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Rr. 236 Zweites Blatt
Donnerstag, 8. Oktober 1925
Giehsner Anzeiger iZeneral-Anzeiger für Gberheffenf
Lettland im Wahlsisder.
Von unserem v. Ue.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
L i b a u, 1. Oktober 1925.
Wunderbar klar ift der nordische Herbst. Plastisch wie in keiner anderen Jahreszeit hebt sich die schöne Silhouette Rigas von einem Himmel ab, der sich mit fast südlich blauen Tinten schmückt. St. Jacob und St. Peter, Dom und Schloß lassen ihre wundervollen Türme in diesen Himmel ragen, stolz und freudig, wie sonst nie. Und selbst der mächtige Dünastrom spiegelt im Herbst das altehrwürdige Bild deutscher Städte wieder, gar nicht als ob seine Fluten trüb und wandermüde dem nahen Meere zuschleichen. Unser Stolz aber sind unsere Gartenanlagen, von denen wir als stramme Lokalpatrioten zu sagen pflegen, daß kaum eine andere Stadt über ihresgleichen verfügt. Auch ihnen hat der Herbst die wunschlos verklärte, fast geistige Schönheit seiner Farbenpracht geschenkt.
9lur die Menschen spüren wenig von diesem reichen Herbstfrieden. Die Neuwahlen zum Landtag stehen uns bevor, und die Siedehitze, in welche die Gemüter geraten sind, ist nichts, aber auch gar nichts weniger als herbstlich abgeklärt. Aber die Konkurrenz um die 100 Plätze im Parlament ist auch geradezu enorm. Wenn jemand eine fette Pfründe ausschreiben wollte, ich glaube, die Zahl der Bewerber könnte kaum größer sein. So streiten sich zum Beispiel im Wahlkreis Kurland genau 26 verschiedene'' Parteien mit zusammen 325 Kandidaten um die 15 Mandate. Unter diesen 26 Parteien sind mindestens 10, von denen selbst ihre anderswo draußen gebliebenen Gründer vor wenigen Wochen nicht das allergeringste geahnt haben. Allein die Juden, welche in diesem Wahlkreis nicht mehr als einen Abgeordneten zu stellen haben, beteiligen sich mit fünf Listen am Kampf, die Russen mit zwei, öte übrigen Minderheiten mit zwei und die Letten mit 17. Nur die Deutschen haben in Kurland wie in ganz Lettland ihre Einigkeit bewahrt und marschieren mit einer Einheitsliste geschlossen in die Schlacht Fast schlimmer noch als in Kurland ist die Zersplitterung im östlichen Teil des Landes, in Lettgallen, wo die Zahl der Parteien 35 erreicht hat. In Serngallen, Südlivland und Riga liegen die Verhältnisse genau so.
Wer vermag da den Wahlen eine sichere Prognose zu stellen? Nur soviel ist gewiß, daß sich auch dieses Mal keine klare Mehrheit für rechts oder links ergeben kann, und daß die Wurstelei mit der Gründung ber kompliziertesten Regierungskoalitionen auch in unserem Ländchen ihren Fortgang nehmen wird. Die Deutschen, welche bereits im alten Landtag sechs Mandate von den 100 inne hatten, können zufrieden sei», wenn sie aus dem Wahlkampf nicht geschwächt hervorgehen, denn die Zahl 6 ist schon wesentlich größer als der Prozentsatz, den sie in der Gesamt- beoölkerung Lettlands ausmachen, und konnte nur erreicht werden, indem voriges Mal zu der äußersten Kraftanstrengung einig« Glückszufälle bei der Verteilung von Mandaten auf die Reststimmen hinzu- fumen. Die Russen hingegen könnten die Zahl ihrer Abgeordneten mühelos vervierfachen, wenn es ihnen nur gelingen würde, die trägen Massen der russischen Bauern in Lettgallen mobil zu machen und sie zu veranlassen, nach völkischen Gesichtspunkten zu wählen. Aber an eine so große Stärkung der Minderheitenfraktion des Landtages ist überhaupt nicht zu denken, denn die Russen werden statt ihrer bieherigrn drei Abgeordneten höchstens fünf durch- bringen, trotzdem sie ihre Organisation auf kirchliche Basis umgestellt haben. Ebenso werden sich die Juden mit ihren bisherigen fünf oder sechs Mandaten begnügen müssen, denn auch sie haben durch eine geschickte Blockierung ihre große Zersplitterung unschädlich gemacht und bereits das Marimum erreicht. Anders die Polen. Wenn sie im Osten Lettlands tatsächlich eine so starke „unbefreite" Minderheit bilden, wie eine gewisse Warschauer Presse wahr haben will, bann müßten auch sie in ber Lage sein, statt ihres bisherigen Alleinvertreters mindestens ein Konsortium von 4—5 Abgeordneten ins Parlament zu schicken. Ader auch das,dürfte ein schöner polnischer Cäsarentraum bleiben.
