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Ur. 128 Erster Blatt

, 175. Jahrgang

Donnerstag, 4. Juni 1925

Erschein» täglich, aufeet Sontu und Feiertags

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GiebenerFamilienblätter Heimat im Bild.

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GietzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühl'fche Univerfitäts-Vuch- und 5teindruckerei R. Lange in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulftrahe 7.

Annahme von Lnzelaen für die Tagesnummer vi» zum Nachmittag vorher ohne jedeDerbindlichbett.

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Gras Posadowsky.

Graf Pofadowsky-Wehner, von dem wir erst zum Pfingstfest einen beherzigenswerten Mahnruf an fein Volk veröffentlichten, beging in diesen Tagen seinen achtzigsten Geburtstag. Seit fünf Jahren hat sich der greife Staatsmann fast ganz aus der Oeffentlichkeit zurückgezogen. Rur selten, hat er in dieser Zeit noch zur Seher ge­griffen, um aus dem reichen Schah seiner Erinne­rungen und Erfahrungen etwas beizutragen, was dem Daterlande zum Ruhen gereichen tonnte, liniere schnell lebende und vergessende Zeit hat daher nur selten einen besonderen äußeren An­last gehabt, die Erinnerung an die Wirksamkeit des Grafen Posadowsky festzuhalten. Und doch haben wir alle Ursache, mit Dankbarkeit dieses Wirkens zu gedenken. Der Lebensabschnitt, den er heute erreicht, sollte eine Gelegenheit fein, manche Versäumnis gutzumochen. Wir gedenken dieses Mannes als einer der besten und ver­dienstvollsten aus der jetzt so vielgeschmähten und doch an tüchtiger und erfolgreicher Arbeit so reichen Zeit Kaiser Wilhelms II.

Am 3. Juni 1845 zu Glogau geboren. erwies sich Arthur Gras v. Pofadowsky-Wehner schon in jüngeren Jahren als Staatsbeamter von be­sonderer politischer Begabung. Aach dem üblichen Vorbereitungsdienst des preußischen Derwal- tungsbeamten bewährte er sich seit 1873 als Landrat des Kreises Wongrowih und später des Kreises Kroeben. Vach einigen Jahren wurde er in das preustische Abgeordnetenhaus gewählt, wo er sich der freikonservativen Partei anschlost und bald in den Vordergrund trat. 3m 3ahre 1885 wurde er Landeshauptmann der Provinz Posen und verzichtete auf sein Ab- geordnetenmandat. Die acht 3ahre seines Wal­tens in dem genannten Amt standen noch lange nachher in gutem Andenken in der ganzen Pro­vinz. So überraschte es die Eingeweihten nicht, hast er im August 1893 aus seiner Stellung in ein hohes verantwortungsvolles Amt gerufen wurde. Er wurde Staatssekretär des Reichsschahamtes. Cs gelang ihm freilich nicht, das große Problem einer Reichsfinanz­reform zu lösen, doch war er eifrig darum be­müht und zeigte seine Gaben, Kenntnisse und Er­fahrungen in so glänzendem Licht, daß ihm 1897 nach dem Ausscheiden des Staatssekretärs von Bötticher aus dem Reichsamt des Innern dieses umfangreiche und bedeutsame Amt über­tragen wurde. Er rechtfertigte das ihm gezeigte Vertrauen vor allem durch eine fachliche Be­herrschung her in seinen Amtsbereich fallenden Materien, die ihm die allgemeine Anerkennung derer, die mit ihm arbeiten dursten, eintrugen.

Das Gebiet, auf dem er sich die größten Verdienste erwarb, war die Sozialpolitik. Die Verhältnisse lagen damals so, dast die Ge­gensätze zwischen den Sozialreformern und denen, die in allen Reformideen nur eine Ermunterung der Sozialdemokratie sahen, sich erheblich ver­schärft hatten. Gras Posadowsky fand den Weg, her für den Staat gegeben war. mit größter Sicherheit, indem er übet den gegebenen Verhält­nissen die sachlich berechtigten Forderungen der Sozialreform unbeirrt festhielt, ohne sich durch das politische Spiel der Parteien aus der Dahn drängen zu lassen. Immer blieb er über den Parteien.

