uet auch ein aufmerksames Ohr finden, wenn er - und auch hier gab Pfarrer Wagner kurze Schilderungen — die erschütterndsten Bilder zeichnet van den Leiden der Evangelischen in Rußland, roo eiu Blutjeu§entum der Bekenner des evangelischen Glaubens an die alten Versolgungszeilen erinnert In Gießen werden uns Führer der russischen cvan» gelischen Kirche all das erzählen, was bei uns, aus politischen Gründen, um es mit der Sowjetregierung nicht zu verderben, oder um die dortigen Zustände denen, die nicht alle werden, als den Himmel auf Erden ovrzutäuschen, verschwiegen ward. Es aül, sich heute schon oorzunehmen, zur Gustoo-Adolf-Ve» oinstagung Ende September nach Gießen zu kommen, um das zu hären, was heute jeder evangelische Deutsche wißen muß.
Relrsi»«s!el»rer-5ionferen.; in Nidda.
eso Nidda, 22. Juli. Am heutigen Tage kamen die Religionslehrer des Dekanats Nidda zu ihrer diesjährigen Konferenz in Nidda zufammen. Prof. D. Matthes- Darm- flabt hielt einen Vortrag über die methodische Behandlung des 2. Artikels im Unterricht. Auster zahlreichen Lehrern und Pfarrern waren die Schulräte der drei Kreise Gießen, Büdingen und Schotten zugegen. Dortrag und Diskussion bewegten sich in der Hauptsache um die Frage, ob die im Katechismus enthaltenen Glaubenssätze über Jesus Christus von dem Kinde miterlebt werden könnten. Heber diese Frage waren die Meinungen geteilt. Die Pädagogen neigten mehr zur Verneinung, die Theologen durchweg zur Bejahung.
Aus der Provinz.
Laxvkreis Gießen.
1*1 Großen-Linden, 23. 3uli Der hiesige © eflügel« und Kanin chenzucht- verei n beabsichtigt am 3 0. August die Ab- haltuMg einer größeren Ausstellung von Rafse-geflügel itnZ> Kaninchen.
!* 1 SttinaShausen, 23. 3uli. Die ®in» weihu ng de S Gefallenengedenk- steins soll voraussichtlich am 9. August erfolgen.
t Grünberg, 22. Juli. Die neue Schützen- Halle wird in dieser Woche fertiggestellt. Am nächsten Sonntag findet die E i n w e i h u n g, verbunden mit Preisschiehen, statt.
Kreis Friedberg.
• Butzbach, 23. Juli. Gestern früh ist in Frankfurt a. M., wo er mit seiner Gattin bei Verwandten zu Besuch weilte, der Rektor i. R. Storch infolge einet HerzschlageS verstorben. Die Beerdigung wird am Freitag nachmitti in Butzbach stattfiüden. Mit dem so plötzlich debberufetron ist eine seit über 40 Jahren m Bntzoach allgemein befamrte und sehr beliebte Persönlichkeit auS dem Leben geschieden, ein gutes Stück Lolalgeschichte wird mit ihm zu Grabe getragen. -Xrffor Swrch, der als Lehrer und später alS Schulleiter imrne rbt-firebt war, das Beste für die hiesige Vorschule zu erreichen, und der es nach jahrelangem Mühen noch erleben durfte, ein neue- Schulgebäude erstechen und damit einen seiner Hauptwünsche erfüllt zu sH-en, wird in allen BrvöskerungSkreisen tmferer Stadt vermißt und sein jäher Heimgang aufrichtig betrauert werden. Der Berstorbene war nicht nur ein ausgezeichneter Schulmann .sondern auch im literarischen und öffentlichen Leben unserer Stadt stand er an hervorragender Stelle. So hat er u. a. ein heimatgeschichtliches Werk herausgcgeben, und ein HeimatS-Bolksstück („Die Hüttenberger") geschrieben, ferner war er Leider des BoÄbil- dungSvereinS, deS Gesangvereins Orpheus, deS Taunus klubs und sch! letzt ich Borsitzender des Lahntcil-Sängerbundr». zu dem 18 Vereine un
seres Heimaigebietes gehören. 3n sämtlichen Stellungen wirkte der Verblicheire vorbildlich in eifrigster Weise, und allezeit war er ein srruird- licher, z-uvvrkomnrender Berater und Führer, dessen man sich hier stets gern erinnern wird. «Auch dem „Gieß. Qlrrg“ hat der Verewigte sein Interesse mrb seine Förderung zuteil rorrben I affen. So hat er uns z. D. noch kurz vor feinem Hin .'-erden einen Artikel übermittelt, dem wir demnächst in unserer Beilage „Heimat im Bild" abdrucken werden. DaS Andenken an diesen trefflichen Mann wird auch bei unS in Ehren fort- leben. D. Red.)
