Ausgabe 
8.10.1925
 
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Bilderstürmer in hessischen Schulen.

Durch eine Beleidigungsklage vor dem Amts­gericht in Darmstadt ist soeben eine eigentümliche Bilderstürmerei in Hessen aufgedeckt worden: es handelt sich um die Entfernung eines Hindenburg-Bildes aus dem Schul­saal. Der Tatbestand ist kurz folgender- Bor einigen Monaten wurde in der deutschnationalen ..Hessischen Landeszeitung" der Lehrer Daum in Billings, einem kleinen Dorfe des Kreises Dieburg, beschuldigt, ein Bild Hindenburgs aus dem dortigen Schulsaal ent­fernt zu haben. Der Lehrer strengte eine Be­leidigungsklage gegen den für den pro­vinziellen Teil verantwortlichen Schriftleiter des Blattes, den Redakteur Walter Stützet, an. Die 'Verhandlungen vor Gericht förderten sonder­bare Tatsachen ans Licht. Dos Hindenburg^Dtld war den Schulkindern während des Krieges a l s Belohnung für ihren Sammeleifer im Dienste vaterländischer Zwecke geschenkt worden. Es hat dann seinen Platz im Schul- f a a l gefunden. Bon dort hat Lehrer Daum das Bild im Jahre 1922 entfernt. Er recht­fertigte seine Handlungsweise vor Gericht durch Berufung auf einen Erlaß des Kreisschulamtes Dieburg, daßBilder, die den Krieg verherrlichen", aus den Schulen zu ent­fernen seien. Rach seiner Auffassung gehöre auch das Bild Hindenburgs dazu. Wie Lehrer Daum in der Derhandlung weiter erklärte, haben auch andere Lehrer die Hindenburg-Bilder entfernt. Die Bewohnerschaft von Billings war über diele Maßnahme begreiflicherweise entrüstet. Die von der ..Landeszeitung" veröffentlichte Ro- riz war eine protestierende Zuschrift aus Billings. Der Wabrheiisteweis für die behauptete Ent­fernung des Hindenburg-Bildes ist also voll er­bracht, doch wurde der Schriftleiter wegen formaler Beleidigung zu 50 Mk. Geld­strafe verurteilt. Sonderbar berührt, daß den vorgesetzten Behörden, denen die Tatsache nicht unbekannt waren, weil Landtagsabgeordneter Kindt bereits vor Monaren im Landtag auf den Vorgang in Billings hingewiesen hatte, nichts unternahmen. Inzwischen hätten sowohl das Landesamt für das Bildungswe en wie das Kreisamt Dieburg dem Sachverhalt nachgehen und das Wiederaufhängen des Bildes veran­lassen können

Die Turnlehreraurbildung im Nolksstaat Hessen.

Bon Pros. Dr. R. Sommer, Geh. Medizinalrat in Gießen.

Durch den Bericht über die Feier des 25jährigen Bestehens des Hessischen Lehrerturnoereins (ogl Gießener Anzeiger" Nr. 221 vom 21. 9. 25) ist die Frage der Turnlehrerausbildung im Bvlksstaat Hessen an die Oeffentlichkeit gebracht worden, wohin sie bei ihrer allgemeinen Bedeutung für das Schul­wesen gehört. Schon die Namen der in dem Bericht genannten Persönlichkeiten, nämlich der Herren Oberreallehrer Karl Roth aus Darmstadt als 1. Vorsitzender des Hessischen Lehrerturnvereins, de« bisherigen Turninspektors Schulrats i. R. Schmuck, des Ehrenvorsitzenden des Vereins, ferner des Herrn Oberstudiendirektors Lautenschläger, des Herrn Prof. Becker, des Herrn Oberreallehrers 2 u l e y, sowie des als Gast anwesenden Herrn Dr. Edmund Neuendorff, des Direktors der Preußischen Hochschule für Leibesübungen, sowie des Herrn Direktors H a s f i n g e r von der Zentralstelle für Volksbildung und Jugendpflege zeigen, daß es sich um eine Veranstaltung gehandelt hat, bei der wichtige Faktoren in bezug auf die Turnlehrerausbil­dung vereinigt waren. Dem entspricht auch innerlich die Verhandlung, deren Kern der Festvortrag des 'Herrn Schulrates i.R. Schmuck über die Geschichte des hessischen Schulturnens war. Aus dem Vortrag ist ersichtlich, daß, nach einer Vorperiode seit dem Schuledikt von 1822, seit 1848, und zwar seit dem fortschrittlichen Ministerium von Gagern der Turn- unterricht in den Schulen organisch entwickelt wor- den ist.

