Ht. 22( Zweites Blatt_____________Gießener Anzeiger (Seneral-Anjelger für Oberhellen) Montag. 2j. September 192ö
Die Tagung des Gustav-Adolf-Vereins.
Wie sich übrigens das Grammophon schwer in seiner Drehrichtung umkehren läßt, so geht es ähnlich bei den neuzeitlichen Reihbildwerfern (Kinemato- graphen), und das mag auch der Grund sein, daß man verkehrt herum durchlaufende Filme säst gar nicht mehr sieht. Ich erinnere mich vor ungefähr 30 Fahren in Berlin öfters gesehen zu haben, dah ein Film nach seiner richtigen Vorführung auch noch verkehrt herum vorgeführt wurde, was jedesmal schallende Heiterkeit auslöste. Bei der Vorführung eines Schwimmbades war zum z. B. sehr sonderbar, daß alle Schwimmer rückwärts schwammen, bis dann plötzlich einer zu schnauben anfing, sich etwq»Z aus dem Wasser erhob, worauf er in den Fluten versank — um sofort darauf mit den Beinen zuerst aus dem zu schieben und mit Sicherheit aus dem schon vorher wippenden Sprungbrett zu landen, das er dann rückwärts springend verlieh. In einem anderen Film hatte ein Betrunkener seinen Zylinder weggeworfen, der auf der Erde weiter rollte. Bei der zweiten Vorführung fing dann der Zylinder ohne erkennbare Ursache an immer schneller auf seinen Besitzer zu zu rollen; plötzlicherhob er sich in die Luft und flog geradewegs in die sich ihm entgegenstreckende Hand, die ihn auf den Kopf führte. Dabei ist aber die Art der Bewegung nicht die, die man macht, wenn man seinen Hut ausseht, sondern sie verläuft ganz anders, und das hat etwas unsagbar Komisches. Auch das Hochspringen des vorher auf Fußboden gefallenen Mantels auf die schräg nach Hinern gestreckten Arme und das Anziehen - entsprechend dem Ausziehen beim richtigen Durchlaflen des Films — geschieht mit die Lachmuskeln stark reizenden Bewegungen. Das umgekehrte Vorfübren von Älmen ist übrigens auch nicht nur ein Scherz; man kann dabei sehr intereflante Bewegungsstudien machen, die selbstverständlich ganz andere Art sind als die mit der Zeitlupe.
Schade nur. dah man in der Wirklichkeit seinen Lebens film nicht streckenweise rückwärts laufen lasten kann! Selbst in Kleinigkeiten wäre es ganz nett: WeiM man beispielsweise etwas verlegt hat, das man dringend braucht: Man drehte dann so weit zurück, bis man es in der Hand hält. Herrlich wäre das l
Ein prächtiger Austakt.
® i e 6 e n , 20. September 102-5.
Der heutige Tag wird in der Geschichte unserer Stadl, insbesondere aber in der Geschichte unserer Evangelischen Gemeinde einen besonders denkwürdigen Plan einnehmen. An diesem Sonntag wurde der 7 0. Hauptversammlung des E v a n • gelischen Vereins der Gustav-Adolf. S t i f t u n g ein Auftakt zuteil, der zu den eindrucks- vollsten Erlebnissen gehört, die wir hier zu verzeichnen hatten. Die Straßen der Stadt, selbst sehr viele Seitenstraßen, ziert umfangreicher, prächtiger «rlog- genschmuck, dazwischen fügt sich vielfach das Grün der Tannenbäume oder der Girlanden, m den Straßen festsroh gestimmte Menschen, deren Anzahl be- anders am Nachmittag auf viele Tausende hinauf- stelgt, die aus allen Teilen Oberhessens und der be- nachbarten preußischen flreife, ferner aus allen Gegenden des sieben deutschen Vaterlandes und aus dem Auslände hierhergeeilt sind. Zahlreiche Sonder- aüge, Vor- und Nachzüge zu den fahrolanmähigen Zügen bewältigten den Massenoerkehr glatt und ohne Unfall. Und zu dem Massenbesuch ein leidlich haltendes Wetter, dos den gewaltigen Festzug voll zur Geltung kommen ließ. Prächtigste Stimmung überall bei den Festteilnehmern — kurz gesagt ein überwältigend großer neuer Erfolg des Gustao-Adolf- Vereins.
