1 'ui Tt>.
»er er eg^' ileb
Dolf ^unteT"
' '" bie «• w
*h*->*fr
sauberer sllt ft« JJ, t fi^hrtuäodet vor lft«tSr«Sft
■ttftÄ«*ert* getreue an betrage
je. Suer we> ^re Weine 3®^ ^tttn,
AL?LL f-KvS Mt^ - ,^ne ^de ge" ,, eine lehr ich anders * "sb r d-i «^ye« rben- n uno'Xtien.
,tet nicht Aesongn^je
»>« K*Ä I« 2
ss^ t< •’>■
Dienstag, 22. Dezember 1025
US. Jahrgang
Nr. 200 Erstes Blatt
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhefsen
Druck und Verlag: vrühl'fche Univerfitäts-Vuch unö Steintruderei R. Lange in Sieben. Schristlettung und Sefchäftrstelle: ZchnNraße 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klameanzeigen non 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrift 20“, mehr.
Chefredakteur Dr. Fnedr Wilh. Lange.
Verantwortlich, für Politik und Feuilleton Dr. Friede. Wilh. Lange; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil Hans Jüstel, fämtlid) in Gießen.
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen:
Gietzener Familien blätter Heimat im Bild
Die Scholle
Monats-Bezvgrpreis: 2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger- lohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: Schriftleitung 112, Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Stehen.
Postscheckkonto: ärantfurt am Alain 11686.
Die deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen.
Die Börsengeschäfte des Barons von Holstein.
Der als Einspänner und Sonderling bekannte Baron von Holstein, der unter dem Kaiserreich lange Lahre hindurch entscheidenden Einfluß aus die auswärtige Politik ausübte, hat es trotz seiner soitstigen Zurückgezogenheit und Eigenbrödelei nicht verschmäht, auf Grund der ihm zugänglichen amt. lichen Nachrichtenquellen sich lebhaft an Börsen- mekulationen zu beteiligen. Eine Reihe von Briefen des Geheimen Rats an seinen Bankier, von denen das „Berliner Tageblatt" eine Anzahl der wichtigsten veröffentlichte, legt Zeugnis ab von dem rastlosen Eifer und dem ungeteilten Interesse, mit dem Holstein die Schwankungen der Börse verfolgte, und zeigt, wie er es verstanden hat, Ereignisse der auswärtigen Politik, die ihm früher als anderen bekannt waren, in den Dien ft seines eigenen Börsengeschäfts zu stellen. 5)olstein ging in seinen Briefen mit größter Vorsicht vor, indem er jede persönliche Anrede, Unterschrift und meistens sogar die Angabe des Tages vermied. Der Briefwechsel beginnt bereits mit dem Jahre 1874, zu einer Zeit, als Holstein noch Mitarbeiter des bekannten Grafen Harri) Arnim war, der als Pariser Botschafter in der Politik Bismarcks eine bekannte Rolle gespielt hat. Obwohl Holstein lebhaft über seine „Ftnanz- guälereien" und seinen Rheumatismus klagt, verfolgt er doch mit größter Aufmerksamkeit die Börsenschicksale der Aktien der Laurahütte und der Oestcrreichischen Kreditanstalt. Die ungarische Ministerkrise des Jahres 1874 und die „Konfessionellen Gesetze" Falks bereiten ihm in diesem Zusammenhang einige Sorgen. Für den Fall, daß die türkische Regierung Bons ausgeben sollte, verabredet er mit seinem Bankier ein harmlos klingendes Telegramm, das als Kauforder für einen Poften Türken dienen fall. Jahre hindurch, von 1893 bis 1896, verfolgt er mit angeblicher Spannung die Machenschaften Wittes mit russischen Noten. „Lassen Sie morgen Witte", schreibt er einmal, „eine Schwindelnachricht in die Welt schleudern, so ist unser kleiner (Oeminn weg und wir verlieren womöglich noch." Ein andermal fragt er ängstlich: „Ob Witte mal eine Schwänze machen will?" Bezeichnend für die Emsigkeit, mit der Holstein politische Ereignisse für feine Börsengeschäfte zu benutzen wußte, ist ein Schreiben, das er unmittelbar nach der Ermordung des Präsidenten Carnot an seinen Bankier richtete. Es lautet:
„Sie wissen natürlich schon, daß Carnot ^von einem Italiener ermordet ist, und daß insolgedefsen das Volk in Lyon, wo der Mord vorkam, mehrere Ausschreitungen gegen Italiener begangen hat. Solche Ausschreitungen werden vielleicht noch mehrere vorkommen, jedenfalls wird man sie fürchten. Also rote ich dringend, heute wenigstens zwei Millionen Italiener mit Prämie zu kaufen. Vermutlich wird nun Casimir Parier Präsident, und jedenfalls wird der Vorfall nicht lange nachwirken. Eine solche Gelegenheit kommt nicht leicht wieder, denn Paris wird heute ganz den Kopf verloren haben."
