Einzelbild herunterladen

forderten ihre Landsleute auf, in eine allgemeine Trauer einzutreten. sich an keinem einzigen Ver­gnügen zu beteiligen, damit auch diese Hot ein würdiges Geschlecht finde. Wo sollen wir aber hinkommen, wenn unsere Kinder nicht mehr im deutsch-evangelischen Gei st e erzogen werden. Sie gehen dem Deutschtum, sie gehen dem Evangelium unrettbar verloren. Zwar wissen wir, daß die Abtretung unseres Gebietes nicht ohne Gottes Willen vor sich ging, und Gott macht keine Fehler. Es ist uns auch nicht verborgen, daß für uns jetzt erst recht das Apostelwort gilt:Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat." Uni) wir »vollen es ernst nehmen mit der Erfüllung dieses Wortes. Wir tonnen auch nicht ver­schweigen, dah seil den Tagen Pharaos Staaten gegen die Minderheiten meistens eine harte Po­litik getrieben haben. Und daran ändert auch nichts die Tatsache, die um der Wahrheit willen ausgesprochen werden soll, dah manche, die diese Politik auszuführen haben, es nicht mit frohen Herzen tun. Aber auf der andern Seite wollen wir auch nicht verschweigen, dah die Hot uns gerade fest zusammenschweiht. Jedoch wenn das Leid einen trifft, dann kommt man sich doch zu­weilen darunter vor wie der Wurm, der getreten wird, ilnb wenn ich heute als Vertreter der evan­gelischen Kirche in Polen vor euch stehe, soll ich etwa zu euch sagen: Kommt herüber und helft uns, schickt uns Pastoren und Lehrer. Wenn ihr es tun wolltet, eure Sendlinge würden zu diesem Zweck niemals über die Grenze gelassen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, diesen Kampf müssen wir allein kämpfen, allein mit unserem Gott, und darauf tonnt ihr euch verlassen: wir werden nicht verzagen. Wenn ich euch aber um etwas bitten darf, dann ist es das: Drüder und Schwestern, denkt an uns, Brüder und Schwestern, betet für uns!

Tie evangelische n Kirchengesang­vereine des Dekanats Giehen sangen anschlies'.cMdLobt Gott getrost mit Singen", dann folgte der GemeindegesangFahre fort, fahre fort, Zion, fahre fort im Licht!"

Als Vertreter Deutsch-Oesterreichs sprach nunmehr

Pfarrer D. Mahnert, Innsbruck:

in längerer "Rede in Versen über die nationale Hot aller Deutschen. Auf diese Rede werden wir morgen zurückkommen.

Dr. Frhr. von Hehl zu Herrnsheim

sprach hierauf herzliche Dankesworte zunächst an die Redner, denen die Versammlung im Anschluh an die Reden schon durch lebhaften Beifall ge­dankt hatte, hierauf an die Stadt Gießen für die freundliche Aufnahme, dann in die Kirchen- gefangvereine und an die Posaunenchöre. Zum Schluß forderte er zur regen Llnterstühung des Gustav-Advlf-Dereins auf, der zur Lösung seiner vielen dringenden und großen Aufgaben der TInterftützung bedürfe .damit er unseren Aus- landdeutschen und den üchkigen Volksgenossen in der Diaspora kräftig beistehen tonne.

Als Beken ntnis der innigen Ver­bundenheit mit den bedrängten Glauben-- und Stammesgenossen wurde in der Hauptversammlung sowohl wie in den Parallelversammlungen die folgende Gnt- sch^iehung einstimmig angenommen:

Wir hören eure Rot, wir wollen an euch denken, für euch beten, für euch arbeiten.

Mit dem gemeinsamen LiedGin' feste Burg ist unser Gott" schlossen die erhebenden Ver- .sammlungen in und vor der Festhalle.

Die Parallelversammlungen.

k. Infolge Ueberfütlung der Festhalle wurde etne zweite Versammlung am Musikpavillon auf Ibem Trieb, eine dritte gegenüber dem Schühen- xj^aufe abgehalten.

