bern um eine loyale Gewissenhaftigkeit. Ebenso habe ich bei Verteilung der Minister- sitze meinen sozialistischen Kollegen auseinander- gesetzt, daß ich durch ehrliche Anwendung dieser Grundsätze bereit wäre, mich- von den Entscheidungen der Kammerwahlen leiten zu lassen, d. h. die Verteilung entsprechend der Stärke der Kammerfraktionen vorzunehmen. Aus dem Beschluß, den die Sozialisten heute vormittag gefaßt haben, geht hervor, daß man die Mitarbeit verweigert, und daß die äleberstürzungspolitik, die wir beiderseits während zehn Monaten geübt haben, nicht in nutzbringender Weise von unserer großen Partei gefördert werden kann. Ich bin der Ansicht, daß ach unter diesen Bedingungen meine Pflicht erfüllt habe.
Die Unterzeichnung des Loearnovertrages.
Der Reichskanzler und Dr. Strescmann gehen nach London.
Die „Tägliche Rundschau" meldet: Die Unterzeichnung des Locarnoverirags wird, wie jetzt fest- steht, nicht durch die Botschafter, sondern durch die Delegierten erfolgen. Die deutschen Delegierten in Locarno. Reichskanzler Dc. Luther und Rcichsaußenminislcr Dr. Stresemann, werden sich mit den Staatssekretären von Schubert und Kemp ner und Ministerialdirektor Gauß nach London begeben und die Unterschrift o o ll- ziehen. Für den Aufenthalt in London sind zwei bis drei Tage in Aufsicht genommen.
Wie der amtliche engiische Funkdienst meldet, kann jetzt endgültig damit gerechnet werden, dah die Locarnovcrträge am nächsten Dienstag- morgen im Foreign Office von den Ministern unterzeichnet werden. Angesichts des Todes der Königin Mutter hat die englische Regierung notwendigerweise viele Feiern derDast- freundschaft absagen müssen, die sie gerne ihren Gästen geboten hätte. Trotzdem werden die ausländischen Minister mit ihrem persönlichen Erscheinen selbst zur erhöhten Bedeutung der Vertragsunterzeichnung beitragen. Der König wird selbstverständlich die Mi nist er empfangen, die trotz Absage des Staatsbanketts beim Ministerpräsidenten und beim Außenminister Gäste sein werden. 3m Auswärtigen A m t wird schon jetzt eifrig an der Herrichtung der Räumlichkeiten für den Llnterzeichnungs- akt gearbeitet. Der große Raum im Foreign Office ist von allen Möbeln befrei' worden. Auf seiner Rordseite wird quer öuix । das ganze Zimmer ein Podium errichtet wereen. 3n dem Raum haben über 200 Personen Platz.
Die Rheinlandbesatzung.
Englisch-französische Meinungsverschiedenheiten über die Verminderung der Rheinlandbesatzung.
London, 27. Rov. (W. T. D. Funkspruch.) Der diplomatische Berichterstatter deS »Daily Telegraph" meldet: Die Verhandlungen über die Verminderung der Desahungstruppen der Rheinlande stoß-en auf beträchtliche Schwierigkeiten. Wie verlautet, fordern die französischen Behörden nachdrücklich, daß das französische Kontingent, das gegenwärtig etwa 90 000 Mann 'beträgt, annähernd in der Stärke, die vor der •. Ruhrbesetzung bestand, b i behalten werden soll und daß eine Verminderung höchstens um f 30 000 Mann zugestanden werden kann. Die französische Auffassung, daß die britische Rheinarmee noch weiter vermindert werden könnte, ist nach Ansicht britischer diplomatischer und militärischer Kreise unannehmbar, da das britische Kontingent im Vergleich zu der Stärke, die es vor drei Jahren hatte, bereits radikal vermindert worden ist.
