Mittwoch, 25. November 1925
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)
Nr. 216 Zweites Statt
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Gärung in Aegypten.
Zwischen den ägyptischen Regierungsparteien einerseits, an deren Spitze der Ministerpräsident Sirwar Pascha steht, und der sehr starken Opposition andererseits, die von Z a g l u l Pascha geführt wird, ist seit geraumer Zeit schon ein heftiger politischer Kampf entbrannt, der sich jetzt vor allem um die Einberufung des Parlamentes dreht. Sirwar Pascha, der sehr wohl die schwache Position seiner Regierungskoalition kennt, hat sich bisher g e < weigert, das Parlament zusammenzurufen, weil er fürchtet, daß seine Regierung bei der ersten Gelegenheit von der Opposition aus dem
zeigt die Versteigerung des Anwesens des verstorbenen Forstmeisters D i ck e l in der Friedrichstraße, gegenüber dem Amtsgericht. Auf das ganze Anwesen, das aus zweistöckigem Hause, Scheune und Stallung und großem Garten besteht, wurden nur 7400. Mark geboten, was allerdings nicht genehmigt wurde. In der Vorkriegszeit hätte das Anwesen sicher etwa 20 bis 25 000 Mark gegolten. — Gestern mittag verstarb plötzlich infolge eines Herzschlags der hiesige Hessische Forstrat i. R. Eduard Andre. Er hatte an der von Oberforstmeister Schneider, Grünberg, veranstalteten Domania'sagd teilgenommen. Die Anstrengungen der Jagd, die über Verg und Tal ging, hatten die Krä.e des im 70. Lebensjahr stehenden Mannes, der ein schweres Rierenleiden hatte, aber stets gewohnt war, sich zuviel zuzumuten, völlig erschöpft. Als das letzte Treiben kaum begonnen hatte, sand
man belebte sie mit Geistern. Unb jedem, dem nicht der Alltag den letzten Rest phantasievollen kindlichen Erlebens genommen hat, erschlicht sich die romantische Welt aufs neue, und immer wieder neu können wir sie erleben.
Das romantische Erleben des Künstlers muhte um so stärker werden, je mehr die rein formale Gestaltung beim Schaffen in der Kunst Platz gewann. Die Persönlichkeit regte sich und sie griff zu dem, was der romantischen Volksseele entsprungen war, zum Volksliede als Aeuherung.
Das Erstlingswerk Gades „Rachklänge aus Ossian" stellte ihn unter die Meister seiner Zeit. Unb die Volksmelodie im besten Sinne fand ihren breitesten Eingang in die hohe Kunst im Zeitalter der Romantik. Themen, die dem Volkslied nahestanden, konnten wiederum zu Volksliedern werden.
Das romantische Erschauern fand wohl am stärksten seinen ersten Ausdruck in Webers ^Freischütz". Lind nun war das weite Reich der romantischen Kunst erschlossen.
Mendelssohn fand in den romantischen Ein- ldrücken des Rordens die Anregung für vi^le seiner Werke, u. a. auch für die ..Hebriden"- Quvertüre. Mit diesem Werk, das a's charakteristische Ouvertüre seine Vorgänger in Beethovens „Leonore"-Ouvertüren hatte, bildet er das Binde» glich zu der Programmsymphonik der Reudeutschen und der Moderne.
Das Orchester gewann an Ausdruckskraft und Farbe: denn jedes Instrument war nun nicht mehr bloßer Träger einer durchgeführten melodischen Linie, sondern es wurde charakteristisch in seiner Eigenheit gewertet, und so erhielt jeder Klang seine besondere Gefühlsausprägung.
Das romantisch-phantas.emähig Geschaute fand feine gegebenste Verwirklichung in der Oper. Daher haftet auch den romantischen Oratorien» werken durchaus etwas Opernhaftes, aus der Szene heraus zu Erlebendes, an.
Oberhessen.
Landtrcis Gießen.
