Nr. 268 Erster Blatt (d
175. Jahrgang
Samstag, H. November 1925
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General-Anzeiger für Oberheffen
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Chefredakteur.
Dr. Fnedr Wilh. Gange. Deraittwortlich.
für Politik uub Feuilleton Dr. Friedr. Wilh. Gange; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein; für den Anzeigenteil Hans Iüste^ sämtlich 'm Gießen.
Hindenburg in Darmstadt und Frankfurt.
Positive Außenpolitik.
Der Reichstag ist zum 20. November wieder zufammenberufen worden. Erst für den 23. November ist die außenpolitische Debatte, die sich natürlich um das Locarnovroblem dreht, festgesetzt. Diese Entscheidung des Aeltestenrots nimmt wunder angesichts des Beschlusses der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, den kommunistischen Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstags zu unter» stützen. Cs bedurfte also wohl erst des mäßigenden Zuspruchs des soeben aus Amerika zurückgekehrten Reichstagspräsidentcn Lobe, um seine Fraktionskollegen für eine Hinausschiebung der parlamentarischen Aussprache mit ihren möglichen Verwickelungen zu gewinnen. Nimmt man dazu die Meldung der immer zuverlässig informierten „Tägl. Rundschau", wonach Anfang nächster Woche die Rückwirkungen bekanntgegcbcn würden, der Gesamttatbestand also vor Beginn der Reichstagsverhandlungen vorliegen wird, so kann mit etwas größerer Zuversicht der Debatte im Parlament entgegengesehen werden, wie noch vor wenigen Tagen. Der Reichskanzler hatte wohl gehasst, schon am Mittwoch in seiner großen Rede vor den Berliner Kaufleuten, dieses Programm der Rückwirkungen bekanntgeben zu können. Ueber die sachliche Seite soll auch bereits in allen Punkten eine Einigung erzielt fein, nur über den Zeitpunkt und die Sonn der Veröffentlichung scheint man noch verschiedener Meinung zu sein. Besonders in London ist man verschnupft, daß Herr Bänder- velde einen Galopp außer der Reihe gemacht hat und die von Belgien geplanten Milderungen im Besetzungsregime ohne Einvernehmen mit den anderen ehemaligen Alliierten bekanntgegeben hat. Auch scheint Chamberlain persönlich Wert darauf zu legen, daß Deutschland aus seinem Munde zuerst die Gnadenbeweise erfahre, die man in Locarno für uns bercitgeftcllt hat. Da er für den kommenden Dienstag eine große politische Rede ungesagt hat, in der er das Rückwirkungsprogramm erstmalig darlegen will, mußte sich der Reichs- f a n 51 c r am Mittwoch mit allgemeinen Gedanken- gängen begnügen.
Immerhin hat der Kanzler es dabei verstanden, die großen außenpolitischen Linien programmatisch auszuz^igcn, die von Locarno ausgehen und in Zukunft unsere 'Außenpolitik beherrschen werden, wenn das Werk von Locarno wirklich greifbare und dauernde Früchte tragen soll. Angesichts des starken Mißtrauens, das in amtlichen Kreisen der Sowjetunion trotz der unzweideutigen Auslegung des berüchtigten Artikels 16 mit seinem Durchmarsch- und Sanktionsrecht immer noch herrscht, einem Mißtrauen, dem auch der russische Anßenininister T s ch i ts ch e r i n erst auf dem letzten großen Festbankett seiner Berliner Botschaft wiederholt lind sehr energisch Ausdruck verlieh, angesichts dieses Mißtrauens ist es besonders zu begrüßen, daß Dr. Luther mit aller Entschiedenheit eine Option zwischen O st und W e ft ab 1 ehnte. Ebensowenig wie der Abschluß von Rapallo eine einseitige Bindung gegen den Westen darsiellte, ebensowenig will der Kanzler in dein Abschluß von Locarno eine Spitze gegen den Osten, gegen Rußland gesehen wissen. Die geographische Mittellage des entwaffneten Deutschen Reiches zwischen starken Militärstaaten zwin-t Deutschland, durch Aufrechterhaltung seiner Neutralität nach allen Seiten ein Hort des Friedens zu fein. Eine Ansicht des Kanzlers, der man bei der augenblicklichen Konstellation der weit- politischen Lage wohl beipflichlen kann, trotz der bei dieser Politik stets drohenden Gefahr, daß wir uns, wie in der Zeit des neuen Kurses und der Aera Bülow, zwischen zwei Stühle setzen. Für eine aktive, positive Außenpolitik bedeutet dem Kanzler Locarno ein verheißungsvoller Ausgangspunkt. Und daß der deutschen Außenpolitik eine ungeheure Summe von Aufgaben erwachsen ist, die bisher hinter der nackten Verteidigung der Reichs- grenzen zurückstehen mußten, dafür hat ja der Versailler Vertrag und die in Versailles geschaffene Lage des deutschen Volkstums hinreichend gesorgt.
