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Franziska.

Roman von Liesbet Dill.

71. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Wie schade, dacht- Hasse, schade für sie und für den Mann, dem dieses entzückende Geschöpf entgehen wird, schade für ihre junge, zarte Schön­heit, die während der angestrengten Studienjahre verwelken wurde, nutzlos, ungenosscn. Er be­rauschte sich daran, ihr auszumalen, tote ihre reine Stirn entstellt sein würde von Denksurchen, ihr junger, rosiger Mund bl. verzerrt, ihr schlanker, stolzer Rücken mit dieser seinen Linie, die sein Kennerauge entzückte, gebeugt, ihre Au­gen von einer Drille verdeckt.

Selbst die Drill.' würde inich -acht schrecken , sagte Elisab th, uird >ie sah ihn lächelnd an. Sie dachte offenbar nicht an den Mann, der neben ihr saß, sondern an ihre Zukunft, aber in ihm entzündete dieser Blick etwas, das in jedein Mann schlummert und das bei jeder schönen Frau erwacht.

Ich habe eine Ditte." sagte Elisabeth, .ich möchte einmal 3br Laboratorium sehen, Vater hat mir von Ihren Besuchen erzählt. Würden Sie mich einlassen?"

Gern. Wann kommen Sie? "

Wann ich darf."

Also morgen?"

3a, morgen. Um welche Zeit sind Sie dort?"

Um drei."

Gut. 3ch tomme"

Sie waren so vertieft, daß sie die Knall­bonbons unberühN ließen, die kandierten Früchte auf chrem Teller vergaßen und erst durch das allgemeine Stuhlrücken daran erinnert wurden, daß die Tafel aufgehoben und das Mahl zu Ende war. Der Kaffee wurde in dem reseda- grüne:! Spiegelsaal genommen, die Damen saßen in Gruppen um den weißen Perser, die kleinen Mokkatassen in der Hand, und bewunderten mit ihren Lorgnetten den köstlicheii Teppich Worth stand, die Hände in den Fracktaschen, dabei und erzählte die Geschichte, wie er auf einer Indienfahrt durch Zufall zu diesem

Perser gekommen toar. Hasse wollte nicht in diesen menschenüberfüllten Saal gehen, er küßte der Dame des Hauses die Hand und blieb in dem kleinen blauen Salon am Springbrunnen zurück. Seine Augen suchten Elisabeth. Sie kam, wie angezogen von seinem Blick. Er nahm ihr die Tasse aus der Hand, ihre Hände berührten sich leicht, und es durchschauerte sie beide Er sah und fühlte es, sie schwiegen, und es kam jene leichte Verlegenheit über dis junge Mädchen, die sie wie ein Schleier umgab. Der Rauch aus dem entfernten Herrenzimmer, das Stimmenge­murmel mischte sich in das leichte Geräusch, das aus dem angrenzenden Sveifesaal kam, wo die Diener die Tafeln abräumten.

Ich glaube, in Ihrem Innersten sind Sie doch noch nicht entschlossen, einen Beruf zu er­greifen". sagte er leise und sah sie dabn an. Sie atmete schwer, die Spitzen an ihrer Brust hoben und senkten sich.

Könnte es nicht fein, daß Sie eines Tages anderen Sinnes würden? Schütteln Eie nicht den Kopf." Und er versuchte ihr den Zukunfts- plan auszureden, lächelnd, während er mit einer Rose, die er aus dem Spnngbrunnenbukttt ge­nommen. spielte, mit jenem halblauten, einschmei­chelnden Ton, in welchem man Frauen überredet. Sie hörte ihm zu, halb abgewandt, den Blick ge­senkt, nachdenklich und beunruhigt, während sie sich das kühle Wasser über die rechte Hand rieseln ließ. Sie hörte mehr aus seinen Worten heraus. Er schien zu fragen: ja oder nein? Es war. als widerstrebe sie, und dennoch wußte er, daß sie überwunden war und besiegt. Sie reichte ihm die Hand. Er nahm diese feine, zarte Hand und zog sie an seine Lippen. Sie sah ihn an mit einem Blick, mit dem sich Frauen hingeben.

Elisabeth kam etwas vor drei Uhr. Sie sand die weiße Tür schon offen, doch Hasse war noch nicht da. Sie betrachtete diese mit Linoleum bespannten Tische mit den vielen fla­chen Glasschachteln, den Gl iscrn mit Aufschriften, den Gefäßen und die Tiere in den Ställen, die einen bestialischen Geruch ausströmten. Hier arbeitete er, sie drang in feine Welt ein, las die Aufschriften der langen und kurzen Glas­

röhren, welche mit Wattepfropfen zugestopft in den Brutofen standen, alles war weiß, sauber, hell und geordnet.

