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21.10.1925
 
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«r. 24z Erstes Blatt <d

175. Jahrgang

MMwoch, 21. Gttober 1925

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SietzenerAnzeiger

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Amerika, Rußland und

I Locarno und der Friede.

Unsere Generation, die die letzten elf Fahre des Grauens und der Enttäuschung durchlebt hat, ist ein Geschlecht der Ungläubigen und Skeptiker geworden. Wir mußten in diesem Jahrzehnt des Hasses und der Lüge das edle Feuer der Begeiste­rung erlöschen den elastischen Schwung kühnen Gedankenflugs Gefühlen bitterer Skepsis weichen iehen. Wieder und wieder gedemütigt und ent- läuscht, haben wir gelernt, unsere Hoffnungen und Plane zurückzudämmen. Ein Meer unendlichen Mißtrauens als Folge eines falschen und törichten Friedens walzt sich zwischen die Völker der Welt, «'wischen Sieger und Besiegte, zwischen große und Heine Nutznießer des Versailler Bertragswerkes, -wischen die Weltmächte selbst, denen cs nicht ge­lingen wollte, durch das Diktat von Versailles ihrer neuen Staatenordnung ein festes Fundament zu reden. So sind auch in diesen Tagen Mißtrauen, Argwohn, Skepsis die vorherrschenden Gefühle, mit denen die Welt und namentlich das deutsche Volk die Vertragsentwürfe in die Hand nimmt, die als Ergebnis der Konferenz von Locarno gestern der Oeffentlichkeit unterbreitet wurden. Wir ßitchen in dem uns Alltagsmenschen nicht leicht zu­gänglichen juristischen Formelwerk nach verborgenen rjaUen, nach neuen. Fesseln und Schlingen. Wir sind 511 ost schon grausam getäuscht worden, als daß wir mit Herrn Chamberlain rufen könnten:Das Werk oon Locarno ist der wirkliche Friedensvertrag von Europa". Und doch müssen auch wir alle bitteren . unb skeptischen Gedanken, mögen sie an sich noch so berechtigt fein, beiseite schieben, um mit freiem ftopf und nüchternem Verstand Vorteile und Nach- adzuwägen.

Blicken wir zurück auf den Leidenswe g des - deutschen Volkes, von Versailles über die Besetzung des Maingaus, das Londoner Ultimatum, die Be- ieRung der rheinischen Sanktionsstädte, den Der- 1 lüft Öberschlesiens, die wirtschaftlichen Sanktionen, (5ntwafsnungsrepressalien und Leipziger Kriegs- beschuidigtenprozesse, über das Wiesbadener Ab- k ommen, über die Neparationskonferenzen von (Sannes, Genua, London und Paris, über dieRuhr- l»esetzung, die Separatistenumtriebe schließlich zum ISonboncr Abkommen, zur Räumung des Ruhr­gebiets und der Sanktionsstädle dis zur Konferenz l'»n Locarno. Es sind Wandlungen von Versailles b is Locarno, das muß auch der Pessimist zugeben, Unsätze zu einer Neuorientierung in der euro­päischen Politik, der Anflug eines europäischen Ge­meinschaftsgefühls, das langsame Aufdämmern der Sckenntnis von einer europäischen Solidarität, einer europäischen Notgemeinschaft gegenüber der Finanzdiktatur Amerikas, gegenüber dem Bolsche­wismus RußlandsUnb Asiens, gegenüber dem ivachsenden Selbstbewuß^sein der 'unterdrückten nhwarzen und gelben Rassen. So vage und abstrakt H 11J15 heute noch Coudenhoves paneuropäischer Ge- iicmFc scheint, zweifellos hat er mitgeholfen, den i-cist vorzubereiten, der Locarno ermöglichte: die Konferenz von Gleichberechtigten, bei der rs fein oben und unten, keine Sieger und Besiegte 'lab. Und schon allein diesSchluß mit allen ein- eitigcn Diktaten!", diese Arbeit mit dem Ziel 'Tctroilligcr Vereinbarungen ist ein unge­heurer Erfolg deutscher Außenpolitik, die zwar mit »:chselndem Geschick, aber letzten Endes doch er- Mlgreid) Deutschlands Gleichberechtigung im Rat ter Völker durchsetzte und damit de facto auch den iöiberruf der Kriegsschuldlüge erzwang.