In den Vormittagsstunden galten der Besuch und die Gedanken selbstverständlich zuerst den
3-eftgottesbienften
zur Vorbereitung und Einleitung der Hauotver- tammlung. In diesen Gottesdiensten predigten Diasporapfarrer. In der Iohanneskirche in Gießen bestieg ein Vertreter der evangelischen Kirche in Polen.die Kanzel und predigte über Hesekiel 37, 1—14, in der Stadtkirche predigte Pfarrer v. M a h - n e r t aus Innsbruck. Beide Kirchen waren bis aufs letzte Plätzchen besetzt, eine Erscheinung, die ja in unserer Stadt erfreulicherweise nichts Seltenes ist. Die Gemeinden lauschten beiden Predigten mit tiefer Ergriffenheit. Der Kollekte zum Besten des Gustav- Adolf-Vereins flössen die Gaben reichlich zu. Gustav- Adols-Feiern für die Besucher der Kindergottesdienste in der Stadtkirche und der Iohnnneskirche schlossen sich den Hauptgottesdeinsten an. Zu einem seltenen Erlebnis für die bestimmten Orte gestalteten sich auch die Festgottesdienste, die in zahlreichen Orten der Provinz stattfanden.
Von 2 Uhr ab sammelte sich das evangelische Kirchenvolk in langen, langen Kolonnen auf dem Oswaldsaarten und in den angrenzenden Straßen, wo die Aufstellung zum
Festzug
erfolgte. Die am frühen Nachmittag hier einlaufen» den Züge brachten noch sehr große Scharen von Teilnehmern heran. Gegen 3 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung, geleitet von der Marschmusik zahlreicher Posaunenchöre. Der Vorbeimarsch des in dichter Geschlossenheit in Vierereihen gehenden Zuges dauerte über eine Stunde, man kann die Teilnehmerzahl wohl auf 10—12 000 schätzen. Die Ortsschilder, die den einzelnen Gruppen vorangetragen wurden, zeigten alle, selbst die entferntesten Gegen- den unserer Provinz Oberhesten, darüber hinaus viele preußische Gemeinden vertreten. Fahnen und Wimpel gaben dem Zuge ein frohfarbiges Bild, recht reizend — und allgemein mit starkem Interesse bemerkt — waren auch die schmucken Trachten des Schlitzerlandes, die zu den Höhepunkten des Fest» zuges gehörten. Daß die Schlitzerländerinnen uns diese Freude bereitet haben sei ihnen besonders gedankt! Die Marschstraßen des Zuges waren von vieltausendköpfigen Menschenmassen umsäumt, die das (ebene Ereignis in Augenschein nehmen wollten. Alles in allem: Dieser Fest zu g und die durch ihn herbeigelockten gewaltigen Zuschauermassen bildeten einen großartigen Nahmen zu dem unvergeßlichen, herrlichen Gesamtbild des Tages.
- Anschließend an den Festzug fanden in der Volks» Holle, auf dem Trieb und beim Schützenhaus
Volksversammlungen
statt, von denen die Feier in der Volkshalle als
Hauptoeranftaltung anzusehen war, während die beiden übrigen Parallelversammlungen bildeten. Die
Hauptversammlung
in der Volkshalle leitete der Vorsitzende des Hei sischen Hauptoereins der (9uftaD»21Dolh Stiftung und Präsident des Evangelischen Landeskirchentages in Hellen Dr. Frhr o. Heyl zu Herrnsheim» Worms.
