Ausgabe 
11.11.1925
 
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feiten, darunter die Außenminister der beteiligten Staaten, erwartet. Das berühmte goldene Tafel­geschirr der königlichen Familie soll bei Tisch ge­reicht werden. Keine Ausgaben sollen gescheut wer­den, um diesem Tage festlichen Glanz zu verleihen. Mussolini Kommt nach London.

Paris, 11. Noo. (TU.) Mussolini hat dem fron- fischen Außenminister, der ihn zur Teilnahme an der Konferenz von Locarno und der Unterzeichnung des Paktes beglückwünschte, gedankt. Die italienische Re­gierung schätze sich glücklich, an dem Pakt mitzu­arbeiten, und sei überzeugt, daß dieser wesentlich dazu beitragen werde, den europäischen Frieden zu begründen. Zum Schluß erklärt Mussolini, er werde sich zur Ratifizierung d e s P a k t e s nach London begeben und das Vergnügen haben, dort erneut mit Briand zusammenzutreffen.

Die Leiden Südtirols.

Eine Erklärung des tiroler Landcs- hanptmanns.

Innsbruck, 10. Rov. (WTD.) Der Tiroler Landtag ist heute zu seiner normalen ersten Sitzung zuiam.nengetreten. Landeshaupt­mann D r. Stumpf hielt ein längeres Ex­posee, worin er zur Frage Südtirols erklärt: Durch die Bestimmungen von St. Germain ist Tirol zerrissen worden. Angesichts der be­stehenden Tatsachen blieb uns nichts anderes übrig, als alles, wenn auch bedrückten Herzens, hinzunehmen. Wir hofften dabei, daß Versiche­rungen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen, schließlich respektiert werden würden, und daß demgemäß den von uns ge­trennten Brüdern eine erträgliche Zukunft be- schieden fein würde. Leider haben sich diese Hoffnungen nicht erfüllt. Wenn wir sehen, wie die Dinge sich in Wirklichkeit gestaltet haben, so ist es begreiflich, daß unser Mitgefühl von Tag zu Tag immermehr herausgefordert w rd und deshalb ist es nicht nur unser Recht, sondern auch unsere Pflicht, in Achtung vor den Bestim­mungen der bestehenden Verträge nichts un­versucht zu lassen, was eine Besserung dieser Harten Verhältnisse herbeiführen könnte. Wir können nicht glauben, daß nicht auch den Deut­schen. soweit sie zu den nationalen Minderheiten gehören, das sonst selbstverständliche Recht, das Recht auf nationale und kulturelle Eigenart schließlich zuteil werden wird. Das ganze Tiroler Volk, ja das ganze deutsche Volk und schon bedeutsame Kreise hieraus sind in dieser Hinsicht eines Sinnes. Weil wir -glauben, daß das Recht, auf das unser Volt Anspruch hat, nicht zunichte gemacht werden kann, und daß es sich früher oder spater Bahn brechen wird, lassen w.r nicht den Mut sinken und rechnen mit Zuversicht darauf, daß schließlich eine Wendung zum Besseren ein tret en wird. Möge dieser Tag bald, recht bald Lmmen.

DieInnsbrucker Rachrichten" melden, daß im Zusammenhang mit dem Attentatsplan g e g e n M uss o l i n i in allen Südtiroler Städten zahlreiche Verhaftungen erfolgt seien. Lieber 100 Personen, darunter Geschäftsleute, Kaufleute, Lehrer und Geistliche seien meist nur auf Grund von Denunziation en festgenommen und entweder "zur Präfektur oder zur Polizei gebracht worden. Ein Teil der Ver­hafteten mußte bald wieder frcigelaffen werden, da sich die völlige Grundlosigkeit der Verdächtigung ergab.

. Die französische Knanzkrisis.

