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Die Jahresbilanz des Dawesplanes.

Am 1. September war der Dawesplan ein Jahr in Kraft. Aus diesem Anlas; ist ein Rück- und Ausblick notwendig, zumal wir nach dem jetzt erfolgten Ablauf der einjährigen Schonfrist in der nächsten Zeit erhebliche Aufwendungen aus dem Dawesplan zu leisten haben.

Zunächst ist die Feststellung erforderlich, daß Deutschland nach den übereinstimmenden Erklä­rungen aller im Dawesplan aufgeführten maß- geblichen Faktoren seine Verpflichtungen pünkt­lich und re ft los erfüllt hat. Don der Gegenseite kann man das nicht behaupten; die Däumungssrage. die Absperrung deuischerWaren vom Weltmarkt, die Richtgleichberechtigung Deutschlands bei Handelsvertragsverhandlungen usw. müssen hier genannt werden. Don dieser grundsätzlichen Bemerkung abgesehen, lassen sich Die Auswirkungen des Dawesplanes deutlich in solche günstiger und solche ungünstiger Art schei­den. Zur g ü n st i g e n Auswirkung hat zweifel­los gehört die wenigstens teilweise vollzogene Loslösung der wirtschaftlichen Re - parationsfrag e von politischen Er­wägung en. Weiter sind hier zu nennen die Unterstützung der Markstabilisiernngs- Maßnahmen, die Zuführung von A u s - lanösgeldern und die dadurch hervorgeru­fene Steigerung des Devisen besihes der Reichsbank sowie die Senkung der überhohen Zinsfüße, die Wiederherstellung der wirt­schaftlichen Einheit des Deutschen Deiches usw. Den günstigen Momenten stehen jedoch außerordentlich wichtige und belangreiche un­günstige gegenüber- es braucht nur ver­wiesen zu werden auf dre großenteils der Durch­führung des Dawesplanes zu verdankende jetzige Wirtschaftsnot. die Unterstellung der Reichsbahn und der Reichs bau! unter fremden Einfluß, die scharfe Aufsicht der im Dawesplan eingesetzten Kontrollkommis­sionen über alle möglichen wirtschaftlichen und finanziellen innerdeutschen Vorgänge usw.

Die Erfahrungen des ersten Jahres lassen züm mindesten starke Zweifel entstehen, ob der Dawesplan auf die Dauer dur ch f ü hrbar sein wird und auf die Dauer seiner Zweck erfüllen kann. Das Gutachten gibt selbst zu, daß es nicht genügt, wenn man den öffentlichen Haushalt ein Jahr lang im Gleichgewicht halte - man müsse vielmehr überlegen, wie man dauernd eine Stabilität sichern könne. Für die Beurtei­lung der kommenden Dinge ist vor allein wesent­lich. daß Deutschland im jetzt begonnenen zweiten Jahre der Durchführung des Dawesplanes an finanziellen Leistungen 1220 Millionen Mark auf» bringen muß. während es bis jetzt tatsächlich ein vollständig Moratorium genossen hat. Weiter ist wesentlich die Tatsache der immer stärkeren Abneigung des Ausland- Marktes gegen die Aufnahme deut­scher Waren sowie die (zweifellos in vielen Dingen auf die Durchführung des Dawesplanes zurückzusührende) Aeberteuerung der deutschen Erzeugung und die in unmittel­barer Verbindung damit stehende drohende kata­strophale Gestaltung der Handelsbilanz sowie die Verschärfung der Lage auf dem Arbeits- marft. Leider haben wir viel versäumt, um den kommenden Singen gegenüber rechtzeitig ge­wappnet zu sein. Es sei nur daran erinnert, daß die Auslandskredite großenteils nicht zur Besserung der Produktion, sondern für den Verzehr verbraucht worden sind. Zu- sammengefaßt läßt sich sagen, daß der kommenden Entwicklung Deutschlands unter dem Dawesplan 'mit reichlichem Pessimismus entgegengesehen wer­den muß.

