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Fall ist es eine herzerquickende Freude, wenn man in so mancher Schule sieht, wie da alles lebt und quillt, wo dem Kinde erlaubt ist, selbst schöpferisch zu sein, ganz aus seinem eigenen Erleben heraus, wie das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ein so ganz anderes wie früher ist. Wenn man da jo manch strahlendes Kinderauge sieht, muß man sich sagen, daß hier Lichter angczündet worden sind, deren Flammen man früher erstickte. Wenn man sich noch so sehr dagegen wehrt man muß sich damit abfinden, die heutige Zeit fordert etwas anderes, ihrer Eigenentwicklung angepaßt. Alles -schimpfen über Religions«, über Gottlosigkeit wird da nichts nützen, sondern eher das Gegenteil dessen Hervorrufen, was man erreichen möchte.

Sie stellen fest, daß sich Tausende und Aber­tausende von der Chriftusreligion abgewendet hat­ten. Herr Pfarrer Weck, haben wir als Christen das Recht, andern die Religion abzusprechen? Wissen wir, wie mancher Gottsucher vielleicht um seine Religion kämpft? Biele tragen mehr Lichtesjehn- sucht in sich als so mancher Kirchenchrist, der manch, mal nur aus reiner Gewohnheit und nicht aus innerem Bedürfnis heraus zur Kirche geht. Es gab noch keine Zeit, in der man so sehr nach Licht, noch mehr Religion verlangte als gerade jetzt. Was ist Religion? Der Inbegriff der höchsten, selbstlosesten Liebe. Religion ist nicht Schimpfen und Eifern, wie man dies heute leider in inancher Kirche hören muß. 6a, warum flüchten jetzt so viele aus der Kirche und suchen anderswo ihren Gott? Ist man sich denn immer noch nldit des (auch göttlichen) Gesetzes von Ursache und Wirkung bewußt? Richt von der Chriftusreligion wendet man sich ab, son- dern von der Kirche. Was sucht man denn uro an« ders? Es ist doch das inbrünstige Suchen, die Sehn« sucht nach Gott. Fragt man sich denn nicht einmal: Tragen wir nicht selbst Schuld daran? Unser Hei« land ging, als er bei demaueermählten" Volke kein Verständnis fand, zu denHeiden" und fand dort mehr Glauben als hier. Ist es denn nicht Pharisäerhochmut, wenn man behauptet, die andern hätten keinen Gott? Erkenne dich selbst und deinen Gott in dir, das ist der Schlüssel zu der höchsten Form der Liebe, zur Güte, zum Dulden, zur De­mut. Ist der ein Christ, der lieblos von andern denkt? In manchem Herzen derjenigen, die man so gern als religionslos hinstellt, steht die Christus- gestalt als leuchtendes Vorbild all ihrer Handlungen. Hochmut, Verachtung säen so viel bösen Samen. Dieser geht nur zu üppig auf und zeitigt die ent­sprechende Frucht. Darum: Wahre Religion ist Liebe, Duldung, liebevolles Verstehen. Unser Er­löser war die Verkörperung wahrer Religion.

Diel wird in der Gemeinschaftsschule erreicht, im Sinne des gegenseitigen Verstehens und Dul­dens. Wenn man dem Kinde, das doch von sich selbst aus nie einen Unterschied macht, solche krasse Kluft von Mensch zu Mensch schon in allerfrühester Jugend beibringt, was soll das erst im späteren Leben werden? Und es füll doch mal ein Hirt und Herde werden, nach unseres Heilandes Ausspruch. Wie denkt man sich die Verwirklichung dieses Chri- stusgedankens? Wir sind alle eines göttlichen Ur­sprunges. Der Mensch schuf sich selbst die verschiede­nen Formen. Run reibt er sich wund daran. Sollte das in Gottes Willen liegen? Das will mir nicht einleuchten. Wieviel kostbares Blut floß schon um dieser Formen willen, wie reißen sie Schichten eines Volkes auseinander! Welche Quelle von Hetzerei, Haß, Gewalttätigkeit sind sie! Ist das christlich, göttlich? Dies ift ein unlösbarer Widerspruch. Man sollte doch das Wort christlich nicht so oft gedankenlos im Munde führen, ohne einmal ernstlich darüber .nachzudenken, was es in sich birgt.

