Ausgabe 
12.12.1925
 
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vernachlässigt, sondern daß sie die der Allgemeinheit I aus der Notlage der gesamten Wirtschaft drohenden Gefahren endlich in ihrem gewaltigen Umfange rich­tig erkennt und sich aus dieser Erkenntnis zu Taten auf rafft, die in erster Linie die Landwirtschaft als Grundindustrie des Staates wieder auf eine produktionsfähige (Brunblage ft eilen. Die aus der bisherigen Verkennung des wahren Ausmaßes des Notstandes in der Landwirtschaft verursachte Teilnahmslosigkeit der obersten Negierungsstellen gegenüber wichtigen, des dringlichen Handelns der Negierung bedürftigen Fragen muß die Landwirtschaft in eine Zwangs­lage hineintreiben, die sich möglicherweise zum schwersten Nachteil der Produktion und auch auf sonstigen Gebieten auswirken kann.

Was die Landwirtschaft im Rahmen der Ge­samtwirtschaft an Abhilfsmaßnahmen fordert, ist durch den Reichslandbund mit genügender Deutlich­keit seit Monaten der Regierung und der Oesfent- lichkeit gesagt worden. Wo bleibt der Schulden- regulierungs - und der auf lange Sicht einge- stellte Entschuldungsplan'? Wo bleibt, bis er wirksam werden kann, die führende Hand der Regierung bei den augenblicklich im Vordergründe stehenden Rückzahlungsschwierigkei­ten? Wo bleibt der Ausgleich zwischen den Er­zeugerpreisen für landwirtschaftliche Produkte und den Preisen für gewerbliche und industrielle Produkte, insbesondere denen für die landwirtschaftlichen Produktions­mittel? Wo bleibt die strenge Beschränkung aller unproduktiven und übermäßigen Verwal­tungsausgaben bei Reich, Ländern und Korn- inunen? Entweder wird durch die Erfüllung dieser und der sonstigen von der Landwirtschaft dauernd vertretenen wirtschasts-, Handels- und finanzpoli­tischen Forderungen, die landwirtschaftliche Rentabi­lität zurückerlangt oder bei der überragenden Be­deutung des binnenländischen Absatzmarktes ist die Ueberwindung der Katastrophe, in die die Land­wirtschaft täglich tiefer hineingleitet, nicht mehr möglich.

Katastrophale Lage in der Schwarzwälder Uhrenindustrie.

Freiburg, 12. Dez. (WB.) In einer Be­sprechung zwischen Arbeitgebern und Arbeit­nehmern der Schwarzwälder älhrenindustrie wurde mitgeteilt, daß in Furtwangen 65 Pro­zent der gesamten Arbeiterschaft der dortigen Uhrenindustrie jetzt schon zum Teil vollkommen erwerbslos sind, zum Teil nur mit Kurz­arbeit beschäftigt werden können, und daß mit der vollkommenen Stillegung zahl­reicher Betriebe gerechnet werden müsse. Aehn- lich liegen die Verhältnisse an den anderen Orten des Handelsiammerbezirks Villingen. Es wurde seitens des Syndikus des Arbeitgeberverbandes der Schwarzwälder Tlhrenindustrie darauf hin­gewiesen, daß der amerikanische Markt last vollkommen ausgefallen sei, da Amerika sich selbst mit älhren versorge. Auch der Export nach Buhl and sei fast völlig zum Stillstand gekommen. Es sei bei­nahe unmöglich, täglich 6070 000 Uhren abzu­sehen.

Die Beamtenbesoldung im Hauptausschutz.

