Ausgabe 
25.5.1925
 
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Romane.

Maarten Maartens, A u f tiefer Höhe. Sine Geschichte au- hohen Kreisen. 3n Leinen gcbunbn 7,50 ®m. Verlag von Albert Langen in München. Man kenn! den ..Pret- von LiS Doris" und jene- seltsam erschütternde Buch, da« Maarten Maartens denGotte-- narren" genannt ha! Auch diele Bücher waren schon Gesellschaftskritik, und mit den Bewohnern von , Koopstad" (das nirgend- und in aller Welt lieg', wie Seldwyla) sprang der Dichter nicht zu sonst um, obwohl ein so graziöS-wiyiger und durchaus nicht-artiger Humor meist den Stachel nicht nahm, aber verbedle. Aber erst hier, inAus tiefer Höhe" hat Maarten Maar­ten- selbst eine Höhe erreicht, wie sie unter den Holländern nur Multatuli erklommen hat. Sine Reinheit und Gröhe der sittlichen Forde­rung, die keine Svlitterrichterci ist, sondern aus dem Wunsche entsteht, sich selbst, sein Volk, die Menschheit, ein Stück weiter aus die wahre Höhe zu bringen, ihrer ewigen Bestimmung näher zu führen, nicht aus eine tiefe Höhe, sondern aus die ewige Höhe Unerbittlich hat der Siebter, der, da- fühlen wir auf Schrill und tritt, doch selbst Aristokrat von Geburt ist, die Maske von all den hohlen Köpfen gezogen, die höchste Gel­tung beanspruchen und die wahre Hoheit und Aristokratie des Geiste- und Herzen-, wo sie sich auch finde, in der Aristokratie, im Bürgertum, im Proletariat, leuchtend ausge^cigt. Wie ein 0c- schlecht, da- nicht nur adlig heiht. sondern auch ist, die Rerelaer's auf Deynum, von deip Zerrbilde der Aristokratie von ihrem Besitztum gedrängt wird, und wie doch au- diesem salschen Adligen ein wahrer Aristokrat der Seele er­steht, dem e- vergönnt ist, viel Schlimme- wieder gutzumachen, an sich selbst und an seinen Näch­sten, ist kurz das Thema der spannenden mit Meisterschast und dem seltenen, dem echten Hu­mor, erzählten Handlung. 321

Frank Thieß, Der Kampf mit dem (Engel. Engelhorns Romanbibliothek. (Ganz­leinen Rm. 2,50.) In Thieß ist uns einer der wenigen Erzähler großen Formats erstanden, die bei aller mitleidslosen Scharfe des Blicks für die Oberfläche den tieferliegenden Zusammenhang der Dinge erkennen und in lebendiger Sprache zu deu­ten wissen. Diese neuen Novellen sind Variationen über ein Thema, das uns alle zutiefst angeht: hilflos der großen Natur und dem Rätsel des Jenseits gegenübergefteUl, muß der Mensch wie Jakob den ewigen, aus Weltangst geborenen Kampf um die Erkenntnis kämpfen und gleich jenem .mit ver­renkter Hüfte", aber gesegnet aus dem Ringen her- Vorgehen, da ihn nunmehr die Ahnung eines höhe­ren Zustandes erfüllt. 267

Ernst v. Wolzogen, DerErzketzcr. (Georg Westermann, Braunschweig und Hamburg.) Jahrhundertwende. Hoch schlagen die Wellen des geistigen und gesellschaftlichen Lebens: die Ideen Nietzsches lassen eine Sturmflut gegen die brüchigen Wälle feiger Kulturlüge und konventioneller Gleich- gültigfeit anbranden. Nimmt es da Wunder, daß auch das stärkste Lebensfchlff, wenn es in diese Strudel blneinfteuert, in allen Fugen erzittern muß und zu kentern droht? Graf Bcssungcn wird vom Dichter als ein Mann gezeichnet, der vor dem Sturmwind Zarathustras die Segel nicht streicht. Sein Ethos sicht durchaus jenseits vomGut und Bose" des Christentums oder überhaupt eines Dog­mas. Ihn leitet nur das Sittengesetz in seiner Brust. Man könnte darüber streiten, wie weit er berech­tigt ist, seinen gewaltsam aufrauschenden Trieben nv^chzugeben. Die Ehe und das Verhältnis der Ge­schlechter erscheint in greller Beleuchtung. Die For- men sind erstarrt, und wo sie zerschellen, hinterlassen sie brennende Wunden; neue Form wird unter Schmerzen geboren. Es ist die Größe und zugleich die Tragik dieses Grafen Bessungcn, daß er sich stets zu seinen Irrungen bekennt, sie bis in ihre letzten, schwersten Folgen verantwortet und seinem Ver­hängnis nie durch einen Kompromiß ausweicht. Die­ser Roman ist ein wertvoller Beitrag zur Geistes­geschichte des beginnenden 20. Jahrhunderts. An Leben und Gegenwärtigkeit hat er nichts eingebüßt, da auch in unseren Tagen die ProblemeLiebe", Ehe",Christentum",Sinnlichkeit",Sittlichkeit" noch immer gären. 74

