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stoß. 29. Oktober:

Nachmittagrkonzert der -nur.

6?to 6.30 Uhr Die M. Upr Qtenoorciphijcher Fortb5 Systeme, Diktat von 150 SU. ' Uhr Übertragung aus btm msEine Nacht in Benebia*, Ttrauh.

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Hr. 254 Erster Blatt <d

175. Jahrgang

vomerrtag, 29. ©«ober 1925

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Drei Jahre Faszismus.

f Don unserem römischen L-Korrejpondenten.

Rom, Ende Oktober.

Am 30. Oktober jährt sich zum drittenmall der Tag, den der faszistische Staat zum Staatsfeiertag erhob. Der Tag des Einzuges der Schwarzhemden in Rom, der siegreichen Revolution, des gewaltigen Umsturzes, eines Umsturzes, dem wir eine neue Er cheinung in der Geschichte verdanken. Anlaß ge­nug für zahllose Federn, die Größe dieses Ereig­nisses vom Parteistandpunkt zu betrachten. Man wird dem Faszismus wieder einmal die Karten legen und über das, was ihm bevorsteht und das, war er im Spiel der Parteien zu gewinnen oder zu verlieren hat, geistreiche Rechnungen aufstellen. Aber das ist em müßiges Spiel mit Schachfiguren. Für die schönsten Kombinationen und die amüsan­testen Partien hat ein Mussolini nicht mehr Interesse als ein Napeleon für die Schlachten der Bleisoldaten. Er für seinen Teil hat langst Schach geboten. Die gesamte Opposition ist matt.

Rußland wird von 800 000 Kommunisten regiert, Italien von 800000 Faszisten. Beide Machtgruppen wachen eifersüchtig über die Mus­ic s e. verweigern Neuaufnahmen und stoßen rück­sichtslos aus. In beiden Ländern gilt der Dienst an der herrschendenPartei" als Dienst am Vaterland, als Ehrendienst. Es ist ebenso irrig, den russischen Regierungskommunisten als gewalttätigen Prole­tarier oder aufgeblasenen Schmarotzer zu betrach­ten, wie den Regierungsfaszisten als gewalttätigen Reaktion oder skrupellosen Arrivisten. In Moskau wie in Rom huldigt man dem gleichen Idol, dem­selben Gotte, wenn man will. Scheinbar durch Weltenfernen getrennt, begegnen sich Faszismus und Kommunismus auf der gleichen Brücke, die wir alle ersehnen. Der beiden Bewegungen gemeinsame Ge­danke ist gut, ist edel, alles Menschentum aber eben Stückwerk, alles Werkzeug zur Uebertragung der Theorie in die Praxis unzulänglich. Und wäre es nicht zweckmäßiger, dem Neuen Zeit zum Ausreisen zu lassen, als es grundsätzlich zu schmälern, weil irgendeine Partei dabei zu kurz kommt?

Nur zwei Dinge sind es, wenn ntan von dem Drum und Dran der Kleidung, der Dekoration, der Aeußerlichkeiten absieht, die den Faszismus Italiens vom Kommunismus Rußlands (der etwas ganz anderes ist als die ohnmächtigen Reflexe in an- fceren Staaten) unterscyeiden: die ihn sichtlich über Asien hinausheben. Einmal die unvergleichliche Persönlichkeit Mussolinis und dann die Wirkung des neuen Regimes. Während in Ruß­land nur der Arbeiter Rechte hat, vor allem das Recht zum Auftreten, kann im faszistifchen Italien jeder leben und seines Lebens froh werden. Der Ar­beiter verdient gut, der Unternehmer verdient gut, der Kaufmann wird rund und rosig dabei. Es ist keine Schande, inteUehuell höher zi? stehen als der Durchschnitt. Mit einem Wort, die öde Gleichmacherei, das unselige Erbe der französischen Revolution, die das Straßburger Münster köpfen zu müssen glaubte, damit es nicht länger über die anderen Häuser hinausrage, geht der faszistischen Umwäl­zung ab. Es ist ein Ehrentitel des Faszismus, daß er diese natürliche Entwicklungsfreiheit, die verti­kale und formale Ungleichheit erhalten hat, obwohl er sämtliche Gegner unterdrückte. Wenn man sich die Frage oorlegt, was die Herrschaft der Schwarz­hemden in diesen drei Jahren zerstörte, so muß man antworten: alles, was nicht niet- und nagel­fest war am bisherigen Regierungssystem. Auf die zweite Frage aber, wer darunter leide, könnten mit einem schmerzlichen Ich nur die Politiker antwor­ten. Nicht auf die fremden Italienfahrer soll man abstellen, die Italien einfach herrlich verändert fin­den, denn zu nahe liegt der Verdacht, daß sie nur auf der Oberfläche herumreisten, wie man mit dem Finger widerstandslos über die Gebirge der Land­karte streicht. Wichtiger ist es, den Bürger zu hören. Und über was beklagte er sich? Daß es keine regie­rungsfeindliche Presse mehr gibt, daß die Redner­tribünen verwaisten, daß der Schmuck der roten Fahnen fehlt? Nichts von alledem Er schimpft nur auf die hohen Steuern, wie von öfters her und wie vermutlich anderswo auch.