Diese Feier des Hessischen Leyrerturnvereins bildet die Einleitung zu den kommenden Verhandlungen über die Ausbildung der Turnlehrer, die eine not­wendige Ergänzung zu der Organisation des Turnens in den Schulen bildet. Die eigentliche Grundfrage ist in der Anwesenheit des Herrn Direktors Edmund Neuendorff von der Preußischen Hochschule für Leibesübungen angedeutet und zum Teil von ihm ausgesprochen worden. Nachdem der große Staat Preußen aus feiner Turnlehranstalt in Spandau eine preußische Hochschule für Leibesübungen gemacht hat, handelt es sich wesentlich um die Frage, rote der Turnlehrerausbildung im Gliedstaat Hessen eben­falls wie in Preußen ein Hochschulcharakter gegeben werden kann. Eine Umwandlung der jetzt bestehenden Einrichtung in Hessen nach preußischem Muster in eine Hochschule für Leibesübungen ist bei den kleineren Verhältnissen unseres Staates, der schon zwei Hochschulen hat, ausgeschlossen. Es han­delt sich daher praktisch nur um die Frage, in welcher Weise die vorhandenen beiden Hochschulen für die Turnlehrerausbildung verwendet werden können. Dabei muß man entsprechend den Verhandlungen im Lehrerturnverein die Ausbildung im überlieferten Schulturnen, besonders im Geräteturnen, neben den anderen Formen der Erziehung durchaus beachten. In dieser Beziehung sind gerade die Ausführungen des Herrn Direktors Neuendorff höchst Inter- essant.

Es wird nun seit Jahrzehnten bei der Ausbildung der verschiedenen Arten von Leibesübungen vielfach der Fehler gemacht, daß einzelne Teile dieser Er- ziehung von dogmatischen Anhängern zu scharf be­tont und in Gegensatz zu anderen Arten der körper- lichen Ausbildung gebracht werden. In der Schrift über die körperliche Erziehung der deutschen Stu- devtenschaft 1916 habe ich mich gegen solche Einseitig­keiten auch in der Erziehung der Studentenschaft ausdrücklich ausgesprochen. Entsprechend meiner per­sönlichen Vorgeschichte ich war lange Zeit eifriger Geräte-, besonders Reckturner habe ich z. B. 1910 auf dem damals angelegten Platz für Leichtathletik an dem akademischen Turnplatz in Gießen alsbald für gute Turngeräte aesorat. Auch ist schon 1921, also vor der Inflationszeit, wesentlich auf mein Betreiben der Bau einer Turnhalle auf dem akademischen Turnplatz in Gießen leider ohne Erfolg beantragt worden. Es geht daraus hervor, daß neben der Für­sorge für die neu aufkommenden Formen der Leibes- Übungen, wenigstens der Absicht nach, das Turnen nicht vernachlässigt worden ist. Die in manchen Kreisen verbreitete Vorstellung, als ob sich die Ent­wicklung der Leibesübungen an den Universitäten zu sehr von dem überlieferten Schulturnen entfernt hatte, trifft deshalb mindestens für die Universität Gießen nicht zu. Für den bisherigen Mangel an

Mitteln für solche Zwecke kann man die Hochschulen nicht verantwortlich machen.

