Ausgabe 
17.8.1925
 
Einzelbild herunterladen

Montag, 1?. August 1925

(75. Jahrgang

Kr. 191 Erster Blatt

-a. M

V

s-

#66

»I D

£3 A<y

to 5

China-Kongretz in VerUn.

Berlin. 17. 2Iug. (Xil) Am Sonntag vormittag trat im Plenarfthungssaal des Preu­ßischen Landtags der China-Kong. der I A.H. «Hände weg vvn China!" zusammen, um

Frieden zwischen Frankreich und den Drusen?

London. 17. Aug. (I.11.)Daily Mail ' mel­det aus Jerusalem, daß zwischen Frankreich und den Drusen ein Frieden geschlossen worden ist. Die Iriedensbedingungen ständen noch nicht genau fest, außer der Vereinbarung, daß die Aufständi­schen eine hohe Geldbuße zu entrichten hätten. Die französischen Behörden hätten versprochen, die Urheber des Ausstandes zu begnadigen.

Die letzten Nachrichten aus Syrien spiegeln die politischen Besorgnisse in Damaskus wider. Dorthin sind zehn Panzerwagen aus Beirut entsandt worden, um eine Kundgebung zu ver­anstalten. Aus Beirut wird gemeldet, daß eine Abordnung. die zur Unterhandlung mit den Drusen entsandt wurde, aus Hauran mit fol­genden Bedingungen der Drusen zurück- kehrte:

1 Hauptmann Carbillet muh des Gou­verneurpostens des Dschebel-Drus enthoben werden.

2. Ein französischer Gouverneur ist genehm, vorausgc eht, daß er von den Dru­sen gewählt wird.

3. Niemand darf wegen des Ausstandes be­straft werden und die Waffen der Drusen dürfen nicht beschlagnahmt werden.

Die Abordnung wurde von General S a r r a i l empfangen und hierauf Be'ehl ge­geben. die in Damaskus. Dcirez^>r und Kunei- tra gesangengesetzten Drusen freizulassen.

für eine allgemeine Beteiligung der internationalen Arbeiterschaft an der Durchführung einer einheitlichen praktischen Hilfsaktion für das um seine nationale Freiheit kämpfende chinesische Dolk zu werben. Es waren Vertreter aus allen europäischen Län­dern und Amerika erschienen. 3n einer Ent­schließung wurde an die Leitung der Amster­damer Gewerkschafts-Internationale appelliert, an einer einheitlichen Hilfsaktion mitzuwirken.

Japan protestiert gegen die Strelkunruhen in Tientsin.

Peking, 16. Aug. (Wolff.) Die japanische Gesandtschaft hat dem chinesischen Außenminister eine Note übermittelt, in der gegen die Angriffe der Streikenden auf die japanischen Daumwoll- spinnercicn von Tientsin Protest eingelegt wird. Die Note weist darauf hin, daß die Maschi­nen vollständig zerstört wurden. Ein japanisc^r Arzt sei ernstlich verwundet worden, als er chinesischen Soldaten Hilfe leistete. Die Note erkennt an, daß die chinesischen Behörden die notwendigen Maßnahmen getroffen hätten, um der ernsten Lage in Tientsin zu begegnen, protestiert jedoch dagegen, daß japanische Staats- angchörige Dcrtounbet und japanisches Eigentum beschädigt wurde. Sie fordert schließlich, daß Maßnahmen getroffen wertem die eine Wieder­holung derartiger Vorfälle ausschUeßen. Dw Note behält sich endlich das Recht vor. Kompen- sationsfvrderungen zu stellen.

Der Fall Stinnes.

Die Schwierigkeiten bei derAga". - Die Werksbeteiligung der Arbeiterschaft.

Hnua .... von Änjetgtn für dir Tagesnummerbis zum Nachmittag vorher ohne jedcDerbindlxvkeit.

Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Brette örtlich8, auswärts 10 Goldpfennig; für Ne- blame-Anzeigen v 70 i in Breite 35 Goldpfennig, Plahvorschrift 20v . Auf- schlag. - Verantwortlich für Politik u. F euilleton: l)r Friede Wilh Lange; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: HansVeik, sämtlich in Gießen

Berlin, 16.Aug. Dr. Edmund Stinnes, der älteste Sohn des verstorbenen Hugo Stinnes, der nach lebhaften Auseinanderfehungen mit dem jüngeren Bruder bekanntlich vor mehreren Monaten aus dem Stinneskonzern ausschied und dabei eine Reihe Unternehmungen des Konzerns übereignet er­hielt. hat den Arbeitern der A g a ro e r f e (Aktien­gesellschaft für Automobilindustrie) ein Aktien- paketim Nominalwert von zwei Millionen über­eignet, da die Bereitstellung von genügenden Rlltteln für die am Samstag fälligen Lohnzah­lungen sich durch die Haltung der Banken als un­möglich erwies. Die Vertreter der Arbeiter nahmen das Angebot einstweilen zur Kenntnis und werden, nachdem sie sich mit der Belegschaft und den in Frage kommenden Gewerkschaften beraten haben, ihre Entscheidung bekanntgeben, lieber die Art der Ver­wendung dieser Aktien zugunsten der Angestellten und Arbeiter sollen alsdann Verhandlungen geführt werden.

WL.W

VlP

-WS

-ff"

Aw,

IM?

Die Vefreiungsfeier in Essen.

Ansprache des Oberbürgermeisters Bracht.

Essen. 17. Aua. (TU.) Die Stabt stand gestern im Zeichen der Besreiungsseier. Nach dem Festgottesdienst läuteten von 12 bis 12.10 Uhr sämtliche Glocken der Stadt. Trotz des trüben, regnerischen Wetters hatte sich eine unübersehbare Menschenmenge nach dem Burg­platz begeben. Schon lange vor Beginn des eigentlichen Festaktes vollzog sich der Auf­marsch der Vereine mit ihren Fahnen. Die Feier auf dem weiten Durgplatz wurde durch Posaunenchöre mit dem Liede ..Großer Gott wir loben dich" eingeleitet. Kaum waren die letzten Klänge des von den vereinigten Essener Gesangvereinen vorgetragenen Niederländischen Dankaebets verhallt, als Oberbürger­meister Bracht das Wort zu einer An­sprache ergriff, in der es heißt: ..Wit einem Dankgebet zu dem allmächtigen Gott haben wir unsere Befreiungsfeier begonnen. Danken wollen wir aber auch allen denen, deren Opfer in den letzten 2'/r Jahren diesen Tag geschaffen haben. Wir danken allen, die in den Gefängnissen ge­schmachtet. nut weil sie Reich und Staat die Treue hielten.

Wir danken auch den Männern und Frauen, die im Stillen Entbehrungen und Trübsal auf sich nah- inen um des Vaterlandes willen. Standhaftigkeit und Einigkeit haben uns befreit. Der fefte, ein­mütige Willen des ganzen Volkes zeigte der fremben Militärmacht und der aufhorchen- den Welt, daß wir unsere guten Rechte nicht mit Füßen treten lassen, daß das Land an der Ruhr unlösbar verbunden ist mit unserem großen deutschen Itaterlanb. Dieser zähe Abwehrkamps ermöglichte der Reichsregierung die zielbewußte Politik, für die mir ihr danken. Wir wollen und dürfen d i e Einigkeit, die uns in schwerer Zeit stark machte, nicht durch Parteikämpfe immer wie­der gefährden. Wir wollen einig sein in der Liebe zu unserem großen deutschen Vaterland und aus dieser echten Vaterlandsliebe heraus wollen wir den 'Andersdenkenden mit 'Achtung und Verständnis begegnen. Dann wird es auch wieder aufwärts gehen, dann werden wir iortfd)rciten auf dem Wege der Kultur und der Menschlichkeit. hierauf sang die Versammlung entblößten Hauptes das Deutschlandlied. Musikdar­bietungen beebenten die Feier. Der Abmarsch der ge­waltigen Menschenmenge verlief ebenso wie die Feier ohne jeden Zwischenfall. '

Auch Duisburg

bis zum 23. August geräumt.

Duisburg. 16. Aug. (TU.) Wie Düs- feldorf, so wird auch das belgische Sank­tionsgebiet Duisburg und Ruhrort bis zum 23. August geräumt sein. Die Massenguartiere werden am Donnerstag, die Privatquartiere schon am Montag frei sein. Duisburg und Ruhrort werden mithin am 23. August voll­ständig geräumt sein.

>3 a

M

Die Sozialisten und das Kabinett Painleve.

