M. 20 Erster Blatt
175. Jahrgang
Samstag, Januar 1925
(ErMjetnt täglich, aufoer Smuu unb Feien»,«.
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An die Arbeit.
Die Iteglenmaeerfiarurtg deS Kabinetts Luther hat der Reichstag mit großer Mehrheit gebilligt. Zweier Rednergarnituren bedurfte eS a fier Ding» erst jur Stellungnahme der Parteien. ReueS brachte die mehrtägige Redeschlacht nicht allzuviel. 3m Grunde konnte auch der erbittertste OppositumSrebner — Ruth Fischer, die Moskowiterin, natürlich ausgenommen — dem Regierung-Programm nur zustimmen. Fortsetzung der politischen Linie des Kabinetts Marx, dem konnte sich auch Herr 2 reit scheid nicht verschließen. Wenn er trotzdem schärfste Opposition der Sozialdemokratie gegen das „reaktionäre" und „monarchistische" Kabinett ankündigte, so spricht daraus lediglich daS grenzenlose Mih- Irauen, daS die Sozialdemokratie und ihre bürgerlichen Freunde den Männern des Kabinetts . Luther entgegenbringen. Zur Begründung ihrer Ausstellung wurden dann aus Mangel an sachlichen Einwänden neben den altbewährten Schlagworten von der „gefährdeten Republik" und dem .Mißfallen deS Auslandes" über einen Rechtskurs, recht kümmerlich ausfallende Versuche gemacht, aus der politischen Vorgeschichte einzelner neuer Minister etwas Anstößiges oder gar Ttaatsgesährliches hervorzusuchen. Es hat den Herrschaften bei dieser Schnüffelei sichtlich schwer gehalten, etwas herauszukramen, womit sie sich im Parlament sehen lassen konnten. So mußte die erschreckliche Tatsache, daß Herr von Schließen, der neue Finanzminister, Ehrenritter des Iohanniterordens — bekanntlich eine ausgesprochen charitative Adelsgemeinschaft — ist, dazu herhalten, diesen um das finanzielle Sanierungswerk hochverdienten Staatsmann als rechublikfelndlich zu verdächtigen. Vei seinem Kollegen R e u h a u s sollte der nicht geleistete Ver- sassungseid gleichen Zwecken dienen, wobei die Feststellung des Kanzlers für die Opposition einigermaßen peinlich war, daß der demokratische Handelsminister F i s ch b e ck den damals unentbehrlichen Ministerialdirektor von der Eidesleistung entbunden hat. Kurzum, diese Mätzchen sind schwerlich dazu angetan, die neuen Minister, die sich für die Arbeit zum Wohl des Dolle« zur Verfügung gestellt haben, in den Augen ruhig wägender Männer aller Parteirichtungen zu diskreditieren. Wenn die Sozialisten ihre Aufgabe als Opposition in derart kleinlichen und engstirnigen Röraeleien erschöpft sehen, dann ist allerdings von ihnen an positiver Mitarbeit an den großen Fragen, die den Reichstag schon in allernächster Zeit beschäftigen werden, nicht allzuviel zu erwarten.
Die bürgerliche Linke scheint die bedeutsame Dolle, die einer großen Oppofitionsgriippe im parlamentarischen System zugedacht ist, besser erfaßt zu haben. Die Demokraten werden für die Außenpolitik des Reichskanzlers zu haben lein. Daß die Fraktion darauf verzichtete, gegen bas Kabinett zu stimmen, wird ihr zwar von ihrer Großstadtpresse schwer verdacht, von ihren Parteifreunden im Lande hingegen wohl nur gedankt werden.
