Ausgabe 
9.1.1925
 
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Dach ne fitScho bc Paris' fordert Amerika 9n6ro5fctftimgcn in Hohe von dlttK. Dollar, während 24 Jahren als Zurückerstattung der Be- fatzungs-'Hnkosten von 240 Mill. Dollar.

Es ist-nicht ausgeschlossen, das; diese Zah­lungen auch auf einen größeren Zeitraum ver­teilt werden. Dabei gilt als ausgemacht, daß dieser Betrag der Bcsahüngsunkostcn Priori­tät genießt. Lautt der geplanten Vereinbarung soll er ohne Zinsen aus den deutschen Zahlungen gedeckt werden. Rückständige, d. h. etwa schuldig gebliebene Beträge werden mit fünf Prozent verzinst. Der Reparations- sorderung von 350 Millionen Dollar steht keine Priorität zu. Amerika soll vielmehr nach dem .Umfange seines Prozentsatzes ohne Vorzugs - behandlung vor den anderen Alliierten befriedigt werden. Von den 350 Millione nDollar, auf die Amerika seine Reparationsforderung beschränkt hat, sind 35 40 Millionen in Abzug zu bringen, die den Wert von 250 000 Lons der der Beschlag­nahme anheimgefallenen deutschen Han­delsflotte repräsentieren.

Aus Grund eines anglo-amerikanisch-dcut- schcn Abkommens vom Jahre 1870, das durch den deutsch-amerikanischen Vertrag von 1921 nicht außer Kraft gesetzt wurde, muh der Wert der be­schlagnahmten Schiffe, die als Privatbesih anzu­sehen sind und nicht den Ausnahmebestimmun­gen unterliegen, an ihre rechtmäßigen Eigentümer zurückerstattet werden. Die Frage ist nun, ob die seit dem Wasfenstillstands- vcrtrag angewachscnen Zinsen' der Preise dieser Schisse ebenfalls vo ndem Betrag der ameri­kanischen Reparationsforderung abzuziehen sind. Heber diesen Punkt sind sich Churchill und Lo­gan noch nicht einig.

Das Problem der Ruhrgewinne von dem DerhandLungs- programm gestrichen.

Paris, 9. Jan. (LU.) Die Verteilung der 6er Ruhrgewinne ist infolge zahlreicher Irr­tümer (!), die den französischen und belgischen Finanzsachverständigen unterlaufen sind, für den Augenblick äußerst problematisch geworden. Die britischen Sachverständigen, sind der Auffassung, daß die französisch-belgische Buchführung von Fehlern und Unstimmigkeiten wim­mele und daß zahlreiche Verläufe nicht mit den richtigen Erlösen eingesetzt wor­den sind. Die Franzosen stellten einige der Irr­tümer nicht in Abrede. Aller Voraussicht nach wird die sehr schwierige Nachprüfung der Bücher viele Wochen in Anspruch nehmen. Die Frage der Verteilung der Ruhrgewinne wird, von dem Verhandlungsprogramm gestrichen und auf .später vertagt werden.

Die Aufgaben des französischen Parlaments.

Paris, 9. Ian. (TH.) Das französische Parlament wird am 13. Januar wieder eröffnet. Der Präsident wird zum ersten Mal in öffentlicher Wahl gewählt werden. Als wahrscheinlich gilt die Wiü>erwahl P a i n l e v 6 s. Die wichtigste Frage, 'die Las Parlament lösen muß, ist die Budget- frage, um eEich an Stelle der fortwährenden Provisorien eine dauernde Lage zu schassen. Wahrscheinlich wird aber für den Monat März jein weiteres provisorisches Zwölftel von bey Regierung verlangt werden müssen. Eine weitere Aufgabe der Kammer wird die Behandlung der ^lsaß-lothrinaifchen Frage fein. Wei­ter wird sich die Kammer mit der Rückkehr zu dem Dezirkswahl - an Stelle des gegenwär- ngen Proportionalwahlshstems beschäftigen müs- err. Voraussichtlich wird der erste Teil der Kammersession nach kurzer Zeit, d. h. am Oster- fciertag, den 12. April, aufhören. Hierauf werden die Gemeindewahlen erfolgen, die zuletzt im Aovember 1919 stattfanden und ausnahms­weise eine Gültigkeit von 5 V? Jahren erhielten. Die Departementswahlen werden Ende Juli ftattfinben, wobei viele Abgeordnete und Senatoren sich einer Reuwahl werden unter­werfen müssen.