Kreis Büdisrgen.
y. Aus der W e t t e r a u , 22. 3uli. Bis jetzt sind im Kreise Büdingen noch feine Deigeordnetenwahlen abgehalten M>r- ben, während dieselben im Kreise Schollen schon an mehreren Orten stattgefunden haben. ES Ware erwünscht, wenn diese bald erledigt würden, damit wieder Ruhe in manche Gemeinde einkehrt.
—— Ortenberg, 23. Juli. Unsere Wasserleitung zeigt in den letzten Jahren erhebliche M i st st ä n d e. In früheren Jahren stand ausreichend Wasser zu allen Zwecken zur Dersügung, jedermann konnte, wie man das bei einer Wasserleitung, wenn sie überhaupt ihren Zweck erfüllen soll, verlangen muß, sogar seinen Garten bewässern, was allerdings manche als einen überflüssigen Luxus anzusehen scheinen. Jetzt dagegen sind die Häuser in den oberen Stadtteilen bei heißem Wetter oft schon am frühen Morgen ohne jeden Tropfen Wasser, obwohl deren Bewohner zur Wassersteuer in gleicher Weise wie die übrige Bevölkerung herangezogen werden. Das ist natürlich auf die Dauer ein unhaltbarer Zustand, der bei eintretendem Brand zur direkten Katastrophe werden könnte. Denn bis zur Oeffnung der in solchem Fall wohl auch bald versiegenden Brandreserve könnte ein Brand schon furchtbare Folgen angerichtet haben, zumal das bei trockenem Wetter geringe Wasser der Nidder und des Stadtbrunnens nicht ausreichen würde. Es ist also nur zu wünschen, daß die die Verantwortung tragenden Behörden auf durchgreifende Weise für endgültige Abhilfe des schon jahrelang austretenden Mißstandes sorgen. Ob das auf dem Weg von anzubringenden Wassermessern für alle Abnehmer oder durch Abstellung des Wassers zu bestimmten Stunden, besonders des Nachts (auch hier denke man aber an Feuersgefahr) ober durch eine andere Zuteilung des Wassers in den verschiedenen Gemeinden seitens der Gruppenoersor- g u n g (manche Gemeinden sollen soviel Wasser haben, daß es überfließt) oder durch eine Erweiterung der ganjen Leitung bzw. der Behälter geschieht, ist Sache der zuständigen sachverständigen Behörden. Das beste ist wohl der letztere Weg, der in verschiedenen oberyessischen Städtchen in der letzten Zeit mit Erfolg und zur allgemeinen Zufriedenheit beschritten worden ist. Dann ist Wasser für alle und für alle Zwecke da, wie man das von einer richtigen Wasserleitung, die ihren Zweck vollauf erfüllen soll, unbedingt verlangen muß, dann könnte auch eine Versorgung aller Garteninhaber, die jetzt oft nur unter großer Mühe ihren Garten feucht halten können, mit Wasser versorgen.
Kreis Schotten.
O Schotten, 23. Juli. In der heutigen Sitzung des Kreisausschufses wurde die Dürgermeifterwahl von Herchen - Hain vom 14. Juni aufgehoben, da festgestellt worden ist, daß durch Trinkereien Wahlbeeinflussungen stattfanden. — Dm Sonntag wurde bei dem Landwirt und Müller Adam Schmidt n. dahier eingebrochen. Die Diebe hieben 200 Mk. mitgehen In der Dacht zum Donnerstag statteten Diebe dem Amtsgericht Schotten einen Besuch ab. Hier fiel die Ernte schlechter ans, denn nur 8 M7. fielen
ihnen in die Hände. — Durch das heiße Wetter hat das Getreide in den letzten Lagen sehr rasch gereift, und es ist mit dem Schnitt begonnen worden.