Berlin. 12. Dez. (TU.) In der Abend- fttzung des Haushaltsausschusses des Reichs­tags schlug Staatssekretär Fischer vom Reichsfinanzministerium dem Ausschuß im In- ieresse einer schnell zu erledigenden Zuwendung für die Beamten und Angestellten folgende Re­gelung vor: Cs soll den Beamten, Wartegeld- unl) Ruhegehaltsempfängern, Angestellten und Beamtenhinterbliebencn der Gruppen 14 eine einmalige Zuwendung in Hohe von einem Viertel eines Monatsbezugs, den Be­amten der Gruppen 56 eine solche von einem Fünftel eines Monatsbezugs gegeben werden mit der Maßgabe, daß der Mindest- ' betrag für Ledige auf 30 Mk. festgesetzt werde, der sich für jeden Frauen- und Kinderzuschlag um je 5 Mk. erhöht und für die Vollwaisen ins­gesamt 10 Mk. beträgt. Die Kriegsbeschä­digten und Kriegerhinterbliebenen sollen eine Zuwendung von einem Viertel eines Monatsbezugs erhalten. Staatssekretär Fischer erklärte hierzu, daß dies gegenwärtig das A e u tz e r st e sei, was bei dem Stande der Finanzen auszuführen sei. Man müsse auch die Rückwirkungen bedenkcn, die auf die Finanzen der Länder entstehen und man wolle doch vor allem schnelle Hilfe bringen. Da müsse man im Rahmen des Möglichen bleiben. Rach län­gerer Aussprache wurde festgestellt, daß sich die Mehrheit des Ausschusses nicht auf den Stand­punkt der Regierung stellen könne. Es wurde ein Antrag des Abg. Ersing (Ztr.) angenom­men, worin verlangt wird, daß der allge­meine Teuerungszuschlag für die Be­amten der Gruppen 14 von 12,5 auf 25 Pro­zent, für die Beamten der Gruppen 56 von 12,5 auf 20 Prozent erhöht werden soll. Die Beträge können kapitalisiert und in einmaligen Summen ausgezahlt werden.

Preußischer Landtag.

Berlin, 11. Dez. Im Verlaufe der Aussprache im Preußischen Landtag über die dritte Etatsbera- tung kam es zu einem Ijeftigen Zusammenstoß zwi­schen den Deutschnatlonalen und dem Ministerpräsidenten Braun. Der deutsch- nationale Abg. (Sauger warf dem Ministerpräsi­denten Braun vor, er habe gestern den Bauern vor­geworfen, daß sie, die am wenigsten arbeiteten, am meisten nach Mehrarbeit schrien. Diese Ausführun­gen Gängers riefen bei der Linken lebhaften Pro­test hervor. Nachdem (Sauger geendet hatte, bezeich- nete Ministerpräsident Braun die Ausführungen des deutschnationalen Redners als ein Schulbeispiel dafür, wie man die Grundlage für eine verlogene Agitation schaffe. Darauf setzte bej den Deutsch- nationalen ein ohrenbetäubender Lärm ein. Eine Schlägerei wurde nur durch dos Dazwischentreten besonnener Abgeordneter aller Parteien verhindert. Ministerpräsident Braun betonte, daß es ihm nicht eingefallen sei, etwa die Bauern als die Partei der Nichtstuer zu bezeichnen. Die allgemeine Aussprache zur dritten Etatsberatung muß am Samstag fort» gesetzt werden. Finanzminister Höpker-Aschoff legte in einer aufmerksam entgegengenommenen Rede eingehend dar, daß die Frage der Fürstenab­findung durch einen Vergleich besser gelöst wer­den könne als durch gerichtliche Entscheidungen, die sich auf die Kabinettsorder aus dem 18. und 19. Jahrhundert stützten.

Die Regierungsbildung.

Bor der Betrauung Reichskanzler Dr. Lntfiers.

Berlin, 12. Dez. Wie dasD. T." von unterrichteter Seite erfahren haben will, ist der Reichspräsident bei feiner gestrigen De- prechung mit Dr. Luther dahin übereinge­kommen, durch den Staatssekretär Dr. Meißner noch bestimmte Rückfragen an die einzelnen Fraktionsführer stellen zu lassen. Staatssekretär Dr. Meißner setzte sich gestern abend noch mit dem Führer des Zentrums, F e h r e n b a ch, in Verbindung. Wie dasD.T." weiter hört, wird Reichspräsident v. Hindenburg heute vor­mittag Reichskanzler Dr. Luther mit der Kabinettsbildung betrauen. Hcerzu bemerkt dieTägliche Rundschau": Reichs­präsident v. Hindenburg hatte im Be­wußtsein seiner hohen Amtspflichten die Ini­tiative ergriffen. Die Parteien haben einem Appell Folge geleistet, und es besteht jetzt die Möglichkeit, sie alle an den gemeinschaftlichen Verhandlungstisch zu bringen, um festzustellen, wie weit der gute Wille zu einer Verständigung und zum Verzichte auf einseitige Forderungen reicht. Diese Feststellung aber ist Sache derjenigen Persönlichkeit, die von dem Vertrauen des Reichs­präsidenten zur Regierungsbildung berufen wird. Man wird damit rechnen können, daß dann der Möglichkeit der Großen Koalition rasch auf den Grund gegangen wird."

