Ausgabe 
11.2.1925
 
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nch wieder zu einer Besteuerung nach dem Ertragswert kommen.

Die Einkommc-nsbelastung werde nicht über 33Vj Prozent hinausgehen dürfen. Wenn der Reichsral nichts Wesentliches ändere, so würden künftig bei 24 000 Mark Einkommen 15 Proz., bei 48 000 Mark 20 Proz., kurz vor 100 000 Mk. 25 Proz., und 33' , Proz. kurz vor 600 000 Mk. erreicht werden. Bei der

Vermögenssteuer

müsse man an dem Satze von 0,5 Prozent fest- halten. Einer weiteren Steigerung der Sähe ständen schwerwiegende Bedenken entgegen. Das verloren gegangene Kapital müsse neu gebil- d e t werden. Aus diesen Gründen müsse für die nächste Zeit auch eine Bermögenszuwachssteuer unerwogen bleiben. Dagegen solle der Abzug am Kapitalerträge als wichtiges steuer- technisches Hilfsmittel aufrechterhalten werden. Auf dem Gebiete der

Kapitalverkehrssieuern

würden gewisse Milderungen der Steuersätze vor­geschlagen. Auf dem Gebiete der

Erbschaftssteuer

werde man nicht bei den bisherigen Sätzen bleiben können, soweit es sich um die Heranziehung wirk­lich großer Erbanfälle handele. Die Progression, die bei einer Million Toldmark aufhöre, solle daher weitergesiihrt werden. Beim Kindeserbe werde die Höchstbelastung künftig 15 Prozent betragen.

Die Heranziehung der werbenden Betriebe, die sich in öffentlicher Hand be­fänden. also etwa die Gas- und Elektrizitäts­werke der Gemeinden, die Bergwerke der Länder usw. solle weiter ausgebaut werden. 3n diesem Punkt sei allerdings mit dem größten Widerstand zu rechnen. Was dos Problem des

steuerfreien Lohnbetrages

betreffe, so sei eine Heraufsetzung des steuer­freien Lohnbetrages nicht wohl erträglich, doch solle vorgeschlagen werden, daß, wenn mehr als drei Kinder vorhanden sind, die Senkung des Steuersatzes nicht ein Prozent, sondern jedesmal zwei Prozent für das vierte und weitere Kind betrage. Die Befreiung des Ehegattenerbes solle in Zukunft fortfallcn, wenn leibliche Abkömmlinge des Erblassers vorhanden sind. Derbrauchsab­gabengesetze oder Erhöhungen von Derbrauchs­abgabengesehen, die sich mit dem notwendigen Lebensbedarf befassen, würden keinesfalls ge­bracht werden. Die Erhöhungen der Der­brauchsabgaben würden sich lediglich auf auf den vermeidbaren Derbrauch, also auf ge­wisse entbehrliche Genuhmittel beschränken. Die Aufhebung der L u x u s st e u e r erscheine nicht angängig. Was die 11 m s a h st e u e r anlange, würden neue Vorschläge nicht unterbreitet werden.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 10. Febr. Am Regierungstisch: Aeichsarbeitsmimster Dr. Brauns.

Dor Eintritt in die Tagesordnung erhält das Wort zu einer Erklärung

Abg. Dr. D e ct e r - Hessen (D. Dpt.), der sich gegen Angriffe des Berliner Tage­blattes im Zusammenhang mit Krediten wendet, die in der Zeit des passiven.Widerstandes deutschen Wirtschaftsverbänden ge- geben worden sind. Der Redner bestreitet zu­nächst. daß dieH i ka" nach Beginn des Ruhr­kampfes gegründet und dem Aeichswirtschafts- ministerium unterstellt worden sei. DieHika" sei bereits im Jahre 1919 unter einem f o - zialdemokratischen W i rt s ch a ft s m i - nister gegründet worden, um in der schwe­ren llebergangszeit gewerbliche Unternehmen Mittel für die Demobilmachung zu gewähren. Als es während des Ruhrkampfes motwendig geworden sei, auch kleineren und mitt­leren Unternehmungen mit Krediten beizusprin- Aen, habe man der Einfachheit halber die schon bestehende Organisation derHika" benutzt. Die Großindustrie sei schon wegen der be­schränkten Mittel derHila" von vornherein davon ausgeschlossen gewesen. Der Red­ner weist dic Behauptung zurück, daß er mit der Schwerindustrie versippt und verschwägert sei und bezeichnete diese Behauptungen als gemeine und ehrabschneiderische Derleu mdüngen. Er Jei. nur einmal im Vorstand der Rheinischen Stahlwerke getoefen.