Toni Schwabe, Ulrike. Ein Boman von Goethes letzter Liebe. 3n Leinen gebunden 5 Goldmark. Verlag von Albert Langen in München. Toni Schwabe hat in ihrer illrllc" etwa- geleistet, was keinem Mann mög­lich wäre. Die intuitive EinfühlungSfähigkeit der Frau hat sie befähigt, ein Werk zu schaffen, in dem der wirkliche Goethe lebt, der alte Goethe, der such der Welt in der MaSke de- gestrengen Herrn Geheimbderathes zu zeigen beliebte, und der siich doch so ein erschütternd junges, zartes Herz bewahrt hatte. Nur Goethe selbst fühlen wir in ihrem Werk, Goethe und dies kindliche, ein ganz klein wenig seiner Macht bewußte Dingelchen, daS Goethes großes zuckendes Herz in der schmalen Mädcheirhand hielt, ohne zu ahnen, waS ihm da eigentlich anvertraut worden war. Die Tragik des Altwerdens bei jungem Herzen, des mit übervollem Herzen und Händen doch Dettelarm-Sein- vor ein bißchen äugend und Anmut. Die- Buch ist nicht nur ein Boman, es ist ein äußerst wertvoller Beitrag zur Goethe­forschung. 264

Die monumentale Balzac-Ausgabe des Verlags Ernst Rowohlt in Berlin wird stetig 'm neue Bände vermehrt. Die schmucken handlichen Bändchen machen den großen französischen Sitten- Wilderer populär im wahrsten Sinne des Wortes.

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Hans Hühnchens Feierabend. Eine '-leschichte aus unserer Zeit von Georg Asmussen. In Ganzleinen Gm. 4.50 bei G. Westermann, Braun- chweig. Am Schlüsse seinesLeberecht Hühnchen" berichtet Heinrich Seidel, daß des alten Leberecht Sohn Hans sein geliebtesFeuerlein" heimführt und eine Anstellung auf einem Hüttenwerk Wcst- 'ulens gefunden habe. Sein Berufsgenosse Georg Asmussen nimmt diesen Faden auf. Er erzählt, daß Hans Hühnchen inzwischen in die Jahre gekommen ist, wo das Sehnen wach wird, aus dem Hasten der Industrie heraus und zur wohlverdienten Ruhe ju kommen. Wohl erklärlich denn in Hans Nützlichen steckt jene Weichheit deutschen Gemüts, die mit der Liebe zur Natur und mit der Freude an ihren Wundem Hand in Hand geht. Es ist viel über dasLos der Alten" geschrieben morden in unserer Zeit. Aber dieses Lebensbild überwindet doch die Bitterkeit, die bei solchen Schilderungen sonst auf- tauchen muß. Welt- und Lebensanschauungen, die dein alten Leberecht die Mißgeschicke klein, die bc-

Für den Büchertisch.

scheidenen Genüsse köstlich erscheinen ließen, liegen auch seinem Sohne im Blut. Seine Lebenskunst ist Arbeiten und bei wenigem froh fein! 125

