Ausgabe 
14.11.1925
 
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Nr. 268 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhellen)Samstag, K. November 1025

Islam und Voll Heroismus

(Erne Auseinandersetzung.)

Von unserem P-Mitarbeiter.

Das Vordringen des Bolschewismus nach Asien, speziell sein Einzug in den mit dem Ramcn Turkestan bezeichneten mittelasiatischen Besitzungen Rußlands, lieh zwei Weltanschauung gen auseinailderstohen, von denen die eine jung, ideenreich und agressiv, die andere sich dagegen als Produkt einer uralten Kultur mit ihren starren, innerlich langst abgeschlossenen Formen über dem Lande lagerte. Bolschewismus und Islam! Zwei Ideenwelten, die sich in den wesent­lichsten Punkten, trotz mannigfacher Berührung, diametral gegenüberstehen, begegneten sich nach der Revolution hier in Zeirtralasien zum ersten Mal, wobei es zu folgenschweren, die Stellung beider in Asien gleichsam k.ärenden Auseinander­setzungen kam.

Vertrat der Bolschewismus seine Anschau­ungen mit einem gewaltigen Elan und trachtete er danach, der von ihm erstrebten Weltanschauung mit kriegerischer Gewalt zum Siege zu verhelfen, so verhielt sich die mohammedanische Welt 'als Religion sowohl wie als Wirtschaft bei Ausbruch der Revolution den neuen Ideen gegenüber zu­nächst durchaus nicht ablehnend. Hier in den asiatische^ Besitzungen Rußlands wie auch all­gemein in pen von Europäern bewohnten und wirtschaftlich beherrschten Gebieten Asiens be­stand nämlich schon lange vor dem Kriege in starkem Maße eine Eingeborenenfrage. Rur un­ter diesen» Gesichtswinkel einer wachsenden Strö­mung gegen die Europäer, speziell gegen die Russen, ist die schnell« Ausbreitung der Revolu­tion in Zentralasien zu verstehen, deren Schlag­worte von der Selbstbestimmung der Völker der Mentalität der Eingeborenen in hohem Mähe entgegenkam. Aber schon nach ganz kurzer Zeit, im Jahre 1918, folgte das Erwachen aus diesem Revolutionstaumel, indem besonders das eigent­liche Turkestan mit seinen strenggläubigen Mo­hammedanern den Bolschewismus und überhaupt die ganz« Revolution schroff ablehnte, und zwar mehr aus geistig-religiösen denn aus politischen Motiven heraus. Die'« schnelle und erstaunliche Wandlung der Dinge ist dadurch zu erklären, daß die übe'.w'e e.»ke Mehrzahl ter Ci.»geloreren Innerasiens überaus rechtgläubig ist und jede Einmischung in religiöse Dinge, speziell eine Be­seitigung der Kirche, wie es die Bolschewisten beabsichtigten, als persönlichen Angriff betrachtet. Auf ein ähnliches vollständiges Richtverstehen- wollen muhten auch die anderen Grundsätze des kommunistischen Snstems hier in Asien stoßen, da derSorte" als der Hauptvertreter der ein­geborenen Devolker'ung, mit Leib und Seele Händler, nur zu oft Wucherer ist und leine Beschäftigung »nehr schätzt als das stundenlange Feilschen auf den Basaren. Ein derart einge­fleischtes Händlervolk mit der starken Freude an Spiel und Gewinn muhte naturgemäh dem Gedanken «in«r kommunistischen Wirtschaft mit ihrem AuSschluh des Privathandels und Geld­verdienstes biS in seine letzten Kreise hinein schon auS diesem Grunde ablehnend gegenüber­stehen. Aber zu diesen beiden Momenten einer versuchten Ersetzung des Islams durch dieAuf­klärung" und ter Abschaffung des Privathandels, trat aus viel schärfer wirkend« Tatsache noch die von den Bolschewisten versuchte Einmischung in die privaten Verhältnisse, vor allem in die häus­lichen Angelegenheiten der Eingeborenen hinzu. Alles Dinge, die t«r Orientale bekanntlich ängst­lich dem Butt der Außenwelt zu entziehe»» be­strebt ist, wobei er etwa hierauf gerichtete An­griffe mit leidenschaftlichem Fanatismus und starker Feindschaft beantwortet. Durch seine Re­ligionsfeindlichkeit und das Bestreben, tas über­all im Orient noch typische patriarchalische Haus­wesen gewaltsam durch Gelehe und Verordnungen zu lösen, fetzte sich der Kommunismus in kurzer Zeit der Gegnerschaft dek gesamten mohammeda­nisch denkenden und vor allem fühlenden Welt

