Nr. 278 Erster Blatt
175. Jahrgang
Kettag, 27.
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen:
Gießener Familienblatter Heimat im Bild Die Scholle.
Wonat$«Bejug$prei$:
2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Trager» lohn, auch bei Richter- scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: Schriftleitung 112, Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnachrichten. Anzeiger Sichen.
Postscheckkonto:
Sranlfurt am Main 11686.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
VruS und Verlag- vrühl'sche Univerfitäls-Buch- und Steinöruderei R. Lange in Sietzen. Schnstlettung und Geschäftsstelle: Zchulftratze 7.
Noveinber 1925
Annahme von Anzeigen für die Tagesrmmmer ois zum Nachmittag vorher.
Preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mm ‘Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfeunig; für Re- klameanzeigeo von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrist 20°/. mehr.
Lhefredakteur:
Dr. 5riebt. Mlh. Lange.
Verantwortlich: für Politik und Feuilleton Dr. Friedr. Will). Lange; für den übrigen Teil Ernst Blumschein,- für den An- zeigenteil Hans Iüstel, sämttich in Giesten.
Fortsetzung der Locarnodebatte.
Die Vorlage in zweiter Lesung mit 271 gegen 159 Stimmen angenommen.
Auf der Tagesordnung steht die 2. Beratung der Locarnoverträge. Am .Regierungstisch sitzt Reichsaußenminister Dr. S t r e s e m a n n.
Abg. Dr. Landsberg (Soz.)
Bei unserer Kritik, mag sie noch so scharf sein, müssen wir immer davon ausgehen, daß der Beweggrund des Gegners die Liebe zum Vaterlande ist. Unerhört ist es, wenn der frühere deutschnationale Abg. Roth sich erfrecht, in einem Blatte zu schreiben, jeder Befürworter der Locarnoverträge sei ein Vaterlandsver- räter. (Pfuirufe links.) Diese Zeilen beweisen den moralischen Tiefstand des Verfassers. (Lebhafte Zustimmung links.) Wir Sozialdemokraten begrüßen das Werk von Locarno und bekennen uns zum Pazifismus. Der Locarnopakt kann eine Schicksalswende im Völkerleben herbeiführcn. Die Deutsch- nationalen aber haben alle auf seinen Abschluß zielende Schritte unterstützt, aber im letzten Augenblick, schon nach der Paraphierung, haben sie die Regierung verlassen aus Furcht vor der Derantwof tung. Jetzt, nachdem der Vertrag paraphiert ist, würde ein Scheitern geradezu eine Katastrophe bedeuten, denn es würde uns zu der Last des Ver- failler Vertrages noch das denkbar größte Mißtrauen in die deutsche Politik bringen. Auch mir stimmen nicht mit Heller Freude dem Locarnovertrag zu. Es würde für uns erheblich an Wert gewinnen, wenn die Befreiung der Rheinlande möglichst schnell vollzogen würde. Aber haben Sie denn, Herr Graf Westarp, von Locarno die sofortige Befreiung des Rheinlandes erhofft? (Abg Graf Westarp: „Ja!") Abg. Landsberg fortfah- rend: Dann waren Sie allerdings mehr von der Locarno-Psychose erfaßt als wir! (Große Heiterkeit.)
Wir denken nicht an irgendeine Feindseligkeit gegen Rußland. Auch die Regierung denkt sicher- lich nicht daran, denn kein Krieg könnte in Deutschland unpopulärer fein als der gegen Rußland. Wenn die Deutschnationalen mit dem Erfordernis einer Zweidrittelmehrheit die Reichstagsauflösung erzielen könnten, so wurden wir einen solchen Wahlkampf begrüßen. Aber rechtlich ist die Zweidrittelmehrheit für diese Vorlage nicht erforderlich. Der Locarnopakt kostet uns den Verzicht auf den Krieg, den wir doch nicht führen können und nicht führen wollen. Er bringt uns aber den Schutz vor weiterer Sanktionspolitik und die Aussicht auf baldige Befreiung der Rheinlande. Die Ablehnung des Locarnopaktes würde Deutschland einfach in die alte Rechtlosigkeit zurückstoßen. Die Politik der Deutschnationalen hat sich als unglücklich und damit als unmöglich erwiesen. (Große Unruhe bei den Deutschnationalen.) Wir Sozialdemokraten nehmen Locarno an. Möge die Annahme unserem Land und unserem Volk zum Segen gereichen. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten — Zischen rechts — erneuter lebhafter Beifall und Händeklat- fchen bei der Linken.)