Ich traue Ihnen zu, Herr Pfarrer, daß Sie auf l dem von Ihnen vorgeschlagenen Wege das Gute , wollen. Aber wir Menschen denken und urteilen * eben aus dem Maße unserer Erkenntnis heraus. , Wir müsien aber dabei ein gegenseitiges Dulden üben und nicht andern ein böses Wollen unterschie« den, die anders denken. Bereitschaft zum Verstehen Andersdenkender und Liebe sind Kriterien wahrer Religion, die allerdings nicht identisch mit Kirche sein kann, weil sie zu universell ist.

Don vornherein muß ich es ablehnen, auf cheo- logische Auseinandersetzungen, die mir nicht liegen, einzugehen, glaubte aber. Ihnen das ausführen zu müssen, was manche Frau beim Durchlesen Ihrer Darlegungen empfand.

Mit vorzüglicher Hochachtung!

Hedwig Welter.

Ronnenroth, den 3. Dezember 1925.

Oberhessen.

Lanvtreis GLesren.

: Aus dem Dusecker Tal. 9. Dez. Der hohe Schnee und der starke Frost der letzten Tage lassen unsere Wald - und Feld­bewohner große Not leiden. Der gefrorene Schnee kann von den Tieren und Dögeln nicht weggekraht werden, und nun leiden drese bit­te r e n H u n g e r. So kommen bis in die Hof­reiten hinein die Raben geflogen, um die Lleberreste von der Hausschlacht auszuzehren. Goldammern, vereinzett auch Hauben­lerchen, Amseln und viele Meisen suchen das Dorf auf, um durch mitleidige Menschen gegen den bittersten Hunger geschützt zu werden. Selbst der scheue Eichelhäher, in unserer Ge­gendM o r i g ä k e r" genannt, wagt sich be­reits in die Gehöfte, und Grünspechte picken an dem Mörtel der Häuser, vergeblich nach Ungeziefer suchend. Rebhühner, sonst so scheu und ängstlich, wagen sich bis in die Dorfstrahen hinein und können von den Kin­dern eingesangen werden. Freund Langohr, unser Feldhase, sucht die Hausgärten auf, um nach Kohlstrünken und liegengebliebcnem Ge­müse zu suchen. Rur ein Bewohner des Wal­des hat jetzt noch reiche Tafel. Es ist der Fuchs. Rie ist es ihm leichter gewesen, seine Opfer, die jetzt auf der Nahrungssuche alle Bor­sicht außer acht lassen, zu fangen. Ungeniert kommt er bis in die Ob Igärten dicht am Dorf­rand. So konnte der Schreiber dieser Zeilen vor einigen Tagen 2 Füchse beobachten, die kaum 100 Meter von ihm seitwärts von der belebten Landstraße sich damit beschäfttgten, unter dem aufgewühlten Schnee die hartgeForcne Erde nach Mäusen zu durchsuchen. Und n -r ganz wenige Meter davon trollten unbeda . 2 Feld­hasen, gar nicht der Gefahr achtend, die so nahe bei ihnen war.

