Ausgabe 
11.7.1925
 
Einzelbild herunterladen

Hl'. 160 SlvLtieSbiuV.

uußener A.tzetgec (ioeneral-Auzelger für Gberhesjeuj

Samstag, ft. jul: (925

im raMWil BBMK

Außenpolitische Umschau.

Don Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R

Während die SicherheitsdiskuNion in der letzten Woche keine wesentlichen Schritte vor­wärts gemacht hat. greifen in sie immer stärker die Probleme der Wcltpolitil im ganzen herein. Es ist jetzt kein Zweifel, daß der marol- k a n i! ch e Feldzug für Frankreich sehr viel gefährlicher und bedenklicher ist. als die fran- zösisckc Regierung cs Wort haben will. Man spricht von 100 000 Mann, die dort schon kämpfen. Rachschub bis auf 200 000 Mann wird in der Pariser Presse verlangt und beim fallen des Franken kann man sich ja vorstellen, was das koLet. Der Marokko-Feldzug von 192o tann für die französische Währung das bedeuten, was der Ruhreinsall für die deutsche Wahrung 1923 war. Roch hält Painlcvs sein Kabinett und seine Mehrheit zusammen, aber schon bei den nächsten Krediten kann es zum^vruch kom­men und der eigentliche, an die Wurzeln ge­hende Kampf findet bann an der «Zlnanzreform von Ccnllaux statt. Auf innerpofttlsch sehr schwankendem Boden bewegt sich Driand, wenn er die Sicherheitssrage behandelt. Auch Frank­reich braucht bitter notwendig eine dauernde Befriedigung Europas, um sich selber in Ord­nung bringen zu können!

Ebenso England, wo die Wirtschafts­krise in Form von Lohnbewegungen des Berg- baues und der Verkehrsgeioerbe zu Tage tritt und die Arbeitslosigkeit, die Absatzkrise nicht weicht. Die Arbeiterpartei läuft Sturm gegen die Regierung, wie voriges Jahr die Konser­vativen gegen die Regierung Macdonalds. Sie stürzt heute das Kabinett Baldwin sicher noch nicht, aber Daldwin, selbst ein Grobindustrieller weih, welche Schwierigkeiten in den wirtschaft­lichen Verhältnissen liegen, und Weist, daß Eng­land allein dagegen nicht übermästig vier tun kann, dast z. D. auch der Liebergang zum Schutz­zoll nichts Wesentliches nützt. Auch England hat eine dauernde Befriedung Europas, die ja die Vorbedingung für einen wirtschaftlichen Wieder­aufbau ist, kntter nötig, und es blickt, selber in diesen Dingen mehr oder minder hilflos, nach Amerika, hofft auf dessen Beistand in der Europa-Politik.

Dazu wird nun für England die chine­sische Frage doch schwieriger und ernster. Richt nur, dast sein Handel, der der größte im Fernen Osten ist, damit erschwert oder bedroht wird, es geht auch um das englische Prestige. England kommt von der alten, festgehaltenen Politik nicht recht herunter. Zweckmäßiger wäre ?,etocfen, auch England hatte diesen Selbständig- eitswillen der Chinesen erkannt und anerkannt, der nach unserer Auffassung die eigentliche Grundlage der jetzigen Bewegung und Unruhe dort ist. England droht big Gefahr der Iso­lierung. Es Weitz noch nicht recht, wie es sich zu einer groben Konferenz, auf der die Ex­territorialität, das hecht ihre Einschränkung ober Ausgabe, behandelt werden soll, stellen soll und auch hier wird von Amerika der Stoß nach vorwärts erwartet.

Amerikas Grundsätze in der China­politik liegen seit langem fest; die Integrität und Souveränität Chftias und dieOffene Tür'. Amerika wird sicy nicht bedenken, daraus auch die Schlußfolgerung zu ziehen, daß man eben den Chinesen sowohl in ihren Wünschen, von der Herrschaft der Fremden befreit zu werden, wie in dem sehr begreiflichen Wunsch, die eigenen Einnahmen erhöht zu sehen, entgegenkommen muß.

