Ausgabe 
7.10.1925
 
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den französischen König auf, die Weltherrschaft an­zutreten, da die Franzosen das verständigste und waffenmächtigste aller Völker seien. Wenn es nicht möglich sei, alle unterworfenen Gebiete in Schach zu halten, so müsse man durch erbarmungslose syste- matische Verwüstung, z. B. von Lothringen, dem Feind die. Mittel des Widerstandes und den Mut rauben. Diese ganze Eroberungspolitik dient natür-

lick nur dem Glück und der Sicherheit der Welt;um allen Menschen das Unheil unordentlicher Fürsten zu nehmen, soll Frankreich sich mit Fug und Recht Völker und Reiche unterjochen".

Das Beispiel mag genügen. Von Pierre Dubois führt eine gerade Linie zu Ludwig XIV. und Na­poleon, zu den Liberalen von 1830, welche die Bour­bonen stürzten, weil sie keinen Krieg entfesseln

wollten, zu den Ministern Napoleons III., die ihn nach Sedan führten, und zu dem Poincarö des Ruhrkriegs, den man mit Recht als Napoleon IV. bezeichnet hat. Ein mittelalterlicher Anachronismus ist der Rheingrenzengedanke. Es scheint manchmal, daß die französische Nation nicht zur Ruhe kommen wird, bevor sie nicht die Verwirklichung dieses Ge» dankens aufgibt.

Die Konferenz von Locarno.

Locarno, 6. Oft. (Sil.) Die juristi­schen Sachverständigen sind heute morgen wieder zusammengetreten, um die Beratungen über die in der gestrigen Bollkonferenz von ver­schiedenen Seiten eingereichten Vorschläge fort­zusehen. lieber den genaueren Inhalt dieser Beratungen wird StiUschweigen bewahrt; man erklärt, daß sich darüber auch gar nichts sagen lasse, weil es sich um lauter Einzelheiten handele, die sich in wenigen Zügen nicht zu­sammenfassen liehen.

Das Klimafieber, das Dr. Stresemann gestern nachmittag befiel, hat sich heute gebessert. Der Minister hütete am Vormittag noch das Bett. Er war aber munter und war am Vach­mittag völlig wieder auf dem Po st en.

Die auf den Vachmittag verschobene Voll­sitzung begann um 4.30 Ähr. Kurz vor ihrem Beginn trafen in schneller Reihenfolge die ein­zelnen Delegationen ein. Als erste die englische, dann die französische, die belgische und die deut­sche Delegation, zum Schluß die Italiener. Dr. S t r e s e m a n n, der noch ein wenig angegriffen aussieht, scheint sich jedoch schon wesentlich erholt zu haben. Die Sitzung dauerte bis nach sechs ilhr. Bei der Abfahrt erklärte Dr. Stresemann, dah auf beiden Seiten der beste Wille vorhanden sei, zu einer Einigung zu gelangen.

Die Arbeiten der Sachverständigen beschränk­ten sich bisher im wesentlichen auf die­jenigen Artikel des Vertragsentwurfes, über die bereits eine grundsätzliche Einigung zu- stanbegekommen ist, für die aber heute noch nach einer genauen Formulierung gesucht werden muhte.

Die Sachverständigenkonferenz ist Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen in sämtlichen Kon­ferenzkreisen gewesen. Die verschieden­artige Beurteilung des Ergebnisses mag in erster Linie auf die verschiedenen Sem- peramente der einzelnen Vationen zurückgeführt werden, von denen die eine mehr zum Pessimis­mus, die andere mehr zum Optimismus neigt. Aber gerade die Engländer, deren ruhiger und kühler Charakter kaum anzuzweifeln ist, blicken jetzt mit außerordentlicher Befrie di- y u n g auf die Fortschritte der beiden ersten Sage zurück. Sir Cecil Hurst, der britische Sach­verständige, äußerte sich englischen Pressever­tretern gegenüber dahin, dah das Resultat der Verhandlungen bisher überraschend gut sei. Wenn es so weiter gehe, dürfe man mit einem vollen Erfolg rechnen. Die mehr zurückhaltende Art, die uns Deutschen zu eigen ist, hält uns davon ab, optimistisch zu sein, bevor wir etwas Gre-fbares in der Hand haben, lind tatsächlich erscheint es unklug, schon heute Den einem günstigen Verlauf der Konferenz zu sprechen, bevor man noch nicht an die Haupt­schwierigkeiten berange^angen ist, die für Mittwoch oder Donnerstag erwartet we"den. E'ne kleine Bombe ist bere-ts g»stern gebläht.

