schieden. Auf dem Lande und in kleineren Städten ist im allgemeinen noch der freie Hnier» lia't ublidb i - Grohstäd'rq wird ost als Ersatz hierfür ein Taschengeld gegeben, im letzten Lehrjahre bekommen manche Lehrlinge Vergütung neben freier Wohnung und Verpflegung. Es kommt aber auch vor, daß Apotheken von ihren Lehrlingen ein Lehrgeld verlangen.
Die Gehilfenprüfung bildet den Abschluß der Lehrzeit.
Nach einjähriger Gehilfenzeit kann die Apothekerin die Universität oder Technische Hochschule beziehen. Das Studium nimmt mit der Staatsprüfung wenigstens fünf Semester in Anspruch, wobei die Zugabe eines sechsten für einen bakteriologischen Kursus empfehlenswert ist. Die Hochschuljahre erfordern die meisten Kosten, während die übrige Fachausbildung verhältnismäßig billig ist.
Nach erfolgter bestandener Prüfung tritt die Gehilfin wieder in eine Apotheke ein. Nach zweijähriger Tätigkeit bekommt sie vom Staate auf ihren Antrag die „Approbation", also die Berechtigung zur selbständigen Leitung einer Apotheke. Zur Eröffnung einer 2lpotheke ist nicht nur ein ziemlich großes Kapital, sondern auch die staatliche Erlaubnis vonnöten.
Locarno und die Pariser Opposition. (Don unserem ^.L.-Korrespondenten.)
» Paris. 17. OIL 1925.
Die sieben Verträge sind paraphiert, d. h. die Delegierten der in Locarno vertretenen sieben Nationen haben sie als persönlich verantwortlich signiert. Sie können erst in Kraft treten, wenn die Regierungen selbst sie geneh-- migt und die Parlamente sie ratifiziert haben. Ob die offizielle rechtskräftige Unterzeichnung der Locarnoer Verträge, wie geplant, schon im Dlionat Dezember in London stattfinden kann, bleibt abzuwarten. Sollte Deutschland — vorausgesetzt, daß der Reichstag die Locarnoer Verträge ratifiziert — noch vor der nächsten Völkerbundsratssihung am 7. Dezember seinen Antrag auf Aufnahme in den Bund stellen, so würde für Ende dieses Jahres oder Anfang 1926 eine außerordentliche Tagung des RatS anberaumt werden, um zu dem Anträge Deutschlands Stellung zu nehmen. So ungefähr wird der äußere Gang der außenpolitischen Ereignisse der kommenden Woche sein. Sie werden sich indessen ganz bestimmt wenigstens in den Parlamenten nicht so glatt abwickeln, wie hier skizziert. 3m Gegenteil, wir werden mit ernsten Krisen rechnen müssen, die noch sehr viel ändern können (von Deutschland ganz zu schweigen). Hingewiesen sei z. B. auf die Notwendigkeit einer gemeinsamen Verständigung der alliierten Außenminister im Hinblick auf chre Erklärungen vor den Parlamenten, oder auf die schleichende französische Kabinettskrisis oder auf die Möglichkeit eines Regierungswechsels in Belgien usw. 2llle diese Zukunftserwägungen mit ihren möglichen Folgen sollen indessen unerörtert blerben. Wir wollen hier nur mit Tatsachen rechnen, mit den Tatsachen, wie sie sich aus dem Konferenzschluh ergeben.
Die Delegationen sind wieder daheim. Sicherlich wurde keine von ihnen bei ihrer Rückkunft mtfjr gefeiert als die französische. 3n Paris ist Briand der Held des Tages, der auch in Prag und Warschau den billigen Ruhm seines tschechischen und polnischen Kollegen überschattet. Denn Briand war es, der unbedingt daraus bestand, daß in Locarno auch die Verträge Deutschlands mit seinen östlichen Nachbarn paraphiert wurden, es wäre sonst sicherlich in Locarno nicht so rasch dazu gekommen. Paris frohlockte mit Recht. Viel zitiert wurde ein angeblicher Ausspruch Stresemanns: „Deutschland ist ein Schüler in der dritten Klasse, der in die zweite und später in die erste verseht werden möchte"»sowie folgendes Wort, das dem Reichskanzler in den Mund gelegt wird: „Man mutz die Vereinigten Staaten von Europa schaffen." Mit beiden Zitaten glaubten Briands Anhänger in Paris billige Geschäfte machen zu können. 2lber es kam anders. Die Rechte opponierte. Zunächst „warnte" sie vor der Hinterhältigkeit Deutschlands, dann wurde sie immer Der gefesselte Strom.