Erst 1907 schied er aus dein Amt, da er sich nach d.'r ganzen Einstellung seines sozialpoliti­schen Wirkens nicht entschließen konnte, die schroffe Frontstellung des Fürsten Bülow gegen das Zentrum, bas die Pofadowlkysche Sozial­politik im wesentlichen unterstützt hatte, mit- zumachen. 2m Jahre 1912 wurde er in den Reichstag gewählt, wo er sich einer bestimm­ten Partei nicht mehr anschliesten mochte. Erst nach dem Zusammenbruch von 1918 beteiligte er sich wieder an der Gründung der Deutsch- nationalen Volkspartei, die sich jedoch nicht ganz nach feinem Sinne entwickelte. Das und die Last der Jahre bestimmten ihn, sich 1920 aus der politischen Tätigleit er war auch in die Rationalversammlung gewählt worden zurück- zuziehen. 'Wir wollen dem Deröienten Staats­mann wünschen, daß er noch viele 2ahre körper­licher und geistiger Rüstigkeit und darin das Wiederauferstehen des zu Boden getretenen Vaterlandes erlebt.

Die amtlichen Glückwünsche.

Berlin, 3. Juni. (Wolff.) Reichspräsi- denk von Hindenburg hat an den Grafen Posadowsky anläßlich seines 80. Geburtstages fol­gendes Telegramm gesandt: In herzlichem Gedenken sende ich Ew. Exzellenz meine aufrichtigsten Glück­wünsche zum heutigen Tage. Möge Ihnen noch manches Jahr in gewohnter geistiger und körper- licher Frische beschieden fein.

Der preuhische Ministerpräsident Braun sandte folgendes Telegramm: Zu Ihrem 80. Geburtstag sende ich Ihnen im Namen des preu­ßischen Staatsministeriums in Erinnerung an die wertvollen Dienste, die Sie dem preußischen Staate Jahre hindurch geleistet haben, herzlichste Glück­wünsche. Möge Ihnen noch eine Reihe schöner Lebensjahre beschieden sein. Braun, preußischer Mi­nisterpräsident.

Der Reichsarbeitsmini st er sandte fol­gendes Glückwunschtelegramm: Eurer Exzellenz be­ehre ich mich, zum 80. Geburtstage meine aufrichtig­sten Glückwünsche auszusprechen. Mit dem gesamten deutschen Volke gedenke, ich heute in aufrichtiger Dankbarkeit der weitausschauenden Füh­rung Eurer Exzellenz auf sozialpoli­tischem Gebiete. Möge es Ihnen beschieden fein, sich noch lange an dem reichen Segen zu erfreuen, der dem deutschen Volke aus Ihrem sozialen Wirken erwachsen ist. Reichsarbeitsminister Dr. Brauns.

Die Unruhen in China.

Der Kampf gegen die Fremden. Bolschewistische Umtriebe.

Aus China kommen seit mehreren Tagen recht verworrene Rachrichten, es ist nicht klar ersicht­lich, welche Kräfte am Werke sind, und ob es sich hier um ein Reuaufflammen des Bürger­krieges handelt. Tatsache ist ja. daß die Feinde von gestern sich nur äußerlich vertragen haben und es der Pekinger Regierung noch immer nicht gelungen ist, Ordnung und Ruhe zu schaffen. Das starke Hervortreten der Studenten und Arbeiter bei den jüngsten revolutionären Umtrieben in Shanghai gibt aber doch zu denken, da mit immer größerer Bestimmtheit behauptet wird, daß die Unruhen auf bolschewistischeMachen- schäften zurückzuführen find. Gerade die Studenten sollen restlos zum Bolschewismus über­getreten sein, sie haben jetzt anscheinend auf Be­fehl Moskaus die Parole »Tod den Frem­den" ausgegeben, die gerade deswegen besonders zugkräftig ist. weil ihr auch alle nationalen Elemente Folge lcisten werden. In Kanton scheint der Bolschewismus nach dem Tode Sun- V a t - s e n s, her mit Moskau auf das Engste zusammenarbeitete, die Macht vollends an sich gerissen zu Haden, seit Wochen ruht jeder Waren­verkehr nach Kanton, da sich die chinesischen Kauf­leute weigern, mit den Bolschewisten zu verkehren. Cs sieht jetzt so aus. als ob China umnittelbar vor einer großen Auseinandersetzung mit den bolschewistischen Gruppen innerhalb seiner Lan­desgrenzen steht.

