Ausgabe 
5.12.1925
 
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Gründen einen ileberblid über die Privatappa- rate und die Herausgabe einer Ausführungsbe- boflimmung Vorbehalten. Diese Ausführungsbe- stimmung wird insbesondere das Verbot des Besitzes von Sendeapparaten enthal- tcn, ist aber noch nicht erschienen, vielmehr hat die Militärpolizeibehörde in neuerer Zeit noch Empfangsapparate bei Privatleuten in Bonn und Siegburg beschlagnahmen lassen. Man wird die baldige Bekanntgabe der Ausführungsbestim­mungen erwarten können, damit die endgültige Zulassung der von der Rheinlandkommission be­reits grundsätzlich sestgelegte Erleichterungen im Radioverkehr der Bevölkerung des gesamten be­setzten Gebietes einheitlich ermöglicht wird.

VervemokratischeReichrparteltag

Breslau. 4. Dez. (Sil.) Der 7. ordentliche Reichspart ntag der demokratischen Partei wurde am Freitaq vormittag mit einer Sitzung deS Parteiausschusses eingeleitet. Der Parteivor- fihend?. Aeichsministec a. D. Koch gab einen ausführlichen Bericht über die gegenwärtige Lage. Er nahm in dir sem Zusammenhang auch Stellung zu den Angriffen, die in letzter Zeit gegen den Aiichswehrministec Dr. Gehler gerichtet wor- den sind. Er behandelte ferner die Mißstände, die sich in der preußischen Justizverwaltung und im preußischen Kultusministerium gezeigt haben und erört rte dann den Fall von Schillings. Zum Schluß betonte er mit größtem Nachdruck, daß die große Koalition heute die einzig mögliche Grundlage einer Regierungsbildung in Reich sein könne.

Als erster Referent sprach dann

Staatspräsident a.D. Hellpach überGeistesfreiheit und Christentum in ihrem Verhältnis zum germanischen Volkstum und zum demokratischen Staat. Entgegen allen völkischen Theorien, so erklärte der Redner, sind wesentliche El mente der demokratischen Staatlichkeit auch Wesentliche Clemente des germanischen Wesens. Im innersten sei nicht die Demokratie, sondern vielmehr dos Erbfürstentum eine grenzartige, gänzliche ungermanische Einrichtung. Der Weg der reinen Freiheit führe über den Liberalismus zur Aristokratie. In jedem Element müsse der Gedanke des persönlichen Derant- wortungsbewußtseins leitend sein. Die Demokratie Hobe die Aufgabe, in unserem Land der Glaubensspaltung im Protestantismus sein demokratisches Ethos wieder zum Bewußtsein zu bringen, im Kalholi-.ismus jenes immer noch mögliche Maß von freier Selbstbestimmung im Bewußtsein zu erhalten. Dann referierte

Oberlehrer ®. Wolff, Berlin, überDie Volksschule in der demokratischen Kul­turpolitik". Der Vortragende erklärte, daß unser Reich in seiner Verfassung und in seiner gesamten Art auf eine zielbewußte Kulturpolitik verzichtet habe. Der demokratische Staat müsse eine andere kulturpolitische Einstellung haben. Die Grundschule sei der tragende Unter­bau unseres Einheitsschulgebäudes. Sie sei für alle Kinder die gemeinsame Schule und biene einer sozialen, wie einer pädagogischen Idee. Gegen die systematische Bekämpfung der Grund­schule und ihrer Idee, gegen die unaufhörliche Beunruhigung ihrer Arbeit werde die demokra­tische Partei ihre Pflicht tun. Der zweite leitende Gedanke sei der Grundsatz der Simulta ni tat. Die Gemeinschaftsschule sei auch für unsere höhere Schule seit langem die Rormalform. Deutschland stehe vor einer entscheidenden Wendung seiner Schulgeschichte. DaS Ergebnis unserer bisherigen Schulentwickelung sei ihre allmähliche Loslösung t aus den Armen der Kirche und die fortschreitende Verstaatlichung und Verweltlichung des Dil- * dungswescns. Grundfalsch fei es, die Lehrerbil- v düng konfessionell und weltanschaulich zu organi­sieren. Den ehemaligen Dolksschülern dürfe der Eintritt in weitere führende Derufsbahnen nicht versperrt werden. äleber weibliche Dil- bungsfragen sprach hierauf Frau Emmy Beckmann - Hamburg. Die Verhandlungen wurden dann auf Samstag vertagt.

