Ausgabe 
26.9.1925
 
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Samstag, 26. September 1925

Blatt (D

175. Jahrgang

Annahme von Bnjetgtn für bie Tages mimmcr bis zum Nachmittag vorher ohnejedeDerbtnblichkeit-

Preis für 1 mm tjitje für Anzeigen von 27 mm Breite üNlichS, auswärts 10 (Bolbpfcnntg; für tRe- Klame-Anzeiger p 70mm Breite 35 Goldpfennig, Platzvorfchrift 20" .Auf- |d)lag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilletons Or.Friebr. Wilh Lange; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein; für den Anzeigenteil: Hans Bedt, sämtlich in Gießen

feit hinter seinen Delegierten steht, sie fest und start macht durch Kritik, wo sie am Platze ist, aber auch durch Vertrauen in ihren Willen und in ihr Können, das für Deutschland zu erreichen, was zu erreichen menschenmöglich ist.

Der Charakter der pakttonserenz Englische Wünsche.

London, 25. Sep>t. (WB.) Die Berliner Meldung, daß das Reichskabinett beschlossen hat, die Ernladung zu einer Konferenz anzunehmen,- hat in hiesigen maßgebenden Kreisen lebhafte Befriedigung hervorgerufen. Man gibt der Hoffnung Ausdruck, es werde sich bestätigen, daß an die Erklärung der Annahme keine Dor- behalte geknüpft werden, denn dadurch könne höchstens eine neue Verzögerung bewirkt werden, was in jeder Hinsicht bedauerlich wäre. Schließ­lich habe ja jeder Delegierte die Möglichkeit, das, was er vorzubringen wünsche, auf der Kon­ferenz selbst zu sagen. Zu der verschie­dentlich ausgesprochenen Vermutung, die Kon­ferenz werde nur vorläufigen Charak­ter haben, und es werde ihr eine Hauptkon­ferenz folgen, wird erklärt, daß dafür nicht der geringste Anlaß bestehe, und daß es vom britischen Standpunkt besonders unerwünscht wäre, da britische Minister in diesem Jahre so­wieso wiederholt und lange Zeit von England ab­wesend gewesen seien.

Dagegen weih der ^Daily Telegraph" zu melden, daß zwischen den Alliierten und Deutsch­land vereinbart worden ist, daß keine avso- lut bindenden Beschlüsse aus der Kon­ferenz gefaßt werden sollen, sondern daß das Ergebnis der Verhandlungen der deutschen Län­dern unterbreitet werden müsse, bevor die end­gültige Unterzeichnung und Ratifizierung der Abmachungen erfolgen könne. Tatsächlich wird die Konferenz bereits weithin als .lediglich informativ" bezeichnet in dem Sinne, daß di: wirkliche Entscheidung einer darauf folgenden Plenarkonferenz der Premier- und Au- henMinister Vorbehalten bleiben soll.

Schiedsgericht, Sicherheit, Entwaffnung

Papierne Resolutionen des Völkerbundes.

Er. 226 Erster

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eintritt, breit und sicher ist. Wenn es auf der Rechten Politiker von Rang gibt, deren Forderungen über die der Regierung hinaus gehen, so kann das die Stellung des Kabinetts in den kommenden Verhandlungen nur stärken, aber wie gesagt nur dann, wenn diese Forderungen den Boden der Sachlichkeit nicht verlassen und nicht in einem Augenblick erhoben werden, der im Hinblick auf die Autorität unserer Unterhändler der denkbar un­geeignetste ist.