X W i e s e ck , 23. Rov Den Gottesdienst Totensonntags verschönte der Frauen
chor unter Leitung von Lehrer Stoll mit zwei Chören: unter dem Geläute aller Glocken wurden die Rainen der Kriegstoten und der im letzten Kirchenjahr hier Verstorbenen am Altar verlesen, auf dem wieder, wie in früheren Jahren, Vlumenspenden mit Widmung für im Feindesland ruhende Kriegsopfer lagen: es wurde auch 6ei dieser Feier der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß im nächsten Jahr eine in diesem Jahr unter
Weile die tüchtige Laubaher Kapelle der Gesangverein „Harmonie" mit. Krieger- und Turnverein weihten schmackvolle Kranzspenden dem Andenken Helden. — Die geringe Kaufkraft unserer
bliebene Gedenkfeier an einer bis dahin zu schaffenden Kriegergedächtnisstätte stattfinben werde. Einen würdigen Schluß erhielt der ernste Tag durch eine geistliche Aufführung am Abend in der überfüllten Kirche: auch Gießen war stark vertreten. Rach dem Lied der Gemeinde: „Alle Menschen müssen sterben" zog die Spielschar des Marburger Iugendrings feierlich in den Altarraum der Kirche ein und führte einen an Holbeins Darstellungen stark er- innerenden Totentanz auf. Jugend, die auf dem rechten Wege ist des Dienstes am Volk, brachte ein altes Spiel, das Alois Johannes Lippi in den St. Iürgbüchern neu herausgegeben. Ein Stück guter alter Volkskunst hatte hier in unserer Kirche Einkehr gehalten, in der ja auch an den Wänden manche Probe alter Kunst diesen Herbst freigelegt worden ist.
0 Lollar, 23. Rov. Am Samstag veranstaltete der Turnverein Lollar einen Werbeabend im Interesse des Frauenturnens. Die Leitung hatte Turnlehrer F i - scher aus Marburg mit seiner Turnerinnen- abteilung übernommen. Rachdem der 1. Vorsitzende des Turnvereins Lollar, Bürgermeister Schmidt, Herrn Fischer und seine Turnerinnen sowie den anwesenden ©auturntoart des Lahn-Dünsberg-Gaues und alle anderen auswärtigen Turner und Turnfreunde begrüßt hatte,
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seines Zubiläumsjahrganges will der Gießener Anzeiger seinen Lesern einen besonders gediegenen, zum Teil auf das schönste deutsche Fest abgestimmten Textinhalt bieten. Außer den an vierTagen derWocheerscheinendenBeilagen
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konnte mit dem sehr reichhaltigen, schönen Programm begonnen werden. Die von den zwölf Turnerinnen des Herrn Fischer vorgeführten Geräteübungen, rhythmischen Hebungen, Volkstänze ufto. ernteten großen Beifall und Überträgen alle Erwartungen des Publikums. Das Geräteturnen der aktiven Riege des Turnvereins Lollar fiel ebenfalls zur vollen Zufriedenheit aller Anwesenden aus. Leider wird einer derartigen Veranstaltung zur Förderung der Körperpflege noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Wir wollen hoffen, daß von feiten der Lollarer Einwohner in Zukunft allen turnerischen Vorführungen noch mehr Interesse entgegengebracht wird. Für diejenigen Eltern, die sich von dem gesundheitlich auf hoher Stufe stehenden rhythmischen Mädchenturnen überzeugt haben, möge eS ein Ansporn sein, ihre Kinder in Zukunft dem Turnverein zuzusühren.
