seitherigen Ortssatzung nochmals zu beschliehen. Die Steuer erbrachte im Rechnungsjahr 1924 rund 214 000 Mk. und von April bis September 1925 rund in ooo cnn.
Offenbach, 24. Rov. (WSR.) Unke dem Verdacht der Blutschande, begangen an seiner 17jährigen Tochter, ist ein hiesiger Schankwirt verhaftet worden. — Auf Antrag der Frankfurter Staatsanwaltschaft sind hier die beiden Brüder G u st a v und Ludwig Möller wegen Zuhälterei festgenom- m en worden.
WSN. Groß-Gerau, 24. Noo. Zwischen Darmstadt und Groß-Gerau stieß das Auto des K r e i s a m t s mit einem anderen Personenauto zusammen. Die Insassen, Regierungsrat Dr. ch e l m r i ch, Registrator Reiß und Oberamtsgehilfe Jäger wurden verletzt. Das Auto wurde schwer beschädigt.
Rheinhessen.
Gaubischofsheim, 24. Rov. (WSR.) Einen schrecklichen Tod lM-Has dreijährige Söhnchen einer hiesigen Familie erlitten. In Abwesenheit seiner Mutter begab sich der Knabe an den Herd, spielte mit dem Feuer, so daß sein Hemd und Rachtkittel Feuer fingen. Die bald darauf herbeigeeilte Mutter fand den Knaben in hellen Flammen vor. An den erlittenen Brandwunden ist der Kleine nach drei Stunden geworben. Auch die Mutter hat beim Löschen der Flammen schwere Brandwunden erlitten.
Preußen.
Kreis Biedenkopf.
dh. R o d h e i m a. D i e b e r, 23. Rov. Am Totensonntag veranstaltek der neuerstandene Kriegerverein am Ehrendenkmal eine würdige, ernste Feier zum Andenken an die im Weltkrieg gefallenen Brüder. Alle übrigen Vereine und Korporationen waren zur Ehrung der Gefallenen eingeladen und beteiligten sich. Unter dem Geläute der Glocken bewegte sich der Zug, eröffnet von den Schulkindern mit ihren Lehrern, denen die Vereine mit ihren Fahnen folgten, zum Kriegerdenkmal, wo sich schon die übrigen Gemeindemitglieder versammelt hatten. Während des Anmarsches spielte der Posaunenchor „Es ging bei gedämpftem Trommelklang", und damit wurden schon alle Teilnehmer in eine ernste Stimmung versetzt. Die Feier wurde durch das gemeinsam gesungene Lied „2efuS meine Zuversicht" eingeleitet Der Vorsitzende des Kriegervereins wies in einer kurzen Ansprache aus die von seinem Verein angeregte Veranstaltung und ihre Bedeutung hin. Darauf hielt der Geistliche die Gedenkrede, in der er u. a. zur unvergänglichen Liebe und Ehrung der gefallenen Helden aufforderte und die Lebenden ermahnt, zur rechten brüderlichen Ci- nigkeit zurückzukehren. Richt die Kränze, die am Denkmal niebergelegt wurden, ehrten die Gefallenen so, als der Kranz, den heute in vorbildlicher Einigkeit die Teilnehmer um daL Denkmal geschlossen hätten. Möge es so für immer in der Gemeinde bleiben. Unter den Klängen des Liedes „Ich hatt' einen Kameraden" wurden von der Schule, dem Reichsbund der Kriegsbs- schädigten und -Hinterbliebenen, der Turn- und Sportgemeinde, dem vereinigten Sängerchor, dem evangelischen Iünglingsverein, der Freiwilligen Feuerwehr, dem Reichsbanner Schwarz-Dot-Gold und dem Kriegerverein Kränze am Denkmal