Roman von Hermann Stegemann.
42 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Endlich schlief sie ein, und als sie um sechs Uhr aufstand, mutzte sie zur Wasserbrause ihre Zuflucht nehmen, um der Mattigkeit Herr zu werden, die noch in ihren Gliedern lag. Dann lief ihr Blut wieder frisch, und nur die zarten Schatten unter üjren Augen erzählten noch von der schlafarmen Nacht.
Ilm sieben Uhr rief Tylanders Autotrompete ihren fremdartigen Vogelschrei über die Mauer, und der Professor schritt mit knatterndem GummimantÄ durch den Garten.
Er hatte einst von dem Verhältnis, das zwischen Ruth und Hanns Ingold so starke Fäden gesponnen hatte, so gut wie nichts gewußt, aber diesmal war er helläugig und scharffinnig gewesen. 2lls ihm der Mann aus Berlin gestern mit der Denzinkarre beinahe das Tor eingerannt und dann unruhig neben ihm unter den Gra- natbäumen gesessen hatte, bis das Mädel sichtbar geworden war, da war plötzlich alles um ihn hell geworden. 2lber er durfte sich nichts merken lassen. 3m 3nkubationsstad ium ist mit Dreinfahren nichts getan. Und auf einmal war er sich darüber ganz klar, daß er dem Hanns Ingold das Mädel nie gegönnt hätte!
Gerhart Tylander half Ruth den Schleier binden, nachdem er ihr eine Schutzbrille aufgezwungen hatte. Der Mechaniker war mit dem Zug nach Schaffhausen unterwegs und Tylander steuerte. Reben ihm satz Ruth, Doktor Engelhardt hinter ihnen.
Langsam fuhren sie auf der weißen Straße am Rand des Waldes dahin. Der Iunitau blitzte in den Gräsern, die Wiesen dufteten, und über dem Rhein zitterte in zarten Dünsten die Morgensonne, als hätte sie sich in ihrem eigenen Strahlenneh gefangen.
„Elfenau", sagte Tylander leise.
Hebei tfjnen hing Hohenelfen im Rebengelände, kreischend fuhren die Enten auf der Dorfgasse auseinander, und dann nahm sie der Tannenwald auf und würzte ihnen den Weg mit wohlriechendem Schatten.
Tylander fuhr nur mit zehn Kilometern. Er hatte sich auf eine Unterhaltung mit Ruth ein»
deutlicher und brandmarkte zuletzt Briand als einen wahren Vaterlandsverräter, der dem Versailler Vertrag in London den Todesstoß versetzt habe. Briand habe zugesehen, wie Deutschland in Locarno Frankreich und Polen zugleich „chloroformiert" hätte, wobei ihm der deutschfreundliche Lord d ' 2l b e r n o n glänzend geholfen habe, dieser „unglaubliche" diplomatische Vertreter Englands, der seine Regierung wissentlich täusche über die Kriegsvorbereitungen Deutschlands. Briand habe Deutschland wieder in den Sattel gehoben, es erneut zu einer großen Nation gemacht, die morgen schon wieder die Herrin Europas fein würde. Es ist den rechtsoppositionellen Blättern in Paris durchaus ernst mit solchem Gerede. Sie glauben selbst fest daran. Darum verlohnt es sich auch gar nicht, dem zu widersprechen. Denn wozu offene Türen 'einrennen? Außerdem sind diese Hetzblätter nicht die öffentliche Meinung Frankreichs, wenn man sie auch nicht unterschätzen sollte.