:/•: Aus dem Horlofftnl, 23. Nov. Untere Gegend wird alltäglich von einer in letzter Zeit ständig wachsenden Anzahl von Hau- s i e r e r n besucht. Es gehört durchaus nicht zu den Seltenheiten, daß an einem einzigen Tage sechs und noch mehr Vertreter des Wandergewerbes vor« sprechen, während kein Tag vergeht, an dem nicht wenigstens einer erscheint. Ein großer Teil ist kriegsbeschädiat ober schützt vor, es zu sein. Wenn auch viele dieser Leute sich in einer wenig beneidenswerten Lage befinden mögen, so ist doch eine derartige Neberhandnohrne des Hausierens, wie sie sich jetzt bemerkbar macht, vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus zu verwerfen. Die angebotene Ware ist in vielen Fällen minderwertig, befonbcNe trifft dies für Schuhriemen und Wichse zu. Wo dies nicht der Fall ist, liegen die geforderten Preise ausnahmslos über dem regulären Ladenpreis. Leute, die diese Nachteile erkannt haben, sind dazu übergegangen, statt eines Kaufs ein Almosen anzubieten, das oft gern genommen wird. Nicht zu unterschätzen ist auch der durch die häufigen Besuche entstehende Zeitverlust, da viele 5)anfierer, besonders weibliche, eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legen, so baß bie Hausfrauen vielfach Gegenstände kaufen, die sie gar nicht benötigen. Nicht selten hort man auch von Fällen, wo Hausierer zu Drohungen übergehen. Kürzlich ging sogar ein junger Bursche mit ge ballier Faust auf eine Frau los, so daß sie ihren Mann herbeirufen mußte. Ein anderer drohte mit einem Kommunistenüberfall auf das ganze Dorf. Diese üblen Erscheinungen rühren aber anscheinend von unlauteren Elementen her, die gar nicht im Besitz eines Wandergewerbe s ch e i n e s sind. In vielen Fällen genünt daher bie Frage nach einem solchen, um den Betreffenden loszuwerden. Auch das auffallend versteckte Mit- führen von Waren läßt den Schluß auf behördlich nicht genehmigtes Haufierertum zu.
Kcciy Friedberg.
••• Gambach, 24. Rov. Der hiesige Geflügel- und Kaninchenzuchtverein veranstaltet Anfang Dezember eine Geslügel- unb Kaninchen aus st ellung. Mit der Ausstellung ist eine Verlosung verbunden.
Kreis Schotten.
□ Laubach. 24. Rov. Am letzten Sonntag wurde auch hier das Andenken der gefallenen Heldensöhne unserer Stadt durch verschiedene Feiern fei.end der Bevölkerung und der Vereine geehrt. Den Morgengottesdienst in der Stadtkirche verschönerte der Kirchen- chor durch den Vortrag stimmungsvoller Lieder: am Rachmittag fand feierlicher Gottesdienst auf dem Friedhof statt. Hier wirkten in trefflicher
.zes". Die Gießener Reichswehrkapelle, durch Kunstfreunde verstärkt, eröffnete mit Mendelssohns „Hebriden"-Ouvertüre und bewies damit gediegenes künstlerisches Können: Streicher und Bläser gleichwertig, besonders in den Holzbläsern sehr gut beseht. Ein erfreuliches Zeichen, daß sich eine staatliche Einrichtung in den Dienst der Kunstpflege stellt, und gerade für Orte, die sich kein Privatorchester halten können, steht solchen Musikverbänden ein reiches Feld für Kulturarbeit an unseren geistigen nationalen Werten offen.
Der Chor birgt in seinen Reihen gutes, in allen Stimmen gleichmäßiges Material und so ist von vornherein ein gesättigtvoller, ausgeglichener Klang gegeben. Der Männerchor für sich allein bewies im Gesang der Ritter Kraft und Glanz. Der Frauenchor fanZ> im Ave Maria wie im Sirenengesang zarte, bestrickende Töne.
Aeber allen als geistiger Erreger: Herr Albert Kasten. WaS er in den Proben an sorgfältiger Arbeit geleistet hatte, davon zeugte die Aufführung: Chor und Orchester folgten innerlich willig seiner umsichtigen Führung, und ehrenvolles Gelingen war der Lohn.