_. Dns Kartell der Link n zum Sanierml^sprogramnr Painievvs

' Paris, 10. Nov. (WTB.) Die Vorstände der Kammerfraktionen des Kartells der Linken find im Laufe des Nachmittags zusammengetreten, um die durch die Abstimmung im Finanzausschuß geschaffene Lage zu prüfen. Nachdem die Vertreter der einzelnen bürgerlichen Fraktionen ihren Stand­punkt zur Regierungsvorlage dargelegt, haben die Sozialiften Blum u. Renaudel die Stellung der Sozialisten betanntgegeben und erklärt, die heutigen Verhandlungen ergäben, daß ein Einoer ft and- n i 5 zwischen den verschiedenen Elementen der Mehrheit unmöglich erzielt werden könne, ebenso wenig innerhalb des Finanzausschusses der Kammer, wie der Abordnungen der Linksparteien. Unter die­sen Umständen empfehle es sich, daß der Finanzaus­schuß sobald als möglich die Durchberatung des Regier ungsentwurfes beginne und einen kurzen Bericht ausarbeite, um dem Plenum der Kammer die Sorge zu überlassen, nach einer umfangreichen Debatte sich zu den vorgeschlagenen verschiedenen Systemen auszusprechen. Infolge dieser Erklärung der Sozialisten wurde die Sitzung der Vorstände der Fraktionen geschlossen, damit die Ver­handlungen zur Ausarbeitung eines Kompromisses fortgesetzt werden könnnen. Um 10 Uhr abends be­gaben sich gemäß diesem Beschlüsse die Abgeordneten M a l v y und G a z a l s zum Ministerpräsi- d e n t e ii. Nach Beendigung der Unterredung er­klärte Painlevs, die Regierung habe den Wunsch, noch vor Ende dieser Woche, jedenfalls am Freitag eine Diskussion über d ie Finanzgesetze auf­zunehmen. Die beiden Abgeordneten begaben sich darauf wieder in die Versammlung der Vorstände der vier Parteien des Kartells, deren Beratungen bis Nachmitternacht dauerten. Am Schluß der Be­ratungen wurde folgendes Kommunique ausgege- ben:Die Delegierten des Kartells der Linken haben einen Schiedsspruch gefällt, der die Wiederher- st e l l u n g der Disziplin der Abgeordneten der Linksgruppe im Finanzausschuß zum Ziele hat."

Schwere Unruhen in China.

R e u y o r f, 10. Rov. (Sil.) Rach einer Mel­dung aus Peking haben die Truppen Tschany- s o l i n s den R ü ck z u g aus der Provinz Kiang,u angetreten. Die Tschekiang-Truppen haben Hab- tschou und Hsudschoufu nach kleinen Scharmützeln mit Rachzüglern beseht. Zu größeren Gefechten ist es bisher nicht gekommen. W u - P ei - F u erhält täglich neuen Zuzug aus den Zentralpro­vinzen. Er hat einen Aufruf an das Volk er­raffen, in dem er erklärt, daß er nur gegtm Tschangsolin. den Verräter an der heiligen Sache des chinesischen Volkes kämpfe. Im Shanghai- Gebiet ist es bei Truppenaushebungen zu Zu­sammen st öhen zwischen Dauern und Be­hörden gekommen, da sich die Bauern toeig?rten, dem Aushebungsbefehl Folge zu leisten. In Swa- tau hat die englandfeindliche B e w e - png wieder starke Formen angenommen. Es ist mehrfach zu Ausschreitungen gegen Aus­länder, besonders gegen britische Staatsange­hörige, gekommen, Die südchinefischen Truppen

ziehen sich aus der Stadt plündernd und raubend zurück.

Es sind viele Fälle offener Meuterei vor­gekommen. Tschangsolin soll von einem seiner Leibgardisten, der ihn ermorden wollte, schwer verletzt worden sein. Ein Divisions­kommandeur soll von seinen eigenen Leuten er­schossen worden sein. Die Pekinger Zen­tra l r e g i e r u u g e ii mach t die äußersten An­strengungen, um die Fortsetzung der Pe­kinger Zollronferenz zu er m ö g l i chen. Es wurde daher eine Verteidigungslinie im Je» Hol-Eebiet, nördlich von Peking beseht. Die Panik der Chinesen ist jedoch im Zunehmen be­griffen, da sich die Gerüchte über einen Ein - marsch der Russen in die Mongolei ver­mehren. Auch die Japaner schieben ihre Truppen gegen die ostchinesische Bahn bei Tsith- sihar vor.

Eine deutsche Auslandschule.