Rach einer Havasmeldung aus Mainz hat der General st ab der französischen Rheinarmee die Umgr uppierungsarbeiten infolge der Räumung Kölns bereits beendet. Die Besatzungstruppen werden danach in Zukunft aus drei Armeekorps und sechs Divisionen, darunter einer Kavalleriedivision, bestehen. Die französischen Truppen in Wiesbaden werden nach Mainz verlegt, wo sie die 42. französische Division ersetzen, die nach Frankreich verlegt wird, ebenso wie das 5. und 6. Kürassierregiment. Diese Truppen bildeten einen Ersah für die nach Marokko gesandten französischen Streitkräfte. Der Sih des Generalstabes des 30. Armeekorps wird nach Koblenz verlegt. Die Havasmeldung weist darauf hin, dah diese Maßnahmen die Lasten des besetzten Gebietes nicht vermehren, sondern daß dadurch die Truppenbestände im besetzten Gebiet vermindert würden.
Neue Besatzungslasten für Koblenz.
Koblenz, 27. Rov. 3n der gestrigen Stadtverordnetenversammlung teilte der Oberbürgermeister Russell zur Bestürzung der Stadtverordneten und der Bürgerschaft folgendes mit: »Wir hatten gehofft, daß der Vertrag von Locarno uns eine Erleichterung der Besetzung bringen würde. Heute nun ist die amtliche Erklärung eingegangen, daß neue 15 0 Fainilienwoh nungen und eine größere Anzahl Zimmer für unverheiratete Offiziere beansprucht tverden, da ein Telegra- phenbataillon und verschiedene andere Truppen- ici(c nach Koblenz verlegt werden sollen. Wir erheben schärfsten Einspruch dagegen, da wir in der Hoffnung auf eine Erleichterung der untragbaren Lasten getäuscht worden sind." Der Oberbürgermeister teilte dann noch mit, daß er bereits beim Äreißbelegierten Einspruch erhoben und sich fernerhin an das Auswärtige Amt, den Minister für die besetzten Gebiete und den Rcichs7ommissar drahtlich um Hilfe gewandt habe.
Die polnische Militärnvache im Danziger Hafen.
Danzig. 27. Rov. Aus Anlaß der Ansang Dezember beginnenden Tagung des Dölteround-- iatö beantwortete Senatspräsident Dr. Sa hm eine deutschnationale Anfrage, welche Maßnahmen die Regierung getroffen habe, um zu verhindern .daß Polen am Hafenausgang eine polnische Militärwache von 38«
Mann zur Bewachuiig d es polnischen Munitionsdepots einrichte. Der Senatspräsident wies darauf hin. daß die Einrichtung einer polnischen Militärwache im Danziger Hafen zur Bewachung der polnischen Munition rechtlich nicht haltbar sei, weil die Sicherung dieses Munitionslagers der Danziger Schutzpolizei zukomme und weil die Errichtung der polnischen Militärwache der Genehmigung der gesetzgebenden Körperschaften in Danzig unterliege. Diese könne aber vom Danziger Parlament nicht erteilt werden, weil Danzig nach der Verfassung zu keinem Militäroder Marinelager Polens werden dürste. Die Danziger Regierung habe nunmehr dem Dölkerbundsrat einen Vorschlag unterbreitet, die umstrittene Frage der polnischen Munitions- Wache in der Weise zu lösen, daß der polnischen Regierung empfohlen wird, das polnische Munitionslager von Danzig nach dem polnischen Hafen Gdingen zu verlegen, weil Polen selbst diesen Hafen errichtet habe.
Gegen den Personal- abbau der Reichsbahn.