Deutsche ^kinheitssront in der Tschechei.

Protest gegen die Vernichtung der deutschen Schule.

Prag, 7. Sept. (T. U.) Die schwere Bedrohung des gesamten deutschen Schulwesens hat eine für die Tschechen gewiß unerwartete Folge gehabt. Die Einheitsfront aller deutschen Par­teien hat sich sozusagen automatisch eingestellt. 3n saft allen deutschen Städten der Tschechoslowakei fanden gestern große öffentliche Demonstrations­versammlungen statt, die von sämtlichen Parteien einschließlich der Sozialdemokraten einberufen wur­den. Die Befriedigung in der gesamten deutschen Bevölkerung über die sofortige Einigung aller deut­schen Parteien ist außerordentlich groß.

Auch in Tepliß - Schönau veranstalteten die deutschen Parteien eine Protestversammlung gegen die grausamen Schuldrosselungen und gegen die Gewaltakte in Marienbad. Trotz heftigen Regens hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden, die sich am Schlüße der Versammlung zu einem Demonstrationszug formierte. Der Regie­rungsvertreter verbot diesen Umzug, erhielt je­doch die Antwort, daß sich die Deutschen diesen Protestumzug nicht verbieten lassen. Als sich der Zug dem Gebäude der politischen Bezirksverwal­tung näherte, kam ihm ein großes Gendar - merieauf gebot mit aufgepflanztem Bajonett entgegen und verwehrte das Vor­dringen zur Bezirkshauptmannschaft. Der Ver­sammlung bemächtigte sich eine starke Erregung, ein Deutscher wurde verhaftet.

Der Rheinlandbesuch des Reichspräsidenten.

Berlin, 7. Sept. (TU.) Wie dieTele- graphen-llnion" erfährt, ist für den Besuch des Reichspräsidenten bei den De- freiungsfeiern im Westen folgendes vorläufige Programm vorgesehen: Am 17. Sep- erfolgt die Abreise. Der Reichspräsident wird gegen 3 -ilfjr in Bochum eintreffen. Rach der Vorstellung der Reichs- und Staatsbeamten er­folgt um 5.30 ilfrr eine Kundgebung im Schühenhvf, bei der u. a. der Reichspräsi­dent, der Reichskanzler, der preußische Innenminister, der Oberbügermeister von Essen, sowie der Oberpräsident der Provinz Westfalen sprechen werden. Roch am selben Abend erfolgt die Weiterreise nach Essen, wo ein politisch-parlamentarischer Abend stattfindet. Der Reichspräsident wird in Essen übernachten. Am 18. September wird in der Essener Dtadthalle eine ähnliche Kund­gebung wie in Bochum veranstaltet. Während die Feier in Bochum als Kundgebung für Westfalen gilt, wird in Essen der Oberpräsident der R h e i n p r v v i n z für die Rheinlande sprechen.

Um 4 Uhr nachmittags erfolgt die Abreise nach D u i s b u r g , wo der Reichspräsident gegebenen­falls einige Stunden mit dem Oberbürgermeister Jarres zusammentreffen wird. An demselben Tag begibt sich der Reichspräsident nach Düsseldorf, wo am Abend ein Essen frei dem Landeshauptmann 5j orion stattfircket. Am 19. Juli vormittags werden dem Reichspräsi­denten die Reichs- und Staatsbeamten vorgestellt, besonders diejenigen, die unter den Bedrückungen der Besatzung besonders zu leiden hatten. Für 11 Uhr vormittags ist eine Kundgebung mit Sportfest und Chorgesängen vorge­sehen. Am Rachmittag desselben Tages erfolgt die Rückkehr des Reichspräsidenten nach Ber­lin. Wie wir weiter hören, hat sich an dem Plan des Reichspräsidenten, am 13. September Sach- s e n zu besuchen, bisher nichts geändert.