Andre vom Iagdstuhl und war eine Leiche. Der Verblichene war in allen Kreisen der Bevölkerung ungemein beliebt. Sein plötzlicher Tod erweckt die allgemeinste Teilnahme. Ehelos war er durch das Leben gegangen. Er war ein Rach- komme des Seidenfabrilanten Gilles A n d r 6 , der am 18. Juli 1673 in St. GilleS geboren war, infolge Aufhebung des Edikts von Ranks (1635) um feines reformierten Glaubens willen aus Frankreich vertrieben wurde und sich 1709 i*a Offenbach ansiedelk. Dessen Enkel Anton (1773 bis 1842) ist der bekannte Tonseher und Heraus-, geber Mozartscher Musikwerke. Gr ist der Urgroßonkel des gestern verstorbenen Laubachev Forstrats. Dieser war geboren am 17. August 1856 in Offenbach als jüngster Sohn eines Seiden- fabrilankn; feine Mutter war eine geb. Freiin» Röder v. Diersburg, die Tochter des Kornmann Deurs des Ersten Großh. Hessischen Leibgarde-« Regiments. Ed. AndrS besuchte die Gymnasiew zu Darmstadt und Büdingen, diente 1878/79 als Einjähriger im Ins.-Regt. Ar. 115 und bezog darauf hie Landesuniversität. 2m Winter 1881 82 machte er sein Fakultätsexamen. Seinen Acceß machte er in Gießen. Rachdem er verschiedene dienstliche Verwendungen, so in Michelstadt und Wendelsheim, gehabt hatte, wurde er im 3uni 1889 als Oberförster in Laubach an- gestellt. 2n dieser Stellung blieb er bis zum Februar d. 2s., wo er in den Ruhestand trat. Das Vertrauen seiner Mitbürger hatte ihm einen Sih im Gemeinderai gegeben. Der treue Mann wird hier allezeit unvergessen sein.
ed. E i ch e l s d o r f, 23. Rov. Obstbauinspektor Wiesner aus Gießen hielt hier einen Dreitägigen Obstbaumschneidekur- sus ab, an dem 14 meist jüngere Leute aus unserer Gemeinde teilnahmen. Es war schon oft versucht worden, hier einen solchen Lehrgang zustandezubringen, aber erst die vorzügliche Apfel- ernk des letzten Herbstes, die in manche erschöpfte Kasse wieder einiges Geld brachte, öffnete manchem die Augen für die Werte, die in einer gut gepflegten Oostbaumanlage stecken. Herr Wiesner versteht es vorzüglich, ohne viel theoretische Erörterungen in die Praxis einzu- führen. Das Sprengen von Baumlöchern, das Setzen, das Beschneiden des eben gesetzten, des ein Jahr wachsenden und älteren Baumes wurde fleißig geübt. Die Teilnahme, die zum Teil bei Beginn des Kursus kaum mit Baumschere und Baumsäge umgehen konnten, waren in den drei Kursus:agen so weit in die Herbstbehandlung des ObstbaumeZ eingeführt worden, daß sie am lebten Tage selbständig arbeiten konnten und manchem Lurch Zurückschneiden und Ausputzen eines Obst- baumS eine angenehme Ueberraschung bereitet haben. Gar mancher von ihnen kann nun seinem obstbautreibenden Rachbar, der heute als Kleinbauer gezwungen ist, in der Zeit, die ihm sein kleines Gütchen läßt, an die Arbeit zu gehen und zur Teilnahme an einem Obstbaumschneide- kursus feine Zeit hat, sachgemäße Winke für die Behandlung feiner Obstbäume geben. Die dreitägige Arbeit in den hiesigen Obstbaumstücken hat gezeigt, daß alle Vorbedingungen für einträgliche Obstbaumzucht gegeben sind (guter Boden, geschützte Lage), daß aber den prächtig gewachsenen Bäumen fast durchweg die sachgemäße Pflege fehlt. Dieser erste Lehrgang wird aber, darüber waren sich alle KursuSteilnehmer einig, erst seine Früchte zeitigen, wenn im nächsten 2ahre hier ein Pfropfkursus abgehalten wird und die in beiden Kursen behandelten Bäume unter sachverständiger Führung noch ' jahrelang beoba- 'et werden. Herr WieSner hat die Abhaltung eines ProPfkursuS im kommenden c 2ahre und die im Anschluß an diesen Lehr- y gang nötig werdenden Deobachtungsrund- gange bereitwilligst zugesagt. Während dieses Pfropslursus' sollen die im Vorjahre von der Gemeinde am Kleeberg gepflanzten Kirschbäume veredelt werden, und diese Anlage soll dann dazu Dienen, die für den Vogelsberg geeignetsten Kirschensorlen ausfindig zu machen, damit man beim Kirschenanbau im Vogelsberg Rückschläge möglichst vermeidet.