Schon manchmal tburbe hier auf den entfern­ten und umständlichen Zusammenhang, der gleich­wohl vorhanden ist, hingewiesen, in den die fernöstlichen Vorgänge und die europäischen An­gelegenheiten gebracht werden formen. Stellt der Kreis der maßgebeiiden amerikanischen Politiker dergleichen Betrachtungen an, so münden sie doch so herum oder so herum irgendwie in die Ab» rüstungssrage und führen sie zu der Angelegenheit der interalliierten Schulden.

Man hat den Eindruck, als wenn Frankreich, als wenn Briaick) das auch erkannt hat, als wenn er geflissentlich um die amerikanische Gunst würbe. Ist man aber auf dem Wege, die interalliierten Schulden und die Fragen der Brüsseler Handels­

Werkbundtagung 1925.

Der Deutsche Werkbund, bekanntlich eine Bereinigung von Künstlern, Kunstgewerblern, Industriellen und Handwerkern, marschiert wieder; er hält wieder jährlich seine Versammlungen ab. Die diesjährige fand in Bremen statt; trotz des etwas abseits in der Nordwcstecke Deutschlands gelegenen Versammlungsortes war die Tagung aber stark be­sucht, ich schätze die Teilnehmer auf etwa 400, wäh­rend die Mitgliederzahl seit dem vorigen Jahre von 2069 aus 2150 in biefem Jahre gestiegen ist. Darin kommt zum Ausdruck, daß der Gedanke der Qua­litätsarbeit wieder an Boden gewinnt. Und das ist außerordentlich wichtig, denn nach der wirtschaft­lichen Lage, in der Deutschland sich heute befindet, sind wir mehr denn je auf qualitative Hochleistung angewiesen. Rohprodukte, deren Mehrzahl wir vom Auslande beziehen müssen, sind durch hohe Frach­ten und Zölle in Deutschland durchweg teurer als im Mutterlande. Deshalb unser schwerer Kampf aus dem Weltmärkte mit Fabrikaten, die viel Rohstoff benötigen, und deshalb die Notwendigkeit, daß wir hochwertige Produkte der Industrie und des Kunft- handwerks mit eigenem Gepräge erzeugen, die uns kein anderes Land nachmachen tann. Um diesen hohen Anforderungen entsprechen zu können, müssen wir großen Wert legen auf persönliche Ausbildung in fachlicher und geschmackvoller Beziehung.

Der Vorsitzende des Werkbundes, Prof. Rie­rn e r s ch m i d , erwähnte die Beteiligung Deutsch­lands an der kunstgewerblichen Ausstellung in Monza bei Mailand und teilte weiter mit, daß die Reicheregierung die Beteiligung an einer gleichen Ausstellung in Paris abgelehnt habe. Die nächst­jährige Dersammlung soll in Essen stattfinden und für 1927 ist mit der Tagung eine Werkbundaus­stellung in Berlin vorgesehen. Man hoftt, daß diese Ausstellung den dreisachenUrnfang wie die heurige in Monza haben, sich also über etwa 24 Räume erstrecken wird.

Dr. D. R i e z l e r , Museumsdirektor in Stet­tin, fungierte als Reichskommissar für die Aus­stellung in Monza. Er berichtete über seine Ein­drücke von der Pariser Ausstellung. Diese Aus- fteüung sei wahllos, nicht nach Qualität zusammen- geftellt. Die Architektur im schlechten alten Sinne der alten Ausstellungen sei vorberrschend. Nicht die

konferenz zu erörtern, fo läuft das einerseits eben auch wieder in die Sicherheitsfrage zu­sammen. Wie soll bann Europa produzieren und exportieren? Wie soll brr Dawes-Plan er­füllt werben ober ein ähnlicher Plan für Frank­reich ernsthaft diskutiert werden, wenn immer und immer wieder in Europa Unruße herrscht? ilnb abgesehen von den Gegenden, in denen 11 n ruß en traditionell sind, also im Sudosten, der aber doch verhältnismäß g ruhig ist, ist immer und überall die französische Politik der Störenfried, auf den man stößt.