Abg. Wallraf (Du.)
Abg. Dr. Scholz empfahl uns Deutsch- nationalen die beiden StraßenbahnplaÜate „Nimm Rücksicht auf andere!" und „Springe nicht ab wahrend der Fahrt!" Das erste akzeptieren wir gerne. Es sollte in jedem Fraktionszimmer hängen. Der zweiten Mahnung bedürfen wir nicht. Die Straßeirbahn hat Haltestellen, an denen man aussteigen muh, weim man sieht, daß der Wagen falsche Richtung einschlägt. (Sehr gut bei den Deutschnationalen.) Wir Deutschnationalen sind ausgestiegen an der Haltestelle mit dem Ramen „Locarno — Re varietur". (Lebhafter Beifall bei den Deutschnationalen.) Was uns als Vorteil aus einer Annahme des Locarnovertrages geschildert wird, ist doch recht zweifelhafter Statur. Man sagt, Deutschland werde einen Sitz ün Dölkerbundsrat erhalten. Ein gleicher Sih sott aber auch Polen zugebilligt werden. Es steht fest, dah mahgebende Staatsmänner der Alliierten den Locarnovertrag anders auslegen als unsere Regierung, das; sie als seinen Hauptvorzug die Stabilisierung und freiwillige Anerkennung des Versailler Vertrages durch Deutschland bezeichnen. DaS Deutsche Reich darf keinen Vertrag unterzeichnen, der auch nur die Deutung zuläht. als wäre dadurch ein neues Anerkenntnis des Versailler Diktats und freiwilliger Verzicht auf deutsches Land ausgesprochen. (Dei- fall bei den Deutschnationalen.) Der „Matin" berichtet, dah an die Stelle der aus dem Rheinland abberufenen Zivildelegierten militärische Delegierte treten sollen. (Hört! Hört!) Aehnliche für uns ungünstige Anlündigungen bringt der „Ternps". Er bestreitet, daß die Räumung der ersten Zone nur ein Anfang sei. Er erklärt weiter, die Alliierten würden sich nicht einmal auf eine Unterhaltung über eine weitere Räumung ein- lassen. (Hört! Hort! bei den Deutschnationalen.) Wenn ein alter Rheinländer, wie der ehrliche und mutige Iustizminister F renken die Regierung verlieh, weil er mit Locarno unter keinen Llmständen einverstanden sein konnte, so muh das zu denken geben. Wir glauben an unser Volk. Darum wollen wir nicht durch die Annahme des Locarnopaktes die freie Bahn in eine bessere Zukunft unseres Vaterlandes versperren!" (Lebhafter Beifall und Händeklatschen bei den Deutschnationalen.)
Abg. Dr. Dernbrrrg (Dem.)
Die Deutschnationalen treiben eine Politik, die bedenklich an die verhängnisvolle Außenpolitik Holsteins erinnert. Wie auch die Abstimmung ausfällt, ob positiv oder negativ, in der
Wage liegt das Schicksal Deutschlands. Die Welt nach Locarno ist nicht mehr die Welt vor Locarno. Locarno bedeutet einen Umtocg, der sich hätte vermeiden lassen, wenn Deutschland rechtzeitig in den Völkerbund eingetreten wäre. Die Bedenken gegen den Völkerbund werden am besten zerstreut werden, wenn wir erst gleichberechtigtes Mitglied des Völkerbundes find. Wir werden für alle nationalen Minderheiten die kulturelle Autonomie verlangen, und diese Haltung wird ihre Früchte tragen. Die Befürchtung, dah Deutschland mit dem Eintritt in den Völker- eine Option für den Westen gegen den Osten Europas Dornimmt, ist durchaus unbegründet. Wenn eine solche Haltung bei den Kommunisten noch verständlich ist, so ist sie bei den Deutschnationalen ganz unbegreiflich. Die Deutschnationalen treiben eine Politik der Isolierung Deutschlands, die der Dismarkschen Politik durchaus widerspricht. Wenn der Locarnopakt durch Deutschland zum Scheitern gebracht worden ist, dann ist Deutschlands Stellung in der Welt weit ungünstiger als zuvor. Dann wird die Hoffnung auf Befreiung des Rheinlandes und auf die allgemeine Abrüstung auch der Anderen ganz aussichtlos bleiben. Die deutsch« Wirtschaft braucht Auslandskredite. Glauben die Deutschnationalen, dah sie kommen werden, wenn sie Locarno ablehnen mit dem Gesang „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen!"? Wir erkennen als den Willen der großen Mehrheit unseres Volkes das, was Rathenau in Genua aussprach: „Friede! Friede! Friede!" (Beifall bei den Demokraten.)