D i c Hirtin und der Hinkende. Don Karl Gjellerup. Leinenband 4.40 Mk. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. Eine Erzählung, die ganz Poesie und zartes Einsühien in sagenhafte, altgriechische Zeiten ist. Die uner­müdliche Werbung des treu und hingehend lie­benden Arias ersteht vor uns, den die schöne Hirtin Dygnäis. ..die Aphrodite des SeeS", nicht nur immer wieder abweist, sondern in ihrem mäb^enbaften Trotz verspottet und kränkt, bis er bavonzieht und sie erst in der jahrelangen Iren- nungSzei: fühlt und erkennt, daß auch sie ihm ergeben ist in heißer Liebe -und Sehnsucht. DaS Schönste an dem Buch ist das prächtige Natur- bild, da- der Dichter vor uns entrollt. Die wilden Felspartien, in die das arkadische Hirten­dorf hineingebaut ist, der träumerische Waldsee im schimmernden Eonnenglanz, da- schwere Ge­witter in den Klüften der Berge, das Leben der Hirtinnen mit ihren vielen Dergziegen, das aste- ist mit reifer Kunst zum Leben erweckt, inb eine taufrifche Sommerfreude liegt über dem Ganzen. 297

Philosophie und Geschichte Die genialen Gestalten der Weltgeschichte aller Zeiten, die großen Führerpersönlichkeiten, namentlich Cäsar und Napoleon, beschäftigen in noch nicht dagewefenem Umfang die Welt. Dich­ter, Schriftsteller und Philosophen, Tage-poli- tiker und Militärs lassen sich über die- eine Thema au-, da- die brennende Frage de- Tages den Bus nach der Persönlichkeit au- Der Ge­schichte heraus einer Lösung näher bringen möchte. Nicht alle, mit diesem mehr oder weniger klar zutage tretenden Hintergedanken, meist im­pulsiv hingeworfenen Werke sind erfreulich. Ilm so erfreulicher aber das Neuerscheinen einer seit langem geschätzten, auf gründlichen archivalischen Forschungen beruhenden Arbeit eines zünftigen Historikers. Die ,.N a p o l e o n"biographie des Gießener Historikers Gustav Rolofs hat der Zlamberg-Verlag in Gotha in neuem, schmuckem Gewände herau-gcgeben. Besonders zu begrüßen sind die beigegebenen ausgezeichneten Bepro- duktionen unbekannterer zeitgenössischer Gemälde, die der streng wissenschaftlichen, bei aller Schlicht­heit der Form, schon durch den Stoff so äußerst reizvollen Darstellung keinen Abbruch tun. 331

Angora Konstantinopel. Rin- Sende Gewalten. Von Dr.-Ing. K. Kling- nrbt. Mit etwa hundert Illustrationen, einer lieber- lichtstarke und drei Planskizzen sowie einer Oe- jchlchtstabelle und ausführlichem Sachregister. Ver­lag Frankfurter Societäts-Druckerei, Frankfurt am Main. Der Verfasser, durch lange im Orient ver­brachte Jahre mit den Problemen der Dorkriegs- und Kriegstürkei vertraut, hat im Sommer 1924 in mehrmonatiger Reise kreuz und quer durch Anatolien die tiefgreifenden Wandlungen, die das Land seit dem Zusammenbruch der Mittelmächte durchgemacht- hat, studiert. In achtzehn fesselnd und schwungvoll geschriebenen Kapiteln beleuchtet er von hoher Warte die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Fragen der neuerstandenen Vormacht Asiens. Nicht nur für den Wissenschaftlicher und für den Wirtschaftler, der mit Problemen Vorder- asiens sich zu beschäftigen veranlaßt ist, sondern für jeden Gebildeten, der mit Interesse die geistigen Strömungen unserer Zeit verfolgt, ist das Buch ob seiner einzigartigen Einfühlung in die östliche Psyche bedeutungsvoll. 118

I ch u n d d e r a n d e re." Von Max v. Droste im Otto-Reichel-Verlag zu Darmstadt. Freiheit und Gemeinschaft verlangen das gleiche: Kraft und Sicherheit der Persönlichkeit! Ohne diese Voraus­setzung kann weder Freiheit sich auswirken noch Ge- meinschaft zum Besseren gedeihen. Was uns aber heute fehlt, ist das Selbstvertrauen, daß ein jeder weiß, wie er handeln könne, ohne andere erst fragen zu müssen. Das Bedürfnis nach einer Synthese von Wissen und Wollen, nach einer.Ethik ohne über­lieferte Moral ist sehr stark und schreit nach (Er­füllung. Aber weder äußere Glücksumstände noch fremde Vorschriften, sondern nur die Anspannung des eigenen Willens in den Seelenkräften, die Ent­faltung der Persönlichkeit vermag diese Erfüllung zu schaffen: denn niemand erhält das Glück seines Lebens geschenkt. Den grundsätzlichen Darlegungen des Verfassers folgen praktische Vorschläge für den einzelnen und die Gemeinschaft und schließlich für den Gesundungsprozeß unseres Vaterlandes, dessen Boden für eine solche Aussaat endlich aufnahme­fähig geworden zu sein scheint. 245

Kunst.

