Ausgabe 
12.10.1925
 
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Der gefesselte Strom.

Roman von Hermann S t e g e m a n n.

33 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Bitte!"

Mit kurzen sachlichen Worten berichtete Ruth über Ingolds Krankheit und die Schritte, die er feit seiner Besprechung mit Ellenrieder getan hatte, und legte die Broschüre in die Hände des Kommerzienrates, indem sie die Tabellen und graphischen Darstellungen uird Planskizzen auseinanderzog, die der Schrift beigegeben waren.

Herr Ingold wird in drei Wochen wieder vollständig hergestellt sein und persönlich ver­handeln können. Die badische Staatsregierung scheint nach den letzten Mitteilungen bereit zu fein, die Genehmigung zum Dau zu erteilen, wenn ihr die nötigen Bürgschaften gegeben und gewisse Dorrechte eingeräumt werden. Ich bitte Sie, von dieser Kopie der letzten Mitteilung des Ministeriums des Innern und des Wasser­bauamtes Einsicht zu nehmen."

Ellenrieder wog die Broschüre, die ein an­sehnliches Werk in Quartformat barstellte, in der Hand und richtete dabei seine klugen Äugen unverwandt auf Ruth, indem er mecha­nisch den bunten Querschnitt der Gesamtanlage zusmamenlegte. Ruth erhob sich.

Da stand der Kommerzienrat auf und streckte ihr die Hand hin.

Fräulein Engelhardt, Sie haben gesprochen wie einer vom Bau. Aber so leidenschaftslos sachlich spricht keine Frau, wenn sie nicht für einen Mann spricht. Wir werden uns mit dem Projekt befassen."

Sie errötete vor Glück und ließ ihm un­willkürlich die Hand.

Da sah sie plötzlich seinen Racken wieder, denn er hatte sich gebückt und den Mund auf das schmale Handgelenk gepreßt, das weiß aus dem Aermel leuchtete. Rasch entzog sie ihm die Finger, warf den blonden Kopf hochmütig rurück, daß die blaue Feder wippte, und verließ das Kontor.

Lind als es auf den Abend ging, machte sie sich im Reisekleid auf den Weg zu Hanns Ingold, um Abschied zu nehmen. Schneegewölk

kam voni Taunus her. Frühe Duickelheit rref nach Licht. Die Zeil hinunter flammten die Bogenlampen, Schaufenster sprühten, grelle Licht- farben schossen aus den Automobilen, und die Schneeflocken taumelten wie lichtberauschte Schmetterlinge in das blendende Meer, in dein die Menschen dichtgedrängt mit blassen Gesich­tern ihr Ziel suchten.

Ruth ging heiter und ruhig im Getriebe.

Er halte sie mit Angedulb erwartet. Auf den ersten Blick erkannte sie, daß seine Gedan­ken wieder zu seinem Werk zurückgekehrt waren.

Da legte sie ihm stillschweigend die Bro­schüre auf die Bettdecke und trat ans Fenster.

Draußen stand graues Dunkel, erleuchtete Fenster liefen die Front des Hofes entlang, und Ruth begann sie mechanisch zu zählen. Eine tiefe Traurlg'.eit war plötzlich wie ein erdrücken­des Gewicht auf sie gefallen, leer schlug ihr Herz.

Sie hörte seine heftigen Atemzüge, hörte ihn die Blätter wenden, die Beilagen öffnen, und kurze abgebrochene Worte, die seinem Werk galten.

Vier Wochen waren vergangen, feil sie Rheinau verlassen hatte. Ihr war's auf einmal, als wären es vier Iahre.

Run riß er das Schreiben der badischen Re­gierung aus dem Amschlag.

Langsam wandte sie sich um und erstattete Bericht über ihre Anterrebung mit Ellenrieder.

Er sah aufgestüht und hörte zu. Auf seiner Stirn stand die eigensinnige Falte, in feinen Augen war der gesammelte Blick, der für alles Aeuhere blind war. Das Gesicht war erstarrt in gespannter Energie.

Er stellte hundert Fragen, überlegte, rech­nete, begann von Bauzeiten und Konzessionen zu sprechen und sah in Ruth nur noch die Ge­hilfin, die Zuhörerin, vergaß sogar, ihr zu dan­ken, bis sie Abschied) nahm.

Sie hatte sich fest zusammengenommen, wie von einem urplötzlich einfallenden Frost getrof­fen, lag eine harte Decke über das flutende Meer ihrer Empsindungen gebreitet. Mit einem ernstem Lächeln stand sie vor seinem Bett.

Hell glühte der Draht in der Lichtbirne, weiß und schattenlos schimmerte das Zimmer mit den Weißen Wänden und Möbeln.