Kein Ciutritt in das .Kabinett. Fortsetzung der Untcrftülrnttqöpolitik.

Paris. 17. Aug. (TU.) Der sozialistische N a t i o n a l k o n g r e ß hat die Aussprache über die Unterstühungsvolitik zu Ende geführt. 3m Mittelpunkt der Debatte stand der eventuelle Eintritt in das Kabinett, der mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. In der Dormittagssitzung hatte Dolch die Neu­bildung des Linkskartells beantragt und erklärt, man müsse noch einen Versuch mit Painleve machen. Herriot habe die den So­zialisten gemachten Versprechungen nicht gehal­ten. Der Delegierte Montagnon glaubt, daß das Kabinett Painleve im Früh­jahr gestürzt würde wegen der unüberwind­lichen finanziellen Schwierigkeiten. Dann wäre der Augenblick gekommen, wo die Sozialisten sich zum Eintritt in das neue Kabinett entschließen müßten. Der Abgeordnete Pressemane fand begeisterte Zustimmung, als er ausführte, daß die Partei sich unter keinen Umständen an den Regierungs- geschästen beteiligen könne. Leon Blum lehnt jede Unterstützung des Kabinetts ab, hält aber die Fortsetzung der bisherigen Po­litik im Rahmen der Entschließung des Gre- nobler Kongresses für angezeigt.

Morel verwirft die 'Beteiligung an der Re­gierung und verlangt die D u r ch f ü h r u n g so­zialistischer Resormmaßnahmen für den Fall, daß die Unterstützungspolitik wieder aufgenommen wird. Darauf wird bh? allgemeine Debatte geschlossen. Wahrscheinlich wird eine Kom- promißformel gefunden werden, wonach d e Unter­stützungspolitik unter gewissen Voraussetzungen wieder aufgenommen wird. Leon Blum hat mit-, geteilt, daß der Parteivorstand beschlossen habe. Painleve beim Zusammentritt des Parlaments mitzuteilen, zwischen den Sozialisten und Maginot zu wählen.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrml und Verlag: Vrühl'sche Univerfi1üt§-Vuch- und Steinörudcrei R. Lanze in Siehe?.. Schriftleitunz und i5cfd)äft$Me: Lchulltrahe 7.

Dr. Edmund Stinnes nimmt selbst in folgen­der Erklärung zu dem außergewöhnlichen Vorgang Stellung:

Der Aktiengesellschaft für Autompbilbau fehlt zur Zeit die normale finanzielle Kräftigung mit Unterstützung, nachdem durch mein A u s s ch e i - denden aus der Firma Hugo Stinnes ihr die bisherigen Finanzierungsmöglichkeiten seitens der Firma Hugo Stinnes entzogen wurden und die früheren Bankverbindungen mit einer Ausnahme die vorher vorhandene Unterstützung ab- lehnten, und zwar wegen des Interesses der­selben Banken am Hugo-Stinnes-Stützungskonsor- tium. Die Führung des Bankkonsortiums steht auf dem Standpunkt, daß ihr die Aktiengesellschaft für Automobilbau völlig gleichgültig fei, und überläßt es der Aktiengesellschaft für Automobilbau, ihre Forderungen gegen Hugo Stinnes im Prozeß- w e g e geltend zu machen. Damit kann man selbst­verständlich keine Lohne bezahlen, und 810 000 Ar­beiter- und Angestelltenfamilien, die direkt oder in­direkt von den Werken abhängen, drohen der Ar­beitslosigkeit anheimzufallen, trotzdem das Unternehmen fast voll und weit besser beschäftigt ist als die überwältigende Mehrzahl der deutschen Unternehmungen gleicher und anderer Kreise. Die bisherigen Versuche, durch Vermittlung der Reichsregierung und der preußischen Regierung die notwendige Unterstützung zu er­halten, haben vorab noch nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt.