Nachdem der Pojaunenmassenchor unter der Leitung des Dirigenten Boller- Lang-Göns die Feier mit dem Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ eingeleitet hatte, richtete
Dr. Jrfjr. von heyl zu Herrnsheim
die nachstehende Ansprache an die etwa 5000 Personen umfassende Feftoersammlung:
Liebe Glaubensgenossen! Dank euch, daß ihr gekommen seid, um hier ein machtvolles Bekennt- nis abzulegen. Zu Tausenden aus der näheren und weiteren Umgebung dieser altehrwürdigen Pro- vinzhauptstadt seid ihr gekommen, um zu zeigen, daß bei euch der deutsch-evangelische Gedanke lebendig und brennend ist, seid dem Rufe des Gustav- Adolf-Vereins gefolgt, um hier zu hören, wie es um unsere evangelischen Brüder steht im In- und Auslande, und wv und wie ihr helfen könnt.
Ja, fallen, können wir uns mit fremder Not abgeben, wo wir selbst genug mit unseren eigenen Nöten zu tun haben?
Wir sind doch ein kleines Neich geworden, ein kapitalarmes, ein waffenloses Volk. Wir haben viele deutsche Reichsangehörige verloren, viele Duabrat- meilen deutschen Lanbes, unsere ganzen Kolonien, was kann aus Deutschlanb Gutes kommen? Unb boch! Das Auslanbbeutschtum ist l e • benbig geworben! Die vielen Millionen Deutsche im Auslanbe — es sinb fast halb so viele, wie in ber alten Heimat wohnen, über 30 Millionen — gebenfen jetzt ber Mutter wärmer, inniger als früher. Sie blicken auf uns, unb ba sollen sie nicht sch a m r o t werben im Gebanken, baß sie deutschen Stammes sind, sondern st o l z! Wir wollen zeigen, was ein Volk leisten kann, das in der Not beten gelernt hat. Wir wollen uns auf unsere gute alte deutsche Art besinnen, auf unsere nationale Eigenart, auf unseren alten deutschen Glauben. Was uns unser evangelischer Glaube wert i ft, wollen wir wissen und wollen wir zeigen. Unseren Altoorderen wollen wir es gleich tun, die zur Reformationszeit Luther unb sein Werk aus tiefster Seele grüßten, bie in ber Folgezeit für ben reformatorischen Gebanken kämpften unb litten, ja, bie bafür zu sterben wußten.
Heraus in Kampf, zum Sieg, wo immer evangelischer Glaube in Gefahr ist! Das ist bie Losung unseres beutschen evangelischen Dölkes gewesen unb wirb sie immer bleiben, solange ein gesundes, kräftiges unb aufftrebenbes deutsches Volk existiert.
Nicht mit dem Schwert in der Hand, das ist nicht bas Mittel unserer Zeit, mit bem freien Mute b e s Bekenntnisses zu unserer evangelischen Sache unb mit ftarfem, feftem Opfermut für evangelisches Glaubensgut.
Wo es in ber Gefahr bes Versinkens ist unb w o bie Not ist unb w i e groß bie Not ist, bas soll uns ber Gustav-Abolf-Derein zeigen, bas wollen wir hören aus bem Munbe berufener Vertreter ber notfeibenben Brüber in den Grenzlanben unb im Auslände, dazu sind wir hergekommen.
Wer sich in der Diaspora, in ber Zerstreuung, in der Bedrückung feinen evangelischen Glauben treu bewahrt hat, der hat eine Kraft in sich, die wieder segensvoll auf andere zurückwirken wird. Wir dürfen diese wertvolle Kraft nicht für unsere evangelische Sache, für unsere deutsche Sache verlieren, weder im Inlande, noch im Grenzlande unb Auslanbe. Wir müssen alle für einen Mann stehen, jetzt mehr wie je, „in keiner Not uns trennen unb Gefahr"! Mit dem Glauben, der Berge versetzt, wollen wir Taten tun, wollen wir zeigen, daß wir immer noch Schmiede unter es Glückes sind, daß wir, bie wir selbst in Not sind, helfen können, daß wir in diesem Glauben mit Gottef Hilfe Wunder tun können an Opferwilligkeit.