aus, an deren Lebensfundament hier gerüttelt wurde. Die Folge war ein allgemeines Murren der Unzufriedenheit unter den Eingeborenen, das in offene Feindschaft ausartele, als die Bolsche­wisten die Medressen, das sind die höheren mohammedanischen De.igionsschulen sowie die Moscheen schlossen und die gesellschaftliche Gleich­stellung und Emanzipation der Frau ein Alnöing für jeden echten Orientalen ver­kündeten. Die natürliche Folge dieses Vorgehens der Kommunisten war der Bürgerkrieg, d. h. es flackerten an allen Ecken Aufstände auf, die zu Anfang als allgemeiner Volkskrieg, nach dessen Riederwerfung durch die roten Truppen als langwieriger Kleinkrieg von 1918 bis 1923 Zentralasien brandschatzten und die blühende Baumwollwirtschaft der alten Ebene des Oxus und Iaxartes vollständig ruinierten.

Es trafen jetzt Bolschewismus und Islam, zwei grundverschiedene Denkwelten, in aller Schärfe als offene Feinde aufeinander, bereit, die Waffen über den Sieg der Idee entscheiden zu lassen. Trotzdem die Russen diesen ganzen Kleinkrieg, den man in Turkestan mit dem Ra- men ,Basmatschiaufstand" bezeichnete, zu einem organisierten Räuberbandenwe.en stempeln woll­ten, handelte es sich doch lediglich um einen Kampf gegen den Bolschewismus und seine Ideen, da den eingeborenen Bauern und Kauf­leuten, sa ls sie den Befehlen dieser Basmatschi Folge leisteten und den russischen Truppen keine älnterstühungen gewährten, kein Haar gekrümmt wurde. Die zahllos sich wiederholenden und endlos währenden Kämpfe zeigten die Seele beider Bewegungen deutlich: Der Kommunismus stark, jung, rein machtpolitisch denkend, mit dem festen Willen alles nur Erreichbare seinem Ideen­kreis zu unterwerfen: der Mohammedaner, eben­falls zur Waffe greifend, aber seiner ganzen Ratur und dem Wesen seiner Religion ent­sprechend mehr defensiv als offensiv gegen den eindringenden Ketzerglauben ankämpfend, als deren Vertreter die Kommunisten im Lande auf­traten. Dieser Kampf zeigte eine für den gan­zen Orient typische Erscheinung beim Aufein- anderstoßen von mohammedanischen Eingeborenen mit den Vertretern einer europäischen Groß­macht. (Vgl. die Abenteuer der Franzosen in Marokko und Syrien.) Die Russen, die, von Turkestan aus gesehen, Europäer mit den Ten­denzen einer erobernden Großmacht waren, ver- nrcchten dank einer überlegenen Technik die Hauptplätze des Landes sehr bald zu besehen, ohne daß es ihnen aber gelungen wäre, auch nur über die nächste Umgebung dieser Städte hinaus bei» Arm ihrer Macht auszudehnen. Hier auf dem platten Lande, in den Dörfern und im Gebirge herrschte praktisch unumschränkt der auf­ständische Basmatschi, der dem Feinde ie Zu­fuhr abschnitt und ihm Schlappe auf Schlappe beibrachte, ohne ftch ihm gegenüber aber auf offene größere Kämpf« einzulassen. Diese auf­ständischen Eingeborenen machten durch ihre Be­herrschung des platten Landes alle Pläne der Regierung, di« Wirtschaft Turkestans in ihrem Sinne zu organisieren, zunichte und ließen den Anbau des Landes nur insoweit zu, als er zur Ernährung der eigeborenen Bevölkerung unbe­dingt nötig war. Darüber hinaus unterbanden sie gewaltsam jede Betätigung. Jede Produktion in Turkestan hörte auf. Die Daumwollerzeugung, die Grundlage des früheren Wohlstandes im Lande, sank im Jahre 1922, zur Zeit des Höhe­punktes dieser Kämpf«, praktisch auf Rull. Die Getreidcerzeugung Turkestans, das vom europäi­schen Ruh and, seinem früise.en Getreidelieferan­ten, dura) das daniederliegende Verkehrswesen praktisch völlig abgeschnitten war, reichte für den Eigenbedarf der Bevölkerung nicht aus, so daß Jahre hindurch in Turkestan Hungersnot herrschte, die die Devöllerung nur noch mehr gegen den Bolschewismus «innahm.