Das Vertragswerk selbst enthält manches, was ras die Zustimmung nicht leicht machen wird. H'mnerhin ist es der deutschen Delegation gelungen, ten Driand-Skrzynskischen Entwürfen die ärgsten Äst zähne auszubrechen. Vor allem in den --ch fedsoerträgen ist die deutsche Auffassung nn allen Punkten restlos durchgedrungen. Kein Wort mehr von einer französischen Garantie für Volon, kein Wort mehr von einem Verzicht auf Mi? in Versailles den Polen zugesprochenen Gebiete 11 ab Oberschlesien. Die Schiedsverträge lehnen sich arg an die Verträge Deutschlands mit der Schweiz, mit Finnland und Schweden an. Sie machen dem Sammelbegriff derAlliierten" ein Ende, Deutsch» fcnö steht oon nun ab jeder einzelnen Macht als jMichberechtigler Partner gegenüber. Besonders bwbeutfam ist, daß auch die Streitfragen aus dem ÜStrfaiUer Vertrag jetzt dem Schiedsverfahren unter- utarfen werden, damit also einseitige Auslegungen bis Versailler Vertrages und des mit ihm eng Dirrfnüpften Rheinlandabkonunens durch die be- r^chligten Ordonnanzen in Zukunft unterbunden siwd.

Der W e st p a k t, der Ausgangspunkt für das qamze Vertragswerk, sieht keinen Verzicht auf isaß-Lothringen vor, sondern lediglich den Ver­zicht auf Rückeroberung mit den Waffen in der fanb. Auch hier ist es also der deutschen Dele­tion gelungen, sich durchzusetzen. Dagegen hat sie nicht vermocht, aus bem Brianbschen Plan die Müngung des Eintritts Deutschlands in ; d en Völkerbund als Voraussetzung für das "iiifrafttreten des Paktes (Artikel 10) zu beseitigen. 'Licht gelungen ist es ihr ferner, was wir besonders iLmerzlich empfinden, für den Kautschukparagra­phen 16 bes Völkerbundsstatuts bindende Aus­legungen zu erhalten, die unsere Befürchtungen bisichtlich des Durchmarschrechts bei inter­nationalen kriegerischen Konflikten zerstreuen fünfen. Die Interpretation der Locarnoer Negierten (Anlage F) ist immer noch dehn­bar genug, um gegebene».falls Deutschland moralisch ins Unrecht zu setzen und seine Teilnahme an Sanktionsmaßnahmen irgendwelcher Ät zu erzwingen. Chamberlain und Briand haben sich hier hinter die formelle Unmöglichkeit verschanzt, von sich aus den Beschlüssen des Völker- hiitbes vorzugreifen. Als unbestrittene Beherrscher bes Völkerbunbsrats werben sie nun dafür Sorge ML tragen haben, daß der Rat den strittigen Ar- lifil 16 so präzise ausfegt, daß er für Deutschlands

Völkerbund und Abrüstungskonferenz

Frankreich gegen Coolidge.

Washington. 20. Oft. (WB.) Präsi­dent Coolidge er Härte, seiner Ansicht nach werde eine Konferenz zur Beschränkung der Rü­stungen in Europa der Welt zum Segen und Ruhen gereichen. Er hoffe, daß die Ergeb­nisse von Locarno die Einberufung einer solchen Konferenz beschleunigen werden. 3m Weißen Hause erklärt man, daß. wenn es für Europa möglich sein sollte, ein Hebereinfommen hinsichtlich einer Beschränkung der Rüstungen zu Lande zu erreichen, Präsident Coolidge einen solchen Schritt begünstigen werde. Der Präsident sei der Ansicht, daß eine weitere Beschränkung der Rüstungen zur See von einer Konferenz in Amerika mit Hoffnung auf ein erdölreiches Liebereinkommen in Betracht gezogen werden könne. Präsident Coolidge erkenne an, daß von der Regierung in Washington in bezug auf die Einberufung einer Konferenz zur Beschränkung der Seerüstungen kein Schritt unternommen wer­den könne, bis die interessierten Mächte darüber sondiert worden seien.

