Nr. 162 Erstes
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Blatt
<75. Jahrgang
Dienstag, 14- Juli 1925
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Der Bruch im Linkskartell.
Neue Oppofitionsstellung der französischen Sozialisten.
Die französischen Sozialisten sind, nachdem sie schon wochenlang abseits standen, nun endlich wieder In die Opposition zurückgekehrt: Pain- lev6s AeaierungSbasis hat sich durch die letzte Kammeraosttmmung am Sonntagabend vollständig von links nach rechts verschoben. Der äußere Anlaß zu dem Verhalten der Sozialisten war die Umsatzsteuer, ihre Verärgerung datiert aber schon aus den Zeiten des KaÄnettS Herriot, als sie zur Stabilisierung deS Franken die Ein» runa der Kapitalabgabe verlangten, die auch ter bei Caillaux auf den heftigsten Widerstand
stieh, der, ursprünglich die Hoffnung der Sozialisten, immer mehr der Mann der Mitte und der Rechten wurde. Mehr als einmal in der letzten Zeit bot sich für die Sozialisten Gelegenheit, aus dem Linkskartell auszufcheiden, immer wieder überlegten sie sich diesen Schritt, sie zogen es vor, bei wichtigen Abstimmungen sich einfach der Stimme zu enthalten. So manövrierten sie bis zu den Parlamentsferien, jetzt endlich haben sie sich entschlossen, der Regierung Pain- levs den Kampf anzusagen und, als sie die Vertrauensfrage stellte, gegen sie zu stimmen. Die Kammer ist zwar nun inzwischen in die Ferien gegangen, die Regierung wird also noch etliche Monate ihr Leben fristen können, ihr Sieg vom Sonntag abend ist aber nur ein Pyrrhus-Sicg. Dis zum Wiederzusammentritt der Kammer muh sich Herr Painlevö darüber klar geworden sein, ob er zurücktreten oder mit Hilfe der Rechtsparteien sein Kabinett umbilden will.
Der Ausbruch der Krise.
Paris, 31. Juli. (WD.) Die Opposition der Sozialisten gegen das Ministerium PainlevS, die in der Ablehnung des Budgets zum Ausdruck kam, wird vom „T e m p 8,r als das Ende der Mehrheit vom 11. Mai 1924 bezeichnet. Die politische Geschichte tverde um eine neue Lehre bereichert, denn am Wend des Tages, an dem Caillaux in das französische Parlament zurückgekehrt sei, nachdem ihn der Radikalismus wieder zur Regierungsmacht empor» getragen habe, habe er die parlamentarische Ehescheidung des Radikalismus und des Sozialismus vor sich gehen sehen, deren Urheber zu werden er gezwungen worden sei. Das betveise noch einmal mehr, dah die Verhältnisse stärker feien als parlamentarische Komplikationen und dah der gesunde Menschenverstand früher oder später wieder die Herrschaft über die Ideologie und die politischen Leidenschaften gewinne.
Die Vernunft lehre, dah die Sozialistische Partei keine Regierungspartei sein könne und sie lehre ferner ,dah die Sozialistische Partei, die die Auflösung der Parteien wünsche, nicht eine nationale Partei sein könne. Eine Koalition der Sozialisten und der Richtsozialisten sei also in gewissem Sinne ein Widerspruch an sich. Sie tverde also in dem Augenblick unmöglich, in dem sich die Rottoendigkeit ergebe, national zu regieren.
Das „Journal des D e b a t s" schreibt: Als das M i n i st e r t u m P a i n l e v s die verhängnisvolle Nachfolge des Ministeriums Herriot antrat, war es gezwungen, eine andere Politik als die des voraufgegangenen Kabinetts anzukündigen und zu betreiben. Das konnte aber nicht anders fein und wir danken Painlcvä dafür, daß er begriffen hat, daß die nationalen Interessen gefährdet werden. Das Ministerium ist zwar aus dem Kartell der. Linken hervorgegangen, es will aber seine Politik nach eigener Art in die Praxis um» fetzen.
