Ausgabe 
23.12.1925
 
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Nr. 300 Erstes Blatt

175. Jahrgang

Mittwoch, 23. Dezember 1925

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags

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GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Dr Fnedr Wilh. Lange. Dcraittwonlich.

für Politik und Feuilleton Dr. Friedl. Will). Lange; für den übrigen Teil Cr»st Blumschein: für den An­zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.

Der Rentenfrank.

Sie Ankündigung allein, daß franzö­sische Industrielle bereit seien, mit ihrem Kredit sich dem Staat zur Verfügung zu fteHen, hat genügt, um den Sturz des Franken aufzuhalten und die Kurse sogar wieder nach oben zu drehen; aber die Franzosen werden nicht naiv genug fein, zu glauben, daß derartige Morphiumspritzen für die öffentliche QHcinung allein schon ausreichen, um ein volkswirtschaft­liches Problem von so ungeahnter Tragweite, wie die Regulierung des Frankenkurses, zu lösen. Dazu sind die Bedingtheiten einer Währung viel zu verwickelt, als das; mit einem ein­zigen Wort oder einer Aussicht etwas geändert werden könnte. Gewiß, auch die Rentenmark war, währungstechnisch gesehen, nichts weiter als ein Stück Papier, das in den ersten Monaten sich nur halten konnte durch daS allgemeine Vertrauen und durch den gemeinsamen Willen, einen neuen Sturz zu verhindern, die Franzosen haben bisher noch nicht den Be­weis erbracht, daß sie aus unseren bitteren Er­fahrungen etwas gelernt haben. Denn die Vor­aussetzung dafür ist die Ausgleichung des Etats,'und das Kunststück haben sie vor der Hand noch nicht fertig gebracht, obwohl die Be­dingungen dafür bei ihnen, eben weil fte den Krieg gewonnen haben, sehr viel leichter sind, als bei uns.

Was bisher von den Plänen der französischen industriellen vorliegt, ist noch ziemlich nebelhaft. Sie scheinen darauf abkommen zu wollen, dah der Staat unter Garantie der Industrie eine große Auslandanleihe auflegt, die zehn bis zwölf Milliarden Franken ergeben soll, als Hypothek dafür bietet die französische Industrie ihren gesamten Delitz an. Zinsen und Amorti­sation sollen in eine brsondere Kasse überführt werdett, die gleichzeitig den Zweck hat, den Frcm- kenlurs zu regulieren und den ausländischen Gläubigern ihre Ansprüche zu garantieren. Das ist so weit sehr schön. Man muh aber doch auch einmal hinter die M o t i ve des ganzen Angebots sehen, rind da ist zu sagen, dah vorläufig nur die französische Textilindustrie dahinter steht; sie auch mit gutem Grunde, denn sie ist bei der bisherigen Entwicklung die Leidtragende gewesen, weil es ihr immer schwerer wird, die erforder­lichen Rohstoffe bei weichendem Frankenkurs in die Hand zu bekommen. Hinzu kommt was für und von besonderem Interesse ist, dah die nordfranzöMche Textilindustrie unter der elsah- lothringischen Konkurrenz stark leidet, die ihren Absatz jetzt in Frankreich selbst los werden muh. Die Schwerindustrie Frankreichs macht zwar glänzende Geschäfte, für Ne ist das langsame Abrutschen des Franken ein Mittel zum Dum­ping, das ihr in manchen Staaten geradezu eine Monopolstellung sichert, weil Länder mit fester Währung dagegen gar nicht konkurrieren können. Dah diese E:wirmc nur Schein gewinne sind, zeigt ein Blick auf die französische Exportstatistik, die zwar mengenmäßig eine starke Steigerung des Exports aufwrist, auf Goldfranken umgerechnet dagegen immer ge. innere Zahlen aufweist, woraus sich ergibt, dah der Ausverkauf der französischen Substanz bereits begonnen hat und dah die Fran­zosen, ebenso wie wir, schon im Begriffe sind, sichtot zu verdienen".