Abg. Hampe (Wirtsch. Vgg.)
Aus der Debatte ergibt sich, daß keine Fraktion aus vollem Herzensgründe dem Locarnoabkommen zujubelt. Auch die Reden der Regierungsvertreter zeigten Enttäuschung darüber, daß das Maß der Rückwirkungen doch ganz uner- hedlich zurückbleibl hinter unseren Hoffnungen. Auch in unserer Fraktion bestehen Meinungverschio- denheiten für den ßocarnopgft. Ich spreche im besonderen für die Deutschhannoveraner und den Bayerischen Bauernbund. Wir haben immer gefordert, daß die Politik der Gewalt durch die Politik des Rechts ersetzt wird. Wir hegen gegen den Locarnopakt das große Bedenken, daß er als eine neue Bestätigung des Versailler Diktats gedeutet werden könnte, das der Ausdruck schlimmster Gewaltpolitik gegen Deutschland ist. Rach den Erklärungen der Gegenseite sind unsere Bedenken in dem einen Punkt zerstreut. Als eine neue Anerkennung des Versailler Vertrages kann d^r Vertrag von Locarno nicht betrachtet werden. Große Enttäuschung bereitete uns die u n g e n ü g e n d e D erwirk l i ch u n g der Rückwirkungen. Die Idee des Völkerbundes ist uns grundsätzlich durchaus sympathisch. Aber wir wollen nicht jetzt, wo wir gar nicht wissen, wie die künftige Regierung aussieht, eine solche Ermächtigung geben. Wir beantragen daher, dem Artikel 2 der Vorlage die Fassung zu geben: Die Ermächtigung der Reichsregierung, die für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund erforderlichen Schritte zu tun, wird durch ein besonderes Reichsgesetz geregelt.
Qlamens meiner Fraktion habe ich noch zu erklären, dah in Frage, ob die Locarnovorlage verfassungsändernd sei und zu ihrer Annahme im Reichstage eine - 3 Mehrheit erforderlich ist, wir uns auf den verneinenden Standpunkt des Gutachtens der Reichsregierung stellen. Wenn unfe- rem Abänderungsantrag oder einem ähnlichen anderer Parteien stattgegeben wird, werden wir . der Vorlage zustimmen. (Beifall bei der Wirtschaftlichen Vereinigung.)
Abg. Bayersdörfer (Bayr. Volksp.) betont, dah daS. was als Rückwirkungen der Locarnoverträge bezeichnet wird, nichts als die Erfüllung klarer Rechtsansprüche bedeutet. Der Redner schildert die drückende Besahungskast namentlich in der Pfalz und das durch sie hervor- getufene Elend. Das seien Rückwirkungen des Geistes von London. Wenn das Vertragswerk von Locarno überhaupt Wert haben soll, müsse die Aushebung der Besetzung oder wenigstens eine klare Festsetzung der Fristen sein. (Sehr richtig rechts.) Sanktionen müßten für alle Zukunft aufhören, nachdem die Möglichkeit der Schiedsverfahren bestehe. Das Rheinland für sich allein wolle nichts besonderes haben. Wenn die Lccarnoverträge nicht dem Gesamtinteresse dienten, mühten sie abgelehnt werden.
Abg. Henning (Völk.)