Früher, als noch ihr Vetter Worth hier wirtschaftete, war ihr dieser Raum wie eine finstere Druthöhle erschienen, überall lagen Zi­garrenstummel. unter dem Tisch streckte sich Worths Bernhardiner aus. jetzt hatte Hasse hier Ordnung geschaffen mit ein paar Eimern weißer Farbe und ein paar Meter Linoleum. Es war sein Geist, der hier durchdrang, scharf, klä­rend. Fast alle genialen und begabten Männer waren ordnungsliebend.

Plötzlich ging eine Tür, und Hasse stand vor ihr, den Hut in der Hand.Schon hier? Also die Pünktuchkeit selber?"

Ja, das ist eine unbegueme Eigenschaft von mir", sagte das Mädchen lächelnd und blieb an dem Tisch stehen.Was haben Sie dort unter dem Arm?"

Eine neue Arbeit", sagte Hasse.Ich arbeite zuweilen hier oben, es ist ruhiger hier als in meiner Wohnung, wo die Straßenbahn herüber- fährt." 'Meist arbeitete er nachts, weil dann die Straßen still waren.Aber man Tarrn nicht immer nachts arbeiten, nicht wahr?"

Sie setzten sich und plauderten in dem leich­ten Ton, den sie gestern begonnen, während sie beide wußten, daß dies nur eine Einleitung war. Zu was? Sie wußten es beide nicht. Elisabeth war eine Frau, die zuzühören verstand. Schon das ist viel wert, dachte Hasse. Sie ließ ihn einblicken in ihr Inneres, ihr Zuhause, ihr Fa­milienleben. De, ihrem Vater zeigte sich eine beginnende Herzkrankheit, er arbeitete zu viel, schon um sieben Uhr begannen seine Vorlesungen, um acht Uhr die Operationen, die Mahlzeiten nahm er unregelmäßig und flüchtig, fer hielt keine Mittagsruhe, und nach Tisch, um neun Uhr, faß er schon wieder bei den wissenschaftlichen Arbeit- Es war ächt möglich, daß er dies aufrei1 de Leben ge aushielt. Man sagte, cc ser ehrgeizig. Sie wußte es besser, er mußte für seine Familie arbeiten. Und deshalb wollte sie etwas lernen, studieren, um, im Fall ihr Vater einmal arbeitsunfähig würde, nicht aus fremde Hilfe angewiesen zu fein. Elisabeth stand vor ihm, die Hände in die graue weiche Chin­

chillajacke vergraben, Tränen standen ihr in den Augen, während sie leise und erregt sprach. Es war seltsam, daß sie diesen Raum und diese Stunde dazu wählte und Hasse zu ihrem Ver­trauten machte. Zu Worth würde sie niemals davon sprechen, mit keinem Menschen, nicht ein­mal ihrer Mutter hatte sie das alles gesagt, ihre Mutter lebte sorglos dahin, sie wich gern dem Unangenehmen aus.

Hasse fühlte sich besiegü Er war hierher- gekommen mit einem zwiespältigen Gefühl. Er empfand es als Unrecht gegen feinen Chef, daß ihn Elisabeth heimlich besuchte, er hatte den Laboratoriumsdiener zur Stadt geschickt, obwohl der Mann behauptete, gerade heute aufräumen zu müssen.Gehen Sie, gehen Sie!" hatte er gedrängt, und als ihn Goeckel auf der Treppe aufgehalten, hatte er sich losgemacht unter einem erdichteten Vorwand. Im geheimen hatte Hasse etwas anderes von dieser Stunde erhofft. Ein leiser Triumph, daß sie gekommen war. lebte in ihm. Run wurde es eine ernste Unterredung im Vertrauen. Elisabeth war im Grunde leiden­schaftlich, aber ihre Erziehung war j»ine so vor­treffliche. daß diese Leidenschaft die "Kruste der Erziehung nicht durchdrang. Er achtete das ihm geschenkte Vertrauen, er wollte sie dafür wie eine Heilige betrachten. Er zeigte ihr alles, erklärte. waS sie zu wissen wünschte, und nach einer Stunde gab er ihr das Geleit bis zur Tür. Sie verabschiedete sich rasch und''zog den Schleier Gesicht. Er zeigte ihr einen Ausgang, durch den nur der Diener ging, und sie benutzte den Weg durch diese Hinterpforte wie nach einem Stell­dichein.

In der Gesellschaft hatte man herausge­funden, daß Elisabeths Interesse sich dem ersten Assistenten ihres Vaters zuwandte, und so be­kam Hasse allmählich auf jeder Gesellschaft Eli­sabeth als Tischdame. Jedesmal, wenn er ihr den Arm bot, wurde sie bunfefröt Er fand, daß sich mit ihr angenehm plaudern ließe. Hier war alles, was er suchte, bereits vorhanden und eingepflanzt, sie gab keine Rätsel auf, aber sie quälte ihn auch nicht, es war eine Erquickung, sie anzusehen, und eine Wohltat, mit ihr zusammen sein. 1 'iffphuna tolqt.)

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