Kreis Büdingen.
B ü din g en , 24. Rov. (WER.) Ein junger Bankbeamter, der hier während den 2 n - flationszeit ein Bankgeschäft betrieb, Das bei der Wiederkehr stabiler Verhältnisse verkrachte,, ist unter dem dringenden Verdacht, größere Unterschlagungen begangen zu haben, verhaftet worden.
* Büdingen, 24. Rov. Der 1873 gegründete Geflügelzüchterverein, dem sich der Kaninchenzüchterverein angefchlossen hat, veranstaltet Anfang Dezember eine Geflügel- und Kaninchenausstellung, zu der auch der Brieftaubenklub Hassia seine Beteiligung zugesagt hat. Die Veranstaltung steht unter dem Protektorat Sr. Durchlaucht des Fürsten Karl zu Isenburg und Büdingen. 3n der Ausstellung findet eint Tombolaverlosung statt.
Kreis
m. Aus dem Kreis Alsfeld, 24. Rov. In unserem Kreis werden gegenwärtig durch die G ei st l i che n Flugschriften verteilt, die sich gegen eine Anklageschrift der „e rnsten Bibelforscher" oder Russelianer wenden, deren Gründer bekanntlich der amerilanische Kaufmann Rüssel ist. 2n der Flugschrift wird gezeigt. daß die „ernsten Bibelsorscher" den Sinn der Bibel verdrehen, viel mit Zahlen ganz sinnlos operieren und die christlichen Gemeinden» gegen Kirche und Geistlichen aufzuhehen suchen. Deshalb werden die Gemeinden vor ihrem Treiben und ihren Büchern gewarnt.
m. Mücke, 24. Rov. Das naßkalte Wetter der letzten Zeit wirkt sehr nachteilig auf die Gesundheit ein. Bei den Erwachsenen sind es hier hauptsächlich Erkrankungen der Atmungsorgane, die sich einstellen, während die Kinder vielfach an Masern erkranken, so in Stockhausen, Ilsdorf, Merlau und Grünberg. In ersterem Dors mphte sogar die Schule geschlossen werden. In Grünberg sind einige Todesfälle infolge Rach- kranlheikn zu verzeichnen. Die Diphtherie trat in unserer Gegend seither nur ganz vereinzelt auf.
Kreis Lauterbach.
Lauterbach, 24. Rov. Der hiesige Zweigverein desV. H. C. hat seinen W ander p l a n für das Jahr 1926 bereits ausgestellt. Dieser sieht 13 planmäßige Wanderungen vor, die zumeist ins engere Heimatgebiet, den Vogelsberg, führen. Jedoch ist auch eine Tour in die Rabenau und ein zweitägiger Ausflug nach Büdingen-Ronneburg vorgesehen. Sine außerplanmäßige zweitägige Wanderung geht im August in den Knüll. Zu begrüßen ist ed, daß auch drei besondere Kinderwan de run- g e n geplant sind. Die Mitgliederversammlung, die den Wanderplan genehmigte, hat beschlossen, daß Wanderauszeichnungen erhalten: Damen für 10 und Herren für 11 Wanderungen oder in zwei aufeinanderfolgenden Jahren für 16 bezw. 18 Wanderungen. — 2m Dienst deS 2ugendwanderns steht die hiesige Jugendherberge, die in der Spieß-Turnhalle recht behaglich eingerichtet ist. Sie hat, da sie im deutschen Herbergsverzeichnis ausgenommen ist, wesentlich dazu beigetragen, daß unser Vogelsberg mehr und mehr auch von der wandernden 2ugcnt> abgelegener deutscher Provinzen aufgesucht wird, vor allem aus Rorddeutschland< 2n diesem 2ahre hatte die Herberge 199 ileber- nachtungen aufzuweisen, die sich ziemlich gleichmäßig auf Volksschüler, höhere Schüler und Studenten und Schulentlassene verteilen.