)—( Ruppertsburg, 22. Juli. Wie bereits früher mitgeteilr, wanderten im Februar 1772 zehn Ruvpertsburger Familien mit insgesamt 43 Personen als Siedler in die Gegend von B r i e g der von Friedrich dem Großen eroberten Provinz Schlesien. Ein Nachkommen der vielen Familien der Lehrer R. H u s s e l aus Breslau, weilte nun 14 Tage hier, um die Heimat seiner Ahnen kennen zu lernen. Als Zeichen des Dankes für die Anhäna- lichkeit und Liebe zur alten Heimat und als Abschiedsgruß brachten ihm am Montagabend der Männergefangoerein und der P s saune n ch o r ein Ständchen, dem ein großer Teil der Einwohner beiwohnte. Pfarrer D. Fritsch gab in einer Ansprache seiner Freude über den Besuch Ausdruck und dankte im Namen der Gemeinde. Der Scheidende erwiderte, sichtlich gerührt, mit herzlichen Worten, pries die Schönheiten unserer Heimat und rühmte den freundlichen Empfang, den er bei der hiesigen Bevölkerung gesunden habe.
Kreis Alsfeld.
*1* Merlau, 22. Juli. Bei einem Gewitter, daS gestern über unferm Dorfe niederging und ausgiebigen Degen brachte, schlug der Blitz in einen Kvrnhaufen unweit des Ortes und setzte ihn in Brand. Eine Warnung, bei Gewittern nicht in Kornhaufen Schutz zu suchen. Die Ernte des Getreides hat bereits in der vorigen Woche begonnen und verspricht einen reichen Ertrag. Die Beerenernte ist in diesem Jahre sehr reichlich ausgefallen, und es sind sehr viele Beeren aus den Wäldern geholt worden. Zum Wachstum der später zu erntenden Früchte bedürfte der Boden allerdings größerer Feuchtigkeit, wenn auch ein Landregen den Bauern jetzt in der Zeit der Getreideernte nicht gerade erwünscht wäre.
Starkenburg und Rheinhessen.
fpb. Offenbach, 23. Juli. Auf Antrag der hiesigen Ortskrankenkasse wurde über ein Offenbacher Fabrik - Unternehmen Konkurs eröffnet. Die Kasse hatte dem Fabrikbesitzer viele tausend Mark Kranken- kasfenbeiträge lange Zeit geftunbet, die der Mann bereits von seinen Arbeitern eingezogen, aber in seinem Betrieb verbraucht hatt. Auch die Steuer ft eile ist in den Konkurs mit erheblichen Summen verwickelt, die sie dem Unternehmen stundete. Beide Behörden dürften bei dem Konkurs leer ausgehen. — Bei einer Bootsfahrt zwischen Bürgel und Offenbach kenterte der Kahn und die beiden Insassen, die Brüder Hoppen st ädt aus Offenbach, fielen ins Wasser. Während der eine Bruder sich retten konnte, ertrank der andere. Die Leiche konnte noch nicht geborgen werden.
Hessen-Nassau.
]( Marburg, 23. Juli. Die Marburger Studentenschaft ehrte heute abend den scheidenden Rektor der Universität, Kons.-Rat Prof. D. Bornhäuser, durch einen Fackelzug. — Am Dienstag wurde in der Nähe der Schlachthofbrücke der 79 Jahre alte frühere Molkereibesitzer Hermann Fink, ein sehr schwerhöriger Mann, von einem Wagen der Straßenbahn umgerannt. Er zog sich einen Schädelbruch zu, der gestern seinen Tod herbeiführie. Den Führer der Sttaßenbahn, der unablässig Zeichen gegeben und der gerade den Wagen stellen wollte, trifft keine Schuld.
bl. Dillenburg, 23. Juli. Die Erwerbs- l o s e n 3 i f f e r für den Dillkreis beträgt neuerdings rund 30 Personen einschl. Zuschlagsempfängern. Gegenüber den Vormonaten ist eine b e - trächtliche Senkung eingetreten.
Frankfurt a. M., 23. Juli. In den letzten Nächten wurden hier mehrere sehr schwere Wohnungseinbrüche in Abwesenheit der Inhaber verübt. In der Hauptsache fielen den Ein- brechern Geld, Schmuckstücke von bedeutendem Wert, Wäsche, Kleider und mehrere kostbare Geigen in die Hände. Don den Tätern fehlt bis zur Stunde jede Spur.
fpb. Hanau, 23. Juli. Auf der Fahrt von Hanau nach Fechenheim explodierte der Motor eines Lastkraftwagens und geriet in Brand. In wenigen Augenblicken stand auch das Auto in Flammen. Die Insassen eines vor- überkommenden Kraftwagens retteten den Führer vor dem Derbrenmmgstode. Die Dörningheimer Feuerwehr konnte ihre Tätigkeit nur a auf den Schutz eines schwer bedrohten Kornfeldes beschränken.
fpb. Kassel, 23. Juli. Heber das Waldecker Land zogen in den letzten Tagen schwere Gewitter, die vielfachen Schaden anrichteten. Bei Sachsenhausen schlug der Blitz in eine Sdjaf- Herde und tötete 36 Tiere. — In der Nähe der Edertalsperre wurden zwei Wände- r e r, die vor dem Gewitter unter einem Baum Schutz gesucht hatten, getroffen und getötet.