Mit guter Zuversicht sieht der Kanzler auch der parlamentarischen Behandlung des Vertragspaktes von Locarno entgegen. Er stützt sich dabei wohl auf das uns noch nicht bekannte Ergebnis der Verhandlungen über die Rückwirkungen und hofft für die Zustimmung zum Vertrag im Reichstag eine breite Grundlage zu erhalten. Die innere Gage, die sich noch vor wenigen Wochen krisenhaft zuziispitzen schien, hat sich doch wesentlich .beruhigt. In den Oppositionsparteien, sowohl bei den Deutschnationalen wie bei den Sozialdemokraten machen sich gemäßigte Elemente von Gewicht geltend, die voreilige Entschlüsse, nach welcher Richtung auch immer, für bedenklich halten. Sowohl eine Ablehnung des Locarnoer Vertragspaktes ohne Kenntnis der Rückwirkungen in statu nascendi, wie eine sofortige Einberufung des Reichstages mit der damit fast unvermeidlich werdenden Kabinettskrisis sind solche Entschlüsse, die unsere Stellung als Ver- handliingsgeg, ner schwächen. Eine Regierungsum- ober gar Neubildung kann unseres Erachtens heute vor einem gewissen Abschluß der Aussprache über das Sicherheitsproblem noch nicht zur Debatte gestellt werden, es erscheint uns auch zwecklos, sich an einem Rätselraten zu beteiligen, in dem fast Alles unbekannte Größen sind.
Heute bedarf, wie der Kanzler betonte, die Reichsregierung eine breite Grundlage d c s Vertrauens in Parlament und Volk. Damit soll keiner kritiklosen Hinnahme der alliierten Angebote das Wort geredet werden, keiner satten Befriedigung nach den ersten kargen Bissen vom Tische der Versailler Kriegsgewinnler. Positive Kritik, die sich an die rechte Stelle wendet, kann der Regierung nur erwünschte Rückenstärkung sein. Aber gewarnt werden muß immer wieder vor allzu hastigen Kritikern, die das Kind mir dem Bade aus» schütten und nicht mehr mitspielen, wenn nicht alle ihre Erwartungen sich sofort erfüllen.
Der Reichspräsident in Darmstadt.
* Darmstadt, 13. Nov. Heute oormtliag 9.30 Uhr stattete der Retchspräsident dem hessischen S t a a t s m i n i st e r i u m in der Neckar,.raße cfnen Besuch ab und empfing dort eine Delegation aus dem besetzten Gebiet, in deren Namen
Frhr. von Heyl zu Herrnsh im folgende Ansprache an den Herrn Reichspräsidenten hielt: „Herr Reichspräsident! Als Wormser Bürger und damit im Namen dieser ehrwürdigen Stadt und des südlichen Rheinhessens habe ich den Auftrag, Eurer Exzellenz die ehrerbietigsten Grüße zu übermitteln. In der ehemaligen Freien Reichsstadt, die bis zu ihrer Zerstörung im Brennpunkte der deutschen Geschichte stand, und in unseren gesegneten Gauen ist heute
lebendig wie in urvordenklichen Zeiten der Gedanke der Reichseinheit und der Freiheit.
Daher begrüßen wir jede Arbeit deutscher Staats- männer, Die uns diese köstlichen Guter bewahren und zurückgewinnen will. Ich darf die feierliche Er- kkärung abgeben,
daß wir, wie bisher, bereit sind, für dieses höchste Ziel jedes Opfer zu bringen, dem wir unser Wohlergehen unkrorbnen.
