Siebener Anzeiger (General-Anzeiger sürGberhefien)
Nr. 2(2 Zweiter Blatt
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zur Demokratie genommen und versucht. In Bagdad ein Parlament zu schaffen. Bei einer Be- völlerungSzahl von etwa 3 Millionen Umwohnern stellte sich Davei die übcrrafdicnbc Zahl non g Millionen Wählern heraus, wenn man den von den Scheichen angegebenen Aal) en der Wahlberechtigten Glauben schenken wollte. Man hat daraufhin die Wahlen norläufig verschoben.
Wirtschaftlich ist die Lage Me'opotamienS
reich und namentlich für den technischen Sachverständigen interessant ist ferner die Ausstellung der Deutschen Reichspost, die die vollständige Einrichtung einer Sendestation vorführt: den durch große Glasscheiben zu betrachtenden Aufnahme- raum, in dem die Künstler spielen, singen oder sprechen, daneben den Derstärkerraum, den Bat- terie- und Maschinenraum.
Im ganzen: eine überzeugende Probe deutschen Könnens und der Nachweis, daß der Rundlunk in Deutschland nicht nachhinkt, sondern marschiert.
Die preußische Derwaltungsresorm.
Eine Denkschrift Minister Severings.
3m Preußischen LandtagLa usschuß für die Städteordnung kam eine Denkschrift deS Innenministers Severing über die geplante Derwaltungsreform zur Verlesung, in der es u. a heißt: „3m Verhältnis vorn Reich zu den Ländern (Preußen) ist zur Verringerung von Dopprl- arbeiten eine klare Scheidung der Zuständigkeit anzustreben. Rach dem § 42 der 3. Steuernotverordnung sollen die Aufgaben der
Englands Sorgen in Mesopotamien.
Don unserem K-Korrespondenten.
Konstantinopel. Anfang September.
Der in Genf überreichte Bericht der Wossul- kvmmifsion ist mit so großer Sorgfalt ausgearbeitet worden, mit so zahlreichen Karten und ausführlichem Tatsachenmaterial angehäuft, daß man eher von einem wissenschaftlichen Werke sprechen kann. Offenbar hat man sich nicht einer zweiten geographischen Blamage ausseyen wollen, wie in Oberschlesien. Aber in zu peinlicher Weise werden Für und Wider abgewogen, Rücksichten nach allen Seiten genommen und dadurch nur angestoßen — das geringe wirtschaftliche Material konnte in sicherer Weise, wie offen
Italien ist stolz daraus, die „Mutter des ......* ' " echt
Den wissenschaftlich-technischen Teil der Funk- ausstellung bestreiten die großen Organisationen, denen die Zusammenstellung und Ausführung des Sendeprogramms obliegt, in erster Linie die F stunde-A.-G., die eine genaue Kopie ihrer Senderäumlichkeiten mit allen Apparaten in natürlicher Größe zeigt und ihren gesamten abendlichen Sendebetrieb in die Ausstellungshalle verlegt hat. Lehr-
Donnerstag, (0. September (925
offenbar im Zuge unserer unruhigen Zeit. Frei nach Busch: „Ich, und mein Radio sind immer beisammen!" Der Reisende braucht sich unterwegs den gewohnten Genuß des Radioprogramms nicht entgehen zu lassen, wenn er den Funk-Koffer mitnimmt, der in verschiedenen Ausführungen aus der Ausstellung vertreten ist. Oder der Liebhaber des Wassersports kann behaglich im Paddelboot mit dem neuesten Apparat ohne jede Antenne und Erdung „hören". Was aber der moderne Funkamateur alles braucht, wenn er das tägliche Programm der verschiedenen Sender ausgiebig genießen und nichts auslassen will, glaubt der Laie einfach nicht. Unbedingt notwendig ist dafür z. B. der „Radio- Wächter, der an alles erinnert". Er ist nicht etwa ein gewöhnlicher Wecker, sondern eine ganz neuartige Uhr, die durch zweimaligen kurzen Alarm am Radioapparat zu jeder Darbietung ruft, die man hören möchte. Das Alarmwerk wird durch Einsteckung von Stöpseln in die gewünschten Zeitlöcher eingestellt, und gleichzeitig sind 144 Einstel- lungen am Tage möglich. Armer Radiofreund!
