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Mittwoch, 19. August 1925

(75. Jahrgang

Nr. 193 Erster Blatt

Asien den Asiaten

Der Bolschewismus in Dorderasien

Chinas Unabhängigkeitskampf

Der Fall Stinnes

Eine Erklärung Dr. Stinnes

Die Rolle der Banken

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Dor Ueberreichung der französischen Antwort.

pari», 19. Aug. (1.11.) Line halbamtliche Mitteilung besagt, bah die französische Antwort aus die deutsche Rote vom 20. Juli sich bereits in den Händen der Berliner sranzösischen Botschasl befindet und der Reichsregierung so­fort überreicht werden wird, wenn in Paris die Antworten der belgischen und Italienischen Regierung eingctrossen sind. Wahrscheinlich wird das französische Schriftstück heute nachmittag in der wilhelmstrafze übergeben werden, da Mussolini seine Auslassung bereits gestern früh der französi­schen Botschaft in Rom übermittelt Hot und die bel­gische Zustimmung für heute mittag in Paris er­wartet wird.

Keine amerikanische Beteiligung am Sicherheitsproblem.

Paris, 19. Aug. (TU.) Line halbamtliche Washingtoner Erklärung stellt fest, dafz die Unter­redung des amerikanischen Botschafters in 'Conbon mit Briand und Chamberlain zu falschen Gerüch­ten über eine Beteiligung Amerikas am Sicher­heitspakt Anlaß gegeben habe. Eine solche Ver­mutung sei durch nichts gerechtfertigt. Die Bereinigten Staaten erwarteten keine Ein­ladung zu einer Konferenz und würden eine solche wahrscheinlich auch nicht anneh men. Die amerikanische Regierung oerfolge alle Vorgänge, die der Befriedung Europas bienen, sie stehe aber nach wie vor auf bem Standpunkt, daß die Sicherheitsfrage nur bie europäischen Mächte angehe.

Die Lage in Schanghai.

Schanghai. 18. Aug. 'Reuter.) Die Lage im Hafenbezirk bessert sich allmählich. Der größte Teil der Poßarbeiter hat die Arbeit wie­der angenommen. Das chinesische Verkehrs Mini­sterium in Peking Hal der hiesigen Postleitung die Ermächtigung erteilt, den streikenden Post­beamten eine Erhöhung der Gehälter anzubieten; aber die Streikenden haben das An-

Bestimmungen eine Verletzung der Ver­tragsrechte aller fremden Regierungen und gleichbedeutend mit einer Kriegs- erflärung fei.

Erscheint täglich, nutzer Soniu und Feiertag»

Beilagen:

GietzenerFamilienblüttei Hejmat im Bild.

monatiiBeiegsprds:

2 Goldmark u. 20 Gold- pfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Fernsprech-.Anschlüfse: schriftleitung 112, Ver­lag undGeschäftsstelle51. Anschrift für Drahtnach- lichten.AnzeigrrSieben.

Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 11686.

gebot abgelehnt. Rach bem Angebot sollen die Anfangsgehälter, die bisher 20 Dollar monat­lich betrugen, auf 35 Dollar festgesetzt werden. Aber die Streikenden verlangen 52,50 Dollar als Anfangsgehalt. Die Leitung des Postamtes hat das Publikmn aufgefordert, die "Brieflüften nicht weiter zu benutzen .sondern ihre "Briefe im Post­amt abzugeben.

Die engttsch-französtsche Orient« Politik.

London. 19. Aug ("2B5B. Funkspruch.) Die .Times" drückt ihr Erstaunen darüber aus. daß verschiedene verantwortliche Organe der fran- zösischen Presse die Londoner Reise des Königs Feissal von Mesopotamien in einer weder für diesen noch für die Politik Großbritan­niens im nahen Osten schmeichelhaften Weise er­örtern. Das Blatt schreibt, die Mandats­mächte im nahen und mittleren Osten müßten sich entscheiden, ob sie gemeinsam die Bedingungen für eine fruchtbare Entwicklung ihrer Bemühungen während der letzten fünf Jahre herbeiführen wollten, oder ob sie durch hart­näckige Berfolgung rivalisierender Ziele ihre Arbeit neuen und ernsten Gefahren aussehen wollten.