In den Sozialdemokratischen Monatsheften tritt der preußische Innenminister Severing für d i e Rvtwendigkeit der Groben Koalition ein. Ihr Scheitern, schreibt er. wäre der erste Schritt, der uns wie­der von Locarno und damit von Europa ent- ernen würde. Das wäre kein Aufbau, das wären neue Trümmer. Wichtiger als alle Richt­linien für Einzelfragen ist die Erkenntnis, daß es der Zusammenfassung aller pro­duktiven Elemente des deutschen Volles bedarf, um für eine längere Zeit unserem Lande Erschütterungen fernzuhalten, um die formellen Bestimmungen der Locarnoer Verträge zu frucht­barer Auswirkung zu bringen.

Für ein WohnheimstälLengesetz.

Berlin, 11. Dez. (Täl.) Im Unteraus- chußfürSiedlungs - und Wohnungs­ragen des Reichstags wurde ein demokra­tischer Antrag angenommen, worin die Reichsregierung ersucht wird, alsbald ein Wohn- heimsrättengesetz im Sinne des Entwurses des tändigen Beirates für das Heimstättenwesen beim Reichsarbeitsministerium vorzulegen. Außerdem timmte der Ausschuß einem Ze-trumsantrag zu, worin von der Reichsregierung die Ausarbeitung eines umfassenden Wohnungsbauplanes und von Vorschlägen gefordert wird, durch die der erforderliche Boden zu annehm­baren Preisen ficherge stellt wird. Bei der Beseitigung der Wohnungsnot sollen toeit- geheich die Gedanken der Wohnungs- und Bodenreform verwirklicht werden.

Der Haszistenterror in Tirol. Täglich neue Gewaltmaßnahmen gegen die deutsche Bevölkeeung Südtirols.

Innsbruck, 11. Dez. Es vergeht fein Lag, an dem nicht aus irgendeiner Gemeinde Südtirols neue Gewaltmatznahmen der italienischen Behörden gegen die deutsche De- völlerung gemeldet werden. So erschien vor. eini­gen Lagen der Schulinspektor von Mezzvlom- b a r d o in der deutschen Gemeinde Auer und verbot ohne jede Begründung jeden deut­schen Privatunterricht. Als die Ge­meindevertreter den Italiener fragten, ob denn Privatstunden in französischer oder englischer Sprache gestattet wären, muhte dieser die Frage bejahen. Die Gegenfrage, warum denn gerade der Unterricht in der deutschen Muttersprache unzulässig sei, wurde mit nichtssagenden Worten abgetoiefen. Den Deutschen ist also jede Möglich­keit genommen, ihren Kindern, die in der italie­nischen Schule erfahrungsgemäß nichts lernen, außerhalb der Schulstunden Privatunterricht er­teilen zu lassen. Der Inspektor der italienischen Schule hat Schüler damit beauftragt, genau zu be: dachten,ob dasVe bot nicht irgendwo umgangen würde. Die italeinisch-en Kulturbringer benutzen also Schulkinder als Spione gegen die deutsche Bevölkerung.