Verwelschendes Land.
Don unserem k-Korrefpvndenten.
Rom, 5. Sept. 1925.
Dölkerverschiebungeii hat eS schon immer gegeben und niemand wird es im Ernste beklagen, Venn eine höherstehende Ralfe Bodrn gewinnt tnbän sie sich auf natürlichem Wege, umbllbend und erziehend, auf kulturelles Flachland vor- schiebt. Seit dem Triumphe des Rechts und der Gerechtigkeit aber, seit der Versailler Anbetung der brutalen Bajonettgewalt, feit der Einsegnung ab hoc entstandener Raubstaaten durch den Völkerbund. seither dürfen, um mit Wilson zu reden. Völker verschoben »erben tote vchachfi guten. Richt mehr natürliche Lieber- legenheit entscheidet, sondern irgendeine Konferenz der Feuernrächt igeren. Daß in einem solchen Zett- alter oder sagen wir optimistischer: wahrend einer solchen Epoche der deutsche Gedanke »urückgedrängt wird, geistig tote räumlich kann nicht wundernehmen, denn er ist schon seit' Jahrhunderten nicht mehr aggresstv. sondern höchstens abwehrend. In Goethe bereits fand diese Zurückhaltung ihren sinnfälligen Ausdruck, ein Beethoven schuf in den Zeiten passiver Resistenz seine Sroica als Huldigung an den vor- frürmenben napoleonischen Geist. 3m rheinischen Dulden ohne zu flogen hat die deutsche Pallion vielleicht ihren Höhepunkt oder, wenn man will. Hre furchtbarste Tiefe erreicht.
Rur der zeitgenössische Deutsche kann sich aus seiner absonderlichen Weltanschauung heraus wundern, wenn seine Rachbarn diesen seinen unpolitischen Seelenzustand ausnühen. um S t ück für Stück auS dem deutschen Dolks- Ibrper herauszureihen. Wenn selbst kleine Reutrale dabei mitmachen, nehmend oder sich schenken lassend, wie die Dänen, weichend Vie die Deutschschweizer, die in ihrer intellektuellen Oberschicht mit Befriedigung fest- ftdien, daß die Schweiz jetzt nicht mehr von Bern, sondern von Geneve aus regiert wird, und den blutsverwandten Tirolern den Rat geben, sich mit ihrem Schicksal abzufinden, so muß das skrupellose Zugreifen der Großen so selbstverständlich erscheinen wie ein Menageriebild. Es ist deutsch und töricht, gegenüber solchen Ratür- tle&f eiten auf papierene Abkommen und Der- fprechungen zu pochen. Wer sich nicht selbst wehrt, wird gefressen, das fühlt instinktiv jedes kaum geborene Wesen, nur der Pazifismus, glaubt aus der pathetischen Ableugnung unver- rückbarer Raturgesehe ein Geschäft machen zu
bedeutend gebessert worden. Mer Die eigentliche Bevölkerung hat davon nur wenig Vorteile unß eS wiederholt sich hier ähnliche- wie in Aegvpten. Baumwolle und Petroleum find hier die Schlagworte. Doch bei dem gefährlichen Mißtrauen der Bevölkerung ist es schwer, großzügige Bewässerungsanlagen zu schaffen und Baumwolle läßt sich im Großen nur anbauen, wenn man willige Unterstützung der Bevölkerung findet. Auch in der Petroleurnsrage ist eine Enttäuschung Londons unverkennbar. Mit dem von Lord Eurzon erstrebten Petrvleummonopol ist es nichts geworden. Der vor einigen Monaten abgeschlossene Vertrag der Turkish Petrol Eomp sichert für England nur 50 Prozent der Vorkommen. Es fehlt daher nicht an Stimmen, N darauf Hinweisen, daß England mit seine» Trup- pen und seinem Gelde nur die Interessen der amerikanischen und französischen Petroieumkonkur» r*ntcn schütze. Der englische Luftfahrtminister Sir Samuel Heare stellte bei seinem Besuche in diesem Frühjahre in Bagdad fest, daß sich die Kosten der Besatzung in diesem Jahre aut über 4 Millionen Pfund (80 Millionen Mark) belaufen werden, falls keine Zwischenfälle erfolgen. Der Hauptzweck feiner Reise war, sich zusammen mit dem Kolonialsekretär Olmert) über die Frage einer Räumung zu unterrichten Eine solche war bei der Unrentabilität des Gebietes ernstlich ins Qluge gefaßt und schon 1923 im Mai hatte Baldwin angekündigt, daß spätestens am 7. August 1928 vertragsgemäß die Räumung erfolgen werde und Mesopotamien als selbständige Ration gelten und in den Völkerbund ausgenommen werde.
