Ausgabe 
7.7.1925
 
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darüber gesprochen wird, welche gewichtigen Gründe die Regierung verhindern, zur Zeit schon in die außenpolitische Debatte einzutreten. Die De­batte müsse noch stattfinden, bevor die Note herausgeht.

Abg. Fehrenbach (Zentr.): Montags- und Dienstags sollen keine Sitzungen stattfinden, da­mit die Ausschüsse alle wichtigen Beratungen für das Plenum reif machen können. Bezüglich der Debatte über die außenpolitische Lage hat der Reichskanzler im Aeltestenrat nichts da-- von gesagt, daß die Debatte erst nach Ab­sendung der Rote erfolgen solle. Der Herr Reichskanzler hat aber den Entschluß gefaßt, dem Aeltestenrat Auskunft über die Gründe zu geben, welche es geboten erscheinen liehen, die außen­politische Debatte zurückzustcllen. Bielleicht kann der Reichskanzler auch im Ausschuß berichten und uns diese Gründe am nächsten Mittwoch ansein- andersetzen. Dis dann wird die Rote noch nicht abgehen.

Zuerst müssen wir den Kanzler hören, und dann wird noch immer Zeit sein, darüber zu sprechen, wann die außenpolitische Aus­sprache stattfinden soll.

(Beifall rechts.)

Präsident Loebe: Der Reichskanzler hat sich bereiterklärt, die Gründe gegen die sofortige Außendebatte vorzulegen. Aus der soeben ab­gegebenen Erklärung aber geht hervor, daß wir uns über den Zeitpunkt der außenpolitischen Aus­sprache klar sein sollen.

Abg. Dr. Haas (Dem.): Es ist nicht ver­ständlich, warum der Reichskanzler seine Erklä­rungen durch den Staatssekretär abgegeben hat. Wir wünschen auch eine außenpoli­tische Debatte vor Abgang der Rote, haben aber in der Opposition die Pflicht der Ver­antwortung und müssen daher vorher den Reichskanzler hören. Mit dem Außen­minister könnten wir uns nur begnügen, wenn wir wüßten, daß beide einer Meinung sind. Mir scheint aber das Durcheinander der Regierungs­parteien so groß zu sein, daß ich die Auffassung habe, durch den Herrn Reichskanzler vielleicht besser informiert zu werden. Die Aussprache muß so schnell wie möglich mit dem Reichskanzler er­folgen.

Abg. Stöcker (Komm.) beantragt, den Reichsauhenminister Stresemann sofort vor den Reichstag zu rufen, um die Gründe der Regie­rung zur Hinauszögerung der Debatte zu hören.

Abg. Fehrenbach (Zentr.) fragt den im Saale befindlichen Reichsarbeitsminister, ob nach seiner Meinung eine sofortige Absendung der Rote über den Sicherheitspakt in Frage komme, ob der Reichskanzler mit dem Kabinett einig sei und seine Erklärungen vielleicht im Auswärtigen Ausschuß abgegeben habe.

Reichsarbeitsminister Brauns: Der Herr Reichskanzler und der Herr Reichsaußenminister sind gegenwärtig nicht in Berlin. (Zuruf des Abg. Höllein (Kom.): Sie haben sich gedrückt!) Ich bin aber überzeugt, daß der Reichskanzler bereit ist, mit den Fraktionen in, den nächsten Tagen Fühlung zu nehmen. Die Antwortnote toird nicht beschlossen werden, bevor diese Füh­lungnahme stattfand.

Rach weiterer Geschäftsordnungsdebatte lehnt das Haus gegen die Stimmen der Völkischen, Sozialdemokraten und Kommunisten den Antrag ab, am nächsten Montag dke außenpolitische Debatte stattfin­den zu lassen. Die Entscheidung über diese De­batte wird erst nach den angekündigten Aus­führungen des Reichskanzlers stattfinden. Der Ablehnung verfiel gegen die gleichen Stimmen mit Einschluß der Demokraten der Antrag H e n - n i g (Völk.), keine Rote über den Sicherheitspakt anzusenden, bevor die Aussprache im Reichstag stattgefunden hat.