Es ist für uns und unsere SteUungnahmc in diesen weltpolitischen Vorgängen das Wesentliche, wie sich allmählich ein Glied an das andere schließt und die Ilcherlegung dann immer auf die französische Europa-Politik abkommt. Daher ist auch unsere Ueberzeugung, baß Amerika, wie es im vorigen Jahre die wirtschaftliche Seite er­faßte, in einiger Zeit auch an die politischen Dinge rühren und auf sie einen Druck ausüben wird. In ber großen Rede, die Coolibge am 3. Juli in Washington gehalten hat, sehen wir derartige Anbeutungen, die wir deshalb in ihrer Bedeutung neben jene große Rebe von Hughes stellen, m ! der biefer bieDawes-Politik' er­öffnete.

Wenn nun bie Kabinette in Paris unb Lon­don sich die Sicherheitssrage weiter überlegen, so mögen sie an zwei recht brennende Punfte dabei denken und sich fragen, ob ihre Auffassung, ob insonderheit das System Driands eine Losung bringen kann. VZir denken an Polen unb Oesterreich. Die deutsch-polnischen Beziehun­gen münden nun in den Zollkrieg hinein. Es ist hier genau wie bei den französischen Verhandlungen; beide denken, daß Deutschland das Ausbeutungsobjekt fei, und beide können sich nicht vorstcllen, daß Deutschland dort gegen­über Frankreich seit dem 10. Januar 1925 die Arme handelspolitisch frei bekommen hat und hier gegenüber Polen seit dem 15. Juni des­gleichen. Und diese Auseinandersetzung geigt vor allem, daß die Teilung Oberschlesiens ein Widersinn war, eine wirtschaftliche Einheit aus- cinanberriß, zeigt mit einem Wort an einem besonderen Punkt die Unmöglichkeit der deut­schen Ostgrenze.

D eu t s ch l a n d ist in diesem Konflikt der Stärkere, unb es muß daher in ihm die po­litischen Fragen durchsetzen, die uns am Herzen liegen. Es muß durchsetzen, daß Polen sich wie ein zivilisierter Rachbar benimmt, der Rach- bar eines anderen Staates ist und auf diesen angewiesen ist. Die Großmächte aber sollen sich bei der Betrachtung dieses Konfliktes fragen, ob es einen Sinn hat, ein Sicherheitsabkommen so starr auf die Unantastbarkeit der Pariser Friedensverträge zu stellen, wie es die Rote Driands tut. Da sind Reibungsflächen! Sieht man über diese hinweg, so bleiben sie doch, und eines schönen Tages schlagt bann trotz aller Schiedsgerichtsverträge und Sicherheitspakte aus ihnen die Flamme empor.

Mit Oesterreich liegt es ebenso. Diesem Staate, der vielleicht als Staat, aber niemals als Volkswirtschaft lebensfähig ist, ist nur zu helfen, wenn man ihm den Anschluß an den national und wirtschaftlich gleichgestellten Rach- barn freigibt. Das will man nicht! Aber man hat auch feine Mittel, um den Staat auf die Dauer zu halten. Soviel Geld hat man nicht unb will man nicht ins bodenlose Faß werfen. Den Anschluß an Deutschland will man nicht, die Donauförderation will man nicht, den Aus- einanderfall auch nicht, der Anschluß an Italien ist eine Phantasie. Wenn man jetzt wirllich ver­sucht. mit Vorzugszöllen der österreichischen In­dustrie zu helfen, glaubt jemand, daß damit der Staat lebensfähig wird?

Die gleiche Frage wie bei Polen: Hat es einen Sinn, die Sicherheitserörterung so starr auf die Unantastbarkeit der Pariser Verträge abzustellen, wie Driand tut? Liegt es nicht in der Logik der Dinge, wenn man Europa zum Frieden bringen will, den Weg zu einer Revision bet Friedensverträge nicht zu ver­sperren?

