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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 289 Zweiter Blatt
Donnerstag, zo. Dezember 1925
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F. G.
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Dann steht nach der Pedrus drowe Bei Dir, am himmlische Tor, Du heerst, wie se brumm Dich lomc Unn Dein golbige Heinerhurnor. Doch bie Aber, aus der er geflosse, Is o w w e r h e s s i s ch e r Art! Er fließ weiter u'verbrosse So fort, so sonnig unn zart
Steppen bildend, die bei langen Reisen stark mü dend wirkt. Die Gegend zu beiden Seiten
Elastizität zu bauten, die er sich bis in sein hohes Alter hinein erhalten hat. Eine eingehende Würdigung des Kunsthistorikers Dode aus berufener Feder werden wir diesen kurzen Gedenk« Worten noch folgen lassen.
Sieg erringen wird.
Und einen Grus; der Treue zurück an die stade des Schwarzen Meeres.
Um den vielgefeierten Kunstgelehrten und Sammler, dein hochverdienten Mitfchöpfer der preußischen Museen, zu seinem 80. Geburtstag eine besondere Ehrung zu erweisen, beab« sichtigt der preußische Kultusminister Professor D. Dr. Becker namens der Staatsregierung, die Büste Wilhelm von Bodes an bevorzugter Stelle im Kaiser-Friedrich-Museum aufftellen zu lassen. Die Wahl des mit der Arbeit zu betrauen- den Künstlers, das Material der Büste und bie Art ihrer Aufstellung soll sich nach den Wünschen Wil» Helm von Bodes selbst richten.
(Ein Besuch in den deutschen Kolonien Rußlands.
Der preußische Ministerpräsident Braun hat an den Wirklichen Geh. Rat Generaldirektor a. D. Dr. von Bode folgendes Schreiben gerichtet: „Euer Exzellenz spreche ich zum 80. Geburtstage meine aufrichtigen Glückwünsche aus. Sie begehen ihn inmitten eines für die jüngere Generation noch heute vorbildlichen kunstwissenschaftlichen Schaffens unh Forschens und umgeben von der Dankbarkeit und Sympathie weiter Kreise des deutschen Volkes und ber übrigen Kulturwelt, denen Sie durch Ihre Arbeit eine reiche und schöne Welt der Kunst vergangener Epochen wieder erschlossen Haden. Möge Ihnen selbst noch ein schöner und heiterer Lebensabend beschieden fein in Ihrem Reiche der Kunst, von der — und, wie an Ihnen ersichtlich, mit Recht — das Wort gilt, daß sie den, ber ganz an ihr hängt, jung unb frisch dis ins höchste Greisenalter erhält."
Vielleicht wohl net aus — Lich?
Aha! Gelt, alleweilche, Da duckt der Heiner sich! Das will er net gern wisse, Wo manche Wiege stand, . Doch heute soll er ’s wisse. Der Heiner — unn 's ganze Land: Was iwes e Kerl gewefe, „Das woar e Owwerheß", Das steht ja schänd zu lese In ahlde Hesseschbäß.
Bedelle unn Minisder Jnschbekdern unn Revisor« Beamte in alle Stelle In Owwerhesse! — sinn se gebom. Aach Du, mei' Robert Schneider, Ich sag' es grab eraus
21 us Zufall schdammst D e — leider —
Ret direkt aus unserm Haus. Del Dadder, Sei Mutter, weißt De, oinn net vom „Heinerschdamm" Unn alleweil! Gell, da schweisde Schdill wie e Osterlamm.
„Du bist ein Schwanensträßer!" Ach, wie das fiernehm klingt, Unn host viel Laufend Leser Wann 's Herz aus Dir erklingt. Doch bist De do' Fleisch unn Blude E richtiger Owwerheß, Das is an Dir das Gude, Was niemals net vergeß!
Ich will Dich net verkleinern. Da denk ich gar net dran, Ihu Du nur weiter „Heinern", Du tannffs, wie's taner kann! Unn wenn der Zahl nach hunnert Deiner Jahr oergange fein, Unn Dich noch mancher bemunnert An Dei'm Denkmal aus Erz oder Stein —
feste Wille, wieder die alte Blüte zu erreichen, bei ben Kolonisten vorhanben ist, hat mir ber Besuch *..... ein-
Wilhelm von Bode.