Die Solisten hatte man sich aus Frankfurt verschrieben. Fräulein Adele Metz gab der Nagenden, rachebrütenden Loreley starken Ausdruck, als Armida entfaltete sie Töne überzeugender Zauberkraft. Herr Dr. Adolf Block fand für Peter den Eremiten lebenswahre Gestaltung, als Warner, Hüter und Führer, in jeder Szene mit neuer stimmlicher Farbe und innerer Wärme. Herr August Jordan war ein Kreuzritter, wie er sein muß, voller jugendlicher, überzeugender Kraft und voller Leidenschaft. Seit ich ihn vor einigen Jahren hörte, haben sich seine Stimmittel prächtig entfaltet; bei dem Mangel an guten Oratorientenören kann man wohlberechtigt auf ihn starke Hoffnungen für die Zukunft setzen. -in-
Die polnische Staatshrifis
Mit Ach und Krach ist es dem „ruhmbedeckten" Außenminister Graf S krzy ns k i gelungen, nach einer verhältnismäßig nur kurzen Krise ein neues Kabinett in Warschau auf die Beine zu stellen. Biel Zeit zum Ueberlegen hatte er dabei freilich nicht, denn er will zur Unterzeichnung nach L o n - don fahren und muß dabei eine verhandlunas- fähige Regierung hinter sich haben, außerdem aber kann die Erbschaft, die G r a b s k i hinterlassen hat — fast mochte man von einer Konkursmasse sprechen — es nicht vertragen, wenn sie längere Zeit verwaist bleibt. Der plötzliche Sturz Grabskis ist wie kaum ein anderes Moment geeignet, auf die geradezu katastrophale Lage Polens ein grelles Licht zu werfen.
Denken wir nur einmal zurück an die Zeit von 1918. Damals waren die Polen, die es unter Frank- reichs Hilfe so glänzend verstanden, sich als die gekränkte Unschuld aufzuspielen, das verhätschelte Schoßkind Europas. Man schnitt aus Deutschland, Oesterreich und Rußland Riesenfetzen heraus, warf sie den Polen als Morgengabe ihrer neuen Freiheit in den Schoß und belastete sie auch mit keinerlei Schulden. Sie waren schon aus oiefem Grunde eigentlich bas reichste Land Europas.
U n b heute? Sie haben Riesenschulben ausgenommen, haben ihre erste Währung schon ruiniert, bie zweite hält nur noch mühsam, aber auch nur deshalb, weil ber Finanzminister bie Notenausgabe zurückschraubt, bafür jedoch ein zweites ungedecktes Inlandgeld herausgibt, das immer mehr entwertet und früher ober später auch bie Auslandwährung mit sich reißen muß. Das reiche Geschenk der wertvollsten Teile Oberschlesiens haben sie nicht zu nutzen verstanden. Im ganzen Lande raucht kaum ein Schornstein mehr, bie Landwirtschaft arbeitet mit Verlust, ber Staat ist so arm, daß er kaum mehr nm 1. November die Beamtengelder flüssig machen konnte: und dabei sriht der Riesenverwnltungsappa- rat ohnehin fast die ganzen Steuern auf.