Coolidge wünsche inzwischen, daß die Re­gierung in Washington, ohne die Interessen der Länder zu gefährden, alles in ihrer Macht stehende tue, um die Lage in Europa zu bessern, und zwar durch Schaffung eines Abkommens über die Rüstungen zu Lande.

DerRew Port Harald" berichtet aus Washington, daß die politischen ameri­kanischen Kreise das Ergebnis der Konfe­renz von Locarno kritisch zu betrachten be­ginnen. Hiesige Persönlichkeiten, besonders die Partei des Senators Borah bezweifelten, daß der Sicherheitspakt eine Herabsetzung der Rüstungen zur Folge haben werde. Sie hätten den Verdacht, daß die Konferenz ein G leich- gewicht der europäischen Kräft her­gestellt habe, das kaum ungefährlicher sein werde als die früheren Abmachungen. An­dere Politiker befürchten sogar, daß das Ergeb­nis der Konferenz gegen die Bereinigten Staaten gerichtet sei, besonders, was die Schuldenfrage anlange.

3n Paris ber% t trän in den letzten Tagen mit großer Au.-iercsanckeit und nicht geringem Qttifitrnucn die Rachrichten aus Amerika über den angeblichen Plan des Präsi­denten Coolidge zur Einberufung einer Entwaff­nungskonferenz in Washington. Rachdem die Zei­tungen mit großer Schärfe diesen Schritt der Ber­einigten Staaten kritisiert und überwiegend ab­gelehnt haben, nimmt man heute befriedigt davon Kenntnis, daß die Absicht des amerikani­schen Präsidenten widerrufen wird.

Man stellt den Vorgang so dar, als ob die amerikanische Regierung zu der Erkenntnis gekommen wäre, daß die europäischen Staa­ten durch ihre gegenseitige Annäherung in Locarno die Macht keä Völkerbundes ver­stärkt hätten und daß es eine Taktlosigkeit von Amerika sei, gerade in diesem Augen­blick sich in die europäischen Verhältnisse einmischen zu wollen.

Die Erklärung Chamberlains, daß der Völ­kerbund sich mit der Entwaffnungsfrage be­schäftige und daß es seine Sache sei, die An­gelegenheit weiter zu verfolgen, hab: also ihre Wirkung getan. Mtt welchem Mißbehagen man in Paris die Aussicht auf eine amerikanische Intervention betrachtet, läßt dieInformation" erkennen, die u. a. schreibt: Die Amerikaner haben hinreichend erkennen lassen, daß sie, mit Ausnahme einer kleinen Elite, Europa voll­ständig verkennen und seine Psychologie falsch beurteilen. Ihre Außenpolitik ist ganz von ihrer Innenpolitik beherrscht. Wir haben noch vor kurzem sehen können, wie Senator Borah und seine Freunde den wirtschaftlichen Wieder­aufbau und die Einigkeit des alten Kontinents auffassen. Darnach müssen bic Amerikaner sich jetzt darin finden, daß wir uns mit uns selber beschäftigen und die Bedingungen unserer Sicherheit, zu denen sie trotz der Anstrengungen Wilsons, nicht beitragen konnten, unter uns ausmachen.

Ein neues Aushebungsgesetz in Amerika.

London, 21. Okt. (WTB.-Funkspruch.)Mor- ning Post" berichtet aus Washington, dem Kongreß werbe in ber kommenden Session ein Gesetzentwurf

Eintritt- in den Völkerbund kein Hindernis mehr bildet.