Wiederholt hat Holstein, wie das „Berliner Tageblatt" an Hand der Akten des Auswärtigen Amts nachweist, vertraulich Nachrichten, die das Auswärtige Amt von feinen Vertretern im Auslande erhielt, oder die er selbst für diese Vertreter aufsetzte, fast wörtlich an seinen Bankier weiterge- geben, um ihn und sich selbst das Börsengeschäft zu erleichtern. Während der Ereignisse des Jahres 1899 in Südafrika, die nachher zum Burenkriege führten, bereitet ihm die Frage großes Kopfzerbrechen, ob es zum Kriege kommen werde oder nicht. Als es zum Kriege kommt, fetzt er fein Vertrauen auf England und gibt Auftrag zum „Zukauf einer Kleinigkeit, wenn es auch nur 50 oder 100 Stuck find, sobald die englische Armee vollständig eingetrossen ist". Am 17. Dezember 1899 beruhigt er seinen besorgten Bankier mit folgendem kleinen Brief:
„Die Meinung zu prophezeien ist mir natürlich 'ergangen, aber ich frage mich, was ist im schlimmsten Fall zu riskieren? Der schlimmste Fall ist der, daß Friede geschlossen wird. Ich glaube nicht daran. Aber wenn es wäre, würden die Sachen doch ungefähr auf den Stand kommen, wie sie vor dem Kriege waren. Deshalb möchte ich glauben, daß es für Sie praktisch wäre, zum jetzigen Panikkurse cimas zuzukaufen, für sich. Ich sehe nicht, was eie dabei wagen, und zu gewinnen ist eine Menge. Beim ersten Sonnenstrahl schießt alles wieder in die Höhe."
Trotz der vorzüglichen Nachrichten, über die Ho...ein verfügte, ist sein Börsengeschäft nicht immer erfolarcid). Wenn er auch einmal mit Genugtuung feststem, daß er an 500 Kreditaktien 2500 Mark verdient hat, und ein andermal über 8000 Mark verfugt, die offenbar als Gewinn gebucht werden konnten, so flogt er doch wiederholt seinen Bankier wegen der Mißerfolge ihrer gemeinsamen Geschäfte an. Dieser selbst aber hat, wie sich aus Halft''■' Antworten ergibt, Holstein selbst „alles, was icf geht, aufgepaeft." Im Jahre 1895 scheint fein Aerger einen Höhepunkt erreicht zu haben, denn er schreibt:
„Wir sind hereingesallen. Var Wut habe ich nicht aeschlafen, wahrscheinlich wie Sie."
Die Veröffentlichung der Briefe Holsteins wirft natürlich die Frage auf, ob und wie weit sich der Geheime Rat etwa bei politischen Entschlüssen und Ratschlägen von Rücksichten auf feine Börsengeschäfte hat leiten lassen. Diese und andere Fragen konnten aber nur durch eine von ^all 311 Fall planmäßig fortschreitende Untersuchung geklärt werden, zu der in weitestem Umfang die Akten des Auswärtigen Amts und au* die ohne Zweifel vor- hanoenen Briefe des Bankiers herangezogen werden müßten.
Die Oeffentlichkeit ist ziemlich unvermittelt durch die Meldung überrascht worden, daß es den deutschen und französischen Unterhändlern gelungen sei, die Hauptschwierigkeiten zu beseitigen, die bisher der Wiederaufnahme der Verhandlungen über den Wirtschaftsvertrag im Wege standen. Ob das tatsächlich der Fall ist, läßt sich auf Grund der spärlichen Mitteilungen nicht sagen, da das Protokoll geheim gehalten wird. Die Hauptschwierigkeiten bestanden darin, daß Frankreich von Deutschland die Bindung der deutschen Zollsätze sowie die unbedingte M e i st b e gü n st i g u n g verlangte, während Frankreich weder das eine noch das andere zugestehen wollte.