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Itonen aus dem Vermögen der Hugo-Stinnes- Firma, die ihm in Raten vom 1. Januar 1926 ab gezahlt werden sollten. Er habe sich für diese Werte Kredite verschafft, um den Betrieb der Gesellschaft und seiner anderen Untemc(>mun- gen durchzuhalten. Der Vorwurf, er habe die Rordstemaktien zu billig weggegeben, sei voll­kommen unberechtigt. Er habe sie zum gestrigen Börsenkurse verkauft. Die Banken hatten z. B. die Aktien der Deutsch-Lukemburgischen Berg- werksgefellfchaft aus der Masse des Stinnes- konzems weit unter dem Börsenkurs verkauft.

Bei einer späteren Unterredung mit der Leitung des DankenlonsortiumS habe er sich zu einer Ausfallbürgfchast bereit erklärt, aber nicht etwa, weil dafür eine juristische Verpflichtung bestanden hätte, sondern ledig­lich aus moralischen Gründen.

Die Banken hätten ihm die Berechtigung be­stritten. die ihm ausgelieferten Vermögensstücke nach seinem Ermessen zu verwenden. Er habe das Empfinden, daß der Vertreter des Banfcnfon- sortiums einen Mißbrauch mit feiner Macht ihm gegenüber geübt habe, und er habe ihn zur bedingungslo'ea ile&ergabe des D e- fihes der Aga-Aktien zwingen wollen, das aber hätte ihm nicht zugemutet werden kön­nen. Als keine Möglichkeit bestand, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln den Betrieb der Aga aufrechtzuerhalten, habe er die Hälfte seiner Aktien der Arbeiterschaft an* ?e b o t e n , damit auf diese Weise eine ft a a t * iche Hilfe für das feiner Meinung nach voll­kommen lebenskräftige Unternehmen beschafft werden könne. Er glaube, daß, wenn etwa drei Millionen Mark zur Verfügung gestellt werden würden, die Umstellung des Werkes auf Massenproduktion vollkommen durchge­führt werden und das Unternehmen rentabel ge­staltet werden könne.

Dr. Stinnes bestätigte, daß Verhandlungen wegen des Verkaufes des Werkes mit einem ausländischen Konsortium schwebten, und daß im Falle des Zustandekommens des Verkaufes die Möglichkeit bestände, die gesamten Aktien, also auch die der Arbeiterschaft über­antworteten unter Sicherstellung der finanziellen 3ntereffen der Arbeiter zur Verfügung zu stellen.

Die Krisis derAga".

Regelung der Lohnschwierigkeiten.

Berlin, 18. Aug. (TU.) Wie die Tele­graphenunion von unterrichteter Seite erfährt, werden die noch rückständigen Löhne bei den Aga-Werken jehtt aufge­bracht. Die am Freitag fälligen Löhne sind schon so gut wie sichergestellt. ES werden dem Betriebsrat einige gute Wechsel zur Diskon­tierung übergeben, um damit ebenfalls für die Löhne eine Grundlage zu schaffen. Von Ame­rika liegen Angebote vor, die zeigen, daß das Interesse für das Werk sehr groß sein muß. Außerdem hat sich bereits eine große Anzahl ausländischer Geldgeber gemeldet, die das Werk unterstützen oder sich beteiligen wollen.

Abbau bei 6erD. A. g.".

Frankfurt a. M, 19. Aug. (TU.) Wie die Telegrapheit-Union erfährt, beabsichtigt der »um Stinneskonzern gehörende Verlag derDeut­schen Allgemeinen Zeitung" die Gesamtauf­lage des Blattes, einschließlich der sübdeutscheu Ausgabe, ab 1. September in Berlin herzu- stellen. Die Frankfurter Flliale derD. A. Z." wurde aufgelöst. Der Verlag der Stinnesprestc in Berlin steht nach wie vor zum Verkauf.