Diese Locarno-P'ychose muh endlich durchbrochen werden. Es muh einmal festaestettt werden, daß unsere Vertragsgegner dieselben Kreise sind, die im K'.iege die schlimmsten Lügen über uns verbreitet und die niemals die uns gemachten Zusicherungen gehalten haben. Ausgerechnet von diesen Vertragsgegnern nehmen jetzt Dr. Luther und Dr. Stresemann an, dah sie ihre Versprechungen halten würden.
Damit schließt die Aussprache. In der
Abstimmung
die auf Antrag der Deutschnationalen namentlich ist, wird der Artikel 1 des Gesetzes, der die Annahme des Sicherheitspaktes und der Schiedsverträge feststellt, mit 271 gegen 159Stimmen angenommen. Dageoen haben die Deutschnationalen, die Kommu- nisten, die Völkischen, die Nationalsozialisten und ein Teil der Wirtschaftlichen Vereinigung gestimmt.
Vor der Abstimmung über Art. 2, der Deuts ch- lands Eintritt in den Völkerbund ausspricht, beantragte Abg. Leicht (Bayr. Volkspartei) folgende Entschließung: Die Reichsregierung wird ersucht, von der Ermächtigung des Artikels 2 nur Gebrauch zu machen, wenn sich durch weitere Tatsachen die Auffassung der Regierung bestätigt, daß die Gegenseite in den schwebenden Fragen, insbesondere den Fragen der Rheinlande, eine Politik der friedlichen Verständigung eröffnet. Abg. Leicht erklärte weiter, seine Fraktion werde sich bei der jetzigen Abstimmung über den Artikel 2 der Stimme enthalten. Die Entschließung kann erst in der 3. Beratung am Freitag zur Abstimmung kommen.
Namentlich wird daraus abgestimmt über einen Antrag der Deutschnationalen, der dem Artikel 2 folgenden Absatz anfügen will: Zum Eintritt Deutsch- lands in den Völkerbund bedarf es eines besonderen Gesetzes. Der Antrag der Deutschnatio- nalen wird mit 242 gegen 169 Stimmen bei 19 Stimmenthaltungen abgelebt. Ebenfalls wird der Antrag der Wirtschaftlichen Vereini-
Für den „Geist von Locarno" ist es nicht gut gewesen, daß die Dauerkrise in Frankreich gerade die Zeit vor dem 1.Dezember so restlos ausfüllte, Brian d hat immer noch nicht Gelegenheit gehabt, die Locarno- Verträge dd r der französischen Kammer zu vertreten, was er eigentlich schon vor vier Wochen tun wollte; er hat auch noch nicht die Möglichkeit gehabt, im Kabinett den Beschluß durchzusetzen, dah dem Unfug der Prozesse gegen die sogenannten „beuttchen Kriegsverbrecher" ein Ende gemacht wird. Vielleicht wäre es für das Schicksal des zweiten Kabinetts P a i n 1 e D e besser gewesen, wenn die außenpolitische Debatte dazu benutzt wurde, um die Einigkeit der Regierungsparteien nach außen hin zu dokumentieren, statt dessen bissen die Parteien sich auf die Finanzvorlage fest und stürzten das zweite Kabinett schon nach 23 Tagen, nachdem es allerdings vom ersten Tage an schon kaum lebensfähig gewesen war. Herr Painlevä hat also sehr rasch abgewirtschaftet, er hat nicht viel Freude daran erlebt, daß er fernen Finanzminister Cai 11 aux falt stellte und selbst die Lösung des Finanzproblems versuchen wollte. Eigentlich ist er nicht einen Schritt weiter gekommen, als Caillaux. Denn was er wollte, war die Quadratur des Zirkels, und die läßt sich nun einmal auch parlamentarisch nicht lösen.
Schließlich ist ja auch das Finanzproblem nur ein Ausschnitt aus den ganzen französischen Schwierigkeiten. Frankreich ist auf dem besten Wege, aus einer parlamentarischen Krise in eine Staatskrise hineinzurutschen, wenn die Berufsparlamentarier sich auch ängstlich hüten, davon nach außen hin etwas verlauten zu lassen. Liber sie können doch nicht verhindern, daß heute das ganze französische Volk wie hypnotisiert auf die Gefahr der Inflation starrt und jeder Regierung Schwierigkeiten machen wird, die nicht von heute auf morgen Abhilfe zu schaffen verspricht. Sie können auch nicht verhindern, daß der Franken stetig weiter finkt und dadurch das Gespenst der Inflation immer näher rückt.