Vach den von Bankfeite abgegebenen Erklärun­gen habe ich den Eindruck, daß die Unterstützung in erster Linie deswegen unterbleibt, weil ich Besitzer der Aktienmajorität bin. So habe iqj mich entschlossen, die Hälfte meines Aktien­besitzes ohne Gegenwert der Arbeiterschaft des Werkes zu übereignen,

die bisher die Verwaltung bei der Umstellung auf moderne Fabrikationsmethoden bestens und voll unterstützt hatte, und die daher mit die höchsten Löhne in Berlin verdienen konnte, wobei das Werk noch mit Ueberschuß arbeitete. Ich hasse, daß, nach­dem nunmehr eine Majorität meinerseits bei der Aktiengesellschaft für Automobilbau nicht mehr vor- liegt, dieses Unternehmen die erforderliche Unter st ützung erhalt. Um entstellenden Ge­rüchten in der Oessentlichkeit vorzubeugen, habe ich hier zum ersten Male seit meinem Ausscheiden per­sönlich Stellung genommen, da es in diesem Falle nicht um .Handelsunternehmungen, Aktienbeteiligun- gen und derartiges geht, sondern um Gedeih und Verderben eines produktiven Betriebes mit Tausen­den von Menschen, gez. Dr. Edmund Stinnes.

Eine Darstellung von Grohbankseite erhält die gutunterrichic cTägl. Rundschau". Cs heißt dort: Die Gläubiger des Etinncskonzerns traren an das Stüyungskonfortium herangetreten und hatten die Tatsache beanstandet, daß auf Grund des Jamilienauseinanter'etzungsvertrags die Gruppe Edmund Stinnes mit we­

sentlichen Aktiven unbeschädigt aus dem Stinneskonzern ausgeschieden sei, ohne bei der jetzt notwendig wertenden Liquida­tion beizutraqcn. Juristisch wurde die Möglich­keit festgestellt, eine

Heranziehung der Edmund-Etinnes-Gruppe zu der Liquidation des Etinneskvnzerns auf dem Regreßwege auf Grund der Art der von Edmund Stinnes vorher im Stinnes­konzern ausgeübten GesHiiststätigleit herbeizuführen. Dr. Edmund Stinnes bot nun eine Ausfallbüraschaft an. Als Sicher­heit für diese Aussallbürgschast schienen indessen die angekwtenen Aga-Werte nicht zu ge­nügen. Bei der Diskussion der Frage der Stel­lung weiterer Sicherheiten ergab sich nun aber, daß die übrigen der Edmund-Stinnes- Gruppe auf Grund des Auseinanderfetzungsver- träges ausgehändigten Werte nur noch zum Teil im Besitze von Dr. Edmund Stinnes waren. So stellte sich z. B. heraus, daß an­scheinendN o r d st e r n" (Dersicherungsunter- nehmen) an die holländische Gruppe van der Heydt verkauft worden war, ferner auch die erst ab 1926 fällige Forderung an d i e Fa­milie Stinnes in Höhe von sechs Millionen Mark. Auch weitere Werte scheinen verkauft worden zu sein.

Die Danken verlangen nun, da für die Aussallbürgschast eine Sicherheit der ge­samten der Edmund-Stinnes-Gruppe über­eigneten Werte nötig erscheint, nicht nur eine Sicherstellung der Aga, sondern auch restlose Aufklärung über das Schicksal der übrigen, wie es heißt veräußerten Werte bzw. deren Gegenwert.

Nach der Entscheidung dieser Angelegenheit wür­den sie gegebenenfalls bereit sein, auch zu Gun­sten der Aga zu intervenieren, im Interesse der Erhaltung des Pfandwertes

Hinsichtlich des Status der Aga trifft etwa folgendes zu: Die Verpflichtungen be­laufen sich auf etwa 12 Millionen Mark, von denen etwa 7 M illionen kurzfristig sein dürsten. Waren und Außen st än de repräsentieren demgegenüber etwa 91/. Millionen, wöbet man berücksichtigen muß, daß ein Teil der Waren­bestände aus Halbfabrikaten der Firma besteht, die im Liquidationsfalle unverkäuflich sein wür­den. Das von der Edmund-Stinnes-Gruppe dem Kottzern gegenüber beanspruchte Guthaben von einer halben Million Mark wird von der Firma Hugo Stinnes, Mühlheim bestritten.

Die Stellung des Betriebsrats.