Leb' wohl, Hanns. In vierzehn Tagen kannst auch du abreisen. Du wirst jetzt mit den Verhandlungen zur Gründung einer Gesellschaft beginnen können. Lind wenn du erst Hand an dein Werk legen kannst, dann wächst dir auch wieder Kraft und Gesundheit?'

Du willst gehen, abreisen? Wirklich ab- reisen?" fragte er erstaunt und wieder nach­denklich.

Sie mußte lächeln.

Ich habe einen Vater zu Hause, der Liebe nötig hat."

3a, und schließlich kannst du auch nicht hier in diesen unfertigen Verhältnissen leben", versetzte er.

Sie errötete.

Also leb' wohl Hanns, und vergiß nicht, daß ich da bin, wenn du mich brauchst."

Run brauch' ich nur noch ein Stück Ge­sundheit, Ruth! And das hol' ich mir aus meiner Arbeit! Ruth, mir ist wie einem, der an Hän­den und Füßen gefesselt war und nun frei wird, wie einem Gaul, der vor der Zeit gestartet hat und den Zügel abbeißt, bis endlich die "Flagge fällt. Oh, ich habe keine Angst, Mädel, ich mach' das Rennen, ich bau' das Werk, das größte am Rhein von Konstanz bis zum Meer! Fahr' Heim, Ruth Engelmild, und wenn die Schmelzwasser stromab gefahren sind, stecken wir die Pro'ile aus, und ich weck' dich mit Spreng- schüssen in der Frühe, und wenn der Rhein mit vierzigtaufend weißen Pferden durch die Tur­binen braust, statt nutzlos im Lauffen Trichter drehen und Felsen zu spülen, dann lach' i ch, Ruth, bann stehe ich oben und lache, daß die Gassen von Rheinau widerhallen. Dann steh' ich auf meinem Werk!"

Weit borgebeugt, die geöffnete rechte Hand erhoben, die Linke ins Bett gestemmt, rief er es mit einer noch schwachen, aber nur um so eksta­tischer klingenden Stimme in die weiße Oede des Zimmers, die Augen ins Leere gerichtet, einen fanatischen, weltentrückten Zug im hageren Gesicht.

And Ruth Engelhardt stand und wartet«, wartete mit dürstendem Herzen auf ein ein­ziges Wort, das ihr galt, auf ein einzige- Wort der Liebe. Wenn er gesagt hätte:Dann bist du mein, dann wollen wir Hochzeit halten, uns für das ganze Leben zusammenbinben mit allen Hoffnungen und Enttäuschungen, mit un­seren Schwächen und Eigenheiten und einander heben und tragen sie wäre von Glückstränen überströmt neben ihm niedergefallen und hätte seine mageren Finger geküßt und sein barttofeS, von Gedanken gebleichtes und von Fieber ver­zehrtes Gesicht mit ihren weichsten, zärtlichsten Liebkosungen überschüttet.

Ach, sie fühlte, daß eine Fülle, ein Meer von Liebe, von Seligkeiten in ihr gestaut lag und nur darauf wartete, daß die Schleusen sprangen und die Dämme barsten, und frei und sessellos sich zu ergießen.

Doch Hanns Ingold dachte an fein Werk und vergaß das Wort, nach dem das Weid heimlich schrie, ohne den Mund zu offnen, mit einem stillen, gefrorenen Lächeln um die schmerz­lich gespannten Lippen.

Dann nahm Ruth den letzten Abschied.

Als sie sich küßten, traten ihr zwei Tränen in die Augen, die brannten wie Feuer. Spröd und fiebrig berührten sich ihre Lippen und saugten keine Süße aus diesem ' Kuh.

An der Tür zögerte Ruth. -8uuidtoauenb sah sie Hanns starr auf bic Broschüre blicken. Ein seltsam gespannter Zug schärfte sein Gesicht.

Eine Welle hingebenber Liebe hob sich in ihrer Brust, ein Stück Selbstbehauptung wuchs hinein, und ruhig, mit einem ernsten, klaren Ausbruck in bem schmalen Antlitz, sagte sie:

Hanns, vergiß nicht, baß bu frei bist, ganz frei!

Sie wartete keine Antwort, nicht einmal eine Bewegung ab unb schloß rasch hinter sich bic Tür.

Zum letztenmal durchmaß sie den Korridor, der in Licht gebadet war. Eine halbe Stunde darauf sah sie im Schnellzug und fuhr in die Dunkelheit hinein, aus der die Flammengarben des Metallscheibewerkes an ber Mainbrücke golb» färben aufloberten.

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