Zum Glück fehlt es jedoch nicht an ebenso maßgebenden (Stimmen, die jetzt ganz offen zugeben: Der Oberste Rat, der 1919 den Frieden diktierte, spannte die Pferde am verkehrten Ende des Wagens an, als er den Völkerbund voreilig gründete, und es so dahin brachte, daß die Vertreter Asiens und Amerikas über die Geschicke Deutschlands bestimmten. Mit Verlaub. Was würde erst Amerika tun, wenn z. B. heute die Staaten Europas die Angelegenheiten Perus oder Chiles regeln wollten? Rechnen wir doch mit den nackten Tatsachen! Der Völlerbund ohne Deutschland bleibt ein Torso, der nicht leben und nicht sterben kann. Doch lassen wir die Frage des Eintritts Deutschlands in den Bund beiseite: Hat aber schließlich nicht auch Rußland hier noch ein sehr energisches Wort mitzureden? Unb der Vertrag von Rapallo? Die überraschende Neuorientterung Polens, die bevorstehende Zusammenkunft Tschitscherins mit Mussolini?
Diese französischen (Stimmen haben ihren Lesern sicherlich einen weit größeren Dienst erwiesen als die nationalistischen Hetzblätter.
Unb Oesterreich und Ungarn? Das Stichwort „Zollverein" wurde einmal in die Debatten von Locarno geworfen: es wird nach der Konferenz in Paris wieder aufgegriffen. Für politische Utopien ist jetzt keine Zeit. Dazu ist die wirtschaftliche Lage in Europa viel zu ernst. Will man jetzt den Versuch machen, ehrlich heranzugehen an den Wiederaufbau Europas wie nach dem 30jährigen Kriege, oder nach den Kriegen Ludwigs XIV. oder Napoleons: Nun wohlan! Wir sind bereit. Deutschland gab die Anregung zum Abschluß eines Sicherheitspaktes. Dann räume man ihm auch den Platz ein, der diesem 60-Millionen-Bolk im Herzen Europas, zwischen Rußland und England, zukommt. Dann führe man vor allen Dingen jetzt auch die Wirtschaftsverhandlungen mit Deutschland im „Geiste von Locarno" zu Ende.
Kunst und Wissenschaft.
Tagung der akademischen Assistenten.
Am 11., 12. und 13. Oktober fand in W ü r z- b u r g der diesjährige stark besuchte Hauptvertretertag des Deutschen Akademischen Assistentenverbandes statt. Fast alle reichsdeutschen Ortsgruppen, Danzig und Oesterreich, hatten Vertreter entsandt. Die hessischen Ortsgruppen waren an den Beratungen in hervorragendem Maße beteiligt. Eine große Anzahl wichtiger Fragen stand zur Beratung. Ganz besonders wurden die Hilfsmaßnahme,» für den jungen Nachwuchs, nicht nur der Mediziner sondern auch der Chemiker, erörtert. Ferner wurde über die Fragen der Aerztekammern, der Planwirtschaft und der Aerzteversorgung gesprochen. Der Dertretertag hielt die Planwirtschaft nicht für geeignet, der Ueberfüllung im Arztberuf abzuhelfen. Bezüglich der Aerzteversorgung stand der Dertretertag auf dem Standpunkt, daß gegen eine freiwillige Versorgung nichts einzuwenden fei, er lehnte aber jeden Zwang ab. Die Besoldung der Assistenten in den süddeutschen Ländern ist immer- noch nicht völlig geregelt. Besonders schlimm steht es zur Zett noch in Hessen, wo die neu eintretenden Assistenten so schlecht bezahlt werden wie in keinem anderen Lande und wo die 2lbzüge für dienstliche Woh-
gerichtet, aber so langsam der Wagen auch lief, sie fanden sich nicht im Gespräch.
„Wissen Sie, ich hasse die Aptvs, die so rasen. 2lber wenn man drin sitzt, will man auch etwas davon haben. So kommen wir erst übermorgen an den Bodensee."
EngeLbardt rief es ihnen von hinten zu und schnitt sich dabei eine Morgenzigarre zurecht.
Ruth lachte.
Und gerade als der Doktor den Taschen- zünder an die Zigarre hielt, machte der Wagen einen Satz, daß es ihn beinahe den Bart gekostet hätte, und schoß wie wahnsinnig dahin.
Erst stieß sich Engelhardt die Zigarre an die Nase, statt in den Mund, bann bekam er keine Luft, beim zweiten Zug zu viel und beim dritten biß er sie glatt durch.
Tylander hatte fünfzig Kilometer cingc- schattet.