Das Kartell der Linken in feiner ersten Form bedeutete Hegemonie des Sozialismus; das Kartell der Linken in seiner zweiten Form bedeutete die Herrschaft einer Politik, die mehr Rücksicht nimmt aus die nationalen und finanziellen Notwendigkeiten. als auf die IDiinfdjc der Parteien.
Die Schwierigkeit für das neue Ministerium besteht darin, daß diese Politik mit der alten Mehrheit gemacht werden mußte, die unfähig war, sie zu verteidigen. Das Ministerium Painlevä hätte acht Tage nach seinem Bestehen mit den S o z i a l i st e n brechen können. Es hat vorgezogen, den Crgeb» nisten und der Zeit die Sorge der Erfüllung dessen zu überlaffen, indem es nicht selbst die Initiative ergreifen wollte. Es hat mit den Nationalradikalen und mit der Unterstützung der Gemäßigten regiert. Es hat sich einen Ersatzbeistand geschaffen und dadurch progressiv die Feindschaft der Sozialisten eingeheimst. Dieses Regime hat zwei Monate gedauert. Es konnte und bunte nicht mehr Langer dauern. E s hat gestern sein Ende er- reicht.
Jetzt ist der Beweis geliefert, daß in Kammer und Senat eine Mehrheit vorhanden ist, um die Politik zu unterstützen, die unseren innen» und außenpolitischen Interessen entspricht, die die Ereignisse und die ewigen Gesetze der Gesellschaft, in der wir leben, notwendig machen. Die Regierung muß jetzt zeigen, daß sie verstanden hat und daß sie sich dem unterordnen will, was die öffentlichen Angelegenheiten fordern.
Reichskanzlerbesuch in Dresden.
Dresden, 13. Juli. (Wolff.) Der Reichskanzler ist am Sonntag nachmittag mit dem fahrplanmäßigen Zuge um 4,25 ilfjr in Dresden- Reustadt eingctroffeiu In seiner Begleitung befanden sich Oberregierungsrat G r a e v e l 1 uub der Reichs-Pressechef Ministerialdirektor K i e p.
Der Reichskairzler wurde im Antrag des Ministerpräsidenten am Bahnhof von dem Ministerialrat Wilifch. empfangen. Am Montag, dem offiziellen Besuchstage, wurde der Reichskanzler vom sächsischen Gesandten in Berlin, Dr. G r a d n a u e r, und Ministerialrat Wilifch vom Hotel Bellevue abgeholt und zu dem Hauptministerialgebäude geleitet. Ministerpräsident H e l d t entbot dem Reichskanzler bei feinem ersten Besuch in dem Freistaate Sachsen herzliches Willkommen. Don dem Hauptministerialgebäude begab sich der Reichskanzler im Kraftwagen, begleitet von dem Ministerpräsidenten Heidt und den Ministerialräten W ä n - 1 i g und Wilifch, zum Landtag, wo er im Prasidialzimmer von dem Landtagspräsidenten Winkler begrüßt wmrde. Im Anschluß an den Empfang im Landtag fand im Konferenzzimmer der ehemaligen Ersten Kammer eine Begrüßung durch die Dresdner Presse und durch die hiesigen Vertreter der auswärtigen Zeitungen statt.
Der Reichskanzler wurde durch den Vorsitzenden des Ortsvereins Dresden des Landesverbandes der sächsischen Presse, Graefe, be- Srüßt und unterhielt sich dabei in zwangloser lusft.rache mit den einzelnen Vertretern. Mittags 1 älhr fand im Hotel Bellevue im engeren Kreise ein Frühstück statt, zu dem außer den Ministern die Vertreter des Landtags, der städtischen Körperschaften, der obersten geistlichen Behörden und der in Dresden ansässigenReichs- behörden erschienen waren.