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und UN Fernen Osten.

das stehende Heer einschägt, stellen zwar keinen mo­dernen Gefechtswert dar, find aber, mit 5)ilfe Ruß­lands, durchaus in der Lage, jede unerwünschte Macht aus dem Innern des ungeheuren Kontinents fernzuhalten: die schwierige Voraussetzung dafür ist freilich, daß die Einheitsfront absolut gewahrt bleibt." Die chinesische Wirtschaft würde mit der europäischen zugleich zugrunde gehen, aber das russische Beispiel zeigt, daß ein Volk auch das auf sich nimmt, wenn ihm andere Belange wichtiger er- scheinen. Diese Kombinationen, die uns vorläufig phantastisch erscheinen, kann man heute in Kreisen der Bewegung ernsthaft erörtern hören und daraus lernen, daß kriegerische Verwicklungen in China in einer nahen ober ferneren Zukunft nicht so lächerlich erscheinen, wie man sie in London darzu- stellen pflegt.

Die gegenwärtige jungchinesische Bewegung wird in demselben Augenblick in unmittelbaren Kontakt mit Indien kornernn, wenn es ihr gelingt, das Auslandchinesentum in Südostasien für sich zu gewinnen. Die chinesische Kaufmannschaft in den Straits-Settlements stellt den wirtschaftlich führen­den Faktor Hinderindiens dar: hinter iyr stehen etwa 30 Millionen chinesischer Kulis, die im Laufe der Zeit in diese wirtschaftlich aussichtsreichsten Ge­biete Asiens ausgewandert find und durch ihre Ent­wurzelung und organisatorische Zufammenfassung den Chinesen des Mutterlandes an Aktivismus weit überlegen find. Die Sturmzeichen mehren sich, die ein llebergretfen der Bewegung auf diese Gebiete anzeigen. Am 30. Juni haben die chinesischen Kauf- mannsorganisationen in den Straits-Settlements in einer Adresse an das Auswärtige Amt in Peking die Kriegserklärung an England gefordert, da sie nach ihren Erfahrungen das einzige Mittel fei, um England zum Nachgeben zu zwingen, und gleich- zeitig eine größere Geldsumme für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. Diese Geste gewinnt durch die Tatsache, daß die Indochinesen in Singapore den Hauptstützpunkt Englands in Süd- und Ost- afien umklammert halten, einen weltpolitischen Hin­tergrund.

Am weitesten sind heute die Dinge in Kanton gediehen. Hier, wo ein direkt von Moskau inspi­rierter Stadtrat das Heft in Händen hält, kann jeden Tag der Wirtschaftsboykott in Blutvergießen übergehen. Nur die Klarheit darüber, daß ein An­griff die baldige Niederlegung von Kanton bedeuten würde, hält vorläufig die roten Bataillone von einem Generalangriff auf Shamoen zurück. Wahr- scheinlich wird hier und nicht in dem kühleren Nor­den einmal der Würfel der Entscheidung fallen, welche Rußland mit allen Mitteln herbeizuführen bestrebt ist.

Die ..-ae der Generale in der nationalen Be­wegung ist noch ungewiß: jebenfaUs werben sie zu Zugeständnissen an die öffentliche Meinung ge­zwungen fein. Vor allem demchristlichen Gene­ral"' geben sie Gelegenheit, sich durch Eintreten für die raterlänbifd)e Sache vor der Oeffentlichkeit zu rehabilitieren. Das Bild hat sich seltsam verändert: Während noch vor wenigen Monaten das Spiel der militärischen Machthaber den chinesischen Kontinent beherrschte, treten sie heute ganz hinter der allge­meinen Volksbewegung zurück. Man möchte glau­ben, daß für China eine Zeit gekommen ist, in der niuyl mehr der Säbel, sondern Ideen herrschen, bie im Rahmen der panasiatischen Bewegung vielleicht ein neues China schaffen können. Welche Folgen dies für Europa haben wirb, ober ob bie gegenwär­tige Epoche nicht von einer noch ausgeprägteren Säbelherrschaft abgelöst wirb, ist ganz ungewiß, denn China ist heute bas Lanb ber unbegrenzten Möglichkeiten.