Das deutsche Eigentum in Amerika.

Die Vereinigten Staaten sind im Begriff, ein von ihnen dem deutschen Volke zugefügtes schwe­res Anrecht wieder einigermaßen gutzumachen, sie wollen das in Amerika beschlagnahmte deut­sche Privateigentum zurückgeben. Don einer bedingungslosen Rückgabe ist aber in den Wa­shingtoner Kabelmeldunoen keine Rede, die Ame­rikaner denken sich vielmehr die Dinge so, daß sie das einen Wert von etwa eineinhalb Milli­arden Geldmark repräsentierende deutsche Ver­mögen ihren Besitzern wieder zurVer-

Gießener Stadttheater.

Wiener Blut.

Operette in 3 Akten von Viktor Leon und Leo Stein. Musik von Johann Strauß.

Für die Bühne bearbeitet von QL Müller.

Das Jube'jahr des 105. Geburtstages von Johann S.rauß, den Richard Wagner den Klassi­kern zurechnen konnte, hat allenthalben, nicht bloß in Alt-Oesterreich, Anlaß gegeben, sich des Meisters mit neuer, warmer Hingabe zu erinnern. Zu fast verschwundenen Reichen haben die Reu- einstudierungen Strauh'scher Operetten allerorten wie mit einem Zauberstab die Pforten geöffnet, zu denen, ach leider, die melodirlosen Schlager der Gegenwart den Weg zu versperren beflissen wa.en. Jetzt lieh man sich neu von der sieges­sicheren Rhythmik der Strauh'schen Weisen hin­reißen. von ihrer unübertrefflichen lieblichen Me­lodik berauschen, von ihrer feinen und sorg­fältigen orchest^a'en Instrumentation, die allein schon alle neueste Tanz- und Operettenmusik in den Schatten stellt, uneingeschränkte Bewunde­rung abnötigen.

Die unwiderstehliche Gewalt Strauh'scher Wusck zeigte sich dann auch gestern in dem dank» ba'ea Beisall, den die Wiedergabe der nach- ge aisenen OperetteWiener Blut" bei dem voll- be etzten Hause sand. Kein Wunder! Da sind die prickelnden Weifen an alten trauten Walzern, Polkas. Quadrillen und Galopps, die der Meister selbst kurz vor seinem Tode aus seinem früheren Schassen hervorgesucht hatte, um noch eine neue Ope ettenpartitur zu ammenzu'egen, eine Heiden­arbeit, der sich der Wiener Kapellmeister Adolf Müller zuerst als Helfer, bald darauf aber, nach dem Tode des Schöpfers, als Verwalter des Nachlasses, ohne die Strauh'sche Eigenart zu schädigen, mit Geschmack und raffiniertem tech-

f ü g u n g stellen können, dafür aber einen Fonds bilden, dem alle den Vereinigten Staa­ten zustehenden Reparationszahlungen zufließen, auch die dreißig Millionen Dollar, die sich aus Zinsen der deutschen Vermö­gen in den letzten Jahren angesammelt haben. Ebenso erhält dieser Fonds die aus dem Ver­kauf deutschen Besitzes erzielten fünfzig Mill. Dollar. Diese Summen sollen zur Befrie­digung der amerikanischen Gläubi­ger dienen. Soweit der rohe Umriß des vor­läufig zwischen den Vertretern des Reiches und denen der amerikanischen privaten Stellen unter

nischen Können unterzog, älnd da ist weiter das gar nicht üble Textbuch: eine artige Geschichte aus der Zeit des Wiener Kongresses mit ergötz­licher Durcheinanders irbeiung der Personen, mit Derkennu-", Verwechslung und W'.edererlennung von Gräfin, Tänzerin, Probiermamscll und mit noch vie.e.i netten Einfällen, alles verschuldet und entschuldigt durch das Wiener Blut.