Anter Ablehnung aller anderen Anträge beschloß das Haus, die nächste Sitzung erst am Mittwoch stattfinden zu lassen.

Unter Erledigung dieser Geschästsordnungs- 'debatte wendet sich das Haus der ersten Bera- » tung des Gesetzentwurfes über den Ausbau der Ange st eilten Versicherung zu, der 1 vom Arbeitsminister Brauns dem Hause zur Annahme empfohlen wird. Der Entwurf sieht eine Erhöhung der Leistungen der Angestellten- versicherung um ein Drittel, aber auch eine Er­höhung der Beiträge um ein Drittel vor.

Vizepräsident R i l l e r überweist den Antrag über die Angestelltenversicherung dem sozial­politischen Ausschuß. Das Bureau ist sich einig, daß das Haus nicht beschlußfähig ist. Die Sitzung wird daher um i/25 Ahr auf Mittwoch, den 8. Juli, 2Vr H&t nachmittags, vertagt.

Himmelsdach-Ausschub des Hessischen Landtages.

Darmstadt, 6. Juli. (Eigener Bericht.) Rach dreiwöchiger Pause trat heute nachmittag der Dom Hess. Landtag eingesetzte Ausschuß zur Untersuchung des Falles Himmelsbach wieder zusammen. Als erster Zeuge soll Finanz- minister Henrich vernommen werden, der vor­her die Erklärung abgibt, daß er nicht nur als Zeuge sprechen wolle, sondern auch als Vertreter der Hess. Regierung. Die Denkschrift des Finanzministeriums liege jetzt vor. Auf Liefe Erklärung hin zieht sich der Ausschuß zurück und beschließt in geheimer Beratung, den Mi­nister nur als Zeugen zu hören. In dec Vernehmung erklärt Finanzminister Henrich u. o. die ventes habe die Regierung als notwendiges Aebel über sich ergehen lassen müssen: vor den Leuten, die dort gesteigert hätten, habe er per­sönlich keine gesteigerte Hochachtung. Die coupes seien gerade so zu bewerten, es sei dazu nur eine beschränkte Anzahl von Firmen zugelassen wor­den. Die coupes-Verträge wären als Geheim- verträge anzusehen, in der bayerischen Denkschrift wären sie als geheim bezeichnet: in Hessen wäre das nicht feststellbar. D i e Zustimmung dazu sei nie erteilt wor­den, trotz gegenteiliger Behauptung der Firma Himmelsbach. Die Regierung sei in keinerlei Weise mit dem Verlangen der Firma einver­standen gewesen. Als Zustimmungsersah müßten ihr die Erklärungen des verstorbenen Oberforst- rates Kallenbach dienen. Der Minister sucht dann darzulegen, daß die Firma Himmelsbach nicht unter einem Zwang gehandelt, sondern ein gutes Geschäft, ein Millionengeschäft, gemacht habe.

Die Frage der Zuweisung der Schläge fei dunkel;

wahrscheinlich habe die Firma hier aktiv mit­gewirkt. Die Maschinen zum Fällen, die die Firma von der Forstverwaltung lieh, wären be­

schlagnahmt gewesen, sie hätten von den Oberförstereien herausgegeben werden müssen. Die Firma habe dann versucht, von der Hess. Regierung eine Art Ehrenerklärung zu erlangen: ein Boykott gegenüber der Firma sei nicht ausgesprochen worden.