Mussolinis Wahlvorlage.

Rom, 9. Ian. (TH.) Die Wiedereröffnung 6er italienischen Kammer ist auf den 12. Januar angesetzt. Die Regierung wird keine Erklärung ab­geben, sondern so schnell als möglich zur Ver­handlung des neuen Wahlgesetzes schreiten. Mussolini teilte im Ministerrat mit, daß die Kammer nach Genehmigung des neuen Wahlgesetzes aufgelöst und zu R e u w a h l e n ge­schritten werden wird. Die Minister erklärten sich bei Besprechung der Wahlreform für die soge­nannten Pluralstimmen. Danach wird dem ge­bildeten Wähler gegenüber dem Analpha­beten eine Vorzugs stimme gewährt. Das Vermögen kommt jedoch nicht in Betracht. Ebenso wurde der Antrag angenommen, die Kandidaten als gewählt zu erklären, wenn keine anderen ge­genübergestellt werden. Die Altersstufe der Kan­didaten und die Einteilung der Wahlkreise bleibt unverändert. Ein langer Aufruf der Opposition an das Volk erklärt, daß der Kampf zwischen dem Faszismus und dem Lande in eine entschei­dende Phase eingetreten ist. Die Neuwahlen könn­ten keine Lösung bringen, da sie lediglich eine erneute Fälschung des Volkswillens be­deuten.

Präsidentenwahl im Preußischen Landtag.

Berlin. 8. Ian. Im Preußischen Landtag fand die Wahl des neuen Präsidenten statt. Es wurden im ganzen abgegeben 430 Stimmen. Der Abg. Bartels (Soz.) erhielt 142, Dr. Porsch (Ztr.) 74, v. Kries (Dtschntl.) 118, Held (D. Vp.) 45, Pieck (Komm.) 34 und Ladendorf (Wirtschaftspartei) 16 Stimmen. Es muhte also Stichwahl zwischen Bartels (Soz.) und v. Kries (Dtschntl.) stattfinden. Bei der Stichwahl wur- den 426 Stimmen abgegeben. Davon erhielten Bartels (Soz.) 201, v. Kries (Dtschntl.) 178 Stimmen' Die übrigen Stimmen waren ungültig. Der Abg. Bartels (Soz.) ist also zum Land- tagspräsidenten gewählt und nahm das Amt an.

Er dankt für das ihm durch die Wahl ent­gegengebrachte Vertrauen und verbindet damit den Wunsch, daß die bevorstehenden lebhaften Kämpfe sich in Formen abspielen mögen, die die Geschäfte des Hauses nicht beeinträchtigen und die Parlamentarische Würde nicht vermissen lassen. Er erbittet hierauf die Hntcr- stühung aller Mitglieder. (Großer Lärm bet den Kommunisten.)

Präsident Bartels gibt ein Schreiben der Regierung bekannt, das Mitteilung macht von dem Ausscheiden des Finanz­ministers Dr. von Richter und des Kultus­ministers Dr. Dölitz aus dem Kabinett und davon, daß die Staatssekretäre Weber und Decker die Geschäfte weiterführen.

Das Haus schreitet hieraus zur Wahl der Vizepräsidenten. Es werden gewählt: Abg. Dr. v. Kries (Dtschntl.), Dr. Porsch (Ztr.), Dr. G a r n i ch (D. Vp.).

Aus dem Reichstag.

Die Disziplinargewalt des Reichstags- Präsidenten.

Der l i n , 8. Ian.