I Die badische gentrumspartei zum Fall Wirth.

Offenburg, 7. Sept (TU.) Die auf dem Parteitag der badischen Zentrumspartei angenom­mene Entschließung lautet:Der badische Pa ver­tag billigt die Erklärung des Vorstandes be­züglich des Schrittes Dr. Wirth. Die Tagung sieht es als eine Forderung des normalen poli­tischen Zustandes und der Disziplin an, daß jeder von der Zentrumswählerschaft gewählte 2lbge- ordnete der Fraktion angehört. Es ist daher dringend zu wünschen, daß Dr. Wirth in die Fraktion des Reichstages »urückkehrt. Die Tagung hofft bestimmt, daß die Voraus­setzungen bereitwillig von allen in Frage kom­menden Instanzen gefordert werden, vor allem von dem zu erwartenden Reichsparteitag. Der badische Parteitag macht auf die Eigenart des Zentrums als einer aus allen Schichten zu­sammengesetzten christlichen politischen Mittel­partei aufmerksam und steht mit Sorge auch drohende politische Anzeichen. Hieraus ergibt sich für ihn die Folgerung: Ein geschlossenes Zentrum in den Parlamenten ist eine Rotwendigkeit des Staates und der Kirche. Diese Pflicht ist zu respektieren. Der Zerstörungstaktik der Gegner stellt der Parteitag den Einheits - willen von Volt und Führer zielbewusst entgegen. Wir lasten uns den ZentrumLturm nicht zerstören."

Zur Umbildung der preußischen Regierung.

D e r I i n, 7. Sept. (TU.') Im Hauptausschuß des Preußischen Landtages erklärte Ministerpräsi- sident Braun zu der Frage der Regierungs­umbildung, daß nach seiner Auffassung und der der Reichsregierung kein Bedürfnis zur Um= vildung der Regierung, sondern nur das Be­dürfnis nach ruhiger stetiger Regierungsarbeit bestehe. Seine Bemühungen, die Regierung auf eine weitere parlamentarische Basis zu stellen, würden hoffentlich in den nächsten Mo­naten von Erfolg begünstigt sein. Er werde sich auf keinen Fall dazu hergeben, zuzustimmen, daß dem Lande neue Regierungskrisen beschert würden. Es wurde darauf der Etat des Staats« Ministeriums fast ohne Debatte in seinen einzelnen Posttionen angenommen.

Die Kreistagswahlen in Preutzen.

Berlin, 7. Sept. (TU.) Der Gemeinde­ausschutz des Preußischen Landtages nahm eine Bestimmung an, nach der auch in den Provinzen und Kreisen, in denen die Vertretungen noch keine vier Jahre bestehen, neu gewählt wer­den muh. Als Wahltag wurde der 22. Rovem- 6er bestimmt, weil es fraglich ist, ob die Bera­tungen nach dem neuen Wahlrecht bis zum 15. Rovember getroffen werden können.

Krise an der spanischen Marokkofront.

London, 8. Sept. (WTB. Funkspruch.) Times" meldet aus Tanger, in der Gegenp von Tetuan sammeln sich andauernd Djeballahkrieger. Ein großes Kontingent von ihnen ist durch die spanischen Linien in das And- jerasland eing errungen, um insbeson­dere auch die Eisenbahnsttecke Ceuta-Tetuun an­zugreifen. Am Samstagnachmittag erschienen 40 spanische Kriegs- und Truppentransportschisfe auf der Höhe von Wad-Lau und beschossen die Küste. Da am Montag immer noch ftarfer Ostwind herrschte, konnten die Truppenlandungen nicht vorgenommen werden. Gestern wurden weitere 40 000 Mann spanische Truppen an die Front geschickt. Die Spanier führen damit die letzte unter den Waffen stehende Soldatenkkrsse ins Feld. Die Aufrechterhaltung der Ordnung liegt von nun an in den Händen der Polizei und der Gendarmerie. In Madrid herrscht die größte Bestürzung über Abd el Krims Offensive gegen die spanische Marokkofront bei Tetuan. Die Ma­rokkaner ziehen hinter der Front immer wieder neue Truppen zusammen, die sie zu einem großen Angriff gegen das spanische Hauptquartier an­sehen. Primo de Rivera zieht an den bedrohten Stellen der spanischen Front starke Artillerie zur Abwehr zusammen, da sich in den letzten Kämpfen besonders die feindliche Artillerie in auffallend starker Weise bemerkbar gemacht hat. Selbst die spanischen Flieger waren gegen das Abwehrfeuer der Marokkaner nicht sicher. Alle Berichte, die von der Front kommen, sind sehr stark zensuriert, so daß in Madrid der Eindruck herrscht, daß sich die Sage in Marokko durch Abd el Krims Angriffe sehr zuungunsten der Spanier geändert hat.