Aus den vielen Kreuz- und Querfragen, die dann an den Minister gerichtet wurden, ist die des Abg. H a u r y (D. Vp.) bemerkens­wert, der darauf hinwies, daß die Forstbehörde sich für das Ausleihen der Maschinen ja habe bezahlen lassen, sie könnten doch wohl nicht be­schlagnahmt gewesen sein. Auch Abg. Kaul (Soz.) ist der Meinung, daß bei dem Vorliegen eines Leihvertrags von einer Beschlagnahme nicht die Rede sein könnte. Hauptsächlich drehte sich die Vernehmung um die Aussagen des Ober- forstrates Kallenbach, der bekanntlich Aeuße- ningcn getan hatte, auf Grund deren die Firma Himmelsbach annahm, berechtigt zu sein, die Verträge über die Holzschläge abzuschliehen. Mi­nister Henrich bestreitet, daß der Oberforstrat selbständig Erklärungen abgegeben habe .ohne vom Ministerium dazu ermächtigt zu fein. Diese Auffassung fand nicht die Zustimmung aller Aus- schußmitglieder, wie aus deren Fragestellungen hervorging. Landforstmeister i. R. Joseph glaubt nicht, daß Oberforstrat Kallenbach in einer Unterredung persönlich eine andere Auf­fassung hatte, als die ablehnende des Ministe­riums. Zum Schluß der Sitzung wird noch Land­forstmeister Hesse vernommen, der aber nichts wesentlich Reues zur Sache aussagen kann.

Um die Erhaltung der Bergstraße

Dem Hessischen Landtag wurde ein von 24 Ab­geordneten unterzeichneter Antrag vorgelegt, der fol­genden Wortlaut hat:

Der Landtag möge beschließen, die Regierung zu ersuchen, alsbald zu veranlassen, daß die Fahr­geschwindigkeit der Kraftfahrzeuge jeder Art für die Straßen Bickenbach Heppenheim und Eber­stadtSeeheimZwingenberg auf eine Höchstge­schwindigkeit von 15 Kilometer pro Stunde festgesetzt wird.

Begründung. Die oben im Antrag bezeichneten Straßen werden zur Zeit für den Durchgangsver­kehr der Kraftfahrzeuge benützt. Infolge dieser Tat­sache ist eine Verkehrsdichtigkeit der Kraftfahrzeuge eingetreten, so daß der Publikumsoerkehr, nament­lich an Sonn- und Feiertagen, fast ausgeschaltet ist, und zwar erstens wegen der ungeheuren Staub­plage, zweitens insbesondere wegen der Lebens­gefährlichkeit. Wenn auch Strecken dieser benannten Straßen mit Pflasterung versehen sind, so sind die Straßen dadurch noch lange nicht staubarm. Bei den rasenden Tempos der Fahrzeuge wälzen sich große und dichte Staubwolken über die vorübergehenden Straßenpassanten, ohne Unterbrechung. Infolge­dessen ist dadurch allein schon der Publikumsverkehr fast zur Unmöglichkeit geworden. Hierzu gesellt sich die dauernde Gefahr für das Leben der Passanten, wovon die Unglücksfälle letzterer Zeit, mit teilweise tödlichem Ausgang, ein beredtes Zeugnis ablegen. An den schmalen Straßen SeeheimZwingenberg, inmitten der Luftkurorte der Bergstraße, ist der Per­sonenausflugsverkehr zur direkten Unmöglichkeit ge­worden. Es drängt sich hierzu noch die Frage auf, wo überhaupt die Einwohner, Ausflügler und die sonstige Bevölkerung ihre Erholung und Erledigung ihrer sonstigen Geschäfte sich noch bewegen soll, wenn sie nicht dauernd ihr Leben und ihre Gesund­heit dieser Autoraserei aussetzen will.

Marschall Fach Ehrenbürger von Manchester.

Paris, 6. Juli. (WB.) In der englischen Bot­schaft fand heute nachmittag eine Feier statt, in deren Verlauf der Lordmayor von Manchester dem Marschall Fach den Ehrenbürge cbrief der Stadt Manche st er überreichte. In feiner Dankrede sagte Marschall Fach: Die Ruhe braucht lange, bis sie in der Welt zur Herrschaft gelangt. Ich möchte annehmen, daß durch Verständigung und Ab­kommen zwischen den Völkern die Krise abgekürzt wird, die man die Krise des Friedens nennen kann. Aber diese Abkommen und diese Verständigung dürfe man nicht blindlinks suchen. Man müsse ihre Realitäten unter den Völkern suchen, die unter dem Banner der Freiheit in gleichem Schritt marschie­ren. Was die Redlichkeit und die gegenseitige Hilfe an!angt, hüten wir uns vor denen, die selbst den Frieden durch Schulen des Hasses verhindern.