Für Deutschland wäre ein Abschluß ohne diese Aussicht nicht möglich. Ebenso ist nicht möglich, daß Frankreich als Verbündeter unserer zweckmäßige Gestaltung der Ausstellungsräume sei maßgebend für die meisten Bauten, vielmehr fei die äußere Formgebung willkürlich gewählt, und in diese gegebene Umrahmung seien die Ausstellungs­räume hineingezwängt.Das moderne Dorf" fei das Schlimmste der Ausstellungen. Es fei nicht denkbar, daß ein zerstörtes Dorf in biefer Weise auf- gebaut werden könne. England habe einen gro­tesken Bau aufgeführt, der blamabel für das Land fei. Der englische Kommissar war ein verflossener Oberst, der sich an verkehrte Kräfte gewendet habe. Auch Italien habe schlecht abgeschnitten. Gute Pa­villons haben Holland, Skandinavien, Rußland und die Tschechoslowakei errichtet. Der österreichische Bau zeichne sich durch schlichte Vornehmheit und zeitgemäße Gestaltung aus. Es gibt gute moderne Sachen, echt handwerkliche Betriebe wachsen empor. Einzelne Kunsthandwerkstätten sind stehen geblieben, z. B. Kopenhagen. Starke nationale Trennung ist nicht bemerkbar, z. B. ist kein starker Unterschied in der Form zwischen England, der Tschecho­slowakei, Dänemark, Holland und anderen Säu­bern, höchstens im Ornament. Rußland geht durch den diktatorisch einheitlichen Willen am meisten eigene Wege. China wirkt am traurigsten.

Frankreich befindet sich in schwieriger Sage, weil es am meisten Raum zu füllen hat. Es stellt aber auch gute Sachen aus, von einheitlichem Willen ge­tragen, sogar Söores ist in zwei Pavillons mit neuen Formen vertreten und Baccarat ist mit schönem modernen Glasschliff vertreten. Kleinbe­triebe sind auch hier am wichtigsten. Die ausge- stellten Möbel zeigen eigentlich keine Anlehnung an das Alte, viel näher stehen sie den deutschen. Frankreich ist offenbar das konservativste Sand. Die jetzige Form der französischen Möbel stellt wohl keine endgültige Sösung dar, sie ist von Deutschland und Oesterreich stark beeinflußt, namentlich von Bruno Paul und den Wienern, weniger von Riemer- schmid, der liegt ihnen zu fern. Der Referent ist der Ansicht, daß Frankreich in fünf Jahren zu einer vollendeten Form gelangen wird. Es macht Anstrengungen, um auch hierin wieder die Führung zu bekommen. .

Amerika fehlt auf der Ausstellung wie auch Deutschland, das vor Anfang Dezember nicht ein­geladen war.

An dieses Referat schloß sich eine ziem­lich scharfe und interessante Auseinandersetzung

Gegner sich als Garant in diese Verträge ein- schiebt. Ebenso bleiben die Vorbehalte in Sachen des Völkerbünde^. Ist das eigentlich altes so schwierig, daß wir deshalb und dazu noch eine große außenpolitische Debatte im Reichstag brauchten? Schwierig und unklar werden diese Dinge erst, wenn man, wie es jetzt geschieht, die Innenpolitik mit der Außenpolitik vermischt, und wenn man. wie es die Linke will, mit ber Außenpolitik innenpolitische Erfolge erfechten will. Die weltpolitische Situation. in

der sich die S i ch er he. t d-er ö rtcru nq abspielt, ist für Deutschland gar nicht so ungünstig Eie ausnutzcn und den verhältnismäßig einfachen vorgczcichncten Weg in der Si ^crßcitSfrage wi geben, erfordert nur ruhige Rerven. Takt. Sicherheit und Festigkeit. Die Rer^osität und Spannung aber, die aus der Hcberlaftung des Reichstages und den bekannten inncnpolitifd.cn Gegemätzen begreiflich genug sind, führe., zu der schlechtesten Methode, mit der Außenpolitik über­haupt bestritten werden kann!

Der Prozetz gegen Angerftein.

Schlutz der Beweisaufnahme.

(Eigner Bericht desGießener Anzeigers". Nach­druck, auch auszugsweise, nur mit Quellenangabe gestattet.)

Limburg, 10. Juli 1925.

5. Derhandlungstag.

Bei Beginn der Sitzung fehlt zunächst der Sachverständige Prof. Dr. H e r b e r tz. Die Ver­teidigung erklärt, daß der Sachverständige etwas unpäßlich fei und später erscheinen werde, sie erklärt sich damit einverstanden, daß in die Ver­handlung eingetreten werde. 3m Laufe des Vormittags erschien dann Dr. Herbertz im Saale.