(.) Bersrod, 9. Dez. Der Verbindungs­weg von Bersrod nach der Kreisstraße Winnerod R e i n hv r d s h a i n war längs desBuchwaldes" in einer undenkbar schlechten Verfassung. Kam es doch bei schlechtem Wetter vor, daß selbst leere Wagen stecken blieben. Mit einem geladenen Wagen hier durchzukommen, war ein Ding der Unmöglichkeit, und man mußte den weiten Umweg über Winnerod machen. Daß dieser Zustand sich jahrelang halten konnte, hatte seinen Grund darin, daß hier zwei Interessenten in Betracht kom­men, daß nämlich an dem Wege nicht nur die Gemeinde, sondern auch der Staat als Eigentürner desBuchwaldes" interessiert ist. Run ist endlich eine Einigung erzielt worden. Die Gemeinde liefert die zum Bau des Weges nötigen Steine und läßt sie anfahren, während der Staat die Arbeit ausführen läßt. Zu diesem Zwecke hat die Gemeinde unweit der herzustellenden Straße ein Grundstück erworben, wo die Steine gebrochen wer­den. Die Arbeiten haben bereits begonnen, können aber des hohen Schneefalles wegen nur schlecht gefördert werden, und mancher Arbeiter, der bis Weihnachten ein Stück Geld zu verdienen hoffte, sieht sich nun leider in seiner Hoffnung aetäuscht. Wie alljährlich, so sieht man auch in diesem Jahre wieder hie und da junge Bäume, deren Stämme mit Stroh gegen Hasenfraß umwunden find. Bei dem hohen Schneefall vor 2 Jahren konnte hiebei des öftern die Beobachtung gemacht werden, daß die Stämmchen unter dem Stroh vollständig geschält waren. Die Misietäter waren in diesem Falle Mäuse. Da wir gegen­wärtig wieder hohen Schnee haben, so ist sicher anzunehmen, daß manchem Bäumchen das gleiche Schicksal droht, wenn es nicht gar schon davon ereilt worden ist. Wer also seine jungen Obstpflanzungen durch Stroh geschützt hat, wird gut tun, dieselben nachzusehen und das Stroh durch Dornen, Reisig oder Draht au ersetzen. Da der Schnee den Meisen uno Spechten einen Teil ihrer Nah­rung entzogen hat, so suchen sie die Bienen- ft ä n b e auf, und manches Volk kann durch ihr Klopfen zugrunde gerichtet werden. Namentlich ist dies bei abseits stehenden Ständen der Fall. Ans Merger darüber greifen nun die Imker hier und da zu dem F l o b e r t, und mancher dieser Vögel muß auf der Suche nach Nahrung, sein Leben lassen. Das ist schade, und und brauchte nicht zu fein. Ein geräuschlos gehendes, aus Holz oder l'-'chtem Blech hergestelltes Windrädchen, das vor dem Bienenstand angebracht wird, genügt, durch feine Bewegung die Störenfriede zu ver­treiben.

7 Grünberg. 8. Dez. Die Deutsche L o l k s p a r t e i hielt am Sonntag im -Hotel Hirsch" einen Familien ab end ab, der bei gutem Besuch einen vortrefflichen Verlauf nahm. Ein Vortrag des Provinzialgeschäftsführers Wei­ßer von Gießen über Deutschlands Geschicke m der Vergangenheit und Gegenwart mit einem Aus­blick in die Zukunft fand lebhaften Beifall. Die übrigen Stunden der Veranstaltung brachten beste Geselligkeit. Mit dem gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes klang der Abend aus. Der hie­sige Vogelsberger Geflügelzucht ver­ein brachte in feiner Ausstellung nur erstklassiges Material heraus. Zahlreiche Orte aus der Umge­bung waren auf der Schau vertreten. Es erhielten Ehrenpreise: Karl Rühl- Grünbertz (gestreifte Ptymouth-Rocks-Hühner) 2 Ehrenpreise: Reitz- Stockhausen (Houdan-Hühner) 2 Ehrenpreise, H o - g i) ° Klein-Eichen (schwarze Hamburger), Theiß- Stockhausen (rebhuhnfarbige Italiener), Maus- Ruppertenrod (Silberbrackel) je einen Ehrenpreis. Für Tauben erhielten Fr. I ö ck e l I.-Grünberg (blaue Straffer), Ohlemotz - Keffelbgck) (hessische Kröpper), S p r a n k e l - Lauter (Schönheits-Brief­tauben) und Biedenkapp-Münfter (Koburger Lerche) je einen Ehrenpreis. Hch. Schmidt aus Saasen erhielt für weiße Enten einen Ehrenpreis. Außerdem wurden noch zehn erste, zweite und dritte Preise vergeben. In der Ausstellung von Futterartikeln erhielten Diplome: Franz Sarx und August Röhm von hier. In einer öffent­lichen Handwerkerversammlung unter dem Vorsitz von Herrn Don-Eiff fprach Archi­tekt Jäger über den Stand des Handwerks in der heutigen Zeit. Es kamen dabei zahlreiche Sila­gen des Handwerks zum Ausdruck, wie Fortbil« dungsick'ule, Bezahlung der Geschäftsleute, Ans« ftellüng von Wechseln, Geschäftsaufsicht, die Preis­abbaufrage, Gewerbeabgabe usw., wobei auch Dor« würfe gegen die Handwerkskammer gerichtet mür­ben. Zu deren Verteidigung sprachen der Hand- Werkskammerpräsident No hl von Darmstadt, der sich auch darüber beklagte, daß die Handwerks­kammer zu dieser Versammlung nicht eingeladen worden sei, sondern erst über Alsfeld von ihr ge­hört habe, ferner Adg. Haury-Darmstadt und Handwerkskammerdirektor S ch ü 11 le r - Darmstadt. Trotz längerer Aussprache mit den Darmstädter Herren konnte keine Uebereinftimmung erzielt werden. Es wurde beschlossen, demnächst eine wei­tere Versammlung abzphalten. Auch in unserer Gegend kommt das hungernde Wild immer "er an die menschlichen Siedlungen heran, um dort Hilfe zu suchen, da es in Feld und Wald bei dem hohen Schnee keine Nahrung mehr findet. Hoffentlich wird den armen Tieren überall tatkräf­tig geholfen. Auch die darbenden Vögel ver­gesse man nicht!