Die Aufführung war gut. In sauberem Zu­sammenspiel erledigte das Orchester mit hinzu- gegebenem Klavier seine Ausgabe unter der Leitung des Kapellmeisters Neff; mit feiner Abtönung wurden die Melodien herausgearbei- tet. die Tempi variiert, die Klangstärken schat­tiert. Gleich trefflich war das, was die Bühne selbst bot. Die ganze vormärzliche Zeit ward leuenbig in der nicht versiegenden, immer aufs neue überraschenden Komik von Alois R e s n i, der den Premierminister von Reuh-Greiz-Schleiz spielte und sang. Der ihm unterstellte Gesandte in Wien, Graf Zulau, gefährlicher Don Juan, ward verkörpert von Heinz Steinbrecher, dessen geschmeidiger Tenor nebst seinem flotten Spiel ihm alle Sympathien sicherte. Seine Gat­tin war Anita Franz, die ein gewandtes Auf­treten der sicheren musikalischen Leistung ihrer schönen und gepflegten Stimmittel gesellte. Ihre Nebenbuhlerin, die fesche Tänzerin, gab Friedel Gierga, für die QtoIIe wie geschahen durch die anmutige Bewegung der schlanken und zier­lichen Gestalt, durch den edlen, glockenreinen und warmen Sopran, der alle Chromatik spie­lend bewältigte. Der dritten Geliebten, der Probiermamfell, gab Else Simon Gestalt, deren Musikalität trotz tleinerer Stimme doch zu voller Geltung kam und deren pulsierend-lebendiges Spiel als echtes Wiener Mädel immer aufs neue erfrischte. Ebenso gute Oesterreicher wie sie waren Paul W e st m e i e r als Kammerdiener, der seiner Gesangskunst obendrein den drastisch-

Deieiligung der Washingtoner Regierung zu- standegekommenen Abkommens, das aber im übri­gen noch durchaus unverbindlich ist. Eine Würdigung dieser Regelung läßt sich erst ermöglichen, wenn der deutsche^ amtliche Ver­treter, der sich schon auf der Rückreise befindet, wieder in Berlin eingetroffen ist. Daß es erst eines komplizierten Olbkommens bedarf, zeugt wahrlich nicht von amerikanischer Großzügigkeit, um so mehr als der größte Teil der deutschen Vermögen erst nachdem Kriegebeschlag- nahmt und außerdem seit sieben Jahren zwi­schen beiden Staaten wieder Friede herrscht.

sten Humor lieh, Karl S t a d i als köstlicher Karusellbesitzer und Albert Ganzer als ehrlich- entrüsteter grober Kutscher. Franz Kugler re­präsentierte würdig in der Rolle des Grafen Bitowski. Mit Anerkennung sei ferner noch der kleineren Leistungen in den Rollen der Komtessen und der Wäschermädel sowie der Be­dienten Erwähnung getan.

Die Spielleitung Paul Westmeiers schuf Lobenswertes in dem szenischen Arrangement, namentlich in der Verteilung und Verwendung von Chor und Statisterie im letzten Akt; dieser bot mit seinem stilisierten Laubengarten auch das schönste Bühnenbild des Abends, dessen de­korative Ausstattung in Karl Löfflers Hän­den lag; während die Bilder der beiden ersten Akte zwar nichts vermissen ließen, aber doch stark konventionell waren, und erhöht wurde des letztes Aktes Reiz durch die Zartheit der von Ludwig Keim geschaffenen Beleuchtung mit ihren allmählichen, kaum spürbaren äleber- gängen.g.

Die deutschen Kollegs an der Pariser Sorbonne.

(Don unserem Pariser XVo.-Korrespondenten.)

