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Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe
Erstes Blatt
Der Gießener Anzeiger im Wanvel der Zeiten.
Von Heinrich Bechtolsheimer.
Zu den ältesten Zeitungen des Volksstaates ; Hessen gehört der „Gießener Anzeiger". Im Jahre 1738 erschien zum erstenmal in Darmstadt ein Blatt, das sich „Darmstädtisches Frag- und Anzeigungsblättchen" nannte und später zu dem heute noch bestehenden „Darmstädter Tagblatt" geworden ist. Der „Gießener Anzeiger", der im Jahre 1750 erstmalig erschien, nimmt zeitlich unter den hessischen Zeitungen die zweite Stelle ein. Wie Prälat D. Dr. Diehl m den „Gießener Familienblättern" bereits im Jahre 1909 (Nr. 110) mitgeteilt hat, so reichte der Gießener Buchhändler Johann Philipp Krieger im Dezember 1748 bei dem Landgrafen Ludwig VII. ein Gesuch ein, in dem er um die Genehmigung zur Herausgabe eines Wochenblattes bat. Geraume Zeit verging, bis die Genehmigung eintraf. Erst, nachdem die Regierung und die Universität zu Gießen gehört worden waren, erklärte man sich in Darmstadt mit dem Vorschläge Kriegers ein- verstanden, und am 3. Juni 1749 wurde ihm die Konzession erteilt. Natürlich konnte für das Jahr 1749 ein Erscheinen des Blattes nicht mehr in Frage kommen.
Der erste Herausgeber des Blattes — zunächst ist nur der Jahrgang 1750 erschienen —, war der Professor der Philosophie und Mathematik Andreas Böhm, die meisten Artikel dieses Jahrgangs haben auch ohne Zweifel ihn zum Verfasser. Der Mann, der die Anregung zur Gründung gegeben hat, war Krieger. Ueber ihn unterrichten uns zunächst die Kirchenbücher der evangelischen Kirchen- gcmeinde. Im Sterbeprotokolle des Jahres 1775 heißt es, daß am 25. Mai des genannten Jahres verstorben und am nächsten Tage beerdigt worden sei „Herr Johann Philipp Krieger, Univeksi- tätsbuchhändler allhier, weiland Herrn Johann Philipp Kriegers, Hochfürstlich Weisenfelsischen Capellmeisters tn Weisenfelß und Frau Rosina Helena, gebohrner N i c o l a i n , hinterlassener Sohn. Seines Alters 82 Jahre, 2 Monate, 20 Tage." Krieger war somit am 5. März 1693 geboren. Wie der Direktor der Universitätsbibliothek, Professor Dr. Karl Ebel, dem wir so viele gründliche und interessante Darstellungen aus der Geschichte der Stadt Gießen verdanken, festgestellt hat („Der Gießener Anzeiger. Die älteste Zeitung Gießens", Gießener Anzeiger, 1900, Nr. 4—7), kam Krieger 1724 von Frankfurt a. M. hierher. Darauf deutet auch der Umstand, daß viele der Paten seiner elf Kinder Einwohner der Stadt Frankfurt waren. Krieger war von 1724 bis 1737 auch Marburger Universitätsbuchhändler. In unseren Kirchenbüchern wird er zunächst „Buchführer" genannt, das ist eine alte Bezeichnung, die Gustav Freytag in seinem Roman „Markus König" aus den Buchhändler Hannus anwendet, der im Reformationszeitalter sein Geschäft treibt. Später wird er Buchhändler, seit 1732 Universitätsbuchhändler oder auch „Buchhändler bey löblicher Academie allhier" genannt. Sein Haus lag in der Wallpförter, also in der heutigen Walltorstraße. Wer der Drucker des ersten Jahrgangs gewesen ist, kann nicht mehr mit Sicherheit festgestellt werden. Da aber der Jahrgang 1764 von dem „Canzley-Buchdrucker" Johann Christoph Schröder, in dessen Geschäft später auch der Verlag überging, gedruckt wurde, so ist anzunehmen, daß Schröder auch den Jahrgang 1750 gedruckt hat.