Demission

des holländischen Kabinetts.

Haag, 6. Juli. Der Ausfall der holländischen Wahlen hat das Kabinett veranlaßt, der Kö­nigin seine Entlassung einzureichen. Das Ka­ue:: wurde mit der vorläufigen Weiterführung der Geschöftt. beauftragt

Kleine politische Nachrichten,

Der preußische Gesandte in München und bis­herige Geschäftsträger der preußischen Regierung in München Ministerialrat Denk, der nunmehr zum Gesandten ernannt wurde, hat dem Ministerpräsi­denten Held sein Beglaubigungsschreiben überreicht. Ministerpräsident Held wünschte dem neu ernannten Gesandten Glück für die Amtsführung und gab dem Wunsche Ausdruck, daß das gegenseitige Verhältnis der beiden Länder weiterhin ein gedeihliches sein möge.

Der englische Botschafter in Berlin Lord d ' A b e r n o n ist in Baden-Baden angekommen und hat im Sanatorium-Dr. Denglet Wohnung ge­nommen.

Aus aller Welt.

Der 100. Geburtstag Friedrich garnckes.

Heute vor 100 Jahren wurde im Pfarrhaus des Dorfes Zahrenstors bei Brüel in Mecklen­burg-Schwerin Friedrich Zarncke geboren. Er hat sich besonders durch die Begründung des Literarischen Centralblattes" und seine bedeu­tenden germanistischen Siudien über Brants Rarrenschisf" und dasRibelungenlied", sowie seine philologischen Arbeiten über Christian V-euter und Goethe einen 21 amen gemacht. Wir werden Gelegenheit haben, unseren Lesern in Kürze einen Abriß seines Lebens und Wirkens vorzulegen.

Der Zeppelin als Nordpolbesieger.

Berlin, 6. Juli. (Wolff.) Amundsen hat einem Berliner Journalisten ein Interview ge­währt, in dem er u. a. sagte: Ich glaube

nicht, daß man mit dem Flugzeug den Rordpvl erreichen kann. Es gibt keine Landungsplätze da oben, die für Flugzeuge ge­eignet wären. Ich glaube aber fest, daß ein Zeppelin es schaffen kann, weil er auf dem Eis niedergehen kann und nicht mit seinem Ge­wicht einsinkt wie eine Maschine, die schwerer ist als Luft. Der Plan Dr. Eckeners ist ein ganz großer Gedanke. Er sollte und er muh verwirklicht werden. Ellsworth, der zweite Führer des Polflugzeuges, fügte hinzu: Ich bin jederzeit bereit, wieder mit hinauszugehen. Ich teile vollkommen die Anschauungen Amund- sens über Eckeners Pläne.

Ein Erdbeben.

Wie die Technische Hochschule in Karlsruhe mitteilt, registrierten die Seismographen am Montag ein ziemlich starkes Erdbeben. Die ersten Wellen trafen um 1 Uhr 19 Minuten mitteleuropäischer Zeit ein. Der größte Aus­schlag erfolgte um 1.25 Uhr. Der Erdbebenherd liegt in Europa in einer Entfernung von etwa 1700 Kilometern.

Das Bostoner Linsturzunglück.

Aus den Trümmern des zusammengestürzten P i ck- wick-Klubgebäudes sind bis jetzt 41 Lei­chen geborgen worden. Hierunter befand sich auch ein Polizeiinspektor, der in dem Klub anscheinend nach polizeilich gesuchten Personen gefahndet hatte. 200 Rettungsmannschaften setzen die Suche nach weiteren Verunglückten fort.

Tödlicher Grubenunfall.

