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Der gefesselte Strom.

Roman von Hermann Stege mann.

48 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Geopfert? Mich selbst? Ich bringe ihm ein Opfer, ja, meine Liebe. Aber nicht mich selbst. Da­zu bin ich nicht gemacht. Ich bin aus dem Weg ge­treten, das ist alles. Er steht frei als freier Mann vor der Wahl. Und er wird nicht das Weib wählen, sondern das Werk."

Und wenn eines Tages der andere kommt und seine Werbung erneuert?"

Papa, ich bitte dich, sprich nicht von der Zu­kunft, ich bin ja noch am Begraben!" erwiderte sie mit bebender Stimme.

Verzeih mir, Ruth, ich bin es noch nicht ge­wohnt, in meinem Kind das Weib mit seinen eigenen Schmerzen zu sehen!"

' Er faßte ihre Hände, besann sich einen Augen- blick, ob es wohl schicklich sei, und küßte ihr dann die Finger, die heute das Skalpell geführt und tapfer ins eigene Herz geschnitten hatte.

Ferrum sanat, ferrum sanat," murmelte er un­geschickt tröstend.

In dieser Nacht begrub Ruth Engelhardt ihre Jugendliebe. Die Erkenntnis, daß sie ihm das Opfer gebracht hatte, um ihm sein Werk möglich zu machen, machte ihr den Verzicht nicht leichter. Und das Bewußtsein, daß Hanns Ingold das Weib ge­opfert hätte, geopfert hatte, das zerriß ihr Inner­stes. Darüber halfen ihr jetzt, da es geschehen war, keine Opfergedanken hinweg. Im Augenblick, als er, alles vergessend, ungestüm nach dem Manne gefragt hatte, der ihm fehlte, war der Konflikt entschieden gewesen, hatte Hanns Ingold das Weib geopfert um seines Werkes willen. Und nun stand in dem Brief, den sie ihm geschrieben, der Name des Mannes, der Schicksal spielen sollte. Diesmal hatte sie nicht gezaudert, ihn zu nennen. Hanns Ingold kam nicht wieder.

Ruth weinte in dieser Nacht lang gesammelte Tränen. Der Abschied von ihrer Jugendliebe, von all dem, was sich damit verband, was sie hineinge­tragen hatte, war sehr, war unendlich schwer. Aber rätselhafte Regungen ihrer Seele beschäftigten sich schon in dieser Nacht mit der Zukunft, und die Frage, die sie dem Vater verboten hatte, tauchte

nun aus ihren eigenen Gedanken auf. Und wenn Gerhart Tylander kam und seine Werbung er­neuerte? Konnte, durfte, würde sie dann ja sagen? Chaotisch hoben und senkten sich ihre Gefühle, wällten ihre Empfindungen, und auf einmal ge­schah es, daß sie in dieser Nacht die nackten Arme ins Leere reckte und laut sprach:

Ja, Hanns, ich habe dich geliebt. Auf mancher­lei Art. Als Kmd wie mein liebstes Spielzeug und meinen einzigen Kameraden. Als Siebzehnjährige in grenzenloser Schwärmerei; als du fort warst, dich sogar in einem geliebt und gehaßt, mit nach dir gesehnt und mich gescholten, daß ich es tat. Du hast mich viel weniger geliebt, Hanns. Ich habe dich geliebt, wie du bist, und über alles, du mich nur so, wie ich dir in dein Leben paßte. Hanns, lebe wohl! Nun bist du frei, nun baue dein Werk!"

Gleichtöniger Regen schlug schon lange durchs Laub, als Ruth Engelhardt so mit ihrem Herzen sprach, und der Lausten sprang schon wieder, von großen Bodenseegewittern trunken, mit vollem Rauschen über den Hungerstein.

Am frühen Morgen hielt Ruth Ingolds Ant­wort in Händen. Sie hatte keine gewünscht, keine erwartet. Nach kurzem Zaudern öffnete sie den Brief. Einen Augenblick schlug die Flamme einer Hoffnung in ihr auf, die sie zugleich erschreckte und besiegelte.

Dann las sic:

Ruth, nun weiß ich, daß es aus ist. Ich ahne den Zusammenhang. Du wirst ihn heiraten. Aber das Werk, das feid'Jhr mir jetzt schuldig geworden. Ich nehme es aus seiner Hand, denn ich bleibe doch der lebendige Schöpfer. Er muß wollen. Will er nicht, so mußt Du ihn zwingen. Ja, ich gebe zu, ich sage es frei, ich konnte, ich darf nicht schwanken zwischen meinem Werk, meinem Lebenswerk, und der Geliebten. Ich kann mich nicht anders machen, als ich bin. Aber ich will nicht auf das Weib ver­zichten und das Werk trotzdem verlieren. Morgen sind die Pläne und die Einladungen zum Beitritt in seiner Hand. Ist er der Kopf, für den man ihn hält und für den ich ihn als Teilhaber der Firma Tylander und Kompagnie ansehen muß, so greift er zu. Um der Sache willen, um der Größe des Unternehmens willen. Gehen Tylander und Kom­pagnie mit, so holen wir mit fünfzigtausend Pferde­kräften, für deren Verwendung dann gesorgt wer­

den wird, so viel Kraft aus dem totrom, daß die Mehrkosten sich bezahlen. Ob ich die Kanalschleuse verbreitern muß, rechts und links Abfindungen zahlen, gleichviel, ich baue ein paar Turbinen mehr ein, und das Werk geht seinen Gong.