Das Blatt trug ursprünglich den Titel „Giesser Wochenblatt auf das Jahr 17 50 mit Hochfürstlich Hessen-Darm städtischer^ gnädigster Erlaubnis". Mehrere Male wurde im 18. Jahrhundert der Titel geändert, 1777 hieß es zum letztenmal „Wochenblatt", um so merkwürdiger ist, daß im Dolksbewuhtsein bis auf diesen Tag die ursprüngliche Bezeichnung geblieben ist, \ alte Gießener sprechen heute noch, wenn sie den - längst zu einer inhaltreichen und bedeutsamen deutschen Leitung gewordenen .Gießener Anzeiger" meinen, vom „Wochenblättchen". Unter dem Titel der für den ganzen Jahrgang bestimmten Titelseite ist ein kleines Bild zu sehen, es stellt dem Ge- schmacke der damaligen Zeit entsprechend einen griechischen Tempel dar, in dessen Giebel zu lesen ist: Deo et proximo (Gott und dem Nächsten). Sehr klein unÄ bescheiden komtuns Modernen, auch wenn unsere deutschen Zeitungen nicht immer das Riesenformat ihrer amerikanischen Kolleginnen auf- weisen, das Aeußere des Blattes vor; es hatte das Format 17:22 Zentimeter und behielt, was dem Laien merkwürdig erscheinen mag, was aber in der damaligen Technik begründet war, dieses Format durch volle siebzig Jahre bei.
Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß eine umwälzende Aenderung im Druckwesen sowohl im Format als auch in der Schnelligkeit des Druckes erst mit der Erfindung der Schnellpresse im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts vor sich ging, werden wir es begreiflich finden, daß beim Druck auf der Hand- presse bis dahin keine wesentlichen Veränderungen in der Größe des Blattes vorgenommen werden konnten.
Die erste Nummer ist datiert Gießen, den 2. Dezember 1749. Sie enthält eine Vorrede an den „geneigten Leser". Das Blatt, so wird hier gesagt, soll jeden Dienstag erscheinen. „Den mehrstcn Raum werden kurzgefaßte Gedanken über gemeinnützige und auserlesene Vorwürfe erfüllen." Es sollen Betrachtungen aus der Weltweisheit, der Gottes- und Rechtsgelahrtheit, der Arzneiwissenschaft, außerdem Uebersetzungen und Gedichte gebracht werden. Ferner sollen die in Gießen er- scheinenden Schriften und Programme besprochen, die Polizeioerordnungen abgedruckt und die Frucht- und Marktpreise mitgeteilt werden. Das Blatt war also zunächst ein wissenschaftliches Blatt nach Art der damals erscheinenden „moralischen Wochenschriften". Keineswegs dürfen wir uns unter diesem alten Gießener Wochenblatt eine Tageszeitung nach modernem Muster vorstellen. Heute will der Zeitungsleser über die neuesten Vorgänge in der Politik, üoerhaupt über alles, was in Stadt und Land vorgeht, unterrichtet sein, und zwar sehr rasch unterrichtet sein. Bis hinein in das 19. Jahrhundert haben nur wenige Zeitungen Lokalnachrichten ge- bracht, über die Vorgänge in Petersburg und Paris, euch wenn sie um Monate zurücklagen, haben sie weit mehr geschrieben als über die Vorgänge im eigenen Lande. Die erste Nummer des „Wochen- blattes* brachte einen Artikel „Ueber die Wichtigkeit gering scheinender Handlungen" und zeigte Schriften des Professors der Theologie Johann Hermann Benner an, darunter eine mit dem merkwürdigen Titel,^)errnhuterey in ihrer Schalk- heit". Die erste Anzeige, die das Blatt ausgenommen hat, rührt von einem Kandidaten der Rechtswissenschaft her, der sich als Hofmeister für junge „Cava- liers" empfiehlt. Nummer 2 bringt einen Artikel „Don den wahren und falschen Geistern , die Ueber-
setzung einer Horazischen Ode und eine Abhandlung über die Hornviehseuche. Dergleichen Artikel mit praktischer Abzweckung sind in der Folge sehr ost erschienen. Interessant ist es, wenn in einem Artikel über Kindererziehung bemerkt wird: „Die Zucht eines jungen Frauenzimmers muß hauptsächlich ihre Sitte zum Vorwurf haben. Sie müssen eingezogen gehalten werden, des Abends dürfen sie nicht der Trommel nachlaufen, noch weniger bis in die späte Nacht bey jungen Mannspersonen allein sitzen."