Da der überwiegende Teil der Eingeborenen mit diesen Basmatschi sympathisierte und häufig Angehörige unter ihnen hatte, muhten sämt-

liche Versuche der Bolschewisten, die islamische | Welt nach kommunistischen Wirtschastssystemen zu organisieren, k.äglich scheitern. Die Verhält­nisse wurden politisch und wirtschaftlich unhalt­bar und im Zusammenhang mit dem mittler» weile auch im europäischen Ruhland einer wesent­lich gemäßigteren Auffassung huldigenden Bol­schewismus, trat mit dem Beginn d«S Jahres 1923 auch in Turkestan eine Wandlung ein. Der Privathandel wurde freigegeben und die Ausübung der Religion, sowohl durch den Be­such der Moscheen wie durch die Wiedereröff­nung der Medressen, der Deligionsschulen, wieder gestattet. Der Bolschewismus in seiner starren, doktrinären Form erklärte seinen Bankrott, der Islam als Idee hatte gesiegt! Der Erfolg dieses Umschwunges war zunächst völlig negativ, denn der Basmatschi- ausstand dauerte an und die Devöllerung ver­hielt sich allen Anregungen zum Wiederaufbau der ruinierten Wirtschaft gegenüber durchaus apathisch. Man traute diesem Umschwung nicht und witterte eine Falle, da man durch die Er­fahrungen der fast fünf Jahre dauernden Auf- standsbewegung überaus mißtrauisch geworden war. Erst als die Regierung sich mehr und mehr aus dem Wirtschaftsleben zurückzog und das Feld wieder den Eingeborenen überlieh, sowie Vertreter derselben in steigendem Mähe an den Regierungsstellen im Lande teilhaben lieh, be­gann sich Turkestan wirtschaftllch zu beleben, unter gleichzeitigem langsamen Einschlafen der Basmatschibewegung. Ern Zeichen dafür, dah letztere kein organisiertes Räuberbandenwesen, sondern die organisierte Abwehr des Islam gegenüber dem Bolschewismus darstellte.

Hatte sich die bisherige Polttik des Bolsche­wismus gegenüber der islamischen Welt durch überaus große ilntlugfieit und Kurzsichtigkeit ausgezeichnet, so trat hierin jetzt ein grunb» legender Wandel ein. Anknüpfend an der sehr klugen und geschickten Eingeborenenpolitik, die für das Vorgehen der Russen in Zentralasien feit der Eroberung des Landes in den 80ec Jahren bis zu Beginn des Weltkrieges maß­gebend gewesen war, schlug man jetzt eine über­aus erfolgreiche Orientvolttik ein, die die Herr­schaft der Russen im Lande voll befestigte und sie wohlmöglich noch stärker werden lieh als es vor dem Kriege der Fall gewesen war. Man enthielt sich von nun an streng jeder Einmischung in das Religions- und Privatleben des Orien­talen, versuchte durch Kredite die völlig rui­nierte Wirtschaft zu heben und war auf der an­deren Seite bereit, den starken Autonsmiebestre- bungen nachzugeben, indem man ihnen, geschickt die gegen Rußland gerichtete Spitze abbrechend, durch vermehrte Aufnahme von Eingeborenen in die Regierung Rechnung trug.

Es wurde kurz alles den Bolschewismus vom Islam Trennende geschickt beseitigt und an dem beiten Id entoeltex C^r.ein'a: en an geknüpft. Hierbei machte der Bolschewismus die erstaun­lich«, ihn aber nur so in Asien lebensfähig machende Wandlung vom islamfeind­lichen Kommunismus jum extremen Rationalismus durch, die in dem Schlag­wort:Asien den Asiaten" ihre Krönung erhielt. Hiermit wurde einmal die völlige Befriedung des Landes und sodann die Beseitigung der russenfeindlichen Strömung erreicht, so dah die für Rußland so wertvollen zentralasiatischen Be­sitzungen dem Reiche erhalten blieben. Zugleich aber hat der Bolschewismus durch diese Wand­lung auf der Dafts der Monroedoktrin seinen Eintritt in die weltpolitischen Machtfaktoren Asiens erreicht und ist damit zu der aussichts­reichsten und zugkräftigsten Idee des gewaltigen asiatischen LanoerkomplexeS geworden, die m ihrer ausgesprochenen Spitze gegen das englische Weltreich einen der zukunftsrei ch st e n Faktoren im Kampf um Asien darstellt.