Atlanten zur Kunst" gibt der Verlag R. Piper & Eo. in München heraus, die den suchen­den Lesern die Dinge bieten wollen, die uns heute besonders wichtig und bedeutsam sind, also nicht jene altbekannten Kunstepochen, deren Namen in jcderminns Munde sind, sondern abseits liegende, verborgene Schönheiten bislang noch der breiten Oefsentlichkeü nicht so zugänglich aemachter Zeit- spannen. Die Tafelmalerei der deutschen Gotik, die Bildnerei £er (Etrusfcr, die Malerei der frühen Ita­liener, Romanische Bildnerei, das sind neben dem großen Holländer Vermeer van Delft einige der in technisch wie künstlerischer Hinsicht gleich ausgezeich­net durchgcführten Einzelbänden behandelten The­mata. Der neueste vorliegende Band gibt einen außerordentlich reichhaltigen Ueberblick über das deutsche Bild des 16. Jahrhunderts, eine Fülle meist unbekannter Schätze werden vor uns ausgebreitet und durch eine von Hermann- wein klar formulierte Einführung uns nahege­bracht. 18

'.Rögling. Kurt: D i e antike Münze als Kunstwerk. Mit 907 Münzabbil­dungen auf 45 Lichtdrucktafeln. Ganzleinen 12 Mk. (Verlag Schoetz & Parrhysius, Berlin SW. 11.) In diesem sich mehr an den Kunsthistoriker und Kunstfreund als an den Numismatiker wendenden Buche wird zum ersten Male die Kunstgeschichte der antiken Münze geschrieben, von den Anfängen der griechischen Prägung um 700 o. Ehr. an bis zum Ausgang des Altertums gegen Ende des 3. Jahrhunderts n. Ehr. Der Verfasser zeigt, wie die Münzglyptik im allgemeinen die gleiche Entwick­lung durchmacht wie diegroße" Kunst und in enger Anlehnung an diese fortschreitet und legt dar, wie gewisse retardierende Momente in ihrer Ent­wicklung auf den Besonderheiten der Münze als eines staatlich-wirtschaftlichen Gebildes beruhen. 269

.Die Kunst". Monat-Hefte für freie und angewandte Kunst, (F. Bruckmann AG. Mün- chen) eröffnet ihr soeben au-gegebenes Maideft mit einem prächtig illustrierten Aufsatz über das Venedig des ausgehenden 15. Jahrhunderts in feiner reifsten unt> reichsten Kultur In die Gegenwart führt die ebenfalls illustrierte Studie über den tschechischen Bildhauer Ian Sturma. Im Teil der angewandten Kunst liest man die interessanten, mit Abbildungen reich bedachten Ausführungen über die neue Produktion der Staatlichen russischen Porzellanmanufaktur in Moskau.

Lob de-Schauspielers oder Mime und MimuS von Professor Dr. Walther 3a- nelL Wir-Verlag, Berlin N\X k Buch ist, seit langem anerkannt, die populäre Ergänzung au Hermann BeichS großemM t - in u -"-Werk. Die besten Empfehlungen der an* erfannteften Kunstreserenten standen ihm zur Seite: es hat seinen Weg gesunden und ist geistiges Rüstzeug geworden für Theaterleiter. Dramaturgen, Regisseure und Schauspieler. Das Buch hilft am Bau des Dramas wichtige Funda­mente auszeigen und fortenttoidcln; es gehört in die Hand tedes Theaterfreundes. 197

Musik.