Die nationalistische Bewegung in China. Englandfeindliche Maßnahmen in Kanton.

Kanton, 19. Aug. (Reuter.) Die chinesischen Behörden haben Bestimmungen für die Küstenschlffahrt erlaffen, wonach Dampfer aller Rationalitäten mikAusnahme der bri­tischen und japanischen die oerschledenen käsen antaufen dürfen, vorausgesetzt, daß sie h o n g- r o n g nicht berühren. Alle Dampfer, welche die Häfen anlaufen, müssen sich einer Durch­suchung seitens der wachen dera n t i i m pe­ri a l i ft i f d) e n Union unterwerfen. Rach den Bestimmungen ist ferner die Ausfuhr von Le­bensmitteln und Roh ft offen aus dem 3nlanbe verboten. Ls verlautet, bah ber bri­tische Generalkonsul an bie chinesische Re­gierung die schriflliche Anfrage gerichtet hat, ob diese Bestimmungen offiziell seien. 3n dem Schreiben des Konsuls wird daraus hingewiesen, daß diese

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

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Die Darmstädter Bank, die Deutsche Bank und die Direction der Discontogefellschaft veröffentlichen eine längere Erklärung, die die Stellungnahme der Banken gegen Dr. Edmund Stinnes verteidigt. Die Erklärung sagt, daß die Banken sich erst e i n eigenes Urteil über die Verhältnisse des weit- verzweigten Stinneskonzerns bilden mußten, weil die Angaben seiner leitenden Persönlichkeiten sich zum Teil als unrichtig und lückenhaft erwiesen hätten. In den letzten zwei Monaten hätten die Banken auch bereits ein Drittel ber Gesamtschul- benlaft tilgen können, unb sie seien weiterhin über­zeugt, bie von ihnen übernommene Aufgabe, den Stinneskonzern im Interesse ber beutschen Volks- wirtschaft ohne erhebliche Erschütterungen orga­nisch abzubauen, burchführen zu können. Die Erklärung macht Herrn Dr. E b m u n b Stinnes in erster Linie mit verantwortlich für bie Geschäftsführung unb bie finanzielle Lage des Stinneskonzerns unb lehnt den Standpunkt ab, daß es Aufgabe der deutschen Banken sei, Unter­nehmungen die sich in Bedrängnis befinden, durch Hergabe von Krediten zu unterstützen. Die Erklä- rung bringt bann einen Auszug aus einem Brief, mit bem bie Vertreter ber Berliner Hanbelsgesell- schaft, ber Discontogefellschaft, ber Darmftäbter unb Nationalbank unb des Bankhauses Delbrück- Schickler ihren

Austritt aus dem Aufsichtsrat der Aga damit begründen, daß diese Tätigkeit sie als Mitglieder des Konsortiums zur Sanierung der Firma Hugo Stinnes in I n te r e s s e n k o n - f lif t bringe. Die Banken hätten sich nämlich von vornherein auf den Standpunkt gestellt, daß der Vertrag des Herrn Dr. Edmund Stinnes mit seiner Mutter durch gütliche De r st ä n - bi g u n g aufgehoben werden müsse. Die von Dr. Edmund Stinnes abgegebenen, zum Teil widerspruchsvollen Erklärungen hätten bei den Banken die Ansicht hervorgerufen, daß er nach wie vor in der Lage sei, über die abgetrete­nen Werte, also dem Besitz an Rordstern- und Rordsternbankaktien, die Forderungen gegen die Firma Hugo Stinnes in Höhe von 6 Millio­nen usw. zu verfügen. Die Banken hätten weitere Verhandlungen von entsprechenden Erklärun­gen und eine Hilfsaktion von einer eingehenden Prüfung der Verhältnisse der Aga unter Aus­schaltung jeglichen Einflusses des Herrn Dr. Edmund Stinnes abhängig machen müssen. Die Banken würden die ihnen gegenüber ihren Attionären und Gläubigern wie auch der gesamten Wirtschaft obliegenden Pflich­ten verletzen, wenn sie einem Unternehmen blind­lings Kredite gewähren würden, das unter Ein­fluß des Herrn Dr. Edmund Stinnes steht. Eine in wesentlichen Puntten abweichende Erklärung gab