Frankreich hat sich im Juli 1919 durch ein Zoll- gesetz die Grundlage einer neuen Handelspolitik geschaffen, deren Wesen darin besteht, die Meistbegünstigung als solche aufzugeben und Ausnahmen nur von Fall zu Fall zu gewähren. Die Absicht war, um den französischen Markt unüber st eig» 1 iche Zollmauern zu errichten, um auf der anderen Seite für die französischen Erzeugnisse auf den ausländischen Märkten alle handelspolitischen Vorteile zu erreichen. Es läßt sich nicht sagen, daß Frankreich diesem Ziel näher gekommen ist: Gewiß hat es alles getan und nichts unterlassen, um durch Schaffung eines möglichst verwickelten Zoll- systems die Verhandlungen zu erschweren, um so den Gegner zunächst einmal mürbe zu machen. Reben dem Minimal- und Maximaltarif besteht noch eine Reihe von Zwischensätzen, die der.einzelne Vertragsgegncr für sich gegen besondere Z u - geständnisse einhandeln konnte. Allein der volle Minimaltarif mit der Zusicherung künftiger Meistbegünstigung wurde bisher noch feinem Lande eingeräumt. Es ist das besonders wichtig zu wissen, weil von freiwilligen offiziösen Federn es so dar- gestellt wird, als ob in der vorläufigen Verstän- bigung mit Frankreich das Zugeständnis der tatsächlichen Meistbegünstigung enthalten sei. Wohlgemerkt, dieses Zugeständnis soll erst vierzehn Monate nach Inkrafttreten des deutsch-französischen Handelsvertrages wirksam werden. Schon diese Frist muß Bedenken erregen, weil Deutschland als Gegenleistung für d i e v.ebergangszeit die volle Meistbegünstigung gewährt. Selbst angenommen, daß es Frankreich gelingt, innerhalb vierzehn Monaten den neuen Zolltarif zum Abschluß zu bringen, so wissen wir doch nicht, wie er aussieht, ferner wie Frankreich feine Vertrüge mit den anderen Mächten gestaltet. Es liegt doch im Wesen der Meistbegünstigung, daß sie nur das tatsächliche Maß von Zugeständnissen gewährt, das die anderen Vertragsgegner erreicht haben.
Das ist. offen gesagt, bisher sehr wenig. Frankreich hat beispielsweise nicht einmal Polen die volle Meistbegünstigung zugestanden, also einem Verbündeten der nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung Frankreichs bra:cht, wenn er staatlich leben will. Weiter muß hier darauf verwiesen werden, daß es in Frankreich allerdings auch Gegner der unbedingten Tarifhoheit gibt, Wirtschaftsgruppen, die zwar nicht mächtig und einflußreich wie die Industrie s nd, aber stark genug, um Berücksichtigung ihrer Forderungen zu erzwingen. Soweit es sich um die Verhandlungen mit Deutschland handelt, sind es außer den lothringischen Industriellen die französischen Landwirte, die sich durch die deutschen Zollsätze geschädigt fühlen. Auf den Einspruch der Landwirtschaft ist es auch wohl zurückzuführen, daß Frankreich nur für später sehr unbestimmte Zugeständnisse gemacht hat. um dafür sofort das Erstgeburtsrecht der vollen Meistbegünstigung einzutauschen. Die Folge wird fein, daß der deutsche Markt mit lanowir.schaftlichen Erzeugnissen. insbesondere Wein, Getreide. Milch und Milcherzeugniften sowie Südfrüchten überschwemmt wird, da ja Frankreich Anspruch im Rahmen der Meistbegünstigung auf die Italien gemachten Zugeständnisse hat.
Die kommenden Handels- vertragsverhandl ngen.