Berlin, 16. Aug. (TDl. Abendblätter). Den Entschluß von Dr. Edmund Stinnes, die Hälfte seines Aktien-Besihes an der Aga der Arbeiter­schaft zu vermachen, nennt derVorwärts" in einer abfälligen Kritik einen Notwehr- und Reklameakl. In der Sorge, daß ein derartiges Gewinnbeteiligungsverfahren auf eine Werkgemeinschaft hinausläuft, habe der Be­triebsrat bisher zu dem Schenkungsa-.gebot noch keine Stellung genommen Ec werde sich bemühen, eine Form zu finden, in der er die älebernahme der Aktien mit den In­teressen der gesamten Arbeiterschaft in Einklang bringen kann. Wie das möglich ist, darüber bestehe noch keine Klarheit, es müßte wohl vor­her mit den zuständigen zentralen Gewerk- schaftsin stanzen verhandelt werden. Der Vorsitzende des Betriebsrats der Agawerke P r v ch n o w hat sich, wie er in einer Zuschrift an die Berliner Montagspost mitteilt, an den Oberpräsidenten von Brandenburg gewandt. Dieser habe in seiner Eigenschaft als Demobilmachungskommissar für Montag vormit­tag eine Sitzung ein berufen, um über Maß­nahmen zur Vermeidung der Stillegung des Werkes zu beraten.

Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertag».

Beilagen:

GießenerFamiliendlätter Heimat im Bild.

Monat,.Sezngrpreir:

2 Goldmark u. 20 Gold- Pfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Fernsprech.Anschlüste: Schristleilung 112, Der- lagundGefchäftsftelleöl. Anschrift für Drahtnach- richten: LnzelgerSiehen.

Postschecktonte:

Frankfurt a. M. 11686.

5 Ri

= S""

2 .. B K =

«Jik im

ila

% ? o 3

Rußlands Feindschaft gegen den deutschen handel in Persien.

Von Dr. Gustav Rolof f, orb. Professor her Geschichte an der Universität Gießen.

Wenn die deutsche Regierung schon in der Türkei nur wirtschaftliche Zwecke verfolgte und nicht von fern an die Errichtung eines Protektorats über grö­ßere ober geriegere Teile bes^Sultanreiches dachte, jo hielt sie in dem entfernteren Persien vollends po^ litifche Enthaltsamkeit für geboten. Dies Land, fast ohne moberne Verkehrsmittel und burch häufige Un­ruhen zerrüttet, lag in ber natürlichen Interessen­sphäre Rußlanbs unb Englands; bas eine wollte es non Norben her unterwerfen, um burch eine Eisen-, bahn einen Zugang zum Indischen Meere zu ge­winnen, bas andere sucht seine j)anb auf Sübper- sicn zu legen, um solchen Plänen entgegenzutreten. Nie hat Deutschland beabsichtigt, beiben Mächten den Vorrang in Persien streitig zu machen, obgleich ihm wiederholte Angebote gemacht wurden, die zu einer solchen Politik verleiten konnten. Zn dein uerftänb- lichen Wunsche, an Deutschland eine Stutze gegen die beiden eigensüchtigen Nachbarmächte zu erlan­gen, regte z. B. ber persische Gesandte in Berlin an (Oktober 1905), eine deutsche Gesellschaft möge eine Konzesfion-zum Bau einer Eisenbahn von Te­heran zum Anschluß an die Bagdadbahn erwerben, aber die deutsche Regierung ging nicht darauf ein, weil sie wußte, daß Rußland daran Anstoß nehmen werde. Dagegen war sie bereit, die Gründung einer Deutschen Bank in Persien zur Unterstützung des deutschen Handels zu fördern, aber auch hierbei war sie peinlich bemüht, alle Reibungen auszuschließen. Vertraulich ließ sie in Petersburg und London mit­teilen, Deutschland werde auch nach ber Errichtung einer Bank feine Politik nicht oeränbern, sonbern lebiglid) wirtschaftliche Ziele verfolgen, unb als Per­sien kurz barnad) um eine beutsche Anleihe nachsuchtc (Sept. 1906), lehnte das Auswärtige Amt ab, um England und Rußland nicht zu verletzen. Ein Dank wurde ber beutfchen Regierung für ihre Loyalität nicht zu teil: Von Rußlanb aus würben vielmehr Gerüchte über ungeheuerliche Pläne Deutschlands verbreitet; schon habe es in Rußland Material für eine große persische Bahn bestellt unb dergleichen Be­hauptungen mehr. Eine solche Behauptung, schrieb der deutsche Staatssekretär entrüstet, übertrifft in ihrer Phantasterei sogar das Maß ber bisherigen Erfinbungen, sie illustriert aber gleichzeitig bie Ge­wissenlosigkeit, mit ber man fortgesetzt unsere Politik zu oerbächtigen sucht."