Bis vor kurzem konnte man sich nur darüber wundern, wie gesittet und anständig der Wahlkampf trotz der großen Konkurrenz geführt wurde. Außer einigen etwas unsanft zum Schweigen gebrachten sozialdemokratischen Wahlrednern konnte die lettische Presse ihren Lesern rein gar nichts Sensationelles servieren. Der Wahlkampf war ausgesprochen langweilig. Da aber packte einen bekannten lettischen Journalisten plötzlich der Ehrgeiz, mindestens zwei
Kellner oder Kellnerin?
Ein Beitrag zur Münchener Kulturgeschichte.
Ob die Sektion München des internationalen Genfer Kellneroerbandes klug gehandelt hat, den Zeitpunkt für den ‘Beginn’ ihrer Offensive gegen die Münchener Kellnerin ausgerechnet in die Septembertage zu legen, darf nach Kenntnis der Lage füglich verneint werden. Die strategische Lage ist folgende: Um ihren arbeitslosen Der» bandsgenossen zu Helsen, will die Münchner Sektion obigen Verbandes vorerst die Gaststätten vom Marienplah bis zum Karlstor mit Kellnern besetzen. 2llso Einfall in das bislang unumstrittene Gebiet der Münchner Kellnerin. Die aber ist nicht nur in den Stadtlokalen, sondern zur Zeit ganz besonders in den 'Rieseribierzelten auf dem Oktvberfest unentbehrlich. Das weiß sie. Und so klingt ihr scharf warnendes „Soh", wenn sie mit ihren 10 bis 12 gefüllten Maßkrügen durch die Menge sich drängt, nicht nur den durstigen Konsumenten, jetzt gerade auch der männlichen Konkurrenz des Kellnerverbandes bedrohlich in die Ohren. Sie weiß auch, daß ihr die Sympathie, des alteingesessenen Münchners, und nicht minder wohl auch die des Zugereisten, gehört.
Getreu dieser Sympathie erhebt sich prompt das stets sehr beachtliche Knurren des bayerischen Löwen. Schon füllen sich die Spalten der Zeitungen mit mehr oder minder erregten Zuschriften. Die Volksseele fängt an zu kochen. Diese Volksseele aber wird auch den Sturm auf die Kellnerin siegreich abschlagen. Dräuend bildet sich die Phalanx gegen den Kellner, den schwarzbefrackten, der bÄ dato alle Gaststätten der Welt sich erobert hat, dem nur noch eine Perle in seiner Krone fehlt: das Münchener Hofbräuhaus!