Der evangelische Glaube, der uns mit den beut- schcn Brübern unb Schwestern in ber Heimat unb in den gefährdeten Gebieten verbindet, der uns verbindet mit den Millionen von Auctanddeutschen, die in guter wirtschaftlicher Lage sind und die uns helfen werden, wenn sie sehen, daß wir noch ein Volk von Mark unb Kraft sinb, soll nicht bazu bienen, Mauern aufzurichten gegen die Mitchristen der anderen Konfession, auch nicht gegen Andersgläubige im Vaterlande und draußen, sondern einzig der Erhaltung unserer gottgegebenen Art, ber Stärkung alles Guten unb Tüchtigen in uns, ber Aufrechterhaltung des Bündnisses mit unserem Schöpfer unb Erhalter, mit bem vereint wir immer unüberroinblid) sind. Aus aller Unbill, allem Unrecht, Unglück heraus bauen wir roieber auf!
Der Gustav-Abolf-Derein ruft euch zu: Pflegt evangelischen Glauben, schützt alles Glaubensgut, wo immer es in Gefahr ist! Brüder, reicht bie Hand zum Bunbe — im Inlanbe, im Grenzlanbe, im Auslanbe! W i r f in b bie von einem Stamm, stehen auch für einen Mann!!
Der Gemein beges ang »Lobe den Herren" leitete über zu der Ansprache des Vertreters des Zentralvorstandes des Gustav-Adols-Dereins,
Pfarrer D. Riemöller, Elberfeld,
der zunächst die Grüße des Zentralvorstandes aussprach, dann an den glänzenden Verlaus evangelischer Tagungen in den letzten Monaten in Saarbrücken und Frankfurt a. M. erinnerte, wobei er besonders das unverbrüchliche stramme Deutschtum der Saarländer mit Freude hervorhob und auch den Frankfurter überaus starken Kirchenbesuch mit großer Genugtuung verzeichnete, worauf er dann u. a. sagte: Wunderbar schön ist es auch hier in Gießen. Solch eine Bia triumphalis, solch eine geschürfte Straße haben wir meines Wissens bisher noch nie gehabt. Aber wissen Sie, was mir am besten gefiel. Als ich aus dem Hotel heraustrat, kamen gerade die Schliher in ihrer Volkstracht vorbei, lind da ging mir das Herz auf. Ich freute mich, dah die Hessen festhalten an der Väter Sitte unb daß sie nicht lassen wollen, was sie aus der Väter Zeit erworben. Treu bis in den Tod! Aber es gilt noch etwas anderes festzuhalten, das so viel kostbarer ist als der Väter Sitte und so viel höher wie der Himmel über der Erde. Vor 400 Jahren wurde unser Herr Jesus Christus und sein Kreuz wieder in den Mittelpunkt gestellt und Luthers Texte wurden auch hier beherzigt. Dor 400 Jahren begannen die Ströme der evangelischen Kirchenlieder zu fliehen, vor 400 Jahren begann die große evangelische Geschichte, die die Fuhtapsen des lebendigen Gottes zeigte. An diesen Gütern gilt es se st zuhalten, lieber ihnen steht das Wort: Halt', was du hast, dah niemand deine Krone nehme. Ich habe mir sagen lassen, Rot-Weiß seien die hessischen Landesfarben. Rot ist die Liebe und bleibt es und weiß ist der Sieg, der durch Kampf gewonnen wird. Halt', was du hast, dah niemand deine Krone nehme. Aber was man hat, muh man weitergeben, wer reich ist, muh reich machen, wer ein Lichtempfänger ist, muh Lichtspender sein, wer gerettet ist, muh Rettersinn beweisen, der evangelische Christ muh Gustav-Adolf-Freund sein. An den Vorstand des Gustav-Adolf- Dereins ertönt aus dem Auslande immer wieder der laute Ruf um Hilfe. Helft uns, ja, helft uns, so ermahne ich Sie hier in dieser Rachmittagsstunde im Rainen und Auftrag des Zentralvorstandes! Diele von uns haben bisher für die Sache des Gustav-Adolf-Dereins noch nichts oder nur wenig getan. Wenn wir noch zehn-, noch fünfzigmal mehr tun als bisher, bleibt's immer noch zu wenig. Betet für untere Glaubensgenossen, die derweilen viel Gefahr, Angst und Dersolgungen erleiden. Und wenn dann die Hände sich gefaltet, mögen sie wieder zu offenen Händen werden nach der Losung: „Wir können's ja nicht lassen." Das ist der Gruh des Zentralvorstandes.