Aber das Bedürfnis, geistige Nahrung einem einheimischen Wochenblatte zu entnehmen, scheint bei dem Gießener Publikum gering gewesen zu sein. Schon am Ende des ersten Halbjahres mußte Krieger erwägen, ob er das Blatt nicht eingehen lassen solle, da es sich nicht viele Freunde erworben hatte und von vielen geringschätzig „der Zettel" genannt wurde. Am Ende des Jahres hatte sich der Leserkreis so verringert, daß das Blatt tatsächlich einging. Auch der Herausgeber, dem nur wenige Beiträge zugmgen, scheint den Mut verloren zu haben.
Erst mit dem Jahre 1764 ist das Weitererscheinen des Blattes wieder nachweisbar, es trägt nun den Titel „G i e s i s ch e wöchentlich- gemeinnützige Anzeigen und Nachrich- t e n". Interessant ist, daß schon damals die Gattung von Menschen blühte, bk den Redaktionen gern ein „Eingesandt" übermitteln. So bringt die Nummer vom 11. September 1764 folgende „eingeschickte Aufgabe": „1. Sind wohl die neueste Art von Pariser Frauenzimmerhauben, welche man Dormis nennt, in einem teutschen wohleingerichteten Lande zu dulden? 2. Kann wohl ein Frauenzimmer, dem die Natur ein schönes Gesicht gegeben, ohne Verletzung ihres Gewissens diese Art von Hauben tragen? 3. Welcher Art von Gesichtern soll man diese natürliche Art von Hauben zu tragen erlauben?" Man ist oft geneigt anzunehmen, daß es im 18. Jahrhundert noch kein deutsches Nationalgefühl gab, die hier mitgeteilte erste Frage belehrt uns eines anderen. Nun werden auch die „Ein- und Auspassierten" mit Namen angeführt, das waren die Fremden, die durch die Tore der Stadt ein- und auszogen und von den Torschreibern genau registriert wurden. Die Neugier der Kleinstädter mag sich auf diese Mitteilungen gerichtet haben, heute sind sie nicht ohne geschichtliches Interesse.
Es ist nicht bekannt, wer in diesen Jahren das Blatt leitete, es muß dies aber ein Mann gewesen sein, der geistig regsam war. Die Jahrgänge 1764, 1765, 1766 und 1771 enthalten wertvolle Arbeiten aus dem Gebiete der Lokalgeschichte. Im Jahrgang 1765 wird eine interessante Beschreibung des Oberamtes Gießen veröffentlicht, und der Jahrgang 1771 enthält wertvolle Beiträge zur Gießener Kirchengeschichte, so eine Arbeit über die Entstehung der Burgkir^e und eine andere über die älteste Geschichte der evangelischen Gemeinde Gießen.