Wirtschaft.

Zum prt/chmau.

eier maccarom

Börse und Geldmarkt.

Das Eharakteristikum der Börse ist zur Zeit wieder einmal absolute Stagnation. Der tägliche Kurszettel weist erhebliche Lücken auf» da vielfach sogar für führende Werte keine Kurs­notierung zustandekomm?. In erster Lärie ist eS die unflarc politische Lage, die lähmend wirkt. Aber auch die neuerlichen Vorgänge hn Wirt­schaftsleben sind nur zu sehr geeignet, der Börse Zurückhaltung aufzuerlegen. Die lleinen An­zeichen einer Besserung scheinen schon toterer ver­schwunden zu fein, Es sind namentlich die fort­dauernden Lohnbewegungen, die einer günstigeren Entwicklung der Industrie im Wege stehen. Die DerbindlichkcitserNärung des Schiedsspruches int Ruhrbergbau. der eine Aufbesserung der Löhne um etwa 6 Prozent vorsirht, scheint dem Ruhr­bergbau Veranlassung zu sein, erneut Betriebs- einschränkungen ins Auge zu fassen. Wenn die Veränderung der Lage im Bergbau bisher noch nicht in einem weiteren KurSabbau der betroffenen Werte zum Ausdruck gekommen tfr, so dürfte dteS in erster Linie auf die hoffnungs­volle Beurteilung der Verhandlungen wegen der Bildung des Montan-Trust es zurückzusühren fein. Die Verschlechterung der Lage der Eisenindustrie wird in erster Linie auf die zunehmende Kon­kurrenz der französischen Schwer-Industrie, dio durch den neuerlichen Kurssturz des französischen Franken erleichtert wird, zurückgeführt. Selbst in Mitteldeutschland tritt jetzt das Saareisen als erfolgreicher Konkurrent gegen die deutsche Ware auf. Solange es nicht möglich ist, den sranzösi^ scheu Fvanlen zu ftabilifieren, famt man öie Eisen-Industrie nur recht pessimistisch beurteilen Lediglich in einzelnen Spezial^Werten war m der Berichtswoche ein leichtes Aufflackern zu ixr* zeichnen. In erster Linie sind hier die Werte des Sprengstoff-Konzerns zu nennen, die von der Wiedcranknüpfung der durch den Krieg ver­loren gegangenen Beziehungen zu der englischen Robel-Geselllchaft profitieren konnten. Rach Dem hierüber ausgegebenen Communigu6 sind d.r jetzt beabsichtigten Verpflichtungen noch engerer Ratuc als in der Vorkriegszeit. Der nunmehr end­gültige Abschluß der Amerika-Anleihe für daL Kall-Syndikat übte seine sonderliche Wirkung auf Die Kurse der Kali-Alüen au8, da hiermit schon seit langem gerechnet war. Interessant an dinier AuSlandS-Anleihe ist, daß sie, wenn auch zumi geringen Teile, in London aufgelegt werden wird, nachdem vor kurzent die Sperre des englischen GewrnaritoS für AuslandskrÄrite aufgehvbeft worden ist.

Der Geldmarkt hält. fein flüssiges Aus­sehen aufrecht, waS nicht zum geringsten Teil auf die außerordentliche Stille bei Börse zurückzufüh-- ren ist. An den vegchäktnismMg niedrigen Stand deS PrivatdrskonHatzes wird vielfach die Er­wartung einer baldigen Ermäßigung beS Reichs- bankdiskontsatzes geknüpft. 11. E. ist diese Korn-

(Nachdruck verboten.)

63. Fortsetzung.

Ernst Nau

Telephon 958 stfißa Walltorstr. 37

Der gefesselte Strom

Roman von Hermann Stegemann.

Ruth!" murmelte er, und hatte fein anderes Wort gewußt, um ihr zu sagen, was in ihm vor­ging.

,Hanns, halt mich fest!" mahnte ihn Hermann noch einmal.

Und sie gaben auch Gerhart Lylander, der sich di« Bräuche mit beherrschter Ungeduld gefallen lieft, die Hand.

Ruch Lylander schlug den Schleier herunter und verlieh mit ihrem Mann den Friedhof.

Joseph Hoy hatte nur darauf gewartet. Jetzt zog er den Rock aus, hing den Znlinder an ein Grab- kreuz und hals dem Totengräoer die Grube füllen.