Kuhl und zurückhaltend war die Wort für Wort sorgsam abgewogene Erklärung des Zentrums. Oie es seinem linken Flügel ermöglichen sollte, der Villigungsformel für Luther zuzustimmen. Das ist denn auch geschehen. Rgr ein kleines Grüpplein, darunter die durch den Darmatskantal kompromittierten Abgeordneten, blieben der Abstimmung fern. Zwei Unentwegte. Wirth und der Gewerkschaftler 3 mbusch. stimmten mit den Sozialisten gegen die Regierung. Mit dieser offenkundigen Riederlage seines linkem Flügels scheint ,das Zentrum die innere Krise zu einem guten Teil überwunden zu haben.
3n gemeinsamer Arbeit wird es nun Aufgabe des Kanzlers sein, die Parteien, die heute noch mit allem Vorbehalt hinter ihm stehen, einander zu nähern und zu einer zuverlässigen parlamentarischen MehrhKt zusamm->nzuschweißen. .Rach ihren Taten werden wir die Regierung beurteilen!" so tönte es aus aller Munde dem Kanzler entgegen, als er für sein riesenhaftes Programm die V'lliaung des Reichstages erbat Taten erwartet auch das deutsch: Volk vom Kanzler, den es als einen harten, willenskräftigen THamt achten gelernt hat. wenn es galt, etwas durchtusetzen. was er für richtig gehalten hat Und durchzusetzen gibt es übergenug, inner- wie außenpolitisch, das hat schm die Reat?rmtgserkla- rung zwar nur in kurzen Stichvorien. aber diese in erdrückender Fülle, aufgezeigt. Der Rahmen, den Dr. Luther sich gesteckt hat. ist ungeheuer, er bietet Raum für jahrelange Arbeit, mi: deren Ableistung das Kabinett am einwandfr'testen den Rachweis seiner von der Linken so vielfach ange» gweifelten Existenzberechtigung erbringen kann. Deshalb tut der Reichstag klug daran, wenn er sich in unfruchtbarer, nörgelnder Kritik größte Zurückhaltung auferlegt und dem Kabinett einmal Zeit läßt, zu zeigen, was es leisten kann.
Außenpolitisch wird Dr. Stresentann in dem Kampf um die Kölner Zone und die R u h r» räumung das ganze Haus und das ganze deutsche Volk hinter sich haben. 3n der Ent ° wafsnungsfrage erwartet Deutschland den Echlußbericht der Generalinspektivn und dir detaillierten Beschwerden der Entente, die man uns bislang vorenthalten hat. um durch die Feststellung einer Vertragsverletzung in Bausch und Bogen einen Vorwand für die Richträumung der Kötner Zone zu haben. Breit- scheids schamlose Denunziationen, deren 3a- halt den Ententeregierungen seil langem amtlich befannlq-'geben sind, werden der chauvinistischen Presse in Paris und London natürlich neues Wasser auf ihre Mühlen sein und dafür dienen, das Märchen vom waffenstarrenden Deutschland erneut in alle Welt hinauszupo-
Der Sturz des Kabinetts Braun.
Die Abftimmut.gskomödie im Landtag. — Keine Mehrheit für Braun. Rücktritt des Kabinetts.
Die Weimarer Koalition hat das verzweifelte Spiel, das sie in Preußen spielen wollte, verloren. Darüber kann ein Zweifel nicht sein, auch wenn sie es mit Hilfe eines par> teiischen Präsidenten vermieden hat, daß der Zusammenbruch ihrer Hoffnungen und der Zusammenbruch des ganzen Kabinetts in öffentlicher LandtagssiYung sich vollzog. Wohl selten ist in der Politik soviel mit Beeinflussung, Drohung und Fälschung gearbeitet worden, tote in den letzten Tagen in Preußen. Die Dinge lagen doch ganz klar. Die Oppositionsparteien der Rechten hatten die Verfassungsmäßigkeit der Regierung bezweifelt mit der Begründung, daß nach einer 3nterpretation der Verfassung jeder neue Landtag auch eine neue Regierung zu wählen hat. Dieser Meinung haben Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten widersprochen. Die Deutsche Vollspartei wollte auf dem Wege einer Abstimmung darüber Klarheit schaffen, die Regierungsparteien aber haben es verstanden, sich um diese Entscheidung herumzubrücten, indem sie diesen Antrag an den Geschäftsord- nungsausschuß schickten, wo er erst einmal bis zum 2. Februar ablagert, aber früher oder später doch einmal an das Plenum zurückkommen muh. weil die Deutsche Vollspartei sich mit einem derartigen Begräbnis ihrer Forderungen nicht einverstanden erklären kann.