Nach dem Tode Johann Philipp Kriegers übernahmen seine beiden Söhne Justus Friedrich (getauft am 3. November 1740) und Johann Christian Konrad Krieger (geboren am 26. April 1747) das Geschäft des Vaters. Dieses Zusammenarbeiten währte nur vier Jahre. Johann Christian zog im Jahre 1779 als Universitäts-Buchhändler und -Drucker nach Marburg, blieb aber der Verleger des Gießener Blattes. Auch Johann Christian
Stadtkirche nach alter Weise als „Pankratiuskirche" bezeichnet wird. Dienstnachrichten, Marktpreise, verlorene Gegenstände, Versteigerungen, Neuerscheinungen im Buchhandel bilden ständige Rubriken. Häufig erscheinen Artikel aus dem Gebiete des Ackerbaus, der Forstwirtschaft und der Hauswirtschaft, so finden wir Arbeiten über die Naturgeschichte der schädlichen Waldraupen, über die Pflanzung von Wasserweiden, über die Anlage des Spargels. Ueberhaupt ist der Inhalt nun wieder reicher geworden, in einer interessanten Zusammenstellung werden sämtliche Gießener Rektoren der Universität seit 1607 aufgezählt. Im Jahrgang 1799 erscheinen auch wieder Artikel lokalgeschichtlicher Art, so Artikel über eine Lahnüberschwemmung im Jahre 1552 und über außergewöhnliche Hitze im Jahre 1614. Die Belehrung über landwirtschaftliche und hauswirtschaftliche Fragen geht weiter, es wird geschrieben über den Bau von Steckrüben und das Branntweinbrennen, ein Beweis dafür, daß die Einwohner der Stadt Gießen damals nebenher Landwirtschaft trieben. Von den großen Weltereignissen der Zeit wird in keiner Weise geredet, das Blatt war also nichts weniger als aktuell im modernen Sinne. Gedichte werden höchst selten abgedruckt, ein Beweis, daß der Herausgeber ein kluger und vernünftiger Mann war, es ist auch heute noch so, daß an dem Abdruck von Gedichten in Zeitschriften und Zeitungen oft nur einer Interesse hat, nämlich der Dichter selber.
Genau mit dem Ende des 18. Jahrhunderts gab Johann Christian Krieger den Verlag auf, ein Nachfolger sand sich nicht, so entschloß sich die Gießener Fürstliche Polizei-Deputation, die erfreulicherweise Verständnis für die Presse hatte, auch wenn diese noch so bescheiden in die Erscheinung trat, die Hand über das Blatt zu halten. Unter ihrer „Autorisation und Leitung" übernahm die Schröders che Regierungs-Buchdruckerei den Druck und Verlag, das Blatt erhielt nun den Titel „Giesser Anzeigungs- Blättchen".
Der neue Verleger Johann Christoph Schröder, der in unseren Kirchenbüchern als „Hochfürstlicher Hessen-Darmstädtischer Cantzley- Buchdrucker" bezeichnet wird, war der Sohn eines Bäckermeisters aus „Biberau" (vermutlich Groß- Bieberau). Am 11. Juni 1751 hatte er sich mit Charlotte Friederike Müller, der Tochter des Kaiserlichen Notars und „Hochfürftlich Hessen- Darmstädtischeu Cantzlen-Buchdruckers" und Buchhändlers Müller von yier verheiratet, er wurde am 18. Dezember 1789 zu Grabe getragen, er starb, so meldet das Kirchenbuch, im Alter von 73 Jahren „an der Auszehrung". Nach seinem Tode übernahm fein Sohn Rudolf Wilhelm Ludwig Schröder, der am 1. Februar 1786 getauft worden war, das Geschäft und behielt den Druck des Blattes bis zu seinem am 15. August 1828 erfolgten Tode.
Dom 1. Januar 1801 an ist das Blatt durch volle vier Jahrzehnte auf dem gleichen Stand geblieben. Mehr und mehr verschwanden die Artikel belehrenden Inhaltes, bis das Blatt schließlich nur noch amtliche Bekanntmachungen und geschäftliche Anzeigen enthielt. Es blieb das kleine Format 17:22 Zentimeter, viele Jahre hindurch bezahlten die Gießener als jährlichen Bezugspreis 45 Kreuzer,
Der Staatspräsident und Minister des Aeußern, Herr Ulrich, M. d. R.