Berlin, 21. Dez. (Sil.) Für den Beginn des nächsten Jahres find folgende Handelsvertragsverhandlungen vorgesehen. Die Abmachungen mit Oesterreich und der Schweiz sollen im Januar zu endgültigen Dert.ägen erweitert werden. Ferner wird ein neuer Vertrag mit Portugal zu verhandeln fein, öa _ der alte am 31. Dezember dieses Jahres abläuft. Die gesetzgebenden Körperscha len haben den alten Vertrag bereits provisorisch bis zum 31. März nächsten Jahres verlängert, da wegen der vielen Kabinettskrisen in Portugal rechtzeitige Verhandlungen nicht möglich waren.
Spanien
hat anfangs Dezember Vorschläge unterbreitet, die annehmbar scheinen. Deutschland hat gestern der spanischen Regierung in einer Bote mitgeteilt, daß es bereit ist, auf der Grundlage dieser Vorschläge zu verhandeln, vorausgesetzt, daß Spanien zu weiteren Zugeständnissen bereit ist. Die spanischen Vorschläge sehen eine hundertprozentige Deckung des spanischen Exportes nach Deutschland vor, aber nur eine 75prozentige Deckung des deutschen Exportes nach Spanien. Die Verhandlungen mit
Polen
siird durch den neuen polnischen Zolltarif vorn 15. November, der ein Musterbeispiel für einen
So sehr es im Interesse der deutschen Wirtschaft gelegen hätte, mit Frankreich auf dem Boden der Gleichberechtigung zu einem norlaufigen Abschluß- zu gelangen, so wenig ist tatsächlich erreicht worden. Mit dem „Geist von Locarno" hat das gar nichts zu tun, denn die Bereitwilligkeit der französischen Unterhändler, das vorläufige Protokoll zu unterzeichnen, erklärt sich durch die außerordentlich großen Vorteile, die Frankreich erzielt hat. Daran ändert auch nichts, daß Deutschland berechtigt ist, den Vertrag binnen eines Monats zu kündigen, sofern die über ein gewisses Maß hinausgehenden Erhöhungen der französischen Zollsätze das Gleichgewicht zerstören. Deutschland hat ohne weiteres mit Rücksicht auf eine weitere Verschlechterung des Franken das Zugeständnis gemacht, daß Frankreich feinen Zollspiegel um 20 v. H. erhöhen kann. Wenn Frankreich weitergeht, hat Deutsch- land das Recht, zu kündigen, was alles bestätigt, daß Frankreich nach wie vor vertragliche Bindungen des Grundtarifs und des fog. Erhöhungskoeffizienten ablehnt.
Auch der Zusatz, daß die privatwirtschastlichcn Vereinbarungen unter Leitung der beiderseitigen Regierungen wieder ausgenommen werden sollen, bedeutet für Deutschland keinen Erfolg. Es fei nur an das Saarabkommen erinnert, das nur an dem tatkräftigen Widerstand der deutschen Industrie gescheitert ist. Da die Verhandlungen der Jndustrie- verbände sofort beginnen sollen, ist doppelte Vorsicht geboten, damit nicht Frankreich auf Schleichwegen besondere Vorteile für die lothringische Schwerindustrie herausholt — auf Kosten der Saarindustrie und der gesamten deutschen Wirtschaft. Als deutscher Erfolg läßt sich das deutsch-französische Eröffnungsprotokoll vom 19. Dezember wirklich nicht buchen.
Das Pariser Protokoll.
Berlin, 21. Dez. (Wolfs.) Zu bem am Samstag in Paris unterzeichneten Protokoll, das allerdings den Abschluß eines sachlichen Abkommens selbst noch nicht darstellt oder unbedingt sichert, schreibt die o f f iz i ö i e Deulsche Diplomatisch-Politische Korrespondenz: Die beiden Punkte, auf die es vor allem ankam, nämlich die automatische Anwendung des französischen Minimaltariss auf deutsche Erzeugnisse, an denen ein Exportinteresse besteht, und die Garantien für die Aufrechterhaltung des Tarifsystems, unter dem der Abschluß erfolgt, wurden in befriedigender Weise einer vermittelnden Lösung zugesührt. Da eine Meistbegünstigung d e jure von Frankreich, solange es nicht grundsätzlich mit seinem gesetzlich festgelegten System bricht, nicht zu erhalten ist, während wir unsererseits grundsätzlich nicht mit dem Reziproziläts-. sondern mit dem Meistbegünsti- gungswstem arbeiten, ist das Ziel unserer Verhandlungen auf Herstellung der Meistbegünstigung de facto gerichtet. Sie ist zu erreichen durch Zuerkennung der Minimalzölle von französischer Seite für eine bestimmte Waren nste, auf der die Waren des deutschen Exporlinteresses aufgeführt find, und zwar ist die Gewährung dieser Form der Meistbegünstigung von Fran reich spätestens nach Ablauf von 14 Monaten zu gewähren, ein Termin, der mit Rücfti.- t auf die voraussichtliche Fertigstellung des neuen französischen Zolltarifs gewählt wurde. Der Grundgedanke der ganzen Vereinbarungen, wenn sie im Sinne des unterzeichneten vorläufigen Protokolls zustande kommen, ist. daß die Differenzierung Deutschlands auf dem französischen Markt nur für eine verhältnismäßig kurze Tlebergangszeit und höchstens für einige wenige Warengruvpen gutge- he.ßen wird, um den Textvorfchriften des französischen Gesetzes von 1919 zu genügen, ohne doch praktisch die Gegenseitigkeit auszuschließen.