Dieses Verhältnis sei gelöst worden, als er in das Kabinett Cuno eingetreten fei.

2tur einem Düsseldorfer Werk sei ein Kredit eingeräumt worden, da sonst einige tausend Ar­beiter hätten entlassen werden müssen. Eine später auf seine Deranlas ung eingeleitete Untersuchung sei ergebnislos geblieben. Die Rückzahlung sei bald danach erfolgt. Die vomBerliner Tage­blatt" genannten angeblichen Verwalter der Hika" im Ministerium seien in Wirklichkeit nur Referenten: beide seien pflichttreue Beamte, von denen einer der sozia Idem akratischen Partei angehöre. Wenn im übrigen ein Betrag von 2000 Goldmillionen genannt werde, so sei ja schon festgestellt, daß höchstens ein Betrag von 10 Goldmillionen in Frage komme. Der Redner schließt, daß er das Urteil über diese Dinge dem Hause und der Oeffentlichkeit überlasse. Eine an­ständige Presse werde sich gewiß nicht dazu her- geben, dem Ausland Kampfmaterial zu liefern. (Großer Lärm bei den Soz.)

Hierauf wird die zweite Beratung des Etats des Reichsarbeitsminlsteriums fortgesetzt, und zwar mit der Besprechung über den Abschnitt

Tarifvertrag und Lohnwesen.

Abg. Frau Böhm (Deutschnat.) fordert bal­dige Vorlegung des Heimarbeiter lohn- gesetzes. Auch zum Schutze der Heimarbeiter seien Schiedsgerichte notwendig.

Abg. Frau Senden ^Soz., wünscht, daß bei den Handelsvertrag;v rhandlungen auch Ar- beitnehmerverrreter zugez <.n werden. Das würde wesentlich zur Verständigung beitragen. Die Rednerin beantragt, Mittel für die Heran­bildung von Arbeitern in Wirtschaftsfragen in einer Arbeite rakademie zu bewilligen.

Ministerialdirektor S ihn er erklärt, die Tä­tigkeit des Schlichters habe sich durchaus be­währt. Eine Siatistik darüber werde herausge­geben werden. Die Tarife der Ange teilten wä­ren nie zustande gekommen, wmn nicht das Ar- bsitSminister'um mit einer gewissen Energie ein­gegriffen hätte.

lieber i. Fr g? der Ausschußüberweisung eines sozialdemo'r^tisck* Antr ages a.f B^w ll'gvng von 20 000 Mel dieAl'demjed .'Ar­beit i n §t n> i f -1 a M.n ß AusV 'N erfolg m ,d ' i -vn r< ,N>- felhaft bl "st. Mi 189 c 9 3 * V ' Derwe sung an

be:. Haupt >. ss.p^tz b schlosser'

Es folgt die Besprechung des Abschnitts Wohnungs- und Siedelungswesen und zwar zunächst des Wohnungswesens.

Abg. Silberschmidt (Soz.) betont, daß auch hier Bestrebungen im Gange seien, die alten Zustände der ungebundenen Wohnungs- Wirtschaft toieber einzuführen. Der Redner for­dert, daß die Mittel für den Wohnungsneubau in gleichem Maße von der Gesamtheit getragen werden. An einen Abbau der Wohnungszwangs­wirtschaft und des Mieterschutzes dürfe man nicht denken, sondern wir müßten zu einem Dolks- wohnrecht kommen.