Der Faszismus hat, das ist das Wesentliche an der dreijährigen Bilanz, den Beweis für die Ent­behrlichkeit so mancher Einrichtungen erbracht, ohne die wir uns ein politisches Leben nicht vorstellen konnten.

Kaum auf dem Kapitol, hat Mussolini einen seiner Gegner nach dem andern den tarpejischen ' Fels hinuntergestürzt, Kommunismus, Sozialis­mus, Liberalismus, Demokratie, Parlamentaris­mus, Freimaurer, und dennoch blieb im Staats­getriebe keine fühlbare Lücke zurück!

Es ereignete sich das Wunder, daß ein titani­scher Mensch in einem modernen Vierzigmillionen- ftaote einen Abgrund aufriß, für den er keine Brücke zur Verfügung hatte, und dennoch, im Gegensatz zu Rußland, kein Besucher Italiens etwas davon merkt.

Es ist nicht schwer, Kritik am Faszismus zu üben, dazu bietet er dem Normalbetrachter zu viele außergewöhnliche Handhaben. Schwer ist es jedoch für einen objektiven Zuschauer, das Große, das un­ter den Liktorenbiinben entstand, zu übersehen. Wie kleinlich, wenn der verantwortliche Minister eines andern Staates Mussolini schneiden zu müssen glaubt, wie es kürzlich Dandervelde in Locarno fertig brachte, weil er im Privatleben Sozialist ist, der andere aber das Liktorenbündel im Knopfloch trägtl Wer erinnert sich dabei nicht der Konferenz,, tage in Genua und Rapallo, wo alles, was irgend­wie von den bolschewistischen Wütereien gehört hatte, in würdeloser Weise Tschitscherin überfiel und um ein Autogramm bettelte? Wenn man schon einen Vlutzaren in Mussolini sieht, warum dann solche

Unterschiedlichkeit? Gewiß, mit der Pressefreiheit in Italien steht es nicht gut, warum rissen dann aber dieselben Journalisten in Locarno vor dem Duce aus, die sich in Genua wie schmachtende Backfische an die Agitatoren der Sowjetrepublik drängten, wo es der Presse um kein Haar besser geht?

Nach dreijähriger sadistischer Herrschaft, der drei Revolutionswellen entsprechen, ist die politische Lage in Italien unzweideutig geklärt. Die erste Welle trug den Faszismus in die Hauptstadt, die zweite riß alle ihm entgegengesetzten Dämme weg, die dritte unterspülte die Fundamente der Verfas­sung. Parteien gibt es nicht mehr ober nur noch dem Namen nach. Ein Königtum nur noch als glanzvolle Umrahmung des Diktotatorenbündels. Schon erheben sich Stimmen, die Mussolinis Aus­rufung und Krönung zum Imperator verlangen. Und morgen kann Wirklichkeit fein, was heute noch Phantasterei scheint. Der Geschwindigkeitsgrad in der Entwicklung hängt einzig und allein von Musso­lini selber ab, und daß er zu bremsen versteht, das hebt ihn hinaus über jene Soldatenkaiser des Alter­tums, die sich willenlos von ihren Prätorianern auf den Schild heben ließen.