Dr. Edmund Stinnes

in einer Aussprache mit Pressevertretern. Die Auseinandersetzung der Firma Hugo Stinnes mit seiner Familie sei ohne Beteiligung der Banken erfolgt Die ihm überantworteten Ver­mögensstücke bildeten den Erbanspruch an seinen Vater. Er habe volles Derfü- gungsrecht darüber gehabt. Als die Banken bei der Abwicklung der Schuldverpflichtungen des Stinneskonzerns Schwierigkeiten hatten, ver­langten sie von ihm, daß er mit f einem Ver­mögen mit in die Stinnesmasse be­dingungslos eintrete. Er habe dies ab­gelebt. da keinerlei juristische Verpflichtung stir ihn bestand. Die Banken hätten dagegen der Aga die Kredite entzogen, auf die er glaubte mit Bestimmtheit rechnen zu können. Er sei daher gezwungen gewesen, seine Ver­mögensstücke zu veräußern, insbesondere die "Rordftemaktien-Zuslcherung von sechs Mil-

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Mit ledern Tage wird es beullicher, daß sich ber Weltkrieg zu einer großen kolonialen Niederlage brr Siegerstaaten auszuwachjen beginnt. Während die Wcsimächte mit ber Durchführung ihres Kreuz- zuges fürRecht unb Menschlichkeit" beschäftigt waren, unb farbige Truppen in ungeheuren Massen auf bie Kriegsschauplätze Europas warfen, begann sich in ben Kolonien unb Halbkolonien Asiens unb Norbafrikas ein ©anbei von ungeheurer Tragweite zu vollziehen. In bem gleichen Maße, wie bie trabi- lionelle Hochachtung vor bem weißen Manne im cdjroinben begriffen war, steigerte sich bie tatsäch­liche wirtschaftliche unb militärische 'Bebeutung ber unterdrückten Kolonialvölker. Die militärische Ueberlegenheit des Abendlänbers, auf ber allein seine Vormachtstellung in Asien basiert ist, würbe zum ersten Male ernsthaft in Frage gestellt, gleich­zeitig begann eine weitgehenbc wirtschaftliche Emanzipation ber Kolonialländer im Stillen unb im Inbischen Ozean. Ihr natürlicher Reichtum unb ihre Entwicklungsfähigkeit mochte sie in bem glei­chen Augenblick zu selbstänbigen Wirtschaftskörpern, als die Kontinuität bes europäischen Machteinflusses auf kurze Zeit unterbrochen war. Das weltpolitische Schwergewicht, bas bis bahin ausschließlich in Europa gelegen hatte gab einen merklichen Anteil an die fernöstlichen Länder ab unb bie kolonialen Probleme, bie bis bahin ihre Erlebigung vor ben grünen Tischen unb auf ben Schlachtfelbern Euro- oas gefunben hatten, erhielten eine Reihe beach- tenswerter Mittelpunkte in Süb> unb Ostasien. Die Zeit, in ber bieafiatisch-afrikanischen Eroberungen alsNiemanbslanb" betrachtet unb nach Gutbün- ken ber Parteien aufgeteilt werben konnten, werben nicht mehr wieberkehren, nachdem in ben unterwor­fenen Völkern das Bewußtsein für nationale In­tegrität erwacht ist. Die zivilisatorischen Maß­nahmen ber Kolonisatoren selber, welche bie unter­worfenen Völker burch freiwillige Gaben bes Fort­schritts zu gewinnen suchten, haben recht eigentlich diese Bewegung ins Leben gerufen. Jeder Asiate, der einmal in die Atmosphäre des europäischen Chauvinismus hineingespürt hat, ist ein Todfeind kolonialer Unterdriickungsmethoden.