Wirtschaft.
Sanierunysmatznahmen im Ruhrbergbau.
(Bon unserem Essener Mitarbeiter.)
Die Lage im Duhrgebiet hat sich in den letzten Wochen weiter verschlechtert. Die deutsche Kohlenausfuhr ist zwar seit einiger Zeit nicht unbeträchtlich höher als die Kohleneinfuhr; diese Ausfuhrsteigerung konnte jedoch nur durch erhebliche Preisermäßigungen erkauft werben, so daß man den beim AuSlandverkauf entstehenden Verlust auf 4 Mk. je Tonne veranschlagen kann. Der Jnlandabsah ist nach wie vor schlecht. Man kann schätzen, daß die derzeitige Produktion auf das Jahr umgerechnet ca. 15 Millionen Tonnen hoher ist als der Verbrauch: wahrend die arbeitstägliche Forderung gegenüber der Friedenszeit im ersten Halbjahr 1925 nur um knapp 9 Prozent zurückgegangen ist, betrug der Rückgang im Kohlenverbrauch je Kopf der Bevölkerung ca. 15 Prozent. Der vom Weltmarkt kommende Druck ist nach wie vor sehr stark: man kann schätzen, daß zur Zeit die Weltkohlenförderung auf das Jähr berechnet rund 250 Millionen Tonnen höher ist als der Verbrauch. Reben den Absatzsorgen bestehen drückende finanzielle Sorgen. Je nach der Höhe der kommunalen Steuern entfällt z. B. auf die Tonne Kohle eine Steuerlast bis zur 1,70 Mk. Bei einer großen Zeche machten die Steuern 1913 23,4 Prozent vom Gewinn aus, 1924 dagegen nicht weniger als 764,4 Prozent vom DetriebSüberschuh. Die Kohlenfrachten sind nach wie vor hoch: sie liegen ungefähr 170 Prozent über Frieden; nicht zuletzt deswegen ist die Konkurrenzfähigkeit der Ruhrkohle zurückgegangen bis zur Linie Hamburg, Braunschweig, München, Würzburg, während sie früher bis nach Berlin ging. Die Belastung der Förderung mit Löhnen und sozialen Aufwendungen ist ebenfalls sehr stark. Man kann rechnen, daß jetzt auf die Tonne Förderung ein Lohn- und Ge- haltSanteil von 8,80 Mk. kommt gegen 6,30 Mk. früher. Die soziale Belastung beträgt ca. 2.10 Mark je Tonne gegenüber 70 bis 80 Pf. in der Vorkriegszeit.
Eine Belebung des Ruhrkohlenmarktes ist nur herbeiHusühren durch eine erhebliche Preisermäßigung. Ohne Selbstkostenabbau ist dieS aber nicht möglich: wenn man den realen Verkaufswert der Kohle 1913 gleich 100 setzt, so betragen die
Fräulein Fob.
Roman von Anders Eje.
_29. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Für die verblüffte Kammerjungfer, war die r Situation recht peinlich geDorden. Denn die fremde Dame trat gerade jetzt aus ihrem Versteck in der Rühe hervor. Sie stand ein paar Schritte hinter Fob und halte jedes der gewechselten Worte vernommen.
Jetzt schlich sie sich lautlos und rasch vorwärts, schlug zum Entsetzen der Kammecjungfer beide Arme um FobS Hals, verdeckte ihr mit den Händen die Augen und sagte:
„Rate, wer ist'»?"
Fob zuckte zusammen, dann machte sie sich langsam los und fuhr sich über die Augen, als ob sie einen Traum wegwischen wollte. Dann wandte sie sich um und sagte mit einem fast stnnesverwirrlen Ausdruck in den Augen:
„Sabbyll"
„3a, Fob. Es ist Gabbh, und niemand anderer, obwohl ich verstehe, daß du ei schwer glauben kannst I Gott weiß übrigens, daß eS auch nicht leicht war, dich zu finden. Aber jetzt bin ich hier, tatsächlich und unleugbar."