Ueber das voraussichtliche Programm der Minifterkonferenz und die Voraussetzungen undRückwirkungen", die die deutsche Dele­gation im Verfolg der ihr vom Reichskabinett mit­gegebenen Richtlinien erstreben wird, wurde hier gestern schon gesprochen. Sollte der Westpakt in der von Deutschland angestrebten Form Zustandekom­men, so würde das zwcifeellos das Ende der britisch-französischen Entente bedeuten, einer Entente, die England als die schwerste Fesiel aus einer verfehlten Nachkriegspolitik seit Com­piegne und Versailles langsam und schmerzlich ken- nengelernl hat. Ueber den militärischen Wert der englischen Garantie des geplanten Westpaktes braucht man sich keinen Illusionen hinzugeben, ohne deren große moralische Bedeutung zu verkennen. Deutschland gewinnt freie Hand für eine oftioc Außenpolitik, der sich in dem Schutz der deutschen Minderheiten, der Neu- ordnung der deutschen Ost grenze, des Anschlusses Oesterreichs, der Bereinigung der Saar­frage und der Wiedererlangung unserer Kolo­nien ein schier unerschöpfliches Betätigungsfeld er­öffnet. Aber die Aufreihung all dieser Probleme ist heute nochZukunftsmusik", um deretwillen wir nicht die allernächsten Ziele aus dem Auge i verlieren dürfen, die es in Luzern in erster Linie | zu erreichen gilt: sofortige Räumung Kölns, Er- leichterung der Besetzung^last, Zurückziehung der M i l i t ä r k o n t r o l l e , Bereinigung von der Kriegsschuldlüge von Versailles. Das sind schon Programmpunkte, um die es sich zu verhan- dein lohnt, um deretwillen es sich auch lohnt, daß das deutsche Volk in voller Einmütig-

Die Zustimmung der Länderregierungen.

Berlik», 25. Sept. (fEU. Amtlich.) 3n der Versammlung der EtaatS- und Minister» Präsidenten der Länder, in der sich die autzen- polittsch« Aussprache bis in die Rachm.l are- stunden erstreckte, erstattete zunächst der Rciä» > auhenminister einen «ingehenoen Bericht. 3m Lauf« der umfassenden Erörlerun in der auch der Reichskanzler mehrfach da Dort ergriff, wurde einhellige Zustimmung zu dem Beschluß der ReichSregierung festgestellt, die internationale Zusammenkunft in der Schweiz zu beschicken.

Rach einer kurzen MittagSpau'e tra'en die Ministerpräsidenten der Länder in die Erörte­rung innenpolitischer Fragen sowie deS Preis- fenkungsproblemS ein. Der Reichs­kanzler wies auf die Aolwendirkeit einer weiteren Senkung der Preise hin. Sic Maß­nahmen, die von der ReichSregierung in nächster Zeit noch durchqesührt werden sollen, wurden mitgeteilt und sanden die e i n m ü 1 i g e Zu­stimmung der Staats- und M'mik'ernräsiden- ten, die der RcichSreg crung ihre umfassende Unterstützung zusagten. Sic Regierung werde alle Mittel anwendcn, um be^e* cde Miß­stände zu beseitigen und bl: W rUchal von dem Druck einer ungebunden und unorganischen Preis­bildung zu befreien.

Heber ben formalen Gang zur Vorbereitung der Westpaktkonferenz erfährt die Taleg aphen- Anion ergänzend: Rach der Konferenz der Mi­nisterpräsidenten der Länder, die in Form einer erweiterten Kabinettsitzung stattfand und an der auch die stimmberechtigten Mitglieder des Reichs­rates teilnahmen, wird Samstag vormittag der Auswärtige Ausschuß gehört werden, so daß am Samstag abend die deutsche Antwort auf die Einladung der Alliierten offiziell ab geh en wird. Die deutschen Bot­schafter in den alliierten Ländern werden beauf­tragt werden, die deutsche Antwort zu über­mitteln. Als Datum der Konferenz dürfte der 5. Oktober als feststehend angesehen werden. Der Ort ist offiziell noch nicht genannt worden. Äußer dem Reichskanzler und dem ReichsaußenMinister wird die deutsche Delegation arrs Staatsfekretär von Schubert, Ministerialdirektor Dr. G a U s und dem Rcichs- pressechef Dr. Kiep bestehen.

Der politische Kurs der Tschechoslowakei.

