Ausgabe 
9.1.1925
 
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ür. r Erstes Blatt

175. Jahrgang

Zrettag, 9. Januar 1925

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DeutschlandsVerfehlungen"

Das Märchen vom deutschenRüstungsskelett".

Selbst bie überaus ruhige Art, in welcher Hc Antwortnote der Reichsregie- rung in der Sntwaffnungs- und Räumungs- fraQe bie zwischen unS und den Miierten ent­standenen Sttenfragen behandelt, hat bei einer Reihe brittscher und französischer Zeitungen Tadel hervorgerufen. Man wirst unS vor, dah wir die Sache nicht ernst genug nehmen. Es handle sich weniger- um vertragswidrige Waffenbestünde, als vielmehr um eine Organi­sation. welche Deutschland ermögliche, innerhalb kürzester Zett ein großes Heer aus die Deine zu bringen. Die .Limes", die seit einiger Zeit wieder ins chauvinistische Lager hinübergeschwenkt sind, versteigen sich zu der Behauptung, Deutsch­land habe sich ein vollständiges Rü­stungs-Skelett geschaffen, das es jederzeit mit Ketsch auSfüllen tonnte. Hiermit wird auf die Bestrebungen aller national empfindenden deutschen Bolksführer angespielt, der Heranwach­senden männlichen Jugend in Deutschland durch Ausbildung des Körpers einen Ersatz für die uns verbotene militärische Erziehung zu bieten.

Materielles über die Behauptungen der der Entenlestaaten wivd sich erst sagen lassen, wenn man den von der deutschen Antwortnote dringend geforderten eingehenden Bericht kennt. DieTimes" legen Wert auf die Feststellung, daß sich alle auf der Dotschasterkonferenz ver­tretenen Mächte, also außer Frankreich, Belgien und England auch Italien und Japan, darüber einig gewesen sind, daß eine schwere Ver­fehlung Deutschlands in der Entwaff­nungsfrage vorliegc.

Es ist nicht anzunehmen, daß der Dotschaster- tonferenz die großen Vorbereitungen entgangen sind, die Frankreich macht, um im Falle eines Krieges sofort alle militärischen, wirtschaftlichen und finanziellen Kräfte einzusetzen. Der fran­zösische KriegSminister, General Rollet, hat ^en großen Plan der mobilisation nationale ausgearbeitet, der Frankreich in einemVertei­digungskrieg" von vornherein das Uebergewicht über seine Gegner sichern soll. Das einzige, was Deutschland zu seinem Schuhe ent­wickeln kann, ohne sich mit den Zwangspara­graphen des Versailler Vertrages in Wider­spruch zu sehen, ist die körperliche Ertüch­tigung seiner Jugend. Solange es un­möglich ist, in einem kriegerischen Zusammenstoß mit einem schwer bewaffneten Rachbarn durch die bloße Kraft der Fäuste Erfolge zu erringen, fehlt es an jedem stichhaltigen Grunde, uns eine solche körperliche Fürsorge für unsere Jugend zu verargen.

DieLimes", die sich sonst auf ihre mili­tärische Sachverständigkeit soviel zugute tun, ge­ben den Anschein, als glaube sie an das Be­stehen eines gefährlichen deutschen Rüstungs- Skeletts und weiter daran, daß dies Skelett in­nerhalb kürzester Zeit zu einem wehrhaften Kör­per auSgebaut werden könne. Selbst der phan- tafiebegabteste Angehörige der Interalliierten Militärkontrvllkommission wird nicht behaupten wollen, daß in Deutschland irgend jemand in der Benutzung moderner Kriegswaffen: schweres Geschütz, Flugzeuge, Unterseeboote usw. ausgebildet werde. Man hat nicht einmal zu be­haupten gewagt, dah es solche modernen Kriegs- Waffen in Deutschland überhaupt gebe, denn das würde einen Totenschein für die Intelligenz der Kontrolloffiziere bedeuten.