llleberprotektionismus darstellt, immer noch wesentlich beeinflußt Deutschland wird in den kommenden Verhandlungen den gesamten Komplex der sä,webenden Fragen ausrollen und sich nicht mit einem Etappenweg begnügen. Die deutsche Wirtschaft, und zwar Industrie und Landwirtschaft in gleichem Maße, ist der Ansicht, daß Polen besonders wegen seiner Währungsverhältnisse ein sehr schlechter Käufer ist und daher für uns im Augenblick wenig Interesse hat. Deutschland wird die ihm aufgezwun- tfene Waffe des Zollkrieges erst dann aus der Hand legen können, wenn es die Zusicherung hat, daß es auf dem polnischen Markt auftreten kann. In den Verhandlungen mit
England
wird Deutschland bemüht fein, eine Verständigung darüber zu finden, daß England die im Handelsvertrag vorgesehenen Zollabmachungen nicht dazu benützen darf, im Interesse des Ausbaues seiner eigenen Industrie die deutschen Waren vorn englischen Markt auszusperren. Die englischen Zollmaßnahmen sind zudem sehr kleinlich, so toerben z. D. belanglose Seidenbändchen in Zigarettenetuis peinlichst verzollt. Die Verhandlungen mit England werden überhaupt viel leichter sein, wenn es gelingt, England zu einer klaren Stellungnahme dazu zu zwingen, ob es Schutzzölle, oder, wie es vorgibi, reine Finanzzölle erhebt. Die Zielrichtung der deutschen Han- ^lsvertragspolitik wird auch im kommenden Jahr die alte sein mit dem Endgedanken einer europäischen Wirtschaf tsverstLndigung.
Tschitscherin in Berlin.
Berlin, 21. Dez. Reichsauhenminister Dr. Stresemann hat heute im Laufe des Nachmittags den russischen Volkskommissar Tschitscherin empfangen, der sich aus der Rückreise in Berlin aufhält. Es handelte sich bei dem Zusammentreffen der beiden Staatsmänner nicht nur um einen Höskichkeits lt zwischen Vertretern zweier befreundeter Rationen, sondern um einen Gedankenaustausch über besonders wichtige Fragen besonders auf wirtschaftspolitischem Gebiet. Der Reichsaußenminister gab heute zu Ehren Tschitscherins ein Frühstück, an dem Ministerpräsident Braun, die Reich'mini- Gehler und Kröhne, der Bolsch'.ster Graf Brockdorsf-Ranhau und die Staatsfekre-- täre von Schubert, Weißmann, Kemp- ner und Meißner teilnahmen. Am vergangenen Sonntag nahm Tschitscherin an einem Frühstück b'i General von Seeckt teil. Der russische Außenkommftsar wird am Dienstag Berlin verlassen und über Aiga nach Moskau zurückreisen.