Es ist ja doch gar nicht auszudenken, wenn die Zenta, die Rest, die Kathl verschwände, wenn an Stelle des blitzsauberen Diermädels ein Piccolo das t h r zugedachte Fünfer! einsteckte, wenn anstatt des freiwilligen Triickgeldes die schwer
ober drei l e 111 d n b i f d) e V a r m a t a s f ä r e n auf einmal zu kreieren. Zum Gegenstand seiner nach allen Regeln ber Taktik urplötzlich inszenierten Offensive hat er sich ben demokratischen Unterrichtsminister Aroeb Kalning erwählt. Diesem wirst besagter Journalist nichts weniger vor, als ben Spiritusprobuzenten gegenüber einen gelinben Erpressungsversuch gemacht zu haben. Die Vorgeschichte bieses angeblichen Vergehens liegt runb ein Jahr zurück. Damals würbe im Parlament heftig über ein inzwischen längst in Kraft getretenes Gesetz bebattiert, welches jeglichen Alkoholausschank und Alkoholverkauf an ben Samstagen und Sonntagen verbietet und sonst noch eine ganze Reihe von Maßregeln verhängt, die ben Alkoholkonsum gewaltsam einschränken sollen. Die Stimmung für und roiber dieses Gesetz, bas ben Gastwirten unb Alkoholprodu- zenten einen heillosen Schrecken einjagte, hatten sich in zwei so genau gleichgroße Lager gespalten, baß ber Ausgang bis zum letzten Augenblick ungewiß war. Diese Gelegenheit soll sich nun ber Uuterrichts- minister Kalning zunutze gemacht unb bem Vorsitzen- ben bes Verbandes ber Alkoholprobuzenten einen Brief geschrieben haben, in welchem er ihm einen Vorschlag zur Güte machte. Er, ber Vorsitzende, solle ihm, dem Minister, 100 000 Goldsranken geben und dann würde er, der Minister, dafür sorgen, daß seine -Partei gegen das Gesetz stimmt. Diese' sehr bescheidene Summe habe Herr Kalning aber nicht erhalten unb deshalb zur Annahme des Gesetzes geraten. Natürlich hat der Minister den Journalisten sofort verklagt, und uns steht in aller Kürze ein Sensationsprozeß bevor, in welchem der Journalist versuchen wird, den Wahrheitsbeweis für seine schweren Beschuldigungen zu erbringen. Aber an dieser einen Sensation läßt er sich nicht genügen und beschuldigt ber Sicherheit halber auch gleich noch ben Präsidenten bes ßanbtags, seine Stellung dazu mißbraucht zu haben, um sich das für lettländische Verhältnisse enorme Monatseinkommen von 5000 Goldfranken zu verschaffen. Selbstverständlich wird auch das einen Beleidigungsprozeß mit Wahrheitsbeweis ufw. zur Folge haben. Der Landtagspräsident gehört übrigens ebenfalls der demokratischen Partei an.
Am gleichen Tage, an welchem die Oessentlichkeit mit den obigen Sensationsnachrichten überrascht wurde, gab es noch ein weiteres großes Ereignis: In der katholischen Kathedralkirche verlas der katholische Erzbischof eine Bannbulle des Papstes, in welcher die Exkommunizierung des Pfarrers T r a f» f u n verkündigt wird. Das Pikante an dieser Geschichte ist, daß es gerade der Pfarrer Trassun ist, welchem es mit in erster Linie zuzuschreiben ist, daß die Kirche, in welcher die Bulle verlesen wurde vor etwa zwei Jahren vom Staate der evangelischen Gemeinde fortgenommen unb ben Katholiken überwiesen würbe. Der Entrüstungssturm, der damals über diese Handlung ausbrach, ist wohl noch in frischer Erinnerung. Allerdings hatte die katholische Kirche allen Grund, mit Trassun unzufrieden zu fein. Dieser Pfarrer, ein enragierter lettischer Chauvinist, separierte sich eines Tages plötzlich von der kird)lichen Partei und gründete eine eigene katholische Fraktion auf linksdemokratisch-nationaler Basis. Außerdem ließ er nicht gern eine Gelegenheit vorüber, seinen hohen geistlichen Vorgesetzten anti- lettländische, polnische Tendenzen oorzuwerfen unb zeigte sich überhaupt in jeber Weise aufsässig. Unter anberem kam er nicht dem Befehl nach, zu den Parlamentssitzungen in ber Soutane ober doch wenigstens im schwarzen Rock mit geistlichem Kragen zu erscheinen. Außerdem, aber das ist inoffiziell, warf man ihm vor, daß er im Konkubinat mit einer Frauensperson lebt, die ihm während der Bolschewikenzeit das Leben gerettet haben soll.
Trassun ist sich sehr gut dessen bewußt, daß er durch die Bannbulle politisch schachmatt gesetzt worden ist. In einem schleunigst vollzogenen Interview behauptet er, durch die schwere Maßregelung völlig überrascht worden zu sein und schiebt die ganze Angelegenheit auf die Polen, welche ihn in Rom fälschlich denunziert hätten. Auffällig sei es, daß die Bannbulle bereits im Juli unterzeichnet und erst jetzt, kurz vor den Wahlen, bekanntgegeben wurde.
