Ausgabe 
29.1.1925
 
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Die rote Kaschgar.

Äontan von gebot von 3 obe[tit).

54. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Gert und Düstren hatten das Hoch auf den Zaren mit so gewaltiger Stimme mitgebrüllt, daß der Hauptmann unwillkürlich auf sie aufmerksam würbe. Nun stellten die Herren sich vor. und als Gert seinen Namen nannte, rief der schnurr­bärtige Adjutant voller Verwunderung.

Aber das ist ja der Tote! 'Belieben Herr Hauptmann, nach diesem Herrn Grafen Hör« ist zweimal in Pamirskij Post angefragt worden."

Ja natürlich", sagte Kapitän Korolkow,ich entsinne mich. Früher GesandtschaftSsekretär in Peking, dann in Pamir verschollen. gemeinsam mit einem Engländer. Also sind Sie der Tote?"

Höchstselbst", antwortete Gert vergnügt.

3a, aber, verehrter Herr Graf, warum haben Sic sich denn in diesem entlegenen Winkel festgesetzt und keiner Seele Ihren Aufenthalt ver­raten?"

Ich bitte, über diese Frage meinen Leidens- genvfsen, den Missionar Bruder Dorotheus, be­richten lassen zu dürfen."

Dies geschah. Hauptmann Korolkow hörte mit steigendem Interesse zu und begann dann mächtig auf die Chinesen zu schimpfen, die keinen Vertrag respektieren .denn nach den Bestimmungen der Grenzkommission sollte über jede bisher herren­lose Gebietsstrecke ein neues Abkommen getroffen werden, Und da man die Russen doch noch zu bemogeln hoffte,, so hatte man die beiden Reisen­den einfach zurückbchalten ,um ein ihre Absichten verratendes Wort an unrechter Stelle zu ver­hindern. Das war ostasiatische Diplomatie.

Nach beendeter Volkszählung wurde neben der Jurte Togols die Fahne mit dem Andreas­kreuz aufgepflanzt, am Abend aber ließen die beiden Russen ihr eigenes Zelt aufschlagen und luden die Europäer zu Gaste. Da soupierte man denn wieder einmal vortrefflich, trank einen aus­gezeichneten Glühwein und hörte vor allen Din­gen, was sich inzwischen im Weltgetriebe begeben hatte, hörte manche verblüffende Nachricht, wie vom Kriege der Engländer gegen die Duren und den Ausdehnungsbestrebungen der Japaner, und

fühlte doch, daß das Herz allgemach aus der Einsamkeit heraustrat, und die Sehnsucht nach Anteilnahme an dem Leben der Völker wuchs.

Am folgenden Tag wurde wieder aufge­brochen. Man wollte Gert und Austien der für die Russen seinen Brudernamen beibchalten hatte mit nach Pamirskij Post nehmen und von dort auf der neugeschaffenen Handelsstraße nach Kaschgar bringen lassen. Es war em herr­licher Frühlingstag und ein großes Klagen in der kleinen Gemeinde. Austien muhte zum letzten Male Worte der Liebe vor der Jurte Togols sprechen und mußte die kleinen Leute segnen. Man beschenkte sie reichlich, dann begleiteten die Jungen die Karawane bis auf die Berghohe, und von da konnten Gert und der Missionar noch einen Blick in den Talkessel werfen. 1

Das russische Fort lag in weiter Entfernung, aber die tagelange Reise verlief anders als die der Expedition Murray. Das Welter begünstigte sic, und die Russen hatten vorgesorgt, daß sie in den kirgisischen Aulen gastfreundliche Auf­nahme fanden. Stundenlang ritten ihnen die Kirgisen entgegen, hatten die Wege schneefrei gebahnt und in die Dergpfade Stufen gehauen und stellten von einem Lager zum andern kundige Führer. Endlich kamen die Festungsmauern von Pamirskij Post in Sicht, ihre Bastionen, die mit Schnellfeuergefchühen gespickt waren, dahinter die Kasernenbauten und die Jurten für die Muni­tion und die hohe Terrasse, die das Fort vom Tal des Murghabflusses scheidet.

Europäer kamen selten hierher. Gert und Austien wurden daher mit Jubel begrüßt und muhten es sich gefallen lassen, drei Tage lang ausgiebig mit türkestanischem Wein gefeiert zu werden, ehe sie weiterziehen durften. Eine kas- garische Handelskarawane, die mit allerhand Waren nach Nord-Pamir gekommen, nahm sie in ihre Mitte. Man kam nun wieder auf chine­sisches Gebiet, und um nach Möglichkeit allen Scherereien zu entgehen .hatten die Deutschen gleichfalls eine halb kirgisische, halb chinesische Tracht angelegt, sich den Bart scheren lassen und das Gesicht leicht gelblich gefärbt. Es war dies auf Rat des Hauptmanns Korolkow und seines turkestanischen Adjutanten erfolgt, der die üblichen Landesschliche gut kannte und den Führer der

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Karawane, einen verschmitzten Schmuggler, völlig in seiner Hand hatte. So tarn man jenseits des Tschuggatai-Passes auf absteigenden Wegen un­gefährdet über die chinesische Grenze.