In der Versammlung auf dem Trieb sprach , nach einem Choral des Posaunenchors Gambach 'einleitend Dr. Kübel, Frankfurt a. M. einige Degrüßungsworte. Er wies auf die De- deutung der Gustav-Adolf-Feier hin und betonte, wie außerordentlich notwendig es fei, den kleinen evangelischen Gemeinden, die um ihren Glauben kämpfen, zu zeigen, daß das deutsche evangelische Volk hinter ihnen steht. Rach dem gemeinsamen Lied:Lobe den Herren" sprach zunächst ein Pfarrer aus Polen. Er führte u. a. folgendes aus:Im Zeichen Gustav Adolfs grüßen wir euch. Tausende haben unser Land verlassen müs­sen, um ihres Glaubens willen. Seid froh, daß

Der gefesselte Strom.

Roman von Hermann Stegemann.

15 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Ich besichtige meine Besitzungen, old fellow. Wer weiß, ob es dem Karl Gilgen oder dein Peter Hohwald nicht einfällt, sich wieder als Herren zu betrachten, weil mich die Rheinauer mit meiner Weisheit heimgeschickl haben!"

Eifrig fiel Hermann ein:

Hanns, ich habe auch gelesen, was du geschrie­ben hast. Und ich und Fräulein Ruth" Er brach ab.

Als er am Abend von Ruth weg zu Hanns geeilt war, haket er feiern Bruder nichts von ihrer Anwesenheit gesagt. Auch jetzt bedrückte ihn das Gefühl, beinahe ihr Vertrauen mißbraucht zu haben. Eine rote Flamme schoß in sein Gesicht. Er sprach nicht weiter.

Hanns zuckte zusammen, als Ruths Warne ge­nannt wurde. Der Sinn des abgebrochenen Satzes war ihm entgangen. Nur der Warne haftete in feinem Ohr. Eine ungeheure Sehnsucht brach sich plötzlich in ihm Bahn und schwemmte alle Pläne und Enttäuschungen, alle Sorgen und Kämpfe fort.

Er richtete sich auf, fuhr sich über das zuckende Gesicht, umfaßte noch einmal die Heimat mit einem langen, inbrünstig heischenden Blick, als könnte er sie an sich ziehen und in sich saugen, und legte dann beide Hände auf Hermanns Schultern.

Bub, ich habe hier keinen Menschen außer dir"

Und ich glaube an dich!" rief der Knabe mir rauher Stimme, warf die silberne Beute ins Gras und packte den Bruder an den Hüften. 3m sommer­sprossigen Gesicht leuchteten die Augen seltsam grün und blau wie der Rhein, wenn die Sonne schräg in die Flut stach. Die hohe weiße Stirn tauchte ghän- zend aus dem wilden roten Haar, das er im Auf­blicken stürmisch zurückwarf. Seine Finger gruben sich in die Hüsten des Bruders und preßten ihn an sich.

Usstumklammert standen sie auf dein grünen 11 cifcn, vom Rauschen des Rheins umtost, und .achten Luftstrom atmend, der von den Schncl- »... herüberstrich.

eure Kinder ungehindert die evangelische Schule besuchen dürfen, uns hat man im neuen pol­nischen Land die Schulen genommen und der Freiheit beraubt. Weil wir unseren Glauben verteidigen, werden wir als Feinde angesehen. Wir halten auf Vorposten gerne aus, wenn wir wissen, daß hinter uns eine Masse steht, die treu bleibt in der Kraft des evangelischen Glaubens. Gut evangelisch und'gut deutsch aller­wege, das helfe Gott." Rach dem gemeinschaft­lichen Lied:Ach bleib mit deiner Gnade" sprach Pfarrer D. Dr. Saul, Rektor, Gallneu- kirchen in Oesterreich. Er überbrachte Grüße aus seiner Heimat, schilderte, wie vor 400 Jahren der erste evangelische Blutzeuge in Wien hingerichtet wurde, wies auf den vor 300 Jahren stattgefundenen Bauernkrieg mit seinen vielen Grausamkeiten hin und zeigte, wie vor 200 Jah­ren Tausende unserer österreichischen Glaubens­genossen durch List und Gewalt der evangelischen Kirche wieder genommen wurden. Erst vor hun­dert Jahren habe der evangelische Glaube in Oesterreich wieder richtig Wurzel gefaßt durch die Schaffung des größten evangelischen Liebes­werkes in Oesterreich, genannt Bethel-Oesterreich, sowie durch die Gründung des Evangelischen Ver­eins für Innere Mission usw. Heute sei wieder Leben in der evangelischen Kirche in Oesterreich. Als weiterer Redner sprach ein Pfarrer aus Galizien. Er wies darauf hin, daß vor 140 Jahren deutsche Brüder nach Galizien ausge» wandert seien, deren Rachkommen heute noch in kleinen evangelischen Gemeinden deutsches Volks­tum pflegten. Sie empfänden auch heute noch Sehnsucht nach der Heimat ihrer Väter. Sie seien treu geblieben, wenn sie auch nicht ihren Glauben und ihre Sprache bekennen dürften. Dank der Kirche seien sie heute noch deutsch und evangelisch. Durch Verordnungen der dortigen Regierung seien die Schulen bedroht, schwere finanzielle Opfer müßten gebracht wer­den, 11 Schulen seien schon aus Man­gel "an Mitteln eingegangen. Erhoffe auf die Opferfreudigkeit seiner deut­schen Glaubensgenossen. Er schloß mit den Worten: Ev angelifch hier und dort.deutschbisindenTod. Rach einem Choral des Posaunenchors sprach Dr. Kübel, Frankfurt a. M. ein kurzes Schlußwort nebst Gebet.