L' Schlitz, 23. Rov. Der Totensonntag verlief auch hier im Zeichen ernster Trauer, älnser Dergfriedhof war trotz des schlechten Wetters das Ziel Tausender von Einwohnern. Besonders der Gedächtnisgottesdienst, der nachmittags in der alten Totenkirche auf dem Friedhöfe stattfand, war stark besucht. Abends vereinigte eine kirchenmusikalische Gedächtnisfeier in der altehrwürdigen Stadtkirche eine große Gemeinde Andächtiger. Alte und neue Musikwerke christlicher Tonkunst, u. a. Werke von F. Mendelssohn und 2. S. Dach, waren von tiefergreifender Wirkung auf die Anwesenden. Chöre des Männe rgesang- vereins „Harmonisches Kränzchen", unter Leitung von A. M oh r. und des Kirchenchors, unter Leitung von Lehrer W e g e I. umrahmten die künstlerischen Solovorträge im Orgel- und Violinspiel und Gesang. Alles Dargebotene war auf den ernsten und heiligen Ton des Totenfestes gestimmt. Der Reinertrag des Abends, für <den den Veranstaltern der Dank der ganzen Kirchengemeinde gewiß ist, ist für den Gern e i n d e s a a l bestimmt. — Gestern nachmittag spvach auf Veranlassung des hiesigen Obstbau - Vereins Obstbauinspektor Wiesner vom Landwirtschaf tslammerausschuh Gießen über K i r s ch e n a n b a u. Unter Hinweis auf die bekannten oberhessischen Kirschenkulturen in Ockstadt,
Rosbach v. d. H., Annerod. Bettenhausen, Hainbach empfahl der Redner die Anlagen größerer- Kirfchpflanzungen auch in unserer Gegend, zumal die Kirsche mit dem magersten Boden. Der sich svnst kaum noch zur Viehweide eignet, fürlieb nimmt und in Lagen, wo Aepfelbäume nicht fort- kommen. noch von ansehnlicher Rentabilität ist. Als Beispiel wurde die Gemeinde Himbach im Kreise Büdingen erwähnt, die in anchen Jahren bis zu 8000 Mk. von der Kirschenernte erzielt. Als Sorten, die sich für die oberhessischen Höhenlagen besonders bewährt haben, nannte der Redner vor allem: Riesenkirsche, Kassins Schwarze, Dadeborner Braune, Kunzes Kirsche. Der Kreis Schotten, in dem in diesem Winter allein 1100 Kirschbäume gepflanzt toürben, gehe mit gutem Beispiel voran. Der Redner hoffte, daß auch das klimatisch begünftigtere Schlitzer- land sich anschließe. Die wertvollen Anregungen fanden dankbare Ausnahme und werden sich hoffentlich in wirtschaftlicher Hinsicht auch zum Segen unserer Gemeinde ausw.rken.
Schlitz, 23. Rov. Das Schützer land ist die Gegend in Oberhelsen, die am stärksten von der Wildschweinplage betroffen ist. 2n den Kriegsjahren haben die Schwarzkittel, die in den groben Waldgebieten unseres Landes treffliche Schlupfwinkel finden, ganz beträchtlich angenommen, ebenso in den benachbarten preußischen Landesteilen, wie -etwa in dem großen Waldgebiet der Schilda. Seit Jahren ist man den Schädlingen auf den Fersen. Große Streifen finden alljährlich statt. Aber wenn auch schon viele Schwarzkittel zur Sttecke gebracht worden sind und in den „fleischarmen" 2ahren ab und zu unserer Einwohnerschaft eine unerwartete Fleischration bescherten, so ist man der Plage doch noch nicht Herr geworden. Der beste Verbündete der 2äger ist der Schnee. Gr toqr auch die ilr- sache, daß in diesen Tagen die vom Gräflichen Forst amt im Rimbacher Waldbezirk an- gesetzte Treibjagd erfolgreich verlief. Zwei Schwarzkittel wurden zur Strecke gebracht. — Die Gemeinde Rieder-Stoll durste bei den Wahlen am 15. Rovember wohl die geringste Wahlbeteiligung aufzuweisen gehabt haben. Zum Gemeinderat wurde nicht gewählt, weil nur ein Wahlvorschlag vorlag. Für den Kreistag und den Provinzialtag wählten 18 Männer und eine Frau, das sind 18 Prozent der Wahlberechtigten.
