein- unb Flachgräber mit eigenartigen Bei­gaben fünben von Horben, bie aus Thüringen, vom Norbwesten unseres Vaterlanbes unb von jenseits bes Rheines zu uns gekommen finb. Manches babei läßt uns ahnen, wie im Laufe ber Steinzeit aus verschiebenen Bestanbteilen ein ziemlich einheitliches Volkstum erwachsen ist, bem bie Wissenschaft ben Namen ,Lnbogermanentum" gegeben hat.

Grabhügel in unseren Bergwälbern finb zahl­reich als Denkmäler bronzezeitlicher Vorfahren nachgewiesen: eine Klimaschwankung regte wohl bas Verkästen bes offenen Gelänbes, ber zuerst be­nebelten, jetzt ausgetrockneten Steppen an, erzwang unb ermöglichte bas Bevölkern ber bisher gemte- benen Forsten mit ben feuchteren Wiesentälchen. Hänbler brachten Bronzewaren in Tausch: Sam­bach, Homburg, Linbenstruth, Ockstabt, Rockenberg, Steinborf beispielsweise finb bekannt als Funborte von Gegenständen, die hier, wohl im Augenblicke drohender Gefahr, von Erzgießern oder Kauf­leuten verborgen worben finb. Schon bamals waren unsere natürlichen Straßen wichtige Derkehrsabern, wenn auch bie bescheibenen Jäger unb Hirten unseres ßanbes längst nicht ben Wohlstanb erreicht haben wie etwa bie Germanen im Ostseegebiete.

Um 1000 vor Christus werben bie Wölber roieber öbe, ber Ackerbau im freien Gelänbe blüht wieder auf, gepflegt von einem Volke aus Südost­europa, dessen Namen wir noch nicht kennen, das aber mit ben alten Griechen uroerroanbt ist. Wir nennen es in ber Wissenschaft nach ben Urnen- gräbern, bie es uns hinterlassen hat: in schier un­übersehbarer Menge finb bie großen Gefäße mit ber Leichenasche unb ben vielen Töpfchen, Schüsseln, Schalen, Tellern, Tassen für Speise unb Trank auf ben Felbern schon ans Licht geförbert worben meist leiber vom Pfluge zertrümmert ober von Menschen zerschlagen, bie nicht rasch genug an bie Goldstücke gelangen konnten, die sie in ihrer Einfalt darin vermuteten, bie sich aber nach manchen Märchen, weil bie Schatzgräber ben Munb nicht halten konnten bis jetzt immer rasch in wertlose Kohlen unb verbrannte Knöchleinverwanbelt" haben.

In großen Hügelgröberfelbern haben bie Leute ber älteren Eisenzeit, ber Zeit zwischen 1000 und 500 vor Christus, bie Reste ihrer Toten beigesetzt. Die Grabbeigaben lassen auf ein behäbiges Bauern­tum schließen boch längst nicht so reich, wie bie Sieblungen in Osteuropa, befonbers bei Hallstatt, bem uralten Bergwerksbezirke, ber biefer Kultur- periobe ben Namen gegeben hat: Bei Allenborf an ber Lahn, bei Gießen in ber Linbener Mark, bei Lich, Höchst a. b. Nibber, Muschenheim, Weber- mockstabt unb bei vielen anberen Orten liegen wich­tige Friebhöfe biefer Zeit weit mehr noch sinb ben vielen Kultureingriffen längst zum Opfer ge­fallen. Gegen bie Mitte bes Jahrtausends, zu Be­ginn ber nach Funben am Neuenburger See ge­nannten La-Töne-Zeit taucht erstmals eine Bevöl­kerung bei uns auf, ber man mit einiger Sicherheit einen geschichtlichen Namen geben kann: Kelten, aber mit mancherlei Einschlägen vom Germanen«