Der energische beutsche Protest gegen derartige Unterstellungen bewirkte, daß Iswolfti ein Abkom­men über die deutschen unb russischen Rechte in Per­sien vorschlug (Anfang 1907). Sein Ziel war, das Monopol für alle Verkehrsanlagen in 'Jlorbpcrflcn zu erhalten, wofür er sich anheischig machte, Deutsch­land beim Bau ber Bagdadbahn keine Schwierig- teilen mehr in den Weg zu legen, ja nach jebes- maliger Verstänbigung zwischen Berlin unb Peters­burg den Bau von Anschlußbahnen unb die Zu­führung fremden Kapitals zum Bahnbau fördern zu wollen. Indessen diese Grundlage war für Deutschland unannehmbar. Einer ber besten Kenner der Orientfragen in der deutschen Diplomatie, der Botschafter von Marschall in Konstantinopel, stellte bei ber Prüfung bes russischen Vorschlags drastisch die russische und deutsche Orientpolitik einander gegnüber. Während Deutschland die mohammedani- jchen Länder durch seine Tätigkeit zu heben bemüht sei, wolle Rußland sie gerade an der (Entfaltung ihrer wirtschaftlichen Kraft hindern und ihre poli­tische wie wirtschaftliche Schwäche steigern. Deshalb habe es Persien einen Vertrag auferlegt, keine Eisen­bahnen ohne russische Genehmigung zu bauen und der Pforte durch ein ähnliches Abkommen wenigstens den Bau von Eisenbahnen und Straßen im nord­östlichen Kleinasien, einem wirtschaftlich überaus wichtigen Gebiete, unmöglich gemacht. Darum ver­diene das russische Versprechen, jetzt die Bagdadbahn fordern zu wollen, kein Vertrauen; Iswolskis Zusagen seien auch so verklausuliert gehalten, daß ber Ver- dacht naheliege, er wolle unter dem Schein ber För­derung Einfluß auf bas Bagdabunternehmen ge- rotnnen, um es zu hemmen. Marschall hatte ohne Zweifel bie russische Politik richtig beurteilt. Denn als man in Berlin seinem Gutachten beitrat unb ben ru,-r "*cn Antrag mit einem Gegenentwurs beant­wortete, in dem Deutschlanb den Russen bie Anlage aller Eisenbahnen unb Straßen in Norbpersien zu- fprach, aber sich die Leitung der Bagdadbahn oor- bebielt, begann Iswolsky die Angelegenheit zu ver- schleppen. Er oersprack) sofort eine endgültige Ant­wort (Sommer 1907), war aber beim Jahresschluß noch nicht damit herausgekommen.

In dieser Zeit machte sich nun auch die Voll­endung der russisch-englischen Entente (31. August 1907) geltend: Mit englischer Hilfe hoffte der ruf- fische Minister Deutschland aus ganz Persien zu ver­drängen, ohne eine Konzession in der Bagdadfrage zu gewähren. Anstatt der Opfer, das Deutschland in Nersien zu bringen bereit war, anzuerkennen, tadelte er vor dem deutschen Botschafter in heftiger Weise die Haltung des deutschen Gesandten in Teheran, ber nach Berichten des russischen Geschäftsträgers sich bei Unruhen in Perlten ostentativ auf die Seite der Feinde Rußlands und Englands gestellt habe, wäh­rend alle seine Kollegen Neutralität beobachtet hätten. Es war deutlich, daß Iswolski, gestützt auf bie neue Freundschaft mit England, eine solche Sprache wagte und nach Vorwänden suchte, um jeden ©er­trag m t Deutschland über Persien herumzukom- men. Danmit steht im Einklang, daß gleichzeitig auch die Londoner Presie heftige Vorwürfe gegen bas Umsichgreifen der Deutschen in Persien ver­öffentlichte. Tatsächlich laaen bie Dinge in Teheran gerade umqetebrt, als Iswolsky behauptete. Der I beut'che Gesanbte Frhr. v Richthosen hatte bie ftrenafte Unparteilichkeit gewahrt, als es einmal Aum Bruck zwischen der Dartei bes Schab unb he»

w g=5,?f 8^1 w

& 's.

sSehj

*»=5 is