Der erste Zeuge ist heute der Bürgermeister P i ck aus Haiger. Dieser bekundet, daß er zur Zeit der Tat noch nicht Bürgermeister von Haiger war. Es liefen in Haiger unkontrollier­bare Gerüchte herum, daß Frau Angcrstein von dem Angeklagten vergiftet werden folltc, auch sagte man dem Angeklagten nach, in einer Drandversicherungsangelegenheit einen Meineid geleistet zu haben. Es handelte sich aber, wie gesagt, um unkontrollierbare Gerüchte.

Der Kaufmann Fritz Otto von Dillenburg bekundet, daß Frau Angerstein sehr kinderlieb war und darüber klagte, daß sie ihres Leidens wegen keine Kinder beionrmc. Zeuge hat nicht beobachtet, daß der Angeklagte besonders er­regt werden konnte. Frau Barth hat auf den Zeugen einen gedrückten Eindruck gemacht, als ob sie unter etwas leide. In feiner Gegenwart hat der Dngellagte Frau Barth auch manchmal scharf ungefaßten.

Die Kauffrau Wagner aus Haiger war mit Frau Angerstein befreundet. Das letztemal hat sie Frau Angerstein am Samstag vor der Tat gefei)en, und zwar ist sie mit ihr nach­mittags in bie Stadt gegangen. Frau Angerstein klagte damals, sie fei krank und könne kaum geben. Frau Angerftein wollte für ihre Schwester Ella Kuchen besorgen, da diese am Sonntag einen Ausslug machen wollte, ileber ilnßimmig- teiten in der Familie des Angeklagten ist der Zeugin nichts bekannt. Frau Angerstein habe sich ibr gegenüber über den Angeklagten nur lobend ausgesprochen. Die habe aber stets Angst­gefühle gehabt und gelegentlich eines Brandes geäußert, in ihrer Mlla werde es wohl auch einmal brennen, auch sprach sie oft von Ein­brechern. Bezüglich der Minna Stoll hat Frau Angerstein geäußert, diese sei sehr empfindlich und gleich beleidigt, wenn man ihr etwas sage. Der Angeklagte selbst war stets liebenswürdig und ordentlich. Die Kuh, die et getauft hatte, habe er, wie die Frau erzählte, nur deswegen angeschafft, damit Frau Angerftein genügend Milch bekomme. Frau Angerftein, die Methodistin war, klagte nur, daß es chr nicht gelinge, ihren Ehemann zu bekehren.

Auch ber nächste Zeuge, kaufmännischer Direktor Orth aus Haiger, schilbert de» An­geklagten als einen liebenswürdigen, zuvorkom­menden Mensen. Am Tage vor der Tat traf er mit dem Angeklagten, als dieser von der Post kam, zusammen. Der Angellagte erzählte dem Zeugen von der nächtlichen Schießerei, von ber Zeuge nichts gehört hatte, und sprach dann mit Direktor Müller. Zeuge sagt aus, ber An» geklagte war an diesem Tage so erregt, wie er chn vorher noch nie gesehen hat.

Frau Wiesen aus Dillenburg kennt die Familie Angerftein feit dem Jahre 1920. Sie schildert den Angeklagten als stets Uebenswürdig an zwischen Geheimrat Sievers als Ver­treter für das Ausstellungswefen in dem Reichs- Ministerium und Profefsor Bruno Paul, Direktor der Kunstakademie und Kunstgewerbeschule in Ber­lin-Charlottenburg. Bruno Paul war ursprüngllch vorgesehen als Reichskommifsar für die Ausstel­lung in Monza, lehnte diesen Auftrag aber ab, da er sich von einer Beteiligung in Monza (einer Kreisstadt von 45 000 Einwohnern), keinen beson­deren Erfolg für das deutsche Wirtschaftsleben ner- sprach. Dagegen legte er großen Wert auf die Be­schickung der Pariser kunstgewerblichen Ausstellung. Er war der Ansicht, daß wir auch im Dezember noch eine sehr gute Ausstellung für Paris hätten vorbereiten können. Aus seiner dreißigjährigen Kenntnis der Pariser Verhältnisse weiß er, welche Rolle Paris im Weltmärkte als Einkaufsplatz für die Geschäftswelt der meisten Sünder spielt. Auch ist ihm bekannt, daß Paris den Markt für das Kunstgewerbe ebenfalls wieder erobern will. Des- halb durfte Deutschland auf der diesjährigen Aus­stellung in Paris nach feiner Ansicht unter keinen Umständen fehlen.