Die bitterste Enttäuschung für das deutsche Volk bildet wohl der Komplex der sog. Rückwirkun­gen. Hier muß man von einem offensichtlichen Mißerfolg der deutschen Delegation sprechen. Die Verhandlungspartner haben sich für nicht bevoll­mächtigt gehalten, hierin irgendwelche schriftlichen Zusagen zu machen. Lediglich ber Passus im Schlußprotokoll, ber die Ueberzeugung ausspricht, daß bie Inkraftsetzung ber Vertrage in hohem Maße dazu beitragen werbe, eine moralische Ent­spannung herbeizusühren unb die Lösung vie - ler politischer unb wirtschaftlicher Probleme gemäß den Interessen unb Empfin­dungen der Völker stark erleichtern werde, lediglich diese Auslassung könnte man als ein Zu,

oorgelegt werden, der in Kriegszeiten auto­matisch die gesamte männliche Be­völkerung des Landes mobilisieren würde. Nach demEntwurf sollen alle Männer zwi­schen 18 und 48 Jahren aufgefordert werden, sich in entsprechende Listen einzuschreiben. Bon diesen wer­den alle Männer zwischen 18 unb 30 Jahren zur Mu sterungherangezogen. Ausnahmen wer­ben nicht bewilligt. Männer, die aus gewissen Be­schwerden oder infolge körperlicher Mängel zum Kampfe nicht geeignet sind, würden in der I n - dustrie und Landwirtschaft verwen- d e t werden.

Die Rückwirkungen auf Rußland.

Der russische Botschafter beim Reichs­autzenminister.

Berlin, 20. Okt. (TA.) Der russische Botschafter in Berlin, K r e st i n s k i, der sich gleich am ersten Tage nach der Rückkehr der deutschen Dele at on keim deutschen Außenminister angesagt hatte, ist am Montagnachmittag von Dr. Etrefemann zu einer längeren Besprechung über den Vertrag von Locarno empfangen worden.

Der der französischen Regierung nahestehende Q u 0 t i d i e n" stellt zum ersten Male aus­drücklich fest, daß auf der Locarnoer Konferenz bedeutende Erklärungen hinsicht­lich Rußlands abgegeben wurden. Der ge­naue Wortlaut dieser Erklärungen werde an dem Tage bekanntgegeben werden, an dem man sich dazu entschließen werde, den Bericht der Vollsitzungen der Konferenz zu veröffent­lichen. Auf alle Fälle habe Otrefcmann ausdrücklich hervorgehoben, daß Deutschland durch die plnterzeichnung des Paktes und den Ein­tritt in den Völkerbund nicht gewillt sei, seine guten Beziehungen zuRuhland aufzugeben. Briand erklärte hierauf nachdrücklich, es sei ihm nie in den Sinn ge­kommen, daß die Abmachungen von Locarno als ein gegen Rußland gerichteter Pakt ausgelegt werden könnte.

Bändervelde betonte seinerseits, daß seine Regierung, wenn sie auch noch nicht offizielle Beziehungen zu Sowjetrußland wieder angeknüpft habe, auf keinen Fall einem Pakte zustimme, der auf die Einkreisung Rußlands hinziele. Wenn die Verhandlungen von Locarno dieses Ziel verfolgt hätten, so würde er an ihnen nicht teilgenommen haben. Schließlich erklärte Chamberlain, daß, wenn er auch kein Wort über den praktischen Wert der Anerkennung Sowjetrußlands durch Großbritannien, bie von einer früheren Regierung vorgenommen worden sei, verlieren wolle, er doch ausdrücklich hervorheben möchte, daß Groß­britannien nicht daran denke, daß der Sicherheits­pakt eine Spitze gegen Rußland enthalten solle. Hrarttreichs Zusatzverträge mit den Ostmächten.

