Der gefesselte Strom.
Roman von Hermann Stegemann.
58. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Als sie den Angelhaken frisch besteckt hatte, waren Nacken und Wangenlinie sichtbar geworden. Wie Elfenbein glänzte der Nacken unter dem bunten Tuch, das sic über der Brust gekreuzt trug. In den kleinen Ohren glühte das rosige Blut, denn die Sonne warf ihren ersten Strahl durch das dünne Weidenlaub. Don Blütenstaub gelb gepudert lagen Ihre schwarzen Haare an den geäderten Schläfen.
Hermann Ingold prüfte und bewunderte das alles mit der Gründlichkeit eines Malers, der schon die Leinwand aufgespannt hat.
Da blickte sie auf und entdeckte den Lauscher.
Sie warf den Blick über die linke Schulter, den Kopf emporgewendet, bah ihre dunklen Augensterne ihn von unten anstrahllen. Ein sinnliches Lächeln zog um ihre vollen Lippen. Sie war kein Kind mehr. Eine Italienerin, eines jener frühreifen, frühwelkenden Arbeitermädchen, die in Napoli die Wäsche und die Bratpfanne schwenkten und am Sonntag in frischgestärkten Kleidern mit gebauschtem Haar, eine Blume ober einen Filigranpfeil hinter dem Ohr, mit den Burschen die Landstraße hinabschleuderten. Ihre Brust in vollen Wellen. Es war das Lächeln eines Weibes, das den Lauscher im voraus für alle Fälle entwaffnen will.
Und Hermann Ingold streckte die Waffen, die der Fischersohn schon gezückt hielt, um sich über den Fang der kleinen Grätlinge zu entrüsten, und fragte, indem er auf den Kessel deutete:
„Kann man denn die armen Dinger überhaupt essen?"
Sie lachte, ihre Zähne glänzten, und „Frit- itira" schrie sie, leckte sich unwillkürlich die Lippen mit der roten Zunge und zog einen neuen Fingerling aus dem Waßer.
Diesmal verfing sich der winzige Angelhaken in ihrem Brusttuch. Sie mußte es abnehmen, und
bann mußte Hermann ihr noch sein Taschenmesser leihen, beim sie fdmitt lieber ein Stück aus bem buntgewebten Halbseibentuch, als baß sie die Angel preisgegeben hätte.
Ihr glatter, wie Elfenbein getönter Nacken lag bloß, dicht aneinanbergerürft lösten sie das Häkchen aus bem wiberspenstigen Stoff. Unb bann blieb Ingolb neben ihr sitzen unb sah zu, wie sie fing. Aber mit der fteigenben Sonne nahm der Fang ab. Die Silberblitze, bie beim Eintauchen des Köders das grüne Wasser durchzuckt hatten, blieben aus, der Teig zog Fäden und ließ die Angel leer.
Sie erzählte iyrn in einem Gemisch von Italienisch unb Schweizerbeutsch, bas so ölig war wie eine Frittura, baß man vor der Sonne anfangen müsse unb lehnte sich zutraulich an ihn. Der Zwie- belbuft, ben sie mit sich trug, störte ihn nicht. Er wollte ihr eine Tafel Schokolabe schenken, bie er als Notration in ber Tasche hatte.
Mit einer Grimasse lehnte sie ab. Sie war bis vor einem Vierteljahr , in einer schweizerischen Schokolabenfabrik gewesen und konnte den Duft nicht mehr ausstehen.
Aus feine Frage, wie sie heiße, antwortete sie mit feuchten Lippen „La Golosa", und bann küßte er sie auf ben Nacken.
Sie lachte, schlüpfte in bie Holzsanbalen, knüpfte ihr Tuch, versteckte bie Angel unb ging mit ihrer Beute bavon.
Von ber Lauffenbrücke her rollte bas Echo ber letzten Sprengung. Die mächtigen Dampfsignale der Trockenbagger riefen zur Aufnahme der Arbeit. Er- schrocker verstummte ber Kuckuck im nahen Walbe.
Hermann Ingold fand den Weg am nächsten Tage wieder.
Der Frühling rauschte in seinem Blut, unb sein erstes Abenteuer schlug wie eine rote Flamme über ihm zusammen.
Er schenkte ihr eine silberne Halskette unb große oergolbete Ohrringe. Sie warf bie kleinen silbernen, bie schon gelbe Nänbchen hatten, achtlos ins Wasser, als er ihr bie neuen brachte.
Wo sie wohnte, zu welcher ber malerischen, mit bem Wachsen bes Werkes langsam zerfallenben Baracken von Napoli sie gehörte, wußte er nicht. Er bachte nicht so weit. Für ihn war sin nur am Altwasser unb in ber Fischerhütte vorhanben.
Als er ihr einmal auf bem Platz vor bem Di- rettionsgebäube begegnete unb schon in froher Ueberraschung aufleuchtete, ging sie gleichgültig, ohne ihn zu kennen, an ihm vorüber.
Zwischen ben Gruppen aufgeregter Männer hinburch, bie heute bichter als sonst auf bem Werkplatz ftanben unb wilb schrien unb gestikulierten.