Der Aufstand in Schanghai, zu dessen Riederschlagung zahlreiche europäische Truppen gelandet worden sind, ist plötzlich durch einen neuen Vorgang in den Hintergrund gedrängt worden, der sich diesmal in der Mands churei abspielt und in dessen Mittelpunkt der (Sieger im letzten Bürgerkrieg, General Tschang- t s o l i n steht. Russen und Japaner wollen hier eine Eisenbahn bauen, die Russen haben sich veranlaßt gesehen, auf die Entlassung zahlreicher nichtbolschewistischer chinesischer Eisenbahnangr- fieilten zu drängen. Dagegen hat sich die Pe­kinger Regierung gewehrt, di» jetzt die voll­kommene Unterstützung Tschangtsolins genießt, der umfangreiche Kriegsvorberri- tungen gegen Sowjet-Rußland trifft. Die Lage hat sich so zugespiht, daß sie einrm wüsten Chaos gleicht. Cs muß sich übrigens jetzt endlich auch einmal zeigen, welcher Art die seiner­zeit getroffenen Geheimabmachungen zwi­schen Rußland und Japan sind, da sich hier die erste Gelegenheit eines russisch-japanischen Zu- sammenarbeitens ergibt, es sei denn, daß hinter Tschangtsolin die Japaner stecken, um den Russen in der Mandschurei nach Möglichkeit Schwierigkeiten zu bereiten.

Die Lage in Schanghai.

Die Lage in Schanghai wird von Stunde zu Stunde ernster, die Streiks nehmen ständig zu. Die Streikbewegungen in Schanghai nehmen nach den letzten Meldungen weiter an Ausdehnung zu. Alle ausländischen Spinnereien sind nun­mehr in Mitleidenschaft gezogen, ebenso die Zei­tungen. Eine Menge von 3060 Aufrührern griff gestern die japanischen Eisenwerke an. Die Polizei feuerte, wobei einer der Angreifer getötet und fünf verwundet wurden. Die Angriffe auf einzelne Ausländer werden fortgesetzt. Straßenbahnwagen sind mit Steinen beworfen worden, wobei eine Frau verletzt worden ist. Bier Züge englische Matrosen und Seeleute sind gestern abend gelandet worden. Eine große An­zahl wird heute folgen.

3m Zentrum der Stadt fanden Zusammen­stöße statt, bei denen die Aufständischen zwei Tote und 75 Verwundete hatten. Bewaffnete Patrouil­len durchzogen gestern den westlichen Teil Schang­hais. Die Aufständischen haben in dem Vorort Chapi. der eine brauchbare Operationsbasis gegen die Riederlassungen bietet. Barrikaden errichtet. Der Mangel an Nahrungsmitteln macht sich bei den Chinesen mehr bemerkbar als bei den Ausländern, die durch Vorräte von Rah- rungsmitteln gedeckt sind.

Die Studenten nahezu sämtlicher Uni­versitäten und Hochschulen haben zum Zeichen des Protestes gegen die Haltung, die die Be­hörden in der Angelegenheit der Schanghaier Unruhen eingenommen haben, den Streik pro­klamiert. Für heute ist eine große Kund­gebung. verbünde:, mit einem Umzug. vorgesehen. Die Wachen der Gesandschaftsgebäude in Peking werden in Bereitschaft gehalten. Alle Eingänge zum Fremdenvieriel sind durch starke Posten besetzt. Die Studenten haben im "Verlauf verschiedener Versammlungen zahlreiche Anträge angenommen. Sie fordern unter ande­rem den Rücktritt des englischen Konsuls in

Schanghai und die Todesstrafe für die Polizisten, die im Deraluf der Unruhen Studenten getötet haben. Sie bestehen darauf, daß die toirt- schaftlich en Beziehungen mit Gro st- britannicn und mit 3 apan ft r e n g e r kontrolliert werden und verlangen die Zurückziehung aller in englischen und japa- panischen Danken untergebrachten Depots. End­lich verlangen sie. daß britischen und japanischen Staatsangehörigen keine Lebensrnittel verkauft werden, und daß die in englischen und japanischen Häusern tätigen chinesischen An­gestellten ihren Dienst dort aufgeben.