So lege ich in Eurer Exzellenz Hand ein erneutes Treuegelöbnis zum Deutschen Reiche und zum deutschen Volke ab. W i r wollen nicht ohne Deutschland leben.
Auch unsere engste Heiniat hat durch die letzten Jahre schwer gellten. Wir bitten Ew. Exzellenz, sich weiterhin unserer Nöte annehmen zu wollen, insonderheit der Wohnungsnot. Ohne die Möglichkeit, Reserven zu fdjaffen, muß die Wirtschaft zugrunde gehen. Deshalb erwarten wir eine Steuerpolitik, die die Quellen nicht vollends versiegen läßt. Nur eine gesunde und wettbewerbsfähige Wirtschaft kann Gewähr bieten, daß die Arbeiter- und Angestelltenschaft beschäftigt und auskömmlich entlohnt wird. Wir bitten deshalb, auch durch die Hebung und Verbilligung des Verkehrs der Wirtschaft mehr und mehr Erleickiterungen zu gewähren. Für den schweren Kamps der Landwirtschaft bitten wir um ausreichenden Schutz, insbesondere für den Weinbau. Wir hoffen, daß die Zollpolitik und die Handelsverträge deren Notlage Rechnung tragen. Die schweren kulturellen Folgen, die der harte Daseinskampf des Handwerks und des Mittelstandes heraufbeschwört, sind Ew. Exzellenz zu wohl bekannt, als daß ich hier darauf eingehen müßte. In meiner Heimat, als deren Sohn ich zu sprechen die Ehre habe, ist
zu dem Gedanken der Reichseinheit derjenige der Volkseinheit erwachsen.
Wir sind stolz auf die jahrzehntealte Verbundenheit zwischen Stadt und Land, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Was diese Volkseinheit vermag, hat das Jahr 1923 erneut gezeigt. In Ew. Exzellenz erblicken wir Rheinhessen den Hüter dieses Reiches lind der Volkseinheit. Wir sind entschlossen, unser Schicksal zu meistern und ungebrochenen Mutes unter Ew. Exzellenz Führung zu arbeiten an des geliebten Vaterlandes Wiederaufstieg."
Der Reichspräsident
dankte dem Sprecher und versprach im Verlaufe eines Gesprächs, in das er die Mitglieder der Delegationen zog, die Wünsche des besetzten Gebietes der Reichsregierung zu übermitteln und dafür Sorge tragen zu wollen, daß nach den gegebenen Möglichkeiten dem besetzten Gebiete in jeder Weise Erleichterung geschaffen werde.
STun nach 10 Uhr unternahm der Reichs- Präsident in Begleitung des Staatspräsidenten U l r i ch und der 9)1 i n i ft e r eine Rundfahrt durch die festlich geschmückte Stadt. Auch heute wieder säumten Tausende von Menschen die Bürgersteige längs den Straßen, die das Auto des Reichspräsidenten in langsamer Fahrt durchquerte. Ye empfang im Allen Palais.