Merkwürdig genug, daß ein Volk von den Erfahrungen des anderen hier so gar nichts lernen will. Wir Deutschen hatten das Beispiel Oesterreichs und Polens vor Augen und haben uns doch selbst die Finger verbrennen müssen, wenn auch bei uns der Antrieb mehr von außen kam, weil die ständigen finanziellen Blutentziehungen, denen wir rücksichtslos unterworfen waren, einen Unterdrück in der Geldzirkulation herbeiführen mußten und schließlich auch in den Formen des Zusammenbruchs unserer Währung ihren Ausdruck fand. Dem find die Franzosen nicht ausgesetzt ge- wesen, sie haben sich bisher um die Bezahlung ihrer Kriegsschulden herumgedrückt, haben auch von Deutschland Geld genug bekommen, aber der Nationalismus derer um Poincars sorgte dafür, daß dieses Geld zusammen mit den inneren Anleihen ve r - pulvert wurde für Rüstungszwecke, für die militärische Unterstützung der östlichen Bundesgenossen und für Wiederaufbauskandale.
Das ging schließlich gut, solange die große Phrase, Deutschland werbe alles bezahlen, noch Glauben erweckte, seitdem aber das Dawes-Gut- achteu Deutschlands Zahlungen wenigstens nach oben begrenzte und infolge der deutschen Wirtschaftskrise auch zutage trat, daß wir nicht einmal imstande sein werden, auch nur annähernd die Beträge zu zahlen, die das Dawes-Gutachten vorsicht, nachdem gleichzeitig auch Amerika auf die Verzinsung der Kriegsschulden drängte, brach dieses schöne Kartenhaus zusammen; es mußte Geld geschaffen werden. Der Ausweg einer Vermehrung der Zahlungsmittel bedeutet Inflation in verstärktem Tempo, der Ausweg der Kapitalabgabe bedeutet Kapitalflucht ins Ausland und Herabdrückung des Franken- llrrfcs von außen her. Das eine ist ebensowenig erfreulich wie das andere. Zu dem radikalen Mittel des Abbaus der militärischen Ausgaben aber will sich niemand entschließen.
So doktert ma;i denn an einem unheilbaren Leiden herum und darf sich nicht wundern, wenn der Zustand des Patienten sich verschlimmert.
g u n g , der inhaltlich dasselbe besagt, ebenfalls in namentlicher Abstimmuna abgeleh n t. Artikel 2 des Gesetzentwurfes wird hierauf in einfacher 'Abstimmung angenommen, desgleichen Artikel 3. Damit ist die zweite Lesung des Gesetzentwurfes beendet.
Freitag 12 Uhr: Dritte Lesung des Locarno- gesetzes.
(Bitte Entschließung der Mittelparteien zu denLocarno-Gesetzen
In der Vollsitzung der Sraftionen des Zentrums, der Deutschen Volkspartei und der Demokraten einigte man sich dann auf eine gemeinsame Entschließung, die bereits dem Reichstag oorlicgt. Es heißt darin, daß die Regierung aufgefordert wird, mit allen Kräften bemüht zu sein, um bis zum Eintritt Deutschlands in den Völkerbund eine dem Sinn des Vertragswerts von Locarno entsprechende Erweiterung der sogenannten Rückwirkungen zu sichern. Wie wir hören, werden auch die Mitglieder der Bayrischen Volkspartei dieser Entschließung zu stimmen, falls ihre eigene Entschließung zu dieser Frage abgelehnt werden sollte. Wie verlautet, werden die Sozialdemokraten die gemeinsame Entschließung der drei genannten Parteien unterstützen.