An der Universität Gießen sind bisher zwei, die Organisation und Examina betreffenden Einrich­tungen vorhanden, nämlich 1. die dem Oberlehrer­examen eingegliederten Fakultata als Turnlehrer in Form eines Zusatzfaches bei der Abschlußprüfung. Dieser Teil der Sache ist also geregelt. 2. Ein mit Wissen des Landesamtes für das Bildungswesen eingerichtetes Turnlehrerexamen, das jedoch bisher staatlich keine Gültigkeit hat. Wer dieses Examen an der Universität Gießen ablegte, mußte darauf noch einen Turnlehrkursus in Darmstadt mitmachen und von neuem geprüft werden. Hierin liegt ein offen­barer Organisationsfehler, der beseitigt werden muß. Das Examen für Turnlehrer an der Universität muß so gestaltet wer­den, daß es die staatliche Anerkennung erhält. Der eigentliche Grund für den jetzigen un­zureichenden Zustand hat m. E. in dem oben berühr- ten Punkte des überlieferten Schulturnens, besonders des Geräteturnens, gelegen, weil der Staat eine be­sondere Ausbildung in diesem für notwendig hält und daher das Examen für Turnlehrer in der Hand behalten wollte. Soll nun aber die ganze Turn- lehrerausbildung entsprechend dem Vorangehen von Preußen Hochschulcharakter annehmen, so muß man m. E. das jetzt schon an der Universität eingeführte Examen im Sinne eines vollgültigen Staatsexamens entwickeln. Dies faftn m. E., wenn das Geräteturnen festgehalten werden soll, dadurch geschehen, daß der Staat als Vorbildung dieses Examens den Besuch von einem oder mehreren Kursen bei einem von dem Staat zu bestimmenden Turnlehrer, der sich speziell mit dem Schulturnen beschäftigt hat, fordert, und diesen als Mitexaminator in der betreffenden Prüfungskommission bestellt.

Mit dieser einen Ergänzung wären die vor­handenen Einrichtungen schon jetzt ausreichend, um das Staatsexamen als Turnlehrer auch für Dolksschullehrer an der Universität Gießen ab­batten zu lassen. Die vergleichende Uebersicht der Vorlesungen z. B. im Sommersemester 1925 zeigt, daß praktische und theoretische Kurse über dieses Gebiet an der Universität in beträchtlicher Zahl gehalten werden. Ich nenne Prof. Roller: Geschichte der Leibesübungen bis Jahn, und Pädagogik der Leibesübungen: Dr. Werner: Geschichte der körperlichen Erziehung seit Iahn, ferner von demselben: Methodik und Organisation der Leibesübungen, Einführung in die Probleme der körperlichen Erziehung und Theorie der Gym­nastik, svdann Prof. Brüning: Anatomie für Turnlehrer, ferner: Kursus der Körperunter­suchung und Körpermessung unter Zusammen­wirken mehrerer Dozenten und Assistenten der betreffenden Institute, sodann Pros. Hunte­müller: Iugendpflege und Iugendfürsorge,Ver­erbung und Dererbungshhgiene, die Aufgabe der Vererbungshygiene in der Bevölkerungspolitik, Anleitung zu wissenschaftlichen Arbeiten: Schultze: Hautpflege und Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Schließlich erwähne ich die von mir seit Iahren gelesene Psychophysik der Leibesübungen als Teil des Kollegs für experi­mentelle Psychologie. Letztere Richtung ist neuer­dings auf der in meiner Schrift über die Hrper- liche Erziehung der deutschen Studentenschaft ge­gebenen Grundlage In dem Buch über Leist ungs- und Eignungsprüfungen im Sport von dem Do­zenten der beiden Hochschulen für Leibesübungen in Berlin und Spandau, Herrn Dr. R. W. Schulte, wettergebildet worden. Dazu kommt im Lehrplan der Universität die praktische Aus­bildung für Turnlehrer und Turnlehrerinnen in Gymnastik,Geräteturnen,Spielen und Schwimmen.