Ruth sah die Straße auf sie zuschießen. Der Wagen schien das weihe Band in sich hineinzuschlingen. Rechts und links massige grüne Kulissen, darüber eine flirrende ungeheure Bläue und in den Ohren das sanfte Sausen des Windes. Ein angenehmer Schwindel wie vom ersten Glase Wein, löste alle Schwere in ihr auf, wohlig wiegte sie sich, wenn der Wagen an den Kehren nach außen schwang. Dabei berührten sich ihre Schultern, und plötzlich hatte Ruth das Gefühl, als führen sie aneinandergeschmiegt ins Grenzenlose.
Gerhart Tylanders Hände lagen fest am Steuer. Er hielt die Obigen auf die Straße geheftet, schneller folgten sich die Vibrationen, die Ferne stürzte auf sie zu. Der Rausch der Geschwindigkeit hielt sie gefangen.
Da legte Engelhardt die Hand mit hartem Griff auf Tylanders Schulter. Das Rad rückte, der Anlauf verringerte sich, Häuser nahmen Gestalt an, die Trompete schrie, der Wagen stand, und in der Tiefe sahen sie den Rheinfall rauschen. Silberne Kaskaden, glasgrüne Stürze, Wollen bunfflimmernden Wassersiaubes, ein schwarzer Felsen als Turm breitnackig mitten im qualmenden Gischt, flüssige Säulen, die sich tanzend drehten, und blaugrün quirlende Tiefe.
Wie das Rauschen von tausend entfalteten Flügeln stieg das Echo des Falles aus dem Strome. Aufgeschlagen das Tal. weithinrollendes Hügelland und in der Ferne das kühngegipfelte Bild des Säntis.
nung und Verköstigung höher sind, als in allen anderen Ländern. Auch fehlt es noch immer an der gesetzlichen Regelung der Besoldung, die in den großen Hochschulländern besteht. Trotzdem die Universität Gießen und alle großen Parteien des Hessischen Landtages die Wünsche der Assistenten als berechtigt anerkannt haben, hat die Regierung diese Notwendigkeit noch nicht in ihrer Bedeutung für die Erhaltung eines tüchtigen wissenschaftlichen Nachwuchses durch ent'prechende Maßnahmen gewürdigt. Die geringfügige finanzielle Mehrbelastung sollte angesichts der kulturellen Bedeutung dieser Frage nicht ausschlaggebend fein. Was die hessischen Assistenten wollen, ist nur die berechtigte Forderung, daß sie ihren Slandeskollegen im übrigen Reich nicht nachstehen, eine Forderung, die sich nur zum Wohl der hessischen Hochschulen auswirken kann. Der Vertretertag beschloß, die süddeutschen Landesverbände auch weiterhin tatkräftig zu unterstützen und eine einheitliche und gleichmäßige Besoldung aller akademischen Assistenten durch Gesetz im ganzen Reich anzüstreben.
Volkshochschule Meßen.
Man schreibt uns: Die Volkshochschule beginnt am Montag, 26. Oktober, ihr neues Halbjahr. Es ist das 14. Der Arbeitsplan enthält wieder eine reiche Auswahl von Stoffen aus allen Gebieten des Wissens und der Lebensgestattung. Die Volkshochschule will keine Abendunterhaltungen bieten. Sie will auch nicht mit zugedrückten Augen an den vielen brennenden Tagesfragen vorübergehen, die heute jeden ehrlichen Menschen bedrängen. Sie will es auch niemandem leicht machen ober gar ihm Rezepte liefern, bei denen er sich beruhigen kann. Sie will aber auch niemand irgendwo „bekehren". Im Gegenteil: sie gibt in den Arbeitsgemeinschaften jedem Gelegenheit, seine Meinung in sachlicher Auseinandersetzung zu festigen. So will sie an ihrem bescheidenen Teil zur Heberwindung der Zerrissenheit unseres Volkes beitragen. Wahres Volkstum, wie es nur auf geistiger Gemeinschaft erwachsen kann, ist ihr Ziel. Sie wendet sich deshalb auch nicht nur an einen bestimmten Teil unseres Volles ober gar nur an eine Klasse, sondern