Im Ausland heißt es vielfach, in Italien herrsche der nackte Terror. Das ist eine Uebertreibung, denn einen Terror braucht es nicht, weil niemand sich auflehnt, aufzulehnen wagt. Die Machtmittel, die zu einem Kriege mit einer Großmacht ausreichen wur­den, liegen bedingungslos in den Händen des DiN. tators. Man kann also höchstens von einem G c - wissens terror sprechen und muß ihn dann gleich­setzen mit schweigendem, ich würde sagen: militä­rischem Gehorsam, wenn die Gefahr einer fal­schen Auslegung dieses Wortes nicht so nahe läge. Der faszistische Staat befiehlt und will befehlen, daraus macht er gar kein Hehl. Er hält das demo­kratische System für Italien fo wenig geeignet, wie den Bolschewismus für Rußland, und billigerweife wird man ja auch zugeben müssen, daß es ein ander Ding ist, einen kleinen, gleichmäßig durchgebildeten Staat mit der Einwohnerzahl einer Weltstadt, wie etwa die Schweiz, mustergültig zu verwalten, gleich einem Haushalt, als durch scharfe Bildungskontraste fast heterogen erscheinende Vielmillionenmassen. Immerhin geht es wohl zu weit, wenn die herr­schende Klasse selbst die freiwillige Mitarbeit der Opposition zurückweist. Als auf dem Aventin die weiße Flagge hochging, zuckte der Sieger nur mit einem Vae victis! die Achseln. Wohin sott das führen?

Der Duce, darin liegt die Erklärung für das atemlose Tempo der Umwälzungen, ist des Glau­bens, noch nicht ganz am Ziele zu stehen, es aber

aus außenpolitischen Gründen, die durch die fieber­haften Rüstungen hinreichend beleuchtet werden, schnellstens erreichen zu müssen. Keine Zeit zu ver­lieren! Also fort mit allen Kompromissen.Die Revolution ist im Lauf. Ich schweige, aber die Bahn ist trefflich abgesteckt. An einem gewissen Punkt wird ein neues Ereignis den Lärm verstummen machen: ein neuer revolutionärer Akt, der die Umwälzung krönen und sie an ihr unverrückbares Ziel tragen wird."

Lassen wir also die Dilanzbücher. Noch regiert Mars die Stunde.

Die Uationalfeirr in Mailand.

Eine Rede Mussolinis.

Roin, 29. Oft. (TTl.) Die gestrige Ttational» feier zur Erinnerung an den Marsch der Fa - schiften nach Rom wurde in ganz Italien gefeiert. Zu Zwischenfällen ist es, nach den bis­her vorliegenden Meldungen nicht gekommen. Die Hauptfeierlichkeiten fanden wiederum in Mailand statt. Mussolini nahm zu Pferde in der Milizuniform, umgeben von der Generalität des Heeres und den Führern der Miliz, den Vorbeimarsch der Garnison und der lombardischen Miliz ab, die aus ganz Rord- italien hier zusammen geströmt war. 2ln der Truppenschau nahmen auch die Militärattaches Englands und Frankreichs teil. Belgien war jedoch nicht vertreten. Vach der Parade hielt Mussolini auf dem Domplatz eine Ansprache, wobei er von einer großen Menschenmenge be­geistert empfangen wurde. Er führte aus, daß er froh und stolz darauf sei, daß der Faschismus alle Hindernisse überwunden habe und auf allen Fronten siegreich sei. Er fei der Ausdruck der lebendigen und gesunden Kräfte des gesamten Volkes. Der FasziSmus müsse aber immer noch weiter aaß- gebaut werden. Dabei müsse man aber immer daran denken, daß der Faszismus strenge Disziplin und strenge Opferfreadigkeit verlange. Der Krieg sei zwar zu Ende, aber er dauere in der Form der Konkurrenz der Völker fort. Es gebe außer­halb Italiens Strömungen, die sich noch nicht mit den Tatsachen der neuen Grenzen abfinden könnten. Man müsse ein für allemal sagen, daß, wenn es geheiligte Grenzen gebe, es diejenigen seien, welche Italien durch den Krieg errungen habe, und man müsse hier hinzu­fügen, daß, wenn diese Grenzen auch nur im geringsten bedroht würden, er den König bitten würde, das Schwert zu ziehen.

