Nr. 266 Erst« Blatt <u
|75. Zahrgang
Donnerstag. 12. November 1925
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3n Erwartung der Rückwirkungen.
Eine neue Kanzlerrede zum Bertragswerk von Locarno.
Deo-lin. 12. Rov. (LU.) Gestern abend 8 Uhr, fand int Hotel Kaiser Hof ein Sflcn des Vereins Berliner Kaufleute und Industriellen statt. Unter den Gästen sah man neben d>m Reichskanzler den RcichScrnäh- rungSminifler Grafen von Kanih, den Reichstagspräsidenten 2 öÜe , deit preußischen Ministerpräsidenten Braun, den Reichspostnri» nister Dr. 6 t i n g I. den preußischen Handelsminister Dr. Schreiber und viele hervorragende Vertreter von Industrie, Handel und Wis- fenschast. Wahrend deS Gssens eng riff Reiche- rangier Dr. Luther das Wort zu folgenden Ausführungen: Ich erwarte, daß wie in wenigen Tagen klarer sehen werden über die sogenannten Rückwirkungen oder richtiger über denjenigen Teil der Rückwirkungen, der alsbald eintreten soll. RühercS m:(teilen über den voraussichtlichen Inhalt der Rückwirkungen kann ich heute noch nicht. WaS in der Oeffentlichkeit darüber verbreitet wird, ist teils falsch, teils unvollständig, teils schief.
Ich kann nur wiederholen, das) die Regierung bei dem Abschlüsse der Derhanblrrngrn von Locarno von allem Anfang imwet t*k>tr gesagt hat. daß eine endgältlDe •tellung* nähme zum Dertragswerk von Svearno erst angesichts de- SescnnttaKestandeS m»-Sch ist. Erst angesichts dieses Gefmnttat'besiandes wird man dann auch die innersrostiIsche Entschließung fassen können. 6te durch den Austritt der Deutschnaiionaten and der Regierung erforderlich geworden ist.
Die ReichSregierung hat sich neben den außenpolitischen Fragen nur noch mit der großen Aufgabe der Preisbeeinflussung befahl. Beides sind Aufgaben, die sich der Lösung durch parteipolitische Einstellung entziehen und nur al» Gesamtlebensfragen des deutschen Volkes behandelt werden können. Beiden Duf- gabenkreisen wird man aber in keiner Weise gerecht durch Aufstellung irgendwelcher allgemeinen Formel und auch Wunder kann man weder hinsichtlich der Preisgestaltung im Innern verlanaen. In beiden Fällen bedarf c5 stets unermüdlicher, von Punkt zu Punkt fortschreitender Regierungsarbcit und al» treibende Kraft solcher Arbeit eines sicheren, auch nach wirklichen Verhältnissen der Welt sich richtenden Willens. Ungeachtet der Behauptung, dah die Einführung der Zölle eine Verteuerung auf der ganzen Linie zur Folge haben mühte, sind umgekehrt, wie die Indexziffern beweisen
die Preise feit dem Einsetzen der Regterungs- Maßnahmen zu« Stillstand gebracht, ja sogar um einen kleinen Betrag gewichen.
Roch immer ist die S p a n n e zwischen dem, was der Erzeuger bekommt, und dem, was der Verbraucher bezahlt. in vielen Fällen untragbar groß. Roch immer besteht die Reigung bei den einzelnen an der Preisbildung Beteiligten ErwerbZständen, die Ursache deS ilebef» vorwiegend Bei dem andern zu sehen und alle Erwerbsstände gemeinschaftlich neigen dazu, die Regierung alö solche verantwortlich zu machen. Run aber zur Auhc^rpolitik. Der Vertrag von Versailles hatte sowohl in wirtschaftlicher wie in politischer Hinsicht einen Zustand geschaffen, der in immer steigendem Maste eine äln Möglichkeit darflellte. Rachdem in London vom Dawesplan ausgehend eine Regelung gefunden war, die den Ausgangspunkt für eine wirtschaftliche Reuentwicllung bildet, muhte auch in politischer Beziehung die Grundlage für den Wiederaufbau geschaffen werden. Dast Deutschland hierzu von sich aus die richtunggebende Anregung gegeben hat und dast die andern Staaten dieser Anregung gefolgt sind, ist für mich ein Zeichen der erstarkenden politischen Kraft unseres Vaterlandes.