Bei dem Frühstück im Hole! Bellevue erklärte
Ministerpräsident Held
in einer Begrüßungsansprache an den Reichskanzler Dr. Luther u. a.:
Die Entwicklung unserer Wirtschaft von Inflationszeit zur Stabilisierung und damit der Beginn einer langsamen Gesundung zeigt den Stempel Ihrer Persönlichkeit. Auch die großen Aufgaben, die in der letzten Zeit von der Reichsregierung zu bewältigen waren, insbesondere die Lösung des Aufwertungsproblems, der Steuergesetzgebung und der Zollvorlage, werden stets mit Ihrem Ramen verbunden sein. Wenn Sie inmitten dieser Hauptlast noch uns mit Ihrem Besuche erfreuen, so erblicken wir als Regierung des drittgrößten deutschen Landes darin mit Genugtuung den Ausdruck Ihres Willens, herzliche persönliche Beziehungen
Mit den Vertretern der Länder zu unterhalten
und damit die unentbehrliche Einheit in der Regierungstätigkeit zwischen dem Reich und den Ländern zu schassen.
Lassen Sie mich, Herr Reichskanzler, bei dieser Gelegenheit versichern, daß die sächsische Regierung sich stets dessen bstoußt ist, dah das oberste Gesetz für die Zusammenarbeit mit dem Reich: der Wunsch sein muß, dem deutschen Volke in feiner Gesamtheit zu dienen und chm nach den schweren Jahren der Prüfung zu einer besseren segensreichen Zukunft zu verhelfen. Rur dann wird das Reich das einheitliche feste Gefüge besitzen, das für unsere außenpolitische Stellung nottvendig ist.
Darauf erwiderte
der Reichskanzler
mit folgenden Worten:
Für den freundlichen Willkommgruh, den Sie namens der sächsischen Regierung an mich zu richten die Güte hatten, sage ich herzlichen Dank. Es ist mir eine große Freude, für kurze Zeit hier in Dresden sein zu dürfen, in der kunstpflegenden Hauptstadt jenes Landes, das neben den prächtigen Werken deutscher Kultur und Kunst die intensivste industrielle Entwicklung in unserem Daterlande aufzuweisen hat. Die haben an die große Rot der Rachkriegszeit erinnert, wie sie hier das dichtbevölkerte Sachsen ja besonders hart betroffen hat. Aber es wird noch harter und vieler Opfer bedürfen, ehe wir unser nationales, wirtschaftliches und kulturelles Leben wieder auf jene Höhe gebracht haben, die wir alle für unser Volk und Vaterland mit heißem Herzen ersehnen. Um zu diesem Ziele zu gelangen, ist die engste Zusammenarbeit zwischen dem Reich und den Ländern unentbehrlich, und ich darf meiner besonderen Genugtuung darüber Ausdruck geben, bei Ihnen, Herr Ministerpräsident.
volles Verständnis für e ne solche vertrauensvolle Zusammenarbeit
zu finden.
Seien Sie versichert, daß es immer meine angelegentlichste Sorge sein wird, die Beziehungen zwischen dem Reich, den Ländern und Gemeinden so zu regeln, daß den berechtigten Wünschen der Länder und Gemeinden soweit als möglich entsprochen wird. Ich kann nicht glauben, daß es zwischen dem Reich und den Ländern unüberbrückbare Interessengegensätze geben sollte. Cs ist doch das gemeinsame und letzte Ziel, aller Gesamtheit zu dienen und die Grundlage für eine glücklichere Zukunft Deutschlands zu schaff em
Gestatten Sie mir. Herr Ministerpräfi denk, auf diese glückliche Zukunft des Landes Sachsen im Rahmen eines einigen und starken Deutschen Reiches mein Glas zu leeren.
Am Rachmittag begab sich der Reichskanzler zu der Iahresschau deutscher Arbeit,
um einen Rundgang durch die Ausstellung zu unternehmen.