Rach halbamtlichen Berichten, die das ameri­kanische Staatsdepartement enthalten hat, sind die Sowjetgesandtschaft in Peling und das russische Konsulat in Schanghai für die Agitation unter den Studenten ver­antwortlich. Italienische, englische und amerikanische Soldaten hätten übrigens auf die Manifestanten geschossen.

Zum Schuhe der Ausländer in Schanghai stehen zur Verfügung: Ein amerikanisches Ka­nonenboot und drei amerikanische Zerstörer, drei japanische Kanonenboote, ein französischer Kreu­zer und ein französischer Zerstörer sowie ein englisches Kanonenboot und ein englischer Kreuzer.

Die Ausländer in Schanghai sind mobilisiert und mit Revolvern zur Selbstverteidigung ver­sehen. Die Polizei hat Befehl erhalten, alle Unruhestifter niederzufchießen.

Inzwischen sind auch Panzerwagen in dem westlichen Viertel, wo sich der Hauptherd der Unruhen befindet, eingetroffen.

Die chinesischen Forderungen

London, 3. Juni. (WTB.) Wie aus Peking berichtet wird, hat der chinesische Außenminister dem italienischen Gesandten in seiner Eigenschaft als Doyen der diplomatischen Vertreter der inter­essierten Regierungen eine Note über die Lage in Schanghai überreicht, in der auf die Zwischenfälle hingewiesen wird, die am 30. Mai in Schanghai sich ereignet haben. Es heißt darin u. a.: Die ge­töteten oder verwundeten Studenten waren junge Leute aus guter Familie und gute Patrioten. Sie seien nicht bewaffnet gewesen und man hätte sie nicht wie Uebeltäter behandeln dürfen. Die Polizei habe jedoch, anstatt sie zu beruhigen, zu äußer st en Maßnahmen gegriffen, die vom Standpunkt der Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu tadeln seien. Die Note protestiert ausdrücklich gegen die Zwischen­fälle und erklärt, daß die chinesische Regierung sich das Recht vorbehalte, in Zukunft Forderungen zu stellen. Sie bestätigt endlich, daß die Behörden der Konzessionszone von Schanghai für den beklagens­werten Zwischenfall verantworllich seien, und ver- langt von den Mächten, ihre Konsuln in Schanghai damit zu beauftragen, die feftgenommenen Personen in Freiheit zu setzen und gemeinsam mit dem chinesi­schen Sonderkommissar für auswärtige Angelegen­heiten in Schanghai Maßnahmen zu ergreifen, um derartige Zwischenfälle in Zukunft zu verhindern.

Ein Bericht des deutschen

Gesandten in Peking.

Berlin, 4. Juni. Die dasB. I. melde*, liegt an hiesiger zuständiger Stelle ein ausführ­liches Telegramm des deutfchen Gesandten in Pe­king, Dr. Boye, vor. Es kann gesagt werden, daß irgendwelche Besorgnis für das Leben deutfcher Untertanen nicht besteht. Auch dürften deutsche Interessen in China nicht als gefährdet erscheinen. In dem Telegramm Dr. Boyes wird u. a. gesagt, das diplomatische Korps beabsichtige, auf die Pro­testnote der chinesischen Regierung in versöhn­lichem Sinne zu antworten. Die chiuesische Regierung ihrerseits beabsichtige, eine aus hohen Beamten bestehende Untersuchungskom- misfion nach Shanghai zu entsenden. In Ber­liner gut unterrichteten Kreisen glaubt man, daß die internationale Verwaltung in Schanghai die Stadt vollkommen in Händen hat. Die ganze Be­wegung trage nicht nur einen sremdenseindlichen, sondern auch einen ausgesprochen a n t i k a p i t a - II st Ischen Charakter mit politischem Hinter­grund.