Aus Ihrem geschätzten Schreiben vom 13. d. Mts. habe ich mit besonderem Interesse davon Kenntnis genommen, daß der „Gießener Anzeiger” demnächst sein ijsfähriges Jubiläum feiern kann.
Ein Rückblick auf solche große Zeitspanne in der Entwickelungsgeschichte einer Zeitung ist gleichbedeutend mit einem Rückblick auf die Geschichte der Entwickelung von Volk und Land. Denn die Zeitung ist der Schrittmacher dieser Entwickelung und zugleich ihr Künder. Je mehr eine Zeitung Anspruch darauf erheben darf, an der Ent- Wickelung von Land und Volk beteiligt gewesen zu sein, um so größer ist für sie die Genugtuung bei einem Rückblick auf ihren eigenen Entwickelungsgang anläßlich eines so stolzen Jubiläums, wie es der „Gießener Anzeiger“ jetzt feiern darf. Sind auch die heutigen Zeiten für unser Vaterland besonders hart, so dürfen wir uns doch sagen, daß wir als Volk vorwärts und aufwärts gegangen sind. Mag in der Vergangenheit so mancher Glanzpunkt stehen, das Volk in seiner Gesamtheit geht in der Bahn stetigen Aufstieges weiter; nur Tempo und Ausmaß bilden die Streitpunkte im Meinungskampfe der Volksgenossen. Mit diesem inneren Wachsen des Volkes ist auch die Zeitung, ihr Einfluß und ihr Pflichtenkreis gewachsen. Wenn sie dabei das Verantwortungsbewußtsein an die erste Stelle setzt, darf die Presse im stolzen Gefühle ihrer Machtposition beanspruchen, Führer und Diener des Volkes zu sein. In diesem Sinne entbiete ich Ihrer Zeitung zu Ihrem Jubiläum meinen herzlichsten Glückwunsch.
Konrad scheint nicht in Gießen geblieben zu fein; denn die Kirchenbücher enthalten keinen Eintrag über seinen Tod. Augenscheinlich standen die Söhne dem Vater an Intelligenz und Tatkraft nach; denn genau mit dem Jahrgang 1776 wird, wie Ebel feftgeftetlt hat, der Inhalt dürftiger. Am Schlüsse des Jahres 1777 stellt das Blatt vorübergehend sein Erscheinen ein. Die literarischen Beiträge waren ausgeblieben, und die Abonnenten wollten nicht zahlen. Es ist nicht mehr genau festzustellen, wann das Blatt wieder erschienen ist, ein Bruchstück aus dem Jahre 1791 ist erhalten, mithin muß das Wiedererscheinen spätestens zu Anfang dieses Jahres eingesetzt haben, vielleicht handelt es sich auch nur um eine kurze Unterbrechung.
Im Jahre 1792 hatte das Blatt abermals seinen Titel geändert, es hieß nun „Giesser In telli - genzdlat t". Ohne Zweifel ist jetzt, was den In- halt betrifft, ein Rückschritt zu verzeichnen, die mora- fischen und geschichtlichen Artikel fehlen ganz, dagegen werden die Namen der Getauften, der Getrauten und der Beerdigten mitgeteilt.