Wie soll dann das auch nur in der Phantasie derTimes" existierende Rüstungs-Skelett in 'einem für den Weltfrieden bedrohlichem Maße ausgebaut werden? Schon an den viel primi­tiveren Waffen der Vorkriegszeit muhte die junge Mannschaft zwei und drei Jahre aus - gebildet werden, ehe sie ein einzÄnes dieser Kriegsinstrumente auch nur leidlich beherrschte. Seit mehreren Jahren sind selbst die gebienten Soldaten in Deutschland ohne jede praktische Hebung mit dem ihnen früher vertrauten Kriegs­gerät,- die modernen Waffen, über die alle Staaten des festländischen Europas außer Deutsch­land verfügen, sind ihnen vollständig fremd. Den jungen Leuen, die nach den Gesehen der Vorkriegszeit im Jahre 1919 wehrpflichtig ge­worden wären, stehen heute im 23. Lebensjahre; selbst 24- und 2Sjährige Deutsche haben auch nicht die geringste Hebung im Gebrauch von Waffen. Jedes Jahr, das verstreicht, min­dert Deutschlands Wehrhaftigkeit und damit seine Fähigkeit, sich gegen die llcbcrgriffe auch nur eines mittleren oder kleinen Gegners zu wehren.

Alle anmaßenden Liraden und alle Dcleue- tungen von Ententezeitungen werden uns nicht von der Ueberzeugung abbringen, daß die Kon- ftruicrung einer angeblich von Deutschland drohenden militärischen Gefahr ein schä­biger Vorwand war, um in den politischen Beziehungen zwischen Frankreich und England ein Kompensationsobjekt zu schaffen. Ist es etwa dem Weltfrieden dienlich, wenn man ein einziges großes Volk daran hindert, die primitivste Vorbedingung für seine Wehrhaftigkeit zu er­füllen und den' anderen Völkern zu gestatten, alle personellen und materiellen Mittel zur Kriegsführung in raffiniertester Weise weiterzuentwickeln? Die Rote der Botschafter- konserenz vom 5. Januar ist ein neues Kapitel in dem großen Buch, welches die Lleberschrllt trägt: v a e victis! Das ganze deutsche Volk ' 't ein Interesse daran, zu wissen, welcheTat­

sachen" die alliierten Regierungen veranlaßt haben, uns schwere Verfehlungen gegen die Ent- waffnungsklauseln des Versailler Vertrages vor­zuwerfen. Es ist dringend zu hoffen, daß sich recht bald eine deutsche Regierung findet, die sich stark genug fühlt, aus der Defensive herauszu­treten und den Heuchlern in Paris und London die Maske vom Gesicht herunterzuziehen.

Der Protest Kölns.

Eine Rede Oberbürgermeister Adenauers. Köln a.RH., 8. Ian. (WTD.) In der Stadt­verordnetenversammlung hielt Oberbürgermeister Dr. Adenauer im Rainen aller Fraktionen mit Ausnahme der äußersten Linken folgende Rede: Die Richträumung der Kölner Zone an dem durch den Versailler Vertrag festgesetzten Termin erfüllt insbesondere die Bewohner des besetzten Gebiets mit Schmerz und Bitterkeit. Auf eine unerhört lange, in der Geschichte der Reu­zeit ohne Beispiel dastehende Zeit ist durch den Versailler Vertrag die Besetzung der Rheinlande angeordnet. Das besetzte rheinische Gebiet hat diese Last und die damit verbundene, mit dem Rechtsempfinden der Kulturvölker nicht zu vereinbarende Unfreiheit! auf sich genommen in der Erwartung und Ueber- zeugung, dah die in dem Vertrag zu seinen Gunsten festgelegten Termine innegehaltten würden. In dixser Erwartung sieht sich die Be­völkerung des gesamten auf Grund des Vertrages besetzten Gebiets auf 8 empfindlichste ge­täuscht. Wenn der erste in Art. 429 festgelegte Termin nicht innegehalten wird, wer steht denn dafür ein, dah die übrigen Termine innegehalten werden?

Für baS ganze besetzte Gebiet ist daher die Richt- räumung der Kölner Zone der härteste Schlag, der es seit dem Zusammenbruch des IahreS 1918 trifft.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß jedes unparteiische Gericht die Vertragstreue Deutschlands als vorhanden und damit die Vv r- bebingung der Räumung zum 10. Januar als gegeben ansehen würde, und daß die Geschichte dereinst das gleiche .Urteil fällen wird. Insbesondere ist die Abrüstung Deutschlands, als Ganzes betrachtet, bis zu seiner völ­ligen militärischen Ohnmacht durch­geführt, selbst wenn in belanglosen Einzel­heiten dem Verlangen einiger weniger, ausschließ­lich militärisch denkender Persönlichteiten nicht vollkommen Genüge geschehen sein sollte. Wenn auf der Seite der alliierten Mächte über den Grad der Entwaffnung und militärischen Ohn­macht Deutschlands Zweifel bestanden haben, so hätten diese Zweifel substantivierter und recht- z e i t i g e r zur Kenntnis der deutschen Regierung gebracht werden müssen, damit vor dem 10. Jan. im Wege der Verhandlungen eine Klärung der ganzen Angelegenheit hätte herbeigeführt werden können.