Der britische Gewerkschaftskongreß.

London, 7. Sept. (TU.) Bisher hat der Gewerkschaftskongreß keinerlei Sensationen ge­bracht. Die sehr gemäßigte Rede des Präsidenten Swales brachte einige Enttäuschung für die Sensationslustigen. Swales sagte, die Gewerk­schaft sei an der Grenze ihres Entgegenkommens angelangt. Die Gewerkschaftspolitik in der Zu­kunft würde sich darauf richten, verlorenen Bo­den wieder zu gewinnen und die Löhne zu halten oder zu steigern und gleichzeitig die Ar­beitsleistungen zu verbessern. Swales befür­wortete die Hergabe von Handelskrediten für Rußland, andernfalls sich England von dem russischen Markt ausgeschlossen finden würde. Die Gewerkschaftsbewegung müsse die Revolu­tion der Arbeiter in China gegen unwürdige Arbeitsbedingungen freudig begrüßen.

Diviani f.

Paris, 7. Sept. (Wolff.) Rene V i v i a n i, der bei Ausbruch des Krieges französischer Autzenminister war, ist heute gestorben

Rene Diviani wurde am 8. Rovencher 1863 in Sidi-bel-Abbes (Algerien) geboren. Er be­suchte das Lyzeum in Algier und studierte dann die Rechte; 1887 siedelte er nach Paris über, Wo er sich als Advokat am Appellationsgerichts­hof niederließ. 1893 trat er als sozialistischer Abgeordneter der Stadt Paris in das politische Leben ein, wurde kurz darauf Redakteur der Petite Republique" und führte eine große An­zahl politischer Prozesse. Sein starkes Tempera­ment und die Leidenschaftlichkeit, mit der er seine Absichten und die seiner Partei vertrat, sicherten ihm schnell einen starken Einfluß. Am 8. Rovember 1906 genehmigte die Kammer ein neues Arbeitsministerium. V. wurde zum Leiter des Ministeriums ausersehen. Als es im Juni 1914, nach Rücktritt des Kabinetts Doumergue. zu einer Reubildung kam, übernahm V. diese.

Das Kabinett Viviani wurde das erste Kriegskabinett, d.rs dann infolge des Ansturms der Deutschen im September 1914 seinen Sih nach Bordeaux verl:gen mußte. Im Oktober 1915 trat jedoch Biviani infolge des bis dahin un­günstigen Verlaufs des Krieges zurück und machte einem Kabinett unter der Leitung Briands Platz, der dann den Kriegs siegreich beendigte. Viviani trat seither als Minister nicht mehr hervor.

Neue Unruhen in Schanghai.

Schanghai, 8. Sept. (Reuter. Funkspruch.) Gestern abend ereigneten sich im Anschluß an eine Versammlung von 500 Kuli-Agitatoren in der Chi­nesenstadt neue Unruhen. Die Menge drang nach den fremden Niederlassungen vor, wo sie d i e P o- lizei tätlich angriff. Zwei Polizeibeamte wurden niedergeschlagen. Da die Lage immer be­drohlicher wurde, sah sich die Polizei gezwungen, Feuer zu geben. Sie verwundete zwei Personen schwer.