Berlin, 26. Rov. (SU.) Der Personalbestand der Reichsbahngesellschaft wurde bereits von einer Million um 279 000 Köpfe vermindert und bat für das ständige. Personal den Friedens lopfbe st and von 693 000 Beamten und Arbeitern erreicht. Trotzdem will die Reichsbahnverwaltung noch eine große Menge von Beamten und Arbeitern abbauen, anstatt dem Abbau ein Ende zu machen und die etwa notwendige Personalverminderung durch natürlichen Abgang (jährlich 15 000 Köpfe) herbeizuführen. Bei der dritten Lesung des Haushalts des Rcichsverkehrsministeriums wird es zu harten Auseinandersetzungen mit dem Derwaltungsrat und der Hauptverwaltung der Reichsbahngesell- schäft wegen dieser Vorgänge im Reichstag kommen. Der Reichstagsausschuß zur Prüfung der Rechtsverhältnisse bei der Reichsbahn nahm in seiner heutigen Sitzung bereits einstimmig folgende zwei Entschließungen an:
1. Der Reichstag wolle beschließen, die Reichsregierung zu ersuchen, unverzüglich auf die deutsche Reichsbahnverwaltung einzuwirken, daß der Personalabbau der Reichsbahn für b e e n'd et erklärt wird.
2. Die Reichsregierung zu ersuchen, auf die Deichsbahngesellschaft einzuwirken, die Pension s v e r h ä l t n i s s e der in das Arbeiterverhältnis überführten Beamten den Pensions- Verhältnissen der Reichsbahn anzupassen.
Vie Eröffnung der Berliner Automobilausstellung.
Geheimrat von Opel über die Lage der deutschen Automobilindustrie.
Berlin, 26. Rov. (TU.) Unter zahlreicher Beteiligung fand heute morgen in der festlich geschmückten Automobilhalle am Kaiserdamm in Gegenwart des Reichspräsidenten von Hindenburg und zahlreicher Minister sowie hervorragender Vertreter der Regierung die Eröffnung der diesjährigen Automobilausstellung statt. Als Vertreter der deutschen Automobilindustrie ergriff Geh. Rat Dr. Wilhelm v. Opel das Wort zu einer längeren Ansprache, in der er unter anderem folgendes ausführte:
„Namens und im Auftrag des Automobilklubs von Deutschland und des Reichsverbandes der Automobilindustrie spreche ich zunächst Ihnen, Herr Reichspräsident, unseren tiefsten Dank aus für Ihren Entschluß, den Eröffnungsakt der Deutschen Automobilausstellung persönlich vollziehen zu wollen. Die heutige Eröffnung der Ausstellung fällt zusammen mit einem mehr als in einer Beziehung bedeutungsvollen Termin. Am 1. Oktober sind
die Grenzen für die Einfuhr ausländischer Kraftfahrzeuge geöffnet
worden. Mit allen nur denkbaren Mitteln hat die Automobilindustrie des Auslandes schon lange vorher für diesen Termin ihre Vorbereitungen getroffen, um den letzten vernichtenden schlag gegen die deutsche Automobilindustrie zu fuhren, um den deutschen Markt für sich zu erobern und droht das deutsche Volk und die deutsche Wirtschaft in eine mehr ober weniger große Abhängigkeit zu bringen auf den für die moderne Verkehrspolitik so überaus wichtigen Gebiet der Automobilisierung unseres Landes. Das Ausland, besonders Amerika, hat während des Krieges feine Automobilindustrie ungestört entwickeln können, während die deutschen Automobilfabriken durch die Ungunst der Zeit daran verhindert waren. Erst mit der Schaffung der festen Währung, also knapp vor zwei Jahren, war der Zeitpunkt gekommen, wo die deutsche Automobilindustrie mit ihren Umstellungsarbeiten beginnen konnte. Während wir im Vorjahre etwa 30 000 Kraftwagen hercmsbrachten, können wir heute tnühelos mit unseren Einrichtungen mehr als 100000 Kraftwagen erzeugen.
Dah wir auch in konstruktiver Hinsicht uns mit dem Auslande messen können, beweist u. a. eine Reihe der glänzendsten sportlichen Siege, die deutsche Marken auf den schwierigsten internationalen Konkurrenzen errungen haben.
