Ausgabe 
9.12.1925
 
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dieser Sitzung nicht erschienen. Die Verhand­lungen beginnen mit der Verlesung des Gut­achtens des Haager Gerichtshofes, das die Zuständigkeit des Rats erklärt. Die Entscheidung müsse einstimmig gefaßt werden, wobei die beiden streitenden Parteien an der Ab­stimmung teikzunehmen hätten, ohne daß ihre Stimmen gezählt werden würden. Der Bericht- erstatter tzÄ Rats, der schwedische Außenminister ilnben, empfiehlt dem Rat die Entscheidung des Haager Gerichtshofes zur Annahme. Kolonial­minister A m e r y wiederholt die Versicherung der englischen Regierung, im voraus dieser Ent­scheidung des Rats z uz u st im men, für den Fall, daß auch die Türkei sie annehmen wird. Munir Dey dagegen lehnt die Antwort des Haa­ger Gerichtshofes ab. Der Rat sei nicht zum «Schiedsrichter berufen, sondern seine Aufgabe sei, zu vermitteln und zu schlichten. Auch die Türken stechen auf dem Standpunkt, daß der Beschluß des Rats einstimmig gefaßt wer­den müßte, doch müßten die Stimmen beider Parteien gezählt werden.

Linden machte dann den Vorschlag, über das Rechtsgutachten des Haager Gerichtshofes

abzustimmen ob das Urteil des Rats bin­dende Ära't haben soll und ob es ein­stimmig gefällt werden müsse, wobei J>k Stimmen der beiden Parteien nicht gezahlt werden dürften.

Lieber die Frage, wie nun über das Haager Rechtsgutachten abgestimmt werden soll, entspann sich ein erbitterter Kampf, denn bereits hier erweist es sich, daß die Türkei das Mitzählen ihrer Stimme verlangt, während sämtliche Ratsmitglieder dies ableh- n e n. Leider hatte der Haager Gerichtshof es ver­gessen. anzugeben, welche Abstimmungsmethode bei der Abstimmung über sein Gutachten selbst anzuwenden sei. Die Situation wird noch weiter durch eine Erklärung Munir Drys kompliziert, nach der die türkische Delegation nur Vollmachten besähe an den Verhandlungen des Rats teilzu­nehmen, aber keine Vollmachten habe.eine Entscheidung des Rats als Schiedsrichter bindend für die Türkei anzuerkennen.

Die Sitzung wurde schließlich nach fünf Llhr für eine Stunde ausgesetzt, um den Ratsmit­gliedern Gelegenheit zur Aussprache zu geben und sich über diese Frage schlüssig zu werden.

Dann gibt der Vorsitzende Scialoja bekannt, daß zur Abstimmung über das Haager Rechtsgut­achten geschritten werden würde, und daß die Stimmen Englands und der Türkei bei der Fest­stellung der Einstimmigkeit nicht mitgezählt werden, da sie den interessierten Parteien angehören. Er begründete diesen Standpunkt mit dem § 15 des Völkerbundpaktes. Bei der nunmehr unter atem­loser Stille erfolgten Abstimmung gab nur die Tür­kei einRein" ab. Alle anderen Stimmen erklärten sich für Annahme des Gutachtens. Munir Bey begründete seine ablehnende Stellungnahme mit seinen Vollmachten, die es ihm aestatteten, an den Verhandlungen teilzunehmen, solange der Rat sich auf eine vermittelnde Tätigkeit beschränke. Weitere Vollmachten können ihm nur von dem Parlament in Angora erteilt werden. Er fasse daher den Beschluß des Ratkomitees lediglich als eine Empfehlung auf und erwarte, daß der Rat in ieiner Dennittlungsrolle fortfahren werde. Der schwedische Außenminister, linden, erwiderte darauf, daß die vermittelnde Tätigkeit des Rates noch nicht beendet sei.

Die Industrie in der deutschen Wolgarevublik.

1 Trotzdem die Wolgadeutsche Republik einen aus- ^gclnrochenen Agrarstaat darstellt, ist es der Fabrik- in?dftrie gelungen, tm Wolgagebiet Wurzel zu fassen.