Dagegen haben die Besatzungsmächte eine Art der Behandlung der Räumungsfrage geduldet, die ge­rade das Rheinland aufs tiefste erbittern muß und in schreiendem Gegensatz steht zu der Loyali­tät, mit der die Last der Besetzung vom Rheinland während der vergangenen sechs Jahre getragen worben ist.

Ohne Konsolidierung der deutschen politischen und wirtschaftlichen Vcrhällnisse ist die er­höhte Produktivität, welche der Da­wesplan verlangt, unmöglich. Diese Kon­solidierung hat durch das Vorgehen der Be­satzungsmächte eine erhebliche Schwächung er­fahren. So sieht das besetzte rheinische Gebiet, das nach der Londoner Konferenz des Jahres 1924 begonnen hatte aufzuatmen, von neuem die schwersten Gefahren Heraufziehen. Das besetzte rheinische Gebiet bittet und be­schwört daher die Regierungen und Völker der 'Besatzungsmächte, die in sein Geschick und das Geschick Deutschlands, ja in das Geschick Euro­pas so tief einschneidende Räumungsfrage nicht lleinlich, nicht in einer für alle Beteiligten un­würdigen Weise, sondern mit der durch den Ernst und die Bedeutung der Sache gebotenen Eile mit aller Loyalität und im Sinne der wahren, Der geiftigen Abrüstung, die für die Wohlfahrt ganz Europas unerläßlich ist, zu lösen. Die Reichsregierung wird alles tun. was in ihren Kräften steht, um die mög­lichst baldige Befreiung Kölns und der Kölner Zone herbeizuführen. Unsere Mitbürger er­suchen wir. ihre begreifliche Erbitterung zu zügeln und die Last der Besetzung weiter bis zu der hoffentlich bald schlagenden Stunde der Befrei­ung zu tragen.

Dawesbericht und Kölner Zone.

Amerika für Räumung der Kölner Zone.

Rcuhork, 9. Ian. DieReuyor! Ti­mes" schreiben: Der Schluhbericht der Interalli­ierten Kontrollkommission sollte die öffentliche Meinung schnell über den wirklichen Stand der Entwaffnung aufklären. Das würde die Einleitung von Verhandlungen zum Zwecke eines

Kompromisfes erleichtern. Glücklicherweise sei die deutsche Regierung vernünftiger als die deutschen Rationalisten und Extremisten im In- und Ausland, die auf ein Fallenlasscn des Dawesplans drängen. Solche Politik würde S e l b st m o r d bedeuten. 3m Interesse aller Be­teiligten sollten bie Kölner und Ruhrtruppen so schnell als möglich zurückgezogen werden, wenn der Schluhbericht nicht zeige, dah Deutsch­land ernstliche Vorbereitungen zu einem neuen Kriege trifft.

Ablehnung des Iollproviforiums. Beschluß des Reichskabinetts. Vertragsloscr Zustand mit Frankreich.

Berlin, 9. Ian. (Prfv>Tel.) Die Sitzung des ReichSkabinettS, in der Staatssekretär Trendelenburg über den Gang der Pa­riser Handelsvertragsverhandlungen berichtete, dauerte bis nach 1 ähr nachts. Wie den Blät­tern zufolge verlautet, reist Trendelenburg heute nach Paris zurück. Wie dieDass. Ztg." wissen will, soll das Reichskabinett auf Grund des Berichts der Staatssekretärs Trendelenburg zur Ablehnung des von Frankreich borge» schlagenen provisorischen Handelsbertragsent» Wurfs gekommen sein. Durch diesen Beschluß sei die Tatsache gegeben, dah vom 11. Januar ab gegenüber Frankreich in handelspolitischer Be­ziehung der Vertrags lose Zu st and ein­treten werde und von beiden Seiten der auto­nome Zolltarif angewandt werde. Die 23er- handlungen in Paris nähmen unter Leitung $ren- delenburgs auf deutscher Seite ihren Fortgang, und zwar sei bereits für heute nachmittag eine Vollsitzung der beiden Delegationen angeseht, in der die beiderseitigen Sachverständigen für Ke­ramik, Holz, Papier und Ähren über das Er­gebnis ihres bisherigen Meinungsaustausches Bericht erstatten würden. Handelsminister Reh« naldi hat französischen Journalisten gegenüber erklärt, er hoffe, daß die Verhandlungen fort­gesetzt werden können. Die italienische Regierung habe mit der deutschen Regierung einen Modus vivendi auf der Grundlage der Meist­begünstigung abgeschlossen. Frankreich könne we­gen entgegenstehender gesetzgeberischer Bestim­mungen ein derartiges Regime nicht anneh­men, das auch geeignet sei, in Frankreich in wenigen Monaten eine ernste Krise und Arbeitslosigkeit hervorzurufen.