DaS Wesen der Melodie von Örn ft Hofsmann. Geb. 13 Mk. Max Hesses Verlag. Berlin \X' 15. Die moderne Musiktheorie (als ihr Führer Ernst Knoth) sieht die Melodie als Be­wegungsvorgang an und verlegt bei ihrer Be­trachtungsweise das Psychische in das Kunstwerk und ermöglicht so in denselben eine objektmäßige Betrachtung des Subjektiven. Diese objektive Be­trachtung des Subjektiven macht Hoffmann zum Gegenstand exakter Untersuchungen. Mathematisch eingestellt berechnet er zunächst da« Motiv, die Melodie al« Kurve eines schwingenden Punkte« und weist dann an Beispielen (au« allen Zeit­altern und Gattungen musikalischer Werke) seine Theorie nach. Die Tätigkeit des Komponisten charakterisiert er:Die Kurve, d'.e er etwa mit seinem Auge wahrnimmt, da« rlfuefle Bild, bzw. dessen Erinnerungsbild, transformiert er in ein Galileisches Bezugssystem und trägt dietonalen Koordinaten" bestimmter Kurvenpunkte für ge­wisse Zeiten in dieses Galileische System (Ton- zitter. Liniensystem) ein."

Wenn wir Musik hören, verhalten wir uns umgekehrt. Das an unferm Ohr vorüberziehende Motiv (Melodie) im Galileischrn System trans­formieren wir tonal nach dem Weber-Fechner- schen Gefeh in da« ruhende System, in dem sich das messende Organ, unser Ohr, und mit ihm unser Körper befindet."

Rach ihrer Bewegungsform unterscheidet er Sinusmelodien, grad'.inige Punktbahnen und Zykloidenmelodlen. Allen EinuSmelodien liegt die Vorstellung des Pendeln«, Wiegens (toam auch im symbolischen Sinne) zugrunde: insbesondere die Wiederholung des Motiv« erweckt die Vor­stellung der tonalen Wiedergabe des Pendelns (Wiegenlieder, Schaukellieder. 6d)tocbcb.'incqun- gen, Glockenmotive). 3n weiter Folge leitet er die Zittermotive, Darstellung zuckender Bewe­gungen des Körpers, das Funkeln und Zittern der Sterne aus sehr schnellen Schwingungen ab.

.Eine Rote von beliebigem Zeitwerte ist der musikalische Ausdruck des Verharrens eines Punktes an einem Orte während dieser Zeit." (Melodie und ruhender Punkt.)

Motive, die Vorstellungen der Totenstarre, des Todes, des Schlafes wiedergeben, rechnet der Verfasser hierher, ebenso die Erscheinung von Geistern, die H. in ihrer Starrheit als mit Sprach­vermögen ausgestattete Leichname ansieht. Sterne werden in ihrem zeitlichen und räumlichen Ver­halten so charakterisiert, und im symbolischen Sinne ergibt sich die musikalische Darstellung des Heiligenscheines.

Den Zykloidenmelodien rechnet er alle die Motive zu. die den Vorstellungen de« Drehens nahestehen (Spinnen, Reifen, Mühle, Tanzen).

Das die Grundzüge des Werkes: Seine Be­deutung beruht darin, daß hier zum erstenmal exakte Grundlagen für die musikalische Harme- neutik gegeben werden und damit Normen für die Interpretation, eine Begrenzung der Vieldeutig­keit motivischen Inhaltes. Nachdem die Melodie so als Objekt genau bestimmt worden ist, ist nun die Grundlage für die Untersuchung der subjek­tiven psychischen Aneignung der Musik gegeben, und bas wird die weittragendste Bedeutung dieses Werkes für die Wissenschaft fein, und man kann mit einer gewissen Spannung dem Erscheinen der beiden folgenden Bände entgegensehen. 72

Deutsche Hausmusik aus vier Jahrhunderten. Ausgewählt und zum Vor- irng eingerichtet, nebst erläuterndem Zcrt nun Zr. H. Leichtentritt. Preis gebunden 6 Mk. (Nax Hesses Verlag, Berlin W. 15.) Gerade die Zeit vom 15. bis IS. Jahrhundert ist in den Mitelpunkt gestellt worden, weil sie die Zeit der Blute bedeutet für die Hausmusik. Weder vorher noch nachher waren die Verhältnisse einem Gedeihen dieser intimen Kunst gleich günstig. Erst als die Kunst auf neuer Grund­lage feste Wurzeln gefaßt hatte, als der mehrstim­mige Tonfatz ausgebildet war und in Deutschland heimisch, entstand jene merkwürdige Vereinigung des Volkstümlichen und Kunstvollen, die der deut ichen Hausmusik während ihrer klassischen Zeit einen so eigenen, starken Reiz, einen jo großen Kunst und Kulturwert verliehen hat. Diese Werte der Gegenwart auch für weitere Kreise zu erschließen, ist der Zweck dieses Werkes. Möge es beitragen }u der Erkenntnis besten, was unsere Vorfahren besessen haben, was wir verloren haben, was zu erwerben uns dringend not tut. 271

Natur und Technik.