Rach der Besichtigung der „Iahresschau Deutscher Arbeit" folgte Reichskanzler Dr. Luther einer Einladung der fächfischen Staats- regierung zu einem Empfang in die Festräume des neuen Rathauses. Auf eine Begrüßungsansprache, in der Oberbürgermeister Dr. Blücher auch auf die beiden Fragen des Finanzausgleichs und der Handelsverträge einging. erwiderte der Reichskanzler u. a.:
Der Finanzausgleich ist ja ein urewiges Thema. Ich bin der festen äleberzeugung, daß toir auch diesmal wieder einen Ausweg finden werden, weil der gleiche Geist hinter Reich, Ländern und Gemeinden steht. Reich, Länder und Gemeinden sind doch schließlich nur verschiedene Ausdrucksformen des einen, dem deutschen Volke zu dienen. Wir wissen genau, daß wir im Deutschen Reiche alles tun müssest, was in unserer Macht steht, um uns nach außen zu stärken. Wir wissen, daß wir ohne dieses Mittel auf dem Wege der Entwicklung bei der jetzigen Gestaltung der Geldwirtschaft einen Ausweg überhaupt nicht sinden.
Aber wir wissen ebensogut, daß cS ganz I unmöglich ist, ohne Ausfuhrmöglichkeiten auch zur Weltwirtschaft zu kommen. Aller guter Wille ist belanglos, trenn wir nicht die Möglichkeit finden, im freien internationalen . Handelsverkehr unsere natürlichen Kräfte wieder zu betätigen.
Sie können davon überzeugt fein, daß die deutsche Regierung fest davon durchdrungen ist, daß wir einen Weg finden müssen, um auf der Grundlage der Handelsvertragsverhandlungen uns die Bahn wieder zu' offnen, nachdem der unmögliche Zustand der einseitigen Meistbegünstigung endlich aufgehört hat. Diese Frage hängt mit den allgemeinen großen innenpolitischen Problemen zusammen, und es wäre, glaube ich. eine ganz falsche Stellungnahme für den Reichskanzler, jetzt prophetisch sagen zu wollen, so oder so werden sich die Dinge entwickeln.
Der Reichskanzler verlieh um 7 älhr das Rathaus und begab sich auf Einladung der Sächsischen Lustverkehrs-A.-G. nach dem Flugplatz. um von dort ans mit den Herren seiner Begleitung um 7.15 Uhr im Flugzeug nach Berlin zurückzukehren.
Aufwertungsfragen im Reichstag.
Berlin, 13. Juli. (WB.) Präsident L o e b e eröffnet die Sitzung um 1,20 Hf>r. Die zweite Lesung wird bei den § 16 und 17 fortgesetzt, die den Anmeldezwang behandeln. Hat der Gläubiger die Hypothek abgegeben und die Gegenleistung nach dem 14. Juni 1922 unter oVrbehalt der Rechte angenommen, so wird die Hypothek und die persönliche Forderung nach § 17 auf der Grundlage des für ihn maßgebenden Goldmarkbetrags unbeschadet der Aufwertung zugunsten des Erwerbers auch zu seinen Gunsten a u f geteert e t, sofern nicht in früheren Paragraphen feftgelegte Ausnahmefälle vorliegen.
Abg. Dr. Best (Völk.) will für den § 17 eine neue Fassung, die das Recht der Gläubiger erweitert. Der Redner kommt dann auf seinen Zusammenstoß am Samstag mit dem ReichS- justizminister Dr. grenden zu sprechen und weist den Vorwurf, dah er sich dem Reichskanzler gegenüber ungehörig benommen habe, entschieden zurück. (Beifall links.) Er habe eine Kritik nicht geübt, trotzdem er der höchste Richter seines Heimatlandes gewesen fei, sondern er habe, gerade weil er dieses hohe Amt bekleidet habe, (Beifall links), geschwiegen. Er habe 23 Jahre in der Justiz gestanden und kennengelernt, dah auch Recht zu Tlnrechl wird. In den Reichstagsfraktionen der anderen Parteien wären manche, die gegen ihre äleberzeugung aus FraktionSrück- fidjten für den Kompromiß stimmten, (älnruhe und Ohorufe.) Der Redner schließt: Im Stillen teilen viele meine Meinung, die es hier nicht offen zu sagen wagen. (Zustimmung links, Un- ruhe und Widerspruch rechts und in der Mittel)
Die Abstimmung wird wegen der schlechten Besetzung des Hauses zurückgestellt. Die Einzelberatung geht weiter.