Letzte Versuche zur Negierungsbildung.

Ein Notkabinett Marx.

Berlin, 9. Jan. (211.) In parlamentari­schen Kreisen verlautet, dah Reichskanzler Marx sich auf die dringenden, immer erneut vorge­brachten Wünsche des Reichspräsidenten hin ge­stern nochmals entschlossen hat. einen aller­letzten Versuch zu unternehmen. Der Kanz­ler scheint entschlossen, gegebenenfalls auch mit einem Kabinett, das zu einem größten Teile aus Staatssekretären besteht, vor den Reichstag zu treten. Die Bayerische V o l k s p a r t c i hat sich im Laufe des heutigen Vormittags gegen die Bildung eines Rot­kabinetts ausgesprochen. In der Wirtschafts­partei sind die Meinungen hierüber geteilt. Prof. Dr. Brcdt ist unter keinen ilm- ftänöcn für ein Rotkabinett, während Dr. Fehr sich weniger ablehnend verhält. Man gibt sich allerdings auch in den Kreisen des Zentrums über die Lebensdauer eines solchen Kabinetts keinen Illusionen hin.

Don unterrichteter Seite wird es als richtig be­zeichnet, daß Reichsfinanzminister Dr. Luther und Gras Kanitz nicht geneigt sein dürsten, in ein überparteiliches Kabinett einzutreten.

um dessen Zustandekommen sich der Reichskanzler bemüht hat. Infolgedessen wird es an der an­geführten Stelle für sehr wahrscheinlich gehalten, dah die Rückgabe des Auftrages durch den Reichskanzler Marx erfolgen wird. An seiner Stelle käme die Beauftragung des Reichsfinanz­ministers Dr. Luther mit der Bildung des Kabinetts in Frage. Dagegen wurde von zu­ständiger Stelle gestern abend um 8Vs llhr folgende Mitteilung bekanntgegeben:

Die Bemühungen des Reichskanzlers Marx gemäß dem ihm erteilten Auftrag, so rasch als möglich eine Regierung zu bilden, haben heute noch nicht zu einem Ergebnis geführt. Zwischen dem Reichskanzler Marx und dem Reichs- präfidenten fand heute abend eine Aussprache statt, auf Grund derer der Reichskanzler mor­gen die Verhandlungen fortführen wird.

In Ergänzung dieser Meldung teilen mehrere Blätter mit, daß Marx vor seiner Unterredung mit dem Reichspräsidenten sich noch einmal mit der Zentrumsfraktion des Reichstages ins Benehmen gesetzt hat.

Die Fraktion habe die Absicht de« Kanzlers ge­billigt, seine Verhandlungen zur Regierungs­bildung s o r t z u s e tz e n. Marx hoffe, heute die Regierungsfrage durch die Bildung eines Kabi­netts zu lösen, das sich parlamentarisch lediglich auf das Zentrum und die Demokraten stützt,

nachdem es im Lause des heutigen späten Abends dem Kanzler gelungen sei, die Bedenken zu zer­streuen, die Reichsfinan^minister Dr. Luther und Roichsernährungsmmister Graf Kanitz hinsichtlich ihres weiteren Verbleibens in der Regierung gehegt hatten.

Jin Gegensatz hierzu steht allerdings eine Version, die sowohl von derVos s. Z t g" als auch von derZeit" verzeichnet wird. Das letztgenannte Blatt schreibt, man werde wohl damit rechnen können, daß im Lause des heutigen Tages eine andere Persönlichkeit mit der Reubildung des Reichskabinetts beauftragt werde und man sei wohl berechtigt, in erster Linie an den Finanzminister Dr. Luther zu denken, der eine überparteiliche Regierung zu bilden beabsichtige, und zwar im wesentlichen durch Berufung von deutsch nationa­len Persönlichkeiten in das Kabinett.

Minister Höste und der Barmatskandal. Mandatsniederlcguttg tunt Zentrums abflcordncten?