Die Zahl der an der Pariser Universität im letzten Sommersemester immatrikulierten Stu­denten betrug 22 063, und zwar 18 804 Fran­zosen und 3264 Ausländer. In der juristischen Fakultät waren allein 9030 Studenten immatri­kuliert (darunter 613 Frauen), in der medizini­schen 4971 (803), in der philosophischen 7164 (2193) und in der pharmazeutischen 903 (317). Die Zahl sämtlicher Lehrpersonen (einschließlich Lek­toren usw.) an der Sorbonne und den ihr ange- schlossenen Lehranstalten und Institute beträgt gegenwärtig nicht weniger als 595. Damit ist Paris bei weitem die größte Universität Europas.

Frankreich lehnt es grundsätzlich ab, irgend­eine vertragsmäßige Bindung hinsichtlich der ab­soluten Höhe der Zolltarife während der Qkr- tragsdauer einzugehsn. Dieser Grundsatz macht es geradezu unmöglich, daß wir für unser festes Tarifangebot ein dolles Aequivalent erhalten, wobei noch erschwerend hinzukommt, daß Frank­reich, wie schon jetzt feststeht, sein Zollniveau tatsächlich wesentlich erhöhen will. Neue und schwierige Probleme sind für ganz Europa da­durch aufgeworfen worden, daß England in jüngster Zeit sich anschickt, zum Schutzzoll- system überzugehen, das in besonderem Maße für den deutschen Ausfuhrhandel die cm- stesten Nachteile mit sich 6ringt Der Uebergang Englands zum Schutzzollsystem ist, wie ich glaube, das wichtig st e Ereignis, das die euro­päische Handelspolitik der Nachkriegszeit aufzu­weisen hat.

Der Handelsvertrag mit Rußland stellt einen neuartigen Versuch dar, die Schwierigkeiten zu überbrücken, die sich aus der völligen Qkr- schiedenheit des europäischen und des russischen Außenhandelssystems ergeben. So groß £ie Be­deutung der Handelsvertragspolitiklfür die wei­tere Entwicklung der Weltwirtschaff"und des Kräfteverhältnisses der nationalen Wirtschaften untereinander ist, so darf man doch eines nicht vergessen: Auch das beste Zoll- und Handels­system bietet im Grunde nur den äußeren Rah­men, der von den Nationen mit ihrer lebendigen Energie gefüllt werden muß.

England und Rußland.

Berlin, 4. Dez. Wie dieDossische Zeitung" meldet, soll B r ia n d sich in London nach eingehend der Rücksprache mit Chamberlain bereit erklärt haben, nach vorhergehendem Einverständnis Tschi­tscherins als versöhnender Vermittler zwi­schen England und Rußland aufzutreten. Unter der Voraussetzung eines günstigen Verlaufes dieser Verhandlung ist eine Zusammenkunft zwischen Chamberlain und Tschitsche­rin für die Woche zwischen Weihnachten und Neu­jahr m Venedig vorgesehen.

Mussolini und der Vatikan.

Berlin, 4. Dez. (Abendblätter.) Wie aus Rom gemeldet wird, erwägt die Regierung den Gedanken einer praktischen Aussöhnung mit der Kuri e. Es wäre keineswegs ein Wunder, wenn Mussolini schon in allernächster Zeit mit einer ent- sprechenden Verordnung hervortrete,die ihm die Sympathien aller Katholiken der Welt bringen würde". Natürlich dürste es sich bei der Erfüllung der päpstlichen Souveränitätswünsche nur um die Forderung unpolitischer, nicht territorialer Garantien handeln, während noch unter Papst Leo von der Kurie territoriale Sicherheit verlangt wurde. Man weist übrigens auch auf den Ausspruch des Kardinals Gasparri hin, das Papsttum erwarte die Lösung der römischen Frage nicht mehr von einer fremden Intervention, sondern nur von einem freiwilligen Akte der italienischen Regierung.

Das Programm der neuen Regierung in Spanien.