Briand und Danbervelde haben In ber Vach- mit^ags'"n>ren' e n*n Z sa an^rag erstellt, »n dem s e rrn Falle eines Angriffs Deutsch­lands gegen seinen östlichen Vachbarn auf dem Recht bestehen Sanktionen gegen Dersts^land ergreifen zu können und evtl.

den Durchmarsch zu unternehmen.

Dem Anschein nach ist die Frage noch nicht zur Diskussion gekommen und auf einen spä­teren Zeitpunkt verschoben worden. Aber man sieht bereits, woher die Gewitterwolken kom­men. Die französische Delegation und die in ihrem Gefolge befindlichen französischen Poli­tiker sind im Gegensatz zu ihren englischen Freun­den sehr zurückhaltend, denn es ist klar daß eine Verständigung in Locarno nur a u f Frankreichs Kosten erfolgen könnte. Die Forderung, die Deutschland für den Abschluß des Sicherheitsvertrags stellen muß. wird von Frankreich Obfer verlangen, die es nicht leich­ten Herzens bringen kann. In einer Beziehung ist allerdings die Lage der alliierten Staats­männer gleich; Wenn die Verhandlungen in Locarno zu keinem Abschluß führen, so wird sich keine Regierung in ihrem Lande halten können. Ob Briand in. Locarno das­selbe Schicksal blühen wird wie einst in Cannes? Damals wurde er zurückgewor'en. weil er an­geblich zu große Zugeständnisse gemacht hatte. Heute dürfte ihn das gleiche Schicksal treffen, wenn er in Locarno bei den Verhandlungen unter voller Wahrung der französischen Inter­essen keine Erfolge mit heim brächte.

Ae^erra^chend ist die Satsache, daß die Ver­treter einer großen Reihe der uns kürzlich noch sehr feindlichen englischen Blätter heute ihre Haltung vollkommen geändert haben und eine Art Vermittlerrolle zwif^en Deutschland, Frankreich und Belgien als die wichtigste Auf­gabe an'e^en. Einer der namhaftesten englischen Journalisten, besten Blatt bisher durchaus nicht als deutsch-freundlich bezeichnet werden kann, sänke mir gestern im Laufe des Vachmittags: Wir haben unfern Haß, soweit wir ihn hatten, im Meer ertränkt. Wir sind nach Locarno

gekommen, um mit allen Mitteln, die uns Ml Gebote stehen, am Zustandekommen des Paktes mitzuarbeiten. Sie fragen uns, wie wir das tun wollen. Eine Antwort auf diese Frage zu finden ist nicht ganz leicht."

Es bestätigt sich immer mehr, daß die Kon­ferenz bereits einen Punkt erreicht hat, bei dem man in die Probleme und damit in die Schwierigkeiten hineingestiegen ist.

Man kann es dahingestellt sein lassen, ob es wirk­lich schon so weit ist, wie die Engländerr be­haupten, daß man schon um die politischen Haupt­fragen gewürfelt habe, die nicht im Sicherheits­pakt stehen, sondern von der deutschen De­legation als Unumgänglichkeiten mitgebracht sind, ohne die für Deutschland der Abschluß eines Sicherheitspaktes, mag et nun aussehen wie er will, überhaupt undenk­bar ist. Immerhin, der Ernst der Verhandlun­gen hat begonnen. Er hat sogleich so stark ein­gesetzt, dah schon diese Satsache allein die Kon­ferenz von Locarno von allen früheren Zusam­menkünften unterscheidet.