, Von den einzelnen Wirtschaftszweigen hat in der Wirtschaft der Republik die getreideverar­beitende I n d u st r i e die größte Bedeutung. Hinsichtlich der industriellen Kulturen steht die T a - bakindustrie an erster Stelle: so wird in diesem Jahre zur Verarbeitung eine Ernte von ca. 5000 Tonnen Tabak erwartet. Besondere Be­deutung hat die landwirtschaftliche Ma­schine n i n d u st r i e, die in erster Linie Naphta- traktoren und Worfelmaschinen herstellt. Weiterhin weist die Wolgadeutsche Republik ein dichtes Retz von Sägemühlen auf, die für die Bevölkerung das notwendige Holzmaterial liefern. Auf dem Ge­biete der Kleinindustrie muß besonders die Pro* öu ftion der sog. Sarpinka hervorgehoben werden. Mit der Anfertigung dieses Baumwollgewe* des sind ungefähr 10 000 Weber beschäftigt.

Gesellschaft der Gießener Kunstfreunde.

Professor Robert Schmidt. Deutsche MöbetkunsttmLause derJaHrhnnd. rtc.

Am Montagabend fand zum erstenmal wieder seit verganaenem Winter eine jener ausgezeichnet gewählten Veranstaltungen der Gesellschaft Gießener Kunstfreunde statt. Die neue Saison scheint also be­gonnen zu haben. Hoffen wir es. Der große Hör­saal des physikalischen Instituts, in dem die Vor­träge in Ermangelung eines so bitter notwendigen eigenen kunstwissenschaftlichen Dortragsraumes lei­der Gottes stattfinden mußten, war wenigstens in feinen oberen Teilen recht gut besetzt. Indessen ent­sprach die Größe der Besucherzahl doch nicht der Qualität und Bedeutung des Vortrages. Einer der Führer in der Geschichte des deutschen Kunstgewer­bes, Prof. Dr. Robert Schmidt, Direktor des Frank­furter Kunstgewerbemuseums, sprach über deutsche Möbelkunst im Laufe der Jahrhunderte. Was seinen Vortrag über andere gleichen Themas erhob, war weniger das angenehme, aber zunächst nicht minder billige Mittel eines reichen Lichtbildermate­rials, als die außerordentlich geistvolle Vielgestaltig­keit und zugleich die fast mathematische Klarheit seines Aufbaus. Von besonderer Bedeutung war die starke Einstellung auf die Kunst der Gegenwart und die selten zu findende Fähigkeit, von ihr aus ohne dos unterbrechende Historisieren weltfremden Ge­lehrtentums die Kunst vergangener Zeiten mit Wärme zu behandeln und auch dem Laien verständ­lich zu machen. Die lebendiae Auffassungsweise sprach sich auch aus in der Wahl der Vergleiche, in der Schärfe der Gegensätze und vor allem in der Art, wie die Möbel bineingestellt wurden in ihren ur­sprünglichen Zusammenhang mit der Architektur, den Menschen und der Lebensweise ihrer Zeit. An den Anfang setzte Schmidt den Otto-Heinrichs-Bau des Heidelberger Schlosses, und im Gegensatz zu ihm das Palais Am Großen Garten in Dresden. Er schloß mit der Turbinenfabrik der AEG. in Berlin. Von einem Renaissancezimmer ausgehend, ent­wickelte er an einer Schweizer Ratsstube von 1467 das Wesen der spätgotischen Innendekorotion. Das

GegendieKriegsschuldlüge (Sine Shuibflelutt i englischer Geistesarbeiter.