Um so erstaunlicher erscheint das zähe Fest halten Englands an der Mossulsrage und jetzt der Versuch, sich für ein weiteres Vierteljahr hundert im Irak festzusetzen. Cs scheint nicht an ernsten Sorgen für England im nahen Ork. i zu fehlen. Die Mißerfolge seiner Araberpolitil dazu die unsichere Lage in Aegypten, das Erstarken der Türkei und die Betonung der französisch-türkischen Freundschaft, vor allem jedoch das russische Gespenst mit feinen großen Gefahren für die persisch-englischen Petroleum- Interessen und die Land- und Luftverbindung nach Indien. Petroleum und Indien sind die Angelpunkte der englischen Orientpolitik, daher kürzlich Verstärtung der englifcQtn Truppen in Suez, die endgültige Besitzergreifung Cyperns im Mai und jetzt die erstrebte Festsetzung auf unabsehbare Zeit in Bagdad.
Wenngleich der Bericht,der Mossulkommission gefühlsgemäh für Die Türkei spricht, so wird die Regelung der Frage auf der Völkerbundssitzung in Genf doch eine rein diplomatische werden, der gesamte Fragenkomplex der europäischen Polilll — vor allem der Sicherheitspakt! — dürfte mit hineinspielen, denn die Mitglieder Frankreich. Belgien, Tscheche! und Polen werden im günstigen oder ungünstigen Sinne für England zu entscheiden haben. Cs fehlt nicht an Stimmen, die eine neue Vertagung der Mossulsrage prophezeien. Für den Völkerbund würde das kein Ruhmesblatt sein, aber er hat ohnedies nodi keins zu verzeichnen. Für den Frieden im nahen Orient würde darin eine ernste Gefahr zu erblicken fein, denn die Türkei ist bereit, ihr gutes Recht bis zum Aeußersten durchzu- kämpfen, trotz aller Einschüchterungsversuche Englands, das in diesen Tagen zwei Panzerkreuzer zum schwarzen Meer entsandte und seine Mittelmeerflotte in Saloniki ankern läßt.
Empfänger, mit Dem man die einheimischen oder nächstgelegenen Sendestationen hören kann, liegt schon um 10 Mark herum, und für 40 bis 60 Mark sind bereits Einlampenapparate zu haben, die einen guten Empfang der meisten europäischen Stationen ermöglichen. Mag bei dieser Preispolitik zu einem nicht geringen Teil auch die nicht ganz freiwillige Rücksicht auf die allgemeine Wirtschaitslage und Geldknappheit mitfpielen, fo bekundet sie andererseits doch das Bestreben, auf dem Radiogebiet „jedem das Seine" zu bieten und weite Dolkskreife an den vielseitigen Bildungsmöglichkeiten des Rundfunks teilnehmen zu lassen. •
Reben diesem beachtenswerten Fortschritt in so- zialer Richtung steht mindestens gleichbedeutend die Vervollkommnung der Technik. Eine große Reihe von Reuerunaen und Verbesterungen zeugen davon, daß die deutsche Radioindustrie nicht auf alten Lorbeeren ausruht. Die anfängliche Kompliziertheit der Empfangsanlage ist überwun- den: Vereinfachungen auf der ganzen Linie! Man staunt zuweil^i, mit wie geringen Hilfsmitteln man heute schon „hören" kann. Auch der Mechanismus der Abstimmung der Wellenlänge ist fast überall erleichtert und bietet die Gewähr Dafür, daß man die Darbietungen der verschiedenen Stationen in kürzester Zeit finden und festhalten kann.