Ein hagerer, schwarzbraun gebrannter Bursche mit ein paar Pulvernarben im Gesicht unb auf ber Brust, bie kleine, bläuliche Schönheitsflecken bilbeten, rief ihr etwas zu. Sie zuckte geringschätzig b:e Achseln, streckte bie Finger gegen ihn, als wollte sie sich vor bem bösen Blick schützen, unb ging weiter.
Da beutete ber Wilbe auf Hermann Ingolb unb schrie ihr ein paar unverstänbliche Worte nach.
Hermann mar unwillkürlich stehen geblieben. Er fühlte, wie ihm das rote Blut die Wangen färbte.
Drüben wehrte sich der andere gegen seine Genossen, bie ihn festhielten unb auf ihn einfpradjen.
Dom Ufer schrie bie Sirene unb mahnte zur Arbeit.
Als Ingolb burch bas neue Güter trat, bas seit vierzehn Tagen ben Hof bes Direktionsgebäubes und dieses abschloß, legte Joseph Hotz hinter ihm bie Sperrftange vor.
Dabei sagte er in tiefen Kehltönen:
„Die finb zum Streik aufgelegt. Seit bie Kar- bonibfabrif im Bau ist, spukt es ba herum. Jetzt ist eine Versammlung im „Salmen" angefünbigt. Wegen bes Lohnes für bie Nachtarbeit. Mich tät’s nicht lüunbern, wenn morgen ber Spektakel los- geht."
Hermann hörte zerstreut zu.
„Was hat benn ber von mir wollen?" fragte er hastig.
Joseph zog ben Gärtnerschurz fester unb blinzelte ihn gutmütig an.
„Ja, bas donnert aus einem anderen Eck. Ich rate Euch wohlmeinend, lasset die Donzella mit ihren Stöckeln klappern so viel sie will, das Messer sitzt den braunen Burschen schneller in der Hand, als unfereinem ein Stecken."
Hermann wollte aufbrausen.
„Ich habe nichts gesagt, Herr Ingold", beschwichtigte ihn ber Alte. „Aber wir haben zusammen mit bem Ehassepot auf bie Elstern geschossen — ja,» ja. — Es ist schon ein paar Jahre her. Die Schwarzhaarige, seht Ihr, bie ist nicht besser als eine Elster. Nichts für ungut."
Aus allen Himmeln gestürzt, ber Wirklichkeit in hartem Aufschlag wiebergegeben ging Hermann Ingolb ins Haus.
Er hatte bie letzten Tage wie im Traume unb in einer Welt gelebt, bie er sich selbst aufgebaut hatte. Auf einmal war alles anbers. Alles vorbei. Er sah das Mädchen am Abend vom Fenster aus. Langsam kam sie, sid) in den Hüften wiegend, zwischen den Männern hindurch über den Platz und schälte mit hurtigen Fingern eine Banane. —__
Während sie hineinbiß, warf sie einen^Blick zu den Fenstern hinauf. Unb Hermann sah sie, wie fie mar, ohne ben romantischen Zauber, ben er selbst über sie ausgegossen.
Da schämte er sich unb verkroch sich, lehnte bie Arme auf ben Tisch, bie Stirn auf bie Arme unb weinte vor Wut, Scham unb Schmerz um bie entweihte Liebe unb verstaub bie Welt nicht mehr.
In ber Nacht würbe er burch bas Feuerhorn aus unruhigem Schlaf geschreckt.
Hanns Ingolb war schon auf unb ftanb am Telephon. Er hörte ben Jungen aus bem Bett springen unb rief:
„Bleib nur liegen, es ist nur bie alte Schilfhütte am toten Rhein!"
(Fortsetzung folgt.)
09069
Astoria-Licbtspiele, Seltersweg
Ferner;
10702c
Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Heimgange unseres lieben g Entschlafenen sagen wir auf diesem Wege allen unseren herzlichsten Dank.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Frau Minna Schley Ww. u. Kinder, i
Lieh, den 9. Novefaiber 1925.
Gott, der Herr über Leben und Tod, hat meine liebe Frau, unsere gute Mutter und Schwester Frau Marie Germer geb. Jung im Alter von 65 Jahren nach langem, schwerem Leiden in der Nacht zum 8. November zu sich gerufen.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen" Johannes Germer, Kreisbaumwart. Klein-Linden, den 9. November 1925.
Die Beerdigung findet Dienstag, den 10. November- nachmittags 3 Uhr, vom Sterbehause, Frankfurter
Straße 60, aus statt. 09073
Die Waise von Long-Island
Ein Roman aus dem Leben in 6 Akten.
Vortrags-Vereinigung
(Goethebund * Kaufm. Verein • Ortsgewerbeverein)
Donnerstag,* den 12. November, abends 8 Uhr in der Neuen Aula der Universität
Lichtbilder -Vortrag
des Herrn Fr. W. P o 11 i n - Aschersleben:
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii
Eintrittskarten in der Musikalienhandlung Challier für Mitglieder zu Mk. 0.75 pro Platz gegen Vorzeigen der Vortrags-Ausweisk arte und nur im Vorverkauf; für Nichtmitglieder zu Mk. 2.—, Studentenkarten zu Mk. 0.75 gegen Vorzeigen der Studentenkarte bei Herrn Sekretär Ritter.