Abg. Winnefeld (Dt. Dpt.) erklärt, die Wohnungsfrage dürfe nicht nach politi­schen Motiven behandelt werden. Der Redner fordert Abbau der Wohnungszwangs­wirtschaft und des Reichsmietegesetzes und Schaf­fung eines Uebergangsgesehes. Mit höheren QRicten müsse selbstverständlich auch ein Steigen der Löhne verbunden sein.

Abg. Dartschat (Dem.) hofft, daß noch ein Einverständnis zwischen den Hausbesitzern und Mietern möglich ist. Eine Aenderung in der Wohnungszwangs- wirtschaft müsse auf jeden Fall erfolgen. Selbst­verständlich könne die ganze Zwangswirtschaft heute noch nicht fallen.

Abg. Rönneburg (Dem.) betont, daß die "Voraussetzung für die Beseitigung der Zwangs­wirtschaft eine umfassende Hausbau­tätigkeit fei. Der Redner fordert, daß dem Wohnungswucher entgegengetreten wird. Der Redner verlangt weiter ein Bodenreform­gesetz, um der Bodenspekulation entgegenzu­treten.

Abg. Dr. Steiniger (Dtntl.) wünscht einen planmäßigen Abbau der Woh­nungszwangswirtschaft und eine große Einheit­lichkeit in der Verwendung der Hauszinssteuer. Der Redner tritt insbesondere für eine Abhilfe der Wohnungsnot in Oberschlesien ein.

Ein Vertreter des Reichsfinanzminrsteriums betont, daß die Regierung bestrebt sein werde, auf eine Vereinheitlichung der Miet- sähe in den Ländern hinzuwirken, Weiterberatung Mittwoch.

Der Tschekaprozeß.

Die kommunistische» Kampf- orga»rsatio»en.

Leipzig, 10. Febr. (WTB.) Vor dem ersten Senat des Staatsgerichtshofes zum Schutz der Republik begann heute der Prozeß gegen die sogenannte deutsche Tscheka. Das Po­lizeipräsidium hat Ansammlungen und Demon­strationen in der Umgebung des Reichsgerichts verboten. Das Gerichtsgebäude und dec Ver­handlungssaal sind von der Polizei stark ge­sichert. Der Verteidiger lehnte den Staatsgerichts- hos in seiner ganzen Besetzung, namentlich den Senatspräsidenten Riedner als Vorsitzenden wegen Befangenheit ab.

Der Reichsanwalt bat um Ablehnung der Anträge. Die Verteidigung erklärte, daß die Reichsanwaltschaft einen Unterschied mache zwi­schen rechts und links und in der Aufnahme von Verfolgungen gegen rechts viel vorsichtiger sei, als in solchen gegen links. Rach längerer Be­ratung, die das Gericht in der Besetzung von drei Beruisrichtern vorgenommen hat, wurde der Ab- lehnungsantrag gegen Riedner als unbe­gründet zurückgewiesen. Rach dieser Entscheidung trat der Gerichtshof noch einmal in voller Besetzung zusammen, um nach kurzer Beratung den Antrag der Ablehnung des ge­samten Gerichtshofes abzulehnen, der nach der ständigen Rechtsprechung des Reichsgerichts unzulässig sei. »-

Zn der Rachmittagssitzung stellte die Ver­teidigung Anträge, den Angeklagten Reumann auf seinen Geisteszustand hin zu untersuchen und auch feine Angehörigen darüber zu hören. Das Gericht lehnte die Anträge ab und nahm die

Vernehmung des Angeklagten Reumann auf. Reumann ist 35 Zähre alt, von Beruf Schriftsetzer und gibt zu, daß fein Vater und ein Bruder von ihm geisteskrank seien und halt sich aber für völlig normal. Er äußert sich ausführlich über die K o m m u n i st i s ch e Par­tei, die sich in eine rechte unter Brandler und eine linke unter Maslow und Ruth Fischer teile. Beide kommunistischen Parieren hätten die Ausgabe, die politische Macht an sich zu reißen, mit allen, auch ver­fassungswidrigen Mitteln. Diesem Ziel diente auch der Eintritt der Kommunisten in die säch­sische Regierung: er sollte den Auftakt für einen bewaffneten Aufstand in Deutsch­land bilden. Er, Reumann, sei von Brandler mit der Organisierung des revolutionären Komitees beauftragt worden. Das Komitee bestand aus sieben Personen, von denen jeder eine Abteilung leitete. Der militärische Organi« sationsleiter war Ulbrich.