3nsoweit also war der Angriff der Deutschen Volkspartei abgeschlagen. Aber am Schluß einer politischen Aussprache muh irgend ei ne Abstimmung erfolgen. Der sozialdemokra- tische Ministerpräsident Braun hatte am ersten Tage der Aussprache den Mund sehr voll genommen und erklärt, daß er ein Vertrauensvotum des Landtags verlangen würde. Seine eigene Partei hat aber dann Angst vor dieser Kurage bekommest und die unmißverständlichen Worte dahin umgedeutet, daß auch die Ablehnung eines Vertrauensvotums die Zustimmung zur Regierungs erklärung bedeuten müßte. Das hat natürlich seinen guten Grund, denn nach Art. 57 Abs. 5 der Verfassung bedarf ein Mißtrauensvotum, durch das eine bestehende Regierung gestürzt werden soll, der Zustimmung der Hälfte aller überhaupt gewählten Abgeordneten.
Da nun die Kräfteverteilung in Preußen so ist. daß Zentrum. Demotraten und Sozialdemokraten zusammen 223 Stimmen haben, die anderen Parteien aber zusammen 227, so muh es als ausgeschlossen gelten, daß die erforderliche Mindestzc.hl sü. ein Mißtrauensvotum im verfassungsmäßigen Sinne (das wären 225 Stimmen) zusammenzubetommen wäre. Darauf baute sich die Rechnung der Sozialdemokraten auf, die fest entschlossen waren, weiter §u regieren, auch wenn das Mißtrauensvotum rein zahlenmäßig angenommen werden sollte, wobei sie sich jedoch immer noch mit der Hoffnung trugen, daß ein glücklicher Zufall ihnen zu einer knappen Mehrheit in der Abstimmung selbst verhelfen würde. Darin haben sie sich allerdings getäuscht. Das Abgeordnetenhaus hat eine Besetzung ausgewiesen, wie wohl sehr selten ein Parlament. Es fehlten im ganzen Hause nur 8 Abgeordnete von 450. Alle Parteien hatten die letzten Reserven auf die Deine gebracht.
Und das Ergebnis über den kommunistischen Mihtrauensantrag — bei dem die Kommunisten selbst auf die Begründung verzichteten, also dadurch den rechtsstehenden Parteien die Zustimmung möglich machten — gebt dahin, daß zwar formell und verfassungstechnisch der Antrag mit 221 gegen 221 Stimmen, allo mit Stimmengleichheit, abgelehnt war. Gleichzeit g aber hätte daraus hervorgehen müssen, daß eine Regierung, nachdem sie die Kampfansage mehrerer großer Rechtsparteien erhalten hat. bci_ einer solchen Ausgeglichenheit der Ma chtver hüll niste einfach nicht weiter regieren kann. Diese Folgerung aber eben wollten die Sozialdemokraten nickt ziehen. Sie glaubten schon den Sieg in der Tasche zu haben, als das Mißtrauensvotum ab- gelehnt war und sahen nun auch der weiteren Abstimmung mit großer Zuversicht entgegen.