Aller guten oder auch bösen Dinge sind drei, und so haben wir in diesen Tagen auch noch eine dritte Ueberraschung erlebt, die eigentlich gar keine Ueber- raschung ist. Die rechten Sozialdemokraten, welche zur Regierungskoalition gehören, haben es nämlich plötzlich mit der Wahlangst bekommen und den bürgerlichen Fraktionen kurz vor Schluß die Freundschaft aufgekündigt. Ob sie ihre Wähler durch eine derart verspätete Aktion noch werden von der wihrhasten Linksseite ihres Herzens überzeugen können, das mögen die Götter wissen, und das
wiegenden 10 Prozent des Bedienungsgeldes unten auf der Rechnung erschienen! Ist es nicht viel gemütlicher für alle, von einer Mirzl oder Märi die Maß Bier hingestellt zu bekommen, daß es kracht, als daß irgend ein Herr Jean würdig ernst serviert? Ist es nicht viel amüfan- ter, auf sein bestelltes Essen warten zu dürfen, weil „sie" grab’ ihrem „Doktor" in den QHantel helfen mutz? Hub wir armen Junggesellen sollen nicht mehr mit „unferm“ Diermadel schäkern dürfen?
Rein — dreimal nein! Möge der Kellner ruhig dort bleiben, wo er auch bei uns in München würdig, und völlig am Platze seines Amtes waltet. Er wolle aber nicht das letzte Idyll Münchener Selbständigkeit mit rauher Hand zerstören. Im Wirtshaus herrsche nach wie vor bayerische Gemütlichkeit, verbürgt von der Zenta, der Kathl, die treu zu ihren Gästen halten, und für sie sorgen, gar manches Mal rauh, aber immer herzlich. Bo ar.
Vom Schmöker und vom Buch.
Von Friederike Rosen.
Wenn die Frage ausgeworfen wird, welche Lek- rüre von den Frauen bevorzugt wird, so kann man getrost antworten, daß dec R o m a n in seiner mannigfachen Form sich der meisten Liebhaberinnen erfreut. Natürlich gibt es auch Frauen, die nicht nur von Berufs wegen an Werken wissenschaftlicher Art Gefallen finden, und solche, die die Lektüre von Dramen und lyrischen Gedichten derjenigen von Romanen und Erzählungen vorziehen. Die Zahl ber ersten Kategorie dürfte jedoch die zweite gewaltig übertreffen. Einem großen Teil der lesenden Frauen kommt es zunächst daraus an, in erster Linie ihr Bedürfnis nach Unterhaltung zu stillen. Sie sind daher mit einer Lektüre zufrieden, die keine allzu großen geistigen Anforderungen stellt. Personen, die auf Bildung Anspruch erheben, unb benen bas Wort: „Zeige mir, was bu lieft, unb ich werbe bir sagen, wer du bist", nicht unbekannt ist, werden in der Auswahl ihres Lesestoffes vorsichtiger fein unb nicht
u-mgi jedenfalls von der Häufigkeit der bekannten Eigenschaft ab, mit welcher selbst Götter vergeblich kämpfen sollen.
Die Not der Sudetendeutschen.
In Berlin hielt soeben der Subctcn- deutsche Heimatbund seine diesjährige Reichsverbanbsiagung ab. Der Zeitpunkt kann angesichts der bevorstehenden hochpolitischen Ereignisse als besonders günstig angesehen werben, l a die cor. i e : Oststaa e ■ a cst e te.i Schiede- gerichtsverträge für uns nur biskutabel sinb, wenn sie sich auch auf bas Deutschtum im Ausland erstrecken, bas heute in Polen, mehr vielleicht noch in der Tschechoslowakei auf bas härteste unterbrückt unb das schärfste bekämpft wird. Wir erinnern nur an die Vertreibung deutscher Gutsbesitzer aus den rein- deutschen Grenzbezirlen des tschechischen Staates, an den Raub deutscher Schulen und Kulturgüter, an die Tschechisierung rein deutscher Gemeinden, an die wirtschaftliche, soziale und politische .Knechtung ber Sudetendeutschen, die von ben tschechischen Behörden schikaniert und bedrückt werben, wo es nur geht. Richt weniger als 50 bis 60 000 Gendarmen unb D eie tausend Polizeispitzel, alle entnommen der berüchtigten tschechischen Legion, befinden sich in dem deutschen Sprachgebiet, bas zweimal größer ist als Sachsen, um bas Deutschtum mit aller Macht zu zerschlagen. Sechs Jahre leben nun schon die Sudeten- beutschen in tschechischer Sklaverei, sechs Jahre hinburch haben sie ihre Rot unb ihr Elenb in alle Welt hinausgeschrien, jetzt haben sie bas gefordert, für bas die Alliierten seinerzeit zu kämpfen Vorgaben: Selbstbestimmungsrecht! Sie wollen abstimmen über ihr künftiges Schicksal und dem Völkerbund Material an die Hand geben, um ihre Freiheit wieder zu erlangen. Daß ber Genfer Bund keinen Finger rühren wird, um sich endlich einmal dem Deutschtum in der Tschechoslowakei anzunehmen, erscheint uns als selbstverständlich. Darum wird es Sache der deutschen Staatsmänner sein, die Schiedsverträge mit ben Oststaaten so zu gestalten, baß die Vergewaltigung unserer Brüder und Schwestern außerhalb der Reichsgrenzen endlich ein Ende findet.