Die eigentlichen militär-technischen Angele­genheiten leitete Skoblewary, der seinen Sih in der russischen Botschaft hatte und dem ein General st ab aus meist russischen Genossen zur Derfüaung stand. Die Abteilung Verkehr leitete der Abgeordnete Heckert, die Abteilung Ernährung Zwan Katz Daneben gab es Rachrichten-, Derbindungs-Ab- teilungen und andere. Das revolutionäre Komitee hatte die Aufgabe, einen bewaffneten Auf­stand vorzubereiten und zu führen. Eine b so dere Zersetzungs-Abteilung wirkte unter der Leitung des Abg. Eber le in. Die Abteilung sür Waffenbeschaffung unter­stand dem Abgeordneten Pieck. Zm Oktober 1923 sei in der Wohnung des Abgeordneten Koenen der Alarm- und Mobil­machungsbefehl beschlossen worden, der 'durch Kuriere sofort den Leitern der Bezirke zugestellt wurde.

Untersvchungs-Ausschuh im Himm^sbsch-Skan^al.

Darmstadt, 10. Febr. (TU.) Die deutschnationale Landtagsfraktion hat einen Antrag auf Einsetzung eines Unter- suchu-gs AuSsch sses z r Prüfung be< Hi n nel» bach-St in als ingebracht, 'er lautet: Aw Grund - es Art le 3 36a >cr V r ffung bean-ra-en wir He Einsetzung eines Unten uchungs-A sfchaßes 1. ur B-Weiserhebung und Feststellung der - i 1 u 9 c es hessischen Stines du ch e ). nm sbach-.Konzern, 2. ;ur Prüfung der Schu 1 h (g e und der Möglichkeiten eines Schadenersatzes

Der Barmat-Skandal.

Dr. Höfle verhaftet. - Vor weiteren Verhaftungen.

Berlin, 10. Febr. (TU.) Reichspostmini- ster a. D. Dr. Höfle, ist am Dienstag nachmittag gegen 5V2 Uhr, nachdem er zu einer Vernehmung bei Oberstaatsanwalt Dr. Linde bestellt worden war, im Gerichtsgebäude fest genommen wor­den. Kurze Zeit darauf ist gegen ihn der for­melle Haftbefehl wegen passiver Be­stechung ergangen . Wie die Blätter melden, liegen die Gründe zur Verhaftung Dr. Höfles in den Angaben Zulius Barmats, der Höfle schwer belastete. Ferner habe sich herausgestellt, daß in den letzten Tagen in den späten Abendstunden verdächtige Kisten aus der Villa Dr. Höfles fortg^schafft worden seien. Die Verhaftung fei also wegen Verdunke­lungsgefahr erfolgt. Wie dasD. T." hört, ist der Zentrumsabgeordnete Lange -Heger- Mann vom Vorstand der Zentrumsfraktion des Reichstags aufgefordert worden, fein Reichs - tagsmandat niederzulegen. Lange- Hegermann ist dieser Aufforderung bisher noch nicht nachgekommen. Die Staatsanwalt­schaft soll die Zentrumsfraktion darum ersucht haben, Lange-Hegermann zur Riederlegung seines Mandats zu veranlassen. Andernfalls würde die Staatsanwaltschaft an den Reichstag das Ersuchen um Aufhebung der Immunität stellen, da Lange-Hegermann in Untersu­chungshaft genommen werden soll.

Bauer soll aus der S. P. D. ausgeschlossen werden.