Ein schwerer Unfall hat sich in Kunststein in einem Schlackenbetrieb der Dortmunder Union ereignet. Drei Leute waren zu Beginn der Morgenschicht damit beschäftigt, einen großen Hohl­raum in den Schlackenberg zu treiben, als die Schlacken plötzlich nachgaben und die drei Ar­beiter unter sich begruben. Der Arbeiter Kotzki wurde durch die stürmenden Schlackenblöcke erschla­gen, der Arbeiter Mässa erlitt schwere Schädelver­letzungen, während der dritte Arbeiter mit leich­teren Verletzungen davonkam.

Siedlungshäuser an Stelle von Jahrtausendfeiern.

Das Stadtverordnetenkollegium von Kal­denkirchen (Riederrhein) beschloß, anstelle einer I a hr t a u se n d s ei er zehn Eigen­heime für kinderreiche Familien zu schaffen und Jahrtausendsiedlung" zu nennen. Den Beziehern der Häuser soll seitens der Stadt für den Zin- fendienft ein weitgehender Zuschuß gewährt werden.

Mordversuch am schlafenden Bruder.

Am Sonntag früh meldete sich der 17 Jahre alle Arbeiter Friedrich Zielte bei der Berliner Polizei und gab an, seinen B r u de r e r m o r d et zu haben. Als die Polizei in die Wohnung Zielkes eilte, fand sie in dem gemeinsamen Schlafzimmer den 19 Jahre alten Paul Zielte mit nur noch schwachen Lebens­zeichen blutüberströmtimBette liegend vor. Es stellte sich heraus, daß der jüngere dem älteren Bruder, mit dem er am Abend vorher einen Streit gehabt hatte, in der Nacht drei wuchtige Beil- hiebe mit der scharfen Schneide auf den Kopf ver­setzt hatte. 2)er*iäter hatte geglaubt, seinen Bruder getötet zu haben. Der schwerverletzte Paul Zielte wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er in bedenk­lichem Zustand barnieterliegt.

Den Sohn erstochen.

In Jmsheim bei Landau wollte der Tag­löhner Jakob Sattel seinem 14 Jahre alten Sohn den Lohn äbnehmen, um das Geld zu vertrinken. Der hinzukommende ältere verhei­ratete Sohn erhielt von seinem Vater beim Ab­wehren vier schwere Messerstiche, woran der Verletzte nach seiner Einlieferung in das hiesige Krankenhaus verstarb. Die Polizei hat den Täter verhaftet.

Hochschulnachrichten.

Professor Lummer f.

Der Breslauer Universitätsprvfessor Dr. Phil. Otto Lummer ist plötzlich an einem Herzschlag gestorben.

Kronprinz Rupprecht Dr. phil. h. c.

Die philosophische Fakultät der Universität E r- langen hat dem ehemaligen Kronprinzen Rup­precht von Bayern, der bei den Jubiläums­feierlichkeiten des ehemaligen 19. bayerischen In­fanterieregiments in Erlangen weilte, die Würde eines Doktors der Philosophie honoris causa verliehen. Desgleichen hat die Universität Erlangen den Generälen der Infanterie Hermann v. Francois in Berlin und Paul Ritter von H e u ß l, München in Würdigung der hervorragen­den Führung bei den ruhmvollen Kämpfen in Ga­lizien die Würde eines Dr. phil. honoris causa ver­liehen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 7. Juli 1925.

Ein Schwindler.

3n verschiedenen Ortschaften der näheren Um­gebung Gießens wird feit einigen Tagen einHaus­und Familienkalender" zum Preise von 75 Pf. an­geboten. Der Agent hat sich wiederholt als Ver­treter des Gießener Anzeigers ausgegeben. Wir machen unsere Leser und Zweigstelleninhaber aus­drücklich darauf aufmerksam, daß der Gießener An- zeiger mit diesem Unternehmen nichts zu tun hat.

Der Sonntag

als letzter Kündigungstag.