D?e Flucht eines Prinzen.
Von unserem Kr.-Korrespondenten.
Konstantinopel, 30. Sept.
Füllte die Erregung über die neuerliche Verschiebung einer Entscheidung der für die Türkei lebenswichtigen M o s s u l f r a g e die Leitartikel der hiesigen Tageszeitungen, so hielten die übrigen Spalten den Leser in nicht minderer Spannung durch das wochenlange Rätselraten über die aoenteuerlidje Flucht des ägyptischen Prinzen Seis- eddin aus einem Jrrenhause in Sussex in England, in dem er seit 27 Jahren von der Welt abgeschlossen gehalten war. Schon vor einigen Monaten wurde die Geschichte dieses Prinzen in den hiesigen Zeitungen ausgegraben, die so voll abenteuerlicher Tragik ist, daß man eher an einen der üblichen Filmromane glauben könnte, der infolge der nicht leicht zu entwirrenden Familienverhältnisse der regierenden ägyptischen Familie in seinen Einzelheiten noch doppelt verwickelt erscheint. Das überaus große Interesse gerade der Konstantinopeler Kreise wird verständlich, da ein großer Teil der ägyptischen Prinzen ständigen Ausenchalt am Bosporus genommen hat. So vor allem der frühere Khedive A b b a s H i l m i, der schon vor dem Kriege enge Verbindung zu jungtürkischen Kreisen unterhielt. Vielleicht mag darin der Grund zu dem noch immer unaufgeklärten Attentat zu suchen sein, bas auf Abbas Hilmi im Sommer 1914 verübt wurde, als er gerade das Jildis Kiosk des Sultans verließ. Wegen seines allzu offenen Eintretens für die türkische Sache wurde er dann im November 1914 von den Engländern a b g e s e tz t, und an feine Stelle trat sein Neffe H uff ein Kamel, der Vater des jetzigen Königs Fuad von Aegypten. Auch die Mutter des Prinzen S e i f e d d i n , die Prinzessin N e v d j i h a n , die in zweiter Ehe mit dem Türken Feridun Pascha verheiratet ist, sowie seine Schwester, die Prinzessin S ch i v e f i a r Haden in Konstantinopel ihre Heimat gefunden. Trotzdem sämtliche türkische Prinzen und Prinzessinnen des Landes verwiesen sind, erfreuen sich ganz im Gegensatz hierzu die hier weilenden Mitglieder der ägyptischen Herrscherfamilie
Schund und Kitsch zur geistigen Nahrung erwählen.
Wer feine Bildung und Fortbildung vernachlässigt, bandelt ebenso töricht wie der, der ungenügende und schlechte Kost genießt. Man setzt sich in seinem Bekanntenkreise selbst herab, wenn man seine Ignoranz nur schiedst zu verbergen weiß. Im Gegensatz hierzu wirb eine Frau, die einigermaßen belesen ist, und daher eine gute Allgemeinbildung besitzt, allerorts die höchste Achtung genießen. Kenntnisse unb Urteilsfähigkeit, bie im Leben sehr oft vonnöten sind, kann man sich aber meist durch gute Lektüre verschossen. Natürlich gilt es hierbei, die richtige Auswahl zu treffen, denn die Interessen ber Frau sinb ja mannigfach. Glücklicherweise sind wir in Deutschland in ber angenehmen Lage, ben Wissensdurst unb bas Unterhaltungsbedürfnis auch auf speziellen Gebieten in reichlichem Maße befriedigen zu können.