Berlin, 11. Febr. (T. 11.) Der engere Be­zirksvorstand der Berliner Parteiorganisation hat, wie derVorwärts" meldet, in seiner Sit­zung vom 10. Februar zum Fall Dauer folgen­den Beschluß gefaßt, den er dem ertocitcr» ten Vorstand zur Annahme emp­fehlen wird:Der engere Bezirksvorstand ist der Ueberzeugung, daß das Verhalten des Ge­nossen Bauer gegenüber der Partei einen so schweren Vertrauensbruch darstellt, daß die Vor­aussetzungen des § 28 der Organifationsstatuten gegeben sind. Er hält deshalb die weitere Zugehörigkeit des Gen off en Dauer für un m o g l ich."

Dr. August Müller aus der Sozialdemokratischen Partei ausgetreten.

Berlin, 10. Febr. (TU.) Staatssekretär a. D. Müller, der zur Zeit eine außerordent­liche Professur an der Berliner Universität be­kleidet, ist aus der Sozialdemokrati- schgn Partei ausgetreten. Dr. August Müller beabsichtigt, sich der De mokratischen Partei anzufchließen. Dr. Müller hat sein Mit­gliedsbuch dem Parteivorstand übersandt. Zn einem Begleitschreiben führt er aus, daß er seit seinem 20. Lebensjahre, d. h. seit 30 Zähren, der Sozialdemokratie angehört habe. Er müsse sich nun aber von ihr trennen, nachdem sie feinewiederholten Warnungen nicht beachtet hätte, ohne falsches Mitleid die Ele­mente aus zu sch al ten, die sich in Geschäfts­verbindungen mit Öen Gebrüdern Darmat ein­gelassen haben.

England und die Räumung.

Keine Verknüpfung mit der Sicherheit

London, 10. Febr. Der hiesige Vertreter des WTB. erfährt, daß die von verschiedenen Blättern heute morgen gebrachte Meldung, wo­nach der Bericht der interalliierten Kontroll­kommission in dieser Woche veröffent­licht werde, vollkommen unbegründet ist. Zn unterrichteten Kreisen hat die von aus­wärtiger Seite stammende Meldung, daß die Ueberreichung der Rote der Alliierten in der Abrüstungsfrage verzögert werde, um vorher eine gemeinsame Vereinbarung in dieser Frage zu erzielen, Befremden erregt und wird als ein Versuch bezeichnet, die Sicher- h e i t s f r a g e im allgemeinen mit der nach eng­lischer Ansicht rein legalen Frage der Räumung zu verknüpfen.

Es wird von britischer Seite erneut nach­drücklichst betont, daß die Fragen der Kölner Räumung, der Sicherheit und der inter­alliierten Schulden nichts miteinander zu tun haben und v ollkommen g e - rennt behandelt werden müssen. Rach der hier vert.e'.enen Auffassung wird die Räu­mung Kölns in dem Augenblick erfolgen, in dem Deutschland die von den Alliierten gestellten Abrüstungsforderungen durch geführt hat. Es wird in britischen Kreisen nicht ange­nommen, daß angesichts dieser entschiedenen Hal­tung der konservativen Regierung irgendwelche Schwierigkeiten seitens der französischen Regie­rung zu erwarten sind.

2Ius aller Welt.

Sturmschäden.

Ein schwerer S ü d w e st st u r m hat am Mon­tag und Dienstag über der holländischen Westküste gewütet und hat teilweise schwe­ren Schaden verursacht. Zn Amsterdam ist die Feuerwehr bis heute früh fast ununter­brochen beschäftigt gewesen, die durch losgerissene Dachrinnen, Reklameschilder und Schornsteinteile für den Fußgängerverkehr entstandene Gefahr zu beseitigen. Der Straßenbahnverkehr ist sehr stark eingeschränkt worden und hat teilweise, namentlich in den Außenbezirken, umgeleitet wer­den müssen. Der letzte von Rotterdam nach Amsterdam abgehende Spätzug hat Amsterdam erst mit vierstündiger Verspätung er­reicht, da er durch umgestürzte Telegraphen­leitungen aufgehalten worden ist. Auf der Maas bei Rotterdam ist eine ganze Anzahl Schiffe, auch mehrere große Dampfer des Rotterdamschen Lloyd, darunter dessen größtes Passagierschiff, l o s g e r i s s e n worden. Zn Rotterdam sind mehrere Straßen für den Verkehr von der Po­lizei gesperrt worden, da'mehrere Personen durch herabfallende Dachbekleidungen verletzt worden sind.