Wilhelm von Dode wird am 10. Dezember 80 Jahre alt. Unter seiner Leitung hat das Berliner Museumswesen einen ungeahnten Aufschwung genommen. Seit 1812. von der Zeit an, da Dode die Leitung der Berliner OKufren übernommen hat, setzt zum ersten Male in Berlin ein systematisches, bewußtes und ziel- volles Sammeln von Kunstwerken ein. Als Ende 1904 das oeaiser - Friedrich - Museum eröffnet wu.de, das vollständig das Wert Wilhelm von Bades ist, war durch feine ausdauernde und entschlossene Tätigkeit bereits eine Reihe von Bildern und Bildwerken zusammengestellt worden, wie sie kein Museum der Welt besah. Seitdem hat Dode die Berliner Sammlungen ständig durch die wertvollsten Erwerbungen bereichert, er wußte die Kreise der Freunde und Sammler an sich zu ziehen und zu begeistern, er hat es du chgeseht, daß seinem Mus.um die großartig- st en Schenkungen zugewendet wurden: 1904 wurde von James Simon die bedeutende Kollektion italienischer Renaissancetunst überwiesen, 1918 folgte der ersten eine zweite Sammlung, deren deutsche Werte im künftigen Deutschen Museum aufgcflelU worden f.Len. Dode hat weite kunsthistorische Gebiete der Wissenschaft erschossen; wenn heute die Berliner Museen zu den bedeutendsten der Welt zählen, ist das seinem Organi- fationStalent, seinem Forschergeist und feiner
gemäß unsere Felber zu bestellen unb bie völlig auegeplünberien unb auigezchrten Vorräte zu ergänzen" berichtet mir ein Kolonist, ber im Jahr» 1918, als bie Deutschen bas Land besetzt hatten, wie viele seiner Lanbsleute ins deutsche Heer cingetreten war. „Uederhaupf", so höre ich allgemein lagen, als wir aui bie deutsche Besetzung Sübruhlanbs im Jahre 1918 zu sprechen kommen, „war bics die beste Zeit, bie wir bisher in südrußlanb erlebt haben". „Niemals werde ich", sagte bie Wirtin, ein alles Mütterchen, „bie Stunde vergessen, wo die ersten beutschcn Soldaten ins Dors einrückten, jubelnd begrüßt von der ganzen Bevölkerung. Aber nur zu bald folgte die traurige Stunde, in der sie uns verlassen mußten und uns dem wilden Bürgerkrieg überließen." —
In allen .Kolonien, die ich zu besuchen Gelegenheit habe, finde ich überall dasselbe Bild. Furchtbare Schäden des Bürgerkrieges unb der Hungersnot, trotzdem aber deutliche Zeichen des beginnenden Wiederaufbaus, den die russische Negierung jetzt durch eine klügere Politik gegenüber den nationalen Minderheiten nach Kräften zu unterstützen sucht. Man hat sich besonnen, welche Werte der deutsche Bauer zu schaffen vermag, wenn er sich frei entwickeln kann. Deswegen hat die Regierung auch mehr und mehr alle Sozialisierungsversuche in den deutschen Kolonien fallengelassen, mit denen sie in den ersten Zeiten des Kommunismus die deutschen Bauern zu beglücken gedachte, und die zu folgenschweren Kämpfen geführt haben. Allmählich ist Ruhe und Sicherheit wieder in den Kolonien eingekehrt, man kann seiner Arbeit wieder nachgehen, ohne jeden Augenblick für sein Leben fürchten zu müssen. Trotzdem ist aber die Armut allgemein. Es fehlt am Nötigsten, besonders an landwirtschaftlichen Maschinen, die während ber letzten zehn Jahre nicht haben erneuert werden können und häufig durch die Plünderungen unb sinnlosen Brandschatzungen der Revolutionszeit zerstört worden sind. Der Ausbau und der Fortschritt gehen daher nur langsam voran, und es wird noch eines vollen Jahrzehntes angestrengtester Arbeit unb ausbauernben Fleißes unserer beutschen Landsleute in Südrußland bedürfen, ehe man wieder von geordneten unb wirtschaftlich gefunbeten Verhältnissen an ben Gestoben des schwarzen Meeres wird sprechen können. Daß aber die Kräfte unb ber
Von unserem p.-Mitarbeiter*).