Sechs Jahre später kostete das „Giesser In- telligenzblalt" jährlich 45 Kreuzer, während Krieger für den ersten Jahrgang zwei Gulden, die im voraus entrichtet werden sollten, gefordert hatte. Im Jahrgang 1798 wurden Teile aus dem bekannten Buche Hufelands „Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern" veröffentlicht. Der sonntägliche Gottesdienst wird angezeigt, wobei die
während die auswärtigen Leser einen Gulden zu entrichten hatten. Ueber hauswirtschaftliche Rezepte kam das Blatt im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts nicht hinaus, 1801 finden wir einen Artikel über das Essigmachen, 1802 eine Anweisung „Bier zu brauen, das nicht rasch sauer wird". Don all den großen Weltbegebenheiten, die damals unsere Vorfahren erschütterten, wird nicht das Geringste erwähnt. Sicherlich gab der Neubau der Stadtkirche in den Jahren 1810 bis 1821 in der Stadt genug Gesprächsstoff, nicht mit einem Worte wird über diesen Bau berichtet, von der am 29. Juli 1821 erfolgten Einweihung des Gotteshauses erfahren wir nur etwas aus der gottesdienstlichen Anzeige, und diese beschränkt sich auf wenige Zeilen. Doch haben die Anzeigen lokal- geschichtliches und kulturgeschichtliches Interesse, wir gewinnen aus ihnen ein Bild von dem geschäftlichen und geselligen Leben in der damaligen Kleinstadt. Interessant ist in dieser Beziehung der Jahr- gang 1813. Regelmäßig wird angezeigt, welcher Backer frisch gebacken hat. Es gab damals in der Stadt folgende Bäckereien: Georg Noll in der Neustadt, Ratfchöff I u g h a r d an der Stadtpforte, Kirchenseniors Koch Wittib, Magnus Schwan auf dem „Selzerberg", Höring in der Neustadt, Walther in der Walltorstraße, Seip an der Stadtpforte, Kaspar L ö b e r in der Neustadt. Eine Anzeige meldet, daß in dem Hause Nr. 178 „Schar- lotten-Zwiebeln zum Spicken der Hammelbraten,
der Schoppen zu 6 Kreuzer" zu haben seien. Georg Friedrich Tasche zeigt an, daß bet ihm „ein ansehnlicher Transport der neumodischen Atlas- und Krokebänder nebst einem großen Vorrat von Hauben, Hüten von Sammet, Blumen und Federn von allen Farben" angekommen sei. Der Mützenmacher Ferber, dem später der Titel „Kapperat" verliehen worden ist, meldet, daß bei ihm alle Arten von Sommer- und Winterkappen zu erhalten seien. Georg Friedrich Heyer weist auf seine Leihbibliothek, die damals 4153 Nummern umfaßte, hin. Dr. L. C. Scriba erläßt im Mai folgendes Inserat: „Ich bin willens, mein, an der Stadtpforte gelegenes Wohnhaus unter äußerst annehmbaren Bedingungen zu verkaufen oder zu vermieten. Es enthält 3 heizbare Zimmer, 3 Kammern, 1 Küche, 2 Böden. Es gehört ein kleines Gärtchen dazu, worin alles recht gut gedeiht und eine Miststätte, worin jährlich 6 Karren Mist gemacht werden können. Das ganze Haus ist hell und geräumig und paßt für jedermann, wie der Augenschein lehren wird. Dieser kann täglich präcis um 4 Uhr des Nachmittags, auch um 11 Uhr des Morgens genommen werden. Wer eine kleine Haushaltung hat, der legt sein Kapital so gut an, daß er frei wohnen
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kann, denn drei Zimmer habe ich auf den Fall, sich kein Käufer findet, schon vermietet." An Zerstreuungen scheint in der kleinen Stadt damals, wiewohl Krieg war, recht viel geboten worden zu sein. Der Wirt auf der Badenburg teilt mit: „Nach geendigtem Gottesdienste werde ich morgen, Sonntags, den 28ten Februar, Tanzmusik halten. Kalte und warme Speisen, Kreppei und anderes Backwerk, wie auch mehrere vorzügliche Sorten Rheinwein werden sich durch Güte und billige Preise empfehlen." Ein Musiklehrer erbietet sich. Unterricht im Klavier- und Gitarrespielen zu geben. Oft fand Tanzmusik statt, hierzu kommandierte der Stadtkommandant jedesmal eine Wache, ein Beweis dafür, daß es bei diesen Vergnügungen mitunter wild zuging. Zwischen den Zeilen kann man in diesem Jahrgang auch von den großen Weltbegebenheiten lesen. Da das Blatt veröffentlichte, wer in den Gasthäusern wohnte, so erfahren wir, daß im Anfang des Jahres sehr ost Offiziere in „Kaiserlich Französischen Diensten" die Stadt passierten. Mit einem Male hört das auf, und in den Listen der „Ein- und Auspassierten" erscheinen am Ende des Jahres preußische und russische Offiziere. Die Militäreilboten Friedrich Jakob E i b e 11 und Friedrich Reiz teilten mit, daß sie zu den im Felde stehenden hessischen Truppen abgehen und Bestellungen entgegennehmen. Der Jahrgang 1826 bringt die Anzeige eines Kunstfeuerwerkers: „Ich werde mit dem hier noch nie gesehenen Werfen von Leucht- und Luftkugeln so wie auch der Granaten aufzuwarten die Ehre haben." Gleich danach macht Uhrmacher Trapp bekannt, daß er eine große Musikuhr verlosen werde.