Im Untersuchungsgefängnis getraut.

Wie die Blätter melden, wurde der wegen Doppelmordes angeschuldigte frühere Berliner Polizciwachtmeister Ge rth in der Kapelle des Moabiter Untersuchungsgefängnisses getraut. Mit seiner Frau war Gerth bereits vor feiner Tat verlobt

Wettervoraussage.

Stärker bewölkt, nächtliche Wkühlung, tags­über milde, mit Regenfällen ist zu rechnen.

Das ungewöhnlich milde Wetter, das unter der Einwirkung südwestlicher Luftströmungen gestern in unserem Bezirk herrschte, dauert noch fort, wenn auch die Morgentemperaturen, durch Wärme-Ausstrahlung bei schwach bewölktem nächtlichen Himmel bedingt, wieder tiefer lagen. Der Kern der nördlichen Depression hat sich fetpaell nach Skandinavien verlagert, ohne daß ihre Ausläufer bisher unserem Bezirk Rieder- schläge gebracht haben. Zedoch besteht die Aus­sicht auf Verschlechterung der Wetterlage fort, da über den britischen Znseln und Frankreich der Luftdruck weiter beträchtlich gefällten ist und die Zufuhr ozeanischer Luft anhält.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 11. Februar 1925

* Kleingeld. Da in hiesigen Geschäfts­kreisen über Mangel an Kleingeld geklagt wird, sei darauf aufmerksam gemacht, daß die hiesige Reichsbankstelle mit reichlichen Mengen an 50-, 10-, 5°, 2- und 1-Pfennig-Stücken versehen ist und den an sie herantretenden Ansprüchen wird genügen können.

Das Brot wird teurer! Die Zwangsinnung für das Däckergewerbe im Land­kreis Gießen zeigt an, daß sie vom 11. Februar (Mittwoch) ab den Brotpreis auf 80 Pfennig festgesetzt hat.

Der Zugendring veranstaltet ani Mittwoch, 18. März, ein Gitarre-Konzert (Walter Schütz - Dresden) im Saalbau Sauer. Der Rein­ertrag flieht dem Wohlfahrtsamt Gießen zu.

Der Verkehrsverein Gießen hielt seine diesjährige Hauptversammlung unter öer Leitung feines 1. Vorsitzenden, Stadtv. Winn. am Montag abend im Hindenburg ab. Gemessen an dem Besuch der vorjährigen Hauptversamm­lung war die jetzige recht gut besucht, trotzdem hätte aber die Beteiligung an diesem Abend namentlich aus den Kreisen der Geschäftswelt noch viel stärker sein müssen. Der Geschäftsbericht für das Zahl. 1924 zeigte, daß der erst seit gut Jahresfrist wiedererwachte Verein für die Ver­kehr swerbung recht tüchtige Arbeit geleistet hat: es sei in diesem Zusammenhang nur an den Slugtag im Oktober v. Z. erinnert. Zn günstigem Lichte zeigen sich auch die Ka'senverhältnisse, die dem Verein für seine bevorstehende bedeutsame Arbeit ein gutes Rückgrat gewähren. Geschäfts­bericht und Rechnungsablage fanden die e.nftim- mige Billigung der Versammlung. Der Vorstand wurde in der bisherigen Zusammensetzung wieder- gewählt und durch Zuwahl einer Anzahl Herren noch erweitert. Cs sollen nun innerhalb des Vorstandes Ausschüsse für die Spezialbearbei­tung bestimmter Fragen gebildet werden. Für die Tätigieit des Vereins im neuen Geschäftsjahr wurden von dem Vorsitzenden und in der Aussprache aus der Versammlung heraus reiche Anregungen geben. Znsbesondere beschäf­tigte man sich mit der Frage der Errichtung einer §e ft balle, die im Znteresse der Ver­kehrswerbung von allen Seiten als erwünscht, ja als notwendig bezeichnet wurde. Heber die Platzfrage waren die Ansichten geteilt, doch scheint eine Mehrheit für die Errichtung dieses Baues auf dem Trieb zu fein. Einmütig war man in dem Entschluß, daß sich der Verlehrs- verein mit ganzer Kraft für die Verwirklichung dieses Planes einsetzen wird. Weiter wurde Be­schwerde geführt über zu geringe Abend- und Rachtbeleuchtung der Straßen unserer Stadt: es wurde von der Stadtmehr Licht" gefordert. Schließlich kam man noch auf die Fragen Gießen- Wicseck, Zndustriegewinnung, Belebung der Mes­sen usw. zu sprechen. Wie der Vorsitzende be­tonte. wird sich der Vorstand bemühen, allen Anforderungen der Verkehrsordnung mit Sorg­falt gerecht zu werden, er erbittet dazu aber auch die eifrigste Unterstützung durch die Ge­schäftswelt, in deren Znteresse diese Arbeit ja in erster Linie geleistet wird.