Vielleicht wird im stillen Kämmerlein einer oder ber andere der Parteiführer sich sagen, daß er in den letzten Jahren zielbewußt eine Katastrophen- Politik getrieben hat: vielleicht wird er auch erkennen, woran der eigentliche Fekler liegt, obwohl an dieses Gespenst im eigenen Hause niemand zu denken wagt. Die Polen wollen nämlich nicht wahr haben, daß sie noch mehr als ein Drittel fremde Nationalitäten in sich aufgesaugt haben und nicht imstande waren, diese Elemente zu verdauen. Sie haben überhaupt nicht, arbeiten wollen. Die Ausgabe, vor ber sie stauben, war an sich gewiß nicht leicht, sie mußten bis auf einer ganz verschiedenen Kulturhöhe stehenden ehemaligen preußischen, österreichischen und russischen Teile miteinander ver- schmelzen, mußten also fachliche Kleinarbeit leisten, um ein Fundament ihres neuen Staates zu schassen. Statt dessen wollten sie Großmacht- Politik treiben. Sie begnügten sich nicht mit dem, was sie hatten, nein, sie mußten auch noch Wilna schlucken, träumten von der Eroberung Danzigs, verfeindeten sich mit sämtlichen Nachbarn und glaubten sich schon auf dem besten Wege, das große Reich Iagellos wieder aufzurichten, das von ber Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte. Dazu aber brauchten sie vor allem ein Heer, bazu, unb um die fron- zösischen Hoffnungen nicht äu enttäuschen, denn Frankreich wollte Polen als seinen Schutzmann an der deutschen Ostgrenze ausnutzen. Und das Ergeb- nis war eine sinnlose Geldoerpuloerung für eine Armee, bie zwar gegen Rußland kläglich versagte, die aber doch hinreichend Gelegenheit zur Soldaten- spielerei gab. Und der polnische Sinn, der in äußerem Glanze so gern seine Befriedigung sucht, sand daran mehr Gefallen als an dem Zwang zur Strbeit.
Heute droht die Gefahr von allen Seiten. Die bolschewistische Propaganda von Moskau her findet in der trostlosen wirtschaftlichen Lage ihre natürliche Unterstützung. Trotzdem können die Parteien sich nicht einigen, sondern sie erschöpfen sich in einem hemmungslosen Parlamentarismus, einig nur darin, daß die Deutschen unb andere Frerndvölker nur Sklaven in ihrem Lande sein dürften. Helfen könnte da höchstens eine Diktatur, auf die von der äußersten Rechten wie von der äußersten Linken hingearbeitet wird. Beiden aber fehlt wohl der Diktator. So wird bas Kabinett Skrzynski weiterwursteln, aber den Wagen auf dem Wege zum Abgrund kaum aufhalten. Wenn die Entwicklung in dem Tempo so weiter geht, bann kann es kaum mehr allzulange dauern, bis ber Völkerbund sich mit dem ersten offensichtlichen Mißerfolg der Versailler „Friedenspolitik" zu beschäftigen haben wird.
Sängerhran$ Gießen.
(tzade: „Die Kreuzfahrer". — Mendelssohn: „Hedridenouverlure" und „Loreley".
' Wo Wollen und Wirklichkeit keine Vereinigung erreichen können, da erwacht im Menschen daS Sehnen: je größer die Unzulänglichkeit, um so stärker die Sehnsucht. So war es vor einem Iayrbundert bei uns, so hat es oft Zeiten der Sehnsucht, der Hoffnung auf ein Besseres gegeben. ilni> in solchen Zeiten ist die Romantik erwacht: denn die Hoffnungen wurden verwirk» kicht im Reiche des Geistes, der Phantasie, wo <Ule Unzulänglichkeiten ihre Erfüllung finden konnten. Ein Zug, der besonders den germanischen Völkern eigen ist. Dieses Träumende. Weltabgewandte, dieses ErfüUenwollen fand seinen Aus- jdruck in den ureigensten Schöpfungen des Volkes — in den Märchen, Sagen und Liedern. Der Südländer gestaltet wohl auch, aber mit realer Deutlichkeit, während gerade in dem Mystischen,Rebel- haften des Rordens die Romantik ihren Hort fand.
Zeiten der Unzulänglichkeit im romantischen Ginne gibt es heute mehr denn je, begünstigt durch bie raiche Betonung des Realen, Rühlichrn, Verstandesmäßigen. Tlnd doch durchdringt romantische Intuition alle Gebiete, selbst die Wissenschaft kann ihrer beim Erschließen neuer Wege nicht entbehren (aber nicht in der Beweisführung, die ja stets verstandesmäßig sein soff und muh).