Es ist deshalb auch noch einigermaßen zweifel- hasl, ob die Gesamtindustrie, wie erforderlich wäre, den Gedanlen der notleidenden Textilfabrikation aufgreist. Die Sozialisteit haben in der Kammer einen sehr geschickten Schachzug gemacht, indem sie die Verallgemeinerung der Jndustricgaran- tie forderten, um auf diesem Umwege doch eine Art Kapitalsabgabe zu erzwingen. Fragt sich nur, wie die Dinge 'weitergehen. Das französische Parlament Hot bisher geglaubt, cs genüge, um den Franken zu halten, wenn es die Finanzminiftcr der Reihe nach füllen ließe. Drei Finanzminisler in einem Viertel­jahr, das ist mehr,als selbst der beste Parlamentärs- mus auf die Dauer vertragen kann. Zumal, wenn darunter Persönlichkeiten wie Caillaux und L o u ch e u r sich befinden, die vielleicht die stärksten Prägungen praktischer Finanzwissenschaft darstellen. Und auch Herr D o u in e r ist noch nicht über den Berg: es wäre zwar töricht, jetzt schon von seinem Rücktritt zu sprechen, denn er wird sich, ehe er sein dornenvolles Ami iibernahm, mit Briand über die einfachsten Voraussetzungen seiner Arbeiten geeinigt haben. Fragt sich aber immer noch, was Kammer und Senat zu seinen Plänen sagen, zumal, da mit der Finanzpolitik die Ansätze einer beginnenden Neuorientierung der gesamten französischen Innenpolitik nach rechts hin verbunden sind. Deshalb bleibt der französische Franken nach wie vor notleidend. Sie können uns zwar den Namen der Rentenmark absehen und einen Remenfranken schaffen, ob sie aber die Energie aufbringen, auf Kosten des militärischen Imperialismus und auf Kosten des (Größenwahns ihre 'Ausgaben so zu be­schneiden, daß der Staatshaushalt ins Gleichgewicht kommt, ist noch sehr zweifelhaft. Und solange das nicht geschieht, ist alles Herumexperimentieren an der Währung ein Versuch mit untauglichen Mitteln.

ZochverratLprozeb gegen einen kommunistischen Parteisekretär.

Leipzig. 22. Dez. (WB.) Vor dem vierten Strafsenat des Reichsgerichts hat ein Hochver­ratsprozeh gegen den kommunistischen Partei­sekretär Ernst Wollweber aus Kassel be­gonnen. der sich wegen Beihilfe zum Hochverrat und wegen Vergehens gegen das Republikschutz- gefetz zu verantworten hat. Ihm wird zur Last gelegt, 1923 und 1924 im Bezirk Hessen sowie im Bezirk Schlefien politischer und mili-

Die Einladung zur Abrüstungskonferenz.

Das Schreiben des Dölkerbundsrats.

Berlin, 22. Dez. (TU.) Das Einladungs­schreiben, das der Vorsitzende des Dölterbunds- rates, Senator Vittorio Scialoja. am 12. De­zember ds. Is. an den Reichsauhen- m in ist er gerichtet hat, hat folgenden Wort­laut:

Herr Minister!

Im Aamen des Dölkerbundsrates beehre ich mich, die Reichsregierung einzuladen, sich in der vorbereitenden Kommission für die Abrüstungskonferenz ver­treten zu lassen, die durch den Rat auf Grund einer Entscheidung des heutigen Tages gebildet worden ist und die am 15. Februar 1926 in Genf zusammentreten soll. Eine der diesem Schreiben beigefügten Llrlunden enthält die voll­ständigen Angaben über die Zusammen­setzung und über die Tätigkeit dieser Kom­mission, zu der außer den (Staaten, die Mit­glieder des Rates sind, folgende Rationen cin- geladen worden sind: Bulgarien, Bereinigte Staaten von Amerika, Finnland, Riederlande, Polen, Rumänien, Königreich der Serben. Kro­aten und Slovenen, Union der sozialistischen Sowjetrepubliken.