Da spielte ihnen ein sehr kluger, taktischer Schachzug der Deutschnationalen einen
bösen Streich. Der Ministerpräsident Braun hak nach dem Ausscheiden der volksparteilichen Minister das Kultusministerium und das Finanzminister selbst als Minister übernommen. wozu er al? Ministerpräsident berechtigt ist. 3n dieser Eigenschaft als Finanzminister und als Kultusminister hat er ein Vertrauensvotum des Landtags bisher überhaupt noch nicht bekommen. Rach dem Artikel 57 Abs. 1 der preußischen Verfassung bedarf aber der Ministerpräsident ebenso wie jeder andere Siaatsminister zur Führung der Geschäfte das Vertrauen des Landtages. Die Deutschnationalen folgerten infolgede sen sehr richtig, daß zwar das Kabinett im ganzen, wenn die versassungs- rechtliche Deduktion der Regierungsparteien richtig wäre, der Ges amtrückt ri tt des Kabi- netts nur erzwungen werden könnte, falls m e h r als 225 Stimmen für ein Mißtrauensvotum abgegeben wären, daß dagegen Herr Braun als Fi n a n z m in i st e r und Kultusminister schon mit einer einfachen Mehrheic erledigt sein muhte, weil er als Leiter dieser beiden Ressorts bisher überhaicht noch Lein Vertrauensvotum bekommen hat, in diesem Fall aber die einfache Mehrheit genüge.
älnd es zeigte sich, dah die Kalkulatron richtig war. Einige Mstgl eder des Zentrums haben sich doch' gescheut. Herrn Braun als Kultusminister ein Vertrauensvotum ane'Gn- speechen. Er hat infolgedessen in letzter Frage als Kultusminister, als Finanzminister und als Ministerpräsident zusammen mit den beiden anderen sozialdemokratischen Ministern ein Mißtrauensvotum erhallen, das jeweils m t t einer Mehrheit von drei stimmen angenommen wurde.
Die logische Folge mußte der Rücktrltt dieser mit einem Mißtrauensvotum bedachten Minister fein. Der sozialdemokratische Landtagspräll- dent Bartels aber versuchte, seinen Freunden aus der Verlegenheit zu Helsen, indem er erklärte, daß für sie alle die Ausnahme des Absatzes 5 des besagten Artikels gelte, daß daher alle diese Mißtrauensvoten, obwohl sie angenommen wären, nicht a l s vollwertig anerkannt werden könnten, da ihnen die erforderliche Zahl von 225 feF>ft. Die Parteien der rechten Opvosition haben sich dem nicht gefügt, sondern erklärt, daß sie ihre Konsequenzen daraus ziehen müßten. Der Ausgang war dann ein Sathrspiel: Die Regierungsparteien wagten es überhaupt nicht, die Abstimmung über das ironischerweis? von rechts her beantragte Vertrauensvotum zuzulassen und entzogen sich der Katastrophe durch schleunige Flucht, wodurch sie die Beschluß- Unfähigkeit des Hauses herber ührten und eine Vertagung bis zum 2. Februar erzwangen. Aber sie konnten dadurch nichts mehr daran ändern, daß das Schicksal des Kabinetts Braun und damit der Rumpfkoalition in Preußen besiegelt ist.
Sitzungsbericht.
Berlin, 23. 3an. Haus und Tribünen sind stark beseht. Päsidenl Bartels eröffnet die Sitzung um 12.25 älhr. Auf der Tagesordnung steht zunächst der Antrag der Kommunisten zur Gewährung weitgehender Amnestie.
Die Beratung wird unterbrochen zur Vornahme der Abstimmung über die für 1 Uhr auf die Tagesordnung gefetzten Vertrauen s- bezw. Mihtrauensanträge
Abgestimmt wird zunächst über den fern» munistischen Antrag: „Das S-aatsmini- sterium" besitzt nicht das Vertrauen des Landtags. Dem Antrag ist eine längere Begründung beigegeben.
Für den Mißtrauensantrag stimmten die Kommunisten, die Deutschnationalen, die Deutsche Volksdartci, die Rationalsozialisten unb die Wirtschaftliche Vereinigung. Dagegen stimmten die Sozialdemokraten, die Demokraten und daS Zentrum. Es wurden insgesamt 442 Stimmen abgegeben, davon mit 3a 221, mit Rein 221 Stimmen. Der Antrag hat also nicht die erforderliche Mehrheit, ist also abgelehnt.