Don besonderer Bedeutung für das Blatt war das Jahr 1828; denn in diesem Jahre ging es, zunächst, was den Druck betraf, an die Firma Brühl über, die dis auf diesen Tag, wenn auch der Inhaber zweimal gewechselt hat, den „Gießener Anzeiger" herausgibt. Am 4. Dezember 1828 teilt Georg Daniel Brühl mit, daß ihm nach dem Tode Schröders von der Polizeideputation der Druck mit Wirkung vom 1. Januar 1829 übertragen worden sei. Im Jahre 1834 bezeichnete sich die Firma als „B r ü h l' s ch e Buch- und Steinbruderei". Georg Daniel Brühl war 1800 in Biedenkopf geboren, am 30. September 1827 heiratete er Margarete Fillmann, eine Gießener Dürgerstochter. Im Trauprotokoll wird er als Weinwirt bezeichnet, später als Steinbruder ober auch als Buchbruder. Inhaltlich bebeutet biefer Wechsel im Verlage für bie nächsten 20 Jahre noch keine Verbesserung. Mit bem Jahre 1840 wirb bas Format auf 20:24 Zentimeter vergrößert unb bas Blatt erhält den Titel „Anzeigeblatt der Stabt Gießen". Das Jahr 1848 brachte ben Titel „Anzeigeblatt für bie Stabt Gießen und d i e Kreise Grünberg, Gießen und Hungen". Im Jahre 1850 erfolgte die Umnennung in „Anzeigeblatt der Stabt und des Regierungsbezirkes Gieße n", 1853 in „21 n 3 e i g e b l a 11 der Stadt und des Kreises Gießen", 1856 in „Anzeige.blatt für die Stadt und den Kreis Gießen, gedruckt durch die „Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei". Im Jahre 1850 erfolgte eine Vergrößerung auf 20:27 Zentimeter, 1852 eine solche auf 20:29 Zentimeter. Dom Jahre 1844 an erschien das Blatt wöchentlich zweimal.
Mit dem Jahre 1848 nimmt es mit einem Male auch inhaltlich einen bedeutenden Aufschwung, das merkt man schon äußerlich, wenn man die ver- Shiedenen. Jahrgänge mustert, der des genannten ahres übertrifft feine Vorgänger sehr an äußerem Umfang. Die politischen Bewegungen des Jahres 1848 brachten auch die Politik in das Gießener Blatt. Die Protokolle über bie Sitzungen des Ge- meinberates und bes Bezirksrates werden veröffentlicht, der Student Rudolf Fendt, der damals eine große Rolle gespielt hat, veröffenllicht Erklärungen, die Statuten der Gießener Bürgergarde werden mügeteilt, eine Sprechhalle für zeitgemäße politische Fragen ist eingerichtet. Der Gießener Kreisrat warnt vor Ruhestörungen. Nun