Der akademische Turnplatz wird nach einem bestimmten Plan weiter ausgebaut und hat sich für diese Zwecke vielfach bewährt. Das Baden und Schwimmen ist von dem Ausschuß für Leibes­übungen dadurch sehr gefördert worden, daß die Eintrittsgelder der Studenten im Volksbad und im Lahnbad aus den Beiträgen der Studenten­schaft bezahlt werden.

Es sind also an der Landesuniversität schon jetzt im wesentlichen alle Voraussetzungen für die allgemeine Turnlehrerausbildung vorhanden. Besonderen Anforderungen der Staatsregierung in bezug auf Geräteturnen kann in obiger Weise durch ergänzende Kurse leicht entsprochen werden. Ob und wie weit außer der Beteiligung der Universität auch die technische Hochschule an der Ausbildung von Turnlehrern mit einem staatlich gültigen Abschlußexamen beteiligt werden soll, mutz ein Gegenstand weiterer Prüfung sein. Zu­nächst ist zu betonen, daß an der Landesuniversi­tät die Voraussetzungen gegeben sind, um der Turnlehrerausbildung den von den beteiligten Kreisen geforderten Hochschulcharakter zu geben.

Die Butzbach - Sicher Eisenbahn

Aus einem Dorfe an der Strecke Lich Grünberg wird uns geschrieben:

Die Auslassungen imGießener Anzeiger" Ar. 233 vom 5. Oktober zeigen, daß die Be­triebsleitung der ButzbachSicher Eisen­bahn sich getäuscht hat, wenn sie glaubte, einen einmütigen Wunsch der Gemeinden nicht berück­sichtigen zu wollen. Der Beschluß, daß keine Verschlechterung des Zugverkehrs auf der Strecke mit dem neuen Winterfahrplan eintreten dürfe, war der Bahnleitung bekannt. Run ist ja auf der Teilstrecke LichGrün berg sogar gegen den bisherigen Zustand eine Ver­besserung dadurch eingetreten, daß vom 4. 0k- tober ab ein zweites Sonntagszugpaar verkehrt. Das ist gewiß prinzipiell ein Fortschritt. Daß damit aber ein haltbarer Zustand erreicht sei, durch den ein nicht in jedem Halbjahr Ver­änderungen unterliegender Fahrplan entstehe, glaubt die Bahnleitung wohl selber nicht, denn r to c Sonntagszug liegt sehr un­günstig. Das war auch der Grund, warum er m öer ganzen Zeit, in der er schon lief, so schlecht benutzt wurde. Er nahm die Anschlüsse von der Reichsbahn nicht mit, so daß er zur geunfebr von Gießen ufw. nicht in Betracht kam. @r konnte höchstens dem lokalen Nahverkehr nach Grunberg dienen, für den gerade an Sonn- ta9^m7 "ich* bas Interesse vorliegt, wie es 9J1 vorhanden ist, wo die Ilmgegend

in Grünberg erledigen kann. Des­halb war die Zahl der Mttfahrenden so gering.

05 « zweifellos anders werden, wenn der zweite Sonntagszug erst später abends läuft, so daß er die Züge, die kurz nach 7 Uhr und ku» nach l/,8 Uhr abends von Gießen bezw. Gelnhausen in Lich einlaufen, aufnimmt. Dann können die Reisenden, die mit dem ersten Zug fortfuhren auch wieder mit der Bahn heim- kehren. Ebenso können auch Fremde, die unsere Gegend aufsuchen, die Eisenbahn wie an Werk- I

tagen zur Hin- und Rückfahrt benutzen. Es ist also zu wünschen, daß dieser Zug nach dem Fahrplan des Werktagsabendzuges fährt. Es besteht die Aussicht, daß die am 22. Oktober stattfin. ende Generalversammlung diese berechtigten Wünsche -nach der Konzes­sionsurkunde sind ja auch sonntäglich drei Zug­paare zu fahren erfüllt. Sie wird auch ge­wiß ein Wort reden zu der Zugeinschränkung auf der südlichen Strecke (LichButzbach bezw. Bad-Rauheim).