Ein Frredens-Monumentin Gens

Genf, 8. Sept. Der bekannte Rechtsanwalt Edward L. Norbert ist aus Washington hier an­gekommen, um für den Plan eines zu errichtenden Friedensmonuments zu werben. Unter den am Kriege beteiligt gewesenen Völkern wird eine Zeichnungslifte zirkulieren. Den einzelnen Rationen wird auf dem Denkmal ein ihren im Kriege erlittenen Verlusten entsprechender Raum gewidmet sein. Der breitere Teil der Basis wird Rußland gelten, der nächste Deutschland, der weitere F r a n k k e i ch usw. Die Errichtung des Denkmals soll unter Leitung des Völkerbundes er­folgen.

Kunst und Wissenschaft.

Beginn der Darmstädter Theatersaison.

* Darmstadt, 7. Sept. Das Hessische Landestheater eröffnete gestern seine Win­terspielzeit mit WagnersT r ist a n und Isol- d e". Vor Beginn der Aufführung sprach Gene­ralintendant Legal tiefempfundene Worte zum Gedächtnis des verstorbenen Generalmusikdirek­tors Michael B a l l i n g, der diese Vorstellung leiten sollte. Das Publikum ehrte das Andenken des £oten durch Erheben von den Sitzen. Die Vorstellung mit Gotthelf Pistor als Tristan un& dem Gaste Barbara Llema vom Stadttheater in Kassel als Isolde sowie Kapellmeister Rvsenstock als Dirigent fand lebhafte Anerkennung beim Publikum.

Das Hessische Künstlerkartell

veranstaltet vom 27. September ab im St. Klara- kloster in Mainz eine Ausstellung, die Malerei, Plastik und Graphik umfaßt. Die Beur­teilung der eingesandten Arbeiten haben Prof. Panitz- Mainz und Maler T h r o 11 - Offen­bach übernommen. Im Anschluß an die Eröff­nung der Ausstellung tagt die Herbstvollver­sammlung des Hess. Künstlerkartells in Mainz.

Professor Dr. Georg von Mahr f.

München, 8. Sept. (WTB. Funkspruch.) In Tutzing ist der Professor an der Universität München und älnterstaatssekretär a. D. Dr. Georg von Mahr im Alter von 85 Jahren gestorben. Mit Professor Dr. Georg von Mayr ist nicht nur einer der bedeutendsten Statistiker und Fi- nanztheorettker unserer Zeit, sondern auch ein bedeutender Staatsmann aus dem Leben ge­gangen.

Aus aller Welt.

Raubüberfall auf eine italienische Sängerin.

In Travemünde wurde auf die ita­lienische Sopranistin Duloline Giannini der Metropolitan-Oper in Reuhork ein Raubüberfall versucht. Die Dame wurde gegen Morgen durch ein Geräusch an der Balkontür geweckt und bemerfte einen Eindringling, der sich ins Zimmer schwang und mit vorgehaltenem Revol- ver Schmucksachen und Geld forderte. Durch das Geräusch waren noch andere Haus­bewohner aufmerksam geworden, so daß der üeberfall verhindert werden konnte.

Springfluten an der englischen Küste.

In Engand dauert das kalte winterliche Wetter an. An der Ostküste herrschen schwere Springfluten. Wellen von etwa zwei Meter Höhe sind stellenweise beobachtet worden. In Schottland ist Schnee gefallen.

17 Todesopfer bei einem Wolkenbruch.

W e n a ch e (Washington, 11. S. A., 7. Sept. (WTB. Funkspruch.) Am Samstag ging ein Wol­kenbruch über die hiesige Gegend nieder und richtete große Ueberschwemmungen an. 17 Personen tarnen in den Fluten um. 12 Leichen wurden geborgen. Der angerichtete Sachschaden beläuft sich auf über 500 000 Dollar.