- Steinbach, 9. Dez. Eine recht rührige Tätigkeit entfaltete seit einiger Zeit wieder der älteste der beiden hiesigen Turnvereine, derTurnver­ein Steinbach". Nicht allein auf turnerischem Gebiete ist der Verein auf der Höhe, sondern er ist seit einigen Wochen auch dazu übergegangen, inner­halb seiner Reihen eine Gesangsabteilung zu bilden. Dieser gehört eine stattliche Zahl guter Stimmen an, ihre Ausbildung liegt dem altbewähr­ten hiesigen Dirigenten L. Horn ob. Der Verein wirb in diesem Winter der hiesigen Einwohnerschaft eine Abendunterhaltung bieten, in der neben guten turnerischen und theatralischen Vorführungen auch das erste Auftreten der Gesangsabteilung zu er- warten ist.

T) Lich, 9. Dez. Zur Zeit sind in unserer Stabt 30 Erwerbslose mit 24 Frauen und 37 Kindern vorhanden. Taatäglich wächst diese Zahl. Eine ganze Anzahl entlassener Arbeiter ist z. Z. beim Eismachen hiesiger Gewerbebetriebe, rote Brauereien und Metzgereien beschäftigt. Ist diese Arbeit beendet, dann muß die Erwerbslosenfürsorge wieder in Anspruch genommen werden. Dem Ver­nehmen nach hat die Stadtverwaltung den Aitsbau verschiedener Straßen ins Auge gefaßt und die Genehmigung zur Förderung dieser Arbeiten aus Mitteln der Erwerbslosenfür­sorge bereits an zuständiger Stelle erwirkt. Bei der am 1. Dezember d. I. oorgnommenen Vieh- Zahlung wurde in der Stadt Lich, einschließlich der Gemarkungen Hof-Albach, Mühlsachsen und Kolnhausen, gezählt: 178 (164) Pferde, 625 (686) Stück Rindvieh, 499 (542) Schafe, 616 (715) Schweine, 280 (332) Ziegen, 3617 (3945) Stück Federvieh, 77 Kaninchen und 13 Bienenstöcke. Die in Klammern gesetzten Zahlen stellen das vorjäh­rige Ergebnis dar.

df. Langsdorf, 9. Dez. Sn her vav- gangenen Woche war bei dem Viehstand einer hiesigen Viehhändlers die Maul« und Klauenseuche sestgestelli worden. Daraufhin wurde das Vieh abgeschlachtet, und man glaubte, somit die Seuche unterbunden zu haben. Doch nun ist auch bei dem Vieh des Nachbars des Händ­lers dieselbe Kranlhrit festgestellt worden. Gestern fand hier Treibjagd statt. Der Be- stand an Wild ist, wie vielerorts, gering, so daß nur 32 Hasen zur Strecke kamen.

Kreis Bnvingen.

"Büdingen, 9. Dez. Die am Freitagabend im Hotel Stern stattgesundene Versammlung der Deutschen Dolkspartei war recht gut besucht. Der Geschäftsführer der Partei, Herr- Weißer aus Gießen, verstand es, durch seine Haren, tiefschürfenden Ausführungen die Auf- mertfamleit der Anwesenden zu fesseln. DieUnter­zeichnung der Locarnoverträge mußte er­folgen, um die wirtschaftliche Lage be8 deutschen Volkes zu erleichtern und um zu verhindern, bau ein neuer Feindbund gegen Deutschland geschaffen wurde. Frankreich, England und Belgien hätten sich auch ohne Deutschland verständigt. Deutsch­land hatte bann aber keinen Vorteil aus dieser Verständigung ziehen können, sondern den Nach­teil der Isolierung gehabt. Als Teilhaber der Partie war es ihm aber immerhin möglich, ge­wisse Vorteile zu erlangen. Diese Vorteile, die wir als Rückwirkungen der ßoearnooerträge bezeichnen, wären sicher aber größer, wenn nicht die Deutsch- nationale Dolkspartei die Stoßkraft der deutschen Negierung durch ihren, im allerungünstigsten Zeit­punkt erfolgten Austritt aus der Neaierung ge­lähmt häckde. Prof. Dr. Dingel de in ver­suchte. in der sich anschließenden Diskussion die Haltung der Deutschnationalen Volkspartei zu rechtfertigen. Sowohl der Redner des Abends, als auch Oberstudiendirektor Dr. Keller, der In ganz besonders feiner Weise das Verhältnis der Deutschen Dolkspartei zur Deutschnationalen Volkspartei, der früheren konservativen Partei Deutschlands, kennzeichnete, vermochten seine Aus­führungen zu widerlegen.