Schon Goethe hat die erzieherische Notwendig- feit eines guten Buches hinreichend zu schätzen gewußt, indem er äußerte, daß man an jedem Tage wenigstens einige Sätze in einem guten Buch lesen soll. Viele Hausfrauen und berufstätige Damen ver- anfd,lagen vielleicht die Kosten, bie ihnen burch Anschaffung guter, lesenswerter Werke entstehen könnten, zu hod). Sie irren sich aber sehr, benn bie Anschaffung guter Lektüre ist im Vergleich zu anderen Wünschen nur mit geringfügigen Ausgaben verknüpft. Freilich, wer ein Buch nicht nur nach feinem inneren Wert, sondern auch nach seinem äußeren beurteilt, und den Besitz einer solchen, allen Anforderungen genügenden Bibliothek anstrebt, muß zur Verwirklichung dieses Wunsches tief in seinen Beutel greifen. Oft ist allerdings das prunkende Aeußere feines Buches nur Schein, fein Inhalt enttäuscht die Leser, während ein unscheinbarer Band oft ein durchs Leben treuer und viel durchblätterter stummer Freund seiner Besitzerin ist. Wann und wo soll man nun seinem Lesebedürfnis frönen? Es ist eine weitverbreitete Angewohnheit, im Bett zu lesen. Diele Frauen und Mädchen können sich von der Schädlichkeit dieser Sitte keinen Begriff machen.
Desgleichen empfiehlt es sich nicht, während des Fahrens in Zügen, Trambahnen und Auws zu lesen,
größter Beliebtheit, was bei der regen Anteilnahme vor allem des Erthediven Abbas Hilmi an den so wechselreichen Geschicken bes Landes leicht erklärlich erscheint.
Der jetzige König von Aegypten Fuad heiratete vor über 30 Jahren die Schwester des Prinzen Seif- eddin. Das an sich recht ansehnliche Vermögen bet Frau wurde von dem überaus leichtsinnigen Fuad in kurzer Zeit vergeudet, unb er suchte dar« aufhin seine Frau burd) Mißhandlungen zu bewegen, sich in den Besitz von Vermögensobjekten ihres Bruders Seifebdin zu setzen. Die Prinzessin rief daraufhin ihren Bruder um Schutz an, und in einer erregten Auseinandersetzung verwundete Seifeddin, ber über die Schurkerei Fuads außer sich war, feinen Schwager durch einige Revolverfchüffe, ohne ihm jedoch besonderen Schaden zuzufügen. Er wurde daraufhin zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt. Diese Zeit wußte Fuad geschickt auszunutzen, den damals regierenden Khediven Abbas zu beredten, in die Erklärung der Unzurechnungsfähigkeit bes damals zwanzigjährigen Seifeddin einzuwilligen, er selbst setzte sich bann in den Besitz ber reichen Besitztümer seines Schwagers. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, wurde Seifeddin wieder fe st genommen , und als er sich zur Wehr setzte, in eine Zwangsjacke gesteckt und unter starker Bewachung in eine I r r e n a n ft a 11 nach England gebracht, wo er tatsächlich in ohnmächtiger Wut über sein Schicksal sich anfänglid) wie ein Tobsüchtiger benommen haben soll, bann aber ruhiger wurde, so daß es ihm gestattet war, unter allen möglichen Vorsichtsmaßregeln im Park und in den letzten Jahren aud) in ber Umgebung des Irrenhauses Spaziergänge zu unternehmen. Bon einem dieser Ausflüge kehrte ber Prinz vor einigen Wochen nicht zurück, unb mit ihm blieben auch feine beiden englischen Wärter spurlos verschwunden.
Wochenlang wartete man hier in Konstantinopel auf sein Kommen. Er sollte in Frankreich g e • sehen worden sein. Englische Detektive hingen sich an seine Fersen. Mehrmals wurden Prinzen, die jedoch keine waren, in Paris festgenommen. Journalisten von Paris und London waren eigens nach hier beordert und verstärkten nur die Zahl der hiesigen Reporter, bie jeden Simplonexpreß, jedes ankommende Schiff fieberhaft nach dem verschwundenen Prinzen durchforschten. Die herrliche Jacht „Nimet ullah" des Exkhediven Abbas Hilmi, die gerade in den kritischen Tagen von einer Mittelmeerreise zurückkehrte, erschien den meisten als sehr verdächtig. Doch alles Suchen war vergebens. Endlich löste sich vor einigen Tagen die Spannung, der Prinz war wirklich mit einem gewöhnlichen Passa« aierschiff über Marseille unerkannt hier angefommen und bald im Palaste seiner Mutter, der Prinzessin N e v d j i v a n , verschwunden. Lange Jahre qualvollen Harrens hatten in der freudigen Stunde des Wiedersehens ihr glückliches Ende gefunden.