Starkenburg.
■ Darin stad t, 24. Rov. Der Provinzial- ausschuß hat in seiner letzten Sitzung die Dür- germeifterwahl in Fränkisch-Crum- bach für ungültig erklärt. Die Gemeinde hat schon dreimal die Dürgermeisterwahl vollzogen, einschließlich einer Stichwahl sogar schon viermal. Jedesmal waren die Wahlen wegen formaler Verstöße für ungültig erklärt worden. Schon seit mehr als einem 2ahr ist der Ort ohne Bürgermeister: die Amtsgeschäfte versieht ein Beigeordneter. — Der Verkehrsverein Darmstadt besteht jetzt 40 Jahre Aus diesem Anlaß wird am Montag ein Festakt statt- finden. — Die Kurse dec Darmstädter Volkshochschule waren im Winter 1924 von 1335 Hörern besucht, im Frühjahr von 1298 und im Sommer von 419. An den besonderen Veranstaltungen der Volkshochschule beteiligten sich 1800 Personen. — 2n Pfungstadt bei Darmstadt ist vor kurzem, wie die Blätter melden, bei dem Althändler Fissel beim Sortieren von Lumpen in Tapete eingewickelt eine Frauenhand gefunden toorben. Die Herkunft des Altmaterials konnte nicht mehr ermittelt werden. Auch ist es der Polizei noch nicht gelungen, den Fall aufzuklären. Möglicherweise liegt ein Mord vor.
--!- Offenbach, 24 Rov. (Kamps um die Getränke st euer.) Der Erfolg der Gießener Gastwirte läßt ihre hiesigen Kollegen nicht ruhen. Sie haben ebenfalls das Verwal- lungsstreitderfahren gegen die hiesige Stadtverwaltung eingeleitet mit der Begründung, daß die Anhörung des Kreisausschusses über die am 19. 2anuar 1924 erlassene Getränkesteuerordnung erst am 23. September 1925 erfolgt ist. Der Oberbürgermeister beruft sich auf die Ansicht namhafter 2uriften, wonach der Mangel als nachträglich geheilt zu gelten habe. Für den Fall aber, daß das Verwaltungsgericht doch zu einer anderen Auffassung käme, beantragt er bei der Stadtverordnetenversammlung, den Erlaß der
«Sier - Nudeln
3. Fortsetzung.
Nachdruck verboten.
Franziska.
Roman von Liesbet Dill.
besten Gipsabgüssen im Museum vorbei, als sähe sie Backsteine. Dagegen blieb sie vor der Plastik einer jungen Mutter, die ihr Kind mit einem Schwamm wäscht, aus dem natürliche Wasser tropfen fallen, an der Straßenecke des Königs- Platzes jedesmal entzückt stehen. Hasse wußte nicht, wo er einsetzen sollte: er fühlte wohl, daß es Raturen gibt, die man so lassen muß, wie sie nun einmal sind, aber er konnte sich nicht damit abfinden, daß sie sich nicht mit den Dingen beschäftigte, die ihn interessierten.
Eines Tages führte er sie in sein Privatlaboratorium und zeigte ihr seine Arbeiten, die Versuche und seine Menagerie. Franziska bedauerte die niedlichen Weißen Mäuse, die in einem großen Spiritusglas auf kleinen Leitern hin und her liefen. „Die armen kleinen Mäuschen, können sie beim im Spiritus leben?“ fragte sie. Hasse lachte. „Rein, kein Tier, nicht einmal Weiße Mäuse können das." Es war ein leeres Spiritusglas, und es waren nur Dersuchsmäuse. 2hr lief ein leises Grauen über den Rücken, als er sie herausnahm und chr die blauen und violetten Puntte auf dem Rücken zeigte, die von den versuchten Einspritzungen herrührten. „Die sollen jetzt Malaria kriegen", sagte Hasse. Franziska mußte immer an diese armen Weißen Tierchen denken: sie kam sich auch vor wie ein Versuchstier. „Wenn ich mit diesem Versuch der Menschheit einen Dienst erwiesen habe, habe ich ihr zugleich damit den Druck dafür abgestattet, daß sie mir zu meiner Existenz verhalf."