Die Kommission soll befugt fein, Aeuherun- gen der technischen (militärischen und nichtmili­tärischen) Organisationen des Völkerbundes, so­wie aller Persönlichkeiten einzuholen, deren be­sondere Sachkenntnisse nach Auslassung der Kom­mission geeignet fein könnte, ihre Arbeiten über irgendeine Frage zu erleichtern.

Die Aufgaben der Kommission sollen in der Vorbereitung einer Abrüstungs­konferenz bestehen, deren Einberufung für einen möglichst baldigen Zeitpunkt ins Auge gefaßt ist. Die Kommission soll Fragen Der nach­stehenden Art untersuchen:

Die verschiedenen Faktoren, von denen die Stärke eines Landes im Kriege abhängt, die Frage, ob es möglich ist, die etwaige Kriegs­rüstung eines Landes einzuschränken oder ob man sich mit Beschränkung der Friedensrüstung begnügen soll, die verschiedenen Formen, in de­nen die Herabsetzung oder Begrenzung der Rü­stungen für Land-, See- und Luftstrritkräfte vor sich gehen kann, die Vorteile oder Rachteile die­ser Formen, die bei einer Vergleichung der Rü­stung eines Landes mit denen eines anderen Landes zu beachtenden Regeln, die Möglichkeit der Feststellung, ob die Bewaffnung eines Lan­des in rein defensivem Geiste organisiert ist oder im Gegensatz hierzu in aggressivem Geist, die Grundsätze, nach denen man ein Verhältnis zu der Abrüstung Herstellen könne, die Örn ver­schiedenen Ländern zuerkannt wird, und die Unterlagen, die bei der Aufstellung dieser Grundsätze berücksichtigt werden müßten, die Be­völkerung, die Hilfsquellen, geographische Lage, Verkehrsverbindungen, Verletzbarkeit der Grenzen,

EM?

notwendige Fristen für die Umwandlung der Frie­dens- und Kriegsrüstung, Grad der Sicherheit usw., die etwa bestehenden Richtlinien, die eine Unter­scheidung zwischen Militär- und Zivilflugzeugen zulassen, die Bemessung des militärischen Wertes der Handelsflotten, die Beziehungen zu der örtlichen Sicherheit und der örtlichen Abrüstung einerseits und der örtlichen und allgemeinen 2lbrüstung an­dererseits.

Das vollständige Prograinm der vorbereiten­den Kommission befindet sich in einer der beigefüg­ten Urkunden. Das lange und fortgesetzte Studium, das der Völkerbundsrat bei der Abrüstungsfrage an den Tag gelegt hat, hat zu dem einstimmigen Entschluß geführt, daß diese Frage angesichts des politischen, wirtschaftlichen und technischen Umfangs der durch sie berührten Probleme nur dann mit der sicheren Hoffnung auf eine vollständige Lösung in Angriff genommen werden kann, wenn sie

in ihrer Gesamtheit und unter Mitwirkung aller Rationen geprüft

wird. Die Fragen, die Gegenstand einer Prüfung bilden müssen, beziehen sich auf alle Seiten des Problems und gehen alle Nationen der Erde an. Nach Auffassung des Rates müssen die Arbeitsweise und die Organisationen für das Studium dieser Frage einen nicht weniger universellen Charakter tragen.

Aus allen diesen Gründen wie auch aus den besonderen Gründen, die sich auf die große Bedeu­tung Deutschlands zu dieser Frage ergeben, legt der Rat den größten Wert auf die Anwesenheit der Reichsregierung, nicht nur bei der einzuberufen­den Konferenz, sondern bei den vorbereitenden Ar­beiten, die nach seiner Auffassung für den Erfolg dieser Konferenz unerläßlich sind. Der Rat hält den Zeitpunkt für das Studium der praktischen Mög­lichkeiten einer Herabsetzung und Beschränkung der Rüstungen unter Leitung und Verantwortung der Regierung für gekommen und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß in dem Augenblick, in dem alle Na- tionen der Erde diese gemeinsame Notwendigkeit anerte...ien, -auf die uneingeschränkte Mitarbeit der Reichsregierung an einem Werke rechnen zu kön­nen. das den Weltfrieden in so hohem Maße betrifft.