Der Reichskanzler über Locarno.

Essen, 28. Oft. (WB.) Der Reichskanz - l e r begab sich heute um 2 Uhr nach dem Diner, bei dem Macdonald fein Gast war, mit dem Flugzeug nach Essen, wo er für 9.30 Uhr abends eine Rede vor den Gewerkschaften zu halten hat. Die Luftverbindung gab die einzige Möglich­keit, dieses Programm zu verwirklichen. Die Lan­dung wurde mit besonderen Beleuchtungsvorkeh­rungen bei Dunkelheit diirchgeführt. Reichskanzler Dr. Luther traf um 6.40 Uhr abends im Flugzeug bei klarem Wetter und Hellem Mondenschein auf dem hiesigen Flugplatz ein. Zum Empfang hatten sich eingefunden: Staatssekretär Exz. Dr. Schmidt- Ott, Oberbürgermeister Dr. Bracht (Essen) und Oberbürgermeister Lembke (Mülheim).

In Erwartung der heutigen politischen Aussüh- lungen des Reichskanzlers füllte ein nach mehreren Tausenden zählendes Publikum den großen Saal des städtischen Saalbaus bis auf den letzten Platz. Um 9.15 Uhr erschien Dr. Luther, mit Händeklat­schen lebhaft begrüßt. Er wies eingangs seiner Rede auf die Bedeutung der Essener Medizinischen Woche als kulturvermittelnde Einrichtung hin, sowie auf die besondere Bedeutung des Ruhrbezirks für die Arbeit der deutschen Wirtschaft. Als Thema für seine Betrachtungen habe er die Frage gewählt:

Was bedeutet Locarno?

Gliederung und Aufbau des Vortrags wolle er im Rahmen Oer Medizinischen Woche anpassen an die medizinischen Begriffe: Anamnese Gesundheits- ziel Therapie Prognose. Vor dem Kriege sei die Grundlage für die politische Gestaltung Euro­pas das System der Gleichgewichtserhal­tung gewesen. In der Nachkriegszeit sei durch die Schaffung von zwei Kategorien von Staaten, den Entwaffneten und den Bewaffneten, das Gleichgewicht gestört worden. Aufgabe der deutschen Nachkriegspolitik sei, Deutschland a l s gleichberechtigten Faktor in das euro­päische Staatensystem wieder einzufügen. Gleichberechtigung sei Voraussetzung für jede frucht­bare Mitarbeit an den großen gemeinsamen Auf­gaben. Die außenpolitischen Sorgen, die das deut­sche Volk bewegen, knüpfen zunächst an die große Frage der allgemeinen Entwaffnung an, die im Vertrag von Versailles als Grundprin­zip ausgestellt fei. Auch in Locarno habe die Frage der Entwaffnung eine wichtige Rolle gespielt. Das oberste Ziel von Locarno fei aber die Schaf­fung von Sicherungen für den Frie­den. Zu diesem Zweck diene in erster Linie der in Locarno weitgehend verwirklichte Gedanke des Schiedsverfahrens.

Das Schiedsgerichtssystem hat sich in den Erörterungenin London und in Locarno als geeignetes und wirksames Mittel zur Siche­rung des Friedens bewährt. Der Reichskanzler erörterte alsdann die einzelnen Bestimmungen

des Sicherheitspaktes und die im Zusammenhang stehenden Vorschriften der Völkerbundssahung. Äie in Locarno getroffenen Abmachungen zwi­schen Frankreich und Polen bzw. der Tschecho- Slowakei hielten sich genau an die im Völker­bund getroffenen Abmachungen, wozu noch vom deutschen'Standpunkt aus hinzukomme, daß beim etwaigen Eintritt des Garantiefalles die eng­lische und italienische Garantie zu Deutsch­lands Gunsten mittelbar wirksam werden könne.