Die deutschen Schulvereine im Auslande führen m der Regel einen sehr schweren Kampf um Erhal­tung und Ausbau der deutschen Volksschulen. Die allerschwersten Jahre scheinen allerdings iiberwun- den zu sein, da einmal durch die stärker gewordene Auswanderung aus der Heimat verstärkter Nach­wuchs gekommen ist, und zum andern die Reichs­regierung jetzt wieder, wenn auch zunächst in be­scheidenen Umfang, einige Mittel zur Unter- st ü tz u n g deutscher Auslanbschulen be- reitzustellen in der Lage ist.

In Argeniiniens Hauptstadt Buenos Aires befinden sich die dort vorhandenen zahlreichen deut­schen Volksschulen im Aufblühen, die einen in schnel­lerem, die anderen in langsamerem Tempo. Unter den elfteren nimmt die Monroeschule in dem von vielen Deutschen bewohnten Stadtteile Bel- g r a n o einen hervorragenden Platz ein. Sie wurde am 15. April 1910 mit nur 25 auf vier Klassen ver­teilten Schülern eröffnet. Dank den hochherzigen Spenden einzelner Wohltäter und dem.trotz aller Not der Heimat unerschütterten Vertrauen des Schulvorstandes in eine gute Zukunft konnte 1919 ein Neuba u der Schule in Angriff genommen werden. Er wurde ein Jahr später mit 225 Schü­lern und sechs Klassen eröffnet. Heute zählt die Schule schon sieben Klassen mit 400 Schülern. Die stolze Entwicklung der Anstalt regt auch den Vor­ständen anderer weniger vorn Geschick begünstig­ter Schulvereine den Mut, mit Vertrauen weiter einzustehen für deutsche Sprache, Sitte und Art zum Besten deutschen Volkstums im Auslande.

Kleine politische Nachrichten.

Reichspräsident von Hindenburg empfing den Reichstagspräsidenten L ö b e. Ge­genstand der ilnlerlja.iung toaren die Eindrücke, die der Reichslagspräiident auf der interparla- menlarifdjen Tagung in Washington empfan­gen hatte.

Der Reichspräsident hat den bisheri­gen kgl. schwedischen Gesandten Freiherrn Ramel zur Entgegennahme seines A b b e r u » fungsschreibens empfangen. An dem Emp­fang nahm außer der engeren Umgebung des Reichspräsidenten auch der Reichsautzenminister Dr. ©trefemann teil.

Am 6. d. M. ist in Blankenberg der General­oberst Günther Graf von Kirchbach ge­storben. Der Verstorbene hat den Krieg 1870/71 beim Gardefüsilierregiment mitgemacht, war später Kommandeur des 2. Garderegiments zu Fuß und stand an der Spitze des 5. Armeekorps in Posen, das schon sein Vater im Kriege 1870/71 komman­diert hatte. Bei Ausbruch des Krieges war er Präsident des R e i ch s m i l i t ä r g e r i ch t s und trat bei der Mobilmachung an die Spitze des 10. Reservekorps. Als Kommandierender General dieses Korps wurde er in der Schlacht bei St. Quentin verwundet und übernahm nach seiner Genesung zunächst ein Armeekorps im Osten, dann die 8. Armee und war bei Schluß des Krieges Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Kiew.

In dem Prozeß vor dem Schwurgericht gegen den ehemaligen Separatistenführer Frei­tag, der angeklagt war, am 15. Rovernber 1923 in Himberg bei Honnef den 17jährigen Peter Staffel durch einen Schutz mit einer Jagdflinte getötet zu haben, wurde der An­geklagte wegen Totschlags zu 8 Jahren Zucht­haus und 10 Jahren Ehrverlust verurteilt.

Rach Meldungen aus Königsberg verhaftete die Polizei in der Gegend von Allen st ein 18 junge Leute, die im Verdacht stehen, rechts­radikalen Organisationen anzugehören und an Fememorden beteiligt zu fein. Die Ver­haftungen erfolgten bei einer von dem Königs­berger Polizeipräsidenten Brandt geleiteten Razzia, bei der in der Rächt mehrere Guts- Häuser umstellt und die Verdächtigen aus den Betten geholt wurden. Autzerdem wurden Waffen und Munition beschlagnahmt.