an Menschen aus allen Kreisen und Ständen. Sie verlangt auch keine besondere Vorbildung von ihren Besuchern. Deshalb lasse niemand sich vom Besuch abhalten, weil ihm die angekündigten Stoffe zu schwierig erscheinen. Die Eigenart der Volkshochschule ist es gerade, ihn zu Selbstarbeit und zum Nachdenken zu führen und ihm die Mittel dazu zu zeigen. Sie übermittelt ihm auch den nöligen Wissensstoff. Zu den Arbeitsgemeinschaften im engeren Sinne rechnet bie Volkshochschule auch die Kurse in der Gymnastik, die die Menschen zu einer inneren Einheit von Geist und Körper führen möchte. Auf Einzelheiten über die Arbeitsgemeinschaften einzugehen, ist hier nicht möglich. Es seien nur noch kurz einige Neuerunge i im k iesma'-ige i Ar'eitsplar erwähnt. Die sog. Elementarkurse, d. h. die fremdsprachlichen unter ihnen, fallen in diesem Halbjahr nach reiflicher Heberlegung auf Grund der gemachten Erfahrungen aus. Der Deutschkurs, der die Teilnehmer im inündlichen und schriftlichen Gebrauch der Muttersprache fördert, ist dagegen selbstverständlich beibehalten und zu einer Arbeitsgemeinschaft ausgebaut worden. Von diesem Winter an will die Volkshochschule ferner versuchen, sich in Einzelvorträgen über Tagesfragen an weitere Kreise zu wenden, um so dazu beizutragen, die Diskussion über aktuelle Stoffe in ihrem Sinne fruchtbarer zu gestatten. Vorgesehen sind: Prof. Dr. Frick: „Amerikanische Eindrücke": Studienrat Dr. König: „Reichsboden und Volksboden im Westen": Pros. Dr. Mittermaier: „D'.e Unter uchungs- haft". Näheres darüber wird jewells bekannt gegeben. Schließlich sei noch der Gedächtnisabend für den Dichter C. F. Meyer erwähnt, der Ende November fein wird.. Der neue Literaturhistoriker der Hniversität, Prof. Dr. V i L- t o r, hat die Ansprache übernommen, Fräulein Müller, Wetzlar, wird vortragen. Alle regelmäßigen Kurse beginnen abends 8 Hhr in der Oberrealschule. In der ersten Woche ist es auf Grund der Ausweiskarte möglich, an jedem Abend einen Kurs zu besuchen und dann
Ruch hatte den Schleier aufgeschlagen und bie Drille gelöst. Ihre Wangen waren perlllar, ihre Lippen bunkelrot wie blutenbe Wunde.
Der Strom, bet ftäubenbe Fall, ber Felsen, der im Taumel bes Wassers unbeweglich ftanb — chre Gedanken waren plötzlich bei dem alten Mann im Fischerhaus am Lauffen und bei Hanns Ingold und seinem Werk.
„Verzeihung, Fräulein Ruth, ist Ihnen etwas? Din ich zu schnell gefahren?"
Mit ängstlicher Besorgnis ergriff er chre Hände.
Sie bewegte abwehrend den Kopf. Ein blasses Lächeln bat um Entschuldigung, als sie ihm die Hände entzog.
Da riß er sich zusammen, drehte sich zartfühlend um, deckte sie mit dem Rücken, damit ber Vater chre Bewegung nicht wahrnehme, und begann mit Engelhardt ein Gespräch, das ihr Zeit lieh, sich zu sammeln.
Sie sprachen von Wasserwerken und Industrien, und diesmal nahm Tylander mehr Interesse an Engelhardts Ausführungen, aber nur um diese zu bekämpfen. Der Industrielle regte sich in ihm. Einzelne Sätze klangen laut und klar an Ruths Ohr, und als er den Plan, in Rheinau unterm Lauffen ein Werk von dreißig- tausend Pferdekräften zu bauen, genial nannte, schlug es ihr rot ins Gesicht.
In gemäßigter Geschwindigkeit fuhren sie durch Neuhausen nach Schaffhausen und bann über Singen und Rabolfzell nach Konstanz.
„Hier haben wir ein Dutzenb Maschinen laufen". sagte Tylander, als sie unter dem Hohentwiel vorbeifuhren und Singen, das aufblühende Industriestädtchen, seine neuen Häuserzüge entwickelte.