Um 10.45 Uhr traf der Reichspräsident vor dem Alten Palais ein, in dessen wiederhergestelltem, festlich erleuchtetem Weißen Saal sich ungefähr 200 Vertreter aller Schichten des Hessen- volkes versammelt hatten. Neben dem Gesamt- miniftcrium, den Staatsräten und Ministerialdirektoren bemerkte man den Prälaten der Hessischen Ganbesf irdjc D. Dr. Diehl, den Bischof von Mainz Dr. Hugo, den Landesrabbiner Dr. Kali e n e r , den Rektor der Landes Universität Gießen, Professor Dr. Bürker, Geheimrat Prof. D. Dr. Krüger, den Rektor der Technischen Hochschule Darm st adt, den gesamten Landtag mit Ausnahme der kommunistischen Abgeordneten, den Oberbürger-
Gerade die Locarnodebatte hat wieder gezeigt, daß wir als Volk noch nicht wieder das seelische Gleid)gewicht zurückgewonnen haben, die innere Ruhe und Sicherheit, ohne welche eine reale Einstellung zu den Fragen der Weltpolitik kaum denkbar erscheint. Politische Reife könnte man es mit einem zwar nicht erschöpfenden Begriff nennen, diesen sicheren Instinkt für das nationale Interesse, das absolut Notwendige, Gemeinsame, eine innere Ausgeglichenheit, die in den großen nationalen Fragen keinen Parteistandpunkt, kein berufliches Son- dcrinteresse, keine persönlichen Ambitionen kennt, sondern nur Volk und Vaterland. Was uns a l s Volk auch heute noch fehlt, trotz dec schweren
m e i ft e r der Stadt Darmftadt, eine Reihe von Stadtverordneten, Spitzen der Behörden aus der Provinz, Übertreter der Justizbehörden und zahlreiche Vertreter aus Handel und Wirtschaft. Aus Ober- Hessen bemerkte man den Provinzialdirektor Graes, Landgerichtspräsident Neuenhagen, den Herrn Oberbürgermeister Keller- Gießen, die beiden Handelskammerpräsidenten von Gießen und Friedberg und eine Reihe Vertreter der Prefse. Gemeinsam mit dein Staatspräsidenten betrat der Reichspräsident den Saal und nahm die Begrüßung des Staatspräsidenten Ulrich stehend entgegen. In seiner Ansprache sagte
Staatspräsident lllridi:
Herr Reichspräsident! Im Namen der Regierung des Volksstaates Hessen heiße id) Sie herzlich will- kommen in Darmstadt. Ihr Besuch gereicht uns in gleicher Weise zur Ehre, wie der Besuch des ersten Präsidenten des Reiches. Er gibt uns Gelegenheit, Ihnen durch die berufensten Vertreter der Wirt- schäft, Verwaltung und Politik die Schmerzen und Nöte der Bevölkerung vortragen zu lasten und deren Wünsche und Hoffnungen zu Ihrer Kenntnis zu bringen.
Unser Land leidet unter der Besetzung durch die Alliierten erheblich.
Mehr als ein Viertel der Gesamtfläche ist besetzt und mehr als ein Drittel der Bevölkerung erträgt die Besetzung. Die wirtschaftliche und steuerliche Leistungsfähigkeit im besetzten Gebiet ist weit über den allgemeinen Rückgang hinaus zurückgegangen. Unser sehnlichster Wunsch geht deshalb dahin,
dieser Bevölkerung so bald als möglich Erleichterungen der furchtbaren Lasten zu bringen.
Die Verhandlungen in der Richtung der V e r st ä n - digung in Locarno haben die Hoffnungen der Volksgenossen im besetzten Gebiete in dieser Richtung ganz besonders erweckt. Diese sowohl als auch die Regierung sind der Reichsregierung für ihre Bemühungen m Locarno dankbar und hoffen bestimmt, daß sich dieselben alsbald derart aus» wirken, daß wir deutlich Besserungen wahr^unehmen lmstande sind, zumal gerade Hessen am längsten, 15 Jahre lang, die Besetzung zu tragen ha.
Die unerschütterliche deutsche Haltung unserer Rheinhessen hat schon in den oerflofjcnen Jahren trotz aller Rot und Anfechtung den Beweis dafür erbracht, daß nichts, aber aud« absolut gar nichts imstande stk. ihre Treue zum deutschen Volk und zur deutschen Republik wankend zu machen.
Sie werden auch in der Zukunft in dieser Richtung unwandelbar feststehen. Die hessische Regierung wird, was in ihren Kräften liegt, tun, um diesen Geist zu fördern und zu st ä r t e n , wie sie es schon bisher als ihre vornehmste Aufgabe angesehen hat, in Gemeinsd)aft mit der Masse des Volkes die Verfassung von Weimar zu hegen und zu pflegen und die Einheit des deutschen Volkes als Grundlage für den Wiederaufbau unseres Vaterlandes zu sichern. Möge der Besuch Eurer Exzellenz dazu beitragen, die Hoffnungen der Rhein- Hessen zu befriedigen.