Robert Sommer, Vorträge über Tierps ychol ogie (Quelle & Meyer Leipzig). Die Einführung in das Buch geschieht durch eine kurze Geschichte der Tierpsychologie von Kartesius über Reimarus und Gall bis zur Gegenwart. Sommer« eigene Anschauungen beruhen auf langjähriger Beobachtung und expe­rimenteller Erforschung einer Menge von Tier­arten unter Vergleichung mit den Ergebnissen der Menschen-Psychologie. Dabei ist feine Auf­fassung im wahren Sinne tierpsychologisch, da die Frage in den Vordergrund gestellt wird, ob und wie weit Tiere aufter Empfindungen und Wahrnehmungen auch Vorstellungen und Ver­stand haben. Im Mittelpunkt steht eine aus­führliche Studie über die psychischen Vorgänge I bei den Pferden auf Grund eigener öjähriger |

Beobachtungen Dieser Abschnitt bildet jedoch nur ein Beispiel in der langen Reihe der Nir- gestellten Tiere au« den Gruppen der Säuge­tiere (u. a Hunde. Ölefanten, Schtveine, Affen), Vögel. Äriedtiere und Fische Auch verschiedene Arten von Wirbellosen, z. B. Bienen. Ameisen, Spinnen. Flöhe, werden besprochen, lieberen zeigt fich die entwicklungsgeschichtliche Grundidee mit beobachtender Psychologie und Morphologie verbunden Hierher gehören die Kapitel Tier und Mensch, der aufrechte Gang. Hand und Fuß. Ausdruck-bewegungen bei Menschen und Tieren. Psvchologie von Sprache, Gehirn, pfycho- logische Grundbegriffe, Methoden der Tier­psychologie Grundsätzlich wird untersucht, wie bi- psychischen Fähigkeiten der Tiere mit ihrer gesamten Organisation, besonder« der Bauart de» Zentralnervensystems, zusammenhängen und wie die entwicklungsgeschichtliche Reihe in kör­perlicher und geistiger Beziehung von den Tieren zum Menschen führt. In den Ausführungen über vergleichende Pathologie des Hydroceptza- lu« internu« und die Psychopathologie bei Men­schen und Tieren eröffnet Sommer neue Wege für die psychiatrische und psychologische For­schung. Den Tsbschluß bilden die Kapitel übet Tierquälerei und Tierschutz sowie über die Organisation der Tierpsychologie, wobei ein Zu­sammenwirken aller an dem Gebiet Interessierten angestrebt wird. Wie frühere Bücher R. Som­mers. ist auch diese« in ausgeprägter Weise ein Pionierwerk, da« durch mübewlle analytisch« Arbeit neue Bahnen gangbar macht, und ich gebe um so freudiger dem Wunsche de- bekannten Gießener Gelehrten statt, da« Buch auch an dieser Stelle zu besprechen, da es nicht nuc Wissenschaftlern, sondern allen Naturfreunden interessante Beobachtung« rgcbnisse eröffnet (3C0) Karl Rudolf Fischer. Laubach.

Die Wunder der Wissenschaft. HerauSgegeben vonEurt Thesing. Erster Band: Physik und Ehemie von Dr. Albert Neu­burger. Mit 61 Abbildungen. Celnen 7.50 Gold­ina rk. Verlag von Albert Langen in München. Es war ein guter Gedanke des Herausgeber«, in dieser Zeit, da der Laie fast täglich vor neue Wunder der Natur und der Wissenschaft ge­stellt wird, ein Werk zu schaffen, das für jeden die Drücke bilden kann zwischen dem gewöhnlichen Leben, das uns umgibt und den verwirrenden Rätseln, die unS die Wissenschaft In den letzten Jahrzehnten beschert hat. Das Werk soll fünf Bände umfassen, die unter dem «SammclHtet Wunder der Wissenschaft" erscheinen, nämlich: Wunder der Physik und Themie, Wunder der Astronomie. Wunder der Erdgeschichte, Wunder der Biologie und Medizin, Wunder der Technik- der erste dieser Bände.Wunder der Physik und Ehemie", verfaßt von dem bekannten wissen­schaftlichen Schriftsteller Dr. Albert Neuburger, liegt jetzt vor. In 22 Kapiteln tut sich die Welt der Physik und Ehemie mit einer Frische und Selbstverständlichkeit auf, alS gäbe es keine Schwierigkeiten im Stoff. alS sei alles spielend zu erlernen. In dieser Eindringlichkeit und er­staunlichen Plasttzität beruht ein unendlicher Wert deS Buches. Hier ist keine graue Theorie, sondern es lebt alle« und sprießt grün an de« Geben« goldenem Baum. Die Fülle deS verarbeiteten und gebotenen Materials ist überwältigend. 2