Heute bis elneehl. Mittwoch:
Luftschlösser
Der Roman eines Ladenmädchens in 5 Akten.
Grundstück-Versteigerung.
Dienstag, den 17. Dovember d. I.» nachmittags 8'/, Ahr, sollen auf bem Rathaus in Laubach (Oberhessen), die'nach, stehend verzeichneten, im Grundbuch der Gemarkung Laubach der Ludwig Piekenbroik Witwe geborene Don ?Leitershausen — Gutshof Piekenbroik bei Beerfelden im Odenwald zugeschriebenen Grundstücke, nämlich:
1. Flur I Rr. 650 Grabgarten an der Wetter 7429 qm
2. „ I „ 661 Hvsreite in der Dorstadt 519 .
3. „ I „ 662,3 Grabgarten daselbst 133 _
4. „ I 662,6 , , 111 ;
zur öffentlichen freiwilligen Versteigerung gebracht werden.
Die Dersteigerungsbedingungen sowie der Auszug aus dem Grundbuch können auf dem Geschäftszimmer des Hessischen Ortsgerichts Laubach (Oberheffen) während der Geschäftsstunden eingesehen werden.
Laubach, den 5. November 1925.
Boehm, Vorsteher des Hesfischen Ortsgerichts. 10698D
M Z
6ts z f e___
verehrte Hausfrau, wenn Sie Ihren Lieben statt des teuren Dohnen* kaffees den billigeren und gesünderen „Quieta" vorsetzen. Sie sparen oadnrch viel Geld und niemand merkt einen Unterschied im GeschmacL Dergleichen Sie bitte:
1 Liter guter Bohnenkaffee kostet etwa 25 Pfg.
t „ guter Malzkaffee „ „ 6 „
aber: 1 Liter .Quieta" Grün ohne Bohneukaffee kostet etwa 1,2 Pfg,
1 , , Rot mit 10°/o „ „ , 2,5 ,
l , . Gelb,, 25o/o , . . 5 ,
1 . . Gold „ 40% „ „ „ 8 „
Allen „Quirla"-Sorten kann man auch nach Belleben etroa5 Bohnenkaffee hinzusetzen, um sich einen stärkeren Festtagskaffee zu bereiten.
Kaffeegehalt: .Quieta" Rot 10%, 50Ps., „Quieta" Gelb 25%, 80 M.
.Quieta" Gold40%, 110 Pf., „Quieta" Grün mit Kaffee-Aroma 28 Pß In '/r Pfund-Paketen, niemals lose?
Hlittelltands-Vereinigung Mittwoch, den 11. November 1925, abends 8 Uhr in der Turnhalle (Oswaldsgarten)
Wahlversammlung
1. Stellungnahme zu den Wahlen.
2. Wirtschaftsfragen in Verbindung mit Kommunalpolitik. Redner: Prof. Dr. Bredt-Marburg, M. d. R. 10685D Der Wahlausschuh.
MMMkBMWNS!
Wertvoller ArlNantting verloreii!
Obige Belohnung zahlt der Unterzeichnete dem Wiederbringer seines Brillantrmges, der am 31. Oktober in der Kukirol-Fabrik verloren wurde.
Der Vrillantring muß bei Entnahme einer Probe Kukirol- Fußbad in eine Abfüllmaschine geraten sein. Der Verlust wurde erst bemerkt, nachdem die betreffende Partie bereits den Gang in die Expedition angetreten hatte und hier in sogenannte Kurpackungen (siehe unten) gepackt worden war.
Es wäre aussichtslos gewesen, daS Verluststück aus einer der vielen tausend Kurpackungen, von denen bei dem regen Betriebe sogar ein Teil schon die Fabrik verlassen hatte, wieder herauszufinden.
Ich verlasse mich deshalb auf bie Ehrlichkeit des Finders und die Tatsache, daß der Wert des Ringes geringer ist als die ausgesetzte Belohnung von 2000 Mark. Für mich aber hat der Ring einen hohen Andenken-Mert.
Der ehrliche Finder wird gründlichst gebeten, mir sofort in einem als „Privat" bezeichneten Brief Nachricht zu geben. Es wird dann ein Bevollmächtigter von mir erscheinen, die 2000 Mark überbringen und den Ring in Empfang nehmen.
Eine Kukirol-Kurpackung enthält: 1 Packung Kukirol-Ltihner- äugen-Pflaster, 1 Packung Kukirol-Fußbad und 1 Blechstreudose Kuktrol-Etreupuder, kostet 2 Mark und ist in allen Apotheken und Fachdrogerien erhältlich.—DerBrillantring befindet sich,wie schon oben erwähnt, in einer Kukirol-Kurpackung, und ich bitte, nachdem das Kukirol-Fußbad in Wasser aufgelöst wurde, gut aufzupassen, damit der Ring nicht beschädigt wird.
Kurt Krisp, Inhaber der Kukirol-Fabrik, Gr.-Salze bet Magdeburg.
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