London. 8. Dez. (TLI.) Gestern abend wurde eine von zahlreichen und hervorragenden Geistlichen. Gelehrten und Schriftstellern unter­zeichnete Petition an die Regierung veröffentlicht, tie für eine Abänderung von zwei Destimmungen des Friedens- Vertrages von Versailles eintritt. Die Petition erklärt, daß abgeändert werden müsse der Artikel 231, der den LIrsprung des Krieges auf den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten zurückführt und Artikel 227 bis 30. die sich gegen Vergehen gegen internationale Moralität und Heilig­keit von Verträgen richten. 3n der Petition wird ferner darauf hingewiesen, daß die ®eiftedt>er» fasjung, die die alliierten und aisozierten Mächte in den genannten Artikeln zum Ausdruck brach­ten, jetzt zum größten Teck verschwunden sei. Cs sei offenkundig, daß diese Artikel ungerecht seien und ein ernstes Hindernis für internationales Einvernehmen bil­den. Die Regierung wird daher dringend auf­gefordert, entweder die Artikel ohne weiteren Verzug abzuändern oder ihre Absicht dadurch zu bekunden, daß sie diese Destimmungen unbe­rücksichtigt läßt. Llnter den zahlreichen her­vorragenden Persönlichkeiten, die diese Petitionen unterzeichnet haben, befinden sich Pr o f e s s o r e n der Llniversitäten Cambridge, Oxford, Manchester, London, Liverpool, Birminghcun. sowie die Schriftsteller Dernhard Shaw. Professor Keynes, Wells, ferner die Di schöfe von Manchester und Dirmingham, sowie der Dekan von Bristol und zahlreiche andere.

Langsam verschwindet eine der ungeheuer­lichsten Kriegslügen nach der anderen. Erst vor wenigen Tagen wurde im englischen Llnterhause mit der Kadaverlüge gründlich aufgeräumt, jetzt ist man einer ungleich schwereren Llnwahr- heit zu Leibe gegangen, der Lüge von der alleinigen Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges. Wohl han­delt es sich hier vorerst um einen Vorstoß von Geistlichen, Gelehrten und Schriftstellern, ihre laute und vernehmliche Forderung nach Beseiti- gung des Schuldparagraphen wird und muft im Auslande ein lebhaftes Echo finden. Mögen die veränderten internationalen politischen Ver­hältnisse wesentlich am Zustandekommen dieser Petition beigetragen haben, letzten Endes ist sie aber doch ein wertvolles Ergebnis unseres nimmermüden Kampfes gegen das Fundament des Versailler Schandvertrage;. Schon sind nicht unwesentliche Teile dieses Dik ates gesallen be­ziehungsweise umgeformt worden, es wird auch der Tag heranbrechen, der uns gänzlich von diesem Joch befreit.

Besatzung und Wohnungsnot.

D e r l i n. 8. Dez. (WTB.) Wie das WTD. erfahrt, hat der Oberbefehlshaber der französi­schen Desatzungstruppen dem Generaldelegierten der Reichsvermögensverwaltung beim alliierten Oberkommando in Mainz mitgeteilt, daß er für den französischen Desatzung-abschnitt den Defehl erlassen habe, bis zum. 1. April 1926 von jeder Reuanforderung von Räumlichkeiten abzusehen. Die Reichsvermögensverwaltung in Koblenz ist angewiesen worden, bei der britischen und bel­gischen Armee auf den Erlaß eines gleichen Befehls hinzuwirken.

Die Erwerbslosenfürsorge.

Derlin, 9. Dez. (Wolff.) Gestern abend fand eine Besprechung des Reichskanzlers mit den Führern der Reichstagsfrak- ttionen mit Ausnahme der Kommunisten und der Völkischen über die Versorgung der Erwerbs­losen statt. Das Ausmaß der Erhöhung der Erwerbslosenfürsorge konnte noch nicht be­stimmt werden, weil sich noch nicht übersehen läßt, bis zu welcher Hohe die Anzahl der -Er­werbslosen ansteigen wird.

Das Urteil im Dolcbttohvrozeb.

München, 9. Dez. (WTB.-Drohtrneldung.) Im Dolchstoßprozeß wurde heute das Urteil verkün­det. Der Beklagte Gruber wurde wegen fortge- setzten Vergehens, teils der Beleidigung, teils der üblen Nachrede zu einer Geldstrafe von 3000 Mark ev. 20 Tagen Gefängnis und zur Tragung sämtlicher Kosten verurteilt.