Ohne ein gewisses Kraftgestihl kann man meines Erachten» überhaupt zum DertragS- werk von Locarno die richtige Einstellung nicht finden.
Run ist eS ganz unzweifelhaft, dast wir auch nach der Unterzeichnung des Vertrages von Locarno von dem Ziele noch weit entfernt sind, dast das deutsche Doll den ihm nach seiner Leistung und Fähigkeit gebührenden Platz in der Gemeinschaft der Völler wieder einnimmt. Bis zur Erreichung dieses Zieles haben wir noch einen langen und mühsamen Weg zu gehen, den wir nur durch zähe Arbeit und hingebungsvolle Vaterlandsliebe zurücktezen können. Gerade die Tatsache der Länge dieses WegcS macht es selbstverständlich und mutz es auch dem Ausland verständlich mähen, dah daS deutsche Volk mit besonderer Ausmerk a.nieit auf die nächsten Schritte seiner Vesreiung von schwerer Last blickt. Daraus ergibt sich das besonde.e Schwergewicht, das daS ganze deutsche Volk auf die grundsätzliche wesentliche Veränderung der mit der Rheinlandbesetzung zusammenhängenden Fragen legt. Wenn im Ausland vielfach ge'agi worden ist, es könne zwischen den fo^enann.en Rückwirkungen und dem Qkriraj von Locarno kein Kaufgeschäft gemacht werden, so ist darauf zu erwidern, daß auch daS deutsche Boll eine solche Verbindung auf daS nachdrücklichste ablehnt. Gerade die Rheinländer selbst haben mit vaterländischer Tapserkeit immer wieder betont, eS dürfe nicht, um ihnen eine Erleichterung zu verschaffen, irgendein Gesamtnachteil für Deutsch
land übernommen werden. Dieser Standpunkt ist nicht nur mutig, sondern auch einzig richtig, weil die Rhein lande ein glückhaftes Geschick ja nur in einem gesunden Deutschland haben können.
Gleichwohl kann das deutsche Doll zu einer inneren und änderen Zustimmung zum Der» tragSwerk von Locarno sichrrllch nur gebracht werben, wenn eS die DuSiolrkungen von Locarno in unmittelbarer Anschauung Im Rheinland erlebt. Andernfalls wird jener tiefe Argwohn gegen alles, w«S politischer Vertrag heißt, nicht iibertennien werden können, jene* Argwohn, ter feine Wurzeln in den Erfahrungen mit dem Vertrag von Versailles und in der Ausführung dieses Vertrags durch einige der Siegerstaaten beS
Weltkrieges gezogen hat.
Der Vertrag von Qxamo stellt keinerlei Option zwischen dem Westen und Osten dar, wohl aber, und daS ist der zweite Leitgedanke, enthält der Vertrag ixm Qocamo eine Option des deutschen Volkes für den Frieden. Dabei verstehe ich unter Frieden nicht nur den Verzicht auf den Krieg, nicht nur eine Angelegenheit mit negotitten Bsrzeichon, sondern ich verstthe txnnmter auch den f osten Ent- si futz, die deutsche Kultur und die deutsche VvlkSkrast auf dem Wege doS Fried-ens mit allen, Rachdruck zur Geltung zu bringen. Weiter bedeutet solche Option den Entschluh, mit aller Kraft für die allgemeine Abrüstung einzutreten, die, und zwar im Einklang mit dem Vertrag von Versailles, alS unerläßliche Ergänzung der deutschen Abrüstung anzuseyen ist. Der dritte Leitgedanke ist der, dast der Vertrag von Locarno eine Option zugunsten positiven Handelns in den groben internationalen Fragen enthalt. Auf welches Ziel die Verhältnisse in Europa sich Überhaupt hiirbewogen, kam: niemand mit Bestimmtheit sagen. Dast die ungemein große technische und wirtschaftliche Cnttoicflung der Gegenwart, so viele Sebcnsbetätigung der Menschheit neue Verbindung und neue Gestaltung sucht, ist sicher.