II. An den Gestaden des Schwarzen Meeres.
Mein jetziges Reiseziel find die deutschen Kolonien am Ufer des Schwarzen Meeres, wo deutsche Bauern schon feit fast 150 Jahren wohnen unb ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen haben, das ganz Südrußlanb seinen Stempel aufgebrürft hat. Hier in Südruhland finden wir fast alle deutschen Stämme friedlich zu gemeinsamer Arbeit vereint, so Hessen, Württemberger, Elsässer, Mennoniten aus Norddeutschland und viele andere. Auch sie sind der Aufforderung Katharinas II., in Südrußland Kolonien zu gründen unb ber einheimischen Bevölkerung in Landwirtschaft und Handwerk ein Beispiel zu geben, gefolgt und aus ihrer alten,' zu eng geworbenen Heimat in biefes damals so wilde und unwirtliche Steppenelcnb gewandert. Diesen fleißigen deutschen .Kolomflen verdankt Rußland im wesentlichen seine vor dem Kriege so geroaltiae Menge an Ueberfchußgetreide, die es jährlich auf Den Weltmarkt "bringen konnte. Diese deutschen Kolonisten bildeten das Rückgrat der Ukraine, der Kornkammer Rußlands. Von allen deutschen Dauern in Rußland haben sie die wirtschaftlich machtvollste und kulturell höchste Stellung erreicht, bis der Krieg mit seinem blinden Haß gegen alles Deutsche die Entwicklung jäh unterbrach und auch diese Kolonien hat verarmen lassen. —
Der Nachtschnellzug von Charkow, der neuen Hauptstadt der Ukraine, nach Odessa am Schwarzen Meer ist bis zum Bersten überfüllt. Nur die Hälfte aller Reisenden hat einen Platz finden können, sonst ftebt man in den Gängen ober hat sich nach echt russischer Art in malerischen Gruppen inmitten bes gewaltigen Gepäcks, bas bie Russen selbst auf klei- ren Reisen mitzuschleppen pflegen auf dem Fußboden niedergelassen. Der Zug braust durch bie tief- buntle russische Steppennacht und mit aufbämmern- bem Morgen geht es bei Krementschug über den breiten Dnjeprstrom, der im fahlen Morgenlicht mit den eben verlöschenden Nachtlichtern einen ge- spenfterhasten Eindruck macht. Der Nebel zieht langsam über die Flußniederung; es ist bitterkalt im Zuge. Allmählich zerteilt sich der Morgennebel und wir befinden uns auf schneller Fahrt durch bie weite baumlose Steppe, aus ber nur hin und wieder ein kleines Russendorf am Horizont auftaucht. Das Land ist weit unb breit flach wie ein Tisch unb wird nur gelegentlich von tiefen Regenschluchten unterbrochen. Der blaue wolkenlose Himmel läßt bie Landschaft in freundlicher Morgenstimmung da- liegen.