Es wäre geradezu ein unübersehbares nationales Unglück, wenn ein Staat wie das Deutsche Reich barduf Verzicht leisten wollte, im eigenen Lande das neben der Eisenbahn wichtigste Verkehrsmittel selbst zu erzeuget'., und darum benutze ich, hochverehrter Herr Reichspräsident, die Gelegenheit Ihrer Gegenwart sowie der Anwesenheit der Herren Minister und zahlreicher hervorragender Vertreter der Regierung, um Ihnen die berechtigten Interessen der Automobilindustrie in bezug auf die verkehrs- wirtschaftliche Gesetzgebung, wie Steuerfragen und die große Streitfrage, ans Herz zu legen. Zum Schluß möchte ich einen letzten Appell an dös gesamte deutsche Volk richten: Unterstützt eure schwer, aber mit unerschütterlichem Willen und bestem Erfolg um ihre Existenz ringende deutsche Automobilindustrie, indem ihr der deutschen und nicht der ausländischen Industrie die Mittel zu- suhrt, ohne die sie nicht bestehen kann. Cs steht auf dem topiel die Existenz von 300 000 'Arbeitern und Angestellten, die in der Automobilindustrie und in der Zubehörindustrie tätig sind. Wenn alle drei Faktoren, Regierung, Volk lind Automobilindustrie, zusammeuwirken, den Automobilverkehr in Deutschland zu fördern und ihn mit eigenen Erzeugnissen des Vaterlandes durchzuführen, so kann der Erfolg trotz aller Schwierigkeiten nicht ausbleiben."
Nach der Ansprache wurde die Alisstellung für eröffnet erklärt.
Die Berliner 3ntendantenkrifi§. Der Intendant der preußischen Staatsoper von Schillings fristlos entlassen.
Berlin, 26. Nov. (TU.) Der Minister für Kunst, Wissenschaft und Volksbildung hat in einem Schreiben an die Intendantur der Stagtsoper die fristlose Entlassung des Intendanten, Professor Max von Schillings, ausgesprochen. In dere Begründung wird darauf Bezug genommen, daß der Intendant sich geweigert habe, zur B e - ratung des Etats für 1926 zu erscheinen. Demgegenüber wird von einer dem Intendanten nahestehenden Seite erklärt, daß er seit drei Monaten auf wichtige Entscheidungen über den Etat von 1925 warte. Max von Schillings wird vorläufig weder die Räume der Intendanz noch die der Staatsoper betreten. Die vorläufige Leitung der Staatsoperbetriebe übernehmen Generalmusikdirektor Kleiber und Geheimrat Winter. Als eventueller Nachfolger Schillings wird von den Blättern der Intendant des Kasseler Staatstheaters, Paul B e k - k e r, der frühere Musikreferent der „Frankfurter Zeitung", genannt. Bekker soll schon vor einigen Tagen in Berlin gewesen sein, um mit dem Kultusministerium zu verhandeln.
Rach Bekanntwerden der Entscheidung des Kultusministeriums haben sämtliche Per- svnalvertreter der Staatsoper folgende Entschließung gefaßt: „Die Personalvertreter der Staatsoper haben anläßlich der sogen. Schillings- friie in einer heutigen Versammlung einstimmig erklärt, daß sie ihrem Intendanten nach wie vor das voll st e Vertrauen entgegenbringen und seine bisherige Amtsführung in jeder Weise billigen und vertreten. Sie haben ferner eine Versammlung auf Freitag abend nach der Vorstellung einberufen, um dem gesamten Personal Gelegenheit zur Stellungnahme zu den Ereignissen der letzten Tage zu geben.“
Die neue Regierung in Vaden.
