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Nr. 256 Erster Blatt <d

175. Jahrgang

Donnerstag, 8. Gttober (925

Persönliche Fühlungnahme in Locarno

Eine Unterredung Bria, ds mit Dr. Luther

Französische Intrigen

Belgiens Absonderung

Die Garantie des Ostpaktes

eigene

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Landwirtschaft gedeckt werden.

erklärt habe, daß sie dieser Verbindung widersprechen wolle, so se> das geschehen, für sie die Anregung zu de.a Sicherheits- kein taktisches Manöver, sondern der ehr- Wille gewesen sei, zu einem wirklichen

nicht weil Pakt liche

ganze Bedarf müsse durch die

3u Beginn der Sitzung begründete der fran­zösische Außenminister D r i a n d den Stand­punkt seiner Delegation damit, daß Frankreich durch seine Verträge mit Polen und der Tschechoslowakei gebunden sei und infolge­dessen Wert darauf legen müsse, auch im Rah­men des abzuschlietzenden Paktes den Verpflich­tungen aus diesen Verträgen gerecht zu wer­den. Auf diese Ausführungen antwortete sofort Reichsauhenminister Dr. S t r e s e m a n n, daß die Reichsregierung in ifjrem Memorandum die Frage der Schiedsverträge po­sitiv bejaht habe, um dem Einwand zu be­gegnen, daß der Westpakt eine kriegerische Be­drohung der Ostgrenzen bedeute. Trotz dieses weitgehenden Entgegenkommens der Reichsregie­rung, das noch hinausgehe über die Anregungen des sog. Cuno-Paktes und über die vom Reichs­auhenminister als Reichskanzler seinerzeit ge­gebenen Vorschläge hätten die Alliierten damit noch den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund verbunden. Die starke Oppo­sition, die gegen den Völkerbund in Deutsch­land bestehe, und auf deren Gründe hier nicht eingegangen zu werden brauche, sei auch Herrn

Annahme von »nzelgen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeDerbindlichkeit.

Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 nun Breite örtlichS, auswärts 10 Doldpfennig; für Re­klame-Anzeigen v.70 i in Breite 35 Goldpfennig, Platzvorschrift 20' , Auf­schlag Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: Or.Friedr. Will) Lange; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein: fürden Anzeigenteil: Hans Declt, sämtlich in Gießen

sichtlich der außenpolitischen Lage er­klärte der Minister, das Polen jetzt mit allen Staaten für die Aufrechterhaltung des Friedens arbeite. Der Friede dürfe nicht auf Kosten an­derer erreicht werden.

Polen müsse volle Sicherheit für die Sinan* tastbarkeit seiner eigenen Grenzen haben. Grabski sprach,weiter von dem Bündnis mit Frankreich, von dem freundschaftlichen Ver­hältnis zu Rumänien, von dem Besuch Tschitscherins in Warschau und von den Verhandlungen mit Litauen und Deutsch­land. 3m Innern, sagte Grabski, haben sich die Sicherheitsverhältnisse bedeutend gebessert, was sich zeigt, wenn man den heutigen Zustand mit dem vor einem Iahr vergleicht. Die Wirt­schaftskrise, die wir durchleben, ist eine Probe unserer eigenen Kraft. Sie ist zugleich eine moralische Krise eines Teiles der Bürger­schaft. Die Regierung steht auf dem Standpunkt der Bekämpfung des wirtschaftlichen Defaitismus. Rach Tleberdauerung der Krise werden wir stärker.