Prag, 25. Sept. (WTB.) Sa J national- demokratische BlattLidv-^ Roviny" erklärt zur Frage der außenpolitischen Orientierung bet Tschechoslowakei, es gäbe außer dem Bündnis mit Frankreich keine andere Möglichkeit als ein Bündnis mit Deutschland. Für die Tschechoslowakei sei aber Frankreich nicht nur der einzige, sondern auch ein stets vollwertiger Freund im Guten und Bösen. Daran könne ein Einvernehmen mit Deutschland nichts «ändern. Eine Amstellung der tschechischen Außenpolitik in der Richtung nach Rußland sei untunlich. Rußland werde die Tschechoslowakei nicht vor Deutschland beschützen. Ein besonderer Sicher­heitspakt könne für die tschechischen Grenzen nicht in Frage kommen.

Keine Teilnahme Mussolinis.

Rom, 25. Sept. ITU.) Es steht jetzt enb» ?ültig fest, daß Mussolini an der SicherheilS- onferenz nicht teilnehmen wird, sondern sich durch den Rechtsgelehrten Senator S c i a l o j a oder ben Anterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Dinograndi vertreten lassen wird.

Die Preissenkungsaktion der ReichSregierung.

Berlin, 26. Sept. (Wolff.) In Ergänzung zu der Meldung über die gestrige Nachmittagssitzung der Minister und Staatspräsidenten der Lander, in der die Maßnahmen der Reichsregierung über die Preissenkung beraten wurden, weiß dasBerliner Tageblatt" mitzuteilen, daß das Reichswirtschafts­ministerium mit dem Studium der Kartellgesetz- gebung des Auslandes beschäftigt ist, um, wenn nötig, auch in Deutschland die Kartell­verordnung zu verschärfen. Auch wird im Reichswirtschaftsministerium ein Gesetzentwurf über die Offenbarungspflicht bei !ßer- abrebungen zu öffentlichen Verdin­gungen vorbereitet. Wie das Blatt weiter hört, wird die Reichsregierung bei ihrem Bemühen um den Abbau der Preise sich vor allem auf die Preis- prüfungs st eilen stützen, die der Exekutive der Länder unterstehen. Es soll vor allem dafür gesorgt werden, daß sich die Herabsetzung der Um­satzsteuer voll auswirkt.

Am Freitag fanden im Reichswirstchaftsministe- rium Verhandlungen mit den Vertretern des Großhandels und der Markenartikel- erzeuger statt, um eine Preissenkung für diese Waren zu erzielen. An dieser Besprechung waren vor ollen Dingen Vertreter derjenigen Industrien beteiligt, die lebenswichtige Martenartikel, wie Gerstenflocken, Margarine, Malzkoffee usw., Herstellen. Die Vertreter des Handels und der Zn- buftrie gaben die Zusicherung, die Ermäßigung der Umsatzsteuer zum Anlaß zu nehmen, um eine R e oision der Preise bzw. der Preisspan­nen herbelzuführen. Des weiteren werden in den nächsten Tagen erneute Verhandlungen mit den Banken statlfinden, um eine Herabsetzung der Provisionen und der Bereitstellungsprovisionen zu erreichen.

Genf, 25. Sept. (TU.) Am Freitag hält die Vollversammlung zwei Sitzungen ab, um den Schluß der Verhandlungen bis Samstag zu er­möglichen. Als erster Gegenstand wurde die Ab­rüstungsfrage behandelt, mit der die juristische und die Entwaffnungskommisfion sich in den letz­ten Tagen eingehend beschäftigt haben. Der Bel­gier R o l l i n, der bekannte Sachtxrständige der belgischen Regierung. empfiHlt drei Anträge der Vollversammlung zur Annahme. Ein Antrag der spanischen, japanischen und der belgischen Dele­gation enthält in drei Resolutionen diejenigen Grundsätze, die die Mitglieder des Völkerbundes beseelen: Schiedsgericht, Sicherheit und Entwaffnung. Die Resolutionen sollen den Weg und die Mittel weisen, die zur Erreichung des Zieles der allgemeinen Regelung der Frie- denssrage führen sollen. Der spanische Vorschlag fordert, den Völkerbund auf, der Vollversamm­lung im Herbste 1926 einen Bericht über die Fortschritte vorzulegen, die auf dem Wege zu einer allgemeinen Sicherheit erreicht wurden.

Roll in wieS u. a. besonders darauf hin, daß durch den Abschluß von zahlreichen Son­derverträgen bereits ein wesentlicher Fort­schritt erreicht sei.