Römischer Bries.

Rom, Mitte September.

Don unserem römischen ?-Korespondenten.

Mussolini versprach, aus der ewigen, der zwei­mal thronenden Stadt die Hauptstadt der Welt zu machen. Das war damals, als er mit feierlichen Worten seine Dankbarkeit dafür ausdrückte, soeben auf dem Kapitol die Würde erhalten zu haben, die ihm fortan erlaubte, zu sagen: Civis romanus sum! Denen das Versprechen gegeben wurde, die Italiener urbi et orbi, sie hörten es mit ungetrübtem patrio­tischen Stolz, die Archäologen aller Länder freuten sich über die grandiosen Geburtstagsgeschenke, die Rom sofort erhielt, wie die Ausgrabung des Auaustussorums, die Fremden über die Bahn nach Ostia, nur die guten Quinten selber trauten sich etwas verlegen den Bart denn an ihnen lag es ja schließlich, die nötigen Soldi für einen derartigen Ausbau der Tiberstadt aufzu­bringen. Jeder Spalenstich vermehrte zwar das ideelle Nattonalvermögen, aber auch d i e Steuern. Die Leutchen in Florenz und Palermo hatten gut lachen, die Römer aber mußten zahlen. Augustus, dachten sie im stillen, Augustus hätte dem Spaten auch einen goldenen Griff gegeben ....

Das ging Mussolini begreiflicherweise zu Herzen, wenn auch sein Vorbild mehr Julius Cäsar ist. Er beschloß also, mit einem einzigen Aufräumen die Hindernisse auf dem Wege zur Welthauptstadt aus dem Wege zu schaffen und aus der Stadt Rom einen jeldstänbi - gen Staat zu machen. Ein Gouvernat, mit einem Gouverneur an Stelle des Bürgermeisters. Damit mußte der kleinliche kommunale Steuerkram fallen, die Pfennigfuchserei, das mühsame Zusam­menscharren, bevor man ans Ausgeben denken konnte. Jetzt greift einfach der Staat selber, die Mutter Italia in den Säckel, wo es nottut. Rom ist 91 a t i o n a l e i g e n t u m , der Kopf, den der gesamte Dolkskörper in seinem eigenen Interesse ernähren muß. Echt mussolinisch, sagen die Quiriten befriedigt und streichen schon in Gedanken sämtliche Gemeindesteuern, einschließlich der Luxustaxen auf

Hermann, Bub, ich muß dir Adieu sagen. Ja, Adieu. Ich reife morgen. Hier ist nichts mehr zu tun. Aber ich komme wieder. Und wenn ich wieder- komme, bringe ich die Konzession und die Millionen mit, die nötig sind, und baue das Werk und sprenge den Lauffen."

Und wann kommst du wieder, Hanns?"

In sieben Tagen, in sieben Monaten oder in abermals sieben Jahren! Ich weiß nur eins, ich komme!"

Und ich, Hanns, und ich?" stammelte Her­mann.