Auch aus Bozen werden neue Gewaltakte gemeldet. Der Kommissar der Quästur drang mit einem Dolmetscher in ein Privathaus ein, dem eine Deutsche mehreren Kindern deutschen Unterricht kostenlos erteilte. Der Kommissar stellte die Ramen der Kinder und der Lehrerin fest, verbot den deutschen Unterricht und jagte die Kinder au s dem Hause. Seit einigen Tagen tragen in Bozen alle Auf schristen in den Kirchen an erster Stelle den italienischen Wortlaut. Die deutschen Schulkinder find ver­pflichtet, die italienischen Predigten zu b suchen. Die Schulbehörden haben für den ganzen Bozener Bezirk angeordnet, daß der Religionsunterricht für die deutschen Kinder in italienischer Sprache zu erteilen ist. Die Richtbeachtung dieser Vor­schrift hat zur Folge, daß den Seelsorgern die Erlaubnis zur Erteilung des Religionsunterrichts entzogen wird. Dem Religionsleyrer P.ckec Gan- dolph Murr, der auf Bitten vieler Ellern im FranziSkanerklester deutschen Religionsunterricht lienischen Professor mitgeteilt, daß er diesen Un» in Privatstunden erteilte, wurde von einem ita» terricht sofort einzu st eilen h be. Der Ita­liener bemerkte:Wenn dieser Feind Italiens noch weiter deutschen Religionsunterricht erteilt, so werden die allerschärfsten Maßnahmen gegen daL Franziskanerkloster und das Gymnasium er­lassen werden."

2m Reichstag ist nachstehende Interpellation Dr. Spahn (Dtschn.) eingegangen: Die italie­nischen Behörden und faszistischen Verbände üben in Südtirol wieder einen geradezu unmenschlichen Terror aus. Ramentlich gilt die Verfolgung dem deutschen Privatunter­richt. Jeder Versuch, deutschen Kindern Kennt­nis der deutschen Kultur zu vermitteln, wird als eine Straftat angesehen. Richt nur Beschlag­nahmungen, Geldstrafen usw. werden verhängt, sondern es wird auch mit Ortsve rweisun- gen und Einkerkerungen vorgegangen. Eine Reihe italienischer Untertanen deutscher Rationalität sind bereits in das Gefängnis geworfen. Die Reichsregierung hat durch den Mund des Herrn Reichsaußenrnmisters wieder­

holt geäußert, daß die Annahme des Vertrages von Locarno es ermögliche, als Anwalt der deutschen Minderheiten in fremden Staaten auszutreten und deren Rechte gegenüber den beteiligten Mächten zu vertreten. Sie hat wiederholt erhärt, daß der Vertrag von Locarno die Lösung des Systems der Gewalt durch das System friedlicher Verständigung bedeute. Welche Schritte hat die Reichsregie- rung getan und gedenkt sie zu tun, um die Stimme der Gerechtigkeit und Vernunft in Italien zu Gehör zu bringen, damit der Minderheit ihr Recht wird. Erkennt die Reichsregierung die Möglichkeit an und bejaht sie damit auch die Verpflichtung, für sich in diesem Sinne tätig zu fein?

Di ' Räumung der Kölner Sone.

Köln, 11. Dez. (TU.) Dom englischen Oberkommando wird mitgeteilt, daß. bisher fol­gende Truppen das Kölner Gebiet ver­lassen Haden:Am 30. Rovember ist eine Kraftwagenabteilung nach Wiesbaden abgerückt, am 1. Dez. folgte ihr eine Feldkompagnie der Pioniere, der Vortrupp des 1. Manchester-In- anterie-Rgt., Abteilungen des Feldhofpita s und der Pioniere, des Meldedienstes und der Militär­polizei. Alle diese Abteilungen: wurden mit­tels Eisenbahn nach Wiesbaden ge­bracht. Am 3. Dez. ist dann das erste Bataillon des Manchester-Infanterie-Rgt. nach König- lein abtransportiert worden. Am 4. und 5. De­zember folgten die Familien der Truppen, die schon abgerückt sind. Für den Rest des Dezember sind noch folgende Transporte vorgesehen, wobei zu berücksichtigen ist, daß Wetterlage und Wegeverhältnisse eine Aenderung der Daten not­wendig machen können. Am 14. Dezember soll aber­mals eine Kraftwagenabteilung abziehen, außerdem die Vorhut der schottischen Hochländer: am 16. De­zember wird eine weitere Abteilung des Feldhospi­tals und das Hauptquartier der ersten Brigade Köln verlaßen. Am 22. Dezember soll der Abmarsch der 2. Bataillons des Hochländerregiments erfolgen. Unter der Voraussetzung, daß die Franzosen das Wiesbadener Gebiet bis zum 31. Dezember geräumt haben, ist zu hoffen, daß der weitere Abmarsch bann ordnungsgemäß erfolgen und daß d i e gesamte Kölner Zone am 31. Januar 19 2 6 ge- räumt fein wird." Wie von anderer Seite ge­meldet wird, wird die Kölner Schutzmann- schäft in demselben Tempo ergänzt und verstärkt, wie sich der Abmarsch der englischen Truppen voll­zieht.