1914 war es dach fo, daß Frankreich eine Be­teiligung an der Werkoundousstellung in Köln ab- lehnte, weil es keine modernen Sachen zur Schau stellen konnte. Diese Lücke bat es empfunden und der französische Staat schuf noch im Kriege eine staatliche Einrichtung, die unserem Werkbunde ent­spricht, mit dem Unterschied, daß letzterer privater Natur ist, völlig unabhängig vom Staat. Da Frank­reich aus eigenem Können nicht fähig ist, neuzeit­liche Sachen zu schaffen, hat es sich aus der Schweiz, aus Holland und den skandinavischen Ländern jün­gere Kräfte aus den ersten Werkstätten kommen lassen, *9 daß Frankreich schon auf dieser Aus­stellung nach den obigen Ausführungen mit Sachen in neuzeitlichem Geschmack vertreten ist. Aus diesen Gründen erhellt zur Genüge, welche Gefahr und welchen Schaden das Fehlen deutscher Qualitäts­ware für unser Kunstgewerbe und für unseren wirt­schaftlichen Ruf bedeutet. Während Geheimrat Sievers bet Ansicht ist, daß mir in Monza den ersten Platz einnehmen und damit für deutsche Ware den alten guten Ruf befestigen und Gewinn erzielen, nach feinen (Ermittelungen in verschiedenen Werkstätten Paris nicht erfolgreich beschicken können, behauptet Bruno Paul nach feiner Kenntnis das Gegenteil. Trifft Pauls Ansicht zu, fo muß man

unb zuvorkommend, ber einen guten Charakter hat unb fromm war, ba er vor jeder Mahlzeit mit feiner Frau betete. Die Frau Angerftein hat bie Zeugin 14 Tage vor ber Tat in Dillen­burg gesprochen. Frau Angerftein, bie gut aus- sah, erzählte, es ginge ihr loieb.r bester. Sie hat stets darüber geklagt, baß sie keine Kindev habe. Einmal hat sie der Zeugin von einem! Streft zwischen dem Angellagtcn und seiner Schwiegermutter erzählt, ohne auf die Einzel­heiten einzugehen. Frau Angerftein hatte stets Angstgefühle.

Die Haustochter Sander bekundet, sie habe am Tage nach ber Tat von Frau Angcr­stein einen Brief erhalten, in dem Frau Anger- slcin ihr mitteilte, baß eine Angelegenheit, bie sie in Wetzlar erledigen wollten, sich erledigt hätte. Den Bries hatte Frau Angerftein der Ella Barth, als diese den Ausflug machte, zur Liebergabe an die Zeugin ausgehändigt. Diese hat ihn bann einer brüten Person übertragen. Die Zeugin bekundet weiter, Frau Angcrstein habe ein Darmleiben gehabt, sie habe immer vom Sterben gesprochen unb den Wunsch ge­äußert, sie wolle bod) gern leben unb gesund werben, um ihrem Ehemanne etwas zu fein. Frau Angerftein habe an Sachen immer das beste gekauft. Unstimmigkeiten in ber Ehe hat Zeugin nicht wahrgenommen.

Die Büglerin K a e t ch c aus Haiger war von April 1923 bis Februar 1924 Dienstmädchen bei Angersteins. Die Familienverhältnisse dort wa­ren im allgemeinen gut. Zwistigkeiten kamen wohl ab und zu vor, doch weift Zeugin nicht, welcher Art diese waren, da es AngersteinS stets vermieden, in Gegenwart der Zeugin zu streiten. Die Eheleute Slngerftcin lebten glücklich miteinander und der Angellagte habe seiner Frau oft etwas gekauft, unt ihr eine Freude zu bereiten. Zur Zeit der Heuernte 1923 sei eS allerdings einmal zu Streitigkeiten gekommen. Frau Barth, die das Essen zubereitete, hatte den Reisbrei für Frau Angerftein anbrennen lassen. Es kam dieserhaLb zum Streit unb Frau Barth entfernte sich am Rachmittag aus der Wohnung. Als Frau Ange-chein dies erfuhr, ging auch sie weg. Als ber ÄnaeklagtÄ am Abend seine Frau nicht vorfand, holte er aus seinem Zimmer einen Revokder, steckte diesen ein, unb entfernte sich, um seine Frau zu suchen, unb äußerte, er schieße seine Schwiegermutter nieder, wenn er seine Frau nicht wiedersände; er war hierbei äußerlich ganz ruhig. Frau Barth sei bann zurückgekehrt unb hinterher auch Anger- ftein nebst Frau.