Einige Parlamentarier, über den Eindruck der Rede Grabskis befragt, äußerten sich, daß sie gor kein Expose gewesen sei. So sagte z. B. der Abgeordnete W e z n i ck i von der Wyzwo- leniepartei (radikale Dauern): Der Premier ritt auf einein Pferde, fiel herunter und verlor die Orientierung. Dieses Pferd war der Zloty. Der jüdische Abgeordnete Ros­marin sagte, daß der Ministerpräsident sein ganzes bisheriges System gestrichen habe. Es sei eine offene Bankerotterklärung ge­wesen. K o r f a n t h erklärte, das Expose habe auf ihn keinen Eindruck gemacht. Im Sejm hörte man gestern Klofak sagen, daß die einzige Rettung neues Geld sei. Das würde aber der Tod des Zloty sein. Wohl sind aud) Stimmen laut geworden, daß man die Re­gierung stürzen müsse. Der von der Wyz- woleniepartei eingebrachte Mißtrauensan­trag für die Regierung Grabski und der An­trag auf Auflösung des Sejms hat je­doch keine Aussicht auf Erfolg. Di« Mittelparteien, auch die Sozialdemokraten, wollen unter leinen Tlmständen eine Regie-

Das polnischeSanierungs- programm.

Das Schicksal des Kabinetts Grabski.

Warschau, 7. Olt. (WD.) In dem ge­strigen Sejm entwickelte, wie schon kurz gemeldet. Ministerpräsident Grabski dos Sa­nierungsprogramm. Er sagte zunächst, daß die Regierung in einem Augenblick allgemein schwie­riger finanzieller und wirtschaftlicher Lage vor dem Sejm trete. Im Wirtschaftsleben entwickle sich seit zwei Monaten eine äußerst starke Finanzkrise. Sie zeige sich gegenwärtig in dem Mangel an Krediten bei der In­dustrie, dem Handel und der Landwirtschaft. Die Regierung habe den Sturz des Zloty auf­gehalten durch Erteilung von Krediten an die Banken. Heute stehe die Regierung vor der Aufgabe, dem Wirtschaftsleben genügend Be­triebsmittel zu verschaffen. An die Spitze des Wirtschaftsprogramms müsse man eine solche Organisation des Wirtschaftslebens stellen, daß der Verbrauch sich auf die i n l ä n d i s ch e Pro­duktion stütze. Damit es hierzu komme, müsse die industrielle Produktion billiger werden als bisher. Die Produktion der Landwirtchaft müsse reicher und vervollkommnet werden. Der

Briand bekannt. Wenn die Reichsregierung trotz, dem

tschechischen Delegation in Locarno vertreten Die Eindrücke, die man gestern aus Unter- redungen mit den hier anwesenden Mitgliedern der tschechischen Delegation gecvonnen hat. waren durchaus optimistischer Ratur, doch fehlt auf tschechischer Seite ein Verständnis dafür, daß auch Deutschland bei einem Abschluß eines Ver­trages mit der Tschechoslowakei vor allem das Schicksal her in Deutschböhmen leben­den Deutschen im Auge behalten muh. An­dererseits ist von deutscher Seite wiederholt und mit großem Rachdruck die Verbindung eines Ost­paktes mit dem Westpakt abgelehnt worden, da sonst die Derhandluirgen eine untragbare De- rungskrise während der Konferenz von lastung der Locarnoer Besprechungen bedeuten | Locarno und vertreten die Meinung, daß Polen

würden. C r st W e st p a k t, dann Ostpakt, so muß die Parole der deutschen Delegation lauten und man darf annehmen, daß sie diesen Stand­punkt auch in Zukunft mit a llem Rachdruck vertreten wird.

Die Stellung Belgiens.

(£*ufllad)c Blätterftiurmc; .