Reichsaußenminister Dr. S t r e s e m a n n , der übrigens von seinem Klimafieber vollkommen wieder bergcstellt ist, charakterisierte diese Konferenz dem Sonderberichterstatter der Telunion dahin, daß hier von Anbeginn an unerhört scharf gearbei­tet werde. In der Tat hat man die Präliminarien aufs allernotwendigste beschränkt. Daß bereits heikle Fragen zur Tagesordnung stehen, geht ja auch dar­aus hervor, daß der amtliche Bericht davon spricht, daß gestern Dinge behandelt worden sind, die vor­gestern verschoben wurden, eben wegen ihrer Schwierigkeit. Neber das aber, was verhandelt wor­den ist, darüber wird der Schleier des tief­sten Geheimnisses gedeckt, so daß man von einem Stadium des Stillschweigens sprechen muß. Vielleicht wird es nicht lange dauern. Kanzler und Außenminister haben Verständnis für den allge­meinen Schmerz der hiesigen Vertreter der deutschen Presse, im Dunkeln herumtappen und nichts Tat» fachliches sagen zu können. Sie wünschen darum selbst, daß diese Phase bald vorbeigehen wird, denn es ist kein Zweifel üver die Gefahr, daß die deutsche Presse für diese Zeit ohne eine einheitliche Linie bleibt.

Die Rückwirkungen müssen natürlich äußerst un­angenehm sein. Aber man hat offenbar ein Gent­leman-Abkommen getroffen, wonach eben diese Taktik befolgt werden soll. Däbei kommen allerdings die Ausländer immer noch am besten weg, denn die deutsche Delegation ist der Ansicht, daß sie ganz be­sonders Grund hat, vorsichtig zu sein und nicht die Oeffentlichkeit in Dinge hineinzuführen, über deren Behandlung die Gegenseite schließlich viel freier dis­kutieren kann als wir selbst, wenn wir unsere Situation nicht erschweren wollen. Das heißt also, sich zunächst in Geduld fassen, bis sich etwas Konkretes aus dem jetzigen Stadium des Still­schweigens herausgebildet hat.

E ne Erklärung Briands.

Paris, 7. Oktober. (DTV. Funkspruch.) Ivie Agence havas meldet, kann nach Ansicht der Alliier­ten der Sicherheitspakt f of ort r atifiiiert wer­den. Er wird aber erst in Kraft treten, wenn Deutschland Mitglied des Völkerbun­des fein wird. 3n der gestrigen Vachrnitlagssihung der Konferenz legte Brianb dar. Frankreich sei der Auffassung, dah der Pakt kein Hindernis dagegen sei, dah Frankreich auf die Seite polens und der Tschechoslowakei trete, falls Deutschland zur Gewalt seine Zuflucht nehme, obwohl es mit den beiden Mächten Schieds- gericht^verträge abgeschlossen hätte, die von Frank­reich garantiert werden mühten. Chamberlain, vanderoelde und Scialoja stimmten den Darlegungen Brianbs zu.

Die Durchzugsfrage.

Rom, 6. Oft. (SU.) DerMessagers"-Kor­respondent in Locarno meldet, Briand habe Chamb-rlain die äußersten französi­schen Konzessionen w ssen lassen, deren Ab­lehnung unabsehbare Folgen haben könnte. Es handele sich um die Einwilligung in die s o- fort ige Räumung Kölns, um weitgehende politische Konzessionen im Saargebiet und um eine Mod fikation der Besatzung des Rhein­landes bis zurUnsichtbarkeit" der Be­satzung. Diese äußersten Konzessionen sei Frankreich bereit unter der Bedingung zu ge­währen, daß Deutschland ein Schiedsge­richt s a b k orn rn en mit Polen und der Sschechoslowakei abschließe und den Durchzug durch deutsches Gebiet ga­rantiere für den Fall, daß Frankreich ge­zwungen sei, seinen Alliierten zu Hilfe zu kommen.