Am meisten muß man dem Artikel im Gießener Anzeiger" aber zustimmen in seiner Deschwerdeführung über die Art, w i e der Fahrplan eingeführt wurde. Es liegen ausdrückliche Abmachungen vor, daß die Ge­meinden vor einer Fahrplanänderung ge­hört werden. Tatsächlich aber war am 1. Ok­tober selbst einer Hebergangsstation der am 4. Ok­tober zur Einführung gelangte Fahrplan nicht bekannt. Daß man da feine Zeit gehabt hat, auch noch vorher die Aufsichtsräte und die Ge­meinden zu benachrichtigen, ist verständlich aber es ist nicht richtig. Es ist falsch, mit dem Eifenbahnkoinmisfar in Frankfurt den Fahr­plan zu verabreden und den Interessenten (den beteiligten Gemeinden) dann das vorzusetzen, was dort beschlossen wurde. Iedermann wird das heute als eine ganz unzeitgemäße Behandlung des Volkes ansehen, ganz zu schweigen davon, daß die verbrieften Rechte der hessi­schen Regierung sehr wenig beachtet werden. Die Bahnleitung kann auch nicht sagen, daß ihr nicht bei Zeiten erklärt worden wäre, daß ein solches Verhalten zu Einstimmigkeiten führen und der Bevölkerung eine nicht zu er­tragende Geduldsprobe auferlegen müsse. Wenn es daher der Fall war, daß selbst die Bahn­verwaltung erst am Sonntag die Genehmigung ihres Fahrplanentwurfes in Händen hatte, so liegt die Schuld eben daran, daß man nicht den rechten Weg ging, und vor allen Dingen auch daran, daß man ihn nicht beizeiten ging. Da­durch ist wieder viel unnötige 3 Mißtrauen gegen Betriebsführung und Bahnleitung in den Ge­meinden entstanden, was bei loyaler Achtung der geschlossenen Verträge nicht gewesen wäre. Es wäre zu wünschen, daß die Bahnleitung schon vor dem 2 2. Oktober Wege fände zur Beseitigung der mit Recht be­klagten Mißstände.

Buntes Allerlei.

Wo der Elch häuft.