Die Sensation des Tages war in den Wan­delgängen des Reichstages am Donnerstag das Gerücht von der vom Zentrum dem Reichspost­minister Dr. Hoefle und dem Abg. Lange- Hegemann nahegelegten Mandats- nteberlegung. In eingeweihten Kreisen wollte man wissen, daß die vonseiten der In­dustrie erhobenen Beschuldigungen g?gcn Hoefle, er hätte zu einer Zeit 20 Millionen Mark aus den Kassen der Post an Darmat her­geliehen. als es großen älnternehmungen ein­fach unmöglich war. auch nur 100 000 Mk. an Lohngeldern auszutretben, die Ursache dafür finb. Das Zentrum hat sich anscheinend etwas ein- gehender mit den 'Beziehungen Barmats ;ur Reichspost beschäftigt und seststellen müssen, laß es für die Zentrumspartei unmöglich sei, sich weiterhin mit Herrn Hoefle zu belasten. Sie habe ihm infolgedessen ebenso wie dem Abg. Lange-Hegemann, her in einem Darmat- ilntcrnebmen Aufsichtsratsmitgli e h war, zu verstehen gegeben, er möge sein Mandat der Partei zur Verfügung stellen.

In einer Mitterlung erklär! Reichs posinli- nifter Hoefle. daß der von der Reichsdostverwal- tung dem Barmatkonzern zur Verfügung ge stellte Kredit von 14,5 Millionen durch ein Effekten- und Wechfeldepot sicher- ge stellt und außerdem bei 17 in- und aus­ländischen, von Sachverständigen anerkannten 'Versicherungsgesellschaften voll versichert ist. Entgegen der Behauptung eines Berliner Blattes wird in der Mitteilung festgestellt, daß dieser Betrag auf durchaus ordnungsmäßigem Wege her Deut schen Giro Zentrale in Berlin übermittelt worden ist, die ihn als Treuhän­derin der- Po st an den Barmat-Kon- zern weitergeleitet hat. Rach der Mit­teilung ist schließlich die Darstellung über die Tätigkeit des Zentrumsabgeordneten Lange- Hegermann frei erfunden Auch die Brhaup° tung sei falsch, daß dre Zentrumsfraltion dcn Rücktritt des Reichspostministers beschlossen habe und daß dessen Rücktritt sofort vollzogen worden sei. Ebenso wird die Rachricht über die Riederlegung seines Reichstagsmankats von dem Reichspostminister als u n r i ch t i g bezeichne'.

Wie herVerl. Lokalanz." zu melden weiß, soll die mit der Llntersuchung in Sachen des Barmat - Konzerns beschäftigte Staatsan­waltschaft ihre Ermittlungen auch auf den Ministerialdirektor im preußischen Ministerium des Innern Ab egg. den Polizeipräsidenten von Berlin Richter, dessen Privatsekretär Stöcker sowie aus eine Reihe anderer Per­sönlichkeiten ausgedehnt haben Minister S c - ücring soll den Berliner Polizeipräsidenten Richter in den nächsten Tagen von seinemBer­liner Posten abberufen wollen. Die Staats­anwaltschaft wird, demTag" zufolge, in einer großen Inspektionsreise sämtliche Werte des Barmatkonzems besuchen, um sich ein Bild über die Lage des Konzerns zu bilden und Klar­heit darüber zu verschaffen, ob die Angaben über die Werte zur Deckung der dem Barmat konzern gewährten Kredite den Tatsachen ent­sprechen.

Die Pariser Finanz- konferenz.

Paris, 9. Ian. (211.) In dcn Voraus­sagungen der Pariser Presse über den Ausgang der ^ktrifer Finanz-Konferenz ist heute früh ein unverkennbarer Umschwung eingetreten, ob­wohl sich andererseits nicht in Abrede stellen läßt, daß die Ungewißheit, in der man über di? Regelung des Schuldenproblems steht, nach wie vor große Sorge verursacht. Aus alle Fälle wird aebr ixe Möglichkeit eines erfolg­reichen Abschlusses der schwebenden Be­sprechung, wenigstens soweit es sich um die Re - geluiig der amerikanischen Forde­rung handel!, unumwunden zugegeben, nachdem gestern noch der Eindruck vorgeherrscht hat, daß die anglo-ameritonischen Gegensätze in dieser Frage scharf aufeinander prallen würden.

Die Morgenblätter legen begreiflicherweise das größte Gewicht auf die Feststellung, daß her Verteilungsschlüssel von Spaa. sowci: es sich um den Anteil Frankreichs (42 Prozent, I handelt, durch die Form der mit Amerika gc planten Vereinbarung keine toeitaafentei* Dcr- änberunßen erfahren wirb