y. Nidda, 9. Dez. Als Nachfolger des in den Ruhestand versetzten Oberamtsrichters Iustizrat Röm Held dahier ist Amtsrichter Krug von Gernsheim in diesen Tagen hieher gezogen und wird seinen Dienst in den ersten Tagen antreten. Gerichts« assessor Herber, der bisher hier eine Richterstelle versah, ist nach Büdingen versetzt worden.

Nidda, 9. Dez. Heute würde hier der C h r i ft m a r k t abgehalten. Da noch gestern starke Kälte herrschte, wagten es viele Schweinezüchter nicht, ihre Ferkel hier zu Markte zu bringen, obgleich heute morgen schon mildes Wetter eingetreten war. Demzufolge war der Auftrieb von Ferkeln nur mäßig. Sie behielten die seitherigen Preise. Das Paar 78 Wochen alte Ferkel kostete durchschnitt­lich 5056 Mark. Auf dem Krämermarkt waren mehrere Verkaufsstände aufgefchlagen. Der Fremdenverkehr war aber nicht bedeutend, haupt­sächlich wegen der herrschenden Geldknappheit.

Echzell, 9. Dez. In körperlicher und gci« ftiger Frische feiern heute die Hrch. Wilh. Wagner Eheleute das Fest der goldenen Hochzeit. Vom Kreisausschuh wurde die angefochtene hiesige Gemeinderatswahl für ungültig erklärt, io daß in Kürze eine nochmalige Wahl ftattfmbet.

Blofeld, 9. Dez. Die Annahme der Forst- beamten, daß sich Wildschweine in dem zwi- schen Horloff« und Niddatal hinziehendenMark- roald" aufhalten und an jungen Fichtenbeständen schon erheblichen Schaden verursacht haben, hat sich b e ft 8 t ig t. Dieser Tage sah der Iagdaufseber Kart Siebe L ein Tier aus dem Walbe auf das an- grenzenbe Felb kommen. Leiber konnte ber Schwarz­kittel nicht geschossen werden, da er plötzlich Kehrt machte und dem Walde zueilte. Jedenfalls treibt der Hunger die Tiere auf das Feld, da auch in hiesigen Wäldern eine ziemlich hohe Schneedecke liegt. '

KreiH Schotten.

ld. Schotten, 9. Dez. Schon das Jahr 1924, aber besonders der Sommer 1925 hatte ein wahres Basaltfieber" ins obere Niddatal ge­bracht. Von morgens früh bis abends spät hallten die Sprengschüsie durchs Tal. Auswärtige Unter­nehmer übernahmen bereits erschlossene Brüche, leg­ten auch noch neue an. Auch Einheimische wurden vomBasaltfieber" ergriffen und versuchten^ ihr Glück: Der Pflasterstein beunruhigte die Gemüter! Die neue Industrie blühte, bis nunmehr die allge­meine schlechte Wirtschastslage nach und nach alle

Franziska.

Roman von LieSbet Dill.

16. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Franziska atmete schwer Seine eindring­lichen Worte drangen ihr ins Herz; so hatte lange niemand mehr zu ihr gesprochen, so warm, so unegoistisch, so anständig und so vornehm! .Was braucht eS Schwüre?" sagte sie.3d) hab dich lieb, und wir gehören unS wieder."

Er ergriff ihre Hand und preßte sie leicht. Ich verlange keinen Schwur, was unsere Zu­kunft betrifft. Es gehen Ehen auseinander, und es werden Schwüre gebrochen... ich will nur eines wissen, Franziska, warst du mir treu?"