Musikzirnmer Friedrichs d. Gr. in Sanssouci bildete den Hintergrund für einen ausgezeichnete Charak­teristik des Rokokos. Die Besprechung des Zopf- rneisters David Röntgen in Neuwied gipfelte in einer Apotheose deutscher Kunstfertigkeit und Tech­nik. Amüsant und erheiternd wirkte die Gegenüber- stellung der Möbel vom Ausgange des vorigen Jahrhunderts mit ihren Vorbildern in der Re­naissance und Gotik. Der leicht hingleitende flüssige Vortrag wär reich untermischt mit geistreich charak­terisierenden Anekdoten. Wie wir hören, ist zu hoffen, daß in Kürze eine andere Stütze deutscher Wissenschaft durch bte Gesellschaft der Kunstfreunde ihre Kraft in den Dienst des Gießener Kulturlebens stellen wird, dem zu einer seltenen Höhe nichts fehlt, als der mit verhältnismäßig geringen Mitteln zu be­werkstelligende Ausbau feines kunstwissenschaftlichen Instituts.

Die heffische Grönlandexpedition

Wie wir seinerzeit mitteilten, war im Juli dieses Jahres eine wissenschaftliche Expedition nach Grön­land abgereift, die von dem Professor der Geographie an der Universität Gießen Dr. Fritz K l u t e und dem Assistenten am Geologischen Institut der Tech- Nischen Hochschule in Darmstadt H. K. E. Krüge r, der seinen Wohnsitz in Bensheim hat, unternommen worden ist. Die Kosten des Unternehmens hatte zum größten Teil der hessische Staat getragen und der Landtag hatte die Mittel bewilligt. Es handelt sich hier eigentlich um eine Dorexpedition, Die in erster Linie die Aufgabe hatte, expeditions- technische Erfahrungen zu sammeln für eine grö­ßere Expedition, die längere Zeit in Anspruch neh­men wird und Grönland erforschen soll. Professor ftlute hatte sich die Aufgabe gestellt, die Verände­rungen in der Gestalt des Landes zu erforschen, die durch die Vereisung hervorgerusen werden. Krüger widmete sich geologischen Forschungen, die ins­besondere der Nugsuak-Halbinsel galten, wo Sedi­mente des Tertiärs und der Kreide mit dem Grund­gebirge und jungeruptiven Gesteinen zusammen Vor­kommen. Die Expedition führte ein Klepperboot und ein Floßboot, eine Leica-Kamera für photo­graphische Aufnahmen sowie eine Reihe von Aus­rüstungsgegenständen mit, die von deutschen Firmen

Die FrnanzvorschlSge Loucheurs.

Paris, 9.Dez. (TU.) Die Blätter oeröffent- lichen den Wortlaut der neuen Finanzvorschläge Loucheurs, die aus sieben Einzelplänen be­stehen. Die Vorschläge der Regierung bezwecken zu­nächst die Ausgleichung des Budgets für 1926 und Maßnahmen zur finanziellen Wiederaufrichtung des Landes. Der erste Teil der Finanzpläne bringt eine E r - Höhung der Tarife für Tabak, Stempel, Postgebühren und Alkohol, ferner die Erhebung einer 22prozentigen Taxe aus dem Umsatz von Grund st ticken und Häusern. Weiter sicht der Entwurf noch eine bedeutende Erhöhung der Erbschaftssteuer vor. Loucheur verspricht sich von diesen Steuern einen Gesamtbetrag von sieben Milliarden für 1926. Der für die finanzielle Sanie­rung bestimmte Anteil von etwa vier Milliarden soll, wie dies bereits im Finanzprogramm Pain- leves vorgesehen war, der Aino rtisations- kaffe zugeführt werden, deren Schaffung von der Karner schon gebilligt worden ist. Die weiteren Ab­schnitte des Finanzvrogramms Loucheurs betreffen zunächst die Maßnahmen zur Verhinderung der Steuerhinterziehung und der Ka­pitalflucht, weiter die Gewährung von Ver­günstigungen an die Inhaber von Namenspapie­ren, die gegenüber den Trägern von Jnhaberwerten bevorrechtet werden sollen. Schließlsich sieht der Entwurf eine Konversion der Renten vor. Der Umtausch soll aber nur einen freiwilligen Cha­rakter tragen. Endlich ist eine Erhöhung der Personen- und Gütertarife auf den Eisenbahnen geplant, wobei Loucheur von dem Grundsatz ausgeht, daß die Bahn von ihren Be­nutzern selbst erhalten werden müsse.