Das bedeute, so hebt derMessagero" aus­drücklich hervor, eine privilegierte Stel­lung Frankreichs als Schiedsrichter für deutsche Ostfragen und der alliierten Polen und der Sschecho-Slowakei zugleich. Die italienische Presse bezeichnet gerade die Durchzugsfrage als den heikelsten Punkt und sieht die sich infolge

der geographischen Lage Deutschlands ergeben­den Eventualitäten als die Hauptschwierig­keiten für die Unterschrift Italiens an, das Verpflichtungen unter so unsicheren und gefahr­vollen Verhältnissen nicht eingehen könne. Viel­fach wird auch das geforderte Durchzugsrecht als unvermeidbar mit der souveränen Würde Deutschlands abgelehnt.

Die östlichen Schiedsverträge.

Lvndvir, 7. Oft. (WSB. Funkspruch.) Die Sonderberichterstatter der Blätter in Locarno melden, auf der gestrigen Vachmittagssihung sei die Frage der östlichen Verträge und die des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund berührt worden. Der diplomatische Berichterstatter des Daily Selegraph" sagt, er höre, daß, wenn die östlichen Verträge in Angriff genommen worden seien, der polnische Außenminister voraussicht­lich beantragen werde, daß die Sowjet- Regierung ebenso wie die auf der Konferenz vertretenen Mächte befragt werden soll. Der Berichterstatter derWestminster Gazette" in Pa­ris meldet, in sehr maßgebenden Kreisen in Frankreich herrsche ein ziemlicher Optimismus über den Ausgang der Konferenz. Vach seinen Informationen bestehe bei Frankreich und Polen in der Frage des Vormarschrechtes durch deutsches Gebiet nicht die Unnachgiebigkeit, die man ihnen in Großbritannien Ungeschrieben habe. Frankreich habe auch Verständnis für Deutschlands Wünsche betreffend den polni­schen Korridor und verlange nur, daß Deutschland sich verpflichtet, keine gewalt­same Aenderung seiner Ostgrenzen vorzunehmen.

Russen, Polen und Tschechen in Locarno.

Paris, 7. Oft. (WSB. Funkspruch.) Der Sonderberichterstatter desPetit Parisien" in Locarno meldet, daß der römische Sowjet-Bot­schafter Kerjenhew in Stresa am Lago Maggiore angefommen fei, von wo aus er die Verhandlungen der Locarno-Konferenz eingehend verfolgen werde. Der größte Seil der tschechi­schen Delegation traf gestern nachmittag ein und nahm im Parthotel Wohnung. Denesch selbst mit seiner nächsten Umgebung wird heute er­wartet. Von chen Polen ist gestern der Ver­treter beim Völkerbund Morawski eingetroffen. Heute folgte der Gesandte in Bern, Modza- letof f L

Um Deutschlands Gleichberechtigung.

Brüssel, 6. Oft. (SU.) Der Ausschuß der internationalen parlamentarischen Wirt­schaftsunion hat die Beratungen über die Ein­berufung einer allgemeinen internationalen par­lamentarischen Wirtschaftskonferenz für den 26. Mai 1926 zu Ende geführt. Den Gegenstand einer lebhaften Debatte bildete besonders die Frage der Zulassung deutscher Dele­gierter zu der ceD'anten Konferenz. Die fran­zösischen Mitglieder des Ausschußes beantragten zu beschließen, daß deutsche Abgeordnete erst nach dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu der Konferenz ein- gera' en werden sollten. Die skandinavischen und holländischen Delegierten widersprachen Dieser Auffassung und beantragten die sofortige Zulassung der Deutschen. Vach einer Inter­vention de' i!a'ier.ifd;en Abgeordneten C i m o ? o. der der _ französischen Auffassung beipflichtete, wurde beschlossen, es den belgischen und engfifxen Orra i'a ionen zur gev'a?ten Kon e enz zu über» Taffen, die eventuelle Zulassung der Deut­schen, je nach dem Ergebnis der Konfe­renz von Locarno zu beschließen.

Ein deutsch-ruMches Kreditabkommen.