L o nd o n, 8. DEL (WTB. Funkspruch.) Die Mel­dungen der Blätter über die Konferenz yon Locarno find heute recht dürftig. Der Korrcipondent des ArbeiterblaUesDaily cherald" berichtet, nachdem Briand erklärt habe, Frankreich bestehe auf dem Recht, Schiedsgerichtsverträge zwischen Deutschland und Polen bzw. Deutschland und der Tschecho­slowakei zu garantieren, habe Stresemann energisch widersprochen Zum allgemeinen Erstaunen und zu Briands offenbarer Freude habe Chamberlain den französischen Standpunkt unter­stützt, der schwierigen Situation sei durch Zurück­verweisung der Angelegenheit an die juristischen Sachverständigen ein Ende gemacht worden. Der diplomatische Berichterstatter desDaily Telegraph" schreibt, soweit östliche Konflikte in Frage kommen, sei Belgien in derselben Lage wie Großbritannien. Es werde keine besondere Sicherheit in dieser Beziehung überneh­men, aber so selbstverständlich werde die Folge eines deutsch-französischen Konfliktes wegen Polen, falls Frankreich das Recht auf vom Beschluß des Völker­bundes unabhängige Sanktionen beansprucht, so unangenehm und gefährlich für Belgien als für Großbritannien sein. Dies sei der Punkt, wo die gesonderten französisch-deutschen und belgisch-deut­schen Schiedsgerichtsverträge sehr große Bedeutung erlangen, sowohl für Belgien als auch für Groß­britannien, das beide garantieren soll. Großbritan­nien habe großes Interesse daran, daß Belgien niemals unbedingt in irgendwelche europäische Krise verwickelt werden.

Die Diplomaten sämtlicher Länder und Fa­kultäten in Locarno haben sich den Rest ihrer spärlichen Haare ausgerauft vor der Entrüstung über den Fürwitz einiger italienischer Zei­tungen, ^die es gewagt haben, die lächerliche 'Geheimniskrämerei, die von der Ministerkonfe­renz betrieben wird, nicht zu respektieren und Mitteilungen nicht nur über den Pakt- entwurs, sondern auch über interne Vorgänge "unter den Alliierten zu bringen. Soweit der Paktentwurf in Frage kommt, kann man die Sache ziemlich kurz abtun. Es scheint der ita­lienischen Regierung gelungen zu sein, die Ver­öffentlichung des Wortlauts zu unterdrücken, die Auszüge und Inhaltsangaben aber, die sich in verschiedenen italienischen Zeitungen befinden, stimmen mit den Tatsachen n icht überein, sie scheinen Richtiges und Falsches zu vermengen, 'brauchen also in ihrem sachlichen Wert nicht überschätzt zu werden.

Doch etwas anderes ist es^dagegen mit den Befürchtungen, die aus der Dekanntgabe abge­leitet werden: Die Franzosen tun so, als ob sie im deutschen Interesse den Entwurf geheim­halten, weil sonst Herr Dr. Stresemann den Deutschnationalen gegenüber eine unhaltbare Stellung hätte. Das ist ein Irrtum, vermutlich sogar ein Gewußter Irrtum. Es kann den Franzosen nicht unbekannt sein, daß die deutsche Regierung gern mit offenen Karten spielt und den Entwurf herausgegeben hätte, weil sie davon eine starke innerpolitische Ent­spannung erwartete. Ganz anders liegen da­gegen die Dinge bei den Franzosen, Herr Briand scheint derjenige zu sein, der an dieser Lieberspannung der Diskretion das meiste In­teresse hat. Er hat Angst, daß ihm seine Rationalisten den Vorwurf machen, er fei bereits in London den deutschen Wünschen zu weit ent­gegengekommen,- zumindest aber, daß sie ihm Knüppel zwischen die Deine werfen, falls er an dem Vorentwurf noch nachträgliche Aenderun- gen gutheißt, die Deutschland wMsmmen sein können. Lind Driand hat offensichtlich noch nicht vergessen, daß er auf der letzten Konferenz, wo er Frankreichs Interessen vertrat, mitten zwi­schen den Verhandlungen von den Rationalisten gestürzt wurde.