DaS deutsche Volk fühlt sich trotz der harten Schicksalsscyläge, die eS getroffen haben, innerlich gesund und stark genug, daS volle Schwergewicht seiner Geistes- und Arbeitskraft für die zukünftige Gestaltung der Welt einzusetzen und sich selbst darin den ihm gebührenden Pl«h zu sichern. Die grundsätzliche Richtigkeit dieser beiden letzten Leitgedanken des Friedens und des Wollen« aktiver Politik ist kaum bestreitbar. Worauf e5 ankommt, ist die Frage, ob diese Leitgedanken in dem Vertragswert von Locarno Körper gewinnen. Indem unsere West grenzen dadurch befriedet werden, dast Frankreich, Belgisn und Deutschland gegeneinander nicht zum Angriffskrieg oder zu andern aggressiven Gewaltakten greifen dürfen, schützen wir unsere offene Weftflanke vor militärischen ÄleBergriffen, wie sie daS Rheinland in den letzten Jahren erduldet hat. Auch England und Italien müssen demjenigen Lande, das entgegen dem Verbot mit solchen Gewaltakten angegriffen wird, mit ihren Machtmitteln zu Hille kommen. An den Worten dieser Vereinbarung mit der Begründung Kritik zu üben, dast die englischen und italienischen Garantiepflichten im Ernstfall nicht verwirklicht werden würden, halte ich für verfehlt. Auch der mächtigste Staat wird sich künftig nicht leichtsinnig über feierliche Vertrag-Pflichten einfach hinwrgsetzen.
Auch b'.e bloße ta'fa^e, dah solche Vertrags- pflichtrn überhaupt übernommen wurden, ist DnSdruck dafür, dah eS im Westen mit 6er Allianz, Sie die «ewaltfav.e Atebrrhattung
GeulfchlanöS bezweckt, vorbei ist.
Der Politik der Diktate und der Ultimaten, die sich auf einseitige, von Deutschland praktisch nicht zu verhindernde Auslegung daS Versailler Vertrags stützte, wird der Boden entzogen, denn alle MeiinrngSversc^edenheiten über die Auslegung dieses Vertrags unb ebenso Über die Auslegung des Rheinlandabkommens werden künftig dem Schiedsgericht unter ft eilt. Für unS im Osten war eine gleichartig-, auf die Grenzen abgestellte Regelung nicht möglich. Wird somit durch Sicherheit-Pakt und Schtedsver- träge die Gesamtlage Deutschlands gesichert unb gebessert, so wird damit zugleich eine feste Grundlage für Deutschlands Betä tigung im Völkerbund geschaffen. In dem Wunsche der andern Mächte, dast wir in den Völkerbund eintreten möchten, mögen wir ein Zeichen für dir Erkenntnis der fremden Reg erungen begrüßen, dah eine Gesundung Europas ohne ein gleichberechtigtes Deutschland undenkbar ist.
Das Vertragswert von Locarno bedeutet somit, dah durch srin-n Abschluß Deutschland u m seines eigenen RuhenS willen, aber zum Segen der Menschheit mit freiem Willen und bewuht sich positiv wieder einseht in die GLmeinschastsacbeit der Vll^.r. ES ist ii» Frage erhoben worden, ob die Zeit für einen solchen Beschluß Deutschlands reif ist. Daß die Zeit reif ist, dafür spricht ja der Umstand, baß ?ie Außenminister Frankreichs, Englands und Belgiens in Locarno und seither in ihren AuS» fübrungen sich für diese Gemeinschaftsarbeit aussprachen und daher die Zustimmung ihrer Länder und der weitesten Teile der übrigen
Wclt gesunden haben. Wie ich nach wie vor auf das bestimmteste erhoffe, wird das deutsche Voll einen weiteren Beweis durch die Maßnahmen erhalten, die alsbald auf dem Gebiet der Rückwirkungen erfolgen sollen. Rehmr ich somit an, daß die gesetzgebenden Körperschaften in kürzester Frist vor der endgültigen Entscheidung stehen werden, fo m iß ich mit dem deutschen Volk wünschen, daß He Zustimmung zum Vertrag von Locarno sich auf möglichst breiter Grundlage vollzieht.