Fr edensvorschlägeALdelKrims

Puris, 12. Dez. (WTD.) Abd el Krims Vertreter in London soll mit regelrechten Voll­machten ausgestattet, nach Tanger gekommen sein, um Friedensverhandlungen mit Frankreich und Spanien aufzunehmen. Er soll folgende Friedens­vorschläge Abd el Krims überbringen: Verwal­tungs-Autonomie des Rifgebiets mit einem Sta­tut anolog dem der englischen Dominions, d. h. ohne Gesandten: Anerkennung der geistigen Ober­hoheit des Sultans, das Recht, eine Armee zu organisieren, Handelsfreiheit (Politik der offenen Tür), Gewährung des TitelsEmir" für Abd el Krim und als Hauptstadt Tetuan, Anerken­nung der Kreise Melilla^ Genta und Larrasch mit einem Hinterlande von 15 bis 20 Km. für Spa­nien, Ernennung einer Äommiffton, die damit beauftragt wird, die Grenzen zwischen dem Rif- gebiet und dem unter französischem Protektorat stehenden Marokko festzusetzen.

Fortdauernde Unruhen in Damaskus.

London, 11. Dez. (211.) Wie .Daily Tele- graph" aus Damaskus berichtet, haben aufstän» ische Truppen in der Stadt bei Hellem Tage einen Ueberfall unternommen. Sie entwaffneten die Gendarmerie in verschiedenen Teilen der Stadt und griffen französische Posten in dem Christenviertel an. Die Franzosen schickten darauf Tanks nach den Vorstädten und bombardierten die (Sorten. Doch sind keine Verluste eingetreten. Die meisten Geschäfte waren den ganzen Tag über geschlossen. Die fortgesetzten Scharmützel be­einflußten die Stimmung der Bevölkerung, die von einer Panik ergriffen, von einem Stadtviertel ins andere ziehe. Die französischen Geschütze feuer­ten ohne Unterbrechung auf die in der Umgegend der Stadt befindlichen Truppen der Auf­ständischen.

Vermittlungsversuche im Mossulstreit.

Paris, 12. Dez. (TU.) Ein Havasbericht aus Genf besagt, daß ein letzter Versöhnungs­versuch, der durch das Mossullomitee zwischen dem Vertreter Englands, Amery, und dem türkischen Minister, Tewfik Ruchdy Bey, herbeigeführt werden sollte, fehl schlug weil der türkische Außenminister zu der vereinbarten Zusammenkunft vorgestern nicht erschien. Amery war dagegen pünktlich zur Stelle. Der Völker­bundsrat wird nunmehr eine schiedsrichter­liche Entscheidung treffen und toeite.e Ver­mittlungsversuche einstellen.

Kunst und Wissenschaft.

Wilhelm von Bode

Ehrenmitglied der Berliner Akademie.

Die Berliner Akademie der Künste hat Excel- lenz Dr. Wilhelm von Bode, der der Akademie seit 34 Jahren als Senator angehört, auS Anlaß seines achtzigsten Geburtstages im Hinblick auf seine hohen Verdienste um das Kunstleben und die Entwicklung des Museumswesens zu ihrem Ehrenmitglied gewählt. Bode ist z. Zt. das einzige Ehrenmitglied der Akademie, die diese Würde, für die nach dem heute gültigen Statut nur Richt- künstler in Betracht kommen, sehr spar) am ver­liehen hat. Die letzten Ehrenmitglieoer waren die Kaiserin Auguste Viktoria, Richard von Schöne und der jüngst verstorbene Geheimrat Arnhold. Zu den Ehrenmitgliedern der Berliner Akademie gehörte einstens auch Goethe, Herder, Wieland, sowie die beiden Humboldt.