Aach einer Meldung derVoss. Ztg." sind 400 Studenten der Medizin an der Prager tschechischen Universität zum Protest dagegen in den Streik getreten, daß sich infolge unzureichender hygienischer Einrichtungen einige Hörer Krankheiten infiziert haben.

Kunst und Wissenschaft.

Don der Frankfurter AniversitLt.

Der Geheime Oberregierunggrat Pros. Dr. bn e r, bisher an der Llniversität Berlin, hat den Ruf als Ordinarius für Auslands­kunde und Auslandspolitik sowie für Kolonialwesen an die Universität Frankfurt angenommen. Er wird im kommenden Winter­semester seine Lehrtätigkeit beginnen.

Ein Protest der Heidelberger Universität.

Ein Professor der Frankfurter älni- versität hatte, nachdem er einen Ruf an die Universität Heidelberg angenom­men und auch schon eine Vorlesung angekün­digt hatte, plötzlich der Aniversität Heidelberg mitgeteilt, daß die preußische Regierung ihm in­zwischen die Möglichkeit eröffnet habe, ihn zum gleichen Termin (1. Oktober) zurückzuberu- f e n. Gegen diese Zurückberufung wendet sich die juristische Fakultät der Aniversität Heidelberg in einer öffentlichen Erklärung, da dadurch ein Ele­ment unerträglicher Unsicherheit in das Berufungswesen gebracht werde.

Aus aller Welt.

Don einer Lawine überrascht.

G a r m i s ch , 10. Nov. (WB.) Drei Arbeiter, die beim Bau der Zugspitzbahn beschäftigt sind, wurden am Samstag auf dem Heimwege von der Arbeit von einer Lawine erfaßt. Während zwei mit geringen Verletzungen daoonkamen, wurde der dritte von der Lawine verschüttet und getötet.

Eisenbahnunglück in Belgien.

Der Schnellzug Brüssel Charleroi ent­gleiste bei Nivelle in voller Fahrt, wobei die Lokomotive und sieben Wagen die Böschung hin­unterstürzten. Es hat z a f) 1 r e i rf) c '3 e r m u n» bete, darunter zehn Schwerverletzte, gegeben.

Die Elektrifizierung Polens durch Amerika.

Wie Warschauer Vlätter aus Reuyork mel­den, haben große ameri anische Elektrizitäts­unternehmungen der pr n. Yen Regierung den Vor.ch ag un.crbrcite:, die E.ellrstizierung Polens mit eigenem Kapital durchzuführen. Die ameri­kanischen Ge.ellschas.en beabsichtigen, für diesen Zweck ein Kapital von 26 Millionen Dollar zu investieren. Sollte die polnische Regierung den Plänen zustimmen, so würden die Gesellschaften zunächst das ganze Gebiet zwischen Warschau und der deutschen Grenze zu elektrifizieren.

Milllonenbiebsiahl im Museum zu Sofia.

Jin Ethnographischen Museum in Sofia, das im Zentrum der Stadt gelegen ist, wurde ein fre­cher Einbruch verübt. Die Einbrecher erbeuteten zahlreiche Wertgegenstände, darunter eine kostbare Sammlung von Goldmünzen und eine gol­dene Statuette Alexanders des Großen. Der Gesamtwert der gestohlenen Gegenstände wird auf etwa zwei Millionen Mark geschätzt. Die Polizei hat über 36 Personen, darunter mehrere Ange­stellte des Museums, verhaftet.

Aegyptische Augenkrankheit in bet Pfalz.

Die gefürchtete Aegyptische Augenkrankheit, die unter der Schuljugend in Haßloch (Pfalz) bereits so große Verheerungen angerichtet hat, hat jetzt auch auf Neustadt übergegriffen. Etwa 100 Kinder find bereits erkrankt! weitere Kinder sind krankheits­verdächtig. Die Schulen sind auf eine Woche g e - schlossen worden.

Verhaftung eines Schwindlers.