Moskau, 6. Oft. (WTB.) Wie der Finanzko.nmllsar S o ! o l n i t o f f ei e n Vc. - tretet der Sow^e.telegradhenagentur mitteilte, kam zwischen der Staatsbank der Sowjet­union und einer Gruppe deutscher Groß­bau fen ein Kreditabkommen in Höhe von 75 Millionen Goldmark zustande. Dieier Bank­kredit soll zusammen mit dem Handelskredit eine Wareneinfuhr aus Deutsch la nd in Höhe von 100 Millioren Mark ermöglichen. Der deutsche Kredit wird eine sofortige Erweiterung der Einfuhr von Maschinen und Ge­brauchsgegenständen ermöglichen, und zwar noch ehe Rußland aus eigenen Exporten Auslandövaluta erhält. Der Kredit soll ein Auf­takt zu einer Reihe großangelegter langfristiger Kreditabkommen der Staatsbank bilden. Wie Sokolnilofs mitteilte, beläuft sich der Budget- vorschlag der 6d'.t je.union für das Finanz­jahr 1925/26 auf drei Milliarden 550 Millionen Goldrubel und ist somit um 40 Prozent höher als im Vorjahre. Der Finanzkommissar hofft,

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Ur. 255 Erstes Blatt (L)

175. Jahrgang

Mittwoch, 7. Moder (925

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, .Rheingrenze" und französische Volksseele".

Lon Dr. Fritz Kern, Professor an der Universität Bonn.

Kein religiöser, politischer oder sonstiger Wahn l)'ot Europa in den letzten Jahrhunderten soviel Älut gekostet wie der französische Rheingrenzen- Wahn. In dreifacher Gestalt ist uns dieses Gespenst »-»schienen: her Rhein alsnatürliche" Grenze Frankreichs; als feinegeschichtliche" Grenze; schließ­lich als eine völkische Grenze!

Die natürliche Grenze zwischen Deutschen und ij-canzosen fehlt, das ist richtig. Sie hat aber mehr öan Deutschen gefehlt als den Franzosen; die zahl- Iwen Franzosenruinen von der Pfalz rheinabwärts neb rheinaufwärts reden eine nur zu deutliche Sprache. Leider ober gibt es überhaupt kaum eine natürliche Grenze, die wirklich die Sicherheit eines ijendes verbürgte. Gerade die Geschichte des fran- Mschen Bodens legt davon Zeugnis ab. Das alte >9 aUien hat vorzügliche Naturgrenzen, und dennoch ifö es immer wieder erobert worden. Die Alpen und faß Mittelmeer schützten es nicht gegen die Erobe- rung durch die Römer; der Rhein, damals wirklich (9 renze, hielt trotzdem die Germanen der Völker- Änderung letzten Endes nicht auf. Geradezu ideal cls natürliche Grenzen sind die Pyrenäen, das un- Ägsamste Gebirge des Erdteils, und die stürmische Aiskayische See; und dennoch konnten die ein- br ingenden Araber die Pyrenäen überwinden, und bie Engländer haben, über die Biskayische See hin- meg in Aquitanien Fuß fassend, den französischen Staat des Mittelatlers jahrhundertelang aufs hef- ligfte bedrängt. Zur gleichen Zeit genoß Frankreich Don feiner Ostseite aus völlige Ruhe, obwohl dort (einerleinatürliche" Grenze es schützte. Obwohl bar Deutsche Reich noch um 1300 Lyon und ®e= jiin^on, Bar-le-Duc und Nancy, Verdun und (£am= bioi besaß, war die absolute Friedfertigkeit des deutschen Reiches ein besserer Schutz für Frankreich cis dienatürlichste" Grenze. Nichts konnte diesen Trieben unb diese Sicherheit Frankreichs an seiner Dfigrenje stören als eben das gewaltsame Suchen nad) dernatürlichen", in Wahrheit so unerträglich mdernatürlichen Rheingrenze!Gallien die Grenzen oiederzugeben, welche die Natur ihm bestimmt hat", ni irbc feit Richelieu und Ludwig XIV. Leitsatz der Irügerifdjen Angriffspolitik und der Die deutsche ,',uoietracht schürenden Diplomatie Frankreichs, seit bis» konfessionelle Spaltung der deutschen Nation beten Abwehrkräfte lähmte. Unsägliche Leiden er- ickgten daraus für ganz Deutschland und insbeson- bere für unseren Westen. Aber auch Frankreich hatte darunter zu leiden. Wenn deutsche £)eere in Abwehr bet napoleonischen Rheingrenzenpolitik im 19. Jahr­hundert dreimal in Paris einziehen mußten, fo war liefe kriegerische Leistung der jedesmal ein glirnpf- licfjer Friedensschluß gefolgt ist immer nur der leidigen Notwendigkeit entsprungen, das Frankreich ^Hapoleons I. wie Napoleons III. von dem Anspruch Mpi heilen, am Rhein zu herrschen und vom Rhein ; "ms über das Schicksal Deutschlands zu gebieten.