,Äch bin dreiundzwanzia Jahre fein Gärtner ge­wesen", sagte er und spuckte in die Hände, um Die braune Erde mit geschicktem Schwung von der Schaufel ins Grab zu streuen.

Der Hügel war gehäuft, die Kränze daraus ge­legt, das Neiseautomobil fuhr langsam daran vor­über, zwischen den neuen Häusern hindurch, und schnell und schneller in die grüne Landschaft hinein, in die der Laubwald schon dunkle Farben wirkte.

So nahm Ruth Abschied.

Rach vier Wochen kehrte sie noch einmal nach Rheinau zurück und traf Bestimmung über die Hinterlassenschaft des Vaters. Er hatte fein Ende kommen sehen und alles peinllch genau geordnet. Das Kapital war feiner Tochter schon von Anfang an verschrieben worden, und nun gingen auch die alten Model aus dem Hause.

Hermann Ingold kam auf Engelhardts Wunsch in den Besitz feiner Herbarien und der unvoll­endeten Monographie über die Flora des Rhein­auer Waldtales.

Ruch brachte chm das Manuskript selbst.

Er sah austecht an seinem Schreibtisch. Nur das Aufstehen und das Gehen fiel ihm noch schwer.

3d) nehme für längere Zeit Abschied, Hermann. Seit Papas Tod ist 3Ujeinau für mich nur noch ein Stück Vergangenheit, man kehrt dort nur noch in der Erinnerung ein."

Zur Einweihung des Kraftwerkes werden Sie aber doch kommen? fragte er ohne Arglist.

Der Winter ging niemand schnell genug vor­über, und als es Frühling wurde und die innere Ausrüstung des Werkes raschen Fortgang nahm, die Fernleitungen schon über die Hügel fliegen, die Industriegleise bis ans Ufer reichten und auch die neue eiferne Brücke auf ihrem einzigen Strom­pfeiler als zierliches Gitterwerk über den Abgrund sprang, sah Hanns Ingold sein Werk der Voll­endung entgegegengehen.

Da ertappte er sich eines Tages Hermann hatte durch eine harmlose Bemerkung den Gedanken ausgelöst auf der Frage, ob er die Vollendung des 'Werkes mehr ersehne oder das Wiedersehen mit Ruth.

An diesem Tage gab er zum erstenmal zer­streute Befehle und mußte seine Anordnungen am andern Morgen neu fassen.

In Rheinau war jetzt ein frischeres Leben als ftüher. Die Amtsstellen waren vermehrt worden, der Zuzug von Beamten, Ingenieuren und Fabri- kanten hatte die gesellschaftlichen Verhättnisse um­gestaltet.

Hermann Ingold, der das Sommersemester in München zubringen wollte, war im Laufe des Winters soweit wieder hergestellt worden, daß er sogar zu den Tanzoergnügungen gegangen war. Durste er auch nicht tanzen, so hatte er doch die Gelegenheit nicht ungenutzt gelassen und sich ver­liebt. Er mußte erst zwei Versuche machen, ehe er den richtigen Gegenstand feiner 9leigung gefunden hatte.

Dieser Gegenstand war die Tochter des Ober- arztes des Krankenhauses. Anfängllch war Her­mann die Krankenhausluft unangenehm gewesen, aber schließlich kam er zu der Uebergeugung, daß Konstanze nicht das geringste von Karboldämpfen und Sublimatwatte an sich hatte. Er dichtete jetzt in Stanzen, denn sie wurde Stanzt genannt.

Als er März war, waren sie einig, daß sie sich heiraten wollten. Sie liebten sich schon seit dem Fastnachtsball im Kasino, aber daß sie sich heiraten wollten, fanden sie erst fünf Wochen später heraus. Hinter dem Transformatorenhäuschen an der Brücke, wo sie sich getroffen hatten, küßten sie sich und schwuren sich Liebe und Treue.

Früher waren die Rheinauer Stelldichein immer im Schatten der gedeckten Holzbrücke gehalten wor- den, aber die eiserne war fo durchsichtig, daß man

Sie errötete, hob die Augen und erwiderte ganz ^,äa, wenn ich kann, werde ich kommen. Ich will es vollendet sehen."

Hanns Ingold erfuhr erst zwei Tage später, als er von Karlsruhe zurückkehrte, daß Ruth dagewesen mar. An einem trüben Rovembertag erzählte ihm Hermann, durch einen Zufall der Unterhaltung daraus gelenkt, dah Ruth zur Einweihung des Werkes kommen wolle.