Als letztes lebendes Denkmal von der Urkraft des deutschen Waldes aus grauer Vorzeit lebt der Elch noch in dem ostpreuhifchen Ibenhorst-Revier, da, wo sich die Mündungsarme des deutschen Memel- stromes mit dem Kurischen Haff vermählen. Maje­stätisch trägt dieser Riese das gewaltige Haupt, das bei dem männlichen Tiere mit mächtigen vielendigen Schaufeln gekrönt ist. Ein kräftiger Bart schmückt den Hals und gibt dem Elch ein würdiges Aussehen. Schwarzbraun wie die Moorerde ist fein Gewand und aus starken Hufen, die in der Jägersprache Schalen genannt werden, ruhen die mächtigen weih geschmück­ten Läufe. Wohl als einziges unter den übrigen Hirscharten zeigt das Elchkalb schon in frühester Jugend ein einfarbiges Kleid, geziert durden Aalstrich, der jedoch mit der ersten Behaarung für immer abgelegt wird. Gar häufig ist schon das erste Geweih als Sechfendengeweih ausgebildet, um sich bann nach Abwurf zu jenen herrlichen Schaufeln zu entwickeln. Vergeblich wird der Raturfreund im Frühsommer trotz peinigender Mückenschwärme den Ibenhorster Forst durchstteifen: er wird trotz eifrig­sten Suchens selten das königliche Wild entdecken, das sich in dieser Zeitz im Grlenbusch versteckt hält. Wenn aber im Herbst die Rebel auf den feuchten Wiesen brauen, wenn die Heidebauern an ihren offenen Lagerfeuern dort ihr karges Abendessen kochen, dann verläßt der Elch den sumpfigen Erlen­wald und furchtlos, in Rudeln zu drei und vier, überwindet er dank seiner großen Schalen das sump­fige Ufer des Flußes, um dann als geübter Schwim­mer den Wiesen des anderen Users zuzustreben. Es gibt wohl kaum ein herrlicheres Bild, als wenn dieser Riese in seiner würdigen Art aus dem Wasser steigt, den gewaltigen Leib nach dem kühlen Bade kraftvoll schüttelt und langsamen Schrittes durch den Rebel schreitet. Im September geht der Elch- hirsch auf die Freite, und dann finden wilde Kämpfe zwischen den jungen Hirschen und den grimmigen alten Gablern statt, wobei der junge Hirsch des öfteren dem unerbittlichen älteren Rebenbuhler er­liegt. Auf diese Weise gehen manche Hirsche zugrunde: auch stellen ihnen im Winter bei Glatteis dje Wilddiebe auf schnellen Schlittschuhen nach, um sie geräuschlos mit ihren Spießen zu ermorden und auf kleinen Schlitten fortzuschaffen. Andere Feinde dieses Wildes sind die Rachenbremse und der Milzbrand. So kam es, daß der ostpreußische Glchbestand, der zur Zeit Kants noch die Wälder um Königsberg erfüllte, 1848 durch planloses Morden auf 11 Tiere zufammengeschrumpst war. Dank der liebevollen Pi lege ostpreußischer Waidmänner ist das feltene Wild heute wieder auf etwa 800 Stück angewachsen und in 10 Landkreisen der Regierungsbezirke Königs­berg und Gumbinnen anzutreffen, wenngleich starke Hirsche freilich immer seltener werden.

Ultraviolette Strahlen.

Von ultravioletten Strahlen ist jetzt viel die Rede. Was bedeuten sie? Zeder kennt den Regen­bogen und das durch ein Prisma entstehende »Spektrum" mit seinen sieben Farben von Rot bis Violett. Das weiße Sonnenlicht besteht nämlich aus verschiedenen Strahlen von verschiedenerWellen­länge", das Glas des Prismasbricht" dieselben verschieden und zerlegt dadurch das weiße Licht in feine verschiedenen Strahlen, von denen die vom Rot bis zum Violett dem Auge wahrnehmbar sind. Run gibt es aber auch diesseits vom Rot und jenseits vom Violett noch Strahlen, jene sind die Wärmestrahlen, diese aber werden ultraviolette Strahlen genannt. Während wir die Wärmestrahlen mit der Haut wahrnehmen, haben wir für die ultra­violetten kein Organ. Sie sind vor allem chemisch wirksam. So verwandeln sie den Sauerstoff in seine chemisch aktivere Form Ozon und bleichen daher Farben. Manche Gase vereinigen sich unter ihrem Einfluß besonders leicht, ja, mit Explosion (z. B. Wafferstoff und Chlor). Im Selen bewirken sie eine geringere elektrische Leitungsfähigkeit, worauf die ^^Photographie beruht. Außer manchen anderen Wirkungen ist vor allem noch die zu betonen, daß die ultravioletten Strahlen Bakterien töten. Man verwendet sie daher zur Heilzwecken, z. V. gegen Suberfulofe und Hautkrankheiten (Lupusl, sowie zur Stenllsierung des Trinkwaffers. Die Haut wird bet längerer ultravioletter Bestrahlung entzündet worauf der .Gletscherbrand" beruht: Denn in den höheren Luftschichten auf hohen Bergen ist die

ultraviolette Strahlung der Sonne stärker, weil st» hier von der Luft weniger absorbiert (aufgesogen) wird. Die dunkelere Hautfarbe in starksonnigen Gegenden ist ein Schuh gegen diese Wirkung der ultravioletten Strahlen. Einen Ersah für diese Strah­len der Sonne bietet die Ouecksilberlampe, die daher 1 auch künstliche Höhensonne genannt wird. Dt.