Die Deutschnatwnalen und Locarno.
(Kitte Kundgebung gegen den Partei- bcscktinst.
Berlin. 11. Noo. (Wolff.) Das D. T. B. wird um Veröffentlichung nachstehender Kundgeduna gebeten: „Die Stellung der Deutschnationalen Lotts» partei zu den Verhandlungen der Reichsregierung wegen des Vertrages von Locarno veranlaßt die Unterzeichneten zu folgender Erklärung: „Wir sehen in dem Bestreben der deutschen Reichrregierung den Versuch, das Zusammenwirken Deutschlands mit den anderen europäischen Mächten auf der Grundlage der Gleichberechtigung fichorzustellen. Wir erachten es mit der Reichsregierung als selbstverständlich, daß ein wirklicher und bauernber Friedenszustand sich auswirken muß in friedlichen Verhältnissen im Rheinland unb einer Aenderung bes dortigen Regimes. — Die Reichsregierung hat eine Entscheidung der Parteien bis zur Stunde nicht gefordert. Sie hat selbstoerftand- lith barauf hingewiesen, bah sie biese Entscheidung erst treffen könne, wenn sie in der Lage fei. die Rückwirkungen auf bas Rheinland zu über- blicken. Gegenüber dieser Klarstellung ist es uns u n- ver stündlich, dah die Deutschnativnale Volks- partei. ehe der ggfamte Tatbestand überhaupt zur Bc -rteilung reif ist. gegen Locarno Stelluna genommen hat und aus dem Kabinett a u s ge s ch i e - den ist. Durch diese Schwächung der Regierung ist ihre außenpolitische Situation gefährdet, die innerpolitifche Situation aber in eine Richtung getrieben, die von feinem konservativ den- fenben Mann gebilligt werben kann. Wir halten uns baßer für verpflichtet, vor ber beutschen Oeffentlichkeit zu erklären, daß es die Pflicht aller ftaatserhaltenben Kräfte in Deutschland ist, bie Regierung bei ihrem schweren Werf zu unterstützen, und wir fordern olle unabhängigen Persönlichfeiten auf, u n - beschabet ihrer Zugehörigkeit zur Deutschnationalen Dolfspartei dies zu tun und nicht an die Stelle der Führung bes Reiches burch Persönlichkeiten Mehrheitsbeschlüsse von Parteiin stanzen zu stellen.
Berlin, den 10. November 1925.
Es folgen Unterschriften — darunter: Wilhelm v. Alvenvleben- Berlin, Graf Klaus Bismarck -Barzin, Fürst zuFürftenberg - Donaueschingen. Graf Gehler- Schoffschetz, Karl ch a - niel - Düsseldorf, Graf Wilhelm Gehler, Ehrt- ftian Straft Fürst zu Hohenlohe, S. v. Radowitz, Hugo Freiherr v. Reischach, Wirkl. Geheimrat, Berlin, Kamm.-Rat Paul R e u s ch , Raban v. Tiele-Winckler Lebbin, Wirkl. Geh. Rat v. D a 1 e n t i n i - Hameln, Graf Lubbert v. D e st- feien» Berlin.
Die deutsche Note zur Entwaffnungssrage.
Paris, 12. Rov. (WTB. Funkspruch.) Der deutsche Botschafter von H ö s ch überreichte gestern vormittag dem Außenminister B r i a n d die deut- sche Antwort auf die letzte Rote ber Botschafterkonferenz. — Der „Petit Parisien" will wissen, baß. bie in ber Note enthaltenen Vorschläge über die Befugnisse des Generals von Sseckt unb die Defensivbestände der Schutzpolizei noch einige Einwände Hervorrufen würden, auf alle Fälle sei aber anerkannt worden, baß die deutsche Note das ernste Bestreben zeige, die letzten Hindernisse in der Entwaffnungssrage zu beseitigen. Nach dem „Avenir" versichert man, daß die deutsche Antwort es nunmehr gestatte, schon am 1. Dezember bie ersten Räu - mungsmaßnaßmenln berKölnerZone oorznnehmen.