Nach einer Meldung derSaarbrücker Landes- geitung" ist der Direktor der städtischen Betriebs­werke in Homburg Dresche! auf einer rechtsrhei­nischen Dienstreise, die er in Begleitung des Bürger­meisters und eines Beigeordneten machte, unter dem bringenden Verdacht der Ur k u n d e n f ä l s ch u n g und Unterschlagung verhaftet worben. Dresche!, ber auf Grund glänzender Referenzen vor etwa einem Jahr angestellt wurde, soll sich bei seiner früheren Verwaltungstätigkeit durch unlautere Ma­chenschaften erhebliche Vermögensvor­teile gesichert und mehrfach mit gefälschten Aus- weispapiereii, Zeugnissen und Empfehlungen ge­arbeitet haben. Auf Grund solcher soll er auch in seine Homburger Stellung gekommen sein. Seine vorgelegten Zeugnisse über akademische Studien und höhere technische Bildung sollen gefälscht sein. Dreschet ist in Wirklichkeit Gas- und Elektro­schlosser. Entlarvt wurde er bei Naumburg durch einen Polizeibeamten, der sich des Namens Dreschet von früher her erinnerte.

Ein Preisausschreiben des Frankfurter Rundfunks.

Die Sübwestbeutsche Rundfunk A.-G. wirb vom 17. November ab ein literarisches Preis­ausschreiben veranstalten. Es werden im Sen- beraum in zwei Serien je zwölf leichtere und zwölf schwerere charakteristische Proben aus bekannten Dichterwerken vorgelesen werden, deren Verfasser vom Publikum erraten und genannt werden sollen. Die Vorlesungen werden auf mehrere Abende ver­teilt werden. 27 Verleger haben $um Teil wert­volle Bücyerpreise gestiftet.

Eine Aluminiumschau.

Auf Veranlassung des Vereins Deutscher Inge­nieure ist in Nürnberg eine Aluminiumschau er­öffnet worden. Die Ausstellung, die vom Publikum sehr stark besucht wird, zeigt die Leistungen der deutschen Aluminiumindustrie und die Herstellung und Verarbeitung des Aluminiums in anschaulicher Weise.

Riederlasfung schweizerischer Firmen in Baden.

Die Verteuerung der schweizerischen Pro­duktionsverhältnisse hat gewisse schweizerische Exportindustrielle veranlaht, ihre Be­triebe in das Ausland, vor allem nach Baden, zu verlegen. In der letzten Zeit wurden in den oberbadischen Grenzgemeinden Lörrach, Säk- f in gen undRhina verschiedene schweizerische Fabrikbetriebe errichtet und weitere sind geplant.

Ein 90jähriger ertrunken.

Bei Ühlfeld, nahe Kissingen, wurde die Leiche des 90jährigen Altbesihers Lunz aus der Aisch geländet. Der altersschwache Mann ist wahrscheinlich in der Dunkelheit in den an seinem Hause vorbeiflietzenden Fluß geraten und konnte sich nicht mehr herausarbeiten.

Ein Jahr unschuldig im Zuchthaus.

Der Arbeiter Reuer aus Mayen war im vorigen Jahre auf die eidliche Aussage eines Arbeitskollegen hin vom Koblenzer Gericht we­gen schweren Einbruchs dieb st ahls zu einem Jahre Zuchthaus verurteilt worden. Rach seiner Freilassung betrieb er das Wiederauf­nahmeverfahren mit dem Erfolg, daß in der jetzigen Verhandlung der damalige De - lastungszeuge zugeben mutzte, daß er den Einbruch begangen und daß er zwecks Selbstentlastung einen Meineid geleistet hab» Reuer wurde jetzt freigesprochen.

30 Schafe vom Cisenbahnzug getötet.

Der Zug Duchen-Mosbach fuhr bei Langenelz (Baden) in eine Schafherde. Dabei wurden 30 Schafe getötet. Die Schafe die bei einem Landwirt in Langenelz unter­gebracht waren, waren ausgebrochen und hatten sich auf den Bahndamm gelegt.

Wettervoraussage.

Meist heiter, östliche Winde, tags etwas milder, nachts Frost, trocken, morgens Nebel- ober Reif- bilbung.

In raschem Zuge ist bas Fallgebiet nach Nard- often vorgestoßen und liegt zur Zeit über Finnland. Dagegen hat sich über ganz Mittel- und Westeuropa von England her ein Gebiet hohen Druckes aus­gebreitet, dem von Island her ein neues Glied der nördlichen Tiefdruckkette folgt. Es dürfte zunächst noch keinen stärkeren Einfluß auf unsere Wetterlage ausüben und in vorwiegend östlicher Richtung weiterziehen.