Präsident Löbe stellt die in einigen Blät­tern ausgestellte Behauptung richtig, daß gestern nach der Präsidentenwahl auf der Diplomaten­loge Beifall geklatscht worden sei. Tatsächlich habe nicht ein fremder Diplomat, sondern ein preußischer Landtagsabgeordneter geklatscht. Ich werde, so schließt Präsident Löbe, sobald der neue Präsident des Preußischen Land­tags gewählt ist, ihn bitten, seine Mitglieder daraus aufmerksam zu machen, daß derartige Beifallskundgebungen auf der Reichstags-- tribiine nicht zulässig sind. (Heiterkeit.)

Dom ägpptifchen Parlament und vom Senat in Kairo find bereits Ende des vorigen Jahres Telegramme im Reichstag ein­gegangen, die gleichzeitig an sämtliche Parla­mente der Welt und an den Völkerbund gesandt wurden und in denen gegen die Maßnahmen der englischen Regierung Protest erhoben wird.

Der Präsident gibt weiter bekannt, daß von dem Abg. Katz (Komm.) aus Wien ein Tele­gramm eingetroffen sei, in dem er mitteilt, dah er in Wien verhaftet worden sei, als er inkognito durchreisen wollte. (Heiterkeit.) Durch das Auswärtige Amt ist festgestellt worden, dah Katz sich eines falschen Passes bedient hat, der aus der betännten Pahfälscherzenlrale her- borgegangen ist. (Hört, hört!) Es ist von der Staatsanwaltschaft in Wien beschleunigte Erledi­gung des Verfahrens zugesagt worden.

Es folgt die Beratung eines Antrages der Deutschen Volkspartei, unverzüglich die Geschäfts­ordnung dahin zu überprüfen, ob

die zur Zeit dem Reichstagspräsidenten zustehenden Diszlpttnarbefugnifse ausreichen, um die Würde und das Ansehen des Reichstags zu wahren.

Abg. Dr. Kahl (Dt. Vp.) betont in der Begründung des Antrages, die hählichen Vor­gänge während des letzten Tagungsabschnittes des Reichstages hätten bewiesen, dah die jetzigen Machtmittel des Präsidenten nicht aus- reichen, um die Arbeitsfähigkeit und die Würde des Reichstages zu sichern. Es dürfe aber nicht wieder möglich sein, daß derTerror einer Minderheit den Reichstag an der Arbeit hindern kann. Cs mühten vor allem dem Präsidenten auch Disziplinarbefugnisse gegeben werden auf. dem Gebiete der Entziehung der Diäten und Freifahrkarten. (Bei­fall bei der Mehrheit. Lärm bei den Kommu­nisten.)

Abg. Eichhorn (Komm.): Wir lehnen den Antrag ab. Seine Tendenz richtet sich ausschließ­lich gegen uns. Vom Terror einer Minderheit sollte doch die Mehrheit nicht sprechen. Einen schlimmeren Terror hat es nie gegeben, als ihn der aus Staatsmitteln bezahlte Schwarz-Rot- Gold-Dund im Wahlkampfe auSgeübt hat. (Hei­terkeit rechts.) Die Würde des Reichstags kann am meisten verletzt werden durch das Eindringen der Polizei in das Parlament. (Händeklatschen bei den Kommunisten.)

Präsident Löbe: Das Händeklatschen gehörte früher nicht zu den Gepflogenheiten des Hauses. Cs ist aber in der letzten Zeit von allen Parteien so oft geübt worden, daß ich es nicht mehr rüge, sondern lediglich als n e u e G e p f lö­ge n h e i t des Hauses notifizieren will. Der Reichstag wird daran nicht sterben. (Heiterkeit und Händeklatschen.)

Abg. Dittmann (Soz.): Wir werden alle Maßnahmen unterstützen, die zur Sicherung der Arbeitsfähigkeit und Würde des Hauses dienen. Vorläufig sehen wir keinen Anlaß zur Ver­schärfung der Geschäftsordnung. Wir werden uns aber einer Heberweisung an den Ausschuß nicht widersehen.