Wcttrrvoransr'age.

Roch bedeckt, dann aufflarenb. meist nördliche Winde, Temperaturen um den Gefrierpunkt, nachts leichter Frost, meist trocken.

Rach dem Dorübergang des Warmluftgebiets, dessen Kern heute über der Ostsee liegt, gelangen wir nunmehr wieder in ein Gebiet mit vorwiegend nördlicher Luftströmung. Ein Sinken der kontinen­talen Temperaturen ist damit verbunden, das sich jedoch vorläufig in mäßigen Grenzen halten wird.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 12. Dezember 1925,

Die Sonntagssrage.

Von Generalsuperintendent D. Dr. Schian in Breslau.

Die Weimarer Verfassung hat die Erhaltung des Sonntags und der anerkannten Feiertage gesichert. Auf welche Feiertage die Bestimmung anzuwenden ist, das ist bisher nicht völlig ge­klärt. Die Streitpunkte beziehen sich freilich glücklicherweise nur auf wenige Feiertage: die Erhaltung der Großzahl steht außer Streit. Erst recht ist gar kein verfassungsrechtlicher Streit über den Sonntag. Ihn will verfassungsmäßig gesprochen niemand beseitigen: und das ganze Volk will ihn bemalten. In dies em Sinn gibt es keine Sonntagsfrage.

Aber mit der Erhaltung des Sonntags als gesetzlichen Feiertag ist es nicht getan. Sonntag und Sonntag können sehr verschiedene Dinge sein. Der Sonntag ist trotz der Wcnmarer Der- ässung in Gefahr.

Ich rede nicht etwa bloß von der Gefährdung des Sonntags durch Arbeit. Wir wissen alle, daß sie vorhanden ist. In gewissem Maß ist Ar­beit auch am Sonntas unvermeidbar: ohne sie könnte das Leben nicht weitergehen. Aber eben um das Maß handelt es sich. Zwar erfreu­licherweise nicht in den ländlichen Gegenden Ober- Hessens, aber vielfach sonst in Deutschland greift die Arbeit, auch gerade die Arbeit deS frei für sich Stehenden .auf den Sonntag über. Das ist schmerzlich, weil jeder einen Ruhetag braucht, und weil die Arbeit des einzelnen immer irgend­wie in der Richtung weiterwirkt, daß der Sonn­tag der Gesamtheit des Volkes geschmälert wird.

Aber die Beeinträchtigung des Sonntags durch Arbeit bildet heute beinah' die geringere Gefahr. Stärker wird er gefährdet durch das ungeheuere Maß von Unruhe, das in immer steigendem Maß in den letzten Jahren über den Sonntag kommt. Es handelt sich um die Flut von Vereinsveranstaltungen, Sportver­anstaltungen, Kongressen, Versammlungen, Festen usw., die den Sonntag jetzt füllen. Ich weiß, daß beim Lesen dieses Satzes sich viel Wider­spruch in den Herzen regen wird. Aber ich brauche doch kaum zu sagen, daß ich nicht daran denke, alle diese Dinge aus dem Leben des Vol­kes streichen zu wollen. Wir brauchen Sport, wir können die großen Kongresse nicht entbehren, und niemand will unserem Volk die Feier froher Feste nehmen. Aber die Gefahr ist, daß daS rechte Maß dieser Dinge überschritten wird. ' Der Sonntag ist weithin aus einem Sage der Ruhe zu einem Tage der Unruhe geworden, aus einem Tag der Stille zu einem Sag lauten Ge­räusches, aus einem Sag der Erholung zu einem Sag stärkster Rervenanspannung, von der man sich wieder erholen muß. Das aber ist eine wirk­liche und große Gefahr für unser Volk.