Amerikas Vertretung auf der Abrüstungskonferenz.

R e u y o r k, 22. Dez. (TU.) Präsident C o o l i d g e und Staatssekretär Kellogg ar­beiten mit allen Kräften darauf hin, daß Amerika eine Vertretung zur Genfer Abrüstungskonferenz entsendet. Mitbestimmcnd für die amerikanische Regierung scheint dabei zu sein, daß Amerika im Falle seiner Teilnahme an der Konferenz auf Frankreich einwirken kann. Als Vertreter Amerikas sind die Botschafter H o u g h t o n , Londonn. Herrick, Paris, und G i b s o n , Ber­lin, vorgesehen.

tärischer Leiter gewesen zu sein. Am 5. De­zember 1923 wurde in Kassel eine Haussuchung im Parteiburcau der K. P. D. vorgenommen. Dabei wurden Belege beschlagnahmt, aus denen hervorging, daß Wollweber militärischer Leiter des Bezirks Kassel war. An­fang 1924 wurde Wollwebcr von der Zentrale der K. P. D. nach Ober'chlesien überwiesen. Er übernahm dort mit dem bekannten Kommunisten- sührer Heule die volitische sowie militärische Lei­tung. Der Prozeß wird mehrere Tage dauern.

Parker Gilbert über d:n DaWsspl'N.

Reuyvrk, 22. Drz. (WTB.) DwDrneralagent der Reparationen, Parker Gilbert, ist mit dem .Leviathan" hier eingetroffen. Er hat eine län­gere Erklärung abgegeben, in der er u. a. sagte: Ich bin nicht gekommen, um über eine Revi­sion des Dawesplanes oder eine neue deutsche An­leihe zu verhandeln. Cs ist eine feststehende Tatsache, daß die deutschen Zahlungen nur wäh­rend des ersten Jahres der Wirtsamkeit des Planes mit einer ausländischen Anleihe sinan- ziert werden mußten. Der Sachverständigenplan selbst funktioniert ohne Störung und in vollkommen geordneter Weise. Die beiden Haupt­ziele, um deretwillen die Sachverständigen er­nannt worden sind, sind erreicht worden: Deutsch­land hat nunmehr eine stabile Währung, und das deutsche Budget ist ausge­glichen. DaS Budget weist bisher trotz der wachsenden Ausgaben tatsächlich einen be­trächtlichen Tieber schuß auf. Dieser Um­stand stellt die deutsche Regierung in außeror­dentlich hohem Maß vor

das Problem einer vernünftigen Verwaltung seiner öffentlichen Gelder

schließlich vor das grundlegende Problem einer belferen Anpa ssung der öffentlichen Einnahmen an die hauptsächlichsten Ausgaben. Die deutschen Geschäfts- und Industriekreise h:den noch sehr großen Be­darf an Betriebskapital, und auf vie­len Gebieten stehen sie ernsten Reorganisations­problemen gegenüber. 3n mancher Beziehung hat dies Zustände hervorgerufen, die einer Krise nahekommen. Aber allgemein gesprochen, müs­sen die gegenwärtigen Schwierigkeiten als un­vermeidliche Begleiterscheinungen der Deflation

und der Rückkehr zu stabilen Verhältnissen und in diesem Sinne als notwendig für die Gesundung selbst betr-chtet werden. Deutschland leistet jeden Monet mit größter Pünktlichkeit seine Zahlun­gen. Es wär enutzlos, zu versuchen, jetzt schon Schlüsse zu zieheir hinsichtlich der letzten Ergiebig­keit an Reparationen gemäß dem Dawesplan. Die Tatsache bleibt jedoch bestehen, daß der Plan bereits mit Erfolg das ganze Problem auf eine neue Grundlage gestellt hat. Zum ersten Male seit vielen Jahren ist die Welt in der Lage, auszuhören, Über Reparationen zu sprechen. Der DaweSplan ermöglicht es, in praktischer Weise ausfindig zu machen, was Zahlungen be­deuten und wie weit das gegenwärtige Der- fahren hinsichtlich der Reparationszahlungen sei­tens Deutschlands und ihrer Transferierung an die Gläubigermächte ausführbar ist.