Zumal, da die Sozialisten auch noch nebenbei ihre Sonderziele verfolgen. Rach den Kartellwahlen fanden sie es sehr beguem, aus der Verantwortung herauszubleiben, aber durch die Drohung ihres Austritts aus dem Kartell das Kabinett nach ihrem Willen zu lenken. Sie haben dadurch den Sturz Herrjots herbei- geführt, haben P a i n 1 e v e sich totlaufen lassen und sehen sich jetzt vor der Gefahr eines Bruches des Kartells, vielleicht sogar vor der Gefahr eines Wiederauftauchens Poin- c a r 6 s. Da erst sind sie klug geworden und haben von heute auf morgen den Beschluß gefast/, auch die Verantwortung zu übernehmen. Vorläufig allerdings nur in der Form, dah sie selbst ein Ministerium bilden wollen, dem Vertreter der übrigen Kar(cllparteien angehören dürfen, während im Kartell selbst der Wunsch nach einem Koalitionsministerium aus allen Kartellparteien vorherrscht.
Daher die Rückkehr Herriots, die gleichzeitig auch als eine Rückkehr zu Herriot gedacht war. Herriot ist zweifellos im Kartell der populärste Mann; wo es nun auch ihm nicht gelungen ist, die auseinanderstrebenden Kräfte beisammen zu halten, ist es sehr zweifelhaft ob Briand erreichen wird, was Herriot versagt blieb. Jedenfalls wird in den Wandelgängen der französischen Kammer schon von der Möglichkeit einer Auflösung geflüstert. Das ist in der ganzen parlamentarischen Geschichte der Franzosen noch nicht da gewesen und würde tatsächlich den Staatsstreich. eine Tat der Verzweiflung, bedeuten. Aber schließlich steht den Franzosen das Wasser bald so am Halse, daß sie zu dem äustersten Mittel greifen müssen, wenn die allgewaltige parlamentarische Oberschicht sich nicht einigen kann.
Herriots Mißerfolg.
Die Weigerung der Sozialisten.
Paris, 26. Roo. (TU.) herriot hat die Kabinettsbildung a b ge lehn t, weil die S 0 3 lall ft e n ihre Mitarbeit verweigert haben. Rach einer kurzen Besprechung mit Alb. Sarraut ließ der Präsident der Republik Briand zu sich bitten und trug ihm wieder die Regierungsbildung an. Briand hat den Auftrag angenommen. 3n politischen Kreisen ist man der Ansicht, dah Briand versuchen werde, ein Kabinett ohne Beteiligung der Sozialisten zustande zu bringen.
In einer Sitzung der radikalen Äammcr- fraltion erklärte beute nachmittag Herriot. er habe geglaubt, in Anbetracht der kritischen Lage die Verantwortung für die Regierungsbildung übernehmen zu sotten. Rach Hinweis darauf, daß er gestern nacht den Vertretern der Parteien des Kartells der Linken offen crflärt habe, welche Politik er betreiben solle, habe er seinen Willen zum Ausdruck gebracht, sich mit allen Demokraten an die Arbeit zu begeben, um die Finanzkrise zu beseitigen. Frankreich verstehe, daß es Opfer bringen müsse, vorausgesetzt, daß es von starker Hand regiert werde. „Ich wurde," so fuhr Herriot fort, „im April im Senat gestürzt, als ich die Rotweudigkeit einer außerordentlichen Steuer auf das Vermögen und das Einkommen vertrat. Das sind die Grundsätze, an die ich erinnerte und die ich auch auf dem Kongreß in Rizza in den Vordergrund gestellt habe. Aus dieser Grundlage habe ich
die sozialistischen Kollegen um ihre Teilnahme an meinem Ministerium gebeten.
Um die regelmäßige Durchführung des Wirtschaftslebens im Lande zu sichern und um den laufenden Verpflichtungen nachzukommen, sind sofort Uebergangsmaßnahmen notwendig. Wenn ich trotz meines Abscheues vor der Inflation es abgelehnt habe, die Verpflichtung zu übernehmen, nicht zur Inflation'zu schreiten, dann geschah das, weil die Vernunft unb die Erfahrung mir Beweise gaben, daß es nicht einmal der entschlossensten Regierung mög.kcch war, gewissen Fatalitäten oder Manövern zu entgehen. Es handelt sich bei meinen Geöanken- gäugen nicht um doktrinäre Vorbehalte, son-
Ein neuer Versuch Briands.