Das Gewerbegericht in Plauen hat eine Entscheidung über die Frage getroffen, ob, wenn der letzte Kündigungstag auf einen Sonntag fällt, noch am darauffolgenden Werk­tage rechtswirksam gekündigt werden kann. Das Bürgerliche Gesetzbuch bestimmt im § 193, daß, wenn eine Willenserklärung an einem bestimmten Tag oder innerhalb einer Frist abzugeben ist, die Abgabe dieser Willenser­klärung am nächstfolgenden Werktage erfol­gen kann, falls der bestimmte Tag oder der letzte Tag der Frist auf einen Sonntag fällt. Für die Kündigungsfrist für Angestellte nach dem Handelsgesetzbuch und nach der Gewerbe­ordnung kann dieser Paragraph jedoch bei der Kündigung der unter diese Bestimmung fal­lenden Angestellten nicht gelten. Für diese Angestellten schreibt das Gesetz vor, daß sie

rechtswirksam gekündigt werden tr.t. rJt einer Frist von 6 Wochen vor dem Gc/uhc des Vierteljahres, oder, falls es vereinbar! i.'t, von einem Monat, d. h. selbstverständlich, '---ätz zwischen dem Tag der Kündigung und t - ai letzten Tag des Dienstverhältnisses eine Frist von 6 Wochen gleich 42 Tagen bzw. von einem Monat liegen muß. Diese Bestimmungen kön­nen nicht anders ausgelegt werden, denn sie sind zwingender Natur. Die weitverbreitete 'Annahme, daß die Kündigung nur an einem bestimmten Tage ausgesprochen werden kann, ist irrig, denn die Kündigung kann bis zu dem Tage ausgesprochen werden, hinter welchem noch eine Frist von 42 Tagen bis zum Vier­teljahrsschluß bzw. von einem Monat liegt. Für die Kündigung ist also kein bestimmter Tag im Sinne des 8 193 BGB. vorgeschrie­ben, noch ist eine bestimmte Frist, innerhalb welcher die Kündigung erfolgen muß, gesetzt. Wer also eine Kündigung aussprechen will, ist gehalten, die 42tägige bzw. monatliche Kündigungsfrist zu wahren. In diesem Sinne hat das Gewerbegericht in Plauen entschieden. Wir möchten noch einmal besonders auf diese Entscheidung verweisen, da sich aus den fal­schen Auffassungen in der gekennzeichneten Richtung zahlreiche Streitigkeiten ergeben.

Eins ist allerdings zu beachten: Falls der Arbeitgeber eine Kündigung untex Verletzung der gesetzlichen oder vertragsmäßigen Frist ausspricht, muß der Angestellte unverzüglich, d. h. sobald es nur immer möglich ist, Widerspruch gegen die Kündigung erheben. Unterlassung dieses Widerspruchs gilt nach der herrschenden Anschauung als Einverständnis mit der erfolgten Kündigung.

Ein Wiedersehen.

Es war gestern nachmittag so gegen fünf Uhr. Auf dem Seltersweg stand ein alter Offizier selbstverständlich alter 116er und unterhielt sich mit einem jüngeren Manne. Der alte Herr, so fest im Verstände wie ein Fünf­ziger. ungebeugt von der Fülle der Jahre, die prächtige Erscheinung wie einst.

Reben den beiden bleibt einer stehen, gau- nahe. Einer vom Lande, mit weichem, niedrigem Filzhut, blauen Augen und Brauen darüber, so stark wie der Schnurrbart eines Zwanzigjährig gen--. Der Mann vom Lande ist Wohl noch

einen halben Kops größer als der alte Offizier. Aber wie dieser auch ungebeugt. Seinen kräftigen vier eckten Kops umrahmt ein gestutzter grauer Vollbart. Lang wallt der des andern auf die Brust.

Und wie der oberhessische Landmann selbstverständlich ist er ein Ober Hesse den andern eine Weile angesehen hat, tritt er auf den alten Offizier zu und spricht:

Entschuldige Se, sein Sie vielleicht der Herr General X?

Dieser zögert c ne Weile mit der Bejahung.

Darum der Dritte, um dem freundlichen Frager aus der Verlegenheit zu helfen:Jawohl, lieber Mann, das ist der Herr General T."