Er sah sie fest, durchbohrend an, feine Stimme hatte sich gesenkt, als ob er sich schäme, das zu fragen, llnb er wartete mit einem Hämmern feines Herzens. Die Entscheidung seines Lebens hing von ihrer Antworrl ab: davon, daß sie die Wahrheit sprach.

Franziska antwortete nicht gleich Wenn er später in feinem Leben an diesen Augenblick zurückdachte, der für sie beide entscheidend war, und sich mit Bitterkeit ihres Zögerns erinnerte, zuckte er die Achseln und nannte sich einen Toren. Aber daran tat er unrecht, denn was in Fran­ziska in diesem Moment kämpfte, war echt, tief, wahr. Es war etwas von ihrer Kindheit in ihr erwacht, wenn sie der Vater- mit ernsten Augen gemahnt, die Wahrheit zu sprechen, einen Augenblick schwankte sie. Aber sogleich verwarf sie ihre Antwort wieder. Sie ergriff seine Hand, die heiß war m der Innenfläche, und sagte, während es ihr rot über die Wangen flammte: GS hat dich niemand verdrängt, ich war dir treu.

Franziska I" Er zog ihre Hand an seine Augen.

Es war eine Weile still m dem halbdunklen Zimmer. Ihre 'Brust hob sich unter heftigen Atemzügen. Don ferne tarn das dumpfe Fahren eines Wagens, der aus dem Tor des Krankenhauses herausrollte, er fuhr langsam an dem Hause oorüber, wie die Wagen mit Schwer- kranken fahren und daS Licht der Laterne an

dem Eckfenster warf dunkle Schatten über Hasses schmales, rassiges Gesicht.

3d? bin bereit, London aufzugeben." sagte er,auf eine Tlniversitätskarriere muh ich frei­lich verzichten, weil ich mich selbständig machen muß, damit ich dich sobald wie möglich zu mir nehmen kaum ganz, als meine geliebte schöne Frau, auf die ich stolz fein darf. Diese Zwischen­zeit war eine Feuerprobe, du hast sie bestanden."

Er strich ihr über die Hände, in Gedanken an die Zukunft versunken, sprach er weiter:Nicht mehr das alte Leben, das Zusammensein von heute auf morgen, daß der eine nicht weiß, wird der andere auch am Morgen noch dasein ober abends wiederkommen." Sie sollte eine schöne Wohnung nehmen, diese Jnterimsboheme wollte er gar nicht sehen

Damit war Franziska sogleich freudig ein­verstanden.

Ich bin empfindlich, Franziska, in Farben, Gerüchen, Berührungen mit mir unsympathischen Menschen. Halt mir die neue Wohnung rein, laß sie für uns, wie wir uns beide füreinander erhalten wollen. Du wirst arbeiten, und das hab' ich gestern gesehen, du wirst noch etwas Großes werden, viel mehr, als ich gedacht."

Ach, wirklich?" sagte Franziska beglückt. Dieses Lob bedeutete ihr mehr als das aller Zeitungen.

21ber bann mußt du dich entscheiden: Bühne ober Che, und du weißt wohl, daß du dich jetzt entscheiden mußt...

Heute?" fragte Franziska fast erschrocken.

Heute", sagte Hasse.Wenn du dich heute bindest, Franziska." er sah sie an,sag' ich dir: aus diesem DündniS kommst du lebend nicht mehr heraus."

Franziskas Herz pochte, sie war wie be­nommen, aber über ihre plötzlich aufsteigende Angst siegte das Bewußtsein, ihn wieder ge­wonnen zu haben.

Nach einer Stunde erst brach sie auf.

Sie stand auf, knüpfte ihren leichten Taft- mantel zu und sah sich nach dem Spiegel um, um sich den Hut aufzusetzen. Er reichte ihr die Hutnadeln, die Handschuhe und den Schirm, nahm Hut unb Stock und öffnete die Tür. Sie brauchten nicht durch das Vorderhaus zu gehen.

von seiner Tür führte eine dunkle Wendeltreppe direkt in den Garten, und sie verließen daS Haus durchs diese dunkle Heine Pforte, zu der nut er den Schlüssel besaß. Es war dieselbe Türe, durch die er Elisabeth geführt, ohne von jemand gesehen zu werden.

Franziska atmete auf, als sich die Gartentür hinter ihnen schloß und sie wieder auf dem Bütgersteig nebeneinander her schritten.

^,Wann sehen wir uns, Franziska?"