Besonders auffällig sind die Fortschritte auf dem Gebiete des Lautsprechers. Die problematische Trichterform, die durch ihr Mitschwingen häufig zur Klangverzerrung beitrug, scheint auf dem Aussterbeetat zu stehen. Dafür findet man immer neue trichterlose Formen, die, in edlen Holzarten wie Mahagoni, Nußbaum, Kirsche oder Birke ausge- führt, dem eleganten Heim geradezu zur Zierde gereichen und zugleich auch eine überraschende Verbesserung und Verfeinerung der Klangwirkung dar- stellen. „Der Ton kommt entmaterialisiert heraus, der Ton kommt überhaupt nicht irgendwo heraus, sondern er ist da, ganz frei schwebt er“, heißt es an einer Ausstellungskoje in originellem Radiodeutfch.
zugestanden wird, nur aus den deutschen Äon» sulalsberichten des früheren Wilajets Mosful gewonnen werden. Kurz man ist nach Kenntnisnahme des umfangreichen Berichts so klug als zuvor. Praktische Vorschläge werden kaum angedeutet und haben beiderseits, nur große Entrüstung hervorgerufen.
London tut das alles in traditionell uneigennütziger Weife nur zugunsten des Königreiches Irak, dessen Mandat ihm vom Völkerbund auf» gebürdet worden ist. Dor allem ein Punkt des Mofsulberichts ist von größtem Interesse, in dem angeraten wird, das strittige Gebiet zu Irak zu schlagen, wenn das Mandat Englands um 25 Jahre verlängert wird. Die Blinddarm» en.tzündung des Königs Fei<^al von Bagdad, die den englischen Schützling nötigte, ausgerechnet in diesen kritischen Wochen die Reise nach London anzutreten, gewinnt in diesem Zusammenhänge eine besondere Bedeutung. Doch ganz abgesehen von Den internationalen Schwierigkeiten, die einer England sehr gelegen kommenden Verlängerung des Mandates entgegenstehen, dürste Regierung und Volk in Bagdad ihrem König, falls er für ein weiteres Vierteljahrhundert goldene Fesseln auf sich nimmt, keinen angenehmen Empfang bereiten und sein ohnedies nicht so sicherer Thron ins Wanken geraten.
Die Enttäuschung der Araberwelt ist allgemein. Durch vage Versprechungen hatten sich die Araber verleiten lassen, sich mehr ober_ weniger aktiv gegen die durchaus unbeliebte türkische Herrschaft aufzulehnen und sie haben auch den deutschen Truppen im Kriege viel zu schaffen gemacht. Doch anstatt der ersehnten Freiheit ist ihnen trotz Wilsonscher Punkte ein weit schwereres Joch in Der englischen Herrschaft aufgezwungen worden. Mit Waffengewalt und an geeigneter Stelle mit Gold wird die englische Mandatsherrfchast aufrechterhalten. Rur zu gut ist dem Engländer bekannt, wie sehr er im nahen Orient verhaßt ist und es fehlt nicht an offenen englischen Urteilen, aus denen nur herausge- griffen sei, was Oberst Lawrence, der aus seiner antitürkischen (und antideutschen) Propagandatätigkeit während des Krieges mit der Lage im Orient aufs beste Vertraut ist, schreibt: ..Unsere Herrschaft (im Irak) ist schlimmer als das alte System der Türken, die sich damit begnügten, jährlich 14000 Soldaten im Lande zu halten und jährlich durchschnittlich 200 Araber töteten, um den Frieden aufrechtzuerhalten. Wir (Engländer!), wir unterhalten hier ein Heer von 90 000 Mann mit Bombenflugzeugen und Tanks, mit Kanonenbooten und Panzerautos und wir haben ungefähr 10 000 Araber allein anläßlich des Aufstandes im letzten Sommer (1921) getötet.“
Inzwischen hat es in jedem Jahre nicht an kleineren Aufständen gefehlt und um die englischen Soldaten zu schonen, ist man dazu übergegangen, unter Leitung englischer Offiziere Truppenkörper aus Den christlichen Assyrern zu bilden, Die ein vorzügliches (SolDatenmaterial liefern und gegen Die islamische Bevölkerung gut zu verwenDen sinD. In Den Grenzgebieten zur Türkei und vor allem in Der vom Völker^ bund festgelegten neutralen Zone hat man entgegen allen Abmachungen Die christlichen Resto- riancr angefieDelt, Die mit modernsten Waffen versehen (unter englischer Leitung) des öfteren, sowie auch in Der letzten Woche, größere Einfälle in türkisches Gebiet unternehmen. Dieser verwerfliche Versuch im Interesse englischer Politik christliche Volksstämme aufzuspielen, wirb sich leicht bitter rächen können, es ist dasselbe frivole Spiel, das Dem armenischen Volke so großes Unglück gebracht hat.