(Ein Bubikoysprozeft.

Der Bubikopf einer jungen Frau hat kürzlich in Amerika zu einem seltsamen Prozeß und zu einem noch seltsameren Urteil Anlaß gegeben. In Denver war eine junge Frau zu einem Friseur gekommen, um sich einen Bubikopf schneiden zu lassen. Als sie sich nach Beendigung der Prozedur im Spiegel beschaute, fiel sie mit heftigen Worten über den armen Figaro her. den sie beschuldigte, ihr die Haare zu kurz geschnitten und sie damit der Lächerlichkeit preisgegeben zu haben. Der Friseur versuchte vergebens sich zu recht­fertigen. Die Dame rannte aus dem Laden und strengte einen Prozeß an, den sie gewann. Der arme Kerl wurde wegen fahrläffiger Körperverletzung zu der Strafe von 400 Do^ar verurteilt, die der Klä­gerin als Schmerzensgeld zugesprochen wurden. Der Friseur protestierte natürlich heftig gegen die unerhört hochbemessene Strafe, aber der Richter schnitt seine Einwendungen mit den strengen Worten ab:Leider konnte ich Ihnen keine härtere Strafe auferlegen, weil mir das Gesetz dazu keine Handhabe gibt. Ihre Tätigkeit als Friseur unterliegt meinem Urteil nicht. Ich sehe aber geradezu ein Verbrechen"^ der Tat­sache, daß Eie unter Ausnützung einer vorüber­gehenden Rarretei, der man den Ramen Mode gibt, eines der schönsten Geschenke der Ratur verunglimpft und zerstört haben. Denn das Frauenhaar ist in meinen Augen eine der herrlichsten Schöpfungen, die Gott hervorgebracht hat." Worauf der so schwer hereingefallene Figaro, durchdrungen von dem Be­wußtsein seiner Verworfenheit, zerknirscht das Weit« suchte.

Wirtschaft.

Der Anilinlrust.

Die chemische Industrie gehört mit der elektrotechnischen zu den f»genannten wissenschaft­lichen Industrien, die der deutschen Wirtschaft vor dem Kriege eine überlegene Stellung auf den Auslandsmärkten schufen. Welche Bedeutung die chemische Industrie allein für den deutschen Außenhandel hatte, geht beispielsweise daraus hervor, daß im Iahre 1913 die Ausfuhr von Farben und anderen chemischen Erzeugnissen einen Wert von 775 Millionen Reichsmark Gegenwartswerte ausmachte. Das waren immer­hin 7,6 vom Hundert der Gesamtausfuhr, also an sich nicht übermäßig viel, aber darum doch überragend, weil der deutsche Wettbewerb auf dem Gebiet der chemischen Industrie nicht zu schlagen war und wohl auch nicht zu schlagen ist. Denn in den Iahren 1923'24, von denen 1924 wieder leidlich geordnete Handelsbeziehungen mit dem Ausland brachte, konnte der Ausfuhrwert der chemischen Erzeugnisse auf 485 und auf 500 Millionen Mark gesteigert werden. Im Ver­hältnis zum allgemeinen Rückgang der deutschen Ausfuhr bedeutet das immerhin noch einen An­teil von acht vom Hundert an der Gesamtaus­fuhr. Für 1925 hat sich eine weitere beträchtliche Steigerung ergeben, denn im ersten Halbjahr sind bereits für 395 Millionen Mark chemische Er­zeugnisse ausgeführt worden, so daß sich für das ganze Iahr eine Gesamt«usfuhr von fast 790 Millionen Mark ergeben dürste, die die der Vor­kriegszeit sogar übersteigt. Es ist der deutschen chemischen Industrie gelungen, die verlorenen Absatzmärkte nach erbitterten Kämpfen zum Teil wiederzugewinnen, sowie neue zu erobern. Weder England noch den Vereinigten Staaten ist es trotz der Wegnahme der deutschen Patente und Lizenzen möglich gewesen, eine der deutschen chemischen Industrie gleichwertige Industrie zu schaffen. Aller Voraussicht nach wird dies in Zukunft noch weniger möglich sein, da die deutsche Chemie auch nach dem Kriege nicht auf früheren Großtaten ausruhte, sondern unermüdlich weiter gearbeitet hat und weiter arbeiten wird. WaS das Ausland nicht nachmachen kann, das ist dis wissenschaftliche Erfahrung und die technische Schulung der deutschen chemischen Industrie, die als solche wieder in den großen führenden Wer­ken gipfeln, die ursprünglich getrennt, schließlich vereint die ungeheure und beispiellose Kraft ihrer Gesamtorganisation einzusetzen haben.