Alliierter Meinungsaustausch.

Paris, 4. Juni. (TU.) Am Quai d'Orsay wurde auf eine Anfrage mitgeteilt, daß zwischen den alliierten Mächten auf diplomatischem Wege ein Meinungsaustausch über d i e Vorfälle in Schanghai im Gange sei. Vorläufig werde aber die Initiative zur Ergreifung weiterer Schutzmaßnahmen den diplomatischen Ver­tretern überkiffen.

Auch Reichskanzler D r. Luther hat an den Grafen Pofadowsky-Wehner ein Glückwunsch­telegramm gerichtet, das die Verdienste des Grafen als Staatsmann und Politiker in warmen Watten hcrvorhebt. Din ganze Kulturwelt müße das Werk des Grafen für die Wohlfahrt der arbeitenden Klassen als vorbildlich an­erkennen.

Ein Schweizer Gerichtsurteil über Markdarlehen.

Lausanne, 4. 3unL Das Schweizer Dun- desgericht hat entschieden, daß rin im Rovember *1918 der A. G.Brann in Zürich auf fünf 3ahre l gewährtes Darlehen heute nicht in völlig ent­werteter Papiermarkwährung zurückgczahlt wer- | den darf, sondern der Gläubiger die Auf­

wertung seiner Forderung verlan­gen kann entsprechend der deutschen Währung und Aufwertungsgefehgebung.

Kanada annektiert den Nordpol

Im kanadischen Unterhaus wurde ein Antrag der Regierung angenommen, die auf eine Annexion des Nordpoles durch Kanada hinausläuft. Der kanadische Innen­minister S t e r n ro a r t erklärt dazu, daß Kanada das Land bis zum Nordpol für sich beansprucht, gleichgültig, ob das Land bereits entdeckt fei oder nicht. Der diesbezügliche Gesetzentwurf der Re­gierung ermächtigt' die kanadische Regierung, daß die Forscher vor Eintritt ihrer Entdeckungsfahrten die Genehmigung von der kanadischen Regierung einholen müssen.

Englands Sieg.

Die englische Presse, die während der Psingst- feiertage die Sprache verloren zu haben schien offenbar weil das ganze Foreign Office einen ausgedehnten Weekend gemacht hatte und infolge­dessen nicht imstande war, eine z wecke.itsprechende Parole auszugeben feiert jetzt mit einer bru­talen Offenheit den Sieg Englands über Frank­reichs. Die Freude ist an sich zu verstehen, beim allzu oft hat England in den letzten Jahren dazu nicht Gelegenheit gehabt: die mehr oder minder freundschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen? den beiden Kabinetten fanden eigentlich immer das Ende, daß England vor den französischen Forderungen kapitulierte, obwohl es zum mindesten politisch und finanziell der stärkere Teil war. Aber für England ist nun einmal Europa nur ein Teil des Schachbrettes seiner Weltpolitik, und da die Franzosen es st'tS rechtzeitig verstanden, irgendein Feuer anzuzün- den. das in Indien, in Klein-Asien. in A.-gypten oder sonst wo auf das englische Weltreich über­zugreifen drohte, mußte man in London den Franzosen stets entgegenkommen und ihnen auf dem Kontinent den Preis zahlen, den sie ver­langten. wozu sich die Engländer um so leichter entschließen konnten, als ja letzten Endes nicht sie, sondern die Deutschen btt Lrid- tragenben waren.