Die „Tägliche Rundschau" bemerkt bazu: Die Entscheidung in ber Entwaffnungsfrage unterliege jetzt nicht mehr ber militärischen Kontrollkommission, fonbem werbe von der Botschafterkonferenz nach politischen Gesichtspunkten, und zwar, wie man mit Sicherheit erwarten könne, in ber nächsten Sitzung der Konferenz getroffen wer- den. 3m Zusammenhang mit dieser Entscheidung werde der Termin für den Anfang ber Räumung ber Kölner Zone festgesetzt werben. Der Beschluß der Dotschasterkonferenz werde ber deutschen Regierung durch eine Note übermittelt werden, unabhängig davon, aber gleichzeitig damit, und zwar spätestens am Montag, vielleicht aber schon einen Tag früher, «erde dann auch die'Bekanntgabe derRückwirkungen auf bem Wege einer diplomatischen Note an dieReichs- regierung erfolgen. Es sei anzunehmen, daß bas Reichskabinett bann unmittelbar bazu Stellung nehmen wirb.
Locarno und der Ka,ipf um den Rhrin.
Vortrag von Dr. Küntzel, o. Professor an ber Universität Frankfurt a. M.
Die Reihe ber politischen Bilbungcvofträoe ber Reichszentrale für Heimatbicnst beschloß am Mittwochabend Prosessor Dr. Stünzel, der Historiker unserer Rachbaruniversltät Franlsurt, mit grundlegenden Darlegungen zur Kardinalfrage unserer Gegcnwarts- unb Zukunftpolitlf, zu drm Bertragswerk von Locarno. Es war im höchsten Grade dankenswert, daß hier einmal Locarno von sachkundiger Hand in den geschichtlichen Zusammenhang eingereiht wurde, daß mit einer souveränen Beherrschung eines ungeheuren historischen Materials die ganz grahcn Linien aufgLzeigr wurden, die zu Locarno suhren, und aus dieser geschichtlich unendlich tiefen Verankerung des Locarnvp ablsws das ungeheure Maß der Verantwortung dargrlegt wurde, das unsere Steatsmänner hoben, wenn sie keineswegs zwangsläufig, sondern freien Willens m dieser Frage ihre Entschlüße treffen.
Versailles und Locarno sind Glieder in dem jahrhundertealten Kamps um den Rhein, itwi den Strom, in dessen Eintritt in die Geschichte mit dem Zusammenprall Eäsars und Ariovists, RSrner und Germanen, sich schon eine ungeheure Dramatik kundtnt. Des Römers Sieg, die Eroberung Galliens gibt Cäsar zuerst Gelegenheit, die uralte, hartnäckig verfochtene franzäflsche These von der na- turllchen Rtzechgrenze Frankreichs genau fe zu widerlegen, wie die Franzosen unserer Tag«. Same (s wie heute erhebt der westliche Nachbar aus strategischen Gründen Ansvruch auf SLitzpinckte rechts des Rheins, auf GinfaUpforten in das Herz Germaniens. Doch die Römer werden über den Rhein zurückgeworfen und nach jahrhundertelangem Ringen wird der Rhein dar Mark des IHslches Karls des Großen, der b;e germanischen Gtämme zu einem Staatsgebtide, zu einer Kultur zusam- menfüßrt.