D i e Vereinigung für Feuer» bestattung für Gießen und 11 m- gegend beschloß in einer am Sonntagnach­mittag im Rebstock hier stattgehabten, gut be­suchten Versammlung, den von der städtischen Daukommifsion vorgcschlagendn Bau eines Ver­brennungsofens auf dem Reuen Friedhof durch Zahlung eines großen jährlichen De trags zur Amortisation der Dausumme, sowie durch Zeich­nung von Anteilscheinen zu fördern, so daß zu hoffen ist, daß mit Beginn des Frühjahrs mit ten Bauarbeiten begonnen wird. Bei der regen Aussprache kam klar zum Ausdruck, daß der Bau eines Verbrennungsofens für Gießen schon längst hätte erfolgen müssen, zumal in der Rach- kriegszeit kleinere Städte wie Gießen den Dau gewagt haben, der hiesige Friedhof bald wieder belegt und im benachbarten Wetzlar die Er­bauung von den städtischen Dehörden bereits beschlossen ist. Der Verein in Suhl hat 7000 Mitglieder und Hatte das erst vor Zahresfrist errichtete Krematorium bereits die 100. Ein­äscherung. Cs wurde dringend empfohlen, für beglaubigte Anordnung der Feuerbestattung zu sorgen. Der Vorstand ist hierzu zu jeder Aus­kunft bereit.

** Frauengruppe der Deutschen Volkspartei, Man berichtet uns: Am Mon­tag veranstaltete nach längerer Pause die Frauen­gruppe der D. Vp. eine gut besuchte Mitglieder­versammlung im Hindenburg. Frl. Maria Birnbaum gab einen trefflichen Heberblick über dic politischen Ereignisse der letzten Wochen. Sie sprach zuerst über die Regierungsbildung im Reich und entwarf dabei ein lebendiges Tild von dem neuen Reichskanzler Dr. Luther, in dessen Persönlichkeit sich nüchterner Tatsachen­sinn mit warmer Daterlandsl ehe vereinige. Die Rednerin skizzierte sodann das Regierungspro­gramm, das der Kanzler in seiner Antrittsrede bekanntgegeben. Allem Anschein nach kann man dem neuen Reichslabinett vol'es Vertrauen ent­gegenbringen. Sodann ging Sri. M. Birnbaum zur Frage der Regierungsbildung in Hessen über. Sie wies auf die Schwierigkeiten hin, die durch dic Zahlenverhältnisse der Fra'tionrn und ihre politische Haltung verursacht würden, und erwog eventuelle Lösungsmöglich eiten. Zn der anschließenden Pause erfreuten Frau Fischer, Frau Laqueur. Frau Popp ort und Fmu Schudt durch musikalische Vorträge. F.l. Maria Birnbaum ergriff sodann wieder das Wort. Sic sprach von der politischen Schulungswoche zur Bekämpfung der Schuldlüge, die in Darm­stadt stattgefunden. Dssr Zweck der Veranstal­tung sei gewesen, die den verschiedensten Par­teien angehörenden Teilnehmerinnen mit autben