Zur Frage des Artikels 16 der Völkerbunds- sahung

wies der Reichskanzler auf die Beziehungen Deutschlands zu Rußland hin, welche, wie der jüngste Abschluß des deutsch-russischen Handels­vertrages beweise, durch das Werk von Locarno keine Aenderung erlitten hätten. Die deutsche Stellungnahme zum Artikel 16 sei bestimmt durch die besonderen Rechte Deutschlands in bezug auf den militärischen Rüstungsstand und durch seine geographischen Verhältnisse.

Abschließend ging der Reichskanzler zur Prognose über, zu Betrachtungen der Frage, wie das in Locarno Erreichte sich in der Zu­kunft auswirken werde. Hier stelle er den Gesichtspunkt in den Vordergrund, daß ein Er­folg nicht deswegen abgelehnt werden dürfte, weil er nicht alle gehegten Wünsche erfülle. Der Weg zum Aufstieg sei mühselig undlang- s a m. Ein Rückblick auf die vergangenen Jahre ergebe jedoch, daß ein positiver und bestän­diger Fortschritt festzustellen sei.

Zur Frage der Rückwirkungen unterstrich der Kanzler mit besonderem Rach­druck die Rotwendigkeit der Schaffung einer Grundlage, auf der dem schwer geprüften deut­schen Volke Vertrauen in die Zusicherungen und Glauben an den Frieden der Zukunft er­wachsen könne. Es bestehe fein Zweifel daran, daß, wenn die Rückwirkungen, insonderheit hin­sichtlich der Rheinlandfragen, in dem Sinne be­handelt würden, der die logische Auswir­kung der Verhandlungen in Locarno darstelle, dann eine große Mehrheit des deutschen Volkes den Vertrag von Locarno zu stimmen würde. Demgegenüber sei es eine Frage von Nachgeordneter Bedeutung, in welcher Weife die­ser sichere deutsche Dolkswille seinen endgültigen Ausdruck finde, sei es tm Parlament, wie es jetzt bestehe, sei es durch Befragung des deutschen Volkes selber. Allen deutschen Parteien rufe er. der Reichskanzler, zu, daß es sich jetzt nicht darum handele, Politik tm gewöhnlichen Wortfinne zu treiben, sondern daß das deutsche Volk jetzt vor geschichtlichen Aufgaben stehe. Daß eine außenpolitische Entscheidung von solcher Tragweite tiefe Spuren in die gesamte politische Entwickelung eines Volkes grabe, ent-

I spreche aller geschichtlichen Erfahrung. Er, der Reichskanzler, werde seine ganze Kraft daran setzen, daß die großen außenpolitischen Fragen wirklich reif werden zur Entschei­dung durch das deutsche Volk. Das sei feine Aufgabe im Dienste des gesamten deutschen Volkes, der höher stehe als irgendwelcher Partei­gesichtspunkt.

In dieser Stadt," so schloß der Reichs­kanzler,in der ich die Ehre und das Glück gehabt habe, als Oberbürgermeister zu walten, weiß jedermann, daß der gegenwärtige Reichskanzler P a r t e i g e f ich t s p u n k t e nicht kennt. Aber ich glaube an D e u t s ch l a n dl"

DieBerträge von Locarno im polnischen Sejm.

Warschau, 28. Oki. (WB.) Heute begann im Auswärtigen Ausschuß des Polnischen Landtags die Debatte über das ExpofS des Außenministers Grafen Skrzynski, das die Ergebnisse der Konfe­renz von Locarno zum Gegenstand hatte. Der ehe­malige Außenminister Mar,an S e y d a (National­demokrat) übte an dem Vertragswert von Locarnc heftige Kritik. Locarno, so führte Seyda aus, ist Deutschland der Ausgangspunkt zur Er öffnuna der diplomatischen Osfensivc gegen Polen. Deutschland hat in der letzte, Zeit hauptsächlich wegen der Fehlerhaftigkeit dec Friedensvertrages und der Ratlosigkeiten der Der- bünbten zu einem bedeutenden Teil die politische Stellung, die es vor dem Kriege besessen hat, zu­rückerobert. Locarno hat es eine große Etappe vorwärts gebracht. So sichert deny Locarno die Befriedung Europas nur für die allernächste Zeit. Für die ferne Zukunft vergrößert Locarno sogar die Gefahren. Der Sozialdemokrat Nicdzialkowski erklärte: Die Formulierung des in Locarno abgeschlossenen Schiebsgerichtsob- kommens ist eine genügende Rechtsplattform, um die Unversehrtheit der Grenze der polnischen Republik zu verteidigen. Es wäre aber eine Utopie, bei der jetzigen Stimmung in Europa die Folgerung aus- zustellen, für die deutsch-polnische Grenze die gleiche Garantie zu fordern, wie für die deutsche Rhein­grenze. In der Optantensrage fei die letzte dies­bezügliche Verfügung der polnischen Regierung die logische Konsequenz des Vertrags von Locarno.