Madrid, 4. Dez. (Wolff.) Minifterpräsi- deut Primo de Rivera erklärte Presfever- tretern. daß nach (Vereidigung der neuen Minister das Ministerium eine offizielle Erklärung ver­öffentlichen werde, nach der die Regierung die Verfassung zwar für unantastbar ansehe, daß sie aber vorläufig weiter außer Kraft bleibe. Cs werde der Posten eines Vizeprä­sidenten geschaffen; die früheren älnterstaats- selretäre und Privatsekretäre der Minister wurden abgeschafst. Die Regierung werde die Politik der letzten 5 Jahre vor dem Regierungsantritt des Direktoriums sorgfältig prüfen, um eine energische Bestrafung aller strafbaren Hand­lungen zu erwirken. Die Zensur der Tele­graphie und der Presse werde weiter streng durchgeführt. Das politische Versammlungs- rccht bleibe beschränkt. Die Regierung bereite auf Grund der Steuerreform einen neuen ausgegli­chenen Haushaltungsplan vor, um den Kredit im In- und Ausland zu festigen. Primv de Rivera betonte den ungewohnt ruhigen Ver­lauf des Regierungswechsels.

Kleine politische Nachrichten.

Der Rat für Arbeit und Verteidigung be­schloß, die Einwanderung von auslän­dischen OlecAten und Ingenieuren nach Rußland ab 1. Januar 1926 zu ver­bieten, da kein Bedarf an diesen Fachmän­nern. sowie auch keine Arbeitsmöglichkeiten für diese Berufe bestehen. In seltenen Fällen sind jedoch Ausnahmen erlaubt. Das Landwirtschafts- kommissariat beabsichtigt auch die Einwanderung

Vier Professoren dozieren deutsche Sprache, Lite­ratur und Geschichte. Rouge liest zwei StoIIegd, das erste über Schleiermacher, das zweite über Syntax der deutschen Namen. Lichtenberger veranstaltet praktische Hebungen und lieft außer­dem in seinen beiden Kollegs über den jungen Goethe und den deutschen Minnegesang und Walther von der Vogelweide. A u d l e r liest über politische Ideen in Deutschland im 19. Jahr­hundert, über Dramaturgie Lessings und Schil­lers, sowie über die Dichtungen Hölderlings und Mörickes. Eisen mann endlich liest über .Zen­traleuropa".

älebrigens wird auch an den übrigen französischen älniver.itaten im laufenden Semester deutsch wieder in verstärktem Maße gelehrt, ganz besonders an den älniversitäten Straßburg, Nancy und Grenoble. Don den 17 französischen Uni- versitäten ist Paris nicht nur die größte, son­dern auch die älteste; sie wurde im Jahre 1200 gegründet. Aus dem 13. Jahrhundert stam­men ferner die Uni versitäten Besannen, Montpellier und Toulouse. Grenoble wurde 1339 gegründet. Aus dem 15. Jahrhundert stammen Ais-en-Provence, Bordeaux, Caen und Poitiers. Im 19. Jahrhundert wurden gegründet Alger, Clermond- Ferrand , Lyon und Rennes. An den 17 ilniücrfitälen Frankreichs sind gegenwärtig ins­gesamt rund 50 000 Studenten immatrikuliert. Der Abstand zw'scheu Paris und den übrigen ilni- versitäten ist also rieiig. Die zweitgrößte Uni» versität Frankreichs ist Lyon mit 3400 Stu­dierenden. Selbst in Straßburg sind gegen­wärtig nur 2500 Studenten immatrikuliert. Die kleinsten älniversitäten sind Clermond-Fer- rand mit nur 467 und Desan^on mit sogar nur 266 Studenten, letztere hat nur drei, Gier» mond-Feia and nur zwei Fakultäten.

Die deutsche Außenhandelspolitik.

Staatssekretär Dr. Trendelenburg über die Wirtschaftslage.

Hamburg, 4. Dez. (WTB.) In der Ham­burger Börse sprach Staatssekretär Dr. Trendelen- burg über die deutsche Außenhandelspolitik. Er führte u. 2. folgendes aus: Revolutionen sind die großen Beschleuniger der Weltgeschichte und ge­rade in diesem Sinne war der Krieg eine Re­volution der Weltwirtschaft. Er hat die Eman­zipation der außereuropäischen Welt, die sich schon vor dem Kriege in dem schnellen Fortschreiien ihrer industriellen Produktion, na­mentlich in den Vereinigten Staaten von Ame­rika und in Japan kennzeichnete, in stärkstem Maße gefördert und zugleich der weltwirtschaft­lichen Hegemonie Europas einen Stotz gegeben, dessen Wirkung Euros a wohl niema.'s ganz über­winden wird. Vier Jahre hindurch Haien die Völker Europas einen erschöpfenden Kampf ge­führt, der sich in letztem Grunde um nichts an­deres als um ihren Anteil an der welt­wirtschaftlichen Hegemonie Europas drehte.