Abg. Dr. Külz (Dem.): Die Kommunisten haben mit Hnterstützung der Nationalsozialisten hier einen Ton eingeführt, der

den Reichstag äußerlich zu einer Kaschemme degradiert

hat, während wir doch die vornehmste Pfleg- ftätte deutschen Geistes sein sollten. (Hnruhe bei den Kommunisten und Nationalsozialisten.) Ich erinnere nur an die heimtückischen Heber­fälle auf einen wehrlosen Abgeordneten. (Der Abg. Koenen (Kom.) ruft dazwischen: Schwindel! und wird dafür zur Ordnung gerufen.)

Als ein anderer Kommunist diesen Ausdruck übernimmt, erklärt Präsident Löbe: Wenn ich einen Abgeordneten zur Ordnung rufe und ein anderer Abgeordneter sich dann diesen Aus­druck zu eigen macht, so werde ich darin einen gröblichen Derstoß gegen die Ord­nung des Hauses erblicken und werde die Ausweisung aus der S hung verfügen. (Bei­fall.) Einen gröblichen Verstoß gegen die Ord­nung des Hauses sehe ich nicht nur in einem tätlichen Vorgehen, sondern auch in einer gro­ben Beschimpfung des Präsidenten, des Reichstages und seiner Abgeordneten. (Lärm bei den Kommunisten.) Der Antrag der Deut­schen Volkspartei wird hierauf dem Geschäfts­ordnungsausschuß überwiesen.

Auf der Tagesordnung der Freitagssitzung stehen der Ausschuhbericht über die Anträge auf Freilassung der fünf kommunistischen Ab­geordneten und die sozialdemokratifchen und kommunistischen Entwürfe für ein Amnestie- geseh.

Kleine politische Nachrichten.

Die schriftliche Mrteilgbcgrüftbungtm Prozeß des Reichspräsidenten gegen den stellver­tretenden Schriftleiter der »Mitteldeutschen Zei­tung" in Staßfurt, Roth ar d. ist nunmehr fertiggestellt. Die neue Verhandlung des Pro­zesses. die diesmal die große Strafkammer beim Landgericht in Magdeburg beschäftigen wird, findet Ende Februar oder Anfang März statt.

Der kleine KreuzerBerlin" hat am 1. Januar den Hafen von Cartagena (Colum­

bien) verlassen und ist am 3. Januar in Colon (Panama) eingetroffen. Am 5. Januar ging er von dort aus nach Veracruz (Mexiko).

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Der Derfasfungsausschuß des bayrischen Landtags nahm am Donnerstagabend nach nochmaliger eingehender Debatte das Mantel­gesetz mit dem Konkordat mit 15 Stimmen der Koalitionsparteien gegen 12 Stimmen der übrigen Parteien an.

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Der neue Münchener Stadtrat be­schloß, daß die Bilder der Fürsten, die unter dem alten sozialdemokratischen Stadtrat von ihren Plätzen im Rathause, in den Schulen undAmlsgebäuden entfernt worden sind, wiederan ihre Plätze zu bringen sind und die große Statue Bismarcks wieder im Rathause aufgestellt wird.

Die national-konservative Bewegung in Bay­ern soll darauf abzielen. Hitler endgültig von General Ludendorff zu trennen. Der Chronist desMiesbacher Anzeigers" weiß auch bereits positiv zu berichten, dah die politische Trennung Hitlers und Ludendorffs vollzogen ist, was wohl den Tatsachen entsprechen dürfte. Ferner erfährt man, daß bei der Trennung dieser Freundschaft Herr Pöhner entscheidende Hilfsstellung gewährleistet haben soll.

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Die Regierungskommission des Saargebiets hat das katholische SonntagsblattSonntags­glocken an der Saar" und das satirische Wochen­blattSaar-Grohstadt-Drille" auf je einen Mo­nat verboten.

In dem zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten, Dänemark, Frankreich, Ita­lien, Japan, Rorwegen, den Riederlarchen und Schweden in Paris unterzeichneten Vertrag über Spitzbergen erkennen die Signatar- mächte Rorwegens vollkommene Souveränität über den Spitzbergen-Archipel an.