Um Die großen Schwierigkeiten zu beheben, hat EngkanD im Frühjahr seine Zuflucht sogar
geben, einem ihrem ebenso feurigen wie naiven Temperament entsprechenden Ausdruck. „Dir können den Leuten, die sich über das Alto Adige beflogen, feinen besseren Rat geben," so antwortete dieser läge Mussolinis „Popolo d'Italia" nach Berlin hinauf, „als den: kommt und holt es e u ch!"
Schon von weitem haut dem aus Italien Kommenden ein Denkmal in die Augen: Da bin ich^ da bleibe ich! Ein direkt auf die DrenAsels- nase gestellter Soldat, überlebensgroß, mit unnachahmlicher Schildwachenposc. 3m übrigen Siebziger Stil, wie alle italienischen Kriegsdenkmäler. Am Bahnhof das üblich: Gewimmel von Utilitär, Carabinieri, Faschisten Die ersteren sind stolz, die mittleren dekorativ, die letzteren liebenswürdig und hilfsbereit. Wer sich über etwas zu benagen hat. braucht sich nur an die faschistische BahnhosSwache zu halten, die macht gleich Dampf auf. Aber schließlich sieht die Grenzstation Tarvis. Verzeihung. Tarvisio. wie irgendein anderer italienischer Bahnhof aus. gehen wir also in die .Stadt". Tarvisio-Cittä liegt nämlich eine halbe Stunde landeinwärts, heißt das. gegen 3tallen zu. Wer an der Grenze übernachten will oder muß. tut gut. gleich bis „6ittä“ zu fahren, sofern der Zug dort hält. Manchmal tut er d. manchmal nicht.
Der Bahnhof hier ist nicht nur äußerlich italienisch (die Verwe'.schung fetzt immer mit der Berpslasterung Der Bahnhofsgebäude mit unsagbaren Blechplakaten ein), sondern auch innen: ungepflegte Fußböden, während man auf den österreichischen essen könnte, zerbrochene Fenster. DaS Licht brennt am Hellen Tage, die Türen stehen offen, kein Beamter ist zu erblicken. Aber sieh da. sieh Da. Timotheus: ein österreichischer Fahrplan Der Bundesbahnen. Und auf diesem deutschen Fahrplan sind Die Stationsnamen — italienisch angegeben unD nur ganz schüchtern, klein und eingeklammert Darunter so, wie sie seit älrväterzeiten heißen. Das ist echt deutsch. Wende man nichts von „internationalen Gepflogenheiten“ ein, denn Die Italiener selber verwenden in ihren amtlichen Kursbüchern nur d i e deutschenRamen — wo es sich um von Serbien annektiertes ©ebiet handelt. Der Italiener also schreibt beispielsweise St. Innichen. der Oesterreicher seht dafür etwas Serbisches hin!
Sinnend schlendert man die „Stadt“ hinauf. Herr Türhandl hat keine Bäckerei mehr, sondern eine Pasticceria. der Wastl keine Wagnerei, sondern einen Carrozzaio. Man begegnet buchstäblich mehr feldgrünen Soldaten als Einheimischen, Die sich seltsam zwiespältig in Den gemütlichen Gallen mit Den kolossalen Ramen ausnehmen. Mit jenem feinen Takt. Den man Den Romanen nachrühmt, wurden alle nach Italiens großen Siegen über die verduzten Oesterreicher umgetauft: Piave, 4. Rovember usw. ilnb Corso Vittorio Emanuele nicht zu vergessen. 3m Sommerfrischendörfchen Tarvis.