Bauer in Not.

Die Forderungen des Reichsland­bundes.

Berlin, 28. Oft. (Wolff.) Der Reichs- landbund ist gegenwärtig in Berlin zu einer Tagung unter dem Motto:Bauer in Not" zu- fammengetreten. Dabei wurde zur gegenwärtigen Lage der Landwirtschaft eine Entschließung ange­nommen, die unter anderem ein energisches Em- wirken der Regierung auf die Kreditgeftal- t u n g derart fordert, daß der Landwirtschaft das ihr durch die Inflation geraubte Betriebska­pital zu tragbaren Zinsen gesichert wird. Ferner soll durch eine Regulierung der Preis­gestaltung die Rentabilität der Landwirtschaft wiederhergestellt werden, und schließlich wird eine strenge Beschränkung aller unpro­duktiven und übermäßigen Verwal­tungsausgaben bei Reich, Ländern und Kom­munen gefordert, die heute schon eine von der Landwirtschaft nicht mehr zu tragende Ueberlaft barfteüen. Sei auch dieser Appell des Reichsland, bunbes roieber vergeblich, so trage bie Reichsregie­rung bie Verantwortung bafür, daß aus bem Wort Bauer in Not!" werbeVolk in Not!"

In der Versammlung nahm auch

Reichsernährungsminister Graf Könitz das Wort, der die Grüße des Reichskanzlers und der Reichsregierung überbrachte. Er be­tonte, daß man jetzt vor der bangen Frage stehe Was wird aus der deutschen Landwirtschaft". Man möge nur an die Tatsache denken, daft im Jahre 1914 allein das Kapitalvermö­gen der landwirtschaftlichen Genossenschaften zwischen zwei und drei Millionen Goldmark betrug und am 1. Oktober 1923 auf insgesamt nur 30 000 Mark geschäht wurde. Es sei klar, daß viele Jahre nötig fein würden, um wieder nennenswertes Kapital zu ersparen.

Es sei anzuerkenncn. daß die in den 2 Rot­jahren von der Landwirtschaft kontrahierten Schuldverbindlichkeiten nicht aus dem Er­trag -iner Ernte abgedeckt werden könnten. Abgesehen von der Rückzahlung der ersten Rate der Rentenbankwechsel zum 15. No­vember, die nicht prolongiert werden kann, wür­den die Fälligkeitstermine für die übrigen Ver­bindlichkeiten elastischer ge stallet und pro­longiert. Teilzahlungen müßten aber geleistet werden. Der Minister betonte weiter, die Land­wirtschaft werde auch weiterhin schweren Zeiten entgegengehen. Aber die Reichsregierung werde nicht versagen im Kampf um die Ernährungs­basis des deutschen Volles.

In seiner Erwiderung erklärte der Präsi­dent

Graf von Kalkreuth unter lebhafter Zustimmung der Versammlung, die Landwirtschaft würde es lieber sehen, wenn die Regierung weniger Resignation und mehr aktive Hilfsbereitschaft zeigen würde. Die Landwirkschast. der im Interesse der Volls- crnährung Hemmungen in der Preisgestaltung von oben auferlegt werden, habe ein Recht auf Regierungshilfe in Zeiten der Rot.

Graf von K a l ck r e u t h verlangte eine klare, übersichtliche Regelung der Krebitfragen, Prolon-