Die Rückkehr General Primo de Riveras nach Madrid ist auf den 21. Januar festgesetzt worden. Ob der Diktator danach wieder nach Afrika zurückkehren wird, ist noch unbestimmt, denn der Generalstabschef der spanischen Armee, General D e s p u j o l e s, soll der Ansicht sein, daß General Primo de Rivera durch einen an­deren General im Oberkommando erseht wer­den könne. Seine Hingebung werde dem Diktator abraten, nach Marokko zurück^ukehren unter Hin­weis darauf, dah in Marokko Ruhe eingetreten sei. General Primo de Rivera werde wieder im Vaterlande seinen Platz an der Spitze des Dire? tpriums einnehmen.

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Marschall Potain, der mit der Mission betraut ist, die Hilf sq uellen aller Art des zu Frankreich gehörenden westlichen Teils von Afrika zwecks Ruhbarinachung für die natio­nale Verteidigung zu prüfen, wird sich von Marseille aus cm 10. Januar nach Dakar ein» schissen. Seine Reise wird etwa zwei Monate dauern.

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Der Papst hat Kardinal F r ü h w i r t zum Ober-Pönitentiar ernannt.

Aus aller Wett.

Schweres Berkehrsunglück in Berlin.

Berlin, 8. Ian. (WB.) Heute abend er­eignete sich am Lützowufer ein schweres DerkehrSunglück. Ein vollbesetzter Auto­bus wurde von einem anderen Kraftwagen an­gefahren und umgeworfen. 25 Perso­nen wurden verletzt. Rettungswagen brachten die Verunglückten sofort zur nächsten Rettungs­stelle, von wo sie nach der ersten Hilfeleistung dem Clisabethen-Krankenhouse zugeführt wurden. Anter den Verletzten befinden sich einige Schwerverletzte.

An Einzelheiten können wir hierüber noch folgendes mittcUen: Die Hnterfuchung über die Hrsache des Hnalücks dürfte sich ziem­lich langwierig gestalten, da zunächst keine Klarheit darüber besteht, ob der Autoomnibus swirklich von dem Kraftwagen des Dr. Sil- bergleit angefahren worden ist. Augenzeugen behaupten zwar, sie hätten gesehen, daß ein Personenwagen

mit dem rechten Vorderrad die Radkapsel des Autoomnibus gestreift

habe, und dah infolgedessen der Autoomnibus herumgeslogen und auf den Bürgersteig gerast sei. doch stellen andere Augenzeugen den Hn- glücksfall in durchaus abweichender Weise dar. Darnach wollte der Privatwagen 4242 den Auto- vmnibus kurz vor der Kreuzung der Gen­thiner Straße überholen. In diesem Augen­blick ist aus der Genthiner Straße ein Privat­wagen herausgekommen, der in das Lützow- ufer einbog. Dr. ©ilbergleit habe, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, seinen eigenen Wa­gen scharf nach rechts genommen und sei dadurch hart an Len Autoomnibus heran­gekommen. Der Führer des Autoomnibusses habe nun seinerseits, um nicht von Dr. Silbergleit gerammt zu werden, d ie Bordschwelle- stark an gesteuert und sei wohl infolge der Dunkelheit mit dem rechten Vorderrad an die Bordschwelle gestoßen. Durch diesen Anprall sei erst der AutoomnibuS, da nun die Steuerung ganz scharf nach rechts einschlug, herumgerissen Worden und über die Bordschwelle hinweg

bis an Las Eifengitter geflogen.

Auf dem Polizeirevier 33 gab Dr. Silber-- gleit ebenso wie sein Chauffeur K l e t z e k eine Darstellung, die diese Angaben zu bestätigen scheint. Dr. Silbergleit erklärte, dah er den Autoomnibus überholt habe, ohne den schwe­ren Wagen zu rammen. Als er etwa zwei Meter vor dem AutoomnibuS lag. habe er hinter sich einen Krach gehört und sei sofort an die Bordschwelle gefahren und habe angehalten. Als sein eigener Wagen zum Halten kam, habe der Autoomnibus bereits umgelegen. Eine ähnliche Darstellung gab der Privatchauffeur.