Du bleibst bei dem Vater, bis ich dich rufe! Nimm die Stunden bei Rektor Schnell, wie wir ausgemacht haben, sie sind im voraus bezahlt, und habe Geduld. Jetzt gehe, trage den stachligen Herrn in diePost", sie sollen ihn schuppen und braten, ich will in ihm Abschied feiern, und künde dem Vater, ich käme ihm heute abend Lebewohl sagen."

Hanns!"

Wild warf sich der Knabe an seine Brust und umschlang ihn, als müßte er ihm alle Rippen brechen. Dann bückte er sich nach dem Fisch und rannte davon.

Hanns Ingold stieg vom festen Ufer auf die Kieszunge hinab, die spitz in den Strom lief, und ging bis zu ihrem äußersten Ende. Vor ihm strudelten die Wellen, der Laufsen netzte ihm das Gesicht mit Sprühschauern. Der rote Pflock, den er bei den Meßarbeiten als Merkzeichen eingeschlagen hatte, steckte noch im weißen Kies.

Ich zwing' dich doch", murmelte er und sah die Wasser schäumen.und brausen und die Klippen trotzen und ragen. Ein Eisvogel schwang fein buntes Gefieder an ihm vorbei und leuchtete wie ein farbiger Edelstein, als er am anderen Ufer auf einer Baumwurzel Fuß faßte.

Langsam ging Hanns am Rhein entlang, St. Joseph zu. Das Korn, das ihm gehörte, stand blaßgrün und steckte die ersten Fahnen aus. Die Kartoffelstauden hockten als kleine Häuslein dicht an die gelbe Erde gedrückt. Vom Kloster her kam Blumenduft gezogen. Das Haus ver­schwand in den Obstbäumen. Die Gartenmauer war von Efeu und Myrten toilö überwachsen. Aus der Terrasse ging ein schlankes Kind im weißen Kleid langsam auf und ab.

Hanns Ingold dachte an Ruch.

Hunde, Klaviere, Billards und Dienstboten. Pippo, wie er familiär heißt, der Bürgermeister oder könig- liche Kom.msiär Cremonesi, wird vermutlich erster Gouverneur werden.

Hinter der Welthauptstadt Rom muß logischer- weise auch eine Weltmacht stehen, rechnet Musso­lini. Er gibt also dem Marineminister Musso- lini den Auftrag, die Flotte angesichts der miß­lichen Ausgangs der großen Flottenmanöver ge­hörig zu verstärken, beauftragt den Luftwehr- mknister Mussolini, die Luftstreitkräfte auf eine den anderen Mittelmeermächten überlegene Zahl zu bringen, ermächtigt den Außenminister Mussolini, daß er doch ja das Pulver trocken halte, raus cm besten durch den intensiven Ausbau der schwarzen Armee geschehe. Hat der Senat nicht etwa Grund genug, neue Rüstungskredite zu bewil­ligen? Sollen die braven Matrosen umsonst mit dem ,L>emero" ins nasse Grab gesunken fein?

Ein Kreuzer gescheitert, ein ganz modernes, erst im vorigen Jahr vom Stapel gegangenes Grotz- tauchboot mit 61 Mann gesunken, zwei Großkampf­flugzeuge zerstört das ist freilich etwas viel für ein Maui vcr, wenn man bedenkt, daß es schon am ersten Tage mit der unvorschriftsmäßig geglückten Landung bei feindlichen Streitkraft zu Ende war. Und eine Landung, man denke, trotz des Einsatzes einer faszistischen Landarmee! So etwas durfte ein­fach nicht vorkommen, hatten doch die zwei Dutzend Kriegsberichterstatter, die dem gewaltigen Kampf auf derCitta di Triefte" beiwohnen wollten, ihre Aufgabe bereits glänzend gelöst: Die dunkelste Provinz erstrahlte irti Bewußtsein, daß eine un- besiegliche Armada die Küsten schütze. Und nun hatte der feindliche Admiral, geschützt von drei Dreadnoughts, einfach seine Mannschaften in Si­zilien ausgeschifft. Was tut inan in einem solchen Fall? Ein Unterseeboot putzt einfach alle drei feindlichen Dreadnoughts weg, und somit ist der glänzende Sieg der nationalen Streitkräfte" ent­schieden. Da eine Kritik im faszistischen Italien nicht erlaubt ist, erfuhr der unsachverständige Bürger erst nach geraumer Zeit aus einer amtlichen Ver­lautbarung, es lasse sich noch nicht recht sagen, wer gesiegt habe, die Experten müßten erst die Verluste abschätzen. Wie es scheint, sind die Experten noch immer damit beschäftigt, doch begegnet man bereits einigen instruktiven Aufstellungen alter Seebären , und junger Draufgänger, die ohne Kommentare eine Parallele ziehen zur französischen Flotte. Daß dabei alle Augen nach Marokko gerichtet sind, versteht sich. Mussolini kann jetzt nicht nur auf das Beispiel von Gallipoli Hinweisen, sondern auch auf die Schwierigkeiten, die sogar den vereinigten fran­zösisch-spanischen Schiffen an der Küste der Rif- kabylen erwachsen sind. Der Ernst des Krieges würde zweifellos die italienische Wehrmacht auf kei­ner geringeren Stufe sehen als Türken und Mauren.