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 6,4 Gr. Celsius, Minimum minus 2,5 Grad Celsius. Heutige Morgentemperatur: Minus 1,8 Grad Celsius.

Aus der Proomzialhauptsiadt.

Gießen, den 11. Rovember 1925.

NeichszentraLe für HrimaLdienft

Den vorletzten (vierten) Vortrag im Rahmen der Vortragswoche der Landesabteilung Hessen der Reichszentrale für Heimatdienst horte man am Montagabend in der Universitätsaula. Privatdozent Dr. Friedrich Raab (Gießen), Vorstand der Ar­beitsstätte für sachliche Politik, sprach üher das Thema:Die Reparationsfrage, Ent­wicklung, Aussichten und Aufgaben". Die auf hoher geistiger Warte stehenden Darlegun­gen des Vortragenden bewiesen, daß er dieser Frage mit umfassendster Gründlichkeit und bis ins letzte schürfender Sachkunde nachgegangen ist. Er gab zu­nächst einen Uederblick über die Entstehung und Entwicklung der Reparationsfrage, wobei er in treffender Weise die bewußte und gewollte Zwei­deutigkeit kennzeichnete, die unsere Kriegsgegner, Frankreich an der Spitze, mit dem WortRepara­tion" geschaffen haben, die Zweideutigkeit,' die Frankreich bann zu seiner aggressiven Politik der letzten Jahre gegen Deutschland cm snNtz^ Nachdem der Redner die einzelnen Abschnitte der Entwick­lung dieser Angelegenheit bis zum heutigen Stande beleuchtet, untersuchte er in fesselnder Weise die Aussichten, die aus den Reparationszahlungen uns, aber auch den anderen beteiligten Mächten erstehen. Wir müssen erhebliche Opfer bringen und dazu die stärksten Anspannungen auf uns nehmen, obwohl der Reichshaushalt nicht im Zeichen des Ueder- schusfes, sondern des Defizits stehen wird, aber auch die andere Seite dürfte der Reparationen nicht froh werden, und zwar aus Rücksicht auf ihre eigene Volkswirtschaft. Anzeichen dafür sind ja schon zur Genüge vorhanden. Diese Tatsachen leiteten den Referenten zum Schlußteil seines Themas, zur Schilderung der Aufgaben, die wir bei der Re­parationsfrage im Interesse des Vaterlandes auf uns nehmen müssen. Unsere Pflicht sei es, mit aller Kraft und ehrlichem Willen an der Erfüllung der Reparationslasten auf Grund des Londoner Abkom­mens zu arbeiten, nicht etwa Sabotage zu treiben. Auf diese Weise würden wir den Vertragsgegnern und der Welt die tatsächliche Unerfüllbarkeit der 'Jieparationsforberungen schon in wenigen Jahren beweisen können, benn nach bem Dawesgutachten dürfe die deutsche Leistungskraft für die Repara­tionen nur soweit in Anspruch genommen wer­den, daß dadurch feine Gefährdung der deutschen Währung und der Wohlfahrt des deutschen Volkes entstehe. An dieser festgezogenen Grenze werde auch bas Verlangen ber Gegner Haltmachen müssen, biese müßten dann in eine Herabsetzung der Reparations­lasten, d. h. eindeutig gesprochen der Kriegsentschä­digung, auf ein wirklich erträgliches Maß ein« willigen. Diese hohe Pflicht für das Vaterland müsse mit Opferbereitschaft, mit Geduld und mit kühlem Kopf, aber desto heißerem Herzen erfüllt werden. Reicher Beifall der Zuhörer lohnte dem Vortragen­den seine aufschlußreichen und fesselnden, zu ernstem Nachdenken anregenden Ausführungen.

Gießener Wochemnirrktpreise.