Berlin, 20. Okt. (TU.) In einer Bespre­chung der von uns gestern schon gemeldeten öst­lichen Zusatzabkommen Frankreichs, bemerkt der Lokalanzeiger":Aus dem Wortlaut, dessen Richtigkeit uns von offizieller französischer Seite bestätigt wird, geht hervor, daß es sich nach dem Willen Frankreichs keineswegs um eitel Schaumschlägerci handeln soll, sondern um ganz reale militärische Hilfe für die beiden Ostvölker. Entscheidend ist, daß Frankreich Polen und der Tschechoslowakei für den Fall einer Richt- einigung des Völkerbundsrates Waffenhilfe auf Grund des Artikels 15, Absatz 7 des Völker- bundspaktes verspricht. In der Tat gibt dieser Abs. 7 jedem einzelnen Völkerbunds- Mitglied fein individuelles Krieg ch - führungsrecht uneingeschränkt zu­rück. und zwar unter Vorbedingungen, die jeder Staat, wenn er wolle, sehr leicht erreichen kann. Die entscheidende Frage ist, das stellt sich jetzt -durch das Rebeneinandersteklen von Rheinpakt und Frankreichs Ostabkommen zweifelsfrei her­aus, von vornherein gegen uns entschie­den, denn Artikel 2 des Rheinpaktes stellt als dritte Ausnahme, bei der die Rheingarantie nicht gilt, auf,eine Aktion, die auf Grund einer Ent­scheidung der Versammlung oder des Rates des Völkerbundes oder auf Grund des Artikels 15 Absatz 7 der Dölkerbundssahung erfolgt, voraus­gesetzt, daß sich die Aktion in diesem letzteren Fall gegen den Staat richtet, der zuerst z u nt Angriff geschritten i st und es ergibt

geftänbnis an bie deutsche Rückwirkungsforderung deuten. Inwieweit es nun in den kommenden Wochen Briand in Paris gelingen wird, diese leere Formel des Locarner Schlußprotokolls mit Inhalt zu erfüllen, inwieweit also Briand über bie selbst­verständliche Räumung Kölns hinaus Erleichterun­gen im Besaßungsregime, Konzessionen in der Ab­kürzung ber Besatzungsfristen für Rhein unb Saar durchsetzen wird, davon hängt letzten Endes das Schicksal des ganzen Vertragswertes ab. Denn ohne eklatante Beweise für denguten Willen" Frankreichs, eine Periode des Hasses unb bes Mißtrauens zu beenden unb an ber Herstellung des wahren Friedens mitzuarbeiten, wirb sich bas deutsche Volk schwerlich bereit finden, Bindungen auf sich zu nehmen, die neben manchen Vorteilen doch auch ernste Gefahren in sich bergen. Daß keine

Locarno.

sich, daß diese Ausnahme genau der Konstruktion entspricht, die Frankreich in seinen Ostcrbtommen für das Eintreten seiner militärischen Hilfe ge­wählt hat. Das Mißtrauen gegen die französischen Zusatzverträge stellt sich als voll berechtigt her­aus. Die sranzösische Ostgarantie durch die Vor- dertür entfernt, ist durch die Hintertür in ihrer vollen Tragweite wieder d a."

Zu dem gleichen Thema bemerkt de Etrese- mann nahestehende ..Tägliche Rundschau": Briand hat am Schluß der Konferenz den beut* scheu Delegierten mitgeteilt, daß Frankreich neue Verträge mit Polen unb der Tschechoslowakei abgeschlossen habe und daß diese Verträge den deutschen Delegierten zur Einsicht offen ständen. Die deutschen Delegierten haben aber die Ein­sicht in die Verträge abgelehnt, da sie in keiner Weis« mit diesen Verträgen etwas zu tun hatten, ihnen auch nicht durch Einsichtnahme eine besondere Bedeutung zulegen wollten, sondern auf dem Standpunkt standen, daß das Verhältnis Deutschlands zu Frankreich einerseits und zur Tschechoslowakei und Polen andererseits durch die in Locarno paraphierten Ver­träge fest gelegt sei." Zur Frage der Grenz­regulierung im Osten bemerkt das Blatt:Polen hat sich in Locarno auf den Standpunkt gestellt, daß alles beim alten bie'be und die Po­litik des Vertrages von Versailles fortgesetzt: werden müsse. Es stand aber in Locarno allein, da der Außenminister der Tschechoslowakei die Veränderung früher erkannt und seine Politik neu orientiert hatte, noch bevor er nach Locarno abgereift war. Manches, was noch nud der Rachkriegszeit in die neue Aera hinüber« geschleppt war, ist mittlerweile erstarrt und un­zeitgemäß geworden und kann bei Auswirkung des Paktes auch nicht mehr 5um Leben erweckt werden. Die Verträge Frankreichs mit den Ost- ftaaten bedeuten daher weder eine Beun- ruhigu n g nocheineBeeinträchtigung der in Locarno geschaffenen Friedensgrund­lage."