Hm so mehr in der Kunst! Der unbefriedigen- foen umgebenden Welt muß ein Zeitalter entgegengestellt. das durch die Ferne der zeitlichen Entrückung immer mehr an Wert zu gewinnen schien: daS Mittelalter mit seinem ritterlichen Glanz. Die uns umgebende Ratur konnte man Nicht als solche in ihrer Rüchternheit hinnehmen,
Mendelssohn hatte Zeit seines Lebens nach einem geeigneten Stoff gesucht: er fand ihn in Deibels „Loreley". (D.e Gestalten der Loreley, der älnbine sind Reuschaffungen der Romantik.)
Die Folgen einer schweren Erschütterung über den Tod seiner ihm geistesverwandten Schwester Fanny (Hensel) schienen unter dem Schaffen an diesem Werk sich zu bessern: aber das Schicksal hatte es anders gewollt, außer dem „Finale" hatte der Lebende uns nur noch wenige Bruchstücke dieses vielversprechenden Werkes schenken können.
Die gleichen Wege wie Mendelssohn schrecket auch sein geistiger Rachfolger an der Leipziger Wirkungsstätte im Gewandhaus: Riels Wilhelm Gade. Zwar von Geburt Nordländer, ist er in seinem ganzen Fühlen ein typischer Vertreter deutscher musikalischer Romantik. Auch bei ihm das Szenisch-Geschaute: die Musik charakterisierend für die einzelnen szenischen Bilder: ein Zeitalter voll Glanz und Pracht, Kraft und Macht.
Schon durch die Stoffe werden solche Werke jedem Einzelnen nahestehen. Das Verbundensein des Einzelnen gerade der Musik gegenüber als der romantischsten der Künste fand vor gut einem Jahrhundert feine Belebung durch die Gründungen der Singakademien, Konzertvereine ufto., die im Gegensatz zu dem für sich abgeschlossenen aristokratischen Musikleben die Musiftfflege weiten Kreisen eröffneten, und gerade durch die eigene stimmliche Betätigung wurden vielen neue Geistes wecken erschlossen. Die Liedertafeln, Sängerkränze u. a. m. waren der Hort vaterländischen Strebens und nationaler Ideale im Liede. Das Wort, daß die Einigung Deutschlands zufammengeturnt und gufammengefungen worden sei, enthält ein groß Stück Wahrheit, älnd heute?
Wie nahe uns die Romantik steht, zeigt die Begeisterung in drm 3' 2:.'.:;-
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Sattel gehoben wird. Zaglul Pascha hat sich aber inzwischen mit seinem Anhang im Continental-Hotel von Kairo niedergelassen und eine eigene Volksvertretung aufgetan. Gleichzeitig entfalten die Zaglulisten in allen Teilen Aegyptens und auch im Sudan eine lebhafte Propagandatätigkeit, die allmählich aber schon einen revolutionären Charakter annimmt, um sich weiteren Anhang zu verschaffen. Die Situation ist gegenwärtig überaus ernst, Sirwar Pascha sieht die Dinge, wie sie sich jetzt zu entwickeln beginnen, auch keineswegs rosig an. Er hat Kairo in ein Militärlager umgewandelt, dürfte aber mit feinen Maßnahmen nur neue Lin ruhen Hervorrufen. Da aber die allgemeine Gärung vor allem auch im Sudan sehr leicht für die englischen Beherrscher Aegyptens ungünstige Folgen zeitigen kann, dürfte nicht uninteressant fein, in welcher Weife die Engländer in den inneräghptischen Streit einzugreifen gedenken.
Die Dezember-Miete in Preuße» unverändert.
Der Amtliche Preußische Pressebienst teilt mit: In ber gesetzlichen Miete für ben Monat Dezember tritt keine Aenoerung ein. Es bleibt bcmnach bei ben Novembersätzen in Hohe von 82 bzw. 78 Prozent. _______
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