Es folgt dann die namentliche Abstimmung über den deutschnationalen Antrag, der den Ministern Braun. Severing und Si e- ring das Vertrauen entzieht. Die Abstimmung übet die einzelnen M nistet wird getrennt. Es wird zunächst abgestimmt über den
Kultusminister Braun. Es schlieHen s:ch daran an die Abstimmungen über den Finanz- miniflcr Braun, den Ministerpräsidenten Braun, den CVnnenminiftcr Se v e» ring und den Handelsminister S l c r i n g.
Die Abstimmung über den Kultusminister Braun ergibt 220 Stimmen mit 3a, 217 mit Rein. Das Ergebnis wird von der Rechten mit stürmischem Beifall anfgenvmmen. Präsident DartelS erflärt den Antrag für abgelehnt, da die Mehrheit bei 450 Sand- tagsabgeordneten 226 betragen müsse. An dieser Mehrheit fehlen also sechs Stimmen. Don der Reckten wurde gegen diese Auslegung stürmischer Widerspruch erhoben.
Das Haus nahm beim die namentliche Abstimmung über die Entziehung des Vertrauens gegenüber Braun als Finanzminister vor. Die Abstimmung hat das Ergebnis. daß 221 Stimmen mit 3 a und 218 mit Rein abgegeben wurden.
Der Präsident trifft dieselbe Feststellung wie bei der vorigen Abstimmung, daß auch hier nicht die verfassungsmäßige Mehrheit der gesetzlichen Mitgliederzahl er- reicht worden fei.
3n einer Abstimmung erledigte sodann bas Haus den Mihtrauensantrag gegen Ministerpräsident Braun. Minister deS Innern Severing und Handelsminister Siering. Abgegeben wurden 439 Stimmen. Für den Mihtrauensantrag stimmten 221. dagegen 218.
Präsident Bartels erklärt den Antrag für angenommen, hebt aber toieber hervor, daß d i e verfassungsmäßige Mehrheit nicht erreicht fei. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen bei den Sozialdemokraten. Don einem kommunistischen Abgeordneten wird unter schallender Heiterkeit der Rechten an dem Platze des Ministerpräsidenten Braun ein grüne« Kranz niedevgelegt.)
Abg Koch- Oynhausen (Dntl.) erklärt, ec erwarte bringend, daß das Kabinett
auS der Abstimmung die Konsequenzen mtt bet gebotenen Schnelligkeit ziehe»
toetbe.
Bei der Abstimmung über daS von den Rationalsozialisten und einem Teil der Deutsch- nationalen eingebrachte Vertrauensvotum erhärten die Regierungsparteien (Zentrum, Sozialdemokraten unb Demokraten), daß sie sich an der Abstimmung nicht beteiligen würden, da der Antrag eine Unaufrichtigkeit und Unwahrhaftigleit darstelle. 3n der Abstimmung wurden 223 Stimmen für den Antrag abgegeben. Präsident Bartels erklärte, daß seine und die Stimme eines Schriftführers nicht mitgezählt worden seien. Da zwei Stimmen an der notwendigen Anzahl von 225 fehlten, sei das Haus beschlußunfähig.
Aus der Rechten erhob sich bei dieser Verkündigung großer Lärm. Zwischen den Sozialdemokraten und den Kommmiisten drohte es zu einem Handgemenge zu kommen. Die Worte des Präsidenten, der die nächste Sitzung seststellte. gingen im allgemeinen Lärm verloren. Auch von den Tribünen hörte man lärmende Kundgebungen, worauf die Kommunisten antworteten. Als der Präsident nach Feststellung der Tagesordnung der nächsten Sitzung seinen Platz am Präsidententisch verlieh, stürzte der Abg. Pieck (Komm.) auf die Präsk- benlentribüne und riß die Glocke deS Präsidenten an sich und übernahm unter großem Beifall seiner Fraktion und ungeheurem Tumult den Vorsitz. Es wird ein Hoch auf die Dritte 3 n t e r n a 11 o n a l e ausgebracht, in das auch die Tribünenbesucher einstimmen.