Sie streifte die Handschuhe über.Heut nicht mehr, ich will mich etwas hinlegen, ich habe Kopfschmerzen.Ich möchte nicht," setzte sie zögernd hinzu, ..daß du meine Wohnung kennen lernst in der Parkstrahe.

Das ist allerdings keine gute Gegend", sagte Hasse.Dort kannst du nicht bleiben.

Also morgen um sechs an dem Weiher im Schloßgarten, nach ber Probe, ich bin an der alten Dank, wie damals."

3a, wie damals", sagte er und zog ihren Arm an sichunb es soll mir ein gutes Zeichen sein, daß wir uns bei den Schwänen treffen.

Es kam gerade ein Wagen heran, Hasse winkte ihn heran und ließ Franziska einsteigen.

Gr hatte eine so ritterliche Art, zu grüßen. daS enlpsand sie jetzt wieder, er grüßte viel­leicht eine Idee zu tief, aber es war so viel Achtung in diesem Gruß... Stephansberger nahm nie den Hut vom Kopf, wenn sie aus­einander gingen. Den Stock in der Tasche seines Mantels, ging er mit einem vertraulichen Nicken seines Lockenkopfes von bannen, llnb ihn hatte sie hergegeben um ber anderen willen, die es nicht wert waren, baß man ihretwegen auch nur im Regen einmal naß wurde, ihn, der für sie arbeiten wollte, um ihr ein sorgloses Leben zu schäften, das Leben einer geachteten, vornehmen Frau Ihr eigenes Leben kam ihr auf einmal vor wie ein dunkler Strom, ber sich vorüber- wälzte unb sie mitrih, und ihre Zukunft er­schien ihr hell unb glänzend und begehrenswert.

Der Regen hatte aufgehört. Hasse ging durch die Straßen wie befreit, das Leben schien ihm auf einmal wieder lebenswert. Er tarn an einem Safe vorbei, in dem Licht brannte, unb er trat ein. Die kleinen Tische standen von Efeuwänden voneinander getrennt, sie waren alle beseht, in einet Ecke fand er den inneren Worth allein bei

einem Cocktail. Er nahm Platz, und sie schwiegen eine Weile. Die Straßen waren noch belebt, die Menschen kamen von ihren» verregneten Aus­flügen zurück unb strömten ihren Wohnungen zu. Es lag eine eigentümliche Schwüle in ber Luft, es war noch warm brauhen. ber Himmel spannte sich wolkig über ber Stadt. Plötzlich sagte Worth mit einem Blick auf eine Dame, die raschen Schrittes mit einem sehr großen Herrn vorüberging:Dort geht Franziska mit ihrem neuesten Galan."

Hasse fühlte, wie er bleich wurde. Er sagte sehr ruhig:Wen meinen Sie mit »Franziska" ?

Run, die Giulietta. Ich farm mir die Na­men von denen nicht merken."

Hnb wen meinen Sie mit dem Galan?" fragte Hasse weiter.

Nun, den langen Stephansberger, der neu­lich abenbä den Don 3uan fang. Hat der eine Stimme, ein prachtvolles Material, aber von Don Juan keine Spur. Er hat feine Rolle her­untergesungen, als wenn er Lust hätt, bald ein großes Glas Bier zu trinken, aber die Zer° line war gut, die Franziska. Die hat sich über­haupt gemacht." Hasse hatte sich erhoben unb einen Blick auf die Straße geworfen, aber die beiden waren unter ber vorüberflutenden Menge, die eben vom Bahnhof kam, unter» getaucht. Dann setzte er sich wieder, und wäh­rend ihm das Herz schlug, sagte er ruhig, sich ein Streichholz anzündend unb es ausblasend: Lieber Worth, es wäre mir angenehm, wenn Sie sich in Zukunft etwas vorsichtig auSbrüdten; diese Dame, die Sie Franziska nennen, ist meine Braut..

Ihre was?"

Meine Verlobte."

Seit wann?"

Seit nun, sie ist es jetzt rebenfalte.

Unb Sie werden Sie heiraten?"

Sobald ich selbständig bin vorher darf ich mich Ihres Schweigens versichern?"

Aber, lieber Hasse, davon hab' ich nichts gewußt, ich dachte"

Was dachten Sie?"

Nun, ich dachte, die Franziska, entschuldi­gen Sie, bah ich ihren anderen Namen nicht behalte, sei erledigt bei Ihnen..

(Fortsetzung folgt.)

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