Der Führer des Autoomnibusses, Reu­mann, der seinen Führerschein schon feit 1912 besitzt und seit einem Vierteljahr auf der Linie 1 der Abog fährt, behauptet dagegen, dah das Vrivatautv ihn gerammt habe. Ob diese Angabe richtig ist, wird sich erst im Laufe des Freitags feststellen lassen. Soweit sich auf dem dunklen Hof des Polizeireviers erkennen lieh, zeigt der Privatwagen keinerlei Schram­

men oder Abschürfungen, die unbedingt vor­handen fein mühten, wenn ein Zusammenstoß' erfolgt ist.

Erdbebenchronik.

Am Donnerstag wurde auf der Zuricher Erdbebenwarte in Zürich ein starkes Rah - beben um 3 Hhr 45 Minuten 15 Sekunden verspürt. Das Beben wurde fast im ganzen schweizerischen Flachland, aber besonders stark am Fuße des Jura verspürt. Der Herd liegt etwa 180 Kilometer westnordwestlich von Zürich. In der Gegend von Orbe und Wallort wurde das Beben besonders stark verspürt, ohne die Häuser jedoch zu beschädigen.

In Freiburg und in ganz Ober - haben wurden heute vormittag von. 3.50 bis 4 Hhr ebenfalls heftige Erdstöße wahr, genommen, die von unterirdischen schwachen Donnergeräuschen begleitet waren. Di: Erdbewegung war wellenförmig und verlief in südnördlicher Richtung. Sachschäden sind nicht verursacht worden.

Aus Stadt und Land.

Gießen. 9. Januar 1925.

Gute Erziehung.

Aus der Straße fängt neulich ein Kmd an zu weinen. Die Mutter beugt sich über das heulende Geschöpfchen, wischt ihm mit dem Taschentuch die Tränen aus den Augen und predigt auf das arme Wesen los, dah es nur so eine Art hat. Hnd weshalb? Hört und staunt? Weil das Kind sich mit der Schokolade, die ihm Mutter eben in die weißbehandschuhte Hand gedrückt hat, nicht die kleinen Handschuhe schmutzig machen soltte.

Seltsam, nicht wahr? Ja. Das Kmd sollte nämlich nicht an der Schokolade lecken, sondern nur abbeihen, wie sich das so gehört. Aber natür­lich machte es gerade das Gegenteil von dem, was die Mutter sagte, sehr zum Rachteil der Handschuhe und der guten allgemeinen Laune. Hnd da gab es eine Moralpräügt auf offener Straße.

Ich muh sagen, diese Art von öffentlicher Erziehung imponierte mir nicht. Weshalb er­zieht diese Mutter ihr Kind nicht so, daß es gehorcht, auch wenn es auf der Straße ist? ober besser: weshalb ist sie nicht klüger als das Kind, das ja doch wohl in den meisten Fällen versucht, seinen Kopf durchzusetzen? Sie hätte ihm, wenn sie die werhen Handschuh nicht gefährden wollte, einfach keine Schokolade geben sollen.

Erziehen ist feine leichte Sache. Jede Mutter hat damit, dah sie Mutter ist, nicht nur die Pflicht, sondern auch das Recht dazu. Hnd daS ist eben gar manchmal eigentlich ein Hebet!

Wie kann z. B. diese Frau, die so wenig er­zieherisch dachte, in der gehörigen Form ihr Kind erziehen? Ahnt so eine Mutter überhaupt, was es heiht, verantwortlich zu fein für das Wohl und Wehe folch kleinen Seelchens? Die natür­liche Mutterliebe hilft manchen Frauen ja in der ersten Zeit über manche Schwierigkeiten hinweg: er wenn das Kind zu denken anfängt, beginnt die Hnzulänglichkeit einer Erziehung ins rechte Licht zu treten. Ein Kind merkt nämlich sehr bald, ob Vater und Mutter stark oder schwach sind. Es wird sofort die Schwäche ausnuhen und einen Keil zwischen die Eltern zu treiben versuchen. Wie geschickt Kinder dabei sind, weih jeder, der so eine kleine Gesellschaft zu erziehen hatte oder Kinder beobachtet. Sie haben ein merkwürdig sicheres Gefühl dafür, wer ihr Freund und Gönner ist und wer sich von ihnen nichts bieten läßt. Sie sind im Grunde eben kleine Tyrannen.