3ctjt zum erstenmal ist die Lage umge­kehrt, jetzt sind die Franzosen einigennaheni in der Klemme. Das Marokkoabenteuer gegen die Rifkabylen macht ihnen doch direkt und indirekt sehr viel mehr Kummer, als sie zu- geben wollen, wobei es ganz dahingestellt bl ei beit mag, inwieweit England bei der überraschenden militärischen Widerstandskraft Abd el Krims die Hände im Spiele hat. Jedenfalls muß Frank­reich sich darauf einstellen, daß es ein ganzes Heer in Marokko braucht, vor allem aber, daß diese Expedition außerordentlich viel Geld ver­schlingt Und wenn die französischen Militärs wofür ja mancherlei spricht den Vorstoß der Rifkabylen provoziert haben, bann haben sie w-aS den Zeitpunkt anbetrifft, ganz sicher ihrem Da- terlanbc einen Bärendienst geleistet Denn unge­eigneter als im gegenwärtigen Augenblick konnte den Franzosen diese Äraftanftrengung gar nächt kommen. Sie stehen vor der Situation, daß die Vereinigte n Staaten nun endlich ernst machen mit ihrem Verlangen nach der Rück­zahlung der europäischen Schulden; wenn Poincar6 immer noch gehofft haben mochte, daß Reuyork eines schönen Tages einen dicken Strich durch die ganze R«hnung machen würde. 5 erriet mußte schon wissen,

daß er um das Bezahlen nicht herum käme, und auch das Kabinett Painlev6-Caillaux hat die Rotwendigkeit zu irgendeinem Entgegenkommen, das mehr als eine Geste ist. längst rin- gesehen, wenn es auch wohl noch nicht wrih, wie es die Gelder flüssig machm soll. Denn zunächst ist es sehr zweifelhaft, ob Caillaux feinen Etat überhaupt ins Balancieren bekommt, er hat das Allheilmittel, das ihn von dem bequem ;n, aber gefährlichen Hilfsmittel der Zufchußanlriyen befreit, noch nicht gefunden, und nun reiht b*t Marokko-Feldzug ein neues Loch in seine knappen Reserven.

Dia Antwort darauf an der Börse ist nicht ausgeblieben: Der Frank ist stark ins Wanken geraten und sinkt feit vierzehn Tagen mit einer für die Franzosen forgenerregenben Beharrlich­keit. Diesmal werden sie auch kaum eine Kapi­talistengruppe finden in England ober in den Vereinigten Staaten, die gegen den Willen ihrer Regierung ihnen eine Millionen-Anleihe zur Ver­fügung stellt, womit sie den Frank halten können. Denn das neueste Abgleiten ihrer Währung ist mindestens ebenso sehr politisch wie fi­nanziell bedingt; eben well die Ameri­kaner ihnen eine Warnung erteilen wollen, viel­leicht auch darüber etwas verärgert find, daß die Millionen, die Frankreich angeblich nicht hat, um seine Schulden zu bezahlen, für die imperia­listischen Träume eines nordafrikanischen Kolo­nialreiches verpulvert werden.

Das sind schon Gründe, die auch Herrn Poincars nachdenklich machen konnten und ihn vermutlich ebenfalls gezwungen hätten, das englische Angebot anzunehmen, zumal da ja immer noch nicht ganz sicher ist, inwieweit Frankreich sich nicht durch irgendeine Hintertür doch noch den Weg ins Freie gesichert hat. Die Formulierung, die für die Möglichkeit eines Einmarsches französischer Truppen nach Deutschland im Falle eines Krieges im Osten gewählt wurde, ist nach den ver­schiedenen Interpretationen in der englischen und französischen Presse zum mindesten sehr unklar. Die Franzosen pochen darauf, daß sie das Recht hätten, nach Deutschland einzumarschieren, und die Antwott, die darauf aus London kommt, ist recht lendenlahm.

Es bleibt aber für uns selbstverständlich, gerade angesichts des Mißverhältnisses der mili­tärischen Wachtentwicklung, daß ein einseiti­ges Recht Frankreichs zum Einmarsch auf deutsches Gebiet für uns unannehmbar ist, weil es dem Wesen des Vertrages wider­spricht. Was wir wollten, ist, den Franzosen die Beruhigung vor einem deutschen Angriff zu geben. Wenn sie aber sich nur die Rosinen heraussuchen wollen aus dem Kuchen, wenn sie nur Rechte, aber keinerlei Pflichten übernehmen wollen, dann verfchwindet da­mit das Interesse, das Deutschland an einem Sicherheitsvertrag hatte, immer mehr.