Der tschechische Außenminister D e n e s ch be­tonte die Aufgabe des Rates, das Abrüstungs­problem so bald als möglich in Angriff zu neh­men und ein Organ für die Vorbereitungen einer Abrüstungskonferenz einzuseyen Die Leistungen der Vollversammlung des Völkerbundes von diesem Jahre seien be­scheiden.

Lord Robert Cecil

meinte, die Abrüstung müßte, um wirksam zu werden, allgemein sein. Sicherheit und Ab­rüstung gehören unzertrennlich zusammen. Es gab keinen wärmeren Freund des Schieds­gerichtes als Großbritannien. Aber Groß­britannien habe ein Mißtrauen gegen diese allgemein gehaltenen Grundsätze, deren Tragweite es nicht übersehen könnte. Das Schiedsgericht müsse der Schlußstein des Frie- dcnsgebäudeS sein. Man könne die Anter- werjung unter ein Schiedsgericht nich'i erzwin­gen, sie müsse freiwillig erfolgen. Der Krieg sei nicht das rechte Mittel zur Beilegung von Streitfragen. Sicherheit, Abrüstung und Schieds­gericht seien unzertrennbar und voneinander ab­hängig. Es habe sich eine gewisse Angeduld gegenüber der englischen Stellungnahme in dieser Frage bemerkbar gemacht. Wer langsam gehe, gehe sicher.

Der französische Delegierte de Iouvenel betonte die Rotwendigkeit des Ein­trittes Deutschlands in den Völkerbund. Der Völkerbund sei viel geschmäht worden. Man habe ihn letzten Endes als eine Einrichtung zur Abrüstung anderer Staaten be­zeichnet, aber dies entspreche nicht den Tatsachen. Richt nur der lateinische und der angelsächsische Geist müßten mit sein, sondern auch der ger­manische (lebhafter Beifall). 3n allernächster Zeit würden die verantwortlichen Minister der Großmächte zusammentreten, um hochbedeutende Verhandlungen auf der Arbeitsunterlage zu führen, die der Völkerbund geschaffen habe.

Rach französischer Auffassung bleibt die Rot- Wendigkeit belieben, daß die Lücken im Artikel 15 des Dölkerbundspaktes über die Beilegung von

Das deutsche Volk und der Sicherheitspatt.

Das Reichskabinett hat unter dem Vorsitz des Relchspräsidenlen die Einladung der alliierten Mächte zur Sicherheitskonserenz angenommen. Die Ministerpräsidenten der Länder und der Aus- wärtige Ausschuß des Reichstags werden sich zwei­fellos hinter den Kabinettsbcschluß stellen und der Entsendung des Reichskanzlers Dr. Luther und des Außenministers Dr. Strefemann als Führer der deutschen Delegation zustimmen. Die Marsch- route der Delegierten, soweit sie nicht schon in den von allen Parteien gebilligten Memoranden und Roten des Reichskabinetts festgelegt ist, wird in wei­teren Kabinettsberatungen im -Laufe der nächsten Woche noch näher zu umschreiben sein. Keinesfalls wird es so sein das geht aus den offiziösen Der- lautbarungen zweifelsfrei hervor, daß der Dele­gation nun für die Verhandlungen mit den Alliierten plein pouvoir eingeräumt wird, sondern die bevor­stehende Mlnisterkonferenz wird ebenfalls wie schon die Londoner Juristenzusammenkunst nur vorbe­reitender 'Natur sein, insofern, als das in London errichtete juristisch-formale Vertragsgebäude nun in Luzern nach der politisch-materiel­len Seite hin ergänzt wird. Den bindenden Abschluß des Sicherheitspaktes jedoch werden sich Reichspräsident und R e i ch s k a b i n e 11 selbst Vorbehalten, und sie werden schwerlich diesen für Deutschlands Außenpolitik auf Jahre hinaus bestimmenden Schritt tun, ohne im Reichstag eine Mehrheit für ihre Politik zu suchen.