Cs war ein Tag in Blau und Silber. Der Bodensee verschwamm am Horizont in einem perlmutterfarbenen Glanz.
Sie sahen auf der Terrasse des Inselhotels, vor sich bie gekräuselte, in mattsilbernen unb rosigen Tönen schwankende Wasserfläche mit ben malerisch geschwungenen Ufern. Lilienweiße Segel trieben wie verwehte Blütenblätter dahin. Von ben Bosketten unb ben Spalieren wehte ber Duft der Rebenblüten und ber Rosen.
Engelharbt tarn auf einen ausbündig gescheiten Einfall. Er wollte den leitenden Arzt des städtischen Krankenhauses besuchen, einen alten Bekannten, wie ec sagte. Sonst pflegte er
zu wählen. Eine ausführliche Heberficht über die Veranstaltungen enthält der Anzeigenteil der heutigen Nummer.
Oberheffen.
Landkreis Gictzen. . . A
Von der Strecke Lich—Grünberq.
ri. Seit Anfang Oktober verkehrt auf der Strecke Lich—Grünberg ein zweiter Sonntagszug, der vormittags 9,16 von Lich nach Grünberg fährt und um 11 Uhr von dort wieder in Lich ankommt. Da dieser Zug Anschluß in Lich an den 8,16 von Gießen abfahrenden Personeiuug hat und man auch abends 6,50 von Grünberg aus in Lich anfoflimen unb^ von dort nach Gießen weiterfahren kann, so ist damit den zahlreichen Leuten in Gießen, die Beziehungen zur hiesigen Gegend haben, die lang entbehrte Gelegenheit gegeben, ihr Ziel mit der Dahn zu erreichen. Wenn die Züge seither noch nicht sehr benutzt worden sind, so liegt das zu einem großen Teil daran, daß die Verwaltung ber Butzbach-Licher Dahn die Einlegung dieses Zuges nicht genüg enb be- kanntgemacht hat.
*
:—: Beuern, 20. Oft. Am-So^ntag feierte die hiesige Gemeinde ihr diesjähriges Erntedankfest. Die Konfirmanden hatten den Altar ber Kirche mit Früchten bes Feldes geschmückt, ber hiesige Kirchengesangverein verschönerte den Festgottesdienst durch zwei Chorgesänge. Den Dank für die reiche Ernte dieses Jahres bringt die Gemeinde bar, indem sie, wie auch in vergangenen Jahren, einige Wagen voll Feldfrüchte dem evangelischen Schwesternhaus in Gießen kostenlos zur Verfügung stellt. Anschließend an den Gottesdienst fand nach althergebrachter Sitte das Abendmahl für die Aeltesten unseres Dorfes statt. — Bei der am Sonntag in unserem Dorfe ftattgefunbenen Dorwah l zur Gemeinderatswahl machten von 685 Wahlberechtigten 479 von ihrem Wahlrecht Gebrauch, also rund 70 Prozent. 28 abgegebene Stimmen waren ungültig. Die meisten der abgegebenen gültigen Stimmen erhielten folgende Kandidaten: Daniel Ludwig (Sommertab (Bauernbunds 217 Stimmen, Konrad Wilhelm W i ß n e r (Bauernbund) 211 Stimmen. Phil. Wilhelm Sommerlad (Arbeiterparlei) 173 Stimmen, Ludwig Stein2. (Bauernbund) 156 Stimmen, Philipp Arnold (Bauernbund) 153 Stimmen, Johann Karl Bellos (Bauernbund) 144 Stimmen, Otuauft Ranft (Bauernbund) 133 Stimmen, Ludwin Muhl (Arbeiterpartei) 132 Stimmen, Heinrich Kumpf 3. (Neutral) 127 Stimmen. Es wurden also insgesamt gewählt sechs Kandidaten des Bauernbundes, zwei Kandidaten der Arbeiterpartei und ein Neutraler, während der alte ©cmeinberat fünf Vertreter des Bauernbundes, drei Vertreter der Arbeiterpartei unb einen Neutralen zählte. Von den seitherigen Mitgliebern des Gemeinderates wurden nur vier wiedergcwählt. Die Namen ber obengenannten Personen und ihre neun Ersatz* leute werden nun auf bie gemeinschaftliche Liste gesetzt.