Karlsruhe, 26. Rov. Der badische Landtag trat zur Reuwahl der Regierung zusammen. Vor Beginn der Wahl gaben die Vertreter der Deutschen Volkspartei, der Bürgerlichen Vereinigung (Deutschnationaler Landbundund Wirtschaftliche Vereinigung), der Demokraten und dcr Kommunisten Erklärungen ab, daß sich ihre Fraktionen bei der Wahlhandlung der Stimme enthalten würden. Hieraus wurden, entsprechend den Vereinbarungen zwischen Zentrum und Sozialdemokraten folgende Abgeordneten zu Ministern gewählt: Abg. Remmele (Soz.) zum Minister des Innern und zum Minister des Kultus und Unterrichts. Abg. Trunk (Ztr.) zum 3ustiz- Minister und Abg. Dr. Köhler (Ztr.) zum Finanzminister. Zu Stadträten wurden gewählt: die Abg. Waldhaupt (Ztr.), Mar u m (Soz.) und Maier- Heidelberg (Soz.). Die drei gewählten Minister haben schon der bisherigen Regierung angehört, in der Dr. Hellpach Un- lerrichtsminister war., Zum Staatspräsidenten wurde Justizminister Trunk gewählt.
De rsozinlistische „V o l ks f r e und" schreibt zur Regierungsbildung: Aus der Tatsache: daß Innenminister Remmele auch nach das .Unter- richstministerium übernahm, sei schon ersichtlich, daß es sich hierbei nur um einen vorübergeh enden Zustand handeln könne. Es werde lediglich auf die Demokraten ankommen, wie lange dieses Provisorium bestehen bleiben soll.
Aus aller Welt.
Dom Moskauer Schachturnier.
Moskau, 26. Rov. (D. Z.) Die gestrige 12. Runde des Moskauer Schachturniers brachte den aufsehenerregenden Sieg des Mexikaners Torre über Lasker. Lasker hatte als Rachziehender in einem Damengambit bereits eine Gewinnstellung erlangt, aber er über» sah eine naheliegende Komdinaticn deS Gegners, durch die er mehrere Bauern und daher die Partie verlor. Capablanca gewann durch ein interessantes Bauernopfer gegen CH Stirn i r s k i.
Doppelraubmord im Auto.
Braunschweig. 26. Rov. <TU.) Die Reisenden Dietrich und 3 a n i cf i der Firma Reich und Hübopper in Rordhausen sind auf einer Autofahrt Opfer eines Raubmords geworden. Der Mörder, ein gewisser Trödels- berg er, wurde in Timmenrode bei Blankenburg in einem Gasthof entdeckt, konnte jedoch entkommen, als sich der Gendarm telephonisch in Rordhausen danach erkundigte, ob die Angaben des Mörders zutreffen. Rach den bisherigen Ermittelungen bat sich Trödelsberger in einem unbewachten Augenblick unter der Plane des Autos versteckt und die Autofahrer auf offener Landstraße von hinten erschossen. Der Mörder ist bei seiner Ankunft in Magdeburg auf dem Hauptbahnhof verhaftet worden. Rach hartnäckigem Leugnen hat er eingestanden, den Chauffeur Dietrich und den Reisenden 3anicki auf der Chaussee kurz vor Rordhausen erschossen zu haben. Er will die beiden gebeten haben, i h n im Auto mitzuneh- m c n, was jedoch abgelehnt wurde. 3m Wortwechsel hat er die beiden dann erschossen. Mit dem Wagen fuhr er nach einem Park und verbarg dort die Toten in einem Waldstück zwischen Hesselfelde und Wendefurth. Don dort fuhr er nach Timmenrode. Die Suche nach den Leichen bereitet jedoch wegen des starken Schneefalls große Schwierigkeiten. Auch sind die Ortsangaben des Mörders sehr unbestimmt.
Wettervoraussage.
Temperaturen zunächst ansteigend. doch Winde wieder auf nördliche Richtung drehend, meist trübe, noch einzelne Riederschläge-Schnee).
Die Lustdruckverteilung über Mittel- und Rordeuropa ist außerordentlich schnellen Ter- änöerungen unterworfen. 3m Bereich des schmalen Hochdruckrückens, der sich gestern zwischen einem östlichen Wirbel und atlantischen Störungen gebildet hatte, ist kalte Luft weit nach Süden vorgedrungen. 3edoch ist der hohe Druck schon von einem neuen Wirbel verdrängt worden, der schnell von 3sland wiederum in südöstlicher Richtung nach Sudskandinavien vorgestoßen ist. Die damit verstärkte Einströmung feuchter Lust fuhrt zu Älederschtägen. meist in fester Form, die sich heute noch verstärken und morgen allmählich nachlassen dürften.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 0,6 Grad, Minimum minus 5.7 Grad Celsius. Riederschläge 0.4 Mm. Heutige Morgentemperatur minus 4,7 Grad Celsius.