Darauf der Frager:Ach, das freut mich aber, Herr General, daß ich Sie emal wiederseh! Mir hawwe uns gewiß itotoer fürtzig Jahr net geseh'. Ach, das freut mich aber doch, wie gut Sie in Ihrer Statur noch aussehe, wie a&Ib fimt- Sie bann jetzt?"

Daraus der Angesprochene.Ich bin jetzt zweiundachtzig! Aber woher kennen Sie mich denn, wie heißen Sie denn und wie alt sind Sie?"

Ach, ich hab doch in Ihne Ihrer Kombanie gestände, Herr General, unn Sie toarn felligmai mei* Otoerleutnant. Ich sein etzend 77 ahlb unn wohn in Rieber-O.... unn schreib mich P."

Ja, Herr P.," Sie dürfen es mir nicht übel nehmen, wenn ich Sie nicht wieder erkannt habe. Wir hatten doch immer 150 Leute in der Kompagnie, da habe ich etliche Tausend kennen gelernt, und dann kennt man manches Gesicht nach so langen Jahren boch nicht wieder."

ÄH, das macht gar nix, Herr General, die Hauptfach iS, daß ich Sie noch wieder erkannt hab. Cs sein doch jetzt scho weit iwwer fuffzig Jahr her, wie ich zu Ihne in Ihr Kombanie komme fei. Das warn noch scheene Zeide. Wahr- hafdigen Gott. Awwer wie Sie sich gehahle hawwe, Herr General, das macht Ihne fanec nach. Ze erfchd haw ich gebachd: Js er'sch oder is er'sch net. Unn wie ich gefragt hab, da toarn Se's wahrhafdig boch!"

Es hat mich auch sehr gefreut, Sie einmal wieder zu sehen!"

Da streckt der 77jährige seinem einstigen alten Oberleutnant zum Äbschied die Hand ent­gegen und sagt:Ich muß fort, mei Zug geht bahld. Rix for ungut. Dleiwe Sie nor schee gesund. Sie glauwe net, wie michs gefreut hat, Sie emal wieder ze sehe. Lewe Se recht wohl, Herr Ezellenz!"

Gießener Wochenmarktpreife.

am 7. Juli 1925 (Hänblerpreise).

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 2 Mk., Matte 40, Käse 65, Wirsing 35, Weißkraut 35, gelbe Rüben 20, rote Rüben 20, Römischkohl 15, Dohnen 35 bis 70, Erbsen 30. Mischgemüse 20 Pf., Tomaten 1 bis 1,50 Mk., Zwiebeln 20, Rhabarber 20, Kartoffeln, alte 6, neue 13 Pf., Aepsel 1,20 Mk., Kirschen 80, Heidel­beeren 50 bis 60, Stachelbeeren 40, Johannis­beeren 30 bis 40 Pf., Erdbeeren 1,20 Mk., Him­beeren 70 bis 80 Pf. per Pfund; Eier 13 bis 14, Blumenkohl 50 bis 130, Salat 4 bis 15, Salat­gurken 60 bis 30, Einmachgurken 10 bis 15, Ober- Kohlrabi 12 bis 15, Rettich 20 Pf. das Stück, Radieschen 15 Pf. das Bund.

JeLtervoraussage.

Fortdauer der herrschenden Witterung.

Eine Tiefdruckwelle zieht sich von Island über Skandinavien nach Rußland Hinern. Im ©üdtoeften liegt heute ein kräftiges Hochdruck­gebiet, das mit seinen Ausläufern bereits Mittel­deutschland berührt. Rach Süden vorstohende Ausläufer des Fallgebietes können vorübergehend leichte Riederschläge und Gewitterstörungen be­wirken.

Bornotizert.

Tageskalender für Dienstag. Astoria-Lichtspiele:Große Lustspiel-Woche".

Deutsche Volkspartei. Man schreibt uns: Die für Mittwoch, 8. ds. Mts., ein­berufene Mitgliederversammlung der Deutschen