Landtagspräsident 91 bchni.it
entbot hierauf dem Reichspräsidenten die Grüße des hessischen Parlaments. Er führte • u.a. aus: „Ein großer Teil unseres Landes entfällt auf das besetzte Gebiet. Die Nöte, die allgemein auf dem deutschen Volke ruhen, werden hier nod) erhöht durch die Latten der Besetzung. Wir sind hier unmittelbar verbunden mit den Sorgen unseres Volkes. Wir an der Peripherie des Deutschen Reiches verfolgen daher mit größtem Inter- esse und mit großer Befriedigung alle Anzeichen, die darauf hindeuten, daß eine Entspannung der politischen Atmosphäre sich anbahnt.
In schwerer Zeit haben unsere Volksgenossen eine Reihe großer Opfer um ihre nationale Zusammengehörigkeit mit dem gesamten deutschen vatertande gebracht. Sie ringen darum, daß überall Verständnis für die schweren Verhältnisse unseres hessischen Landes erweckt wird
und sind der festen Ueberzeugung, daß Sie, Herr Reichspräsident, der Interpret'unserer Gefühle sein werden. So heißen wir Sie, Herr Reichspräsident, herzlichst willkommen!
Der Cbcrbürqennciftcr vo r Dar nistadt Dr. «Tflcffinq
begrüßte den Herrn Reichspräsidenten bei dem Empfang im Alten Palais mit folgender Ansprache: Herr Reichspräsident! Auch die Hauptstadt unseres Landes heißt Ew. Exzellenz herzlich willkommen. Unser Gruß gilt in Ehrfurcht dein Repräsentanten des Deutschen Reiches, der Reichsgöwalt und der deutschen nationalpolitischen Reichseinheit, die uns trotz der Prophezeiungen un-
Schicksalsschläge der letzten zehn Jahre, das ist das, was im eigentlichen Grunde die Größe der Persönlichkeit unseres Reichspräsidenten, unseres Hindenburg, ausmacht. Wer in dieser Woche die Darmstädter Festtage miterleben durfte, wer Zeuge sein durfte, wie auch in unserem Hessen- volk das unwägbare Fluidum der großen Persönlichkeit Strömungen und Richtungen entgegengesetztester Art, wenigstens für Augenblicke, zusammenzwang, symbolisiert burd) das einträchtige Nebeneinander der alten und neuen Reichsfarben, durch das Schulter an Schulter von Reichsbanner und Vaterländischen Verbänden, wer den unsagbaren Zauber auf sich wirken lassen durste, der von dieser
lerer Feinde und trotz der letzten sechs schweren Jahre erhalten geblieben ist.
Bei allen trennenden und allen uuscinanbcr- strebenden Kräften fühlen wir doch das Lin- heitsbaud als Landsleute und als Deutsche.
Trotz aller Stürme von draußen, trotz aller Hem» mungen in der eigenen problematischen Seele, trotz aller Sünden gegen das eigene Selbst rft die Stimme der nationalen Verbundenheit immer wieder in der deutschen Geschichte befreiend und sieg, reich durchgebrochen, am stärksten in der größten Not. Alle großen Geister der beut,dien Nation von Walter von der Vogelweide bis zu Goethe und Bismarck mehrten den Glauben an die Unoer- siegbarkeit der geistigen Kräfte ihres Volkes. Möge in einer
unlösbaren Schicksalsgemeinschast der Norden mit dem Süden verbunden
bleiben in dem Bestreben, die Vaterlandsliebe zu erschließen und zu einer verinnerlichten D a - terlanbsliebe zu gelangen. Ew. Exzellenz sind uns das leuchtende Vorbild für die Hingabe an das große Ganze, der Pflichttreue unseres Volkes und des vaterländischen Willens. Möge Ihnen das große Werk gelingen, das Vaterland einer Zukunft des baldigen Wiedergewln» nes seiner Freiheit entgegenzuführen!
Reichspräsident von Hindenburg
antwortete nunmehr mit folgender Rede, deren markante Stellen er besonders betonte:
Hochverehrter Herr Staatspräsident, meine Her« ren! Die freundliche Begrüßung, die Sie, Herr Staatspräsident, wie der Herr Landtagspräsident und der Herr Oberbürgermeister an mich gerichtet haben, erwidere Id) mit Gefühlen und Wor« ten herzlichen Dankes, die ich in gleidjcr Weise der Bevölkerung in Stadt und Land für die mir allenthalben bezeigten Willkommengrüße entgegenbringe. Es ist mir ein Bedürfnis gewesen, auf meiner Reise nach Süddeutschland aud) Hessen und seine Hauptstadt zu besuchen, um hier Bekannt- schäft mit den führenden Persönlichkeiten des Landes anzuknüpfen, mit ihnen Aussprache zu pflegen und die Sorgen und Nöte kennen zu lernen, die auf Ihrer Heimat lasten.