Sie haben ihre ganzen Kräfte und die letzten Reserven an Menschen und Material in diesem Kampfe erschöpft. Europa, das früher der Geld­geber und Gläubiger der außereuropäischen Welt war, ist jetzt in stärkstem Maße ihr Schuldner getoorben und muh weiterhin zur Fortführung feinet Wirtschaft Kredite von denen in Anspruch nehmen, die früher bei ihm ihre Anleihen bege­ben haben. Die Vereinigten Staaten erscheinen mit einem Guthaben von 61,1 Mil­liarden Goldmark als das stärkste Gläubigerland. Auf sie folgt England mit einem äleberschuh von 59,7 Milliarden; alle anderen Länder tocifen einen Lieberschub der Schulden aus, am stärk­sten das festländische Europa mit insgesamt 73,3 Milliarden Goldmark.

Diese Verschiebung der Kapitalmacht kann in ihren weltwirtschaftlichen Folgen nicht hoch ge­nug eingeschäht werden, beruhte doch das wirt­schaftliche Uebergcwicht Europas über der anßercuropäischen Welt vor dem Kriege mit in erster Linie auf dem Kapilalrelchtum Europas. Andere ziffernmäßige vergleiche zwischen der Vorkriegszeit und jetzt beweisen ebenso klar, daß Europa nicht mehr das wirtschaflllche Herz der Welt ist.

Von der Gesamttonnage der Welt befaß England 1913 44,4 Proz., 1925 32,8 Proz., Deutsch­land 1913 12,0 Proz., 1925 5,1 Proz., andererseits aber die Vereinigten Staaten 1913 4,3 Pro­zent, 1925 19,7 Proz., Japan 1913 3,9 Proz., 1925, 6,4 Prozent.

Die eigene Rohstoffbasis Europas ist jetzt stark eingeengt. Die europäische Rohstosfproduktion betrug im Jahre 1923 und 1924 nur je 84 Prozent der Produktion vor 1913, während Amerika an Rohstoffen 1923 123 Proz. und 1924 111 Prozent der Vorkriegsproguktion erreichte. Auch die anderen außereuropäischen Weltteile weisen eine erhöhte Rohstoffproduktion auf. Lediglich Europa ist weit hinter seiner Friedensproduktion an Rohstoffen zurückgeblieben. Zugleich ist Europa in der Fer - t i g i n b u ft r i e erheblich geschwächt. Die außer­europäische koloniale Welt, die Rohstoffe und Le­bensrnittel nach Europa lieferte und Fertigwaren empfing, hat in ihrem wirtschaftlichen Emanzipa- tionsprozeß schnelle Fortschritte gemacht.

Der Weltkrieg hat oie Industrialisie­rung der außereuropäischen Welt mächtig gefördert und damit die Absatzbasis für die europäischen Jndustriewaren stark beengt. Die ganze Macht dieser Emanzipation der außer­europäischen Länder wird deutlich, wenn man sich für die letzte Jah-rzeit die wirtschaftliche Ent­wicklung in den Vereinigten Staaten, im engli­schen Weltreich und in Deutschland kurz vor Augen hält. Als ein auf fast allen Gebieten sich selbst genügendes Land türmt Amerika seinen Reichtum in stolzer Abgeschlossenheit von der übrigen Welt hinter schier unühersteigbaren Zoll­mauern im eigenen Lande empor. Der QUrteil Amerikas an dem gesamten Außenhandel der

Welt ist von 13,5 Proz. im Jahre 1913 auf 17,9 Proz. rm Jahre 1924 angestiegen.