ri. Lich, 19. Oft. Der hiesige unter Leitung von Stiftsdechant Lenz stehende Posaunen- ch v r, der dem Verband hessischer Posaunenchöre angeschlossen ist und schon öfters Gelegenheit hatte, der Gemeinde mit feiner Kunst zu dienen, feierte gestern feinen ersten Geburtstag. Es lag nicht im Sinne der Beteiligten, aus diesem Anlaß ein großartiges Fest zu veranstalten. Aber um so eindrucksvoller war die schlichte Feier, die zu diesem Gedenktag gehalten wurde. Der Posaunenchor wirtte im Nachmittagsgottesdienst mit, wo in Psalmengebet und Predigt der Sache gedacht wurde. Darnach war ein Zusammensein im Ge- meindesaal unter Mitwirkung eines Dlasquartetts aus Lang-Göns, das als Festgast gekommen war. und unter Leitung Don Weißbindermeister Boller seine Töne erschallen ließ.
ri. Kloster Arnsburg, 19. Oft. Die Lehrerin am hiesigen Rettungshaus für Mädchen, Fräulein Lydia Schmidt, die etwa sieben Jahre hier tätig war, hat Arnsburg verlassen, um in den Dienst der AeußerenMission zu treten . Sie wird wahrscheinlich einst nach weiterer Ausbildung in Berlin, die bereits begonnen hat.
sich von alten Bekannten fernzuhalten, aber heute machte er sich gewissenhaft auf den weiten Weg, um die beiden allein zu lassen.
„Don einem Kloster ins andere", scherzte Ruch, als sie so in ber friebevollen Stille bes ehemaligen Kloftergartens saßen.
Die Gäste bes Hotels waren ausgeflogen, nur ein paar Konstanzer Herren, die hier ihren Kaffee tranken, zogen unter einer ßtnbe grübelnd Schach.
Leise schlugen die Wellen an bie Terrasse. In ben Baumkronen flüsterte der Wind, und von ber Rheinbrücke her tönte bas metallische Dröhnen eines ausfahrenden Zuges.
Da legte Gerhart Tylander die Hand auf Ruths Arm, der dicht neben ihm auf der Lehne des Gartensessels lag. Nur einen Augenblick, , um chre Aufmerksamkeit zu fesseln unb eine unmittelbare Berührung herzustellen.
Langsam neigte sie ben Kopf. Sie wußte, was kam unb konnte--wollte ihm nicht ver
wehren zu sagen, was gesagt sein mußte.
„Fräulein Engelharbt, ich bitte Sie um Gehör für bas, was ich Ihnen jetzt sagen möchte. Cs ist ungefähr ein unb ein halbes Jahr her, ba berührte ich in unserer Fabrik bei einem Der- such mit elektrischen Lokomobilen bie Starkstromleitung. Fast ein halbes Jahr lag ich an ben Folgen zu Bett unb im Stuhl. Ich hatte vorher nur unser rastloses heißhungriges Hinstürmen gekannt, bas Erobern neuer Werte, bas Hinein- schmeißen von Energie, Kraft unb Kapital in Unternehmungen, bie uns ebensogut verschlucken wie in bie Höhe tragen konnten. Sie. gnäbiges Fräulein, sind zu früh in Ihre Wilbnis verschlagen worben. Sie können bieses Arbeits- unb Erfolgssieber, dieses allgemeine Wettrennen, dieses explosive Derdienenwollen in feiner schwindelnden suggestiven Gewalt nicht fassen. Vielleicht gab Ihnen bas bißchen Autorasen heute früh eine schwache Vorstellung. Ich hatte dasselbe Tempo zum normalen meines Lebens gemacht, wie wir alle. Auch mein Leben außerhalb des Geschäftes lief mit ber großen Geschwindigkeit. Hnb nun auf einmal aus, ber Motor abgestellt, sogar das Gefühl dafür erstorben, ruhender Pol. Ich glaube, Sie vermögen daS besser nachzufühlen, wenn ich nicht versuche, Worte für diesen Zustand zu finden. Hnb bann — —> fam ich nach Rheinau, unb bann kamen Sie." .
(Fortsetzung folgt.)