Ich weih, daß diese Ihre Sorgen sd)wer und ernst sind.
Ist doch Hessen das Land, das von allen deutschen Ländern verhältnismäßig am härtesten von der uns auferlegten Besetzung betroffen ist und in besonders schwerem Maße die Last fremder Truppenbesatzung und Einquartierung trägt Taufende von Wohnungen, viele Tausende von Einzelzimmern, zahlreiche öffentliche Gebäude und Schulen sind für Besatzungs» zwecke beschlagnahmt, und groß sind die Entbehrungen und Beschränk ungen, die aus solchem Zustand der Bürgerschaft In Stadt und Land entstehen müssen. Das Reich hat dieser Notlage stets volles Verständnis entgegengebracht und sich nach Kräften bemüht, Ihrem Lande, insbesondere Rheinhessen, sein schweres Los zu erleichtern. Es hat Wohnbauten für die Besatzung wie für die Bevölkerung errichtet, in Main; eine neue Schule erbaut und überall geholfen, wo Hilfe am dringendsten war, und wird es auch künftig an hilfsbereiter Mitarbeit nicht fehlen lasten.
Dir wollen hoffen, daß die schlimmsten Zeiten nunmehr überstanden sind, und dah die in Locarno ungebahnten Verhandlungen dazu führen mögen, dem besetzten Gebiet und in ihm auch ! Hessen Befreiung von den schlimmsten Lasten : zu verschaffen und' die zum Leben notwendige ! Bewegungsmöglichkeit wiederzugeben. 7Nit auf- 1 richtigem Dank und stolzer Anerkennung fyrxfje aud) ich es hier aus, daß die Hessen in der Zeit harter Bedrückung und großer Rot immer ihr 1 Deutschtum als höchstes Gut erkannt und bewahrt haben, daß sie sich in den bösesten lagai der Sanktion^- und Afanderpolilik sowie während der Unruhen des separatistischen Spick» stets als treue Deutsche bewährten und lieber Verbannung und Gefangenschaft aus sich nahmen, als U)tcc Pflicht gegen Vaterland und
Heimat untreu zu werden.
Id) brauche nur der großen 3ar.uarfunbgcb;;ng des Jahres 1923 zu getunten, um daran zu erinnern, daß die gesamte Bevölkerung in all ihren Ständen und Schichten einmütig der Verteidigung Ihrer Rechte als Mensd)en und Deutsche zusammenstand. Gern nehme ich von ihnen, Herr Staatspräsident, die Versicherung entgegen, daß d i e Rheinhessen auch in Zukunft unwandelbar f e ft in ihrer Treue z u m Vaterland beharren werden. Ich wünsche und hoffe, daß der Geist selbstloser Vaterlandsliebe und brüderlichen Z u s a n, m e n h a l t e ii s , der damals in der Zeit der höchsten Not geherrscht hat, uns setzt und in der Zukunft Beispiel und Wegweiser sein wird. Dann wird auch diesem Lande und uns
hohen, vom Alten ungebeugten und doch so schlich- ten Greisengestalt ausgeht, der findet hier in der Persönlichkeit Hindenburgs, nicht des gewaltigen Heerführers, nicht des Reichspräsidenten, aber des schlichten Menschen, gestählt durch bittere Jahre des Leidens, in Demut und Herzensgüte, die Harmonie, die unserem Volke fehlt und die doch der gewichtigste Daustein für eine Winderaufrichtung unseres Volkes, für eine innere Befreiung ist. Möchten wir in Hindenburg den L e h r m e i st e r zu dieser Harmonie erfennnen, dann sind auch die großen Opfer, die das Pflichtbewußtsein dem bald Achtzigjährigen auferlegen, nicht vergeblich gebracht!