Der Prediger E ck e r b t aus Dillenburg hat von dem Angeklagten einen ruhigen Eindruck gehabt, nur der unruhige Blick fei ihm aiifge-- fallen. In der Kirche habe der Angcklagte in­different dagesesfen, wie es Zeuge bei keinem anderen Kirchenbesucher beobachtet haben will.

Der Schwager des Angeklagten, Elektriker Gottlieb Barth aus Wetzlar, bezeichnet die Ehelichen Verhältnisse der Eheleute Angerftein als führ gut Zwischen Angcrstein unb feiner Schwie­germutter sei es allerdings öfters zu Streitig­keiten gekommen, die aber nicht erheblicher Ratur waren. Der Zeuge will von Angerstein namhafte Unterstützungen an Geld und Lebensrnitteln in der Inflationszeit erhalten haben. Der Dries, der am Sonntag aus Wetzlar bei seiner Mutter ein» lief und biefe in Erregung gebracht habe, ist nach Angabe des Zeugen nicht von einem Glieds feiner Familie geschrieben worden, Zeuge habe I»Illi ! III. .....III IIHUW 1.1. .Lil ITT

ihm auch beipflichten, daß die Nichtbeschickung der Pariser kunstgewerblichen Schau ein großer Fehler war. Da Herr Sievers bei der Entschließung der Regierung nach seinen Ausführungen nicht mitge­wirkt hat, sind die Beweggründe für diese Maß­nahme nicht bekannt.

Hoffentlich wird die Werkbundausstellung 1927 in Berlin die neuzeitliche deutsche Arbeit in gutem Lichte zeigen. Die Möglichkeit, fremde Länder her­anzuziehen, besteht.

Schon bei Beginn der Tagung hatten die Teil­nehmer Gelegenheit zu einem gemeinsamen Aus­flüge nach Worpswede. Der uns aus Bildern, Ra­dierungen und Zeichnungen vertrauter Namen be­kannte Charakter der Moorlandschaft tritt uns überall entgegen. Die Ausstellungen in Worpswede dagegen waren nur eine Enttäuschung, die Künst­ler-Kolonie ist von ihrer Höhe herabgestiegen, sie ist eine kunstgewerbliche Kolonie geworden. Stim­mungsvoll und ergreifend ist das Monument von Prof. Hötzel auf dem Grabe Paula Moderfons, ihre liegende Figur mit aufgestütztem Haupt darstellend. Bremen ist es zu danken, daß es in feiner Kunst­halle die besten Bilder der zuerst in Worpswede wirkenden Künstler vereinigt hat.

Die alle Hansastadt mit ihren prächtigen Re­naissancebauten -wetteiferte in Bewirtung und Dar­bietung von Kunstgenüsien mit Städten der Um­gebung wie Bremerhaven, Vegesack und Olden­burg, so daß man von der westniederdeutschen Land- schäft unb Kunst einen Gcsamteindruck gewinnen konnte. Aber auch Handel und Wandel wurden den Teilnehmern vorgeführt. Die Läden in Bremen prangten in geschmackvollen Auslagen, Rund- cänge waren vorgesehen nickt nur durch Kunst- Hätten, sondern auch in Schiffswerften, modernen Großschlächtcreien, durch Fisckereianlagen; Theater und Oper boten vorzügliche Darstellungen und der Inhaber des Kaffee-HAG., Generalkonsul Dr. Ro- selius, Obmann der Bremer Gruppe, bot in Worps­wede unb Vegesack Proben feines Produktes dar.

So kehrte man mit einem Strauß von den man­nigfaltigsten Eindrücken in das Heim zurück mit dem Wunsche, daß die Werkbundidee zu Deutsch­lands Segen immer mehr an Boden gewinnnen möge. L.