Plötzlich verlangsamt ber Zug sein Tempo, es geht offenbar einen ber hier sehr seltenen und nur sehr sanft aus ber Ebene aufragenben Hügel hinauf. Ich sehe allgemein gespannte Gesichter unb aufgeregte Gruppen unter ben Reisenben sich lebhaft unterhalten. Als ber Zug bie Höhe erklommen unb sein Tempo sich wieber stark beschleunigt, geht sichtlich ein Aufatmen burck meine recht bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft. Die berühmte „Banditenecke", wie dieser Teil der Strecke heißt, ist glücklich überstanden! Hier an dieser Stelle, ber einzigen auf ber weiten Strecke von Charkow nach Dbeffa, wo ber Schnellzug fein Tempo so stark verlangsamen muß, haben bie berüchtigten Rauban- schlage auf die Züge ftattgefunben, inbem bie Ban- blten auf ben fahrenben Zug sprangen, bie Begleitmannschaften mit Erschießen bedrohten, die Reisen» ben, besonbers bie ber besseren Wagenklasse aus» raubten und ebenso schnell wie sie gekommen waren, auch wieber oerschwanben. Noch ber vorletzte Zug — so erzählen meine Mitreisenben — ist hier überfallen worben, ba bie Polizei diesem Banditenwesen, übrigens ein Ueberbleibfel aus der sehr unsicheren Revolutionszeit noch nicht völlig hat Herr werden können. Die weite Ebene mit ihren Regenschluchten bietet zu viele unb schwer auffinbbare Verstecke. Solche Bahnüberfälle, bie währenb ber Zeit bes russischen Bürgerkrieges an ber lagesorbnung waren, werben jetzt immer seltener, bie Polizei schasst mehr und mehr Ordnung. Trotzdem atmet aber alles sichtlich auf als diese gefährliche Ecke glücklich überwunden ist und nunmehr der Rest ber Reife an bas sonnige Gestabe bes Schwarzen Meeres, ber russischen Riviera, sorgenlos vor uns liegt.
Unser Reiseweg nähert sich beni Enbe zu, um bie Mittagszeit erscheint hinter einer Zugbiegung plötzlich das dunkelblaue, ruhig baliegenbe Schwarze Meer, einen tiefen und freudig empfundenen Gegensatz zu der weiten Eintönigkeit der südrusfischen
•) Berg!. Är. 273 des „G. A." vom 21. November.
An Robert Schneider in Darmschdadt.
En Glickwunsch zum Geburdsdag, nachdräglich unn net nachdräglich von eme ahle Owwerheß.
Gegrießt fei, Robert Schneider, Der Du in Darmschdadt wohnst Unb bort im schenr.ste Himmel. Dem Dichterhimmel, chronst. Du host die große Gawe, Zu sage, was De denkst! Dei' Mitmensche ze lawe Un se dabei net kränkst. Ich hab im Blatt gelese, Daß De wardst fufszig Iohr! — Die schennste Zeit is — gewese Das mach Dr nor jetzt kloar. Vielleicht haft De noch Locke, Vielleicht nur noch ne’ Glotz — Halt Dein' Humor nor trocke, Dein' allerschennste Schatz. Was sein dann fuffzia Iährcher, Robert, De bist noch jung! Hast froh Dich — ohne Aerger Unn bleib im ahle Schwung. Geb' immer jedem Heiner, Was Deinem Kopp entspringt. Bald grower unn bald feiner, Grad so, wie 's aus Dir klingt. Mir arme Owwerhesse, — Mir sinn noch lang net arm! Das sollte net vergesse Die Heiner an dem Samt Wer wisse — wie se denke. Dort bribb am große Woog, Mer wolle sich net zänke — Bon wege ’m Großherzog. Doch schdammt sei besser Deilche
heutigen Tag geblieben. Einen Gemeindebesitz an Land haben sie nie gekannt unb seine Einführung auch immer auf schärfste bekämpft.
So finden wir hier im eigentlichen Südrußlanb ejne große Zahl blühender deutscher Dörfer unb Siedlungen, in ben die Bauern vor dem Kriege durchschnittlich 250—40" Morgen Land besaßen, viele sogar noch wesentlich mehr. Die großen Win- schaften zeigten einen reichen unb schönen Viehbestand sowie erstklassig bestellte Felder. In hoher Blüte stand das kulturelle und kirchliche Leben. Der einzelne Bauer wie auch bie ganze Gemeinbe erfreute sich eines recht gesicherten Wohlstandes. Es bestanden deutsche Zeitungen, so z. B. eine in Odessa, die ben sprachlichen unb kulturellen Zusammenhang förderten. Der deutsche Handwerker, Bauer und Gewerbetreibende stellte einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor in Südrußland bar unb war in hohem Grabe ein Musterbeispiel für bie einheimische Bevölkerung geworben, der es auf allen Zweigen ber Wirtschaft führenb voranging. Besonbers ber deutsche Kolonist auf dem flachen Lande mit seinem ausgedehnten Getreideanbau war für ben vor dem Kriege gewaltigen Export von Weizen unb Gerste aus Sübrufjlanb von großer Bebeutung. Er lieferte bas beste (betreibe und hatte zugleich auf feinen Feldern durch seinen Fleiß und seine Kenntnisse die größten Ernten zu verzeichnen. Der bedeutende Wohlstand, dessen sich Südrußlanb vor bem Kriege rühmen konnte, beruhte nicht zuletzt auf bem Fleiß unb der Tüchtigkeit seiner deutschen Kolonisten.