Sehr viel ernster ist dagegen eine zweite Intrige, die sich um Belgien und Frankreich anspinnt. Man merkt doch langsam, daß in Bel­gien eine neue Regierung am Ruder steht, die von der imperialistischen Abenteuerpolitik des Herrn T h e u n i s nichts wissen will. Tlnd zumal der Außenminister Vandervelde nimmt in der internationalen Sozialdemokratie eine füh­rende Stellung ein, die ihm gewisse Verpflich­tungen auferlegt. Er hat deshalb den Ehrgeiz, Belgien aus der Llmklannnerung Frankreichs zu lösen und in seine alte Neutralität zurück­zuführen, weil das politisch und auch finanziell vorteilhafter ist. Wobei im Vorübergehen fest- gestellt sein mag, daß Belgien nicht etwa durch den Einmarsch der Deutschen aus seiner Reu­tralität hinausgedrängt wurde, sondern bereits vorher durch seine militärischen Abmachungen mit den Franzosen die Voraussetzungen für den deut­schen Einmarsch geschaffen hatte. Herr Dander- velde also möchte den Rheinpakt benutzen, um den französisch-belgischen Allianzver - trag von 1920 zu sprengen und hat deshalb den Wunsch ausgesprochen, daß einzelne Wendungen in den Pakt hineingenommen werden, die dem alten belgischen Reutralitätsabkommen entnom­men sind.

Die Italiener haben das mit Recht so aus­gelegt, daß darin eine Spitze gegen Frank« reich liegt und haben von dem Ende des fran­zösisch-belgischen Bündnisses gesprochen: darüb^ große Aufregung bei den Franzosen und natürlich ein geharnischtes Dementi, das aber an den Dingen nichts ändert, man wird sogar annehmen dürfen, daß die Anregung zu diesem belgischen Vorstoß von England ausgeht, weil die 2on- doner Politik gern Italien und Belgien zu sich hinüberziehen möchte, um Frankreich zu isolieren und durch einen gemeinsamen Druck einer Ver­ständigung mit Deutschland geneigter zu machen

Deutschland kann der weiteren Entwicklung dieser Angelegenheit mit großer Ruhe entgegen­sehen-, die internen Auseinandersetzungen der Bundesgenossen interessiert uns zunächst nicht. Rur wenn Frankreich versuchen sollte, als Ge- aenzug sich seine tschechischen undpolnr- schen Freunde jetzt bereits an den Konferenz­tisch heranzuholen, müssen wir mit aller Ent­schiedenheit Einspruch erheben, toed toir dre Grenzen zwischen Ost- und Westvertragen nrcht verwischen lassen wollen, zumal dre ^len dre Absicht haben sollen, dann wieder dre R u s, e n einzuladen: denn das würde dre Folge^haben daß Herr Tschitscherin in falscher «jront gegen uns anträte. Lind das zu nerbjn&ern Mran haben wir allerdings ein sehr starkes Interesse.

Die Vollsitzungen der Konferenz.

Locarno, 8. Olt. (TLl.) Völlig irrefüh­rende Darstellungen sind über die Dien st ag- Hhuna der Konferenz, namentlich von der Schweizerischen Depeschen-Ageiüur verbreitet. Es sei daher folgender tatsächlicher Ver­lauf der Sitzung festgestellt:

Frieden zu gelangen.

Cs fei aber absolut nicht einzusehen, mit welchen logischen Gründen neben den beiden Zugeständnissen der Schiedsverträge und des Döllerbundes noch eine weitere Garantie irgendwelcher Art für die Ostberträge not­wendig fei. Es hieße das Ansehen und die Möglichkeiten des Völkerbundes selbst zu kritisieren, wenn man sage, daß er mitsamt den Schiedsbrrträgen nicht genüge, um fried­liche Zustände zu verbürgen. Die Anregung des Herrn Driand sei deshalb eine Kritik des Döllerbundes, die sich dre deutsche Dela- gation nicht zu eigen machen könne.