Der Kampf um Damaskus.

London, 9. Dez. (TU.) Reuter. Die Auf­ständischen, die sich in der Rachbarstadt von Damaskus, Kadern, zusammengerottet haben, wurden am Montag abend von französi­scher Artillerie beschossen. Fünf her­vorragende nationalistische Führer, die angeblich an dem Angriff auf Kadern am Abend des ver­gangenen Freitag beteiligt waren, wurden von den französischen Dehörden verhaftet.

Rach einer Llnited Preß-Meldung haben die Franzosen die Herrschaft in ihren Stel­lungen in Damaskus verloren. Die Aufstän­dischen können fast alle Stadtteile unbehindert betreten und beherrschen die Mehrzahl der Vor­städte. Die französischen Truppen fanden bei der Besetzung von Hasbaya, die sie als großen Sieg" aufmachten, die Stadt von ihren Be­wohnern verlassen. Die Aufständischen hatten sich vorher nach Riak zurückgezogen. <5ie erhalten nunmehr Zuzug von Hauran. Reue Mannschaften strömen den Aufständische zu Hunderten zu. 3m Rorden sind die Anführer der Aufständischen mit der Organisation der neuen Streitkräfte beschäftigt. Man erwartet einen neuen Angrift aus Homs.

Niederlage Tschangsolins.

Berlin, 8. Dez. (TU.) DieDossifche Zeitung" meldet aus Peking: Die Mukdenpartei (Tschangso- lin) ist durch einen überraschenden Sieg des auf­ständischen Generals Kuosungling total z u f a m ° rnengebrochen. Fast alle Minister der Pekinger Regierung, die Parteifreunde Tschangsolins waren, sind geflohen. Das politische Durcheinander ist vorläufig unübersehbar. Tuantschiwei, der bisherige Reichsverwefer, hat noch einmal den Ver­such unternommen, eine Konferenz der Marschälle einzuberufen. Der (Erfolg ist jedoch tm jetzigen Augenblick, wo der christliche Generäl Fengshufiang unumftrittener Herr von Nordchina ist, zweifelhaft. Die Hauptstadt ist vorläufig ruhig, doch befindet sich Tientsin in Kampsgesahr.

Aus aller Welt.

Das Verschwinden der Sängerin Jurjewskaja.

Die Ermittlungen der Berliner Kriminalpolizei in der Angelegenheit des Verschwindens der Sänge­rin an der Berliner Staatsoper Jurjewskaja lassen vermuten, daß die Sängerin aller Wahrscheinlichkeit nach durch Selbstmord geendet hat. Laut Voss. Zig." ist das an die Sängerin gerichtete Telegramm über die angebliche schwere Erkran-

geliefert waren, um ihre Brauchbarkeit zu erproben. Die Verpflegung geschah nach der Methode Sie- fanssons, d. h. es wurden keine großen Prooiant- uorräte mitgenommen, sondern man lebte fast aus­schließlich von der Jagdbeute. Grönland gehört politisch zu Dänemark; die dänische Regierung hat ein Handelsmon pol in dieser Kolonie und erteilt selten Europäern die Erlaubnis zur Einreise in das Land, die jedoch den beiden deutschen Forschern erteilt worden ift. Diese schifften sich auf dem däni­schen RegierungsdampferHans Egede" im Juli nach Grönland ein.