Der Plan der Flucht war von der Mutter, die all bie vielen Jahre ihren Sohn nicht hatte sehen können, aufs genaueste vorbereitet roor- ben und wurde unter persönlicher Leitung des Stiefvaters des Prinzen F e r i d u n Pascha unter Mithilfe zweier Freunde ausgeführt. Es gelang, die Wärter zu bestechen und unerkannt nach Frankreich zu entkommen. Dann hielt man sich durch zwei Wochen in der Umgebung von Paris versteckt, um ben englischen Detektiven zu entgehen, die zahlreich ausgesandt waren, da man aus begreiflichen Gründen in London großen Wert auf die ®ieberergrei- fung des Prinzen zu legen schien. In abenteuerlicher Autofahrt glückte es dann, unbehelligt Marseille zu erreichen. Nach Angabe Feridun Paschas sollen die Gesamtkosten der Flucht sich auf über 50 000 Pfund Sterling — I Milliarde Mark — belaufen.
Es ist ja möglich, daß der ägyptische Prinz doch ein wenig verrückt sein mag, aber wer würde es nicht werden, wenn man ihn 27 Jahre seiner besten Lebenszeit gefangen hält. Der große Wendepunkt im Leben des armen Prinzen ist jetzt eingetreten. Er ist endlich frei. Doch als Fremdling tritt er in ein neues, unbekanntes Leben. Ob er sich in der so völlig veränderten Welt zurechtfinden wird? Ein harter Kampf steht noch bevor. Zunächst gilt es, den hiesigen Aerzten zu beweisen, daß er wirklich geiftes- gesund ist, und dann beginnt der häßliche Streit um sein großes Vermögen, bas seit jener Zeit in den Händen feines lieben Schwagers liegt, der es inzwischen verstanden hat, mit Hilfe des allmächtigen England König von Aegypten zu werden. Hoffentlich verliert ber ägyptische Prinz bei diesen bevorstehenden verwickelten Prozeßen nicht schließlich noch den Nest seines Verstandes.
da auch dies für die Augen äußerst schädlich ist. Außerdem wird das Verständnis des Gelesenen durch allerhand störende Einwirkungen von außen erheblich beeinträchtigt.
Wer viel und verständig lieft, wird natürlich vieles lernen, auch wenn er von Natur nicht gerade mit allzu großen Geistesgaben ausgestattet ist, denn nach einem Wort Nietzsches begabt sich derjenige selber, welcher lernt.
Ein unbekannter Nom an der Bettina von Nrnim.
„Habent fua fata libelli" — dieses alte Horaz- Wort, daß Bücher ihr Schicksal haben, hat wieder einmal einen schlagenden Beweis erhalten. Im literarischen Tiachlaß der Brüder Grimm fand Otto Mallon bei den Vorarbeiten zu seiner kürzlich erschienenen Arnim-Biographie einen bisher noch nicht veröffentlichten Märchen-Roman der Bettina von Arnim: „Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzu- hansbeiun s".
Das Schics.:! des Romans ist merkwürdig genug: er wurde von Bettinas jüngster Tochter Gisela, der Gatttn Hermann Grimms, begonnen. dann aber von Bettina bearbeitet und fertlg- gestellt und sogar in die Druckerei gegeben. Rätselhaft bleibt, warum der Roman nie erschienen ist, da er aus der Romanti lerzeit fast der einzige nicht fragmentarische ist andererseits ganz typisch vollendet für seine Verfasserin spricht.
Der junge 'Verlag von S. Martin Fränkel, Berlin XV 62, läßt das 17 Bogen starte Buch Anfang Rovember in drei Ausgaben erscheinen, neben ber allgemeinen, besonders billig gehaltenen in einer Luxus- und in einer für rein wissenschaftliche Zwecke beftimmten Acisgabe. Man kann wohl sagen, daß feit dem llrmcifter von Goethe lein so bedeutender literarischer Fund gemacht wurde. Wir werden in der Lage feiiL unseren Lesern schon vor Erscheinen des Buche- einen unveröffentlichten Probeabschnitt dank dem Entgegenkommen des Verlages bieten zu tönnat)