Das war sein Standpunkt, und er wollte, daß Franziska auch einen ähnlichen einnähme.
Sie ermüdete leicht. 2n größeren Partien geschah es oft, daß sie gegen Schluß betonierte, alnd was das Schlimmste war, sie horte es selbst nicht, ja sie stritt es einfach ab. Sie Wan musikalisch wie ein Zigeuner, spielte alle Melodien auf dem Klavier oder der Gitarre nach, die sie auf der Straße gehört. Er woltte, daß sie Dach verstehen lernte, das Fundament für den Musikanten. Er liebte Dach über alles, Franziska fand ihn trocken. Während des Winters sollte sie nun ernstlich für die Ausbildung ihrer Stimme etwas tun und bei dem berühmten Professor Oesterleh am Konservatorium Stunde nehmen.
Hasse antwortete nicht, es war ihm, als habe ihm jemand einen Schlag versetzt. 2ede Beleidigung wäre ihm recht gewesen, aber Worths Kritik kränkte ihn. ünb er konnte dem Freund nicht einmal unrecht geben, denn wer Franziska von ihren Rollen her kannte, die ihr nicht lagen und die sie schablonenhaft herunterspielte, konnte nicht viel besser vor ihr denken.
Worth war der Liebling der Damen, er unterhielt sie an den Krankenbetten vom Theater, von Musik, von Literatur, er war galant gegen junge den, aber sie mußten aus seinen Kreisen s.i „Ich begreife nicht, wie man sich für Damen vom Theater begeistern kann", sagte er. „Die verlebten, verschminkten Gesichter! Dann sind sie mir auch nicht gepflegt genug, und schiefe Absätze kann ich einmal nicht vertragen." Rur die Ebenhausen ließ er gelten. Ihr vornehmes <3äicl, ihre Zurückhaltung, ihre dezente, tadellose Toilette auf der Straße berührten angenehm, während Franziskas Kleidung auch Hasses verwöhntem, aufs Dezente gestimmtem Geschmack widersprach. Sie legte keinen Wert aus den Anzug, warf die schönsten Hüte auf die Stühle, hing die Mäntel an (Hageln an der Tür auf, ließ die Pelze im Badezimmer und Tüll- hüte im Garten die Rächt über liegen, steckte frische Blumen an den Gürtel und verdarb die Einsätze der Taillen damit. „Wir müssen unsere Aufmerksamkeit auf unsere Dühnengewänder verwenden, da kann man nicht noch auf der Straße elegant aussehen", verteidigte sie sich. Hub so achtlos wie mit ihren Toiletten ging sie mit dem Schmuck und mit dem Geld um; gedankenlos und zerstreut ging sie im Regen mit ihren dünnen Goldkäferschuhen aus, die sie zu Hasses Kummer mit Vorliebe trug. Außerdem war Franziska von einer erschreckenden Anbildung. „Es ist mir ganz egal,“ sagte sie, „ob die Kirchenfenster zu einer Zett oben spitz und unten breit waren ober unten zugespiht gewesen sind." Für Architektur hatte sie nicht das geringste Verständnis. Sie ging an den
Franziska schüttelte diese versteckten Vorwürfe ab. „Bei dem Oesterleh? Ich dank' schön, der nimmt für die Stunde zwanzig Mark, da kriegt man ja schon bald einen neuen Hut dafür." Der ihrer Gage konnte sie das nicht erzwingen. Er hatte begonnen, Rollen mit ihr einzustudieren. Er spielte ihr eine Lady Macbeth, eine Elisabeth, eine Judith vor. Sie lag hingestreckt auf der Chaiselongue, auf den vielen weichen Kissen, das Kinn in der Hand, mit halboffenen Augenlidern, und sah ihm mit halbgeschlossenen Augen zu. Sie langweilte sich entsetzlich. Als er mit der temperamentvollen Darstellung einer Scene aus der „2udtth" fertig war und erhitzt sein Schwert, ein Lineal, auf den Boden stützte, brach sie in ein Helles Lachen aus. Er warf das Lineal fort. „Du hörst mir nicht einmal zu, Franziska." — „Wenn ich dir nun den ganzen Tag von deinen Bazillen spräche!" sagte sie. — „Das ist etwas anderes!"