In Wirklichkeit war dieNatürlichkeit" der Rhein- ftenje niemals mehr als eine Phrase. Da Frankreich ' rnehBrückenköpfe" auf dem rechten Rheinufer be= jchrt hat, und da diese Brückenköpfe wieder um ihrer tigenenSicherheit" willen nicht zu klein genommen mtrben durften, so war die Rheingrenzen-Jdee in Mklichkeit eine fressende Grenze. Ganz zynisch hat bi« schon um 1300 ein Prophet der französischen kinsdehnungspolitik ausgesprochen, indem er sagte: ,9*tin Fluß setzt den Grenzen Frankreichs ein Ziel!" Grenzen Lrankreichs sind dauernd auf dem barsch nach Osten. Napoleon konnte sie weder in hawnburg und Lübeck, noch in Erfurt und Triest end- zu liig begrenzen, sie fraßen immer weiter bis zum wslnschen Feldzug und zum Zusammenbruch.

Die angeführte Aeuherung eines mittelalterlichen ^omzösischen Eroberungspolitikers fährt fort:Die Zwatengrenzen werden durch Nationalitäten und Gebiete gebildet, je nachdem diese einem Staat von Unrang an unterworfen waren." Also die zweite ilu-sprägung der französischen Eroberungsgrenze: die Wiederherstellung" altgeschichtlicher Grenzen. Seit le» Renaissance wurde hierbei zumeist an das (9ab »m Cäsars gedacht; damit konnte man also die sihoringrenze zuriicksordern. Im französischen Mittel- i(t:ir dagegen verstand man unter dem zu rück- Mlenden Reich das Saris des Großen. Ganz un- leefroren wurde einfach Frankreich gleich Franken- :ei d) gefetzt. Mit größerem Recht hätte auf Grund feier Vorstellung natürlich der deutsche Kaiser ^nmkreich zurückfordeni können, weil ja Karl der tzr^oße ein deutschsprechender Germane war. 9(ber nan begnügte ftd) im Deutschen Reich um 1300 laBiit, die Unzulässigkeit der französischen Ansprüche iu*dj geschichtlich nachzuweifen. So erklärte ein rhei- rif'her Gelehrter zur Zeit Rudolfs von Habsburg, lies Franzosen seien gar keine Franken, höchstens iRrinflinge; die echten Franken säßen am Rhein, feien Deutsche und von ganz anderer Art als die Be!fd)cn.

Mit diesen für ihre Zeit recht bemerkenswerten scßiftellungen waren zugleich schon im voraus die in fpräche abgewiesen, die erst im 19. Jahrhundert s> recht in Blüte kommen sollten: die Rheingrenze rlr völkische Grenze. Die Rheinländer sollten als fetten oder als Rheinfranken (beides je nach Bedarf 6ib Geschmack verwendet) den französischen Kesten tfer Franken näher stehen als den rechtsrheinischen hwtfdjen. Ueber den Unsinn dieser Theorien braucht fein Wort verschwendet zu werden. Dagegen wird es tielleicht manchen Leser erstaunen, zu erfahren, wie fef schon in alter Zeit die Eroberungsziele im ftarizösischen Bewußtsein wurzelten, und wie sie sich nit Weltfriedensphrasen schon damals verbanden.

Schon im Jahre 1299 verbreitete sich in Frank- Nich das (selbstverständlich unsinnige) Gerücht, der btutfdje König habe das linke Rheinufer abgetreten. 6n politischer Schriftsteller, Pierre Dubois, forderte