§ 25 der Kompromihvorlage bestimmt, daß die Rückzahlung des Aufwertungsbetrages durch den Gläubiger nicht vor dem 1. Januar 1932 verlangt werden kann. Spätestens soll bei besonders gelagerten Verhältnissen, wie sie § 26 barlegt, die Rückzahlung bis zum 1. Januar 1938 erfolgt fein. Das Gesetz sieht in besonderen Bestimmungen im § 27 vor, daß frühestens vom 1. Januar 1926 ab in besonderen Fällen Vorauszahlungen in Höhe von jährlich höchstens 10 Prozent des gesamten Anspruchs des Gläubigers erfolgen können.
Abg. Ströbel (Soz.) begründet zu vorstehenden Gesehen seine Abänderungsanträge, in denen gewünscht wird, daß der Gläubiger je ein Viertel seiner gesamten Forderung am 1. Januar 1927, am 1. Januar 1929, am 1. Januar 1931 und am 1. Januar 1933 verlangen kann. Grundsätzlich sollen außerdem Eigentümer und Schuldner berechtigt bleiben, schon vor dem gesetzlich fixierten Zeitpuntt nach dreimonatiger Kündigung ganz ober zum Teil ben Aufwertungsbetrag zu zahlen. Die Paragraphen 26 unb 27, beren Inhalt oben angebeutet würbe, will ein weiterer sozialdemokratischer Antrag streichen.
Auch Abg. Dr. Best (Völk.) begründet sinngemäß ähnliche Anträge.
§ 28 bestimmt: Der Aufwertungsbetrag ist bis zum 1. Januar 1925 unverzinslich. Rückständige Zinsen werben erlassen. Vom 1. Januar 1925 ab beträgt ber Zinssatz 1,2 Proz., vom 1. Juni 1925 ab 2,5 Proz., vom 1. Januar 1926 ab 3 Proz unb vom 1. Januar 1928 ab 5 Proz. Wenn bem Schulbner nach 1932 weitere Stunbungen bewilligt werben, so soll bie Regierung ermächtigt fein, ben bann in Frage kommenden höheren Zinssatz zu bestimmen.
§ 29 bestimmt, daß die Verpflichtung zur Leistung von Tilungsbelrägen bis zum 1. Januar 1926 ruht. Die Aufwertungsstelle sott auf Antrag des Gläubigers den Tilgungssah erhöhen können, wenn bie wirtschaftliche Lage des Schulbners es gestattet.
Abg. Dr. Korsch (Komm.) begründet demgegenüber einen kommunistischen Antrag, der zum Zwecke dererhöhtenVerzinsung und Tilgung, sowie der beschleunigten Rückzahlung an bedürftige Gläubiger eine Ab- lösungSbank schaffen will.
Abg. S e i f f e r t (Völk.) wendet sich namentlich gegen die gesetzliche Regelung der Verzinsung der Aufwertungsbeträge, die er unter dem Begriff „Kautschukparagraphen" zusammenfaßt.
Abg. Emminger (Dayr. Dpt.) verteidigt die Kompromihvorlage, die in
§ 27 noch immer Vorteile für den Gläubiger bringe, obwohl dieser Paragraph in einer Weise gegenüber seinem, des Redners im Ausschuß beantragten Text verunstaltet worden sei, daß er dafür die Verantwortung ablehne. (Hört, hörtl links.)
Abg. Ströbel (Soz.) fetzt sich für einen sozialdemokratischen Antrag ein, ber den Zinssatz des § 28 schon vom 1. Januar 1925 ab auf 5 Prozent festsehen will. Da^ Reichssinanz- minifterium soll außerdem ermächtigt werden, mit Zustimmung des Aufwertungoauschusses des Reichstages den Zinssatz zu ändern. Der Redner wendet sich bann noch energisch gegen bie Behandlung der ganzen Aufwertungsfrage, durch die Kompromihparteien. Weder im Ausschuß noch im Plenum hätten die Kompromißparteien sich zu einer ernsthaften Diskussion dieser für das ganze Voll so überaus wichtigen Frage herbeigelassen.