ES ist Sonntag, wüstes Gejohle dröhnt aus zahlreichen, zu Offerten umgewandelten Dauern- Ruben. Ueberafi nistet sich das Welsche ein wie HauSschwamm. das Lockere, älnordentliche, das Sichgehenlassen. Warum die Straße spritzen, es geht ja auch so! Furchtbar rasch gewöhnen sich Die rechtmäßigen Besitzer an dieses ..Es gebt auch so“. Warum auch nicht. wird ihnen doch jeder eigene Gedanke ausgebrannt wie eine Schkarrgenbißwunde. Die Kinder und die alten Leute kann man nicht anschauen, ohne daß einem das Wasser in die Augen kommt. Man hat leicht sagen .jetzt müßten die Deutschen erst recht ins verwellchende Land, aber dazu braucht es entweder frischfröhliche lleberfceaugen, Die über alles hinwegschauen können, oder steinharle Herzen. Wer eine deutsche Seele im Leib hat. kann hier seines Lebens nicht froh werben. Ein einziger Tag schon lastet wie ein Alb. Verloren, verloren.
Und wer politisch fühlt, den würgt Der Anblick der Eiseiübahn. Seit Jahr und Tag ist der Bahnhof, wie der am Brenner, verstopft mit Holz und Kohlen. Zug auf Zug wandert der dcmtsche Wald nach Italien hinein. Alles gratis. Das ist der „Friede um jeden Preis“.
An einem Hause mit aufgezwungenem Welsch hängt ein winziges Vogelbauer mit einer Amsel Darin, Die sich nur zwängend mndrehen kann. Mit einem Blick ohnegleichen schaut sie durchs Gitter hinauf ins freie, lichte Blau.
Aber erbarmungslos wie die Sterne im gefühllosen Raum stehen die Berge da, starr, unberührt. rein und groß. Rur in ihrer Unvergänglichkeit liegt Der Vergänglichen Trost.
Als neuartiges Kuriosum sei ein Lautsprecher erwähnt, der die Form einer Lyra „nach historisch-künstlerischen Entwürfen" besitzt, angeblich „den edlen Eremoneser Ton erreicht und, gleich einem Bildwerk an der Wand hängend, verwendet werden kann." (Eine Erfindung, die in kultureller Beziehung etwas mit dem neuen Radioapparat in Form eines — Aschenbechers verwandt zu sein scheint . . .) Im übrigen kommt die Verwendung edler Hölzer namentlich in hellen Tönungen außer bei den Lautsprechern auch bei den Aufnahmeapparaten selbst immer häufiger vor, so daß schon der bloße Anblick so einer gut gearbeiteten Empfangs- anlage ein ästhetischer Genuß sein kann.
Ueberhaupt sind nicht zuletzt auf dem Gebiete der Luxusapparate ebenfalls Fortschritte zu verzeichnen, die zwar einstweilen ihrer Kostspieligkeit wegen nicht dem gewöhnlichen Sterblichen zu- gute kommen, aber doch der Oualitäts- und Präzisionsarbeit dieser unserer jüngsten deutschen Indu- strie das beste Zeugnis ausstellen. Als Beispiel möge eine Empsängeranordnung hervorgeboben werden, die von der herftellenden Fabrik selbstbewußt als „Radioapparat der Zukunft" bezeichnet wird. Es handelt sich dabei um einen Achtröhrenempfänger in der Form eines künstlerisch und vornehm wirkenden Schrankes mit eingebauter Rah- menantenne, Lautsprecher und Batterien. Es kommen hier also keine Antenne, kein Erdanschluß und keine Kopfhörer mehr in Frage: der alles umfas- sende Schrank ist überall ohne weiteres aufftellbar und stets betriebsfertig. Bei der Einstellung ärgert man sich über fein unharmonisches Pfeifen mehr, sondern hat sofort einen klaren Empfang und eine klangreiche Wiedergabe, die fast sämlliche europäischen Stationen umfaßt. In dieser Richtung könnte in der Tat die Zukunft des Radiowesens liegen — wenn hinter dem Fortschritt der Technik auch derjenige der Verbilligung nicht zurückbleibt'.
Daß das System des tragbaren Apparates sich zunehmender Beliebtheit erfreut, liegt
Der Fortschritt im deutschen Radiowesen.
l Don M. Büttner.