Hieraus brachten die evangelischen Kirchengesangvereine deS Dekanats Gießen unter der Leitung von Lehrer Römer. Grohen-Linden, den Choral „Wach auf meines Herzens Schöne" zu Gehör. Anschließend hörte man die nachfolgende Ansprache von einem Vertreter der evangelischen Kirche in Polen:
Deutsche evangelische Glaubensgenossen! Es mögen wohl 30 Jahre vergangen sein, da traf eines Tages aus einem entlegenen Dorfe bei bem Konsistorium in Posen die Rachricht ein. bah ein deutscher Bauer nach dem andern seine Wirtschaft verlause und fvrtziehe. Eine Erklärung für diese befremdliche Tatsache sei nicht zu finden. Da entschloß sich der greise Ge- neralsuperintendent Dr. Hesekiel, selbst an Ort und Stelle die Gründe zu prüfen. Rach sehr beschwerlicher Reise war er am Ziel. Die Häuser, die die Straße umsäumten, machten einen jämmerlichen Eindruck unb die Schule war gänzlich verfallen. Dr. Hesekiel bat die versammelten Hausväter, ihm ihr Herz auszuschütten, ste schwiegen, endlich aber faßte sich einer, der Gemeindevorsteher. ein Herz und sagte: »Wir haben keine Kirche, und wenn wir keine Kirche bekommen, bann ziehen wir alle fort.“ Die Sehnsucht nach ber Kirche ist im Osten stark gewesen, und diese Sehnsucht ist durch die Fürsorge der preußischen Könige, der Staats- und Kirchenobrigkeit unb nicht zuletzt durch die Fürsorge unseres großen Wohltäters, des Gustav-Adols- Dereins, gefüllt worden. Das kirchliche Leben in Posen und dem heutigen Pommerellen blühte auf wie ein Lustgarten. Da kam der schwarze Tag von Dersailles. Am 18 Januar 1920 haben wir in erhebenden Dersammlungen Abschied genommen vom alten deutschen Vater- lande, von dem uns nun die Grenzen trennen, haben wir die Fahnen Schwarz-weih-rot. die uns heute hier grüßen, verbrannt. Da hat mancher von unseren Dolksgenossen erklärt: „Ich beuge mich nicht unter das fremde Joch, ich halt's nicht aus, ich muh fort!" Und er hat unS Lebewohl gesagt. Wir haben ihn verstanden, aber wir haben ihn nur schweren Herzens ziehen lassen, denn wir dachten an unsere Gemeinden. Eine Auswanderungswelle nach der andern ist über sie hinweg- gerauscht, freiwillig unb unfreiwillig haben sie uns verlassen. InPosen undPommerel- len gibt es Parochien, d i e zählen nicht mehr 50 Seelen. Wer soll da die Lasten tragen? Ganz besonders traurig sieht es in den Kirchspielen aus. die verwaist sind. Entweder konnte man die Psarrstelle nicht mehr halten, oder der Pfarrer wurde ausgewiesen. Zehn oren ist vor zwei Jahren auf einmal dieses hc^e Geschick beschieden gewesen. Gottes Wort ist bei un« zu Lande teuer geworden. Darunter leiden die Alten und die Jungen, ja mit höchster- Sorge sieht die evangelische Kirche auf unsere Jugend. Deutsche evangelische Schul en sind zu zählen, diese gibt es fast überhaupt nicht mehr Der Pfarrort ist so weit entfernt, daß die Kinder durch die Organe der Kirche nicht mehr erreicht werden können, so daß ein fchulplanmähiger Religionsunterricht nicht mehr erteilt werden kann. Ändere wieder haben nicht mehr deutsch lesen gelernt, so daß die ganze Unterweisung sich auf eine mündliche Vermittlung beschränken muß. Allenthalben Glaubensschwierigkeiten. uni) immer wieder entstehen neue, wo man sie nicht geahnt hat. Dor einem Jahr wurden die evangelischen Hausväter, die als polnische Staats- und Kommunalbeamte dienen, aufgefordert, ihre Kinderin polnis ch-k a t h o l i s ch e Schulen zu schicken, widrigenfalls sie ihr Amt verlieren konnten. Die Kinder sind unter Tränen dahingewandert Und erst wenige Tage ist es her, da hat man elf Lehrkräften der bei den deutschen Bromberger Schulen, darunter den beiden Leitern und drei evangelischen Geistlichen, die Leh r- erlaubnis ohne Angabe von Gründen entzogen. Diese Regierungsmaßnahme traf wie ein Stich ins deutsche Herz. Die deutscheit Führer
Der Korso.