Tschitscherin hat heute in Unterrebungen mit einer Reihe von Pressevertretern über seine Besprechungen mit Briand und anderen französischen Ministern erklärt, es s:i vereinbart worden, daß sofort nach dem Eintres.en des neuen Sowjetbotsch:flers Rakowski aus Moskau in P-ris, also in der ersten Hälfte des Janua-. die offiziellen Verhandlungen zwischen Ruhlandund Frankreich beginnen sollen. In einer Unterredung mit dem französischen Ministerpräsidenten sei festgestellt worden, daß keinerlei erhebliche Gegen ätze zwischen Frankre ch und Rußland beständen. Dagegen weiß Tschitscherin über ein von ihm beabsichtigtes Zusammentreffen mit Chamberlain nichts. Die russische Regierung sei der Auffassung, daß für Rußland das Eintreten in den Völkerbund unmöglich sei, da die Gegensätze zwischen den erörterten Staaten und den kapitalistischen Staaten Europas noch zu groß seien, als daß eine gemeinsame Arbeit im Völkerbund möglich wäre. Dagegen wurde die russische Regierung gewiß Wert daraus legen, mit England ebenso wie mit anderen Staaten präzise Abmachungen über die Beziehungen Rußland zu ihnen zu treffen. Schiedsver - träge allerdings seien für Rußland unan- nehmbar. Eine f:fertige (Snttoaffnungs- konf erenz allerdings würde Rußland natürlich sofort unterstützen und sich daran beteiligen. ■ Zum Abschluß des Locarnovertrages bemerkte Tschitscherin, daß sich die Haltung Rußlands zu Deutschland dadurch nicht geändert habe.
Ruhland und die Abrüstungskonferenz.
Genf, 21. Dez. (WB.) Auf die Einladung zur Teilnahme an den Arbeiten des Dorber.a- tenden Ausschusses für die Abrüstungslon. erenz sind beim Völkerbundsse'retariat noch keine Antworten e ngegangen. Die Ausführung der „Iswestija", daß Rußland an der Kon erenz teilzunehmen geneigt wäre, wenn sie nicht in der Schweiz stattfinden würde, da Rußland mit der Schweiz wegen der Ermordung des Sowjetdiplomaten W o r o w s k t keine bi;lo>r.a- tifchen Beziehung.n unterhalte, wird hier lediglich als Vorwand der Sowjetregierung beurteilt, um die Teilnahme abzulehnen. Man weist vor allem darauf hin, daß der Tagungsort der Konferenz ja noch gar nicht bekannt fei. Dagegen mühten die Arbeiten der vorbereitenden Konferenz aus technischen Gründen im Völker- bundssekretar'.at ftattfinden, das bekanntlich exterritorial ist.
Die Moffuldebatte im britischen Unterhaus.
Auszug der Arbcitcrpartc,. Vertrauensvotum für Baldwin.
London, 21. Dez. (WTB.) Bei den Ver- Handlungen über die Jrakfrage im Unterhaus suchten Clynes und Thomas im Namen der Arbeiterpartei Baldwin dazu zu veranlassen, sich mit einem allgemeinen Vertagungsanlrag ohne A b - ft i mm u n g einverstanden zu erklären und den Antrag auf Billigung des Verhaltens der Regierung in der Moffulfrage fallen zu lassen. Baldwin lehnte das ab. Er sagte, es fei wesentlich, daß das Haus feine grundsätzliche Billigung kundgebe, ehe das Parlament vertagt werde. Wenn der Entwurf des Vertrages dem Haufe zur Annahme ober Ablehnung vorgeleat werde, biete sich genügend Gelegenheit zu einer Debatte. Die Arbeiterpartei hat daraufhin beschlofsen, das Unterhaus zu verlassen, während die Liberalen blieben. Baldwin brachte die Regierungsresvlution ein. Er betonte dann, daß die Regierung die Politik der vorhergegangenen Kabinette und damit auch die der Arbeiterregierung fortsetze, und jagte:
Wir wünschen nichts so sehr, als daß das Irakgebiet in gut nachbarlichen Beziehungen und freundschaftlicher Zusammenarbeit mit der Türkei leben möchte. Der Außenminister hat bereits in Genf sich bereit erklärt, Mittel und Wege zu suchen, die sich mit unseren Verpflichtungen gegenüber dem Irak vertra ',en, um zu einem Abkommen zu gelangen. Ich labe den türkischen Botschafter ein, morgen m:i mir zusammenzukommen. um diese Frage weiter zu besprechen. (Beifall.) Wir brauchen die ilnter- stühung eines geeinten Landes und ich möchte I bitten, zu erwägen, ob die Aussichten einer 2te-