Im russischen Fort hatte man den Reisenden gesagt, die neue .Handelsstraße sei ein leidlich bequemer Weg. In Wahrheit unterschied er sich wenig von der halsbrecherischen Kletterei im Pamirgebiet und begann erst gangbarer zu wer­den, afe man den Gebirgsstock des Aktau über­schritten hatte. Aber die Freude währte nicht lange. Mehreremol mußte unter Schwierigkeit der reißende Ges-Fluß überschritten werden, leichte Schneewehen strichen durch die Luft, oft fiel der Nebel in dicken weißen Schwaden, so daß man auf dem holperigen, mit Gneisgeröll bestreuten Boden nur mühselig vorwärts kam. Endlich erweiterte sich mählich das Felsental, die Berge wurden niedriger und öffneten sich, Buschwerk und Baume tauchten im verdunstenden Nebel auf, die Temperatur stieg und kündete milderes Klima an, das ebener werdende Terrain zeigte üppigen GraswuchS. In einem g-ößeren Dorfe konnten Gert und Austien Kamel und Gaul auch gegen ein Karrengefährt vertauschen und atmeten auf, denn ihre Glieder waren wie gebrochen.

Nun ging es lustiger weiter.Lieber Graf Austien", sagte Gert,oder nein, ich soll ja vor­läufig noch beim Bruder Dorotheas bleiben also, lieber Bruder Dorotheus. ich spüre, daß ich allgemach wieder Mensch zu werden beginne. Europa regt sich in meinem Blute, und ich muß gestehen, ich freue mich darauf, mir in Kaschgar ein paar Oberhemden kaufen zu formen, gewisser­maßen als sinnfälligen Beginn eines neuen Lebens. 2lber nun entsteht die Frage: welchen Heimweg wählen wir von Kaschgar aus? Oder aber: Wie treffen wir am raschesten auf die nächste Eisenbahnstation?"

Auch der schnellste Weg wird immerhin einige Zeit in Anspruch nehmen", erwiderte Austien,und ich selbst muß leider den längsten wählen, denn ich habe noch eine Abschiedspflicht in Ssarepta muß also durch die kirgisische Steppe bis Orenburg, Und Sie, lieber Freund? Sie könnten über Samarkand an das Kaspische Meer und von da über Tiflis an das Schwarze­

rn eer, wo Sie genügende Verbindungen nach allen Seiten hin finden . Ich glaube beinahe, das würde die nächste Route fein."

Ja aber ob auch die interessanteste? Unb dann noch eins: Wein Inneres, auch das Aller- innerste, ist so durchfroren, daß ich mich nach tropischer Hitze sehne. Ich möchte also am liebsten durch Indien."

Graf Austien lachteGeht auch. Es geht alles. Frellich auf Umtoegcn: über Buchara, Merw, Kandahar und immer langsam weiter bis Haidarabad. Aus Bummelzüge müssen Sie sich gefaßt machen. Vermutlich bin ich dann früher in Deutschlaird als Sie."

Wollen Sie nicht nach Prag und auf Ihre Güter?"

Zunächst nach Kappietsch zu Frä_lein von Elstern."

Ah ja, ich verstehe. Sie zieht das Herz. Auch mich? Ich muß mit einen brutalen Nein antworten. Ob ich ein halb Jahr später in die Heimat komme, er schiert mich wenig. Ich habe Angst vor der Heimat. Das ist die Furcht vor mir selbst, sagten Sie mir einmal."

Unb gab Ihnen auch einen guten Rat: Lernen Sie lieben."

Gert nickte und versank in lässiges Träu» men.

In Taschbalik, einer ftefiten chinesi­schen Festung, gab es längeren Aufenthalt. Dem Kommandanten erschienen die chinesisch heraus­geputzten Fremden verdächtig, und sein Unmut legte sich erst, als Austien seine Pässe vorwies und Gert die ihm vom Hauptmann. Korolkow ausgestellten und gestempelten Legitimationen, die ihn als ein Mitglied der deutschen Gesandtschaft mit einem Auftrag an das russische General­konsulat in Kaschgar bezeichneten, ilnb er wurde sogar liebenswürdig, als der Missionar ihm aus den mitgeführten Konserven ein Frühstück vor­letzte, bei bem auch bessavabische Zigaretten und ein Glas Wodka, Geschenke Korolkows, nicht fehllen. Das Ende war, daß Der Kommandant den beiden Europäern noch ein längeres Emp­fehlungsschreiben an den Daptai, den Gouverneur von Kaschgar, mit auf den Weg gab, des Inhalts, daß die Reisenden geprüft und als unverdächtig befunden worden seien.

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In unser Handelsregister Abt. B wurde heute eingetragen:

Die Firma G. Adolf Montag & Co., Spezialtapetenhaus, Gesellschaft mit be­schränkter Haftung in Gießen. Gegenstand des Unternehmens ist der Groß« und Kleinhandel mit Tapeten, Linoleum und allen in das Fach einschlagendcn Bedarfs- artikeln. Zur Erreichung dieses Zweckes ist die Gesellschaft befugt, gleichartige oder ähnliche Unternehmungen zu erwerben, sich an solchen zu beteiligen oder deren Vertretung zu übernehmen und Nieder­lagen zu errichten. Das Stammkapital der Gesellschaft beträgt 5000 Goldmark. Von dem Gesellschafter Gustav Adolf Montag ist auf seine Stammeinlage die Ladeneinrichtung, die Bureaueinrichtung, die Lagereinrichtung und das von ihm unter dem Namen G. Adolf Montag, Spezialtapetenhaus in Gießen betriebene Geschäft zum Preise von 1500 Goldmark, von dem Gesellschafter Albert Montag sind Waren zum Preise von2000 Goldmark eingebracht. Bekanntmachungen der Ge­sellschaft erfolgen nur durch den Deutschen Reichsanzciger. Gustav Adolf Montag in Gießen ist zum alleinigen Geschäftsführer ernannt 940B

Gießen, den 4. Dezember 1924.

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