Wettervoraussage.

Weiterhin unbeständig und kühl, Winde aus westlicher Richtung, noch Regenfälle.

Wenn sich auch der nördliche Wirbel in seinem Kern weiter abgeflacht hat. so hat sich die Aussicht für eine grundlegende Wetterände­rung feit gestern nicht gebessert. Auf der Rück­seite des Wirbels bilden sich Randstörungen, die in kurzen Abständen in unser Gebiet vorrücken.

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 14,4 Grad Celsius, Minimum 9,1 Grad Celsius. Rie- dechchläge: 2,2 Millimeter. Heutige Morgentem- peratur 10,2 Grad Celsius.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 8. September 1925.

Jetzt raucht er wieder Pfui Deubel!

Der Wetterbericht spricht von einem Tages, maximum von 13 Gr. Lelsius (Morgentemperatur 6,9 Grad).

Die Gesichter meiner Kollegen auf dem Bureau,

die Mienen unseres Dienstmädchens, der Schwanzstummel unserers Foxterriers, vor allem aber das untrügliche Kältegefühl am eigenen Leibe belehrt mich: Es ist kalt. Sau­kalt Pardon, aber es ist so!

In den Bureaustunden am Vormittag nicht zum Aushalten. Jeder schimpft und blickt wütend auf den Eisenofen. Der steht stumm und falt.

Plötzlich entdeckt jemand etwas: Papier!

Wie ein Strohfeuer fliegt es durch die Räume: Papier! Unter allen Tischen, in sämt­lichen Schubladen, auf den Regalen, hinter den Schränken, in Manteltaschen, zwischen Bücher­reihen, überall Papier!

So ist mit einem Male ein Berg von weißen Ballen Papier aufgeschichtet. Das schwarze Maul deS eisernen Ritters frißt und frißt. Dann flammt ein Zündholz auf, prasselnd fliegt die Flammte in das Rohr, strahlend und händereibend steht ein Häuslein Menschen darum herum, der fomn inenden Wärme gewärtig.

Rur das enfant terrible sitzt lachend an seinem Pult, und schadenfroh klingt es in unterem Rücken:

»Jetzt raucht er wieder Pfui Deubel!"

<Rur um der Autorität willen soll hier ver­schwiegen werden, daß wir tatsächlich nachher des Rauches die Fenster aufmachen muhten.) muhten.

lliiö am Rachmittag beim Kaffee kam ich in ein geheiztes Zimmer daheim. Roch nie in diesem Jahre hat mir der Mokka und die Zigarre so gut geschmeckt wie gestern.

3a, er raucht wieder! Gott sei Dank!

Der Ausklang des 116er-Tages.

Gestern abend fand in der Volkshalle vor einer dichtgedrängten Menschenmenge die zweite Auffüh­rung des Festspiels ,,G e n e r n l Port" statt. Das mehrtausendköpfige Publikum spendete wieder­um lebhaften Beifall. Bemerkt sei bei dieser Ge­legenheit, daß das Schauspiel von dem Autor, Ge­heimrat Prof. Dr. König, schon vor 43 Jahren geschrieben, aber erst jetzt auf Bitten der 116er zur Bereicherung ihres Tages der Deffentlidjfeit über­geben wurde.

Rach der Festspiel-Aufführung gegen H2 Uhr brachte unsere Militärkapelle unter Obermusik- meifter Köber auf dem Festplatz das Schlachten- Tongemälde zu Gehör, gleichzeitig wurde ein gro­ßes Feuerwerk abgebrannt. Eine sehr zahlreiche Menschenmenge wohnte trotz der kühlen Witterung dem Vorgang mit starkem Interesse bei.

Am Abschluß der 116er=!8eranftahung sei noch hervorgehoben, daß der Vorsitzende des Gießener 116er-Vereins, Generalagent Mohr, sich in der Denkmalsfrage und um den 116er-Tag ganz beson­dere Verdienste erworben hat.