Aus der Provmzia'chauptstM.
Gießen, den 27. Rovember 1925.
Eine beherzigenswerte Ermahnung.
Von der Industrie- und Handelskammer Gießen wird uns geschrieben:
Das gesamte Volks- und Wirtschaftsleben leidet schwer unter der herrschenden Teuerung. Ueberall wird von Preissenkung und Preisabbau geschrieben, und alle möglichen Maßnahmen zu ihrer baldigen Herbeiführung werden vorgeschlagen und erwogen. Diese können aber nicht zum Ziele führen, weil das kaufende Publikum gar nicht darüber nachdenkt, daß es teilweise auch in seine Hand gelegt ist, die Maßnahmen gegen die Teuerung durch Rückkehr zu Einfachheit und Sparsamkeit wirksam zu unterstützen. Weite Schichten der Bevölkerung haben sich heute an eine Lebensführung gewöhnt, die weit über ihre Verhältnisse hinausgeht. Wenn dann die Einnahmen mit den Ausgaben nicht mehr Schritt halten, so werden-^nicht etwa die Ansprüche herabgemindert, sondern es wird einfach geborgt. Dieses Borgunwesen, das jetzt wieder in höchster Blüte steht, weit mehr als vor dem Krieg, ist ein wahrer Krebsschaden für die Führung einer gesunden Haushaltung und eines glücklichen Familienlebens, denn es verleitet dazu, mehr und wertvoller einzukaufen, als es bei Barzahlung geschehen würde. Der borgende Käufer bürdet sich für längere Zeit Schulden auf, deren Abzahlung ihm bei unvorhergesehenen Zwischenfällen leicht unmöglich werden kann. Mit dieser Unsitte des Borgens bringt der Käufer aber auch den Kaufmann in arge Verlegenheit, der glaubt, dem Kunden immer und immer wieder kreditieren zu müssen, weil er im anderen Falle befürchtet, ihn zu verlieren. Um nun nicht in Schwierigkeiten zu geraten, ist der Kaufmann seinerseits gezwungen, seine Lieferanten um Verlängerung der Zahlungsfristen zu bitten. Jede Verlängerung, die der Lieferant gewährt, bringt auch diesen in geschäftliche Schwierigkeiten, denn in der heutigen geldknappen Zeit muß selbst das größte Unternehmen mit seinen Außenständen rechnen. Gehen diese nicht rechtzeitig ein, so muß teurer Kredit ausgenommen werden, und das bleibt naturgemäß nicht ohne Wirkung auf die Preise der Erzeugnisse. Manche Geschäftsaufsicht und mancher Konkurs der letzten Zeit sind die Folgen dieses Börgunwesens. das für Industrie und Handel und Verbraucherschaft gleich unheilvoll und verderblich ist.
In dieses Kapitel gehört auch die Verwilderung der Zahlungssitten, welche in der letzten Zeit erschreckend Platz gegriffen hat. Es kommt täglich vor, daß von den Banken gewährte Kredite ohne vorherige Anfrage weit überschritten werden, ober daß die Kreditnehmer ihreg Verpflichtungen nicht pünktlich nachkommen. Für die Banken gilt aber dasselbe wie für Handel und Industrie: sie müssen ebenfalls mit dem rechtzeitigen Eingang der Außenstände rechnen, da Sparkapitalien augenblicklich nur in verschwindend geringem Maße vorhanden sind. Hierher gehört ferner das Ausstellen von vordatierten Schecks sowie von Schecks, für die keine Deckung vorhanden ift. Diese jetzt sehr verbreitete Unsitte muß geradezu als Betrug bezeichnet werden. Als solcher wird sie auch in verschiedenen Ländern behandelt und mit gerichtlichen Strafen belegt. Auch in Deutschland geht das Bestreben der interessierten Kreise dahin, eine Abänderung des Scheckgesetzes in diesem Sinne herbeizuführen. Eine andere Unsitte, die den Banken viel Unan,'1ehmlid)= feiten bereitet, besteht darin, Schecks auf Kreditgenossenschaften, Sparkassen u.bgl. an kleiu Plätzen auszustellen. Solche Schecks können trog ordnungsmäßiger Deckung oftmals von den Banken nicht ober nur unter den größten Schwierigkeiten eingezogen werden, da sie von den bezogenen kleinen Geldinstituten aus Mangel an Geldmitteln gar nicht ober nur mit erheblicher Verzögerung zur Einlösung gelangen.