926, das bedeutungsvolle Jahr, beffen Gedenken die Iahrtausendfeiern der Rheinlande geweiht waren, das 3«hr, in dem sich die Großen des lothrin- fischen Zwischenreiches aus der Erbmasse Karls sich ür das kraftvolle, mächtige - Ofteaich.anchchaiden und damit den Rhein politisch wie kultuerell zum rein deutschen Strom machen, von der Quelle bis zur Mündung. Unb so bleibt ber Rhein das ganze deutsche Mittelalter hindurch der Mittelpunkt deutscher Kultur, der Hochsitz spezifisch koiserllchrr Reichspolitik, der Stützpunkt ber Zsntralgewalt des Imperiums im Kampf gegen bie fäderalisti» scheu Bestrebungen ber Stammerherzöa«. Otte» I. Sieg bei Andernach über bie unbotmäßigen Herzöge von Franken unb Lothringen, die Teilung des gewaltigen lothringischen Besitzes legt die Grundlage zur „Pfaffenstraße" am Rhein, zu einer Kleinstaaterei, die für eine mächtige Reichvpolitik deren beste Stütze war, die aber in dem Augen« blick zum Gesabrenpunkt erster Ordnung wurde, in dem die Kaifermacht zerbrach und zur gleichen Zeit — und das ist die Tragik in der mittelalter* ließen Geschichte des Rheins — jenseits der Vogesen seit Philipp IL Augustus die französischen Herrscher daran gingen, in scharfer Zentralisation aus Frankreich einen festgefügten 6inßeiUftaat zu schaffen. Noch wurde diese Gefahr anderlhalp Jahrhunderte hindurch nicht akut. Am Rhein emanzipierten sich die aeistlichen Fürsten,das Kur» fürftenkolleaiuni, von dem vier Mitgliedern am Rhein herrschten, repräsentierte gegenüber einem schwachen, aurgehöhlten Königtum die staatliche Macht. Diese Feudaiifierung des Reiches bedeutete natürlich eine tiefe innere Schwä6)ur.g, die nur deshalb nach außen hin noch ohne Folgen blieb, weil Frankreich durch den hundertjährigen Kampf mit England und den sich anschließenden Kampf mit Burgund, dem übermächtig gewordenen Großen der Krone, festgelegt war. Waren diese Kämpfe erst eimal überwunden zu Gunsten des gastählten, im Einheitsstaat kraftvoll zusammengesetzten Frankreichs, da war auch die Bahn frei für den Stoß zur Befreiung aus der soantsch-vsterreichischen Um- Dämmerung, die eine zäh und verschmitzt geführte Heiratspolitik der Habsburger Frankreich aufge- zwungen hatte.
Es beginnt der Kampf zwischen den Hausern Baloi,-Bourbon und Habsburg, der in der Zeit der Religionskriege die deutschen Protestanten in der Abwehr gegen das katholische Habsburg auf die Scile Frankreicks führt, und der mit dem freiwilligen, wenn auch nicht endgültigen verzichl auf die deutschen Bistümer Metz, Toul und Verdun den ersten französischen Einbruch in die deutschen Rheinlande zeittgte, ein Verlust, der sich im 17. Jahrhundert mit der Einbuße des Elsaß fortsetzie. Mit Straßburg gewannen die Franzosen die Stnöruchs- pferte in das rechtsrheinische Deutschland. Stratz- burgs Raub »ar der Beginn einer zielbewutzten. durch Jahrhunderte mit Dem gleichen nationalen Elan, aber auch mit der gleichen adookatorischen Spitzfindigkeit, die ftanzösischen Staatsmänner wie Richelieu, Mazarin und Louis XIV. bis auf Ele° menceau und PoincarS in der Auslegung von Verträgen in erstaunlichem Maße aurzeichneteru mit der gleichen Entschlossenheit und Selbstficherheit sortaesührten Machtpolitzk, die auf den Besitz des Rheins als die notwendige Dosis für bie Vormacht- , stellung in Europa abzieltc.
Deutfchlsnbs innerpolitische Lage bot bem fron- zöstschen Machtstreben Handhabe genug, seinem Ziel schrittweise näher zu kommen. Reben Xe Poll» tische Zerrissenheit unb die konfessionelle Zersplitterung trat im 14. Jahrhunbert noch als schwächendes Moment der unselige Dualismus, der Kamvs um die Vorherrschaft in Deutschland zwischen Oester- I reich und Deutschland. Schon in den 30er Jahren brachte der Dualismus im polnischen Erbfolgekrieg den Verlust Lochringens an Frankreich. In den