Der Dampfer wurde in Umanat verlassen. Rach der Landung wurde das notwendige Per­sonal engagiert und von Llmanak aus die Reise mit einem Motorboot, einem großen anderen 10 Meter großen grönländischen Doot (Llmiak) und verschiedenen kleineren Booten fortgesetzt. In diesen Booten sowie zu Fuß und im Schlitten wurden so in 4 Monaten über 1000 Kilometer grönländischer Landschaft durchreist und shstemattsch erforscht. Die große Halbinsel Rug- suak wurde im Sommer durchquert ein Unter­nehmen, das bisher noch nie versucht wurde, da bisher die Halbinsel nur im Winter mittels Schlitten als begangbar galt. Unter großen Schwierigkeiten wurde in Begleitung zweier Grönländer diese Aufgabe glänzend gelöst, wobei die Forscher mit einem Zentner Gepäck auf dem Rücken einen 700 Meter hohen, stark verglet­scherten Patz überschreiten mußten. Daraus wurde eine Reise in das Innere der Insel unternom­men, wobei Pros. Klute einen 1200 Meter hohen Berg erstieg. Bei Rietenberk war dann später eine große Anstauung von Eisbergen zu be­zwingen. Die Strecke war besonders fa)toierig und gefahrenreich, da die Fahrt durch so schmale Wasserrinnen ging, daß man die Eisberge links und rechts stellenweise mit der Hand berühren konnte. Die Fahrt ging dann über Jakobs» havn nach Egedesminde und von da nach God- havn, hieraus mit Hundeschlitten wieder ins Innere, bann wieder zur Küste zurück bis hinaus nach Holstenbork. Am 14. Rov. wurde bann von Holstenbork aus über Julianhaaf-Koftenhagen wieder die Rückreise nach der Heimat angetreten.

Die Ausbeute der Expedition ist derart groß, daß H^sen nunmehr über die zweitgrößte Samm-

tung ihrer Mutter von dem Gatten der Jurjewskaja anscheinend mit deren Einverständnis in Berlin an sie abgesandt worden, um ihr dazu zu dienen, einen Urlaub bei der Intendantur der Staatsoper zu erwirken.

Die Rachforschungen nach bem Derbleib der Vermißten werden eifrig fortgesetzt, doch die ge­waltigen E'.smassen in der düsteren und unheim­lichen Schöllener Schlucht machen sie fast unmög­lich. Beim Aufhacken dtÄ Eises wurde der Fetzen eines Kleides gefunden, das als der Sängerin gehörig erkannt worden fein soll. Tasche, Mantel und Mütze sand man an einem Baum hängend vor. Gelb hatte die Sängerin nicht bei sich, da­gegen fand man in dem Koffer im Hotel einen größeren Geldbetrag. Beim Mieten des Zimmers im HotelKrone" erklärte die Sängerin, daß sie sofort einen dringenden Brief schreiben müsse. Dieser in russischer Sprache geschriebene Brief war an ihren Gatten, Herrn von Bremer, ge­richtet. Herr von Bremer soll diesen Brief auch bei sich tragen, sich über den Inhalt aber nicht geäußert haben.

Man hegt Zweifel, ob Frau^Qurjewstaja überhaupt tot ist. Man vermutet sogar, daß die Sängerin, da ihr Mann sie eventuell in ihrer Künstlerlausbahn behindere, nach Ame­rika geflüchtet ist. Die Hausgenossen ver­sichern alle, daß sie keine Morphinistin gewesen ist, und daß sie kein Morphium besaß-. Der Chef der Berliner Kriminalpolizei, Regierungsbirektor Dr. Weiß, erklärte einem Vertreter besTag", er könne noch nicht genau sagen, ob die Sän­gerin Selbstmord begangen habe. Er sei jedoch nicht der Ansicht, daß eine Person, die Selbst­mord begeht, sich selbst erst die Pulsadern öffnet und bann noch eine Strecke zu Fuß geht, um sich in einen Fluß zu stürzen. Es sei auch mög­lich, baß Frau Jurjewskaja durch Mord ober durch einen Unfall ums Leben ge­kommen ift. Bisher sei nur lediglich ihr Ver» schwinden festgestellt. Er erwarte noch heute abend Antwort aus der Schweiz auf feine Anfrage.

Geburtstag des finnischen Komponisten Sibelius.

Aus Anlaß des 60. Geburtstages des Kornvo^ nisten Professors Jean Sibelius widmen die fin­nischen Zeitungen diesem Huldigungsartikel. In Finnland finden anwährend 200 Konzerte statt, bei denen Werke des Komponisten zur Aufführung ge­langen. Der finnische Reichstag beschloß, die Sibe­lius gewährte Staatspension auf 100 000 Mark jährlich zu erhöhen. Dem Kompo­nisten wurde ferner eine durch nationale Subskrip­tion aufgebrachte größere Geldsumme überreicht. Der finnländische Reichs Präsident verlieh Si­belius das Großkreuz des Weißen Rosenordens und besuchte ihn persönlich. Die Finnische Kunstakademie verlieh dem Komponisten die Ehrenmitgliedschaft. Bei dem Jubilar sind zahlreiche Adressen und Glück- wlinschteleglramme eingegangen.