Dor dem Fall Tientsins.

s ch a n g h a i, 22. Dez. (MS.) Rach einer draht­losen Rachrich! aus Tientsin hat heute früh die Armee Aengyusiangs nach heftigem Artillerie- gefechi die Armee tUschinglis mit dreifach überlege­nen Kräften angegriffen und vier bis fünf Kilometer zurückgedrängt. Man nimmt an, daß Feng in kurzer Zeit Tientsin erreichen wird, obwohl Lilfchinglius Truppen noch einmal Haltgemacht haben, um einen telzlen widerstand zu versuchen. Für die militärische Lage Tschangtsolins hegt man ernste Befürchtungen. Jür den Fall, daß seine militärische Aktion fehlschlagen sollte, würde er sich genötigt sehen, sich in die schneebedeckte Gegend nördlich von TNukdcn zurückzuziehen, wo keinerlei Schutz und Untertunft für feine Truppen vorhanden ist. Schon jetzt lägen Berichte vor, wo­nach feine irregulären Truppen den Gehorsam verweigerten. Ein Reuterbericht ans Tokio spricht von starker Beunruhigung im japanischen Auswärtigen Amt aus Anlaß der zunehmen - den Feindseligkeiten gegen Japaner, die sich in der chinesischen Presse und allgemein in China zeigten. Die Lage in Mukden wird auch in diesem Bericht als ernst geschildert. Die japanische Regierung hat beschlossen, 200 Mann aus Port Ar­thur nach Tientsin zu schicken, wodurch die dortige Garnison auf 500 Mann gebracht wird. Im Haupt­quartier Fengyusiangs ist man sehr optimistisch und behauptet, dah der Fall von Tientsin unmittelbar beoorskehe.

Tschitscherin über die deuisch- rusfischenwirtschastsbeziehungen

Berlin, 22. Dez. (WTB.) Der russische Volkskommissar äußerte sich gegenüber einem Mitarbeiter derIndustrie- und Hande: ..ei- tung" über die Gestaltung der deutsch-russischen Wirtschastsbeziehungen wie folgt: Rachdem der Handelsvertrag mit Deutschland endgül ig rechtskräftig geworden ist, werden wir ihn in lebende Wirklichkeit umwandeln muffen. Die Perspektiven, die sich dabei vor unseren Augen öffnen, sind außerordentlich ver­heißungsvoll. Die Periode, in der wir inmitten der durch die Intervention verursachten Ruinen mit den größten Anstrengungen die allerersten Clemente des Wiederaufbaus zufammengebracht haben, ist vorbei. Schnell blühen unsere Lebens­kräfte wieder auf. Das in der Ratur der Dinge liegende Verhältnis zwischen Deutschland und der Sowjetunion, die wirtschaftlich auf­einander angewiesen sind, muß jetzt mit voller Macht zutage kommen. Der gesamte wirt- schastliche Organismus der Sowjetunion strebt unaufhaltsam zum technischen Fortschritt. Tschi­tscherin glaubt, daß durch Schaffung einer eige­nen russischen Industrie der öcutf.'-en Ma chinen- industrie keine Gefahr drohe, denn jedes Dors, auch das entlegenste, sucht sich die allerneuesten technischen Mit.el anzueignen.

Der Absatzmarkt, der sich für Deutsch­land in der Sowjetunion immer m.hr offnen wird, und die D e s chä s t igung s m ög l i ch ke i t e n für deutsches technisches Wissen und Können und für deutsches Unternehmertum, die sich bei uns mit jedem Tage mehr entwickeln werden, sind grenzenlos. Es ist töricht, zu glauben, dah eine Verwandlung der Sowjetunion in einen Indu­striestaat die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland vermindern wird. Unser Terri­torium ist so groß und die dort verborgenen Raturschähe so unzählbar, dah die Entwicklung der Industrieproduktion in der Sowjetunion immer neue Deschäftigungsmöglichkeiten für die deutsche Produktion eröffnen wird. Rach Tschi­tscherins Meinung kann ein 120-Millionen-Kredit wegen feiner Kurzfristigkeit nicht ausgenutzt wer­den. Auf der anderen Seite bedeute für Ruß­land Kredit alles. Als eine der wichtigsten Aufgaben erscheine ihm die Frage der Organi­sation des Kreditwesens. Er hege die beste Hoff­nung, dah sie glücklich gelöst werde.