Es kosteten auf dem gestrigen Wochenmarkt: Butter 220, Matte 40, Käse 70 bis 75, Wirsing 8. Weißkraut 6, Rotkraut 12 bis 15, gelbe Rüben 12, rote Rüben 10, Spinat 25, älnter-Kohlrabi 6, Grünkohl 20, Rosenkohl 40, Feldsalat 100, Zwie­beln 12. Meerrettich 40 bis 100, Schwarzwurzeln 50 bis 60, Kartoffeln 4, Aepfel 15 bis 20, Dirnen 35 bis 40, Russe 60 bis 70, junge Hahnen 100, Suppenhühner 100, Gänse 100 bis 120 Pf. das Pfund: Eier 18, Dlumenkohl 50 bis 120, Salat 10, Endivien 10 bis 20, Lauch 5 bis 10, Rettich 15 bis 25, Sellerie 10 bis 40 Pf. das Stück.

** Gießen und d i e P o st a u t o l i n i e Krofdorf Gießen. Die geplante Postauto­verbindung zwischen FellingshausenKrofdorf Gießen erfährt seitens der Gießener Stadtverwal­tung ebenso wie seitens der Krofdorfer und Fellings- haufener Verwaltung erfreulicherweise die bereitwil­ligste Förderung. Die Gießener Stadtverwaltung hat sich bereit erklärt, für die Erbauung der Auto- Halle einen Beitrag bis zu 4000 Mark zu leisten, während Krofdorf die gleiche Summe geben und Fellingshausen den Restbetrag von etwa 1000 Mark beisteuern wird. Die Jahresgarantie in Höhe von 7500 Mark als Unterpfand für die Rentabilität der Linie ist auf die drei Gemeinden entsprechend ihrem Interesse an der Einrichtung verteilt. Zur Unter­bringung der Autos stellt Gießen vorübergehend einen Schuppen zur Verfügung, bis die vorgesehene Autohalle sertigestellt ist. Die Opferfreudigkeit der beteiligten Gemeinden und die Tatkraft, die hier zur Schaffung einer ausgezeichneten Verkehrseinrichtung im Interesse der drei Gemeinden und ihrer Nach­barschaft entwickelt wird, kann man nur begrüßen.

'* - Zur Stadtverordnetenwahl. Eine Aenderuna hinsichtlich der Wahllokale ist für einige Straßen der Stadt getroffen worden. Man beachte die heutige Dekanntmachung der Stadtverwaltung.

** Bettlern kein Bargeld, son­dern Wohlfahrtsschecks. Die Zahl der durchziehenden mittelllosen Wanderer nimmt von Tag zu Tag in erschreckendem Matze zu. Am Montag, 9. Rovernber, mutzten 88 arme Wan­derer beim städtischen Wohlfahrtsamt unterstützt werden. Ein sehr großer Teil pflegt dann er- fahrungsgemätz in der Stadt zu betteln. Die Einwohnerschaft wolle sich der Einrichtung des Wohlfahrtsscheck-Dienstes erinnern und unter keinen Umständen diesen Bettlern bares Geld geben. Es ist das einzige Mittel, dem Dettel- unwesen wirksam zu steuern.

** D i e Winternothilse Gießen wendet sich in unserem heutigen Anzeigenteil mit einer wichtigen Mitteilung an die Bürgerschaft. Wir empfehlen die Veröffentlichung zur beson­deren Beachtung.

Ober hessischer Kunst verein. Die derzeitige Ausstellung (K a l l m o r g e n) bleibt noch bis einschließlich Sonntag, den 1 5. R v-< oember geöffnet. Dann tritt eine Pause bis Sonntag, den 29. Rovernber ein, an wel­chem Tage die durch das Landesamt für das Bildungswesen veranstaltete Ausstellung: Hes­sische Künstlerhilfe eröffnet wird.

** Markusgemeinde. Der Gemeinde- tag der Markusgemeinde am letzten Sonntag gestaltete sich wieder wie im Vorjahr zu einer großen Feier, an der Gemeindeglieder aus allen Kreisen sich beteiligten. Die Turnhalle war bis zum letzten Plätzchen beseht und bestanden, auch von auswärts waren wieder Gäste erschienen, viele Mitglieder des der Gemeinde befreundeten FrauenvereinS Eberstadt erfreuten mit ihrem Be­such. Musikstücke des Wartburg-Posaunenchors, der sich unter Leitung von Kaufmann S ch a u b in , kurzer Zeit schon zu gutem Spiel emporgearbeitet