Im übrigen verfolgt auch das politische Rom die Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz mit weit größe­rem Interesse als die Friedensoperette in Genf. Es ist sicher, daß Italien zur Stelle sein wird, wenn es nach dem Verbluten der Rifleute zur Beute­teilung kommen sollte: schon heute wird erklärt, die marokkanische Frage berühre vitale Interessen Ita­liens, und es scheint gar nicht ausgeschlossen, daß man sich dann auch über das gefährliche tunesi - s ch e Pulverfaß unterhalten wird. Frankreich könnte heute die unbedingte Freundschaft der lateinischen Schwester gegen gewiße Zugeständnisse haben, zu denen sich der gegenwärtige französische National- stolz niemals hergeben wird. Tunis, Korsika, Nizza jede Erörterung hierüber muß nutzlos erscheinen, und diese zwangsläufige Zuspitzung der Gegensätze ist es, die fortgesetzt die Spannung über dem Mittelmeer nährt und auch in die Rheinpolitik eingreift. Denn Italien steht somit vor der Frage: Inwiefern kann mir ein Sicherheitspakt nützen oder schaden? Augenblicklich brauche ich ge­wiß Frieden, etwa noch zehn Jahre lang, denn ich bin noch nicht bereit; aber dann? Daher die zwie­spältige Stimmung in Nom, sowie von einer dauernden Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich die Rede ist. Italien fürchtet, und diese Furcht schwingt als Leitmotiv durch seine militä­rische Politik sowohl wie durch seine wirtschaftliche, bei der Neuordnung Europas aufdieSeitege- schoben zu werden, plötzlich zwischen zwei Stühlen zu sitzen. In den düstersten Farben werden die Gefahren eines Jndustrieblocks an die Wand gemalt und in phantastischen Interviews die Geheimnisse der Stresemannschen Versohnungs- politik entschleiert. Es ist klar: Deutschland ver­zichtet freiwillig auf Elsaß-Lothringen gegen den Anschluß Oesterreichs. Nun weiß zwar niemand in Italien zu sagen, worin denn die schreckliche Gefahr

Seit sie ihn über die Grenze verwiesen hatte, waren sie nicht mehr zusammengekommen. Er würde ihr nicht Lebewohl sagen. Engelhardt hatte ihm in der Versammlung Gemeinschaft und Rachbarschaft gekündigt, ihn als einen Menschen brandmarken wollen, dem nichts heilig ist, der den Frieden der Ratur mordet und die Heimat verschachert.

Er nahm den Hut ab und ging den Feld­weg entlang zum Wald hinauf. Als er die Schienen überschritt, klirrte ein Signal in den Drähten, und gleich daraus schlug aus der Sta­tion das Glockenwerk.

Im Walde setzte sich Hanns auf einen Moosfelsen und zog noch einmal seine Brief­schaften hervor. Die Morgenpost hatte ihm die letzten Absagen gebracht. Der Abgeordnete des Kreises hatte sich ebenso ablehnend verhalten wie die Regierung. Die Fischereigenossenschaft hatte ihr ewiges Recht auf den Laufsen prokla­miert, und die Zeitungen hatten seinen Vor­schlag als phantastisch oder sträflich verworfen. Der Jngenieurverein zweifelte seine Berechnun­gen an und verweigerte ihm die Aufnahme eines Aufsatzes in das Verbandsorgan. Er war auf der ganzen Linie geschlagen.