Don Gustav W. Eberlein - Rom.
Hm 10 Hhr morgens biegt man mit der Sonne um die Scke an der Piazza Denezia, worauf man auf dem lakaienhaft hingeworfenen goldenen Läufer den ganzen Korridor bis zur Piazza del Popolo hinunterbummeln kann. Da die Sonne kein Trinkgeld annimmt, wird es in den ersten pechschwarzen Espresto umgesetzt: die römische Uhr bat den ersten Ruck gemacht, wie die Münchner mit der ersten Maß. Dort darf ein Zeuge auf die Frage, wann sich dies oder jenes ereignet habe, ebenso kurz wie präzis antworten: So zwischen der dritten und vierten Maß. Der Richter weiß dann, daß es um halb elf Uhr vormittags war. Hier sagt man: beim zweiten Espresio.
Damit wären wir also schon mitten tn Den Geschäften, die um 11 Uhr herum akut zu werden pflegen, was sich dmch die ersten Stauungen in der Galleria, als dem modernen Forum, im Deutschen Passage bekannt, bemerkbar macht. Die Herren lasten jetzt die Morgenblätter bis zur Tasche sinken oder fuchteln gar nur noch auf dem Rücken hinter sich damit herum und einige sieht man im Dorbeigehen einen Bittern an der Bar hinunterschwemmend, zwischen verwitterten korinthischen Prachtsäulen verschwinden, die schon vor zwei Jahrtausenden eines Tempels beifige Wacht waren. Jetzt heißt er Börse.
Wum — mm! Die Mittagskanone. 12 Uhr. Die schlachtengrimmige Säule des Marc Aurel auf der Piazza Colonna, der ersten Cäsur in der langen Korsozeile, sieht wie ein riesiger Sonnenuhrzeiger aus und der gute Apostel Paüus auf ihrem Kopfe möchte sich am liebsten den Schweiß von der Stirne wischen. ®üige Ladenfräulein schließen die Türen, tänzeln über das schmale Stück schienenfreien Asphaltes und kämpfen dann wie Löwinnen um die Straßenbahn.
Hm 1 Uhr sind die Besucher verschwunden, der goldene Läufer wird zurückgezogen, der Korso sieht aus wie ein leerer Flur. Jetzt könnten die Fremden die Palazzi in diesem versteinerten ©anale Grande bewundern, aber sie muffen pünktlich an ihrem Pensionstisch erscheinen.
Roch ein Auto, zwei weihe Matrosen vorne: der Marineminister Mussolini.
Drei Uhr. Dietter Espresto, einige Süßigkeiten dazu. Die Banken schließen und damit wacht auf, was man in anderem Sinne unter Korso versteht: das dolce far niente, das selige Schlendern, das Echaufahren, das Sichfehenlaffen.
Immer mehr Stuhlreihen erscheinen vor den Kaffeehäusern auf den Gehsteigen, Berge von Eis und Eismischungen verschwinden unter frischbemalten Lippen. Es gluckert in hundert Strohhalmen. Kinder und Hunde haben eine Welt von Stuhl», Tisch-, Menschen- und Samenbeinen vor Augen, wobei alles so suturistisch durcheinanderliegt, daß aus dieser Perspettive heraus die Säbel wie ganz ordinäre Epazierstöcke aussehen. Einige Köpfe über der marmornen Scheidegrenze der Tische werden schon unruhig, was die Unterwest an häufiger getretenen Pfoten empfindet: Zeitungsneuigkeiten liegen in Der Lust.