Der Siegeslauf der tönenden Wellen ist ohne Beispiel. Wer hätte geglaubt, daß sie auch das Deutschland der Nachkriegszeit so schnell und gninb- lich erobern würden, daß das deutsche Rundfunkwesen nach kaum zwei Jahren seines Bestehens fast schon eine Million Teilnehmer zählen wurde? Den Beweis dafür, daß die deutsche Technik und der deutsche Erfindergeist nicht geschlummert haben, daß Deutschland den während des Krieges gewon- nenen Vorsprung des Auslandes und namentlich Amerikas bereits eingeholt hat, liefert mit erfreulicher Eindringlichkeit die 2. Große Deutsche Funk- ausstellung, die am 4. September in Berlin eröffnet wurde. Sie zeigt die unermüdliche Arbeit einer Industrie, die innerhalb der deutschen Ge- samtwittschaft schon eine bedeutsame Rolle spielt und sich anscheinend die Parole gesetzt hat: Das Radio für alle!
Die Ausstellung findet diesmal zu einem Zeitpunkt statt, der zugleich ein wichtiger Markstein für das ganze deutsche Radiowesen ist: Die bisherigen amtlichen Beschränkungen für den Selb st bau von Röhrenempfängern sind zum größten Teil gefallen, und Der Bastler kann sich somit wesentlich freier als früher betätigen. Unverkennbar steht die Ausstellung denn auch im Zeichen dieser begrüßenswerten Tatsache, was in einer vielfach nicht unerheblichen Der- billtgung zahlreicher Zubehörteile zum Aus- druck kommt. Aber auch die Preise für die Heineren und einfacheren gebrauchsfertigen Emp- fangsapparate haben offensichtlich bei den meisten Herstellerfirmen — und unter ihnen bemerkt man die geschmackvollen Stände unserer größten elek- ttotechnischen Werke — eine beträchtliche Senkung erfahren. Der Kostenpunkt für einen brauchbaren
Rechtes" zu sein, und erklärt deshalb mit juridischer Auslegung die ihm durch Zufall und erwartet in den Schoß gefallenen deutschen Gebiete als innerhalb seiner „natürlichen Grenzen" liegend und mithin sein angestammtes Eigentum. Folglich sind die beut- schen Bewohner Eindringlinge, die froh sein müssen, wenn sie der Hausherr noch eine Zeitlang aus Menschlichkeit in der „P o r t i e r s k l a u s e" woh- nen läßt. Die Portiersklause, das ist das deutsche Südtirol, und jedermann weiß ja, wie es heute in diesem unglücklichen „Alto Adige" aussieht. Den erschütternden, letzten Aufschrei und Appell der Mütter Südtirols an die Kulturwelt hat das famose ..Weltgewisien" nicht gehört, ebensowenig wie die Seufzer der von fremden Herren aus ihrer Heimat ausgetriebenen „Optanten", denn hier handelt es sich ja nicht um arbeitslose Belgier, sondern bloß um Deutsche. Roch weniger hört man von dem anderen Stück Neu-Italiens, dem urdeutschen Land zwischen Tarvis und Pontasel, einer 60 Kilometer langen Bahnstrecke, denn, so nahe es dem deutschen Gefühl gehen mag, es muß gesagt werden: Dieses Land ist bereits im Verröcheln, im Begriffe, den letzten deutschen Hauch auszuströmen in die mitleidlose Ewigkeit der starren Lergwelt. Hier hat die Derwelschung in wenigen Jahren ein Meisterstück geleistet. Kaum daß noch einer der Millionen unvorbereiteter Deutschen, die nach Venedig strömen, des aussichtslosen Todes- kampfes gewahr wird.
Ich will nicht die an Altitalien angrenzenden Dörfer schildern, nein, das nördlichste, die Grenzstation Tarvis, hinter der jetzt Oeftererich beginnt. Eine Mauer von Feuer und Eisen, Sperr- feuer, kann nicht schärfer trennen als moderne Grenzen. Diele finden das ganz in der Ordnung, sie können es gar nicht erwarten, ihre italienischen Brocken an den Mann zu bringen. Diese Totengräber des deutschen Gedankens trifft weit mehr Schuld als die Italiener, die doch schließlich nur dem Empfinden, Der Stärkere zu sein. Ausdruck