„@«561), eS ist nicht möglich, man kann doch nicht an das absolut Anmögliche glauben .....“
Zwischen heftigen Stimmungen hin und her geworfen, kämpf.e Fob mit den Tränen. Gabbh 'egte beide Hände auf Fobt Schultern und sagte, 'rit glänzenden Auge.«, aber mit einem heimlichen 3rnft in dec Stimme:
„Fob, wenn du nicht augenblicklich alles zu- lidnimmft, was du eben gesagt hast, und um Verzeihung bittest, geschieht ein schreckliches iln- lückl"
Die Situation klärte sich sehr rasch. Die eiben jungen Damen machen eine erste Wanbc- .ing über den Hof, sie war ebenso ziellos und erumirrenö wie ihr Gespräch. Fob sagte zu abbi), daß ihr eine ganze Reihe von Zimmern :r Verfügung stehe:
„Sieh du, dort oben sind fiel"
X.
Eine Begegnung im Walde.
Herr Fellips hatte tatsächlich einen ausge- ,eiu e en Geschmack bewiesen, als er Warminge
zu seiner Residenz wählte. Für ein paar junge glückliche Menschen könnte man sich kaum eine vornehmere, einladendere, idyllischere und romantischere Zuflucht denken, fern allen unbefugten Augen und dem ermüdeten Trott der Welt, dem die Glücklichen mit Recht entfliehen dürfen.
Sehen wir, waS der Dädeker des Landes über Warminge schreibt:
„Mit den alten aristokratischen Herrensitzen ist es übel bestellt. WaS nicht von Rost und Motten zerfressen wurde, wurde von gottlosen Menschen geplündert und geleert. Die Maschine, der Herrgott der Jahrhunderts, schreitet blindlings vorwärts wie eine Lawine und reiht mit ihren Eisenarmen, ihrer seelenlosen, unbändigen Kraft nieder, waS liebevolle Hände auferbaut haben, unersetzliche Erinnerungen an eine Zeit, in der die Menschen größer und weiter dachten als jetzt, in der man naiv, brutal und romantisch war, unserer Auffassung nach primitiv, aber in dieser Primitivität tiefer und reifer als dieS spätgeborene Geschlecht, daS seine Seele für die brennende Jagd nach leeren Götzenbildern verkauft hat.
Warminge ist es durch eine der kleinen Launen deS Schicksal» erspart geblieben, in der großen Mühle zerrieben zu werden. Vornehm, jeder Slein noch unberührt, liegt eS da, wie seit Jahrhunderten, dem Sturm der Zeiten trotzend. Das Schloß ist uralt, niemand weiß, wann und von wem es erbaut wurde. Aber die ganze Architektur, vor allem Graben und Zugbrücke, die noch erhallen sind, weisen daraus, daß mindestens der Grundstein schon im frühen Mittel- alter ge egt wurde. Der aller Wahrscheinlichkett nach älteste Teil besteht aus einem nach unseren Begriffen sehr kleinen und kompakten Hauptgebäude mit zwei Türmen, einem nach Osten und einem nach Westen. Die gelbbeworfene Fassade zeigt die beruhigende Flächenarchitektur alter Zeiten mit drei Reihen Fenstern, die weiten Llbstand voneinander haben. Diese Seite geht gegen daS Meer hinaus. Der Platz vor ihm wurde in eine Terrasse in mehreren Absätzen verwandelt. Wenn man dort steht, bietet sich dem Besucher eine weitreichende herrliche Aussicht.
Die andere Seite, die einmal gewiß die Rückseile war, wurde aus praktischen Gründen
für den Haupteingang verwendet. Der Bauherr einer späteren Zeit — aber doch noch einer von denen, die das Gefühl für Stil und Tradition nicht verloren hatten, hat hier zwei lange Flügel mit größeren und helleren Zimmern als im Mittelkomplex angefügt. Zwischen ihnen liegt die große Aufgangstreppe, flankiert' von mächtigen sechskantigen Säulen, die von wildem Wein und wilden Rosen von oben bis unten überwuchert sind."
Das war also das stattliche Heim, in dem Gabbh ihre liebe verschollene Fob endlich wiedergefunden hatte, aber es schien keineswegs ein Heim deS Glückes zu sein, — eher das Gegenteil.