Wer sich diesen Gang der Dinge vor Augen hält, wird die Kritik an der Sicherheitspolitik der '.Re­gierung in manchen Kreisen der Rechten zumindest in diesem Augenblick als unangebracht empfinden. Wir stehen dem Sicherheitspakt als solchem und feinen möglichen Auswirkungen auf Deutschlands Lage gewiß ohne allen Optimismus gegenüber, aber das sind Fragen, die in dem Augenblick ja gar nicht zur Diskussion standen, wo es sich darum handelte, die Einladung zu mündlichen Sicherheits­verhandlungen anzunehmen, auf die die Politik des Reichskabinetts feit Monaten hingearbeitet hat. Die Deutfchnationale Partei, von deren rechtem Flügel diese Kritik in scharfer Zuspitzung auf die Person Dr. Stresemanns ausgeht, ist im Reichskadinett durch drei Minister vertreten. Feldmarschall Hinden­burg ist Reichspräsident, Dr. Luther Reichs- kanzler. Da heißt cs doch den zweifellos hervor- ragenden diplomatischen Fähigkeiten des Außen­ministers und seiner gewiß eminenten parlamenta­rischen Geschicklichkeit zuviel zuzutrauen, wenn man glaubt, Strefemann vermöge Reichspräsident und Reichskabinett einschließlich der deutschnationalen Minister für seine Pläne zu gewinnen, wenn nicht schwerwiegende Gründe für deren Annahme sprächen.

Das Kabinett Luther ist das erste Kabinett seit der Revolution, das mit aller Entschlossenheit gegen- über den Parteien die Führung in die Hand nimmt unb sich nicht von wechselnden Parteiströmungen gängeln läßt. Dafür muß man gerade in den Kreisen Verständnis erwarten, die in der Abkehr von einem überspannten und mißverstandenen Parlamentaris­mus, in einer Zurückdrängung der Parteien in die ihnen zukommenden Schranken den Beginn des politischen Gesundungsprozesies begrüßten. Aber Führer fordern Vertrauen, unbegrenztes Ver­trauen gerade in den Volksschichten, deren politische Linie sie innehalten. Sttesemanns Paktoorschlag geht aiirütf auf die Idee vorn Rheinpakt des Kabinetts Cuno, dessen Außenpolitik von Dr. H e l f f e r i ch, dem weitaus bcbcutcnbflcn und bisher nicht ersetzten Führer der Deutschnationalen, entscheidend becin= stußt wurde. Der Verzicht auf eine Aenderung der Westgrenze durch Waffengewalt (also auch der 23er- zicht auf kriegerische Rückeroberung Elsaß-Lothrin- oens) war bereits einer der Hauptpunkte des Cuno- Helfferichschen Planes. Das Strefemannsche Projekt hat die Billigung des Reichskabinetts, auch der deutschnationalen Minister gesunden, an dem deutsch- ftanzöfischen Notenwechsel war das gesamte Kabi° I nett in jedem Stadium eng beteiligt, im Reichstag bat die deutschnationale Fraktion durch den Mund ihres Vorsitzenden, des Grafen Westarp, den Stresemannschen Vorschlag wie ihn sich das Kabi­nett Luther in feiner Gesamtheit zu eigen gemacht hat, mit aller Ausdrücklichkeit gebilligt. Es ist also kein Raum für Krisenmacher der Art, wie sie Anfang dieser Woche wieder einmal am Werk waren. Die Autorität der Regierung nach außen hin wird sicherlich nicht gefördert durch gereizte Auseinandersetzungen innerhalb der Regierungspar­teien, durch Versuche, sich von der schon über­nommenen Verantwortung für eine Politik zu drücken, die man aus sehr verständlichen und durch­aus zu würdigenden Gründen nur ungern und zögernd mitmacht, die man jedoch im Augenblick wenigstens durch keine bessere zu ersetzen weiß. Nationale Opposition ist notwendig, ist das beste Werkzeug in der Hand ge- schickter Unterhändler. Die Reparations­konferenzen mit Frankreich und England haben uns dafür in den letzten Jahren die besten Beweise ge­liefert. Aber sie muß sachlich bleiben und die Augenblicke ihrer Kritik so wählen, daß die leitenden Minister sich bei den schwebenden Verhandlungen ihrer bedienen können, nicht aber vor Derhand- {ungsbeginn von ihr desavouiert werden.