3d) habe Sie sehr geliebt, Ruth, aber ich kann diese Liebe nicht über die Lebensenergie stellen, die mich vom Schraubstock ins Bureau und von Aegyp- tcn nach Amerika gepeitscht hot und die nun in die- em Kraftwerke, das ick) gegen alle Welt durchsetzen muß, ihr Höchstes leisten will. Und deshalb taten Sie vielleicht recht, dieses Verlöbnis aufzuheben. Daß es ein Opfer ist, das Sie mir bringen, kann und will ich nicht glauben. Ich wünsche Ihnen das beste Glück und danke Ihnen für Gutes und Schlimmes. Ihr aufrichtiger Hanns Ingold."

Für Gutes und Schlimmes," wiederholte sie mit ruhigem Lächeln und schüttelte den Kopf.

Wie meinst du," fragte Engelhardt, von seinem Journal aufsehend.

Schweigend reichte sie ihm den Brief.

Engelhardt las. Bei dem Abschiedsgruß fuhr er in die Höhe.

Er ist ein"

Papa," mahnte sie leise.

Na, ja, ich bin schon ganz still."

Er legte den Bries beiseite und fuhr fort:Wir erwarten morgen die Jschiaspatientin, Kind. Hast du genügend Fango besorgt?"

Ja, Papa, Joseph hat die Holzwanne schon aufgebaut."

Der Betrieb lief weiter.

Drei Tage darauf schrie .Tylanders Autotrom­pete vor dem Tor.

Ruth saß auf der Terrasse bei den Kranken, die Liegekur macksten. Der wilde Klang rief keinen Schrecken, keine Ueberraschung in ihr wach.

Gleichzeitig sah sie auf St. Josephs Acker Män­ner mit Arbeitsgerät erscheinen. Stangen wurden aufgerichtet, rote Pflöcke in den Kies geschlagen. Don der Lauffenbrücke blitzte ein Meßinstrument, Hammerschläge weckten das Echo des Tales.

Der Vater ließ sie bitten, zu kommen. Sie schrieb noch die Temperatur der kleinen Russin ein, die nun doch nicht mehr als Rekonvaleszentin von einer trockenen Brustfellentzündung gelten konnte und St. Joseph bald mit Davos vertauschen

mußte, und ging dann hinunter. Unterwegs preßte sie die Hand fest auf die Brust.

Engelhardt war mit Tylander im Refektorium zusammengetroffen. Hier saßen sie am kalten Kamin in den weißen Korbsesseln und sprachen von dem Bau des Rheinwerkes.

Mander sprang auf und ging ihr eifrig ent­gegen.

Ich komme Sie auslogieren, Fraulein Engel- Hardt," begrüßte er sie scherzend.

Ja, er will mich veranlassen, der Gesellschaft St. Joseph für teures Geld zu verkaufen," rief der Vater und sah dabei gar nicht bekümmert aus.

Es wird Ihnen sowieso nichts anderes übrig bleiben, wenn wir bauen," sagte Tylander zu bei­den gewandt.

Sprechen Sie von dem Kraftwerk, Herr T'ylan- der?" fragte sie kühl.

Wie sprachen davon, gnädiges Fräulein."

Er legte den Ton auf die Vergangenheitsform, und seine Blicke baten um Entschuldigung.

Ruth wußte Bescheid. Eine große Ruhe kam über ihr Herz.

Als er sich nach kurzem Besuche wieder verab­schiedete und mit Ruth allein durch den Garten ging, kam er darauf zurück.

Ich habe mich seit unserer Fahrt nach Konstanz dafür interessiert und Zeit gehabt, mich zu infor­mieren. Dann erhielt ich eine kurz«» Abfrage des leitenden Ingenieurs, und die Pläne und Berech­nungen waren so bestechend, daß ich unser Haus mobil machte und selbst sofort hierher eilte. Das sofort" war indes nicht durch das Werk bedingt."

Sie überhörte die Andeutung und fragte:

Und sind Sie entschlossen, sich zu binden?" Wenn die Firma denkt wie ich, ja."

Eine rote Welle stieg in ihr Gesicht.

Das freut mich," erwiderte sie unwillkürlich und atmete tief.

Eine kleine Pause entstand, sie fanden die rich­tige Wendung nicht, um zu Enge zu kommen.

Endlich sagte er:

Ich habe Herrn Ingold übrigens schon vor einem Jc-hre hier bei Ihnen kennen gelernt. Bei der Affäre mit der kleinen Lo " sagte er ohne jede andere Absicht als die, den Abschied noch hinaus- zusck-ieben.

(Fortsetzung folgt.)

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