Die hier geschilderten Unsitten sind, wenn sie auch nicht einen entscheidenden Einfluß auf die Preisbildung haben, doch geeignet, einer Verbilligung der Lebenshaltung hindernd im Wege zu stehen. Solange hierin ein gründlicher Wandel zur Besserung nicht eintritt, solange können auch alle Maßnahinen zum Preisabbau nur beschränkte Wirkung haben. Diese werden sich erst dann richtig unb voll auswirken können, wenn das kaufende Publikum gelernt hat, seine Ansprüche zu vermindern und wieder zu Einfachheit unb Sparsamkeit zuriickzu- kehren.
Bornoti^t
— Tageskalender für Freitag. Stadtthealer: 71 2 Uhr. „Der Teufel durch Beelzc- bub“ (End? gegen 10 Ufjr). — Missionsbund „Licht im Osten": 8 Uf)r im Saale der (Stabt- Mission (Lvberftr. 14) Dortraa von Professor Marcinkovskij - V. H. C.: Restaurant ..Hop- feld" Monatsversammlung. - Lichtspielhaus. Bahnhofstraße: ..Der Circuskönig" und „Prater". — Aftoria-Lichlspiele: „Der Wettlauf mit dem Tode".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die heutige Uraufführung von Harri) Pohlmanns „Den Teufel durch Beelzebub" verspricht eine Art theatralischen Ereignisses zu werden. Verschieden? Bühnenleiter, sowie eine ganze Anzahl auswärtiger Pressevertreter haben ihren Besuch angemeldet.
L. U. Von der L a n d e s u ni v e r s i tä t. Die Kaiserlich-Deutsche Akademie der Raturforscher zu Halle hat den ordentlichen Professor und Direktor des Phhsiologischen 3nstituts an unserer Landesuniversität, Dr. Karl V ü r f e r , in Anerkennung feiner ausgezeichneten Leistungen zu ihrem Mitglied ernannt. — Dr. med. vei. Oskar Seisried. Assistent am veterinär- hygienischen und Tierseucheninstitut unserer Lan- desuniversität, wurde die venia legendi für das Fach der vergleichenden pathologischen Anatomie und Seuchenlehre erteilt.
** Der Winter. Einer klaren Frostnacht,, die uns in Gießen 5,7 Gr. niedrigste Temperatur brachte, folgte heute früh ein Wctterumschlag, her sich in einer Trübung des Himmels und in kurzem Schneefall äußerte. Vom Hoherods- kopf wird uns heute früh gemeldet, daß der Schnee im Vogelsberg durchweg etwa 25 Zentimeter hoch, an Schneewehestellen noch höher liegt; Temperatur heute früh 6 Grad unter Rull. Die Skibahn ist ausgezeichnet. Aus der Rhön (Gersfeld) wird ununterbrochener Schneefall belichtet. Schneehöhe 25 Zentimeter, die Schneedecke ist gleichmäßig, die Rodelbahn gut, Ski- gelände sehr gut.
*• Den Verkehr mit Feuerwerkskörpern regelt eine Bekanntmachung des Polizeiamts, in der es u. a. beißt: Wer Feuer- werlskcrper, Frösche, Schwärmer und dergl.