Briand entgegnete auf diese Darlegun­gen und auf verschiedene im weiteren Verlauf der Debatte vom Reichsaußenminister an ihn gerichtete Anfragen, daß gewisse Bestimmungen des Völkerbundes vorläufig nicht genügend Leben gewonnen hätten, um aus ihm ein in allen Fällen wirksames Instrument der Frie­densgarantie zu machen. Das sei der Grund, weshalb diese Ergänzungen gegenwärtig noch notwendig seien, die vielleickt einmal in spä­terer Zukunft ehenso wie der Sicherheitspakt fortfallen könnten. Die Debatte wurde ver­tagt, nachdem der französische und der deutsche Außenminister wiederholt das Wort ergriffen, um diese Grundgedanken gegeneinander zu ver­treten.

Die Mittwochsihung hat nur kurze Zeit gedauert. Lieber das Ergebnis wurde folgendes Kommunique ausgegeben:

In der heutigen Sitzung der Konferenz wurde zunächst die allgemeine Aussprache wie­der ausgenommen und alsdann der Bericht der Rechtsfachverständigen über die ihnen int Laufe der ersten Sitzung übertragenen Redaktionsarbeiten entgegengenommen. Da neue Anträge gestellt wurden, ergab sich die Rot­wendigkeit einer erneuten' Betrauung des Iu- ristenausschusses mit deren Studium. Es wurde daher ein ergänzender Bericht der Rechtssachverständigen angefordert, der in einer späteren Sitzung erstattet werden soll. Die nächste Zusammenkunft der Hauptdelegierten ist auf mor­gen, 2.30 Llhr, angeseht.

Eine Unterredung zwifchenLutherundBriand

Locarno, 8. Oft. (1.21.) Zwischen Reichs­kanzler Dr. Luther und Briand fand im Hotel helvella im Dorfe Ascona am Ufer des Lago Maggiore eine intime Unterredung statt. Sie dauerte dreiviertel Stunden. Briand lehnte nach feiner Rück­kehr nach Locarno es ab, Pressevertretern irgend­welche Mitteilung über den Inhalt der Unterredung zu machen, äußerte sich jedoch im allgemeinen o p ki­rn i st i s ch über den Erfolg der Besprechung. Auch Reichskanzler Dr. Luther war von der Unterredung befriedigt, da sie nicht unwesentlich zur Klä­rung der strittigen Fragen beigetragen hätte.

Berliner Blätter wissen zu berichten, daß einmal die Differenzen über den Art. 16 des Völker­bundstatuts Gegenstand der Besprechung ge­wesen .feien. Es soll nach dieser Unterredung den Anschein haben, als ob eine Formel gefunden werden könnte, die den Artikel so interpretiere, daß die deutschen Bedenken etwas an Schärfe verlieren könnten. Weiter soll die Frage dec französi­schen Garantie der östlichen Schieds- vertrüge bei der Unterredung eine Rolle gespielt haben. Angeblich soll Briand die von Frankreich ur­sprünglich verlangte einseitige Garantieleistung für die Verträge fallen gelassen haben. Er soll sich damit einverstanden erklärt haben, daß Frank­reich außerhalb der östlichen Schiedsverträge eine Erklärung zur Sicherung Polens abgeben werde. Den Juristen sei die Aufgabe zu- gewiesen worden, diese Erklärung zu formulieren.

Aehnlich wie die Besprechung des Kanzlers mit dem französischen Außenminister hat auch eine Unter­redung zwischen dem Staatssekretär v. Schubert und dem englischen Außenminister Ehamberlain im Grand-Hotel stattgesunden. Man spricht davon, daß die Besprechungen des Kanzlers mit Briand heute fortgesetzt werden. Heber seine Zusam­menkunft mit dem Kanzler hat sich Briand sehr be­friedigt ausgesprochen. Er sagte französischen Journalisten gut gelaunt, er habe geglaubt, Luther werfe mit Tintenfässern. Aber er habe eingesehen, daß er in einem Irrtum gewesen sei. Briand äußerte sich dahin, daß die schwierigste Frage jetzt die des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund sei. Die Franzosen wollen sehr er­staunt gewesen sein, als Deutschland seine Vorbehalte wegen des Artikels 16 erneut anmelbete. Sie hatten aus dem Drängen deutscher Links- kreise aus den Eintritt in den Völkerbund an­genommen, daß Deutschland auf seine Vorbehalte verzichten werde. Demgegenüber ist zu unter­streichen, daß der deutsche Standpunkt sich nicht im geringsten geändert Hal.