Der Ausbruch des Weltkrieges mit feiner maß- losen Hetze gegen alles Deutsche unterbrach jäh diese günstige wirtschaftliche Entwicklung. Die deutsche Sprache wurde verboten unb bie Kolonien auf jebe Art unb Weise bedrückt unb schikaniert. Die Revolution unb bie sich anschließenden Hungerjahre zerstörten vollständig, was deutscher Bauernfleiß hier im Laufe von 150 Jahren durch zähe Arbeit unb ausbauernben Willen geschaffen hatte. Der Bürgerkrieg mit bem Hin- unb Herfluten von Roten und Weißen Armeen verwandelten Südrußlanb in einen wilden unb formlosen Kriegsschauplatz, auf dem nach Gutdünken gemordet und gedrandschatzt wurde. Als die Erbitterung ber deutschen Kolonisten sich im Jahre 1919 in dem sog. Großliebentaler Ausstand gegen die Bolschewisten Lust machte, hatten bie deutschen Bauen» vollends die Wut ber neuen Machthaber Rußlanbs auf sich geloben, so baß sich gegen sie jetzt ein planmäßiger Dernichtungsfelbzug ber neuen Herren Rußlanbs richtete. Hierbei war es aber nicht nur die Erbitterung über bie Teilnahme an dem Koloniftenaufftanb, sondern größtenteils auch die Habgier unb Reib auf ben wohlgefügten, burch lange Arbeit erworbenen Wohlftanb ber beutschen Dörfer, welche bie furchtbare Unter- brückung und bas außerorbentlich scharfe unb brutale Vorgehen ber Bolschewisten in ben beutschen Kolonien in ben ersten Jahren nach ber Revolution erklären lassen.
„Wir haben," so lautet bas übereinstimmende Urteil aller Kolonisten, die ich zu sprechen Gelegenheit hatte, „furchtbare Zeiten durchgemacht, in denen wir ständig zwischen Verhungern unb Derhaftetwer- ben hin unb herschwankten, ohne je unseres Lebens sicher zu fein.
Manch beutscher Kolonist ist hier über Nacht ver- haftet worben, ins Gefängnis aeroanbert, ohne baß wir ihn je wieder gesehen haben." Ueberall sahen bie Bolschewisten in ben beutschen Kolonisten die Gegenrevolutionäre und Feinde des neuen Systems, ohne an die gewaltigen kulturellen unb wirtschaftlichen Leistungen zu denken, die diese deutschen Bauern durch ihre Arbeit dem russischen Reiche ge- leistet hatten unb weiterhin unter erträglichen Zu- ftänben zu leisten bereit sind. Erst seit 2 Jahren, mit ber Milberung bes politischen Snftems, wich allmählich ber ungeheure politische unb kulturelle Druck, unter bem hier jeber Deutsche feit Jahren geftanben hatte. Der Bolschewismus erkannte, welch starke Kräfte im Deutschtum Sübruhlanbs liegen unb war von nun an bestrebt, sie bem beginnenben Wiederaufbau des Landes nutzbar zu machen. Aber welch gewaltige Schäden hatten die letzten Jahre verursacht: Die Bevölkerung betrug vielerorts kaum noch die Hälfte der Vorkriegszeit, der Viehbestand war auf einen geringen Bruchteil feines früheren Standes zurückgegangen unb bie Felber zum großen Teil unbebaut. Wie sehr langsam unb stückweise ist es in ben letzten Jahren gelungen, ben Wieberaufbau in ben Kolonien einzuleiten; es zeigte sich hier wieber allzu deutlich die alte Wahrheit, baß Zerstören leichter ist wie Aufbauen! Ueberall fehlte es am nötigsten und vor allem war bei ber völligen Verarmung burch bie enblofen Plünberungen ein voll- flänbiger Mangel an Bargelb eingetreten, ber bem Wieberaufbau bie schwersten Hinbernisse in den Weg legte. „Die gute Ernte des Jahres 1923 ermöglichte es uns zum erstenmal wieder orbnungs»