Es ist llar, daß veränderte Verhältnisse auf den Auslandsmärkten auf die deutsche Industrie zurückwirken muhten. Verschärfter Wettbewerb^ auf der einen Seite hat dazu geführt, die Lei­stungsfähigkeit dex deutschen Werke nachzuprüfen. Da sie in der Hauptsache gleichwertige oder doch gleichgeartete Erzeugnisse Herstellen, ergab sich von selbst eine Verdichtung des Produktions­prozesses, der sich nach außen in der Abstoßung und »Ausscheidung aller irgendwie überflüssigen Zwischenglieder ausdrückt. Wenn es gelingt, durch die Verdichtung des .Produktionsprozesses die Herstellungskosten so zu senken, daß sie jeden Wettbewerb schlagen, bann ist für absehbare Zeit aufs neue die überlegene Stellung der deutschen chemischen Industrie begründet worden. Die fünf führenden Werke der deutschen chemischen Indu­strie, die mit ihren Reserven über ein Kapital von 800 Millionen Mark verfügen, erreichen durch den organisatorischen Zusammenschluß die höchstmöglichste Ausnutzung ihrer gesamten Be­triebsmittel. Die wirtschaftsgeschichtliche Bedeu­tung des Vorganges liegt darin, daß er offen zeigt, daß Deutschland die Sonnen für den wirt-

Zollamtliche Bekanntmachung.

Wcinstcner. Nach den Bestimmungen deS neuen Wetnsteuerge fetzes sind vom 1. Sembr. ab die Slnmelbmincu für den im Mona: verlausten Mein bi 6 zum 15. des nächsten Monats in bovvelter Ausfertigung bet der ziiständigew Zollstelle ein- ziireichen. Bei der Ausstellung der Anmeldungen ist zu beachte-, daß die Trallbeniveine nach Lage und Jahrgang genau bezeichnet werden und die Preise ohne Weinsteuer, ohne städtische Getränke- steuer und ohne RedtenungSzuschlag anzugeben lind. Die Steuersätze betragen bet Wein, Avselwetn 150/" bei Tranbenfchaummetn 22V-o- und ist die Steuer bis zum 15. des dritten Monat-, der auf den Monat folgt, in dem der Ber- kauf stattfand, zu entrichten (z. B. Steuer für Sep- temberverkauf spätestens am 15. Dezember 19251. cmc Ausfertigung der Anmeldung gibt die Zollstelle, nevrüft und mit Zahlungsaufforderung versehen, dem Steuerpflichtigen wieder zurück. der sie als Beleg dem We,nsteuerbuche beizu« schließen hat.

Wettere Auskunft erteilen die Zolldienststelle« und Zollaufsichtsbeamten.

Gießen, den 5. Oktober 1926.

Hauptzollamt, 93860