Er hörte zu, ohne größere Tellnahme zu ver­raten, aber am Abend, der mit schweren Sturz­regen über das Tal zog, ging er stundenlang im Kontor auf und ab und überdachte fein Werk und Ruths Wunsch, es vollendet zu sehen.

Er blickte zurück, und es war ihm, als wären ungezählte Jahre vergangen, feit er mit biefem Gedanken aufgewacht war. Ein ganzes Leben schien es ihm heute, und nun, da die Bauten voll­endet waren, der Lausfen gesprengt, der Rhein be­zwungen, alles, was seines Faches war, in Eisen und Stein fertig stand und er im nächsten Jahre als Generaldirektor über das Ganze gesetzt werden sollte, um es ins Weite, ins Grenzenlose zu dehnen, nun empfand er auf einmal, wie einsam er ge­worden war durch sein Werk und um seines Werkes willen.

Aber auch straffer, härter, von einer Schaffens­glut, die ihn in unermüdlicher Energie auflodern ließ. Auf feinen Schultern lag alles. Richt Mit­arbeiter, sondern nur Gehilfen waren die andern, und nur Gerhart Tylander mit seiner unbeirrbaren Ruhe und feinem sprungbereiten, jeden Gedanken Ingolds blitzschnell auf feine Verwendbarkeit prü­fenden und ebenso rasch verwertenden Unterneh­mungsgeist hieft ihm die Wage.

Als Menschen standen sie sich fremd gegenüber, Hanns von Eifersucht und Reid bebend, Gerhart mit dem jetzt zuweilen instinktiv herausbrechenden Arg- wohn, es könnte damals noch mehr gewesen fein als eine schwärmerische Jugendliebe Ruths. Liber diese Antipathien hatten kerne Zeit, sich einzunisten, denn im Beruf, im gemeinsamen Arbeiten standen fie sich so nahe, daß der Kommerzienrat Tylander agte, wenn die beiden zusammensäßen, sähe man die elektrischen Funken herüber und hinüber springen.

nickt einmal hintereinander darüber gehen kontrte, und Hermann Ingold mußte auf Kcmstanzens Be­fehl stets eine Viettelstunde warten, ehe er ihr folgen durfte.

Zwei Tage vor seiner Abreise nach München machte er feinem Bruder die Mitteilung von seiner Verlobung. Außer Konstanze und ihm selbst wußte noch niemand davon. Die Eltern sollten es erst zu Weihnachten erfahre«. Auch das hatten sie hinter dem Transformatorenhäuschen ausgemacht.

Hanns wollte aufbrausen, dann besann er sich, und nun hätte er beinahe gelacht, aber als er den feierlichen Ausdruck in Hermanns Gesicht sah, da wandte er sich rasch ab, um ihm das Zucken der Lippen zu verbergen.

Und aus seinem Innern stiegen Stimmen und mahnten ihn an seine eigene Jugendzeit.

Er unterließ jeden Einwand und nahm Hermann nur das Versprechen ab, Konstanze nicht qu schrei» bcn. Ihre Liebe bedürfe ja der Briese nicht, und die Eltern könnten dann ohne Kenntnis dieses zarten Verhältnisies bleiben, wenn die Kaiserliche Post aus dem Spiel gelassen werde.

Hermann Ingold war im Genesunasrausch leitfam wie ein Kind und fühlte sich gegenüber dem Bruder durch seine Liebe so begnadet, dah er dem Einsamen nicht gern widersprach.

Er reifte ab.

In den ersten Wochen erhiett Hanns oft Briefs und Karten von ihm.

Und mitten hn Strudel der Arbeit, die jetzt wilder anfchwoll als der Rhein, der in diesem Jahre Hochwasser führte, las Ingold Hermanns Episteln, mit liebevoller Aufmerksamkeit und Geduld. Es war etwas vom Mann und Knaben darin, ein merkwür­diges Quirlen von Gefühlen und Gedanken. Da« zwischen große poetische Pläne, die dem Techniker im ersten Augenblick fremd vorkamen, bis auch ihn das nach Gestaltung Drängende reizte.

So diente Hanns Ingold seinem Bruder als Blitzabletter, wie Hanns sich selbst namtte, und das gesammelte Fluldum, gemischt aus Liebessehnsucht, Ingendfülle und Gestaltungsdrang schlug wie Lenzgewitter bei ihm ein und stieß bis in die dunklen Quellen seines Wesens hinab, in denen es unruhig wogte.

tForttetzung folgt.)

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