Bahn erscheint bichter besiedelt, man bemerkt eng bei- einander liegende Dörfer sowie in ber Ferne saubere und freundliche deutsche Kolonistensiedlungen, die das Ziel meiner Reise an bie Gestade des Schwarzen Meeres sind und denen ich bald einen Besuch abzustatten gedenke. Währenddessen nähert sich der Zug in schnellem Tempo Odessa, dessen Vorstädte noch heute nach fast 5 Frzedensjahren starke Spuren des Weltkrieges, der Revolutionskämpfe und des Bürgerkrieges zeigen. Zerschossene Hauser, verbrannte Mguer»», sodann altes Kriegsmaterial der verschiedensten Nationen liegt in riesigen Mengen, notdürftig auf Haufen geschleppt, allenthalben herum. Weiter geht cs in die Stadt hinein, wo schon mehr Ordnung unb Sauberkeit herrscht und deutliche Spuren des Wiederaufbaus vorhanden sind.
Am Ausgang des Bahnhofs wartet mit echt beutfdjer Pünktlichkeit, die man auf Reisen in Rußland sonst so sehr vermißt, mein freundlicher Kolonist, der mich verabredungsgemäß von hier abholen wollte, um mich mit seinem Gespann in deutschen Kolonien in der näheren und weiteren Umgebung von Odessa zu führen. In scharfem Traben geht es durch die schönen breiten Straßen Odessas, das man nicht mit Unrecht einmal das „russische Genua" genannt hat, an den Vorstädten vorbei, die nur zu deutlich noch die rauhen Spuren bes Weltkrieges unb der Kämpfe zeigen, die in ber Nachkriegszeit hier getobt haben. Heruntergebrannte Häuser, verlassene Höfe unb tote Fabriken reben eine zu deutliche Sprache von ben Folgen des vergangenen Jahrzehnts. Ich spreche mit meinem braven Kolonisten über alle biese Zeichen der Zerstörung unb die teilweise hoffnungslos schlechte Fahrstraße, über die unser Wagen schwer ächzend dahinhumpelt. Aber er winkt lächelnd ab „das kennen wir hier schon zur Genüge und sind diese Bilder schon zu sehr gewöhnt, um sie noch zu empfinden". Hinter uns lassen wir bie letzten Häuser von Dbeffa zurück unb hinaus geht es ins freie Lanb, ben ersten deutschen Schwarzmeerkolonien entgegen, bie uns schon von weitem grüßenb entgegenwinken. Nach kurzer Rast in einem kleinen Wirtshause an ber Lcmb- straße geht bie Fahrt weiter und bald erreichen wir das vorläufige Ziel unserer Reise: Großliebental, wohl die bedeutendste deutsche Kolonie um Odessa, wo mein gütiger Gastgeber wohnt und ich mein Standquartier aufschlage, um in den folgenden Tagen unb Wochen von hier aus die zahlreichen umliegenben Dörfer unb Sieblungen zu besuchen. Als im am späten Abenb inmitten meiner Lanbs- leute um ben runben Wirtshaustisch sitze, fühle ich mich balb heimisch in biesem fremben Lonbe unb höre gerne bie schlichten, boch so inhaltsschweren Berichte biefer beutschen Bauern. Hier unb auf den ausgedehnten Besuchen in den weiter entfernt liegenden Kolonien konnte ich ein Bild von der hervorragenden Kulturarbeit und bem echt beutschen Wesen dieser südrussischen Kolonisten gewinnen, das besonders durch seinen ausdauernden Fleiß auch unter ben schwersten Begmgungen von jedem Deutschen ber Heimat in ber heutigen Zeit als Vorbild genommen zu werden verdient. —