Jede Hnregelmähigkeit in der Erziehung rächt sich. Gute Erziehung. kann nur regelmäßige Er­ziehung fein, allergrößte Pünktlichkeit, Sorgsam - keit, Heberlegung, Hnnachgiebigkeit. aber auch Zartheit, ganz wie es den Anlagen des Kindes entspricht und in feiner Einfühlung auf seine Be­sonderheit nötig ist.

Wer sein Kind wirklich liebt, darf die Er­ziehung nicht darauf anlegen, daß er sich sein Kind als Spielzeug für feine Launen heran - bildet, sondern muh bestrebt sein, dem Kinde ein geistiger Führer zu sein und aus ihm eine Persönlichkeit zu machen, die bei aller (Eigenart doch ihre eigenen Grenzen erkennt und dienernde Persönlichkeit achtet. Solches Kind wird in Wahr­heit Vater unb Mutter ehren- und der Sonnen­schein der Familie fein. So etwas erst heiht doch gute Erziehung! -er

Gietzener Wochenmarktpreisa

am 8. Januar (Händlerpreise).

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 170, Matte 35, Käse 70. Wirsing 15. Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 20, gelbe Rüben 10 bis 15, rote Rüben 15, Spinat 50, Hnterkohl- rabi 8, Grünkohl 20. 'Rosenkohl 60, Feldsalat 100. Zwiebeln 15. Meerrettich 40, Schwarzwurzeln 60 bis 70, Kartoffeln 5. ÖlebfeI 15 bis 18. Birnen 10, junge Hahnen 100, Gänse HO. Endivien 100 Pf. das Pfund. Eier 17, Blumenkohl 50 bis 200, Lauch 5 bis 15, Sellerie 10 bis 70 Pf. das Stück.

Wettervoraussage.

Vielfach bewölkt, Winde aus nordwestlicher Richtung, Temperatur um den Gefrierpunkt schwankend, Rebelbildurrg. sonst trocken.

Dem gestrigen starken Druckfal! in England ist infolge' raschen Dorrückens des Tiefs nach Osten ein rasches Wiederansteigen des Baro­meters gefolgt. Auf der Südwestseite des vor­übergehenden Tiefs werden wir nach einigen Störungen wieder klares, kaltes Wetter erwarten dürfen.

0 Zur Linderung der Notlage der Stu deutenschaft. Dem Vernehmen nach wird in dem Entwürfe des Staatsvovanschlags für 1925 die Ermächtigung vorgesehen, zur Be­hebung der Rvtlage der Studentenschaft ein zinsloses Darlehen von je 15 000 Mk. für die LandeSuniversität und die Technische Hochschule zu gewähren.

* Winter im Vogelsberg. Auf dem Hoherodskopf wurden heute früh 4 Grad Kälte und schönste Rauhreifbildung festgestellt. Es liegt auch etwas Schnee, für den Sportbetrieb ist die Schneedecke aber erst stark genug, wenn noch etwa 5 Zentimeter gefallen sind. Der Wald bietet in feinem Rauhreifkleid natürlich einen wunder­baren Anblick, dessen Genuß eine Sonntagswande­rung schon lohnend macht.

'* Die Behandlung der Zugtiere im Winter. Das Polizeiamt richtet an alle Besitzer von Zugtieren und Leiter von Fuhr- werken die dringende. Mahnung, bei Kälte und Straßenglätte ernstlich darauf Bedacht zu neh­men, daß die Zugtiere vor do» nachteiligen Ein»