Der Rücktrittsbeschluß.
Brauns Schreiben an den Landtag.
Berlin. 23. Ian. (WTD.) Wie auS par- lamentarischrn Kreisen verlautet, sind im Anschluß an die Plenarsitzung im Preußischen Land- tag daS Zentrum, die Demokraten und die Sozialdemokraten zu einer Inter» fraktionellen Sitzung zusammengetreten, <n der als Meinung der Mehrheit zum Ausdruck kam, daß das Kabinett Braun angesichts des Abstimmungsergebnisses zurücktreten solle. 3m Anschluß daran hat bas Kabinett lr einer Sitzung seinen Rücktritt beschlossen
saunen. Hier wird es aller Tatkraft des Außenministers und der Zusammenfassung aller nationalen Kräfte bedürfen. Deutschlands tatsächliche militärische Ohnmacht llarzustel'en unb se n Recht auf Erfüllung des Ertrag* zu erst reit en. Die Handelsvert agsverhandlungen vor allem mit Frankreich erfordern, wie in der Außenpolitischen Umschau" schon mehrfach betont wurde, mehr als bisher die ganze Au - merksamkeit des Kabinetts. Hier haben wir gegenüber den Vertrag s^anern eine starke Position, die wir nützen müssen.
Wird das Kabinett in diesen Fragen auch eine geschlossene Front hinter sich haben, so wird es doch bei der Behandlung der bringend der Lösung harrenden innerpolitiscken Probleme nicht ohne harte Kämpfe abgehen. Da
I ist vor allen Dingen die feit langem angekündigte Steuerreform, die der Stabilst erung unterer Staatssinanzen entsprechend unsere in schwerem
Daseinskampf ringende Wirtschaft von übermäfc.g hohem Steuerdruck befreit
Ferner bedarf es einer vernünftigen Lösung der Ar beit szeitf rage. Die Einführung der Achtstundenschicht bei den Hochöfen darch Kadi- nettsb^schl'. ß ist ein bedeutsames ©ntgegenronnn ~n nach der sozialpolitischen Seite hin. Andererseits bedeutet diese Maßnahme zweifellos eine Verteuerung eminent wichtiger Rohstoffe, bie lid) automatisch durch die gesamte von ihnen abhängige Produktion sortseht. Jedwede Sozialpol:t k ist nur durchführbar im Rahmen bellen, was die Wirtschaft tragen tann, ohne ihre Konkurrenzfähigkeit im Ausland einzubüßen Derrn ganz allein ein starker Export vermag uns aus internationaler Schuldknechtschaf! zu löfen und uns unse-' wi-stschastliche Freiheit wiederzugeben.
Schließlich braucht nur bas Wort Auswertung genannt zu werben, um einen ganzen Komplex von Problemen auftauchen zu
sehen, deren allseitig befnebigenbe Lösung, bk in der Dritten Steuernotverordnung mcht erzielt werden konnte, für die Gesundung beä Mittelstandes, auch heute noch bas Rückenmark unseres Volkskörpers. von grundlegender Bedeutung ist. Eine alte Forderung hat endlich noch bas Zentrum mit bem Reichsschul- geseh angemeldet, für bas es bei seinen altm Koalitionsfreunden zur ßtnlen feine Gegenliebe fand, um so mehr sich aber jetzt berechtigt glaubt, es im Rahmen der gegenwärtigen Regierungs- konstellation als Aequioalent für feinen Beitritt durchsetzen zu können.
Das deutsche Voll ist der Krisen satt, übersatt. Sammlung und Ruhe braucht es zur Teilung des wunden Volkskörpers, zum Wteber- aufbau im Innern, zur Verteidigung feiner letzten Rechte nach außen. Das soll ihm das Kabinett Luther bringen. Wer ihm dabei in den, Arm fällt, der wird das Voll gegen sich haben.'