Das englische Weltreich spiegelt in seiner inneren Entwicklung alles das wieder, was sich wirtschaftlich zwischen Europa und der außereuropäischen Welt abspielt. Hier seheL wir die Stärke des Emanzipationsprosesses irTfreit- hin erkennbaren Tatsachen. Wir sehen die völ­lige wirtschaftspolitische Umorientierung Englands, dieses klassischen Landes des Frei­handels in der Dichtung des Hochschuhzol- les für das Mutterland und eines Systems der Preferenzierung zwischen dem Mutterlande und den zollpolitisch selbständigen Kolonien, und schließlich Deutschland, ganz das lei­dende Objekt jahrelanger Gewaltpolitik und verständnislosester Ausquetschung!

Während das alte Deutschalnd 13,5 Proz. der Gesamtausfuhr der Welt bestritt, erreichte das ver­kleinerte und ausgezehrte neue Deutschland in den durch die Ruhrbesetzung allerdings ungünstigen Jahrn 1923 und 1924 nur wenig über sechts Pro­zent. Der Anteil der europäischen Staaten am Ge­samtausfuhrhandel betrug i mJahre 1913 61 Proz., 1924 nur noch 50,5 Proz., und dies alles, obwohl die Balkanisierung Europas für die statistische Technik bis zu einem gewissen Grade aus dem früheren Binnenhandel einen Außenhandelgemacht hat.

Kein Wunder, dah bei diesem wellwirlschast- lichen Niedergang Europas sich dieser Welk- teil seil dem Kriege in iner schweren chroni­schen Krise befindet Deren Erscheinungsformen je nach Landern . Zeilen wechseln, wäh- rungsnol, Kapitalmangel, Arbeilslosigkeil, so­ziale Kämpfe, inncrpolitifdje Unruhen und äu­ßere Konslikle, das sind Symptome dieser schlei­chenden Krise, von der fast kein europäisches Land, auch das am wenigsten geschädigte Eng­land, nicht verschont blieb.

In dieser gemeinsamen Bedrängnis haben die europäischen Staaten bisher in folgerichtiger Fortführung der Kriegseinstellung nach dem Grundsatz gehandelt, dah jeder sich selbst am nächsten ist. Durch scharfe Eingriffe in die Freizügigkeit der Waren, deS Geldes und der Menschen hat jedes Land versucht, sich ge­gen die Not der übrigen gewissermaßen abzu- kapseln. Diese fortschreitende Abschließung des einen von den anderen hat den zwischeneuro­päischen Handel empfindlich gestört, die Ra­tionalisierung und Bereinigung der europäischen Wirtschaft gehindert und die weltwirtschaftliche Geltung der europäischen Industrie empfind­lich geschwächt. Aber auch hier beginnen die unerbittlichen Tatsachen sich auszuwirken und die Schleier der europäischen Nachkriegs'rsychose zu zerreißen. Es ist unverkennbar, dah Europa beginnt, s ich a u f seine gemeinsamen Interessen zu besinnen und es wird wahrlich höchste Zeit, dah diese' Selbstbesinnung sich in allen Zweigen des wirtschaftlichen und politischen Leben Europas zu regen beginnt.

Die handelspolitische Lage Deutschlands

ist in der Nachkriegszeit sehr schwierig geworden, vor allem durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages, die uns für die ersten»fünf Jahre einfach handelsvertragsunfähig mach­ten. Bei den Verhandlungen, die seit dem 'Weg­fall dieser Beschränkung eingeleitet wurden, hat es sich als störend erw'esen, dah es angesichts der innerpolitischen Verhältnisse in Deutschland nicht rechtzeitig gelungen ist, das Niveau des deutschen Zolltarifs der neuen Lage und der von mir erwähnten Vergröberung der handelspolitischen Methoden anzupassen. Daß im Gegensatz zu den erfolglosen Verhandlungen mit Fran kreich der Abschluß mit England, Belgien und Italien gelungen ist, hängt sehr wesentlich damit zusammen, daß zwischen uns und diesen Ländern grundsätzliche Meinungsver­schiedenheiten über die Prinzipien des Handels­vertragssystems nicht bestehen.