Schweres Explosionsunglück.

Auf bet ZecheDe Wendel" Abteilung Ben- zolsabrik in Herringe bei Hamm erplobiertc ein in Reparatur befindlicher Gaskühler auf ungeklärte Weise. Zwei an dem Kühler beschäf­tigte Schlosser wurden durch die Explosion 20 Meter in die Tiefe geschleudert und starben nach kurzer Zeit an den erlittenen Verletzungen. Sin dritter Schlosser kam mit einer leichten Handverletzung davon.

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Wettervoraussage.

Meist bedeckt, Lagestemperaturen über Rull und RiederschlLge (meist Regen), südliche bis westliche Winde.

Während die Minirnal-Temperaturen unseres Bezirkes gegenüber dem Vortage nur wenig ge­stiegen sind, setzte sich heute morgen die Erwär­mung schneller durch. Rur in Südostbeutschlanb reichen die Morgentemperaturen noch bis an minus 10 Grad Celsius, während West-, Mittel- und Rorddeutschla id schon Temperaluren bis zu 6 Grad über dem Gefrierpunkt ausweisen. Die Zufuhr warmer Luft verstärkt sich weiter, da ein mit seinem Kern zwischen Island und Irland liegender Wirbel auf dem Kontinent mit seinen Ausläufern weiter an Raum gewinnt und der hohe Druck nach Südosteuropa zurückgedrängt wird.

Gestrige Tagestemperaturen? Maximum mi­nus 3,5 Grad Celsius, Minimum minus 18,2 Grad Celsius. Heutige Morgentemperatur: minus 3,5 Grad Celsius.

tung von Gesteinen der Westküste Grönlands verfiigt. Außerdem wurde eine große Menge wertvoller Schaustücke mitgebracht. Das Material wirb den Sammlungen der technischen Hochschule in Darmstadt und der Llniversität Gießen zugesührt werden. Besonders wertvolle Funde wurden auf der Halbinsel Rugsuak ge­macht. Auch über 700 photographische Ausnah­men konnten hergestellt werden, die der deutschen Wissenschaft zugänglich gemacht werden sollen. In Llmanak hatte die Expedition auch ein zu­fälliges 3uf amnxentrtf.cn mit der amerikanischen Mac Mellan--Expedition. Ein besonderes Verdienst der Expeditxon ist es, daß auf Grund der Tagebücher und Aufzeichnungen Krügers je­der andere Forscher in der Lage ist, die begonne­nen Forschungen fortzusetzen.

Darmstädter Gedächtnisfeier für BaUing.

Darmstadt, 8. Dez. Der Musilverein! Darmstadt, dessen Dirigent Generalmusikdirektor Michael D a (l i n g war, veranstaltete gestern im Großen Haus des Landestheatcrs eine Gedächt­nisfeier für den Verstorbenen. Es war eine Auf­führung von Beethovens ,M i s s a solemnis" .unter der Leitung von Dr. Karl Muck, der Dalling im Leben nahegestanbcn hatte. Auch Siegfried Wagner war bei der Gedächtnis­feier anwelend. um den toten Meister zu ehren, der eine Reihe von Jahren Festspieldirigent in Bayreuth war. Chor, Orchester und Solisten! leisteten Hervorragendes an diesem Abend, der durch vi'le Proben auf das sorgsamste vor­bereitet war. Die Kunst Dr. Mucks verlieh dem Werk alle weihevolle Stimmungen. Die Solo­partien, die Frau Jacobs, Frau Schmidt- Illing sowie den Herren Hans Hoefflin und Robert H a g n e r übertragen waren, trugen den Stempel echter künstlerischer Leistungen. Das­selbe gilt auch von der Wiedergabe desDene­tz ic tu s" durch Konzertmeister Drumm. Das Konzert war für Darmstadt ein Höhepunkt der musikalischen Veranstaltungen,' das Theater war, was jetzt eine Seltenheit ift, bis auf den letzten Platz besetzt.