Auf einem Briefumschlag zog er die Bilanz. Tannennadeln, die der Tritt eines Eichhorns gelost hatte, riefelten auf und nieder. Wenn er die Techniker ablohnte und das Bureau aus- loste, blieben ihm noch siebentausend Mark an barem Geld, siebenundzwanzigtausend Mark waren in Landerwerb und Propaganda auf­gegangen.

Eine Ansichtskarte aus Reapel siel ihm in die Hand. Sie war von Gheude, der sich auf der Ausreise nach Kanton befand.Kommen Sie nach, die Kondition ist ausgezeichnet", hatte der Freund geschrieben.

Unb auf einmal packte ihn das große Fern­weh wieder, der Zug in die Weite, die Lust, als Kulturpionier hinauszuziehen, auf dem Pony an den Arbeitskolonnen vorbeizugaloppieren, in Wellblechbaracken über Karten und Plänen zu hocken, Strome zu sperren und Berge zu spren­gen und, einen fremden Himmel über sich, an die Heimat zu denken, die still und unberührt im Dämmern der Erinnerung eingesponnen lag

einer Vereinigung der deutschen Brüderstaaten für Rom bestehe, aber, unb das ist des Pudels Sem, Mussolini käme um eine prachtvolle Kompemationc- offerte, wenn ihm Paris mit einer Zustimmung zu­vorkommen sollte. Politik ist heute wie nie zuvor handelslustig. Die deutschen und die italienischen Herren, die seit Jahr und Tag an dem Handels­vertrag herumkauen, haben nichts zu lachen. Immer möchte man die Politik hineinspielen lassen.

Selbst die Leoftadt jenseits des Tibers spürt trotz des Heiligen Jahres, das noch immer gewaltige Pilgermassen anzieht, diese kriegerische Lust. Der päpstliche Hof muß sich mehr, als ihm lieb ist, mit demAbbruch der diplomatischen Beziehungen" be­fassen, sein streitbarer Kardinalstaatssekretär führt eine streitbare Klinge und weiß, wie dieser Tage der tschechische Außenminister erfahren mußte, ge­nau zu unterscheiden zwischen besprechen, handeln und verhandeln. ImOsservatore Romano", dem Montteur des Vatikans, stößt man immer häufiger auf den gereizten polemischen Ton, ja. Fori- n a c c i, der kleine Mussolini, hat zu seinem Leid­wesen kaum mehr Gelegenheit, sich mit einem an­deren Gegner zu messen. Und der kirchliche ist so unangenehm kugelsicher. Ach, wenn es doch wieder eine Opposition gäbe!

Die gibt es aber nicht, derAventin wandert nach Frankreich aus", wie die betrübten Lohgerber feststellen. Bedauerlicherweise kommt dieschwere innere Krisis in Italien nur in ausländischen Zei- tungspiantagen vor, die der Opposition vergeblich suggerierten, sie solle dochdem Schritt Orlandos folgen und sämtliche Mandate niederlegen". Ja, wenn die Diäten nicht wären! Bleiben wir also alle hübsch unter uns und zu Hause. In der Regierung gibt es nur noch faszistische Minister und im nur faszistischen Parlament hat man jetzt mangels Red­ner wenigstens die vielbesprochene rostro ausge­stellt, die neue Rednertribüne. Vielleicht wird sie im Dezember, vielleicht erst nach Weihnachten ein- geweiht wie Zeus Mussolini will.

Amerikanische Luftpost.

Von unserem H. K. ^.-Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. San Franzisko, Anfang Sept.

Wenn man in San Franzisko das amerikanisch- großstädtische Leben und Treiben derMarket- Street", besonders an ihrem oberen Ausläufer, wo sie mit dem wunderbar gepflegtenGolden Gate Park" zusammenstößt, betrachtet, fo geroinntc man einen Eindruck von der Vielgestalt des amerikani­schen Lebens, wie es bedeutender und größer in Europa kaum anzutreffen ist. Das Motto des ame­rikanischen Lebens heißt vornehmlich: intensive Ar­beitsleistung, Zeitersparnis und besonders Schnel­ligkeit. Amerika ist das typische Land der Re­korde, und der Nationalftolz der Bewohner flammt immer wieder von neuem auf, wenn es gelingt, nicht nur im Sport, sondern in der Technik und in der Schiffahrt neue Leistungs- und Schnelligkeits­rekorde aufzustellen.