(Einen Weg zum Schlafengehen zeigt der be­kannte, auch unseren Lesern durch zahlreiche wert­volle Artikel vertraute Münchener Arzt Dr. W. Schweisheimer in seinem BüchleinSchlaf und Schlaflosigkeit" (bei I. F. Bergmann in München, kart. 4,20 Mk.). Der Verfasser faßt die Schlaflosigkeit nicht als Krankheit an sich auf, sondern lediglich als Anzeichen einer Störung im Körper. Nur wenn man ihre Ursachen auffindet, kann man dauernde Heilung erzielen. Besonders der Schlaf des Kindes wird, seiner großen Bedeutung für das Wachstum entsprechend, eingehend behan­delt. Ein anregendes und belehrendes Buch, vor allem auch für die Laienwelt leicht verständlich in feiner klaren Formulierung. 77

Verschiedenes.

Graf zu Dohna, Hebungen fm Strafrecht und Strafprozeßrecht. Derk. O. Lieb­mann, Berlin W. 57. 2., auf Grund der Verordnung vom 4. Januar 1924 völlig umgearbeitete Auflage.

Das kleine, 108 Seiten zählende Büchlein, das in einer von Heidelberger Professoren heraus­gegebenen Sammlung praktischer Fälle erschienen ist, zeichnet sich in erster Linie durch die anregende ^rische aus, mit der die aus dem Leben gegriffenen Fälle bargqteUt sind. Das Büchlein ist in zwei Teile geteilt. Der erste, bei roentem größere Teil enthält Fälle mit prozessualen und materiellrechtlichen Fragen, der zweite Teil beschränkt sich auf das rein materielle Gebiet. Durch Fußnoten ist auf die wichtigsten Rechtsfragen hingewiesen. Das Ganze bietet gerade für den jungen Studierenden viel An­regendes und ist vor allem für Benutzung in den praktischen Hebungen aufs wärmste zu empfehlen.

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Die vom TübingerDerlagH. Laupp in Subskripionslieferungen veranstaltete Neuausgabe des für jeden Jäger und Forstmann unentbehrlichen Handbuchs der For st Wissenschaften schreitet rüstig fort. Von dem auf vier Bände vor­gesehenen Werk liegen nunmehr sechs starke Liefe­rungen vor. 1494 209

Wortschatz und Sprachform. Von G. A. Brüggemann. Verlag Quelle & Meyer Leipzig. Es ist eine bedauerliche Erfahrung, daß nur allzuviele davor zurückschrecken, sich als Erwachsene mit den Gesehen unserer Mutter­sprache vertraut zu machen, weil sie noch von der Schule her öden Grammatikbetrieb in Erinnerung haben. Daß es aber möglich ist, über Sprach­fragen auf« unterbaltenfte zu plaudern, beweist dieses Buch. Hier führt ein begeisterter Freund der deutschen Sprache die Feder, der voll Humor geistreich zu plaudern versteht. Seine Grund- ausfassung sprachlicher Erscheinungen ist wesent­lich von Rudoll Hildebrand uird Moritz Trautmann bestimmt: ihm ist die Sprache das. was gesprochen und mit dem Ohr ausgenom­men, nicht das, was geschrieben und dem Auge sichtbar gemacht wird. Die vielfachen Hinweise auf die germanischen Nachbarlprachen funb auf daS Latamische und Französische) sind ein weite­rer Vorzug des Buches. Es ist berufen, von dem Reichtum und der Schönheit unserer Mutter­sprache beglüdenbe Gewißheit zu geben und unS zu stärken in unserem Willen gut Pflege deS ver­erbten teueren Guts. * 148