Es ist ein sonnenfunkelnder, kühler Spätsommermorgen. Gabbh geht auf eigene Faust umher und inspiziert. Sie öffnet Türen zu altertümlichen, geheimnisvollen Kammern, reiht die Fenster auf und genießt entzückende Aussichten. Sie denkt, ironisch lächelnd, an eine alte Legende, die mit diesem Schloß verbunden ist: von einer Jungfrau, die einmal von einem Ritter Blaubart im westlichen Turm gefangen gehalten wurde. Sie denkt, daß das Schloß vielleicht auch ein Geheimnis jüngeren Datums birgt, ein Geheimnis, zu dessen Erforschung sie eigens hierher- gekommen war. Auf ihrer Wanderung durch einen der Flügel des Schlosses begegnet sie einer vergilbten, dürren Spukgestalt. Sie hat von diesem alten Möbel schon gehört, es ist Mamsell Rafaela. Sie hat schon unter fünf Besitzern dieses Schlosses gedient, und niemand von den Lebenden weiß, wann sie eigentlich hierhergekommen ist. Das vertrocknete, durchfurchte hexenartige Gesicht läßt das Alter der Mamsell Rafaela schwer erraten. Sie kann ebensogut einhundert wie zweihundert Jahre alt fein.
Gabbh grüßt das alte Weiblein und will im schmalen Korridor an ihr vorüber. Mamsell Rafaela aber bleibt stehen, faltet die dünnen Hände mit den klauenartigen Fingern über dem Schoß und mißt Gabbh mit durchdringenden Blicken unter den weißen Augenbrauen.
„Warum ist daS junge Fräulein hierher- gefommen?" sagt sie langsam mit einer Stimme, die von einer ganz anderen Richtung zu kommen scheint.
Gabbh antwortet dec Wahrheit gemäß, daß sie gekommen fei, um Frau Fellips, ihre beste
Freundin, zu besuchen. Mamsell Rafaela scheint sich um diese Antwort gar nicht zu kümmern. Sie legt ihre kalte, vertrocknete Hand auf GabbyS Arm und sagt langsam und bedeutungsvoll:
„DaS junge Fräulein ist ein Kind der Zeit und will das nicht glauben, waS alte Leute wissen. Aber es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, das den Richtwissenben nicht offenbar wird. Ich habe viel gesehen und gehört."
„Was meint Mamsell Rafaela?"
„Das Blut, das ruft, die Tränen, die nie trocknen, sehen Sie die, (Sie Kind eines törichten Geschlechts? Olein, Sie sehen sie nicht, älnd Sie hören auch nicht die Stimmen, die in der Rächt flüstern, Sie merlcn auch nicht, wie in der Mitternachtsstunde die Körper von Menschen, die nicht sterben können, um den Turm schleichen und Anglück und Tod verkünden."
Die Alte leidet an dementia senilis, dachte sich Gabbh, aber eS war ihr nicht ganz behaglich zumute.
Die Alte trat noch näher heran und preßte Gabbys Arm mit ihren sehnigen Klauen. Sie fuhr fort:
„Weiß das Fräulein nicht, daß Schloß Warminge feit urdenklrchen Zeiten verwünscht ist? Wissen Sie nicht,- daß zwischen den Dachbalken alle bösen Geister deS Todes und deS älnhcils ihren Sitz haben? Sie schlafen niemals, sie begeben sich nie zur Ruhe. Sie peinigen, quälen und vernichten jeden, der unter dies Dach tritt. Keiner hat jemals diese» HauS verlassen, ohne Tranen oder Blut zu vergießen."
Mamsell Rafaela hielt einen Augenblick inne, als ob sie die Wirkung ihrer Worte beobachten wolle. Dann fuhr sie mit lauter Stimme fort, in die sie einen Ton der Ueberreöung legte:
„DaS junge Fräulein soll den Rat einer alten klugen Frau befolgen: packen Sie Ihre Sachen und machen Sie sich fort über alle Berge, bevor die Schatten der Derbli henen in der Rächt ihren Danse macabre an treten. Morgen kann es schon zu spät fein. Einen weisen Rat soll man befolgen, sagten die Alten. Die J.gend ist halsstarrig und unwissend. Aber S.e werden dahinter kommen, schönes, junge» Fräulein, daß die Mamsell Rafaela nicht ohne Grund gewarnt hat."
(Sortierung folgt.)
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