Bor. ;cu.

Tageskalender für Dienstag. Stenographen-Gesellschaft Gabelsberger, 7 Uhr Stadtknabenschule, Anfängerkursus in ReichSkurz- schrift. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Der Mann um Mitternacht". Astoria-Lichtspiele: Der Reiter ohne Kopf".

** A m 15. November Wahltag. Der Provinzialdirekwr der Provinz Oberhessen gibt be­kannt, daß die Wahlen der Stadtverordneten und Gemeinderatsmitglieder sowie der Kreistage und des Prooinzialtages der Provinz Oberhessen am 15. November stattfinden.

** Ins Manöver. Gestern nachmittag in der 6. Stunde rückte unsere Garnison mit klingendem Spiel zum Bahnhof, von wo gegen 7i Uhr die Ab­fahrt in das Manövergelände in Thüringen er­folgte. Eine große Menschenmenge gab den Sol­daten das Geleite bis zur Bahn.

" Eine Dürgermei st erfahrt an den Rhein. Die Bürgermeister des Kreises Gießen fahren morgen, Mittwoch, in einem Ge­sellschaftssonderzug der Reichsbahn mit Einheits­wagen 4. Klasse an den Rhein. Der Zug fährt um 7 Uhr vormittags von Gießen ab, Ankunft in Mainz-Kastel 9.20 Uhr. Von hier aus wird eine Dampferfahrt bis Koblenz unternommen. Die Rückreise geht auf der Bahnstrecke vor sich, ab Koblenz 7 älhr abends, an Gießen 9.28 Uhr. Anschlüsse in Gießen sind morgens und abends nach allen Richtungen.

Don der Grummeternte. Das schlechte Wetter der letzten Woche läßt dic Grummeternte nur langsam vorankommen. Als die Sommertage in der ersten Hälfte der ver­gangenen Woche beständige Witterung verspra­chen, machte man allenthalben den Anfang mit dem zweiten Grasschnitt. Und nun liegt das Grummet ausgebreitet auf den Wiesen oder sitzt auf Haufen. Zu mähen ist nur hier und da noch ein Streifen Wiesenland. Rur 34 Tage trockenen Wetters, und der Hauptteil der Grummeternte wird geborgen sein. Der Samstag, an dein das Wetter sich zur Abwechslung wieder mal so leid­lich bis zu den Abendstunden hielt, war für unsere Landwirte ein Harepttag der Arbeit. In der Umgegend von Gießen zeigten die Wiesen- gründe regsames Leben, es wurde fleißig vom frühen Morgen an geschafft: gemäht, gewendet, aufgemacht. Wer besonders rührig gearbeitet hatte, konnte am Rachmittage sogar noch ans Einfahren gehen, und auf einer Bahnfahrt durchs oberhessische Land sehen wir, daß mancher Wa­gen. mit Grummet hochbeladen, heimwärts strebte, ilnfcre Landwirte, die sich im allgemeinen über die Witterung dieses Erntejahres nicht beklagen, brauchen für die kommenden Wochen, hauptsäch­lich auch mit Rücksicht auf die Kartoffelernte, gute trockene Witterung Dieser Wunsch der Land­bevölkerung ist auch der Wunsch von uns Städtern, die wir wissen, daß eine reibungslose Winterver­sorgung nur erfolgen kann, wenn die Herbst­arbeiten des Landmannes durch die Ungunst der Witterung nicht aufgehalten und erschwert werden.

k. Zwangsschule und Elternrecht. Heber dieses Thema sprach am Freitagabmb im Saale des Kathol. VereinShauses Direktor a. D. Stein st raß- Magdeburg. Der Redner führte etwa folgendes aus: Der Kampf ums Dasein hat die Elternschaft daran gehindert, die Entwicklung auf dem Gebiete des Schul­wesens zu beobachten. Dadurch sind sehr viele von der Auswirkung der begonnenen RejSs'

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