Man wird sich der die ganze Wett in Atem und Spannung haltenden Vorkriegswettkämpfe erin­nern, die vornehmlich zwischen den beiden führen­den Flotten der Welt: der englischen und der deut­schen, um dasBlaue Band" des Ozeans ausgefochten wurden. Man betrachtete es damals als eine besondere Leistung, wenn es gelang, die Ueberquerung des Ozeans, zu der regulär 10 Ms 12 Tage benötigt waren, in kaum 7 lagen durch- zuführen.

Aber auch dieser Rekord sollte in einer damals nicht vorhergesehenen Weise, nämlich durch die noch in aller Erinnerung liegende denkwürdige Ueber­querung durchZ.R.III", in 72 Stunden bis tief nach Amerika hinein, geschlagen werden.

Da hat menschlicher Forschungsdrang alles darangesetzt, die Hilsmittel der Fortbewegung immer mehr und mehr zu verbessern und die Reise- bauer abzukürzen. Der amerikanische Kon­tinent stellte noch 1850 bezüglich seiner Durchque­rung eine sehr schwere Aufgabe dar. Man ge­brauchte von Neuyork bis San Franzisko ganze 24 Tage, darunter waren drei Tage Eisenbahnfahrt und 21 Tage mußten mit der Ueberlandpost zurückgelegt werden.

Das Jahr 1860 brachte schon für die damaligen Verhältnisse eine Verbesserung, auf die man sehr stolz war, man verkürzte die Reisedauer um 60 Pro­zent, unb jetzt brauchte man nur nodj 10! Tage barauf zu verwenden. 2! Tage fuhr man mit der Eisenbahn von Neuyork nach Sb-Josef, und acht Tage fuhr man mit dem sogenanntenPony-

Er sprang auf und warf die Arme in die Hohe, als mühte er die Weite erfassen und an sich drücken.

Ein Cisenbahnzug kam gefahren und hielt in Rheinau.

Ingold sah vom Wald aus die Chaise der Alten Post" nach St. Joseph hinausrollen.

Ruth?" Er hatte den Hamen plötzlich laut in den Wald gerufen. Ein ungeheurer Schmerz zerriß ihm die Brust. Die Hände vor das Ge­sicht geschlagen, stand er lange Zeit, keines klaren Gedankens fähig.

Als er seiner wieder Herr geworden war, ging er nach Hause. Er kündigte feinen Leuten, zahlte sie aus und gab ihnen die Freiheit zurück.

Im Herrenstübchen derPost" waren der Postsekretär, der Provisor und der Oberlehrer, die als Junggesellen hier ihren Mittagstisch hatten, schon lange von ihm abgerückt. Heute fühlte er sich plötzlich ganz als Amerikaner, ging ohne Gruß an ihnen vorbei und setzte sich breitbeinig an seinen Tisch

Der Wirt kam, blieb einen Augenblick bei seinen Stammgästen stehen, sprach laut und be­haglich und stand plötzlich vor Ingolds Tisch, um zu sagen:

Ein Mordskerl, drei Pfu^d geschuppt und geputzt. Ja, der Laufsen. eine Fischfalle, wie es kine zweite gibt. Ein solennes Abschiedsessen, Herr Ingenieur, und wir lassen ihn doch rund herumgehen, nicht wahr?"

Rein, den Fisch, den eh ich allein", ant­wortete Hanns mit wildem Humor und nahm dem Mareile die Platte mit dem goldgelb ge­dünsteten Barsch aus den Händen.

Gegen Abend kam Hermann und fragte nach dem Bruder.

Hanns packte seinen Koffer und tat, als sähe er Hermanns gerötete Augen nicht.

Hast du dem Vater gesagt, daß ich ihm Lebewohl sagen will?"

Ja. aber er läßt dir antworten, es mache keinen Unterschied, ob dir dein Plan gelinge oder nicht. Du hättest ihn gedacht, und das sei genug."

(Fortsetzung folgt.)