Ein mit zwei Feldgrünen besetztes Auto rast in den Palazzo Chigi hinein: der Kriegsminister Mustolini.
Zwischen 5 und 6 Uhr, habe ich mir sagen lasten, gleiche der Korso einem anschwellenden Sttom. Wir Journalisten können das nicht beobachten, wir hängen jetzt am Fernsprecher, am Telegraph, am Munde des Diktators. In dieser Stunde wird die italienische Politik gemacht, die Herr Meier am nächsten Morgen in Berlin auf seinem Frühstücks- tisch zu sehen wünscht. Wehe, wenn man ihn war ten ließe.
So gegen Ladenschluß, um sieben, acht Uhr, sammeln sich die Fremden wieder vor der Galleria und der Schlachtensäule, wittern herum wie ungeduldige Jagdhunde und wenden schließlich keinen Blick mehr von dem entdeckten historischen Eckfen- stcr und -balkon. Ob er wohl erscheinen, zur Menge sprechen wird? Was Lichtreklamen und Auwge- heul! Mögen die Eingebornen sich zwischen den augenblicklich gangbarsten Filmdiva und dem gestrigen Eisenbahnunglück die beste Schuhwichse auf der öffentlichen Gratisleinwand aussuchen, wir, wir
wollen Mustolini sehen! Mindestens sein beleuchtetes Arbeitszimmer. Und die Beleuchtung tut ihnen den Gefallen, während schon die Musiker aulziehen. Platzmusik. Sowie der Mond um die Ecke biegt. *
Hm 11 Uhr geht der Korso, nachdem er seinen Gästen den achten und um 10 Uhr 50 schnell noch den letzten Espresto gereicht hat, schlafen.
Verkehrt herum!
Don dem kürzlich verstorbenen Profestor Otto Lummer wird erzählt, er habe den Studenten im Unterricht ein Musikstück auf dem Phonographen vorgespielt und sie raten laßen, was es sei — es sei etwas ganz Bekanntes. Trotzdem konnte es keiner erraten: Es war der Radehkimarsch, aber Lummer hatte Den Phonographen so umgeschaltet, Daß et verkehrt herum lief unD lieh dementsprechenD Das Stück von hinten beginnen. Da war Das Erraten freilich schwer. Wohl kaum jemanD hätte selbst alle Jnsttmmente erraten können, Die mitwirkten; Denn wenn man z. B. ein Klavierstück rückwärts Durch den Phonographen laufen läßt, so tönt es nicht mehr wie Klavier, sondern wie eine ganz eigenartige Orgel. Beim Klavier wird ja Die Saite angeschlagen und der Ton klingt Dann allmählich schwächer werDend, ab, bis man Die Taste losläht. Läßt man aber nun Den Phonographen rückwärts laufen, so beginnt Der Ton leise und schwillt an, bis er - möchte man fast sagen: mit hörbaren Ruck abreiht. Uebrigens klingt auch Die Sprache ganz eigenartig, wenn man sie rückwärts laufen läht, unD ist natürlich ebenso unverständlich, wie eine vollkommen fremde Sprache. Beim Phonographen war das Umkehren der Dreh- richtung fehr einfach, da Die Walze meist Durch einen Schnurtrieb angetrieben würbe, Den man nur in Der Mitte zu kreuzen brauchte, um Den gewünschten Erfolg zu erzielen - beim Grammophon ist Die Sache bedeuten!) schwieriger; das ist schade, denn es lasten sich auf Die gedachte Weise nicht nur nette Scherze machen, sondern man schöpft auch aus der Beobachtung der Töne beim Verkehrtherumablaufen der Musik allerlei Belehrung über ihr Wesen und ihre Entstehung. Das mag auch den Profestor Lummer zu Der Vorführung veranlaßt haben.