Aus die Erweckung Asiens hat das Ausscheiden Rußlands aus bem europäischen Völkerringe in hohem Grabe beschleunigend eingewirkt. In dem Augenblick, als Rußland von seinem europäischen Kothurn herabstieg, und als Asiate zu ben Asiaten kam, war bie Vormachtstellung bes weißen Mannes in Asien bahin. Weniger sein bolschewistisches Wirt- schastsprogramm als fein Schlachtruf.Asien ben Asiaten" hat Moskau bie Vormachtstellung in Asien gegeben. Es wußte, wo ber abenblänbifche Kapi­talismus am empfinblichften zu treffen war unb hat feine Kampfesrnethobe geschickt ben vitalen Schürf- nissen ber Asiaten angepaßt. Rußlanb gab ber Pan- aftenberoegung, bie burch Uneinigkeit unb Inbolanz gefährdet war, das große Ziel und die Note des Aktivismus, der auch vor Gewalttaten nicht zurück­scheut. Hierdurch, nicht durch bie Verbreitung seiner neuen Wirtschastslehre, ist es ben Kolonialmächten Europas furchtbar geworden. Es ist durchaus un­wahrscheinlich, daß ein asiatisches Territorium nach erlangter Unabhängigkeit das Moskauer Pro­gramm kopieren würde: die völkischen Verschieden­heiten bilden in Indien wie in China unüberfteig- liche Schranken.

Der Meinungsstreit über die besten Methoden des Kampes hat zuerst in Indien praktische Bedeu- tung gewonnen. Wenn wir den parlamentarischen Kampf ausscheiden, von dessen Erfolglosigkeit sich der kürzlich verstorbene indische Führer Das über­zeugen mußte, so bleiben Krieg unb Wirtschafts­boykott bie Mittel bes allgemeinen Widerstanbes; bie indische Bewegung hat sieVielenz" undNon- vielenz" genannt. Die unblutige Methode des Wirtschaftsboykotts und der passiven Resistenz hat zweimal in Indien (1919/20) und zweimal in China (Shamoen-Hongkong, Japan) Proben ihrer Wirksamkeit gegeben; wieder wirb heute in China als Antwort auf bie Schanghaier Vorfälle mit bic- fer Waffe gekämpft. Aber bamals wie heute zeigt es sich, baß auch ein starker wirtschaftlicher Druck keine Aenberung ber politischen Maßnahmen er­zwingen kann. Zu groß find bie machtpolitischen Interessen, bie auf bem Spiele stehen, als daß um der Wohlfahrt Weniger willen der ganze Kolonial­bau erschüttert werden dürfte. England wird bei seinem Verhalten von den in Asien machtpolitisch interessierten Staaten sekundiett: diese sind sich be­wußt, daß ein Nachgeben an einem Punkte die ganze gärende Maste in Bewegung setzen kann. Die Drahtzieher der asiatischen Bewegung sind daher dazu übergegangen, die Möglichkeiten eines bewaff­neten Widerstandes ernsthaft ins Auge zu fasten.

Der ostasiatische Kontinent ist seit bem Eintreten ber Mächte in den östlichen Kulturkreis zweimal Gegenstand fremder Invasionen gewesen: Im Opiumkriege und in den Boxerwirren: in beiden Fällen hat sich bie Ueberlegenheit westlicher Krieg­führung zweifelsfrei erwiesen. Auch heute wäre im Falle eines offenen Krieaes bie Küstenzone ein­schließlich aller bebcutenöcrcn Hafenplätze ben Kriegsschiffen unb Lanbungstruppen der Mächte schutzlos ausgcliefert. Ein Eindringen in ben asia­tischen Kontinent dagegen dürste wohl heute wie damals völlig ausgeschlossen sein. Es ist durchaus damit zu rechnen, baß sich China in einem äußer­sten Falle ebenso wie Rußland ganz aus seinen maritimen Positionen zurückzieht und wieder der Äontincntalftnnt wird, der er Jahrtausende gewesen tft Die eineinhalbmillionen Soldaten, auf bie man

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