Das Rheinland und der Vertrag von Locarno.

Berlin, 20. Olk. (WB.) Auf Einladung der Reichsregierung fanden sich heute nachmit­tag in der Reichskanzlei eine größere Anzahl von Vertretern der besetzten Gebiete ein. Außer den Reichstags- und Landtagsabgeordneten waren Vertreter der Staats- und Kommunalverwaltun­gen, der Wirtschaft und der Gewerkschaften er­schienen. Der Reichskanzler und der Reichs­minister des Auswärtigen gaben eine Dar­legung der Vertragsentwürfe von Locarno unter besonderer Berücksichtigung ihrer Mitwirkung auf die Rhein la ndsra- g e n. Die eingehenden Darlegungen des Reichs­kanzlers und des Reichsaußenministers verfehl­ten oftensichtlich nicht ihren Eindruck bei den Teilnehmern. Es wurde allgemein zum Aus­druck gebracht, daß das deutsche Volk beiden Männern und ihren Mitarbeitern für ihre Arbeit auf der Konferenz zu besonderem Dank verpflichtet sei. Zu der großen politischen Frage, ob das Abkommen annehm­bar oder nicht annehmbar sei, wurde nicht Stel­lung genommen. Der Zweck der Besprechung war auch nicht der, eine solche bestimmte Stellung­nahme aus den Kreisen des Rheinlandes ent­gegenzunehmen. Dagegen hatten die rheinischen Vertreter ausgiebige Gelegenheit, ihre Wünsche und Forderungen bezüglich des Rheinlandes und der Rückwirkungen des Paktes auf das Rheinland auszusprechen. Sabot kam die lebhafte Enttäuschung allerseits zum Ausdruck, daß es nicht gelungen war. in Lo­carno bindende Abmachungen über Er­leichterungen für das beseht.' Gebiet festzulegen, mit Ausnahme der immerhin nicht unwesent­lichen Bestimmung, daß jn Zukunft die Hand­habung auch des Rheinlandsabkom­mens unter derSchiedsgerichtsklau- sel des Paktes stehen soll. Die Annahme des Paktes wird nach rheinischer Auftassung davon abhängen müssen, ob die von den frem« Den Staatsmännern in Aussicht gestellten ein­schneidenden Auswirkungen im Rheinland in den nächsten Wochen wirklich eintreten oder nicht.

Dorstandssitzung der deutsch- nationalen Reichstagssraktion.

Berlin, 21. Oft. (TU.) Gestern abend fand eine Dorstandssitzung der deutschnationalen Reichstagsfraktion statt, in der das Ergebnis

schriftliche Verpflichtung zur Erfüllung unserer Rückwirkungsforderungen vorliegen, wird es Briand und Chamberlain wesentlich erleichtern, für ihre Politik des Ausgleichs die Unterstützung ihrer Parlamente zu finden, da es freiwillige Zugeständ­nisse sind, die sie dem Vertragspartner aus eigener Initiative machen sollen. An uns Deutschen wird es also kaum liegen, wenn der Weg, den man in London betrat und nun in Locarno unter so glück­lichen Auspizien fortsetzte, schließlich doch nicht zum Ziel führt. Wir haben in Locarno unsere Bereit­willigkeit bewiesen, unter die Vergangenheit einen Strich zu ziehen, der nächste Schritt liegt bet den Alliierten. Erst dann wird für uns die Frage akut, ob wir die in Locarno nur erst paraphierten Ver­trage «in London unterzeichnen wollen oder ob sie für uns unannehmbar sind,