Unser Voll muß jetzt hart arbeiten. Diese Arbeit mag es hier und da dazu fuhren, ein Gegengewicht in lauten Festen zu suchen. Feste als Höhepunkte des Lebens, als Mittel fröhlicher Gemeinschaft brauchen wir. Und Sport erst recht! Aber es muß der Entwicklung Ginhall getan werden, die alle Sonntage des Jahres und den ganzen Sonntag von früh bis spät voll in Anspruch nimmt. Es muß dafür gesorgt werden, daß unser Volk am Sonntag neue Frische und Kraft sammeln kann. Sonst zehrt eS von dem Vorrat von Rervenkraft, den es dringend braucht, wenn es den schweren Kampf um seine Zukunft kämpfen will.

Freude.

Eine vorweihnachtliche Betrachtung.

Von Ernst Edgar Reimsrdes.

Ein seltsamer Zauber ruht auf dieser vorweih­nachtlichen Zeit, wo alles Vorbereitung und Erwar­tung ist. Vorbereitung auf das schönste Fest des Kirchenjahres, das Fest des höchsten, reinsten Men­schentums, und Erwartung dessen, was es uns brin­gen wird, sticht allein den Kindern, sondern auch den Erwachsenen: Freude! Wie ein Heller Stern leuchtet es in die Dunkelheit der Wintertage hinein, und inmitten von Sorgen und Kummer, Elend und Not erblüht in seinem Glanz eine herrliche Blume, die Liebe. Sie erblüht in Hütten und Palästen, und selbst in Herzen, die das Leben hart gemacht, fällt zur Weihnachtszeit ein Strahl der göttlichen Gnade, durch die die Erlösung in die Welt kam. Durch Liebe zur Freude, durch Liebe zur Erlösung aus den Banden des Materialismus, der wie eine böse Krankheit am Lebensmark unseres Volkes zehrt.Wie können wir aber zu echter Freude ge­langen, wenn keine Liebe in uns ist? Liebe zu un­seren Mitmenschen, Liebe zum Vaterlande. Sie neu zu erwecken, sie zu stärken, gehört zu den bedeu­tungsvollsten Aufgaben unserer Zeit. Die Ungunst der Verhältnisse, die Zerrissenheit unserer Nation, der schwere Druck der auf uns lastet, haben die Freude in uns verkümmern lassen. Aber die Sehn­sucht nach ihr lebt, sie regt sich namentlich zur Weih­nachtszeit mächtig in uns, die Sehnsucht nach dem, was wir an äußeren und inneren Gütern verloren haben.

Das deutsche Volk geht einen Leidensweg, hinter dem Leiden aber steht die Erlösung, die Befreiung, die kommen muß und kommen wird, wir dürfen nur den Glauben daran nicht verlieren. Noch ist der Weg in Dunkel gehüllt, ober in weiter Ferne winken er­lösende Sterne. 2ßie unsere Altvorderen zur Zeit der tiefsten Dunkelheit das Fest des neuerwachenden Lichtes, Wintersonnenwende, feierten, an dem sie sich rückhaltlos der Freude Hingaben, so sollen auch wir angesichts des holden Wunders von Bethlehem nicht am Leben verzagen, sondern neuen Mut und neue Kraft für die Aufgabe gewinnen, die uns ge­stellt ist.

Das große Fest der Liebe und Freude, das feine Strahlen schon wochenlang vorauswirft, findet sei­nen schönsten Ausdruck im Wohltnn, im Schenken und Beglücken. Und selbst wenn Kummer auf uns lastet, inmitten von Leid können wir an der Freude, die wir andern bereiten, Trost gewinnen. Wer arme Kinder zum Weihnachtsfest froh und glücklich macht, bereitet sich selbst die reinste Freude? denn auch in das Herz des Gebers fällt ein Strahl seligen Kin° deralückes. Am reinsten lebt ja die Weihnachtsfreude in Kinderherzen, weil sie sich ihr, unberührt von den Sorgen des Lebens, rückhaltlos hinzugeben ver­mögen. Für Kinder ist in dem Wort Weihnachten alles Geheimnisvolle und Herrliche des Lebens ent­halten. Solchen Kindersinn kann frommer Glaube unb tiefes Gemüt sich bis ins hohe Alter hinein als köstlichen Schatz bewahren.

Schon haben die Vorbereitungen zum Feste be­gonnen, über all regt und rührt es sich, wird im geheimen gearbeitet und geschafft, geflüstert und ge«