Abg. Dr. Best begründet in ähnlichem Sinne gehaltene Anträge.
Die § 33 bis 46 beschäftigen sich mit ber Aufwertung von Industrieobligationen und verwandten Schuldverschreibungen sowie bem Genuhrecht. § 33 bestimmt, daß der Aufwer- tungssah hierfür 15 Prozent betragen soll. § 34 enthält eine Härtellausel, in bem Schuldner in Wirtschaftiiw schwieriger Lage gestatten teilt, eine Herabsetzung des Aufteertungssahes zu verlangen. § 35 bestimmt, dah bie Aufwertung auch bann stattfindet, wenn der Gläubiger schon eine Leistung angenommen unb sich seine Rechte Vorbehalten hat. § 36 bestimmt, daß Rückzahlung, Verzinsung unb Tilgung wie bei den Hypotheken vorzunehmen ist, soweit nicht die Reichsregierung etwas anderes bestimmt.
Abg. Keil (Soz.) begründet zu diesem Kapitel sozialdemokratische Abänderungsanträge, in denen u. a. verlangt wird: Erhöhung deS Auf- wertungssahes von 15 auf 40 Prozent ober in einem Eventualantrag Erhöhung auf 25 Prozent. Die gesetzlichen Bestimmungen über das Genuß- recht wollen sozialdemotrattsche Anträge streichen.
Hebet bas Genußrecht bestimmen bie § 37 bis 46 il a„ dah vor bem 1. Juli 1920 erworbene Schuldverschreibungen mit bem 1. Juli 1925 Anspruch auf Beteiligung am Reingewinn des Schuldners unb am Liquidationserlös haben, wobei 10 Proz. des GoldmarkbetrageS ber Schuldverschreibung als Rennwert zugrunde g legt werden sollen. Der Schuldner soll berechtigt fein (§ 43), die Genuhrechte durch Zahlung deS Rennbetrages abzulösen.
Inzwischen haben sich bis 5 Ahr nachmittags von den 493 Reichstagsabgeordneten etwa
50 im Saale eingefunden.
' Abg. Dr. Best erklärt, die Grohindustrie habe es durchgefetzt, bah bei Industrievbkigatio- nen nicht einmal 25 Proz., sondern nur 15 Proz. aufgewertet und dazu nur noch ein Denuhfchrin von sehr zweifelhaftem Werte gegeben wird. Es schreie gerade bas Kapitel „Industrieooli- gationen" nach indivibueller Aufwertung. Der Redner begründet Anträge, die u. a. ben Auftee rtungssatz üc In. astrirobligationen von 15 auf 50 Proz. erhöhen, bie Härteklausel nach beiden Richtungen festzusehen und ben Rennteert des Genuhrechtes von 10 auf 35 Proz. erhöhen wollen.
ReichswirLschüftsmin ster Neuhaus:
Das Problem ber Aufwertung ber Inbu - ftrieobligationen ist im Ausschuß schon sehr eingehend erörtert worben. Ich halte mich aber doch für verpflichtet, auf einige Punkte näher einzugehen. Es ist bie Ansicht vertreten, worben, baß die In- buftrie es oerftanben hätte, In ber Inflation ihre Substanz zu erhalten. Dabei ist vielfach auf bie Denkschrift Brinck hingewiesen wor» ben. Schon im Ausschuß ist aber ben Herren er» klärt worben, baß Iustizrat Brinck in seiner Denkschrift absolut nicht beweiskräftige Zahlen angibt (Hört! Hört! rechts.)
Ls find kaum 50 Prozent unserer Wirtschaft, die auch bei scharfer Zusammenlegung einen Kurs von 100 halten können.
Es ist ferner behauptet worben, baß bie Indu» ft r i e im Vergleich mit ber Vorkriegszeit wesentlich entschulbet sei. Wir haben im Dirtschaftsmini» fterium sehr eingehende Erhebungen in dieser Rich»