Tschitscherin hat am Drens tagnachmittag Berlin verlassen, nachdem er, dem inter­nationalen Brauch entsprechend, beim Reichs­außenminister seine Karte abgegeben hatte. Eine wettere Aussprache zwischen Dr. Sireirmann, der am Rachmittag noch in Berlin weilte, und Tschi­tscherin hat nicht mehr stattgefunden.

viebnnenpolitik derZowjetitn io n

Bolschewismus und Bauernschaft.

Moskau, 22. Dez. (WTB.) In seinem Korreferat zu dem Bericht des Zentralkomitees ertlärte Sinowjew, der Führer oer Oppo­sition, auf dem Kommunistischen Parteitag, er sei weit davon entfernt, die positiven Seiten der neuen Wirtschaftspolitik, die zum raschen w.rl- schaftlichen Wiederaufbau führten, zu leugnen. Er­wies auf die Erfolge des sozialistischen Ausbaues hin, drückte jedoch Zweifel aus an der Möglich­keit eines endgültigen Aufbaues des Sozialismus der wirtschaftlich zurückgebliebenen Sowjetunion bei der gegenwärtigen int.rnationalen Lage, die durch Verzögerung der Weltrevolu­tion und verhältnismäßige Stabilisierung des Kapitalismus gekennzeichnet sei. Si­nowjew erklärte, daß er nicht gegen die neue Wirtschaftspolitik,- sondern gegen gew sse Ten­denzen ihrer Erweiterung und g'grn V rsuche ihrer Idealisierung als angeblich sozialistische Wirtschaftsform ankämpfe. Sinow,ew weist den Vorwurf der Unterschätzung der Rolle der Mit­telbauernschaft zurück und erklärt seine volle Solidarität mtt den Parle.beschlü'sen in oer Dauernpolitik. Er betont d e Rolwendigkei! der Entwicklung der Produktivkräfte des Dorfes, warnt jedoch var plnterschätzung der Gefahren, die seitens der wirtschaftlich cr- starkenden G ro h b a ue r nf cha f t wie über­haupt aus der Bauernfrage und den aus der gegenwärtigen We.t.age heroorg'.he.'.d:n Schwie­rigkeiten drohen.

Bucharin wandte sich gegen die Ausführun­gen des Vorredners und erklärte, die Gegner der Auffassung des Zentralkomitees feien nicht imstar.dc, der Bauernpolitik der Partei, wie sie auf der 14. Parteilonferenz einstimmig beschlossen wurde, irgendwelche praktische Verbesserungsoorschläge ent- gegenzusetzen. Die gegenwärtige Bauernpolitik der Kommunistischen Partei sei eingestellc auf ein sestes Bündnis mit b e r mittleren Bauernschaft. Sinowjew sehe in dieser Bauernpolitik ein Zugeständnis an die Großbauern- schaft. Das Mißtrauen Sinowjews und Kamenews gegenüber der Möglichkeit des sozialistischen Auf­baues in einem Lande ohne internationale Revo­lution verrate ein Mißtrauen gegenüber den Kräften der Arbeiterklasse. In­dem Sinowjew erkläre, die neue Wirtschaftspolitik sei ein allgemeiner Rückzug, widerspreche er den Leninschen Anschauungen, nach denen die neue W i r t s ch a ft s p o l i t i k ein strategisches Manöver des sozialistischen Aufbaus sei. Bucharin fordert diejenigen, die an dem Zen­tralkomitee Kritik üben, auf, ihre Irrtümer ein­zugestehen und drückt unter lebhaftem Beifall des Parteitages die feste Ueberzeugung aus, daß eine I Abweichung von der allein richtigen Parteipolitik | bald einmütig überwunden wird.