Die deutschen Bauern hier am Ufer bes Schwarzen Meeres sind ein anderer derberer Schlag wie die an ber Wolga, bie wir kürzlich besuchten: kräftiger, selbstbewußter und auch wohlhabender. Das heißt letzteres waren sie nur bis zum Ausbruch des Weltkrieges, wo man fast von Reichtum in den Kolonien sprechen konnte. Aus fast allen deutschen Gauen besonders aus Baden, Württemberg, Hessen unb Norbbeutschlanb finb die Kolonisten vor fast 150 Jahren auf die Einladung Katharinas II. nach Südrußland gezogen unb haben hier ben ganzen Norbranb des Schwarzen Meeres von ber rumänischen Grenze bis zum Kaukasus in einem über 100 Kilometer breiten Streifen mit ihren Kolonien be- fiebelt. Durch biese größere Geschlossenheit gegenüber anderen deutschen Kolonien in Rußland haben sie im Zusammenhang mit ihrer recht ansehnlichen Zahl — leben doch in ben Schwarzmeerkolonien fast - Millionen Deutsche — eine größere Machtstellung im Lande erreicht als es den einsam inmitten der slawischen Umwelt lebenden Wolgabauern möglich war. Den besonders vor dem Kriege im ganzen Lande sprichtwörtttch gewesenen Reichtum haben die deutschen Kolonisten nächst ihrem ausdauernden Fleiß vornehmlich dem glücklichen Umstande zu verdanken, daß sie von der Einführung der verderblichen Feldgemeinschaft, des russischen Mir, befreit blieben. Diese deutschen Bauern hier am Schwarzen Meer waren von 2Inbeginn an freie Bauern auf freiem Grund unb Boben unb finb es bis auf ben
Die freie Schule der christlichen Weltanschauung.
Zu dem unter diesem Titel am 1. Dezember im „Gießener Anzeiger" erschienenen Aussatz erhalten wir folgenden „offenen Brief' an den Verfasser, Herrn Pfarrer Weck, Steinfurth, mit der Bitte um Veröffentlichung.
Sehr geehrter Herr Pfarrer!
'Nicht Ihre Stellung zum Reichsichulgesetzent- wurf („Gießener Anzeiger vom 1. o.M.), sondern Ihre Einstellung gegenüber den Kreisen, die Sie, fxrr Pfarrer, als religionslos bezeichnen und Ihre Aeußerungen zu dem gegenwärtigen Geiste der Erziehung geben den Anlaß, mich über diese Dinge mit Ihnen auseinanderzusetzen. So will ich auch nur Ihre Ausführungen dieser Art berühren. Zuerst sagen Sie: „Nur wenn man zuweilen die Jugend betrachtet usw." Ja, bedenken Sie denn nicht, daß zwischen dieser Zeitspanne ber alles demoralisierende Krieg liegt, der alle Triebe menschlicher Leidenschaften entfesselte, die Zeit, in der man ben Menschen es als heilige, gottgewollte Aufgabe hinstellte, nicht zuletzt von ber Kirche, zu morden und zu zerstören? „Was ber Mensch säet, bas wird er ernten!" Ja, erwartet man vielleicht, baß als Reflex biefer furchtbaren Greuel nun eine Zeit sittlicher Höhe ein träte? Dies ginge bock gegen alle Naturgesetze. Alle Kinder, die in dieser Zeit von Müttern geboren wurden, von Müttern, denen sich all das Grauen tief in die Seele ein prägte, werben diese vorgeburtlichen Einflüsse als schwere Last unb Hemmung durchs Leben tragen müssen.
Dann werfen Sie ber Form ber heutigen Erziehung vor, sie würde sich in unnützen Experimenten unb Spielereien verlieren. Demgegenüber möchte ich sagen, baß wir wohl heute in einem ganz befonberen Abschnitt ber Entwicklungsgeschichte ber Menschheit stehen, in bem noch vieles sich wird klären und feste Form annehmen müssen. Auf jeden
in ben beutschen Kolonien um Obcssa auf bas bringlichste bewiesen. Es ist treuer deutscher Arbeitswille, der hier wie überall in ber Welt ben