Aber im Grunde war es eigentlich dasselbe. Er hatte das Bedürfnis, nach seinem Beruf, der ihn Dreiviertel seines Tages erschöpfte, etwas zu hören und zu sehen, das ihn heraushob aus seiner Sphäre. Wie ihn der Drang nach Abenteuern, nach Krieg und Kamps, dem Alnge- wöhnlichen, Reuen, Seltsamen nach China geführt, so übte das Theater als eine geheimnisvolle Welt seinen unwiderstehlichen Zauber auf ihn aus.
(Sr sah, daß Franziska so nicht wetterkam. Es war noch unsicher, ob man sie überhaupt nach ihrem Probejahr engagieren würde. Die Cbenhausen intrigiere hinter ihrem Rücken, behauptete Franziska, aber Hasse sah tiefer. An Franziska lag es, daß sie nicht über die andere hinamSlam. Rur an ihr.
Franziska widersprach nicht, sagte nicht ja, nicht nein, sie ging ihre eigenen Wege. Dieses mutige, trotzige Selbstbewußtsein, ich bin doch etwas und werde etwas, machte ihn stolz auf sie, und beunruhigte ihn aber auch.
Franziska lag etwas daran, zu gefallen, der Spiegel war ihr bester Freund. Sie hatte Tage, an denen sie sich haßte, trenn der Spiegel ihr sagte, heut' best du mager, blaß, übernächtig, vergrämt, und sie liebte ihn. wenn er ihr entgegenstrahlte und ihr schmeichelte: Wie bist du
schön! Wenn sie auf der Straße mit ihrem wiegenden Gang dahergeschritten kam — Franziska hatte keinen Begriff von Zeit, sie verspätete sich regelmäßig, während Hasse pünktlich war wie eine ÜIHr —, dann reckten sie dis Köpfe, dieselben Männer, die von ihren Dühnen- leistungen in spottendem, nachlässigem Ton sprachen. Daß sie keine Achtung vor ihren Dühnen- leistungen hatten, verletzte sie tief, und machte sie wieder stolz, daß es so leicht war, als Weib zu siegen. Sie hätte über dieses Rätsel gerne einmal mit Hasse gesprochen, doch über derartige Fragen gerieten sie meist in Streit. Verständnis für derartige Fragen fand man nur bei Frauen, und eine solche Freundin war biet rote Mieze, eine Kollegin vom Schauspielfach.
Sie wohnte in einer Dachkammer, trat in unbedeutenden, meist in Knabenrollen auf, Neidete sich wie ein Junge, mager wie dine Heuschrecke, trug mit Vorliebe ein Monokel und einen Spazierstock, diese Mieze mit dem Duben- kops, den langen Deinen und den grellen grauen Augen, die sie vor keinem Manne niederschlug. Hasse fühlte, daß sie sich in Franziskas Vertrauen eingeschlichen hatte, daß er etwas mit einer anderen teilte, was ihm vorher uneingeschränkt gehört hatte.
Franziska hatte die Gabe, Wünsche zu ungeeigneten Zeiten zu äußern, und so wollte sie eines Tages durchaus, vor einem Laden stehend, ein goldenes Schlangenarmband mit einem Türkis haben. Hasse gefiel der Talmigeschmack, die Schlange nicht, auch hatte er Franziska erst kürzlich eine goldene Lorgnettekette geschenkt. Er tat, als habe er diesen Wunsch überhört. Ein paar Tage später fand er das Armband an ihrem Arm. „Von meiner Freundin, der Mieze", triumphierte sie.
Er fühlte, daß seine Macht hier aufhörle. 2rgend etwas band diese beiden Frauen zusammen und zog sie zueinander hin. So oft sie auf diese Mieze zu sprechen kam, gerieten sie in Streit Aber er stieß auf Franziskas hartnäckigen Widerstand. ..Warum ich sie mag?“ sagte sie. „Warum hast du mich lieb und ich dich? So was läßt sich nicht beweisen und zerlegen, es ist einfach so."
(Fortsetzung folgt.)
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