Dr. Benefch in Locarno.

Die Verhandlungen über den Oftpakt.

Locarno, 7. Oh. (Tschechoslowakisches Sbureau.) Der tschechoslowakische Auhen- ter Dr. D e n e s ch ist heute um 4.30 Llhr hier eingetroffen. Llnmittelbar nach feiner An­kunft traf Dr. Benefch mit dem britischen Außenminister Chamberlain zusammen, mit dem er «inen Meinungsaustausch über die Si­tuation hatte, worauf eine längere Anterredung mit dem französischen Außenminister Briand und Berthe lot folgte. Die Llnierredung be­traf sowohl den augenblicklichen Stand der gegen­wärtigen Verhandlungen, als auch die ausdrück- lich die Tschechoslowakei betreffenden Fragen. In allen diesen LInterredungen konnte Dr. De- nesch eine Äebereinstimmung mit den Staatsmännern der beiden Länder sowohl bezüg­lich des Wesens der Konferenzverhandlungen, als auch bezüglich ihres Fortfchreitens kon- statteren.

Der Sonberberichterstatter der Sil. meldet hierzu ergänzend aus Locarno: In tschechischen Kreisen ist die Anschauung vertreten, daß die tschechische Delegation sich solange von den Ver­handlungen fernhalten werde, bis die fünf Teil­nehmerstaaten an der Konferenz von sich aus sie zur Teilnahme auffordern werden. In diesem Zusammenhang scheint es bedeutsam, sich nochmals den Standpunkt der Tschechoslowakei zu vergegen­wärtigen. Wie bekannt, weist die Tschechoslowakei auf die Tatsache hin, daß Denesch von Driand eine Einladung erhalten habe, an den Locarnoer Verhandlungen teilzu­nehmen. Sie wäre daher kein Zaungast bei den Besprechungen, sondern ein vollberechtigter Teilnehmer, der mir bis zu dem Augen­blick zu warten habe, in den man ihn brauche. Die Einladung durch Driand sei auf der ilnterlage des deutschen Memoran­dums erfolgt, das den Abschluß von O ft- Verträgen als eine Ergänzung des Westpaktes angestrebt hätte.

Eine Deruhigung Europas und ein wirklicher Friede wäre ohne die Mitarbeit der Tschecho­slowakei und Polens nicht zu erreichen. Die Tschechen sind sich dessen bewußt, daß sie ohne die Polen leichter mit Deutschland zu einer Verständigung gelangen mürben. Doch erscheint es ihnen nicht nur aus Gründen der Loyalität zweckmäßig und angebracht, gemeinsam mit Polen bei diesen Verhandlungen vorzugehen. Da zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei keine Grenzschwierigkeiten vorhanden find, dürfte eine Einigung, so hofft die Tschechoslowakei, ohne allzu große Schwierigkeit und ohne besondere Opfer von beiden Seiten erreichbar fein. Die einzige nicht leicht zu lösende Frage wäre die Auswahl des Garanten

für den Ostpakt. Von tschechischer Seite ist nie ein Geheimnis daraus gemacht worden, daß man am liebsten die Garantie Frank­reichs sehen würde: doch sind die Tschechen anderseits nicht abgeneigt, ein Kompromiß zu schließen. Der Völkerbund als Garant der Ostverträge werde von tschechischer Seite nicht unbedingt abgelehnt werden. Die Regelung der Garantenfrage würde sich leicht fast zwangs­läufig ergeben, sobald Deutschland dem Völkerbund angehört. Dann würde eine Reihe von SchwieriAeiten zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei behoben sein, die heute die Verständigung noch erschweren. Dieser Stand­punkt der Tschechoslowakei wird auch von der

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