Erst vor wenigen Tagen stellte der deutschnatio­naleT a g" fest, daß über die Voraussetzungen pnb die Bedingungen des zur Diskussion stehenden Sicherheilspaktes im deutschen Volk weitestgehende Uebereinstimmung bestehe, die über den Rahmen der Regierungsparteien hinaus auch D e mo traten und Sozialdemokraten ein» ^beziehe. Das deutschnationale Blatt macht sich dann die für die Sicherheitsverhandlungen vom sozial- demokratischen Parteitag in Heidelberg ausgestellten Richtlinien zu eigen unb stellt fest, daß bie Basis, ouf der j)ie Reichsregierung in die Verhandlungen

internationalen Streitfällen durch den Dölker- bundsrat zugestopft werden müssen. Eine Lücke bestehl vor allem deswegen, weil es nach diesem Artikel genügt, daß ein einziges Ratsmitglied einem von den übrigen Rats- Mitgliedern gebilligten Bericht nicht z u stimmt, um allen Staaten ihre Handlungs- frcibeit wiederzuaeben, und daß e=8 gleichfalls genügt, daß ein Mitgliedsstaat des Völkerbundes einen Freund im Dolkerbundsrat hat, um damit die Möglichkeit zu erlangen, zu einer ihm ge­nehmen Zeit einen Krieg ausbrechen zu lassen. Dieser Artikel bietet also ganz offenkundig die Möglichkeit für jeden politischen Scha­cher und für politische Geheimverträge, von denen man die Welt erlöst glaubte. Aber selbst wenn man alle Lücken des Artikels 15 des Völkerbundspaktes zustopfen würde, so hätte man noch nichts erreicht: man hätte im Gegenteil die Sache der internationalen Gerechtigkeit ge­schwächt, wenn man das Schiedsverfahren nicht mit der Idee der Sanktionen verbunden und auf diese Weise die Gerechtigkeit sichergestellt hätte.

Die französische Generatton von heute ist der Auffassung, daß das Schiedsverfahren nicht von den Sanktionen getrennt werden bars. Beide müssen mit der Abrüstung zusammen ein großes Ganzes. bilden. Um den erwähnten Gefahren zu entgehen, ist man ge­nötigt. die Herabsetzung der Rüstungen mit den Sicherheiten in ein richtiges Verhältnis zu bringen.

Am Rachmittag nahm die Dölkerbundsver- sammlung die Entschließungen über die Vor­bereitung einer späteren Abrüstungskonferenz und über die Erweiterung des Rüstungsausschusses unverändert an. Die Entschließungen sprechen sich ferner für den Abschluß von Echiedsverttägen und von gegenfeitigen Sicherheitsverträgen aus und empfehlen im Hinblick auf eine spätere Ein­führung der obligatorischen Schiedsgerichtsbar­keit den Abschluß von besonderen Verträgen über Schiedsverfahren oder anderweitige Rechts­regelungen.

Chamberlain

gegen obligatorische Schieds­gerichtsbarkeit.

London, 25. Sept. (WTD.) Auf eine von dem Rationalrat zur Verhinderung von Kriegen organisierten und von einer halben Million Personen unterzeichneten Petition, in der die Regierung aufgefordert wird, den Grundsatz eines Schiedsgerichtes für alle internationalen Streit­fälle unverzüglich vorzunehmen, wurde vom Foreign Office im Ramen Cham­berlains eine Antwort erteilt, in der bar­gelegt wird, daß Groß-Britannien bereits in weitestgehendem Maße den Grundsatz des Schiedsgerichtes angenommen habe, daß es aber nicht klug wäre, eine Verpflichtung einzu­gehen, jeden Streisall, auch solche, bei denen wichtige Interessen oder die Unab­hängigkeit des Staates berührt wer­den, ohne daß eine Kriegsgefahr besteht, einem Schiedsspruch zu unterbreiten. Man dürfe nicht vergessen, daß das britische Reich keine einheitliche Verfassung hat, und daß bei jedem Schritt die Zustimmung der Dominions und In­diens eingeholt werden müsse.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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